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SWR2 Wissen Aula - Dr. Sabine
Skalla: DIN EN ISO / DIN-Norm für Kinder – Auf dem Prüfstand
Autorin: Dr. Sabine Skalla *
Sprecherin: Anja Brockert
Redaktion: Ralf Caspary
Sendung: Sonntag, 23. Oktober 2011, 8.30 Uhr,
SWR 2
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Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten
Gebrauch bestimmt.
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Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
ÜBERBLICK
Kindertagesstätte "Zwergenland" in Dortmund .
In Deutschland herrscht auf dem Gebiet frühkindlicher Bildung
eine Zertifizierungsmanie: Überall werden Kitas evaluiert, bewertet,
verglichen und dann mit einer Note oder einem Gütesiegel versehen.
Das soll einerseits den Eltern helfen, schnell gute Betreuungsplätze
für ihre Kinder zu finden, andererseits soll das Verfahren der
Qualitätsentwicklung dienen. Es gibt dabei nur einen Haken: Die
meisten Verfahren kommen aus der Wirtschaft und berücksichtigen
weniger spezifisch pädagogische Aspekte. Dr. Sabine Skalla,
Politikwissenschaftlerin und Leiterin einer Integrationseinrichtung
für Kinder, nimmt die Prüf- und Bewertungsverfahren unter die Lupe.
* Zur Autorin:
Dr. Sabine Skalla studierte Politische Wissenschaft, Journalistik
und Pädagogik an der Universität Hamburg. Sie arbeitete mehrere
Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin in multimedialen Projekten
und war 16 Jahre Leiterin einer integrativen Kindertagesstätte in
Hamburg. Außerdem lehrte sie an der Hochschule für Angewandte
Wissenschaften in Hamburg in den Studiengängen „Erziehung und
Bildung in der Kindheit“ und „Soziale Arbeit“. Promotion in
Erziehungswissenschaft, das Thema ihrer Dissertation:
Qualitätsentwicklung in Kindertagesstätten. Im Jahr 2011 erhielt
Sabine Skalla einen Ruf an eine private Hochschule als
Studiendekanin und Studiengangsleiterin für das Studienfach
„Frühpädagogik“.
INHALT
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Ansage:
In Deutschland grassiert spätestens seit den PISA-Tests die
Zertifizierungsmanie.
Überall sollen Schulen und auch Kindertagesstätten evaluiert,
bewertet, verglichen und
effizienter gemacht werden. Es geht um Qualitätsmanagement und
Qualitätsentwicklung. Und wer jetzt an die Wirtschaft denkt und
sagt: Moment mal, das
ist eigenartig, wie kann man ökonomische Verfahren auf Einrichtungen
übertragen, die
mit Kindern und Pädagogik zu tun haben, da ergeben sich viele
Probleme, der hat
Recht.
Warum, das sagt in der SWR2 Aula, Sabine Skalla. Sie ist
Politikwissenschaftlerin, war
Leiterin einer Kindertagesstätte in Hamburg, und sie hat eine
Dissertation im Fach
Erziehungswissenschaften genau zu diesem Thema geschrieben, zu
Prüf-und
Bewertungsverfahren, die mit Pädagogik leider nichts zu tun haben.
Sabine Skalla:
„Kita XY zertifiziert nach DIN EN ISO“ – immer häufiger hängt ein
solches Zertifikat an
den schwarzen Brettern von Kindertagesstätten und dient als
Qualitätssiegel. In
Deutschland ist eine zunehmende Tendenz zu beobachten,
Qualitätsmanagementverfahren in Kindertagestätten zu implementieren.
Diese
Verfahren stammen ursprünglich aus der Wirtschaft und werden in der
Regel nach DIN
EN ISO, der europäischen und der internationalen Standardnorm,
zertifiziert.
Diese Tendenz kann man vor allem bei den großen Wohlfahrtsverbänden
beobachten –
der Arbeiterwohlfahrt, dem Roten Kreuz, dem Paritätischen
Wohlfahrtsverband und in
den kirchlichen Kindertagesstätten, die Mitglied im Caritas-Verband
oder im
Diakonischen Werk sind. Im sozialen Dienstleistungsbereich dieser
Wohlfahrtsverbände
ist der Sektor der Kindertagesbetreuung in der Regel nur eines von
mehreren
Betätigungsfeldern. Auch die Altenpflege, die Betreuung von Menschen
mit körperlichen
oder geistigen bzw. psychischen Beeinträchtigungen oder der Betrieb
von
Krankenhäusern sind oftmals Bestandteil des sozialen Angebots.
Eine Verbesserung der Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungsqualität
in
Kindertagesstätten ist sicherlich sinnvoll, vor allem in Anbetracht
der Erkenntnisse, die
wir in den letzten Jahren über Kinder und ihre
Entwicklungspotenziale in der Zeit von der
Geburt bis zur Einschulung gewonnen haben. Der Gesetzgeber hat die
Anwendung von
Qualitätsentwicklungsverfahren in Kindertagesstätten bereits
verbindlich
festgeschrieben. Mittlerweile existiert eine unüberschaubare Anzahl
von Anbietern
solcher Verfahren speziell für Kitas. Ebenso existiert eine Vielzahl
unterschiedlicher
Qualitätsentwicklungsansätze.
Wem soll sie am Ende nutzen, die verbesserte Qualität? Naheliegend
ist, dass es in
erster Linie um die Kinder gehen sollte, die die Kindertagesstätten
besuchen. Betrachtet
man aber die Qualitätsmanagementverfahren etwas genauer, die
bundesweit forciert
und verbreitet durch die Wohlfahrtsverbände in den
Kindertagesstätten zur Anwendung
kommen, so kann man schon im Inhaltsverzeichnis der zumeist recht
umfangreichen
Handbücher erkennen, dass kindbezogene Inhalte nur eines von vielen
Themen sind.
Blättert man in den Qualitätshandbüchern, so kann man oft keine
klare
Prioritätensetzung erkennen. Maßnahmenbeschreibungen für Notfälle,
Festlegungen für
Einkäufe und Bestellungen, Marktanalysen oder
Dokumentationsformblätter rangieren
meist gleichberechtigt neben der Sprachförderung oder der
Zusammenarbeit mit den
Eltern. Verständlich wird dies, wenn man den Ursprung und die
Funktion eines
Qualitätsmanagementverfahrens betrachtet: Es geht in erster Linie
darum, sämtliche
Organisationsabläufe in den Blick zu nehmen und stetig zu
verbessern.
Ihren Ursprung haben die Qualitätsmanagementverfahren in der
Wirtschaft, genauer
gesagt in der Automobilindustrie. Später kamen sie dann in fast
allen industriellen
Fertigungsprozessen zur Anwendung. Im Dienstleistungssektor wurden
die aus der
Industrie stammenden Verfahren Anfang der 90er Jahre im Zuge des
Wandels im
Gesundheitswesen zuerst in Krankenhäusern umgesetzt. Eine
marktwirtschaftliche
Orientierung bzw. Prioritätensetzung wurde hierbei durch den
Gesetzgeber
festgeschrieben.
Die Qualitätsmanagementmodelle heißen z. B. Total Quality Management
(TQM) und
European Foundation for Quality Management (EFQM). Das TQM stammt
aus den USA
und wird nach dem ehemaligen US-Handelsminister auch
Malcolm-Baldrige-Modell
genannt. Im Mittelpunkt des TQM-Konzepts steht die Orientierung am
Kunden und die
strukturierte Herangehensweise an die Unternehmensziele. Das
EFQM-Modell, man
könnte sagen die europäische Variante des TQM, orientiert sich am
TQM, bezieht
jedoch die Beschäftigten stärker ein. Bezogen auf den Humanfaktor
Mensch muss im
Rahmen des europäischen EFQM-Konzepts neben der Kundenzufriedenheit
auch die
Motivation und Beteiligung der Beschäftigten berücksichtigt werden.
Da beide Modelle
keine Zertifizierung beinhalten, werden sie in der Regel mit der DIN
EN ISO kombiniert,
denn deren Normvorschriften dienen vorrangig einer Zertifizierung.
Die
Zertifizierungsanforderungen verlangen eine systematische
Arbeitsweise, am Ende
eines solchen Prozesses stehen nachprüfbare und dokumentierte
Qualitätsstandards.
Innerhalb des Unternehmens – sei es nun eine Automobilfirma oder
eine Organisation
aus dem sozialen Sektor, wie z. B. eine Kindertagesstätte – geht es
also darum,
sämtliche Arbeitsabläufe zu optimieren. Hierzu gehört, dass
Mindestanforderungen
formuliert werden.
Doch wie gestaltet sich nun so ein Qualitätsmanagementprozess in
einer Kita? Die
Dachverbände und ihre Kita-Fachberatungen lassen sich von
Qualitätsmanagement-
Experten zunächst beraten, diese moderieren gegebenenfalls den
Gesamtprozess.
Wenn die Themenpalette definiert ist, werden Qualitätszirkel zu
allen Themenbereichen
eingerichtet, die die Kita betreffen. In diesen Qualitätszirkeln
erarbeiten dann
verschiedene Berufsgruppen der Kita und des Dachverbands gemeinsam
Standards
und Anforderungen für das betreffende Themenfeld.
Auf den ersten Blick ist dies eine basisdemokratische Vorgehensweise
mit breiter
Beteiligung von Erzieher/innen, Kita-Leitungskräften, Fachberatungen
und
Verbandsvertretungen. Zum Teil arbeiten auch Eltern in solchen
Qualitätszirkeln mit. Im
zwei- bis dreijährigen Arbeitsprozess der Qualitätszirkel wird
außerdem ein
Qualitätsmanagementhandbuch erstellt, in dem sämtliche Abläufe
innerhalb der Kita
definiert und festgehalten sind und die entsprechenden
Vorgehensweisen beschrieben
werden. Es wird eine teilweise unüberschaubare Vielzahl von
Vordrucken,
Maßnahmeblättern und Formularen für die interne Dokumentation
entwickelt, z. B. zum
Beobachten der Entwicklung von Kindern, dem Einkauf von
Tintenpatronen für den
Büroalltag oder für die Audits, in denen festgelegt wird, auf welche
Weise die
Überprüfung der definierten Standards erfolgen soll.
Die Erarbeitung des Handbuchs kann als sinnstiftendes,
gemeinschaftliches Erlebnis
und Ergebnis gewertet werden, doch eine Kita-Mitarbeiterin hat durch
ihre Teilnahme an
einem oder mehreren Qualitätszirkeln nur in einem kleinen
Teilbereich mitgewirkt und
sich folglich thematisch auch nur mit einem Bruchteil des
Gesamtwerks intensiv
beschäftigt. Wer die Standards für das Beschwerdemanagement
definiert hat, mag auf
diesem Gebiet Expertin sein, doch zum Thema Sprachstandserfassung
bei der
Aufnahme eines Kindes in der Kita bleibt zunächst nur, das hierzu im
Qualitätszirkel
entwickelte Formular zu verwenden. Eine vertiefte Auseinandersetzung
und Reflexion
der einzelnen Themengebiete ist allein aufgrund der Fülle der Themen
nicht möglich.
Betrachtet man nun die Ergebnisse der Qualitätszirkel genauer, so
kann man immer
wieder feststellen, dass in den Standards Selbstverständliches
formuliert wird. Die
Zusammenarbeit mit Eltern ist beispielsweise in den
Qualitätsmanagement-
Handbüchern der Kindertagesstätten ein Themengebiet, das in der
Regel sehr
ausführlich behandelt wird. Man findet Formulare für Wartelisten,
Checklisten für
Elternabende und Elterngespräche, aber auch Ankreuzbögen für
Elternbefragungen.
In dem Handbuch eines Spitzenverbandes werden „Elterngespräche“
folgendermaßen
definiert, Zitat: „Elterngespräche sind der verbale Teil der
Kommunikation zwischen
Eltern und Beteiligten der Kindertageseinrichtung, hierzu zählen
insbesondere geplante
Elterngespräche, Tür-und–Angel-Gespräche, Telefonate und
Sprechzeiten.“ Zitat Ende.
Diese Definition wird im Handbuch weiter spezifiziert. Es heißt:
„Geplante
Elterngespräche haben die Entwicklung des Kindes oder andere
vorbereitete Themen
zum Inhalt oder dienen dem Informationsaustausch. Sie werden durch
die Einrichtung
oder Eltern initiiert.“ Als Ergebnis des Qualitätszirkels zum Thema
„Elterngespräche“
werden im Handbuch der Standard und das Optimum definiert. Die
formulierte
Standardanforderung lautet: „Einmal jährlich findet ein geplantes
Elterngespräch statt.“
Auch das Optimum wird benannt. Es heißt dort: „Bei besonderen
Anlässen finden
zusätzliche Elterngespräche statt.“
Ist es wirklich notwendig, solche Selbstverständlichkeiten zu
definieren? Die Antwort
scheint banal, aber womöglich gehörten solche Kommunikationsformen
bislang nicht
zum Kita-Alltag.
Ergebnisse wie die zu Elterngesprächen verweisen aber auch auf ein
anderes Problem
der Qualitätszirkel. Die inhaltliche Arbeit eines Qualitätszirkels
wird primär durch die
Teilnehmenden bestimmt. Die oft zufällig, wenn auch zumeist nach
Interessen
zusammengekommenen Gruppenteilnehmer/innen müssen nicht zwangsläufig
Experten
für das Themengebiet des jeweiligen Qualitätszirkels sein. Wer
garantiert in solchen
Fällen, dass aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse in den
Qualitätszirkeln zur Sprache
kommen und diese leitend für die Definitionen und Formulierungen der
Mindeststandards sind? Es bleibt mehr oder weniger beliebig, was die
Mitwirkenden der
einzelnen Qualitätszirkel als Standard zur Qualitätsverbesserung in
ihrer Arbeitsgruppe
festlegen, zumindest aber ist es abhängig von individuellem
Fachwissen und
praktischen Erfahrungen.
Im Rahmen meiner Dissertation, die ich über
Qualitätsentwicklungsverfahren in
Kindertagesstätten geschrieben habe, hat mir ein Verbandsvertreter,
der für einen
Spitzenverband an einem bundesweit zum Einsatz kommenden
Qualitätsmanagement-
Handbuch mitgewirkt hat, in einem Interview erläutert, dass es in
diesem Verfahren nicht
mehr wichtig sei, mit welchen Methoden und welchen Inhalten die
Standards erfüllt
werden. Relevant seien nur noch die Dokumentationen, die zeigen,
dass die Kriterien
erfüllt werden. Bezogen auf das Elterngespräch aus dem zitierten
Qualitätshandbuch ist
demnach dem pädagogischen Anspruch Genüge getan, wenn dokumentiert
ist, dass
einmal jährlich ein Elterngespräch stattgefunden hat.
Die pädagogische Qualität in einer Kindertagesstätte soll mit den
Qualitätsmanagementverfahren optimiert und verbessert werden. Laut
DIN EN ISO
9000 wird Qualitätsmanagement als „aufeinander abgestimmte
Tätigkeiten zum Leiten
und Lenken einer Organisation bezüglich Qualität“ definiert. In den
Normvorschriften der
DIN EN ISO 9000 werden die Grundlagen und Begriffe erläutert, die
auch für die
Zertifizierung der Kindertagesstätten notwendig sind. Doch was ist
mit Qualität gemeint?
Dazu gibt es eine Vielzahl von Definitionen. Die derzeit gültige für
Qualität nach DIN EN
ISO 9000 ist der „Grad, in dem ein Satz inhärenter Merkmale
Forderungen erfüllt.“ Diese
rätselhafte und zugleich hoch abstrakte Formulierung hat allerdings
nichts gemein mit
pädagogischen Sprachgepflogenheiten. Selbst wenn man weiß, dass
Inhärenz „einer
Einheit innewohnend“ bedeutet, also ein ständiges Merkmal wie die
Breite und Höhe
des DIN-A-4–Blattes ist, wird nicht verständlich, wie man mit solch
einer Definition in
einer Kindertagesstätte Qualitätsverbesserungen erreichen kann.
Dieses Beispiel für Definitionen nach DIN EN ISO macht ebenfalls
deutlich, dass es sich
bei den Zertifizierungen und Qualitätsmanagementverfahren um stark
formalisierte,
strukturierte und auf Standards abzielende Verfahren handelt. Doch
auch andere
Definitionen von Qualität erscheinen wenig hilfreich, wenn man
bedenkt, dass
Kindertagesstätten Orte sind, an denen Kinder spielen und sich
bilden und Eltern und
Erzieher/innen, idealerweise in einer Erziehungspartnerschaft, die
Ansprechpartner/innen für die Kinder darstellen. Es existieren
produktbezogene,
anwenderbezogene, prozessbezogene oder auch Preis-Nutzen-bezogene
Sichtweisen
hinsichtlich der Qualität. Interessant in diesem Zusammenhang ist,
dass der Begriff
„Qualität“ im sozialen Bereich erstmalig im Kontext von
Sparreformgesetzen und
marktorientierten Steuerungsmodellen auftauchte.
Doch sind Kinder und ihre Familien wirklich Kunden? Nein, Kinder
sind keine Einkäufer
und eine Kita ist weder ein Händler noch ein Geschäft. Beschritten
ist er jedoch längst,
der Weg der Ökonomisierung in den Kindertagesstätten. In vielen
Bundesländern und
Kommunen müssen die Kindertagesstätten heute wirtschaften wie ein
Unternehmen,
auch Rücklagen für schlechte Zeiten sollen gebildet werden. Ja,
vielleicht ließen sich
auch Profite erwirtschaften, wenn man immer mehr Kinder von weniger
Personal
betreuen ließe. Doch diese Maßnahmen werden von Regierungsseite
ohnehin schon als
Sparmaßnahmen verordnet – auf Kosten einer Investition in die
verbesserte
pädagogische Qualität der Kitas. Kindertagesstätten konkurrieren
heute miteinander,
und die scheinbar objektive ökonomische Logik hat zur Folge, dass
das pädagogische
Handeln zunehmend von aus der Wirtschaft übernommenen
Begrifflichkeiten und
Handlungsweisen bestimmt wird.
Man kann einen Qualitätsmanagementprozess in Kindertagesstätten nur
mit externen
Beratern oder kommerziellen Unternehmen auf den Weg bringen, die
ihre Dienste
Institutionen im sozialen Sektor anbieten. Dies stellt einen hohen
Kostenfaktor dar, der
von Kleinsteinrichtungen oft gar nicht zu leisten ist. Neben den
hohen Kosten, die auch
nach Abschluss des Prozesses für die regelmäßig zu wiederholenden
Zertifizierungen
anfallen, stellen auch formale Anforderungen, die mit einem großen
Arbeits- und
Zeitaufwand verbunden sind, die Qualitätsmanagementverfahren im
Bereich der
Kindertagesstätten grundsätzlich in Frage.
Es mag sinnvoll sein, Abläufe in der Büroorganisation im Rahmen von
Dienstbesprechungen zu optimieren, und eine Checkliste kann für ein
Elterngespräch
einen guten Orientierungsrahmen bilden. Dennoch werden die
pädagogischen Inhalte
im Vergleich zu den formalen Anforderungen zunehmend zweitrangig.
Für die
Beschäftigten einer Kindertagesstätte bedeutet Qualitätsmanagement
zunächst einmal,
dass alles Schwarz auf Weiß dokumentiert wird. Auch wenn man die
Interviews, die ich
im Rahmen meiner Dissertation geführt habe, sicherlich nicht als
repräsentative
Erhebung werten kann, ist doch die immer wiederkehrende Betonung der
immensen
Dokumentationspflichten auffällig. Die Auswirkungen möchte ich Ihnen
anhand eines
Zitats aus einem der von mir geführten Interviews verdeutlichen.
Eine befragte Kita-
Leiterin äußerte sich dazu folgendermaßen:
„Ja, wir haben uns einfach Zeit bei den Kindern gestohlen, muss man
wirklich sagen.
Anders ging es ja gar nicht. Wie sollte ich es den Mitarbeitern
verkaufen zu sagen: Ihr
packt eure Stunden oben drauf? Das geht nicht, somit haben wir sie
bei den Kindern
weggenommen. Heute ist es so, dass unsere Qualitätsbeauftragte eine
Wochenstunde
mehr hat als andere, um alles festzuhalten. Es wird alles
festgehalten, sei es der
Pfarrbrief oder wann Druckerpatronen ausgetauscht wurden; alles
solche Dinge.“
Egal ob es nun der Wechsel einer Druckerpatrone ist oder das
Formular, das über den
Entwicklungsstand eines Kindes Auskunft geben soll. Ob die
umfangreichen
Dokumentationen für das Praxisfeld einer Kita sinnvoll sind und den
Kindern mehr
Anregungen und Entwicklungsmöglichkeiten bieten können, scheint
äußerst fraglich.
Wenn, wie im Zitat eben geäußert, den Kindern Betreuungszeit
genommen wird, muss
man umso deutlicher hinterfragen, wie ein solcher
Qualitätsmanagementprozess die
pädagogische Qualität verbessern soll.
Wenn eine Kita nach DIN EN ISO 9001:2000 zertifiziert wurde, dann
drückt die erste
Ziffernfolge die fortlaufend durchnummerierte Normvorschrift aus und
die zweite Zahl
das Jahr ihrer Überarbeitung. Vielleicht kennen Sie die vielzitierte
Kritik der
Schwimmweste aus Beton, die man mit dem DIN-EN-ISO-System
theoretisch
zertifizieren könnte, auch wenn sie ihren Bestimmungszweck nie
erfüllen könnte.
Es bleibt fraglich, ob mit einem Qualitätsmanagementverfahren
pädagogische Prozesse
überhaupt verbessert werden können oder ob solche Verfahren nicht
sogar schädliche
Auswirkungen auf sie haben können.
Beliebig oder gar schädlich? Für mich ist es unverständlich, warum
ein
Qualitätsentwicklungsverfahren für Kindertagesstätten nicht in
erster Linie kindorientiert
ist. Warum werden stattdessen Normvorschriften und
Standardbeschreibungen in den
Vordergrund gerückt? Den Qualitätsmanagementverfahren fehlen die
wesentlichen
bildungstheoretischen Grundlagen, die meines Erachtens nach die
eigentliche Basis für
ein Verfahren zur Verbesserung der pädagogischen Qualität bilden
sollten. In den
letzten Jahren wurden viele neue Erkenntnisse in der pädagogischen
Forschung und
auch in benachbarten Wissenschaftsdisziplinen gewonnen.
Beispielsweise entdeckten
Hirnforscher erst vor kurzer Zeit die Potenziale, über die Kinder
bereits in der frühen
Kindheit verfügen. Die Synapsen im Gehirn bilden sich in den ersten
Jahren sehr stark
heraus. Bereits Säuglinge kommen mit einer Basisausstattung zur
Welt, mit der sie
differenziert wahrnehmen können. Sie können vertraute von
nichtvertrauten Personen
unterscheiden, sie sind kommunikationsfähig und können sogar Töne
imitieren. Und in
ihrem Gehirn werden die gemachten Erfahrungen individuell
verarbeitet und
gespeichert. Auch die Art und Weise, wie Kinder lernen, konnte erst
vor Kurzem neu
bestimmt werden. Man kann Kleinkindern nichts vermitteln oder
beibringen, vielmehr
sind sie von Geburt an eigenaktive Lerner, die ihre Welt
selbstlernend erkunden.
Demnach brauchen Kinder vor allem Anregungen. Gegenstände nach
unterschiedlichen
Merkmalen zu sammeln, ordnen und zu sortieren, das sind erste
mathematische
Grunderfahrungen die Kinder machen. Und wer einmal ein Quadrat mit
Bauklötzen
geschaffen hat, bekommt eine Vorstellung von geometrischen Figuren.
Beim Bauen und
Konstruieren müssen die Kinder vergleichen, Schlüsse ziehen und
Gegenstände in
Beziehung setzen. Solche Erkenntnisse sollten im Kita-Alltag das
pädagogische
Handeln der Erzieher/innen leiten. Ein
Qualitätsentwicklungsverfahren, mit dem man die
pädagogische Qualität verbessern möchte, muss aktuelles Fachwissen
einbeziehen.
Was braucht man, um Orte für Kinder so zu gestalten, dass die Kinder
zu Forschern und
Entdeckern werden können, dass die pädagogischen Prozesse verbessert
werden
können? Das pädagogische Personal sollte wissen, beobachten und
reflektieren
können, wie Kinder lernen und sich bilden und welche Bedeutung
soziale Beziehungen
und Bindungen in diesem Zusammenhang haben. Auch die Raumgestaltung
und die
Auswahl von Materialien ist eine pädagogische Aufgabe, wenn man ein
anregendes
Umfeld für Kinder und ihre Bedürfnisse gestalten möchte – damit sie
ihre Erfahrungen
mit allen Sinnen machen können. Allein mit einer Bestellung aus
einem
Kindergartenversandhandel kann man den Interessen der Kinder heute
nicht mehr
gerecht werden.
Wenn man sich nun auf die Suche nach einem sinnvollen
Qualitätsentwicklungsverfahren begibt, sollte man darauf achten,
dass ihm ein
bildungstheoretisches Fundament zugrunde liegt. Ebenso wenig darf
man die
Zielgruppe aus den Augen verlieren, für die man die Qualität
wesentlich verbessern
möchte – die Kinder. Sie sind diejenigen, an denen sich das
Verfahren orientieren muss,
soll die pädagogische Qualität verbessert werden.
Betrachtet man die Personengruppen, die in der Kita eine wichtige
Rolle für die Kinder
spielen, dann muss ein Qualitätsentwicklungsverfahren neben den
Kindern auch die
Weiterbildung der Erzieher/innen in den Blick nehmen. In der
Fachliteratur wird
wiederholt die fehlende Reflexionsfähigkeit der pädagogischen
Fachkräfte in Kitas
bemängelt. Durch intensive Weiterbildungsmaßnahmen und
Bildungsprozesse des
Personals kann eine neue pädagogische Qualität entstehen, in deren
Rahmen die
Mitarbeiter/innen nicht mehr nur die bevorzugten Entwicklungsbögen
zum Ankreuzen
verwenden und diese dann ohne weitere Konsequenzen im Aktenordner
verschwinden
lassen. Sie könnten stattdessen durch das Wahrnehmen der
Bildungsprozesse der
Kinder selbst viel Neues entdecken und sich in der Rolle als
Bildungsbegleiter/innen neu
finden. Die Kooperation und Zusammenarbeit mit den Eltern spielt
ebenfalls eine
wichtige Rolle, denn eine gelungene Erziehungspartnerschaft wird
sich
entwicklungsfördernd auf das Kind auswirken.
Bleiben zuletzt noch die Kita-Leitungen, die Träger und
Dachverbände, die für die
Schaffung von adäquaten Rahmenbedingungen, für die kontinuierliche
Begleitung und
die Moderation der Qualitätsentwicklungsprozesse in der Kita
zuständig sind. Hier
können ergänzend eine fachwissenschaftliche Begleitung oder auch
Weiterqualifizierungen und Umstrukturierungen im Träger- und
Managementbereich
sinnvoll sein.
Es ist äußerst schwierig, im Dickicht der vielen
Qualitätsentwicklungsverfahren ein
geeignetes zu finden, das in erster Linie kindorientiert und
bildungstheoretisch fundiert
ist. Immer wieder stößt man auf Qualitätsmanagementverfahren, die
Qualität mit
Standardbeschreibungen definieren oder durch Leitsätze bzw.
Grundorientierungen
Reflexions- und Qualitätsverbesserungsprozesse initiieren wollen.
Am Schluss möchte ich Ihnen zwei positive Beispiele aufzeigen, wovon
eines jedoch
eigentlich gar nicht als Qualitätsentwicklungsverfahren deklariert
wird. Es handelt sich
dabei um das Konzept des Soziologen Hans-Joachim Laewen und der
Erziehungswissenschaftlerin Beate Andres, das im Rahmen des von
ihnen gegründeten
Instituts infans, ein Institut für Angewandte
Sozialisationsforschung und Frühe Kindheit,
entwickelt wurde. Es wird daher als Infans-Konzept bezeichnet.
Das Infans-Konzept nahm seinen Anfang als Modellprojekt „zum
Bildungsauftrag von
Kindertagesstätten“ in den Bundesländern Sachsen, Schleswig-Holstein
und
Brandenburg. Mittlerweile wird das Konzept in über 1.000
Kindertagesstätten erfolgreich
praktiziert und es ist zur Grundlage der pädagogischen Arbeit vieler
Kindertagesstätten
in den Bundesländern Baden-Württemberg und Brandenburg geworden.
Auch in der
Schweiz wird es derzeit, an die dortigen Bedingungen angepasst, in
den ersten
Kindertagesstätten eingeführt. Den wesentlichen Kern des
Infans-Konzeptes bilden die
Prozesse und Bildungsthemen der Kinder und die hierfür notwendigen
Qualifizierungsmaßnahmen für das Fachpersonal in Kindertagesstätten.
In dem Infans-
Konzept geht es zunächst darum, dass die Erzieher/innen Ziele für
konkretes Handeln
im Alltag mit den Kindern formulieren, die dann später regelmäßig
reflektiert werden. In
einer Brandenburger Kita wurden unter anderem zum Aspekt
„Kooperationsfähigkeit“
folgende Erziehungsziele vereinbart:
Wir greifen die Ideen der Kinder auf und unterstützen sie bei der
Umsetzung.
Wir nehmen uns Zeit, wenn ein Kind uns etwas erzählen oder mitteilen
will.
Im Laufe der Weiterbildung mit dem Infans-Konzept wird ein
spezielles Beobachtungsund
Auswertungsverfahren eingeführt, bei dem die Interessen und Themen
der Kinder
festgehalten werden und diese dann im pädagogischen Alltag von den
Erzieher/innen
besonders berücksichtigt werden. Die pädagogischen Fachkräfte
erlernen ebenfalls, die
Bildungsprozesse der Kinder kontinuierlich zu dokumentieren. Aber
auch
organisatorische Rahmenbedingungen, wie z. B. Zeiteinteilung oder
Teamarbeit sind
Bestandteile des Infans-Konzepts. Für die Implementierung des
Infans-Konzeptes wird
von einem Zeitraum von ein bis anderthalb Jahren ausgegangen.
Das zweite Beispiel ist das Qualitätsentwicklungsverfahren eines
Wohlfahrtsverbandes
in Hamburg, das SOAL-QE-Verfahren, welches unter der
wissenschaftlichen Begleitung
des emeritierten Professors für Frühkindliche Pädagogik Gerd E.
Schäfer von der
Universität zu Köln entstanden ist.
Das Qualitätsentwicklungsverfahren des Alternativen
Wohlfahrtsverbandes SOAL e. V.
ist nicht nur eine Weiterbildungsmaßnahme für das pädagogische
Personal in den Kitas
auf Basis einer bildungstheoretischen, kindorientierten Grundlage,
der insgesamt
dreijährige Prozess schließt mit einer Zertifizierung ab. Alle zwei
Jahre muss das
Zertifikat erneuert werden, in der Zwischenzeit müssen die
Qualitätsentwicklungsprozesse regelmäßig dokumentiert werden.
Die Erzieher/innen werden mit Handwerkszeug für die Gestaltung und
die Reflektion des
pädagogischen Alltags ausgestattet. Dazu gehören auch Formen der
Kommunikation
oder Konfliktlösungsstrategien. Die pädagogischen Fachkräfte
erlernen
Analysemethoden, um Stressmomente im Alltag zu minimieren. Im
Vordergrund des
SOAL-Verfahrens steht die Dokumentation der Bildungsprozesse der
Kinder. Hierfür ist
es notwendig, dass sich die Erzieher/innen auch mit der eigenen
Bildungs-Biografie
beschäftigen. Mit der Erstellung eines „Ich-Als-Kind-Buches“,
bestehend aus Texten,
Erinnerungsstücken und Fotos, taucht man in seine eigene Kindheit
ein.
Bei der Wahrnehmung der kindlichen Bildungsprozesse geht es in
erster Linie darum,
ein wahrnehmendes und entdeckendes Beobachten zu erlernen, das nicht
einordnet,
was man schon kennt, sondern durch das Kind etwas zu entdecken, was
man noch
nicht kennt. Diese Wahrnehmungen sollen dazu dienen, weiterreichende
Bildungsanregungen für die Kinder zu schaffen. Hierfür beschäftigen
sich die
Erzieherinnen mit speziellen Raumkonzepten und Materialangeboten,
mit denen man
die kindliche Neugier herausfordern und Bildungsanregungen schaffen
kann. In neu
gestalteten Kinderateliers, Bauräumen oder Bewegungsbaustellen
probieren sich die
Erzieher/innen zunächst selbst aus und vertiefen dann im Rahmen des
Qualitätsentwicklungsverfahrens einen oder mehrere Bildungsbereiche,
um Kindern als
kompetente Ansprechpartner/innen zur Verfügung zu stehen. Nach
Abschluss des
dreijährigen Prozesses haben sich die pädagogischen Fachkräfte
fachlich spezialisiert
und persönlich weiterentwickelt.
Wirft man abschließend einen Blick auf die aus der Industrie
stammenden
Qualitätsentwicklungskonzepte, so ist es nur folgerichtig, den
mittlerweile weit
verbreiteten Irrweg zu verlassen, den die großen Wohlfahrtsverbände
mit ihren
Qualitätsmanagementverfahren in Kindertagesstätten eingeschlagen
haben. Für wen
und auf welcher Grundlage soll die Qualität verbessert werden? Diese
Frage muss neu
gestellt werden. Es ist zu beobachten, dass die Qualitätshandbücher
für
Kindertagesstätten in aufwändigen, mehrjährigen Prozessen mit einem
hohen Kostenund
Arbeitsaufwand entstehen, während das fertige Handbuch danach in der
Regel
ungenutzt im Schrank verschwindet. Die notwendige Zeit, die
unzähligen Formulare zu
bearbeiten, hat im Kita-Alltag aufgrund knapper Ressourcen ohnehin
kaum jemand. Es
existieren aber, wie ich aufgezeigt habe, Alternativen, mit denen es
tatsächlich gelingen
kann, die pädagogische Qualität, um die es eigentlich in einer
Kindertagesstätte gehen
sollte, zu verbessern.
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