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<< SWR2 Wissen Aula - Volker Sommer:
Vorbei mit den Grenzen . Warum sich der Mensch nur graduell vom Tier
unterscheidet >>
Autor: Prof. Volker Sommer *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 22. November 2009, 8.30 Uhr,
SWR 2
Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum
persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.Jede weitere
Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
ÜBERBLICK
Obwohl die Evolutionsbiologie zeigt, dass sich der menschliche Geist
aus dem Naturzusammenhang entwickelt hat, dass der Mensch
infolgedessen ein intelligentes Tier ist, ist der Glaube an einen
prinzipiellen Unterschied zwischen Tier und Mensch weit verbreitet.
Doch diese Auffassung ist - aus naturwissenschaftlicher Perspektive
- nicht mehr zu halten. Die Evolutionsbiologie zeigt: Mensch und
Tier unterscheiden sich nur graduell, das betrifft die Emotionen,
die Kognition, das Verhalten. Volker Sommer, Primatologe, Professor
für evolutionäre Anthropologie am University College London,
schildert die Thematik aus seiner Sicht.
* Zum Autor:
Volker Sommer, geboren 1954; Studium der Biologie, Chemie und
Theologie. 1986 –
88 Stipendiat der Humboldt-Stiftung; 1991 - 96 Heisenberg-Stipendiat
der Deutschen
Forschungsgemeinschaft und Privatdozent für Anthropologie und
Primatologie an der
Universität Göttingen. Hat seither den Lehrstuhl für evolutionäre
Anthropologie am
University College in London inne. Er erforscht speziell das
Sozialverhalten von Affen
und Menschenaffen.
Bücher (Auswahl):
- Schimpansenland. Wildes Leben in Afrika. Beck. 2008.
- Darwinisch denken: Horizonte in der Evolutionsbiologie. Hirzel. 2.
korr. Aufl. 2007.
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INHALT
Ansage:
„Vorbei mit den Grenzen - Warum sich Mensch und Tier nur graduell
unterscheiden“,
das ist das heutige Thema in der Aula.
Der Geist ist nicht vom Himmel gefallen, sagen die meisten
Evolutionsbiologen, er
hat sich aus dem Naturzusammenhang heraus entwickelt, und insofern
könne man
den menschlichen Geist, die Intelligenz auch nicht mehr vom
tierischen
unterscheiden. Es gibt nur noch graduelle Abstufungen, keine
substantiellen.
Das sagt Volker Sommer, Professor für evolutionäre Anthropologie am
University
College in London. Er ist überzeugter Gradualist und zeigt in seinem
Vortrag, warum
sich Mensch und Tier ziemlich nahe sind: Auch Tiere verfügen über
Kultur, sie
können mit Werkzeugen umgehen, beherrschen Symbolsprachen, zeigen
Empathie
und manche von ihnen sind Weltmeister im Lügen, wie wir Menschen.
Und was
mögen Tiere und Menschen am meisten? – Die moderate Ausübung
taktiler Reizung
auf das Hautorgan in rhythmischen Abständen. Das nennt man Kraulen.
Vorbei mit den Grenzen – ein Vortrag von Volker Sommer:
Volker Sommer:
Die Tier-Mensch-Trennung wurde bereits mit Ausformulierung der
Evolutionstheorie
vor 150 Jahren grundsätzlich fragwürdig. Zunächst war es die
vergleichende
Anatomie, die belegte, dass die Grenze nicht scharf ist - indem sie
abgestufte
Ähnlichkeiten hinsichtlich des Körperbaus nachwies. Die sind, im
wahrsten
Wortsinne, nicht von der Hand zu weisen – denn sowohl Makaken wie
Menschen
besitzen beispielsweise fünf Finger an jeder Hand, samt
Hautleistenmustern und
Plattnägeln. Zusätzlich erkannte wiederum bereits Charles Darwin,
dass die Echos
der Vergangenheit auch in unseren sogenannten "geistigen"
Dimensionen
nachhallen – in Verhaltensmustern, Selbstbildern,
Glaubensvorstellungen und
sozialen Normen.
Dass unsere "hardware", also unser Anatomie, die eines Tieres ist,
lässt sich jedoch
leichter akzeptieren als die andere Konsequenz der
Evolutionsbiologie: dass nämlich
auch unsere "software" eine Geschichte hat. Denn das, was wir gerne
und ziemlich
nebulös "Geist" nennen – unser Denken und Träumen, unser Wollen und
Fühlen –
wäre damit ebenfalls Produkt der Stammesgeschichte und nicht vom
Himmel
gefallen.
Es fühlt sich irgendwie besser an, sich als Basis-Version eines
Engels zu begreifen,
statt als die Turbo-Version eines Affen.
Entsprechend begriffen bereits frühe Vertreter der darwinischen
Theorie den
Menschen zwar als Tier, betonten jedoch "einmalige" Charakteristika
wie Sprache,
Religion, Technologie oder Kultur – und behaupteten damit eine
"Sonderstellung"
des Menschen. Derlei Merkmale sind allerdings schwer zu definieren.
Zudem wurde
das Konzept der "Einzigartigkeit" durch Fortschritte der
Verhaltensbiologie mehr und
mehr relativiert. Besonders Freilandstudien an Menschenaffen lösten
die Tier-
Mensch-Grenze weiter auf. Orang-Utans, Gorillas, Schimpansen und
Bonobos
wurden dabei zunehmend vermenschlicht, also anthropomorphisiert –
genau wie
Menschen vertierlicht wurden, also zoomorphisiert. Ein solches
Vorgehen halten
viele Verhaltensforscher nicht nur für legitim, sondern für geradezu
geboten – eben
weil sie sich als "Gradualisten" verstehen, die in fließenden
Übergängen denken,
statt die Lebewesen in strikte, unveränderliche Klassen einzuteilen.
Der traditionelle Ansatz der vergleichenden Anatomie wird mit
modernen Methoden
von der Molekularbiologie und Genomik fortgeführt. Statt allerdings
für klare
Einteilungen zu sorgen, schafft die Molekulargenetik
interessanterweise oft mehr
Probleme, als sie löst – denn je genauer Untersuchungen sind, je
höher auflösend
das Vergrößerungsglas, desto mehr Unterschiede werden ersichtlich.
Es ist aber
weithin in das Belieben des jeweiligen Systematikers gestellt,
welche dieser
"innerartlichen" Variationen als so essentiell anzusehen sind, dass
sie eine eigene
Klasse konstitutieren, also etwa als eine neue Art oder eine Gattung
gelten sollen.
Eine wesensmäßige Unterscheidung von Mensch und Tier aufgrund von
Merkmalen
im Körperbau ist jedenfalls unhaltbar, weil die Kriterien
willkürlich sind. Aber auch
Trennungen, die sich auf "geistige" Fähigkeiten berufen, bleiben
gewöhnlich nur
solange in Mode, bis ein nicht-menschliches Tier entdeckt wird, das
genau das kann,
was angeblich allein die Krone der Schöpfung auszeichnet.
Nehmen wir den berühmten Homo faber. Demnach machte
Werkzeugbenutzung das
spezifisch Menschliche aus - bis die britische Primatologin Jane
Goodall vor etwa 50
Jahren erstmals beobachtete, dass wilde Schimpansen Zweige
zurichten, um damit
Termiten zu erangeln.
Reaktion der Tier-Mensch-Dualisten: Die Messlatte wurde einfach
höhergelegt. Zu
den revidierten Behauptungen gehörte: Allein Menschen fertigen
Geräte
vorausschauend und für zukünftigen Gebrauch an; nur Menschen
bewahren sie für
erneute Benutzung auf; allein Homo sapiens setzt verschiedene
Artefakte in
logischer Folge ein.
Speziell Forschungen an Schimpansen belegen, wie unzulässig auch
diese
neuerlichen Abgrenzungsversuche sind. So wählen die Menschenaffen
bestimmte
Pflanzenarten aus, je nachdem, ob sie biegsames oder hartes
Rohmaterial
benötigen, und transportieren die Pflanzenteile über teilweise
erhebliche Distanz zum
zukünftigen Einsatzort. Wollen sie etwa Termiten fischen oder
Bienenhonig erlöffeln,
beißen sie die Enden des Werkzeug-Rohlings bürstenartig auf. Das
vergrößert die
Oberfläche und damit die Ausbeute.
Bienen nisten gern in Baumhöhlen. Schimpansen zeigen extreme Geduld,
um diese
Behausungen aufzubrechen – und hämmern mit Knüppeln oft mehr als
tausend Mal
darauf ein. Zeitweilig beginnen sie diese Arbeit am Morgen,
unterbrechen sie für eine
Mittagspause und fahren am Nachmittag fort. Außerdem legen sie
geeignete Hölzer
in den Baumkronen für zukünftige Wiederbenutzung ab.
Wilde Schimpansen spüren überdies bis zu einem Meter tief unter der
Erdoberfläche
verborgene Ressourcen durch Probebohrungen auf. Im Umkreis von
Termitenbauten
gilt es etwa, dicht bevölkerte Kammern zu finden. Dazu drücken die
Menschenaffen
einen harten Stock in die Erde, ziehen ihn wieder heraus und
beriechen das Ende.
Dies wiederholen sie vielfach – bis sie über Geruch und
Bodenwiderstand eine
lohnende Quelle lokalisieren. Dann führen sie ein zweites,
elastisches Werkzeug ein,
an dem sich die Insekten festbeißen und sich herausfischen lassen.
Um Erdhöhlen
stachelloser Bienen zu finden und auszubeuten, setzen Schimpansen
gar fünf, sechs
verschieden gestaltete Grabstöcke und Höniglöffel ein hintereinander
ein – so wie wir
unseren Werkzeugkästen verschiedene Schlüssel entnehmen.
Derlei Berichte erschienen anfangs unglaubhaft, sind aber
mittlerweile mehrfach
bestätigt. Gleichwohl wissen wir verschwindend wenig über Leben und
Treiben
unserer nächsten Verwandten. Halbwegs systematische Beobachtungen
begannen
vor gerade mal einem halben Jahrhundert, während
Menschengesellschaften seit
Jahrtausenden dokumentiert werden.
Deshalb sind auch Beobachtungen in Gefangenschaft weiterhin wertvoll
– etwa die
an einem Schimpansenmann in einem schwedischen Zoo, der kaltblütig
für die
Zukunft plante. Dies entkräftet den Einwand, wilde Menschenaffen
würden
Gegenwart und Zukunft keineswegs kognitiv trennen, weil ihre
Beutezüge immer
durchgängig von einem unmittelbaren Nahrungsbedürfnis motiviert
seien. Der
Zooschimpanse sammelte jedenfalls regelmäßig Steine. Außerdem
klopfte er aus
Zement gegossene Gehegeteile ab, um Hohlräume zu finden. Hier brach
er dann
Brocken aus, die er teilweise zu handlicheren Scheiben zerschlug.
Dieses Material
versteckte er strategisch nahe am Wassergraben. Erst Stunden oder
Tage später
setzte er es als Wurfgeschosse ein: um damit das Zoopublikum in
Schrecken zu
versetzen – was für den Schimpansenmann offenbar mit entsprechendem
Unterhaltungswert einherging.
Seine Munitionssammlungen ähneln 2,6 Millionen Jahre alten
Anhäufungen von
Steinwerkzeugen in Ostafrika, die stets ganz selbstverständlich
frühen Hominiden
zugeschrieben werden, also Angehörigen eine jener Linien, die
schließlich zu uns
Menschen führte. Aber waren es wirklich immer "Früh-Menschen", die
diese
Artefakte bevorrateten? Das darf man mittlerweile hinterfragen –
zumal
Ausgrabungen in westafrikanischen Wäldern nachweisen, dass
Schimpansen dort
seit Jahrtausenden Hämmer und Ambosse aus Stein zum Nüsse
Zerschlagen
einsetzen. Viele angebliche Belege archaischer menschlicher
Erfindungskraft mögen
mithin in Wirklichkeit demonstrieren, dass auch das Denken der
Menschenaffen nicht
prinzipiell auf das Hier und Jetzt beschränkt war und ist.
Zu den zäheren Versuchen, das Einzigartige der conditio humana zu
belegen, zählt
die Berufung auf die alleinige "Kulturfähigkeit" der Menschen –
wobei auch dieser
Graben zunehmend erodiert. Vieles hängt zunächst einmal an der
Definition von
"Kultur" –- wovon wohl ebenso viele existieren, wie es "Kulturen"
selbst gibt. Zu den
klarsten Kriterien zählt, dass Menschen je nach Wohnort
unterschiedlichen Sitten
folgen – was unsere kulturelle Vielfalt ausmacht. Aber auch die
Gebräuche nichtSWR2
menschlicher Tiere können sich je nach Lebensraum unterscheiden.
Obwohl also zur
gleichen Art zählend, differieren lokale Bevölkerungen hinsichtlich
sozialer
Gepflogenheiten oder Techniken des Nahrungserwerbs und -verzehrs.
Derlei
Unterschiede sind nicht angeboren, sondern im Kontext des sozialen
Miteinanders
erlernt.
Drückerfische beispielsweise blasen Seegurken durch Wasserstrahle
um, um dann
deren ungeschützte Seite auszufressen. Im Roten Meer allerdings –
und nirgendwo
sonst – transportieren die Fische ihre Beute im Maul vorsichtig nach
oben und lassen
dann los. Während die Stachelhäuter langsam nach unten trudeln,
attackieren die
Fische deren unbewaffnete Körperstellen. Seeotter beuten ihre
Nahrung gleichfalls
unterschiedlich aus. Entlang der kalifornischen Küste paddeln sie
rückwärtig auf dem
Wasser, balancieren dabei eine Muschel auf dem Bauch, um sie dann
mit einem in
den Vorderpfoten gehaltenen Stein zu zerschlagen. Otter weiter
nördlich zeigen
diese Technik nicht.
Wie zu erwarten sind speziell auch nicht-menschliche Primaten im
Sinne der lokalen
Variation von Verhalten "kulturfähig". So kommen in manchen Gruppen
von
Kapuzineraffen in Costa Rica periodisch bizarre Spiele in Mode.
Dabei werden
ausgewählten Partnern die Zehen gelutscht, ihnen werden Finger in
die Nase
gesteckt oder gar unter die Augäpfel geschoben. Diese Penetrationen
sind sicherlich
nicht unbedingt angenehm, erfordern aber in jedem Falle einiges
Vertrauen. Genau
das ist wohl die Funktion der Intimitäten: Wer sie teilt,
signalisiert Bereitschaft zu
Allianz in anderen, meist aggressiven Kontexten. Außergewöhnlich
kann es ebenfalls
unter Japanmakaken zugehen. So nehmen die Affen mancherorts Kiesel
in die
Hände und klopfen sie klackernd aneinander – eine komplett nutzlose
Tätigkeit, die
vielleicht die Identität der Gruppe markiert gegenüber anderen, bei
denen Steine
nicht geklopft werden.
Musterschüler in Sachen Kultur sind erneut Schimpansen – was
diesbezüglichen
Forschungen an der Gattung Pan den treffenden Spitznamen
Panthropologie eintrug.
Leiden sie an Durchfall, pflücken Schimpansen die rauen Blätter
ausgewählter
Pflanzen, falten sie und schlucken sie unzerkaut – was den Darm
reizt und zur
Ausscheidung von Wurmparasiten führt. Die genauen Mechanismen der
Selbstmedikation sind unklar, doch muss diese Naturheilkunde über
Generationen
sozial weitergegeben werden. Wieder fällt auf, wie "prominente"
Verhaltensweisen
das kulturelle Profil mancher Bevölkerungen ausmachen – während sie
andernorts
komplett fehlen. So planschen Schimpansen-Kommunitäten des Senegal
in flachen
Teichen, während andere Gruppen Kontakt mit Wasser panisch meiden.
Im
nigerianischen Gashaka wiederum isst jeder Schimpanse jeden Tag
Ameisen, rührt
aber niemals die weitaus nährhafteren Termiten an.
Wären die Schimpansen Menschen, würden sie aufgrund des Wasser"tabus"
oder
des Termiten"tabus" als Anhänger einer magisch-religiösen
Weltanschauung gelten.
So essen die Bewohner des Dorfes Gashaka keine Hunde oder Katzen -
während
diese Haustiere den Dörfler im benachbarten Kamerun, nur eine
Tageswanderung
weit entfernt, als Delikatesse gelten. Die Psychologie von
Menschenaffen dürfte
jener ähnlich sein, über die sich Ethnien definieren: "Du willst ein
GashakaSWR2
Schimpanse sein? Dann iss Ameisen soviel Du willst, aber komm bloß
nicht auf die
Idee, je eine Termite anzurühren. Oder die Wassergeister zu stören.
Sowas macht
man hier nicht ..."
Der Katalog an Merkmalen, mit denen sich eine menschliche
Sonderstellung eben
nicht belegen lässt, ist mittlerweile umfangreich. Zur Freude der
Gradualisten werden
Tier-Mensch-Protagonisten zuweilen mit eigenen Waffen geschlagen –
etwa, wenn
an Bildschirmen geschulte Schimpansen zufällige Zahlenfolgen
schneller und
genauer rekapitulieren können als Studenten. Noch dazu japanische.
Neben der Kultur hält sich das Ja oder Nein der Sprachfähigkeit als
hartnäckiges
Thema – wobei auch hier viel an den Definitionen hängt. Manche in
Menschenobhut
aufgewachsene Menschenaffen lernen jedenfalls, gesprochenes Englisch
zu
verstehen oder kommunizieren mittels Gebärdensprache oder
Kunstsprache über
eine Computertastatur. Zudem können Zöglinge "sprechender" Eltern
deren
Vokabular übernehmen, ganz ohne eigene formelle Schulung. Meerkatzen
im
nigerianischen Gashaka wiederum verblüffen, weil die Affen nicht nur
ihre
Raubfeinde Leopard und Kronenadler mittels spezifischer
Referenzlaute
auseinanderhalten. Vielmehr führt eine Kombination der Rufe zu
völlig neuer
Bedeutung, nämlich der, in eine bestimmte Richtung weiterzuziehen –
ganz ähnlich,
wie zu Sätzen aufgereihte Einzelworte einen anderen Sinn bekommen
können.
"Primatozentrisch" zu argumentieren liegt nahe, weil Affen und
Menschenaffen uns
am nächsten stehen – weshalb die Mensch-Tier-Dichotomie hier am
ehesten
aufweicht. Gleichwohl sind menschenähnliche mentale Leistungen in
paralleler
Evolution mehrfach unabhängig voneinander entstanden. Eine solche
Konvergenz
der Denklandschaften scheint durch komplexe soziale Umwelten
begünstigt zu sein
– die nicht nur bei Primaten an der Tagesordnung sind, sondern
ebenfalls bei
Elefanten, Ratten, Walen, Papageien oder Krähenvögeln. Ein
kompliziertes
Miteinander stellt offenbar harte Anforderungen an Gehirne, weil
Sozialleben nicht
nur Vorteile bietet, etwa Schutz vor Raubfeinden oder Möglichkeiten
der
Zusammenarbeit. Gruppengenossen sind vor allem auch Konkurrenten,
die eigenen
Vorteil suchen – und sich dabei nicht scheuen, Täuschung und
Falschinformation
einzusetzen.
Die Hypothese der Machiavellischen Intelligenz sieht dadurch eine
Rüstungsspirale
in Gang gesetzt: In dem Maße, wie die Gefahr wuchs, von anderen
übervorteilt zu
werden, wurde das eigene Gehirn zu einem immer besseren
Lügendetektor und
gleichzeitig immer effizienterem Manipulationsapparat. Das war ja
die Erkenntnis des
Politikers Machiavelli: Dass die Hebel der Macht sich mit
betrügerischen Manövern
besonders gut ölen lassen und damit der Zugang zu Hab und Gut
erleichtert wird.
Demonstriert wird das Prinzip von Raben. Wird vor den Augen von zwei
im Gehege
gehaltenen Vögeln Futter versteckt, fliegen beide um die Wette los,
sobald es der
Versuchleiter erlaubt. Denn wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Wird das
Versteck aber
nur einem Raben gezeigt und kommt ein zweiter erst hinzu, wenn das
Gitter geöffnet
wird, so lockt der „wissende“ Rabe den anderen sonstwo hin – ein
offensichtliches
Ablenkungsmanöver. Sobald der Wissende dem Versteck näher ist als
sein
Konkurrent, räumt er den Speicher rasch aus. Nicht nur Menschen sind
also in der
Lage, sich in andere hineinzuversetzen und damit "Gedankenleser" zu
sein.
Die Befunde der Primatologie zwingen uns, speziell das Verhältnis zu
zumindest
unseren allernächsten Verwandten zu überdenken.
Das betrifft zunächst die systematische Einteilung der Lebewesen.
Die Klassifikation
der Hominoidea, der Menschenartigen, hat bereits mehrere
Revolutionen hinter sich.
So wurden bis in die 1970er Jahre hinein die großen Menschenaffen
als Familie
"Pongidae" den "Hominidae" gegenübergestellt, mit Homo sapiens als
einziger
lebender Form. Bald darauf verlieb allerdings allein der Orang-Utan
bei den
Pongidae, während die Hominidae erweitert wurden, um die Gattungen
Gorilla und
Pan mit dem Schimpansen, Pan troglodytes und dem Bonobo, Pan
paniscus. Als die
Molekularbiologie klar machte, dass Pan mit Gorilla weniger nahe
verwandt ist als
mit Homo, wurde es eng. Denn nun musste eine Zwischendecke
eingezogen
werden, um innerhalb der Hominidae den "Tribus" der "Gorillini"
abzugrenzen vom
Tribus der "Panini", zu dem nunmehr Pan und Homo zählen.
Was dieser zunehmend verwirrende Vokabelsalat vor allem belegt, ist
die
zunehmend verzweifelte Anstrengung, die Menschenaffen doch irgendwie
auszugrenzen von dem Privatverein, den wir Menschen für uns
gegründet haben.
Doch so, wie die Macho-Golfer am Ende doch auch Frauen in ihre
exklusiven Clubs
aufnehmen mussten, so wird sich der wirklich konsequente Schritt in
der
Klassifikation der Hominidae gleichfalls nur noch eine Weile
hinauszögern lassen.
Genetiker kalkulieren – je nachdem, welche Marker sie auswählen –,
dass sich
Homo und Pan maximal 2 Prozent bis minimal 0,6 Prozent unterscheiden
– während
übrigens durchschnittlich 4 Prozent zwischen Menschenmännern und
Menschenfrauen liegen. Würde das Erbgut zweier Käferformen um solche
Bruchteile
differieren, würden sie gewiss nicht alternativen Klassen
zugeschlagen. Somit ist die
Forderung durchaus angemessen, unsere Gattung zu erweitern – eben
durch
Umbenennen von Schimpansen in Homo troglodytes und Bonobos in Homo
paniscus.
Diese Sicht ist zusätzliche Unterstützung für die Forderung, den
großen
Menschenaffen einige jener Grundrechte zuzugestehen, die bisher nur
für Menschen
gelten – so das Recht auf Leben, körperliche Unversehrtheit und
Freiheit von Folter.
Die Initiative der Philosophen Peter Singer und Paola Cavalieri
macht sich seit gut 20
Jahren dafür stark, Menschenaffen in die „community of equals“
aufzunehmen, die
"Gemeinschaft der Gleichen". Es würde damit als Unrecht gelten,
ihren Lebensraum
zu zerstören oder sie in medizinischen Experimenten zu Tode zu
richten – was in
den meisten Ländern der Welt erlaubt ist, und in vielen, wie den
USA, auch
praktiziert wird. Zugleich sollen die großen Menschenaffen als
"Personen"
angesehen werden – nicht zuletzt, weil sie sich in andere Wesen
hineinversetzen
und in die Zukunft denken können – weshalb ihre Leidensfähigkeit der
unseren sehr
ähneln dürfte.
Solche Überlegungen setzen andere historische Debatten logisch fort
–
beispielsweise die, ob Frauen wählen sollen, ob Menschen ihr
zugeschriebenes
Geschlecht ändern dürfen, ob jemand mit dunkler Hautfarbe als Sklave
gehalten
werden darf. In diesen Fällen wurde die "Gemeinschaft der Gleichen"
jeweils
erweitert. Der historische Moment scheint gekommen, erneut
inklusiver zu werden
(wobei, das sei angemerkt, die anthropozentrische, arbiträre Grenze
zwischen
Menschenaffen und anderen Tieren selbstverständlich irgendwann
ebenfalls
hinterfragt werden kann).
Die Notwendigkeit praktischer Einschränkungen spricht nicht gegen
den Grundsatz.
Obwohl sie ein Recht auf körperliche Unversehrtheit haben, dürfen ja
beispielsweise
auch viele Menschen nicht wählen – Kinder etwa, Komakranke oder
geistig
Behinderte. Ganz ähnlich wird wohl niemand ein Recht auf Bildung für
Bonobos
fordern wollen. Unhaltbar erscheint aber zumindest der Speziesismus,
der
Ungleichheit über angeblich wesensmäßige Unterschiede zwischen Arten
zu
rechtfertigen versucht.
Die konsequente Ausformulierung eines strikt gradualistischen
Programmes hat also
nicht nur wissenschaftliche Konsequenzen, sondern führt zudem zu
einer
evolutionsbiologisch informierten Grundierung ethischer und
existenzieller
Perspektiven. Beispielsweise unterstützen Beobachtungen wie die an
Primaten oder
Rabenvögeln den Ansatz einer "Naturalisierung des Geistes" – jenes
Programmes,
das alles Mentale auf Hirnprozesse zurückführen will. Denn es wäre
doch extrem
unlogisch, gleichartige mentale Leistungen auf andere Ursachen
zurückführen zu
wollen, bloß weil die Denker verschiedenen biologischen Gruppen
zugeordnet
werden.
Mit anderen Worten: Wenn die Behauptung stimmen soll, dass nur
Menschen mit
"Geist" und "Seele" bestückt sind, dann müssen wir entweder anderen
Tieren als
Menschen "Geist" und "Seele" grundsätzlich absprechen – oder wir
müssten radikal
umdenken und selbst auf diese Ansprüche verzichten und uns als
geist- und
seelenlos begreifen. Diese letztere Möglichkeit einer
Weltanschauung, so ketzerisch
sie zunächst erscheinen mag, wird von evolutionären Anthropologen
zunehmend und
bewusst vertreten. Die Auffassung hat mehrere Pfeiler.
Grundeinstellung eins ist die Parsimonie, das Eleganz-Prinzip,
wonach stets die
einfachste Erklärung gilt; wenn also ein physikalisches Gesetz
ausreicht, um den
Blitzschlag zu erklären, brauchen wir dafür keinen Gott zu bemühen.
Grundeinstellung zwei ist der Materialismus: Es wird durchaus
anerkannt, dass
mentale Zustände existieren, etwa die Vorstellung, dass ich einen
freien Willen habe
oder in einem Hier und Jetzt lebe – dass ich also über ein
Selbstbild verfüge und
über ein Bewusstsein. Diese mentalen Zustände sind aber identisch
mit bestimmten
Gehirnzuständen.
Grundeinstellung drei ist der Monismus: Gemäß des traditionellen
Dualismus besteht
die Welt aus zwei Substanzen, wovon eine materiell ist – eben die
Materie –, und
eine andere immateriell – oft als "Geist" bezeichnet. Der Monismus
behauptet, dass
nur physikalische Wirkungen real sind, und dass es keine
immateriellen Substanzen
gibt.
Grundeinstellung vier ist der Gradualismus. Demnach beruht die
Evolution zwar auf
"Sprüngen", den Mutationen, den spontanen Änderungen der
Erbinformation. Doch
gehen die hierdurch angestoßenen Veränderungen in so kleinen
Schritten vor sich,
dass Wandel quantitativ und allmählich erfolgt – weshalb Übergänge
stets fließend
sind.
In dem Maße, wie die postulierte Dichotomie Tier-Mensch
zusammenfällt, und
angesichts dessen, was wir heute über Menschenaffen wissen: Wer wird
da weiter
einen Doppelstandard behaupten wollen, wonach allein Menschen
Verstand, Geist,
freien Willen oder Seele besitzen und mit Gott oder Göttern durch
Gebet in Kontakt
treten können, um nach einem tugendhaften Leben in Ewigkeit in einem
jenseitigen
Paradies zu weilen?
Zeit für ein Bekenntnis: Derlei Selbstverständlichkeiten meiner
intellektuellen
Kinderjahre kamen mir abhanden, weil sie nach Jahrzehnten Forschung
in der
weiten Natur keinen Sinn mehr haben. Ohne Zögern begreife ich mich
deshalb
mittlerweile so, wie "Tiere" traditionell begriffen wurden: als
geist-los, gott-los, seelenlos
und radikal sterblich – wenn meine Neuronen zerfallen, geht das
Licht aus. Was
bleiben wird, sind Erinnerungen an mich in anderen, ebenfalls
vergänglichen
Gehirnen, Schimpansen eingeschlossen.
Aber: Ich bin gerne ein Tier unter anderen. Mein Leben ist durch
diese Weltsicht
nicht verarmt, nicht entzaubert – ganz im Gegenteil, ich fühle mich
bereichert und
ergänzt, denn diese Vorstellung beschenkt mich mit einem neugieriger
Lebendigkeit
und einem Gefühl der Zugehörigkeit zur Vielfalt der Natur.
*****
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