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solte-weltfinanzchance
SWR2 AULA – PD Dr. Dirk Solte: Auf der Suche nach der Balance. Die Weltfinanzkrise als Chance
Autor und Sprecher: PD Dr. Dirk Solte *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 3. Oktober 2010, 8.30 Uhr,
SWR 2
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Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
ÜBERBLICK
Wie stabilisiert man dauerhaft ein Wirtschaftssystem?
Was ein gesunder Geist für einen gesunden Körper ist, das ist ein
gut funktionierendes Finanzsystem für die Wirtschaft. Allerdings
kränkelt dieses System und scheint kurz vor dem Kollaps zu stehen,
siehe die Krise des Weltfinanzsystems. Doch was muss man tun, um die
Krise zu überwinden und sich in Zukunft besser zu wappnen? Wie soll
konkret eine globale Geld- und auch Steuerpolitik aussehen?
Antworten gibt der Betriebswirtschaftler Dr. Dirk Solte vom
Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung in
Ulm.
* Zum Autor:
PD Dr. Dirk Solte, geb. 1960, ist Promovierter Wirtschaftsingenieur
und Stellvertreter des Vorstands am Forschungsinstitut für
anwendungsorientierte Wissensverarbeitung / n, Ulm, gleichzeitig
Privatdozent an der Universität St. Gallen (HSG), Habilitation in
Betriebswirtschaftslehre, Chefökonom des BWA-Bundesverbandes für
Wirtschaftsförderung und Außenwirtschaft und Leiter der Kommission
Steuern und Finanzmarkt. Sein immer noch aktuelles Schwerpunktthema
ist das Weltfinanzsystem, das sich in den letzten Jahren durch
Deregulierung und technologischen Fortschritt im Bereich
Informations- und Kommunikationstechnologien signifikant geändert
hat. Das Ziel ist ein systemisches Verständnis der Ablaufstrukturen
und die Identifikation relevanter Akteure und Regelsetzungen. Vor
diesem Hintergrund werden Problempunkte aufgedeckt und Erklärungs-
und Lösungsansätze entwickelt.
Bücher:
Das Kartenhaus Weltfinanzsystem. Rückblick – Analyse – Ausblick.
(zus. mit Wolfgang Eichhorn. Fischer Taschenbuchverlag. 2009.
Weltfinanzsystem in Balance – Die Krise als Chance für eine
nachhaltige Zukunft. Terra-Media. 2009.
Weltfinanzsystem am Limit – Einblicke in den „Heiligen Gral“ der
Globalisierung. Terra-Media. 2007.
INHALT
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Ansage:
Mit dem Thema: „Auf der Suche nach der Balance – Die
Weltfinanzkrise, Ursachen und Problemlösungen“.
Was ein gesunder Geist für einen gesunden Körper ist, das ist ein
gut funktionierendes Finanzsystem für die Wirtschaft. Allerdings:
Dieses System ist aus dem Gleichgewicht geraten – siehe die
Finanzkrise –, erst gab es den Kollaps der Banken, dann den der
Länder. Zuerst kam Griechenland, jetzt fürchtet man, dass Portugal
folgen könnte. Was ist los auf dem globalen Finanz- und
Wirtschaftssektor, wie kann man die Probleme in den Griff bekommen?
Diese Fragen beantwortet Dirk
Solte. Er ist promovierter Wirtschaftsingenieur und arbeitet am
Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung in
Ulm. In der SWR2 AULA erklärt er Schritt für Schritt, wie das
Geldsystem funktioniert, warum es aus dem Gleichgewicht geraten ist,
warum eine Lösung nur dann sinnvoll ist, wenn es auch um
Nachhaltigkeit geht.
Dirk Solte:
Wenn man die Abläufe verstehen will, die zu der gegenwärtig
durchlebten Krise des Weltfinanzsystems geführt haben, mit ihren
Auswirkungen auf die Gesellschaft und die Wirtschaft, also die so
genannte Ökonomie, muss man zuerst den Grundbegriff des
Weltfinanzsystems genau verstehen. Dieser Begriff ist: Geld. Was ist
Geld eigentlich? Gibt es nur eine Form von Geld oder gibt es viele
Formen von Geld? Leiht man sich bei einem Kredit wirklich Geld, das
jemand anderes gespart hat? Und wie hängt das Geld mit der
Wirtschaft zusammen, also mit der Produktion und dem Handeln von
Waren und Dienst-leistungen?
Weil wir täglich mit Geld zu tun haben, meinen wir, wir wissen genug
darüber Bescheid. Aber manch einer wird verblüfft sein, wenn man den
Begriff Geld einmal genau hinter-fragt. Und das wollen wir tun:
Stellen Sie sich dazu vor, Sie wären eine Bäckerin oder ein Bäcker,
die Brötchen und Kuchen backen kann. Sie leisten eine Wertschöpfung,
Sie produzieren Backwaren. Ich komme zu Ihrem Geschäft und möchte
ein Stück Kuchen von Ihnen haben und gebe Ihnen dafür im Tausch
einen Euro. Wir sagen: Ich kaufe bei Ihnen ein Stück Kuchen für
einen Euro. Der Euro ist das Geld, das wir alle kennen. Es ist das
so genannte gesetzliche Zahlungsmittel, das durch die europäische
Zentralbank in Umlauf gebracht wird. Es ist Zentralbankgeld. Warum
akzeptieren Sie eigentlich dieses Geld, diesen Euro, als
Zahlungsmittel für die von Ihnen mühsam erbrachte Wertschöpfung, das
Stück Kuchen? Sie werden sicherlich sagen, weil Sie sich ja dafür
wieder etwas anderes kaufen können, dann, wenn Sie es brauchen, also
zu einem späteren Zeitpunkt. Sie gehen also davon aus, dass Sie für
den Euro, den Sie bekommen haben, später einmal im Tausch eine
Wertschöpfung bekommen, die Sie brauchen. Das ist das, was Sie sich
vom Besitz des Euros versprechen. Dass nämlich der Euro so etwas ist
wie ein Wertschöpfungsgutschein, den Sie bei Bedarf in der Zukunft
bei jemand anderem einlösen können. Besonders wichtig ist es
festzuhalten: Sie versprechen sich das, niemand anderes! Und Sie
gehen dabei davon aus, dass alle anderen genauso denken wie Sie und
dass deshalb auch alle anderen jetzt und zukünftig bereit sein
werden, dieses Geld als Zahlungsmittel im Tausch gegen Waren und
Dienstleistungen, also geleistete Wertschöpfung, zu akzeptieren. Das
ist das Prinzip von Treu und Glauben, der Grundlage unseres
Geldsystems. Solange dieses Prinzip funktioniert, kann das Geld als
Zahlungsmittel in der Ökonomie fließen und von Hand zu Hand wandern.
Dabei wandert Wertschöpfung genau entgegengesetzt von Hand zu Hand.
Ich kaufe mir bei Ihnen den Kuchen, der Kuchen wandert von Ihnen zu
mir, das Geld wandert von mir zu Ihnen. Sie kaufen sich dafür
vielleicht Mehl, Butter, Zucker, also alle Zutaten, die Sie für Ihre
leckeren Kuchen brauchen. Die Zutaten wandern dann zu Ihnen, das
Geld wandert dorthin, wo Sie sich die Zutaten besorgen. Das Geld ist
dabei für mich ein „Kuchengutschein“ und für Sie ein
„Zutatengutschein“.
Ganz allgemein können wir festhalten: Geld ist ein
Wertschöpfungsgutschein. Solan-ge ich das Geld in meinem Besitz
halte, verzichte ich auf Wertschöpfung, um später im Tausch gegen
das Geld eine Wertschöpfung zu bekommen. Diese Wertschöpfung muss
dann, also in der Zukunft, geleistet werden. Geld steht für eine
Wertschöpfungslücke, ein Wertschöpfungsversprechen. Das Geld, das
wir hier betrachtet haben, war gesetzliches Zahlungsmittel, das
ausschließlich die Europäische Zentralbank in den Umlauf bringen
kann.
Was ist jetzt ein Kredit? Dafür überlegen wir uns einmal, wie Sie
als Bäcker überhaupt den ersten Kuchen backen können, also bevor ich
ein Stück Kuchen kaufe. Sie haben ja dann noch nicht das Geld von
mir, um Zutaten zu kaufen. Sie müssten also zu Ihrem Lieferanten
gehen und sagen: „Ich möchte heute Mehl, Eier und Zucker kaufen,
bezahle aber erst in der Zukunft.“ Sie kaufen „auf Pump“, sie lassen
anschreiben. Sie kaufen also ein, ohne überhaupt Geld zu haben.
Stattdessen bezahlen Sie mit einem Schuldschein, einem Versprechen,
in der Zukunft Zahlungsmittel zu liefern, welche Sie zum Zeitpunkt,
an dem Sie die Zutaten kaufen, noch nicht haben. Sie bezahlen die
Zutaten also statt mit Euros mit einem Geldgutschein, mit einem
Versprechen auf Euros in der Zukunft. Diesmal ist das aber ein
Versprechen, das Sie gegenüber ihrem Lieferanten abgeben. Das ist
ein Kreditgeschäft. Der Lieferant gewährt Ihnen einen Kredit.
Wichtig dabei ist festzustellen: Der Lieferant leiht Ihnen kein
Geld, sondern er verzichtet für einen gewissen Zeitraum auf Geld.
Für diesen Zeitraum möchte er vielleicht Zinsen haben, weil er ja
erst später über das Geld verfügen kann, nämlich dann, wenn Sie Ihre
Verpflichtung einlösen und ihm Euros geben. Bis dahin gibt es diesen
Schuldschein, den der Lieferant bei diesem Geschäft als „so gut wie
Geld“ akzeptiert hat. Der Schuldschein, der den Kredit „verbrieft“
wird „so gut wie Geld“ als Zahlungsmittel verwendet. Der Kredit ist
Geld.
Was ist nun, wenn der Lieferant keine Geschäfte akzeptiert, bei
denen er anschreibt, also Kredit gewährt? Dann müssen Sie sich
vorher das Geld besorgen, das gesetzliche Zahlungsmittel, welches
der Lieferant bereit ist, im Tausch gegen Mehl, Zucker, Eier usw.
anzunehmen. Natürlich könnten Sie auch mich fragen, ob ich Ihnen das
benötigte Geld leihe, indem Sie mir einen Schuldschein geben und ich
Ihnen dafür das Geld. Dann hätte ich zwar von Ihnen einen
Schuldschein, also einen Geldgutschein, aber kein Geld mehr. Sie
würden mir möglicherweise noch im Tausch gegen den selbst
ausgestellten Geldgutschein Kuchen verkaufen. Kann ich aber mit dem
Geldgutschein von Ihnen auch irgendwo anders etwas bekommen? Wenn
nicht, müsste ich ja zunächst versuchen, mir gesetzliches
Zahlungsmittel zu besorgen, damit ich etwas kaufen kann. Das wäre
natürlich alles ziemlich kompliziert, aufwändig und langwierig und
deshalb wäre es doch nicht schlecht, wenn es Geldgutscheine gäbe,
die „genauso gut wie Zentralbankgeld“ von möglichst Vielen
akzeptiert würden. Diese Geldgutscheine gibt es. Bei wem? Bei den
Kreditbanken. Zum Beispiel in Form eines Kontos.
Was bedeutet es, ein Guthaben auf dem Konto zu haben? Das bedeutet
Folgendes: Wenn der Kontoinhaber Geld benötigt, wenn er gesetzliches
Zahlungsmittel beispielsweise in Form von Bargeld benötigt, kann er
zu seiner Bank gehen und dieses Geld von seinem Konto abheben. Das
Konto ist also ein Geldgutschein. Wenn man Bargeld auf sein Konto
einzahlt, gewährt man seiner Bank einen Kredit, denn man verzichtet
ja bis zu einem späteren Zeitpunkt auf das Geld. Man bekommt für
diesen Verzicht nur sehr wenig Zinsen, weil man von einem Girokonto
letztlich jederzeit das Geld abheben kann. Dieser Kredit ist
jederzeit kündbar. Wenn man mehr Zinsen haben will, muss man für
einen längeren Zeitraum bereit sein auf seine Euros zu verzichten.
Solche Kredite haben dann Bezeichnungen wie Sparguthaben,
Sparbriefe, Tagesgeld etc.
Wir halten zunächst fest: Gesetzliches Zahlungsmittel, unsere Euros,
sind Wertschöpfungsgutscheine. Es gibt zudem viele Geldgutscheine,
die „so gut wie Geld“ benutzt wer-den können, zum Beispiel Guthaben
auf einem Bankkonto. Wir nennen alle Ansprüche auf Geld - alle
Geldgutscheine - zur Abgrenzung gegenüber dem Geld der
Zentralban-ken, dem alleinigen gesetzlichen Zahlungsmittel,
Schwellgeld. Schwellgeld ist letztlich auch ein
Wertschöpfungsgutschein. Geld und Schwellgeld stellen – nebst Zinsen
– eine Wertschöpfungslücke dar. Beides sind
Wertschöpfungsversprechen.
Jetzt zur Frage: Leiht Ihnen eigentlich bei einem Kreditgeschäft
Ihre Bank Geld, das je-mand anderes gespart hat? Nun, das kann sein,
aber sicherlich nicht in jedem Fall, denn im Jahr 2007 war
beispielsweise das Gesamtvolumen an neuen Krediten auf dieser Welt
mehr als siebenmal so groß wie das, was auf der gesamten Welt
gespart wurde.
Es muss also noch eine andere Möglichkeit geben, einen Kredit zu
gewähren. Eine Möglichkeit ist: Das Kaufen auf Pump. Da kauft man
sich etwas und bezahlt mit einem Schuldschein. Das kann man jetzt
auch auf das Kreditgeschäft mit der Bank anwenden. Als Bankkunde,
der einen Kredit aufnimmt, kaufen Sie sich mit einem Schuldschein,
das ist Ihr Kreditvertrag, eine Kontogutschrift bei Ihrer Bank. Was
haben Sie sich damit gekauft? Ihr Guthaben auf Ihrem Konto ist ja
ein Kredit, den Sie Ihrer Bank gewähren. Sie kaufen sich also mit
einem eigenen Schuldschein einen Schuldschein Ihrer Bank. Es werden
hier gleichzeitig zwei Kredite gewährt. Die Bank gewährt Ihnen einen
Kredit und Sie gewähren Ihrer Bank gleichzeitig einen Kredit. So
entstehen also zweimal Geldgutscheine, ohne dass irgendjemand zuvor
Geld gespart hätte. Anstatt sich also Geld zu leihen, das zuvor von
jemand anderem gespart wurde, haben Sie bei der Bank auf Pump ein
neu geschaffenes Finanzprodukt gekauft. Das Finanzprodukt ist in
diesem Fall das Konto. Ihre Bank hat ein Finanzprodukt, neues
Schwellgeld erschaffen – das Guthaben auf dem Konto -, das sie Ihnen
gegen einen Schuldschein – also einen Geldgutschein, ebenfalls neues
Schwellgeld – überlassen hat. Und das Finanzprodukt war auch ein
Geldgutschein. Es gibt noch viele andere Finanzprodukte, die
letztlich alle Geldgutscheine, also Schwellgeld sind. Sparkonten,
Bankschuldverschreibungen oder auch Lebensversicherungen sind
letztlich nichts anderes als Versprechen zukünftiger Geldleistungen,
also auch Geldgutscheine, für die Sie gewissermaßen Ratenzahlung,
das heißt monatliche Beiträge, verabredet haben.
Man ahnt jetzt vielleicht schon, welches Problem sich entwickelt
hat, indem gegenüber dem Kern des Geldsystems, dem Zentralbankgeld,
dem gesetzlichen Zahlungsmittel, immer mehr und mehr Finanzprodukte,
also Geldgutscheine oder wie wir es nennen: „Schwellgeld“, immer
mehr an Schuldverschreibungen, an Krediten und so weiter, entstanden
sind. Das Schwellgeld, diese Eurogutscheine, sind ein Vielfaches der
verfügbaren Euros, diesem Geld im engsten Sinne. Was passiert, wenn
keiner mehr die Geldgutscheine, die Finanzprodukte, also dieses
gesamte Schwellgeld, für „so gut wie Geld“ erachtet und stattdessen
immer nur gesetzliches Zahlungsmittel haben will? Wenn jeder nur
noch Euros als die besondere Form eines Wertschöpfungsgutscheins
haben will? Wobei selbst Euros noch mit der Unsicherheit behaftet
sind, dass man nur dann Wertschöpfung dafür bekommt, wenn das
Vertrauen in das gesetzliche Zahlungsmittel nicht gestört ist.
Wie viel mehr Schwellgeld als Zentralbankgeld gab es nun zu Beginn
der Krise? Auf einen Euro gesetzliches Zahlungsmittel kamen
durchschnittlich 53,5 Schuldscheine, die einen Euro versprechen.
Eine Relation von 53,5:1! Oder, um in ganzen Zahlen zu reden: 107:2.
Was passieren kann, wenn diese Schuldscheine, diese Geldversprechen,
dieses Schwellgeld, nicht mehr als „so gut wie Geld“ erachtet wird,
kann man bildhaft mit dem Spiel „Die Reise nach Jerusalem“ erklären.
Das ist das Spiel, bei dem ein Stuhl weniger aufgestellt ist als
Kinder bei lustiger Musik darum herum tanzen, und bei dem, sobald
die Musik aufhört zu spielen, alle versuchen müssen, sich zu setzen.
Das eine Kind, das keinen Stuhl erwischt, muss ein Pfand abgeben.
Bei einem Verhältnis Schwellgeld zu Zentralbankengeld von 107:2
tanzen bei dem „Spiel der Spiele“, der „Reise nach Jerusalem“ im
Weltfinanzsystem, 100 Kinder und sieben Gorilla um gerade einmal
zwei Stühle. Solange das Schwellgeld für
„so gut wie Geld“ erachtet wird, spielt die Musik und alle tanzen
fröhlich um die Stühle. Hört die Musik auf zu spielen, müssen alle,
die sich nicht schnell genug setzen konnten, Pfänder abgeben. Dazu
kann es immer dann kommen, wenn eine Kreditlaufzeit endet, der
Schuldner kein Zentralbankgeld hat und der Kredit nicht verlängert
wird, der Gläubiger also auf Auszahlung von Zentralbankgeld besteht.
Solange der Schuldner dann noch Vermögenswerte hat, muss er diese
veräußern, um nicht zahlungsunfähig – bankrott – zu sein. Die Frage
ist dann aber: Wie viel Kaufkraft ist in den Märkten, wenn die Musik
nicht mehr spielt? Oder andersherum gefragt: Wie viel Bereitschaft
gibt es, einen Stuhl, den man ergattert hat, abzugeben und was
verlangt man dafür? Es kommt zu den so genannten Fire Sales, zu
Notverkäufen, zu Verkäufen von Vermögen weit unter Preis. Dabei
brechen sogar die Bewertungen von ganzen Unternehmen ein. An den
Börsen geht es abwärts. Die Preise von Häusern und Immobilien fallen
massiv. Als sich das Problem der Kreditverlängerung bei Griechenland
abzeichnete, wurde der Regierung sogar vorgeschlagen, Inseln zu
verkaufen. Griechenland sollte also attraktive Inseln als Pfänder
abgeben.
Der Kern dieses Problems, das zur Umverteilung von Sachwerten „weit
unter Preis“ führt, ist der fehlende Umlauf von Zentralbankgeld.
Wenn dieses spezielle Geld, das gesetzliche Zahlungsmittel, gehortet
wird, trocknen die Märkte aus. Selbst als die Zentralbank mehr und
mehr gesetzliches Zahlungsmittel in die Märkte pumpte, wurde dies
gehortet. Die Banken gewährten sich gegenseitig keine Kredite mehr,
der so genannte Interbankenmarkt kam zum erliegen. Die Folge: Werte
wurden und werden immer noch weit unter Preis umverteilt. Denn in
einer Situation, in der es sehr viel mehr Wertschöpfungsversprechen
gibt als Wertschöpfung geleistet werden kann, ist es natürlich viel
besser Sachwerte, Produktivvermögen oder Rohstoffe anstatt
Wertschöpfungsgutscheine - also Geld - zu besitzen. Es sind die
interessanten Sachvermögen, die in der Krise als Pfand über
Notverkäufe weit unter Preis abgegeben werden müssen. So kommt es zu
einem gigantischen Prozess der Umverteilung. Will man diesen Prozess
kurzfristig stoppen, muss man den Umlauf von Zentralbankgeld
insbesondere zwischen den Finanzinstituten sicherstellen. Das klappt
aber nicht so, wie man dies bisher versucht hat, indem die
Zentralbank immer mehr gesetzliches Zahlungsmittel in die Märke
pumpt, denn das wird zunächst auch noch gehortet. Man müsste das
Horten von Zentralbankgeld, von die-sem Geld höchster Liquidität,
unterbinden. Technisch, das heißt mittels Regulierung, könnte man
dies über die Festlegung einer so genannten Maximalreservebegrenzung
bei Finanzinstituten erreichen. Gehortetes Zentralbankgeld oberhalb
einer festgelegten Maximalreserve müsste in einen speziellen
Liquiditätstopf eingezahlt werden. Dann würde kurzfristig die Musik
wieder spielen, das Problem der Überschuldung wäre damit aber
natürlich noch nicht gelöst.
Was ist mit Überschuldung gemeint? Hier sind zwei Aspekte zu
betrachten. Der erste Aspekt betrifft die Frage: Welche Absicherung,
also welche Haftung gibt es für die ganzen ausgestellten
Geldgutscheine? Wieweit ist das Schwellgeld abgesichert, also alle
aufgenommenen Kredite, alle Verbindlichkeiten, alle Schulden des
Gesamtsystems? Das ist die Frage des haftenden Eigenkapitals.
Der zweite Aspekt betrifft die Frage: Welche Chance gibt es, dass
die Schulden in der Zukunft zurückgezahlt werden können? Das ist die
Frage der Wertschöpfungsfähigkeit, also ob die Schuldner jemals in
der Lage sein werden, die versprochene zusätzliche Wertschöpfung in
der Zukunft tatsächlich auch zu leisten.
In Bezug auf die erste Frage, also das haftende Eigenkapital, gibt
es gesetzliche Regelungen, insbesondere für Kreditbanken. Das sind
die so genannten Eigenkapitalregeln der Verabredungen von Basel /
Basel II und zukünftige Basel III. Diese Regeln schreiben den Banken
vor, wie viel Eigenkapital sie mindestens vorhalten müssen. Hier
wird ein gewisser Prozentsatz vom Volumen aller gewährten Kredite
verlangt. Prinzipiell wird darüber ein gewisser Anteil von gespartem
Geld verlangt, das im Rahmen von Krediten weiter gereicht wird. Es
ist das Geld, das die Bank gespart haben muss oder deren Eigentümer,
welche es durch den Kauf neu ausgegebener Aktien als so genanntes
haftendes Eigenkapital in die Bank eingelegt haben. Der Rest der
gesamten Kreditgewährung wird durch neu geschöpftes Schwellgeld der
Bank aufgefüllt, durch selbst erstellte Schuldverschreibungen. Das
Verhältnis zwischen Eigenkapital und allen gewährten Krediten nennt
man Hebel. Die Kreditgeschäfte der Geschäftsbanken sind
Hebelgeschäfte.
Bildlich gesprochen stellen alle Formen von Schwellgeld die
Spielkarten dar, aus denen das Kartenhaus Weltfinanzsystem auf dem
Fundament von Eigenkapital als den haftenden Säulen des Systems
aufgebaut ist. Mit einem stabilen Fundament kann das Karten-haus
vergleichsweise stabil stehen. Ein wackliges Fundament kann zum
Desaster führen. Deshalb darf das Kartenhaus nur dann weiter
aufgetürmt werden, wenn das Fundament vorher entsprechend
verbreitert wird, wenn also mehr Säulen aufgebaut werden. Nur mit
mehr haftendem Eigenkapital, so sagt es das Gesetz, darf mehr
Schwellgeld ins Spiel kommen.
In den sieben Jahren vor der Krise hat sich das Schwellgeldvolumen
verdoppelt. In nur sieben Jahren von 2001 bis 2007 wurden mehr als
100.000 Milliarden Dollar an neuen Krediten gewährt. Das Kartenhaus
Weltfinanzsystem hat sich auf eine Gesamtgröße von mehr als 200.000
Milliarden Dollar verdoppelt, hat sich also auf mehr als das
Vierfache des Weltbruttoinlandsprodukts, der gesamten weltweiten
Produktion von Waren und Dienstleistungen eines Jahres, vergrößert.
Es gibt also mehr als viermal so viele Versprechen auf zukünftige
Wertschöpfung als die gesamte Welt in einem Jahr leis-ten kann.
Und das Fundament? Hat sich das Eigenkapital entsprechend
vergrößert? Sind mehrere Säulen hinzugekommen? Mitnichten! Hier
wurde stattdessen „gestaltet“. Das Fundament wurde quasi mit
Säulengutscheinen verbreitert, mit Buchgewinnen, mit Wertschöpfung
aus der Zukunft, die man sich selbst verspricht, von der man nicht
wissen konnte, ob es sie jemals geben würde. Die Frage ist: Wie
konnte das geschehen? Und damit kommt man zu dem, was ich als die
allerschlimmste Massenvernichtungswaffe im Weltfinanzsystem ansehe.
Das sind nicht die Derivate, sondern die internationalen
Bewer-tungsstandards für so genannte Fair Values, die man
beispielsweise bei der Bewertung von Vermögen verwendet.
Die Problematik des Fair Value, die der großen Vermögensillusion
zugrunde liegt, kann man sich vielleicht wie folgt veranschaulichen:
Stellen Sie sich einmal vor, eine Bank würde als haftendes
Eigenkapital eine große Wiese besitzen, auf der Unmengen von
Gänseblümchen wachsen. Die Wiese konnte die Bank sehr günstig
erwerben, da sie als Baugrund ungeeignet ist. Bezahlt wurde mit
Geld, das der Eigentümer der Bank eingebracht hat, also nicht sehr
viel. Die Wiese ist das haftende Eigenkapital der Bank. Die Wiese
bewertet die Bank jedoch jetzt nach Fair Value und zwar gemäß dem
Prinzip der Ertragswertmethode. Man betrachtet dabei, wie viel
Einkommen sich mit dem Besitz der Wiese vermutlich erzielen lässt.
Zur Veranschaulichung werden wir jetzt maßlos übertreiben und den
Markt für Gänseblümchen so darstellen, dass Großväter ihren Enkeln,
die ihnen ein Gänseblümchen anbieten, dafür zehn Euro zahlen. In
diesem Markt ist offensichtlich ein Gänseblümchen zehn Euro wert und
das übertragen wir jetzt auf unsere Gänseblümchenwiese. Wir stellen
uns dabei lieber nicht die Frage, wie sich der Marktpreis für
Gänseblümchen verändern würde, wenn wir die verfügbaren Unmengen von
Gänseblümchen am Markt tatsächlich anbieten würden, denn wir wollen
uns gezielt der Vermögensillusion hingeben. Die Wiese ist bei dieser
Betrachtung viel mehr wert als zuvor. Denn wir berechnen den Wert
der Wiese aus den jährlich erhofften Einnahmen durch den Verkauf
zig-tausender Gänseblümchen zum Preis von zehn Euro pro Blümchen.
Die Bank macht so einen Buchgewinn in der Höhe, der sich aus dem
angenommenen Wertzuwachs der Wiese ergibt. Man verspricht sich also
in der Zukunft Geld oder Wertschöpfung, ohne dass sich aber jemand
anderes verpflichtet hat, diese zu erbringen. Schon gar nicht hat
jemand dies als haftendes Eigenkapital versprochen. Buchgewinne
verspricht man sich zunächst einmal nur selbst, es sind
Eigenkapitalgutscheine, die niemand ausgestellt hat.
Die unterschiedlichen Steuergesetzgebungen der verschiedenen Staaten
dieser Welt las-sen es sogar zu, solche Buchgewinne dort
ertragswirksam werden zu lassen, wo die Steuerabgaben minimal sind
und dann ohne weitere Steuerzahlungen dorthin zu bringen, wo sie
ohne weitere Versteuerung ausgeschüttet werden können. Das
tatsächlich vorher vorhandene Eigenkapital wird so durch einen
Eigenkapitalgutschein ersetzt, den man sich selbst verspricht. Wird
solch ein Buchgewinn nicht ausgeschüttet, kann er die anrechenbare
Eigenkapitalbasis der Bank vergrößern. Es ist dann aber wie gesagt
nur eine Art Eigenkapitalgutschein. Das Fundament wird nicht um eine
Säule, sondern um einen Säulengutschein erweitert.
Wenn wir uns das Fundament unseres Kartenhauses Weltfinanzsystem
durch die Fair Value-Brille ansehen, sehen wir eine ganze Menge von
Eigenkapitalsäulen, die zwar durch die Fair Value-Brille betrachtet
aussehen wie Säulen, aber nicht wirklich stabile Säulen sind, obwohl
manche von ihnen früher einmal Säulen gewesen sein mögen. Durch die
Fair Value-Brille betrachtet ist das Fundament breiter geworden, das
Kartenhaus konnte wachsen. Es steht aber nur noch auf zukünftig
erhofften Säulen. Ein Mathematiker würde die bedrohliche Situation
der zu befürchtenden negativen Eigenkapitalbasis so beschreiben: Für
das Kartenhaus Weltfinanzsystem wurde vor wenigen Jahrzehnten das
Fundament mit einer Säule gelegt. Seitdem wurden fünf Säulen
abgebaut und verteilt. Erst wenn jetzt vier neue Säulen hinzukommen,
ist keine mehr da.
So wichtig also die international diskutierte Frage einer
vernünftigen Relation zwischen der Größe des Kartenhauses, also dem
Volumen an Schwellgeld, und dem haftenden Eigenkapital auch sein
mag, von weitaus größerer Wichtigkeit ist die Frage der Qualität und
tatsächlichen Wertigkeit des haftenden Eigenkapitals. Hierfür bedarf
es eines vernünftigen internationalen Bewertungsstandards, der für
alle Teilnehmer der Wirtschaft, und nicht allein für Banken
beziehungsweise Kreditinstitute, verbindlich ist.
Dann stellt sich natürlich noch die Frage, auf welchem Weg das
Kartenhaus des Weltfinanzsystems wieder in eine stabile Balance
gebracht werden kann.
Ein entscheidender Punkt hierbei ist die Frage, wie die
Gesamtverschuldung der Welt in Relation zur Wertschöpfungsfähigkeit
zurückgefahren werden kann. Schwellgeld, also die Gesamtverschuldung
einschließlich der verabredeten Zinszahlungen, ist ja nichts anderes
als eine versprochene zusätzliche Wertschöpfung in der Zukunft, also
zunächst einmal eine Wertschöpfungslücke. Diese Wertschöpfungslücke
ist seit vierzig Jahren Jahr für Jahr schneller gewachsen als die
Wertschöpfungsfähigkeit, also die Menge aller global produzierten
Waren und Dienstleistungen in einem Jahr, dem so genannten
Weltbruttoinlandsprodukt. Seit vierzig Jahren wächst die
Verschuldung der Welt schneller als die Wertschöpfungsleistung. Das
kann so nicht weitergehen, denn es käme unweigerlich zu einer
Bankrott-Situation.
Ein möglicher Weg der Entschuldung wäre eine Entwertung der Schulden
über Inflation oder über einen Währungsschnitt. Geld und Schwellgeld
würden entwertet. Das würde dann aber bedeuten, dass auch jemand
sein Vermögen verliert, denn Schwellgeld ist ja nicht nur eine
Schuld desjenigen, der das Versprechen einer zukünftigen Leistung
abgegeben hat, sondern auch das Vermögen desjenigen, der die Schuld
eines anderen als Kapital angespart hat. Neben den Reichen dieser
Welt ist dies insbesondere auch die so genannte Mittelschicht;
Menschen, die beispielsweise über Renten- und Pensionskassen,
Fondssparpläne und vieles andere mehr, Ansprüche auf Wertschöpfung
in der Zukunft angespart haben, um damit ihren letzten
Lebensabschnitt zu gestalten. Aber auch Kirchen, Stiftungen und
andere halten Schwellgeld als Vermögen. Inflation oder ein
Währungsschnitt würde solche Vermögen entwerten. Es käme zu einer
„Brasilianisierung“ der Welt, zu einer globalen Feudalgesellschaft.
Einer kleinen Elite und einer abschmelzenden Mittelschicht stünden
sehr viele arme Menschen gegenüber. Dies kann offensichtlich keine
wünschenswerte Zukunft sein. Soziale Spannungen bis hin zum Kollaps
wären vorprogrammiert.
Was wäre die Alternative? Die Alternative wäre ein sanftes
Deleveraging. Ein kontrollierter Schuldenabbau. Das bedeutet: Auf
einem vermutlich etwas länger dauernden Weg ist die Verschuldung
abzubauen. Zum einen müssen dafür die Möglichkeiten für spekulative
Hebelgeschäfte eingedämmt werden, wie beispielsweise
Firmenübernahmen auf Pump. Zum anderen müssen die Grundlagen dafür
geschaffen werden, dass man auf der Welt mehr Wertschöpfung leisten
kann. Damit kommt man aber zum Problem der Nachhaltigkeit, denn die
Frage ist: Können wir eigentlich so ohne weiteres die Wertschöpfung
steigern, ohne dass wir ein noch mehr wachsendes Umweltproblem
haben? Wir brauchen ja schließlich die Natur und die darin
verfügbaren oder nachwachsenden Rohstoffe, um daraus Waren und
Dienstleistungen zu produzieren. Und die Abfallstoffe bei der
Produkti-on von Wertschöpfung, insbesondere auch die Klimagase,
entlassen wir wieder in die Natur. Wie viel Natur wir beanspruchen,
kann man mit dem ökologischen Fußabdruck messen. Das ist ein
Konzept, das die Prinzipien einer nachhaltigen Forstwirtschaft, die
schon der Oberberghauptmann Carl von Carlowitz im achtzehnten
Jahrhundert als zwingende Leitlinie festgelegt hat, auf alle
Natureingangs- und Naturausgangsstoffe anwendet.
Für die nachhaltige Forstwirtschaft hat man sich die Frage gestellt:
Wie viele Bäume darf man bei einer verfügbaren Waldfläche fällen, so
dass auch nachfolgende Generationen genauso viel Bäume fällen können
wie die lebende Generation? Man kann bei einer nach-haltigen
Forstwirtschaft natürlich aus einer gegebenen Fläche nur so viele
Bäume fällen, wie in einem sinnvollen Zeitraum bis zur nächsten
Generation wieder nachwachsen, denn sonst gäbe es bald keinen Wald
mehr. Wenn man die Frage nun andersherum formuliert, kann man
bestimmen, wie viel Waldfläche man brauchen würde, um den gegebenen
Bedarf an Bäumen nachhaltig zu decken. Man fragt also: Wie viel
Waldfläche benötigt man, um nachhaltig den Bedarf an Bäumen für die
lebende und alle nachfolgenden Generationen decken zu können? Wenn
man diese Frage für alle Anforderungen an die Natur formuliert,
kommt man zum ökologischen Fußabdruck. Man summiert dann auf:
• Die Fläche, die man braucht für Wald,
• die Fläche, die man braucht für Wiese, damit Rinder, Schweine und
die anderen Tie-re, die die Menschen essen, genügend Futter haben,
• wie viel Fläche man braucht für den Anbau von Getreide,
• wie viel Fläche für Wasser, damit all die Fische leben und wachsen
können, die wir Menschen essen,
• genügend Fläche für Blattwerk, damit die umweltschädlichen Gase,
also beispielsweise Kohlendioxid, Methan und andere, in einem
sinnvollen Zeitraum wieder die Möglichkeit haben, über Photosynthese
den Weg als biologische Substanzen in den Kohlenstoffkreislauf des
Lebens zurück zu finden.
Alle diese Flächen zusammen gezählt ergeben den ökologischen
Fußabdruck. Man kann sich so bildhaft vorstellen, welche Fläche auf
diesem unseren Planeten Erde der ökologische Fußabdruck der
Menschheit beansprucht. Was ist hier das Problem?
Die Wissenschaft hat ausgerechnet, wie groß der ökologische
Fußabdruck bei unserem derzeitigen Konsum ist, also für die gesamte
Menge an heute produzierten und konsumierten Waren und
Dienstleistungen. Das Ergebnis ist: Gerade einmal zwanzig Prozent
der Menschen leben auf einem Niveau so wie wir in Deutschland,
Europa, Japan oder in den USA; also nur ein Fünftel der Menschheit.
Dieses eine Fünftel würde für eine nachhaltige Wirtschaft für sich
allein die Fläche von 1,35 Planeten benötigen. Diese Zahl 1,35 hat
eine ganz besonders unangenehme Eigenschaft: Sie ist nämlich größer
als Eins. Das heißt: Bereits die zwanzig Prozent in den entwickelten
Ländern lebenden Menschen überbeanspruchen unseren Planeten. Das ist
der Grund, weshalb wir heute ein akutes Klimaproblem haben. Das ist
auch der Grund, weshalb wir so, wie wir heute Wertschöpfung
produzieren, gar nicht in der Lage wären, die Wertschöpfung zu
stei-gern, ohne dass uns der Planet „um die Ohren fliegt“. Wenn wir
also weiteres Wachstum anstreben, müssen wir dabei sicherstellen,
dass wir die Naturbegrenzungen als Umweltstandards verbindlich
machen für alle Prozesse der Produktion von Waren und
Dienstleistungen. Wenn wir dann dieses umweltverträgliche Wachstum,
bei dem uns der Planet eben nicht „um die Ohren fliegt“, erreichen
wollen, müssen wir enorm kreativ und innovativ sein. Wir müssten
hierzu die größtmögliche Kreativität der Menschheit in Gang setzen
und dafür ist natürlich „Bildung für alle“ als wichtiger
So-zialstandard der ganz entscheidende Ansatz.
Gut ausgebildete, gut gebildete, kreative und innovative Köpfe
müssen möglichst lange kreativ und innovativ sein können. Daher wäre
auch ein Gesundheitssystem ein weiterer entscheidender wichtiger
Sozialstandard, der genauso verbindlich sein müsste für alle
Prozesse der Erzeugung von Waren und Dienstleistungen. Wenn man
darüber nachdenkt, was es bedeutet, Umwelt- und Sozialstandards für
alle Prozesse der Wertschöpfung verbindlich zu machen, stellt man
fest: Es müssten überall die Grundlagen aufgebaut werden, damit die
Standards auch eingehalten werden können. Bildungseinrichtungen,
Schulen, Universitäten, Krankenhäuser und so weiter müssten
aufgebaut werden. Natürlich mit den modernsten und hoch innovativen
und hoch effi-zienten Klima- und Energietechniken, also
Passivhausstandards, Heizung und Klimatisierung über alternative
Energien und vieles andere mehr. Gerade im Aufbau dieser Grundlagen
für leistungsfähige Gemeinwesen liegt der entscheidende Ansatz für
das notwendige, aber nur noch einmal – wenn überhaupt – mögliche
Wachstum der Wertschöpfungsleistung.
Nun ahnt man schon, dass es hier mehrere Probleme gibt. Zum einen:
Wo könnte man überhaupt für eine Verbindlichkeit sorgen, das heißt
zu einer Absprache kommen, dass Umwelt- und Sozialstandards
verbindlich für die Produktion von Waren und Dienstleistungen sind?
Was wäre eine mögliche Institution, die auch über genügend wirksame
Möglichkeiten der Bestrafung im Falle der Nichtbeachtung der
Standards verfügt? Hierfür können wir uns fragen, wer heute für die
Standards zuständig ist, die global im Markt und Handel gültig sind,
und das ist für den größten Teil der Erde die
Welthandelsorganisation, die WTO. Hier gelten aber bislang nur
Qualitätsstandards für die Produktion, also beispielsweise die
Festlegung, wie viel Prozent Fettanteil ein Rinderfilet haben darf.
Die Frage des Verfahrens, die Frage der Produktion von Fleisch, also
ob beispielsweise Kinder die Metzgerarbeit erledigen, oder auch, ob
das Fleisch von geklonten Rinder kommt, ist keine Frage der
Qualität, sondern eben eine Frage des Verfahrens.
Verfahrensstandards wurden bislang in der WTO nicht verabredet. Die
WTO hat aber wirksame Möglichkeiten, Produkte, die verabredete
Standards nicht einhalten, zu bestrafen. Sie kann Strafzölle
verhängen, die die Produkte dann auf dem Weltmarkt teurer machen.
Weil es diese Sanktionsmöglichkeit gibt, werden die Standards, die
in der WTO gesetzt werden, weitgehend eingehalten.
Der Schlüssel für eine sanfte Entschuldung des Systems über eine,
noch ein letztes Mal mögliche Steigerung der Wertschöpfung, ohne
dass uns dabei der Planet „um die Ohren fliegt“, liegt darin, die
nötigen Umwelt- und Sozialstandards als verbindliche
Verfahrensstandards in der WTO zu vereinbaren. Jetzt stellt sich
natürlich sofort die Frage, ob es einen Ansatz gibt, wie ein solcher
globaler Deal gelingen kann? Da kann man sagen: Die Europäische
Union liefert uns den Beweis, dass es gehen kann.
Denn auch in der Europäischen Union war das Problem, gemeinsame
Standards, gemeinsame Gesetze für alle verbindlich zu machen. Das
ist unser so genannter acquis communautaire, unser
Gemeinschaftsrecht. Jedes Mitglied der Europäischen Union muss die
Grundlagen zur Einhaltung dieses Gemeinschaftsrechts bei sich
aufbauen. Dort, wo die Grundlagen zur Einhaltung der Standards noch
nicht ausreichend entwickelt sind, spricht man von strukturschwachen
Räumen. Die Akzeptanz für das Ge-meinschaftsrecht, gerade auch bei
neuen Beitrittskandidaten, hat man in der Europäischen Union durch
die Bereitschaft zur Co-Finanzierung erreicht. Co-Finanzierung gegen
Standards bedeutet: Strukturschwache Räume bekommen aus den so
ge-nannten Strukturfonds eine finanzielle Unterstützung zum Aufbau
der Grundlagen, die für die Einhaltung der Europäischen Standards
erforderlich sind. Dies kann auch der Schlüssel auf weltweiter Ebene
für den globalen Deal sein:
Das Angebot einer Co-Finanzierung gegen die Akzeptanz von Umwelt-
und Sozialstandards als verbindliche Verfahrensstandards in der WTO.
Die entscheidende Frage ist dann natürlich sofort: Wer soll das
bezahlen? Woher kommen die Mittel?
Hier schließt sich jetzt der Kreis. Über das Weltfinanzsystem und
immer mehr und immer neuere Finanzprodukte – dem Schwellgeld –
werden bislang die Unterschiede in den nationalen Steuersystemen für
Steuerumgehungen ausgenutzt. Insbesondere die Unterschiede bei den
so genannten Steuerbemessungsgrundlagen können von weltweit
operierenden Unternehmen und gerade auch dem Finanzsektor genutzt
werden für so genannte Steueroptimierungen, also letztendlich der
Umgehung von Steuerzahlungen, die nach geltender Gesetzeslage
eigentlich zu leisten wären. Viele global tätige Unternehmen, die zu
den leistungsfähigsten gehören, zahlen prozentual von ihrem Gewinn
die geringsten Steuern. Wenn man eine Harmonisierung der
Steuerbemessungs-grundlagen weltweit verabreden und Steueroasen
dadurch austrocknen würde, hätte man zusätzliche öffentliche
Einnahmen von circa 1.000 bis 2.000 Milliarden Dollar pro Jahr. Wenn
man dann noch das Schwellgeldproblem in Angriff nimmt, also
spekulati-ven Hebelgeschäften „Sand ins Getriebe streut“, indem man
auch auf Finanzprodukte eine Art Mehrwertsteuer erhebt, eine
Schwellgeldsteuer, hätte man eine weitere Einnahmequelle zur
Co-Finanzierung.
Was bedeutet eine Schwellgeldsteuer, also eine Art Mehrwertsteuer
auf Finanz-produkte?
Hiermit ist keine Transaktionssteuer gemeint. Eine
Transaktionssteuer, wie sie disku-tiert wird, ist eher vergleichbar
mit der Grunderwerbssteuer. Ein Haus, das einmal ge-baut wurde,
unterliegt dann der Grunderwerbssteuer, wenn es weiter veräußert
wird. Bei der erstmaligen Erstellung des Hauses ist keine
Grunderwerbssteuer fällig. Hier greift stattdessen die
Mehrwertsteuer. Sie wird nur bei der Erstellung fällig. So wäre es
auch bei der Schwellgeldsteuer.
Sie müsste von dem gezahlt werden, der das Schwellgeld erzeugt, also
dem, der den Kredit aufnimmt, der das System, weil er das Kartenhaus
Weltfinanzsystem vergrößert, mit einem Risiko belastet. Ein
leistungsfähiger Akteur, der sowieso weniger Zinsen zahlt wenn er
einen Kredit aufnimmt, müsste beispielsweise zwei Prozent
Schwell-geldsteuer bezahlen. Damit würde man insbesondere den
spekulativen Hebelgeschäften „Sand ins Getriebe streuen“. Weniger
leistungsfähige Akteure, das heißt schlechter bewertete
Kreditnehmer, wie beispielsweise ein hoch intelligenter, hoch
motivierter Jungunternehmer, der zwar eine wunderbare Geschäftsidee,
beispielsweise ein hoch innovatives Verfahren für die Erschließung
einer alternativen Energieform hat, der aber über kein Eigenkapital
verfügt, müsste, wenn er einen Kredit aufnimmt, nur 0,01 Prozent
Schwellgeldsteuer bezahlen. Ein solcher Jungunternehmer mit wenig
Eigenkapital hat üblicherweise ja auch einen hohen Zins für einen
Kredit zu zahlen und soll daher nicht zusätzlich belastet werden.
Eine Schwellgeldsteuer von durchschnittlich einem Prozent auf alle
Finanzprodukte, würde weitere 1.000 bis 2.000 Milliarden Dollar an
finanziellen Mitteln bedeuten. Man hätte so zusammen mit der
Harmonisierung der Steuerbemessungsgrundlagen 2.000 bis 4.000
Milliarden Dollar pro Jahr zur Verfügung, um einen Weltstrukturfonds
zu füllen, über den der globale Deal für ein nachhaltiges,
balanciertes und so auch Frieden stiftendes Wachstum ein letztes Mal
in Gang gesetzt werden kann, und zwar „ohne dass uns der Planet um
die Ohren fliegt“.
Zusammenfassend kann man das zentrale Problem, das hinter allen
sichtbaren Problemen der erlebten Krise steht, so formulieren:
Wir können bei unseren begrenzten natürlichen Ressourcen noch nicht
genügend Wertschöpfung für immer mehr und mehr gleichzeitig lebende
Menschen leisten. Zur Lösung muss man alle drei Problembereiche –
Ökologie, Ökonomie und Soziales – zusammen, gemeinsam und global in
Angriff nehmen. Über eine gemeinsame Anstrengung aller, einen
globalen New Deal: Co-Finanzierung gegen die Akzeptanz von Umwelt-
und Sozialstandards. Die Mittel dazu können aus einer Reform des
weltweiten Geld- und Steuersystems kommen.
Wir können nur alle hoffen, dass die Menschheit, gerade auch über
ihre Politikerinnen und Politiker, zu dem notwendigen Kraftakt
motiviert werden kann und wir es schaffen, das Bewusstsein
auszubilden, dass die individuellen nationalen Interessen im Sinne
ei-nes einsichtsvollen Egoismus am besten über einen solchen
globalen Deal gewahrt werden können. Aktuell sollten sich die G20
diesen neuen globalen Deal zur Aufgabe machen.
Als Wählerinnen und Wähler, Bürgerinnen und Bürger der Gesellschaft
sollten wir uns darüber im Klaren sein, dass es uns betrifft. Wenn
wir eine balancierte Zukunft wollen, können wir alle mit dazu
beitragen, dieses Ziel zu erreichen. Jeder und jede kann mit-helfen,
das notwendige Bewusstsein zu schaffen – stellen wir uns dieser
Herausforderung?
Weiterführende Literatur
Bücher:
[1] Wolfgang Eichhorn, Dirk Solte: „Das Kartenhaus Weltfinanzsystem.
Rückblick – Analyse – Ausblick“, Fischer Taschenbuch Verlag,
Frankfurt am Main, 2009;
[2] Dirk Solte: „Weltfinanzsystem am Limit – Einblicke die den
„Heiligen Gral“ der Globalisierung“, Terra-Media, Berlin, 2007;
[3] Dirk Solte: Weltfinanzsystem in Balance – die Krise als Chance
für eine nachhaltige Zukunft“, Terra-Media, Berlin, 2009;
Englische Ausgabe: „Global financial system in balance – crisis as
opportunity for a sus-tainable future“, Terra-Media, Berlin, 2009;
Paper:
[4] Solte: Die „Reise nach Jerusalem“ Gewinner und Verlierer der
Finanzmarktkrise:
http://www.faw-neu-ulm.de/reise-nach-jerusalem
[5] Solte: Globalisierung, Wohlstand und Weltfinanzsystem:
http://www.faw-neu-ulm.de/globalisierung-wohlstand-und-weltfinanzsystem
[6] Solte: Understanding the crisis:
http://www.faw-neu-ulm.de/understanding-crisis
[7] Solte: Globales Handeln als Reaktion auf die Krise:
http://www.faw-neu-ulm.de/weltfinanzsystem-balance
[8] Solte: Crisis as a chance for a sustainable future:
http://www.faw-neu-ulm.de/world-financial-system-balance
[9] Solte: Die Finanzmarktkrise und ihre Auswirkungen auf die
soziale Balance:
http://www.faw-neu-ulm.de/die-finanzmarktkrise-und-ihre-auswirkungen-auf-die-soziale-balance
*****
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