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Manfred Schneider: Ruinen, Müll und Reste - Die
Archäologie der Jetztzeit
SWR2 RadioART: Essay
Autor: Manfred Schneider
Redaktion: Stephan Krass; mailto:
Stephan.Krass@swr.de
Sendung: Montag, 26. Juni 2006, 21.03 Uhr, SWR 2
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INHALT
Spr. 1
Im Jahre 1973 startete der amerikanische Archäologe William L. Rathje ein
ungewöhnliches Forschungsprogramm. Er setzte seinen Spaten nicht mehr in die
Erde der berühmten antiken Grabungsstätten in Ägypten, Griechenland oder gar
im Neandertal. Er versenkte seine Schaufeln und Sonden vielmehr in die
Abfälle und in den Müll seiner Zeitgenossen. Geschützt in Spezialanzügen und
hinter Atemmasken, begab er sich mit seinen Studenten zu den Mülldeponien
der Umgebung und arbeitete sich dort durch feuchte Papiermassen, Windeln,
Fastfoodpackungen, Schnapsflaschen, Tetrapacks, zerbrochenes Spielzeug,
Zigarettenkippen, Plastiktüten, Getränkedosen, vor allem aber durch Unmengen
von Speiseresten aus Nudeln, Kartoffelschalen, Brotresten, Hühnerknochen,
zerbröselten Doughnuts und halbverzehrten Bananen. Diese groß angelegte
Archäologie des Mülls wurde unter dem später berühmt gewordenen Titel
“garbage project” offiziell an der Universität von Arizona in Tucson
(sprich: Tuusson) als Forschungsunternehmen etabliert. Mit rund 750
Mitarbeitern präparierte Professor Rathje im Laufe der Jahre mehr als
100.000 Kilo weggeworfener Gegenstände aus rund 14 Tonnen Müll, die er aus
Deponien, Müllautos oder direkt aus Abfalleimern gesammelt hatte. Das
penibel sortierte, gewogene, codierte und katalogisierte Material bildet
eine einzigartige Datenbasis, die wertvolle und überraschende Aufschlüsse
über den Alltag, über Konsum- und Wegwerfgewohnheiten der Amerikaner
liefert. Es fand Eingang in ein Museum.
Spr. 2
Mit seinen Forschungen beseitigte Rathje nicht nur eine Reihe von Mythen
über das Abfallproblem seines Landes - etwa den Mythos von den Unmengen an
Verpackungsmüll. Er entwickelte auch eine völlig neue Konzeption der
Archäologie. Ziel dieser Archäologie war es nicht mehr, vergangene Welten
wieder auferstehen zu lassen und den langen Weg der Menschheit aus der
Wildnis in die Zivilisation nachzuzeichnen; es ging vielmehr darum, unsere
eigenen zeitgenössischen Verhaltensweisen zu erforschen. Bis in die
siebziger Jahre galt für die akademische Archäologie die Regel, dass ein
Gegenstand erst nach fünfzig Jahren für die Forschung interessant werden
kann. Diese fünfzig Jahre benötigen ein Ding oder ein Bauwerk, um jene
Minimalaura von Geschichtlichkeit anzusammeln, die sie in einen historischen
Gegenstand verwandelt. Das ist die Macht der Zeit. Indem sie Jahre
überleben, gewinnen Erkenntnisse Autorität, verwandeln sich Gewohnheiten in
Recht und erwerben Dinge antiquarischen Wert. Aber diese neue Archäologie
hat es eilig, sie entwindet sich dem Zeitgesetz und verringert den Abstand
zwischen der Entstehung eines Objekts und seiner Verwandlung in einen
historischen Gegenstand. Die neue Archäologie kümmert sich gleich um das
eben abgerissene Kalenderblatt. Es sieht so aus, als ob die Geschwindigkeit
und Flüchtigkeit, die in der Moderne die Fortbewegung, die Moden, die
Intimbeziehungen und den Konsum erfasst hat, nun auch die einfachen Dinge
verwandelt. Das Zeitintervall, das zwischen neu und alt steht, zwischen
Erwerben und Wegschmeißen, Gegenwart und Vergangenheit wird von diesem Tempo
vernichtet. Der Sammler, der seine Objekte der eigenen Zeit entnimmt und sie
einem privaten Gedächtnis zuführt, unterscheidet sich kaum noch von diesem
neuen Archäologen, der nicht mehr auf eine wie auch immer bestimmte
Vergangenheit angewiesen ist, um tätig zu werden. Der neue Archäologe gräbt
die Gegenwart aus. Es scheint eine Spielart der Postmoderne zu sein,
Gegenwart und Vergangenheit so zu verwischen. Indem die postmoderne
Gesellschaft in eine dauernder Zeitlosigkeit eintaucht, verkümmert offenbar
die Unterscheidung zwischen alt und neu.
Spr. 1
Der mit Rathjes „garbage project“ eingeleitete neue wissenschaftliche Bezug
zu uns selbst lässt sich aber auch ganz anders betrachten. Wenn es doch nur
noch eine Frage der Perspektive oder vielleicht des Berufes ist, ob wir
etwas aufbewahren oder ob wir etwas wegwerfen, wenn also die Geste des
Bewahrens und die Geste des Verwerfens tendenziell synonym werden, dann
scheint sich etwas Grundlegendes in der Ordnung der Dinge, die wir uns
geben, verändert zu haben. Wie der Philosoph Odo Marquard formulierte, ist
die so genannte Wegwerfgesellschaft zugleich eine Bewahrungsgesellschaft.
Dem raschen Verschleiß, den wir den Dingen zumuten, steht ein ebenso
sorgsames Aufbewahren zur Seite, der Brutalität des Konsums folgt eine
Sentimentalität des Konservierens. Daher stehen neben den Müllhalden
zahlreiche Museen und Archive. Ist dies eine moderne oder postmoderne
Paradoxie? Bisweilen hilft ein Blick in die Geschichte, um solche Frage zu
beantworten und um den Stand der Dinge genauer zu erfassen und zu verstehen.
Spr. 2
Das „garbage project“ untersucht Objekte, die wir wegwerfen, um unseren
Alltag zu reinigen und zu klären. Eine ganze Lebenshelferindustrie versorgt
uns mit Ratschlägen, wie wir uns von Überflüssigem, von Gerümpel und
Belastungen durch zu viel Aufbewahrtes befreien können. Höchst erfolgreiche
Buchtitel dazu sind Karen Kingstons Feng Shui gegen das Gerümpel des
Alltags; oder Werner Tiki Küstenmachers Bestseller: simplify your life. Die
sieben Wege zu einem Leben ohne Ballast. Versprochen wird ein ballastfreies
Leben durch Verabschiedung von Problemen, Dingen, Wohnungen, ungeeigneten
Partnern und falschen Freunden. Diese Eudämonie der Restebeseitigung, des
materiellen und seelischen Ballastabwurfs, bildet bereits die spirituelle
Steigerung einer dauernden Abschöpfung unseres Alltags mit Hilfe von
Papierkörben, Mülleimern, Sperrmüllabfuhren und Recycling. Aber das ist eine
moderne Erfindung. Die Müllentsorgung, eine regelmäßige von Kommunen
getragene Beseitigung der Abfälle wurde in manchen Städten erst vor gut
hundert Jahren eingeführt.
Spr. 1
Bis tief ins 19. Jahrhundert hinein kümmerten sich freilaufende Schweine und
Hühner um die Küchenabfälle, die aus den Fenstern der Häuser auf die Straße
flogen. Und es waren häufig Häftlinge, die mit Jauchekarren durch die Stadt
zogen, um die Abtritte der einzelnen Häuser zu leeren. Den Antrieb zu dieser
Einrichtung gaben nicht selten Katastrophen wie die Hamburger
Choleraepidemie von 1892, bei der mehr als achttausend Menschen starben.
Kurz darauf wurde die erste deutsche Müllverbrennungsanlage errichtet. Nur
eben weitere hundert Jahre zuvor, um 1800, begannen die westlichen
Gesellschaften jene Sensibilität für Gestank, Dreck, Abfall, Fäkalien und
Schmutz zu entwickeln, die uns heute den Gerätepark aus
Straßenreinigungsmaschinen, Staubsaugern, Putzmitteln, Luftcleanern,
Duftkerzen, Deodorants, Parfüms, Intimsprays bescherte. Was wir heute
selbstverständlich unseren Augen und Nasen ersparen, wurde der Gesellschaft
überhaupt erst vor gut 200 Jahren suspekt. Die Pioniere der ästhetischen und
olfaktorischen Hygiene waren Ärzte, Biologen und Schriftsteller. Paris ist
dafür ein anschauliches Beispiel. In seinen berühmten Schilderungen
alltäglicher Pariser Verhältnisse, in den Tableaux de Paris aus den Jahren
1782-1788, wunderte sich Louis-Sébastien Mercier, warum die Bewohner dieser
Stadt noch nicht die Flucht vor dem unerträglichen Gestank, Lärm und Dreck
ergriffen haben:
Spr. 3
„Wenn man mich fragt, wie ein Mensch es hier aushält, in diesem dreckigen
Schlupfwinkel aller nur denkbaren Laster und Übel, (…) inmitten einer von
tausend fauligen Dämpfen vergifteten Luft, zwischen Schlachtereien,
Totenäckern, Hospitälern, Abzugsrinnen, Urinbächen, Kothaufen, Färbereien,
Lohgerbereien und Lederwerkstätten; umgeben von dem dauernden Rauch
unglaublicher Holzmassen und dem Dunst der verbrannten Kohle, von arsenik-,
schwefel- und pechhaltigen Teilchen, die laufend aus den kupfer- und
metallverarbeitenden Werkstätten ausgestoßen werden (…), so würde ich
antworten, dass die Gewohnheit uns Pariser mit den feuchten Nebelschwaden
ebenso vertraut macht wie mit den schädlichen Dämpfen und dem fauligen
Schlamm.“
Spr. 2
Der Gestank im Paris des ausgehenden 18. Jahrhunderts war nicht neu, aber
neu war der von vielen Beobachtern, Schriftstellern und Ärzten festgehaltene
Ekel. Schlagartig begann in dieser Zeit, angetrieben von neuen
Wissenschaften und Theorien, die Empfindlichkeit gegenüber Gestank, Schmutz
und Körpersekreten zu steigen. Es waren Gelehrte, die mit ihren Alarmrufen
Geruchssensibilität und Bakterienfurcht erregten. Ärzte und Chemiker
entwickelten die Theorie der Miasmen, der giftigen Dünste, der feuchten,
Fieber erregenden Gase, die aus der Tiefe der Erde oder aus Senkgruben
emporsteigen und die bisweilen sogar Tier- und Menschenkörpern entweichen.
Diese miasmatischen Dämpfe werden dann im 19. Jahrhundert noch für die
Entstehung der Cholera verantwortlich gemacht. Solch vergiftender Pesthauch
ging für die neue Sensibilität von allen Orten und Plätzen aus, wo sich
Menschen drängten, etwa von einem Krankenhaus, wie dem Pariser Hôtel-Dieu,
wo im unteren Teil des Gebäudes die Leichen aufbewahrt wurden und ein
Stockwerk darüber die Wöchnerinnen lagen. Aber grauenvoll war auch der
Gestank in den Gefängnissen, ja, manche Beobachter der Zeit ekelten sich
auch in den Theaterlogen, wo der Atem von „zweitausend Menschenleibern“ den
empfindlichen Besucher heimsuchte. Miasmen auf den Friedhöfen, Miasmen in
den Kirchen, wo in den Grüften Leichen verfaulten, Miasmen auf den
Fischmärkten, Miasmen sogar in den Karossen, die die höheren Stände
benutzten, woraus die neue Mode beim Adel entstand, zu Fuß zu gehen.
Spr. 1
Zur gleichen Zeit begaben sich, ähnlich wie um 1970 der Archäologe William
Rathje, manche Wissenschaftler daran, den eigenen Abfall zu erforschen,
Schlamm, Dreck und schädliche Materien einzusammeln, um die im Labor zu
untersuchen. Der Chemiker Michel-Eugène Chevreul wanderte durch die Straßen
von Paris und schöpfte den Schlamm, der sich zwischen den Pflastersteinen
sammelte. Er kratzte auch Proben aus dem Mörtel und Gips der Häuser und
analysierte das Material auf spezifische Gefahren hin. Die Königliche
Akademie in Paris beauftragte kurz vor der Revolution von 1789 die berühmten
Gelehrten Lavoisier, Fougeroux und Milly damit, die Kloakenentleerung der
Stadt zu überprüfen. Folgenreicher als die politische Revolution wirkte sich
diese Revolution der Hygieneaffekte aus. Aber exakt in dieser Epoche, da
sich eine ganz neue Sensibilität für die Gefahren des Schmutzes, Mülls und
der stinkenden Reste entwickelt, wo sich die Furcht vor den überall
drohenden Miasmen und Fiebergasen überschlug, entwickelte sich in der
gebildeten Welt ein enormes Interesse für die Abfälle der Antike. Als ob die
drohenden Gefahren, die vom Mörtel und Gips der zeitgenössischen Bautechnik
ausgingen, den romantischen Sinn für antike architektonische Reste
verfeinert hätten.
Spr. 2
Immer schon haben Schriftsteller die Ruinen Roms besungen, die von der
vergangenen Größe und Herrlichkeit der Stadt erzählten. Seit dem Mittelalter
war Rom nur noch eine mächtige Ruine. Tatenlos hatten die Römer dem Verfall
der alten Prachtbauten in ihrer Stadt zugesehen, Erdbeben, Wasserfluten,
Stadtkriege, der Turmbau des Adels und Raubzüge der Marmorarbeiter
verwandelten die großen Monumente, die Aquädukte und Tempel in Ruinen. In
der Renaissance begann man, diese großen Zeugen der Vergangenheit zu
erhalten, aber noch über die Barockepoche hinaus betrachteten die Dichter
die Denkmäler als warnende Hinweise auf die Hinfälligkeit und Eitelkeit der
irdischen Dinge. Erst im 18. Jahrhundert erwachte ein neues Bewusstsein.
Andere Augen bewunderten nun vorbehaltlos die Reste der Antike und
entdeckten in den Ruinen eine besondere melancholische Schönheit. Eine
kleine Armee von Malern, Kupferstechern und Dichtern zog nach Italien, um
dem neuen Bedürfnis der gebildeten Gesellschaft Rechnung zu tragen und sie
mit Bildern der alten Welt und der römischen Ruinen zu versorgen. Neben der
Lektüre der klassischen Literatur, die ja seit der Renaissance zum
Schulunterricht gehörte, bewirkte diese malerische und dichterische
Vergegenwärtigung Griechenlands und Roms, dass die Gebildeten die Antike
immer lebendiger und näher fühlten und sich aus den Trümmern detailreiche
Bilder der einstigen Größe formten. 1808 fragte der deutsche Publizist und
Philosoph Adam Müller in seinen Vorlesungen über deutsche Wissenschaft und
Literatur:
Spr. 3
„Ist denn Rom untergegangen? Ist es denn nicht noch heute in jedem Herzen
(…)? Kann nicht jedes Gemüt noch heute seine Ruinen restaurieren, seine
Bruchstücke ergänzen?“
Spr. 1
Die Ruinen wurden aber nicht nur in Gedanken ergänzt, sondern auf Bildern
und Gemälden zum Dekor und Inbegriff des Schönen überhaupt. Aufsehen
erregten bereits im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts die Gemälde des
französischen Malers Hubert Robert, der nicht nur wie seine Zeitgenossen die
antiken Reste auf der Leinwand verklärte; Robert malte auch fiktive Ruinen
und verwandelte intakte zeitgenössische Bauten in Trümmer wie die Grande
Galerie du Louvre, die er mehrfach als halb zusammengebrochenes Gebäude
darstellte. Im Salon von 1781 stellte Robert drei Gemälde aus: eines zeigte
einen Brand in der Stadt Rom, eines den Brand der Pariser Oper und eines die
Oper nach dem Brand. Und in der Folge setzt man in die englischen Gärten der
Zeit künstliche Ruinen, um auch in der Nähe diesen Eindruck einer
romantischen Natur zu genießen.
Spr. 2
In dieser Zeit fand daher auf der einen Seite eine neue Sinnenästhetik die
Reste des eigenen Lebens, den Schmutz und Gestank des Alltags auf den
Straßen zunehmend unerträglich, aber zugleich rückten die Reste der Antike
den Betrachtern immer näher. Offensichtlich änderte sich da etwas in der
Ordnung der Dinge und im Zeitbezug der Menschen: Die eigene Welt rückte in
die Ferne, und die ferne Welt rückte immer näher, oder, wie Adam Müller
sagte, jedes Gemüt restaurierte die antiken Ruinen und Bruchstücke in seinem
Geiste. Diese imaginäre Zeitgenossenschaft, die zumal die Künstler des
ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts mit den Bruchstücken und
Ruinen der klassischen Vergangenheit eingingen, veränderte das Bild der
Zukunft. Vielleicht brachte es überhaupt ein neues Bild der Zukunft hervor,
nämlich die apokalyptische Vorstellung, dass die modernen Bewohner der
antiken Ruinen vielleicht schon die letzten Menschen sind. Denis Diderot
kommentierte die Bilder Hubert Roberts in diesem Sinne:
Spr. 3
„Wir antizipieren die Vernichtungen der Zeit und unsere Einbildungskraft
zerstreut über die ganze Erde die Gebäude selbst, in denen wir wohnen. In
diesem Augenblick breiten sich um uns Stille und Einsamkeit aus. Wir sind
die letzten Vertreter einer ganzen verschollenen Zeugung.“
Spr. 1
Diderots Phantasie, dass die jetzige Menschheit eine bereits ruinierte Welt
bewohnte und dass diese Welt demnächst auch in die Brüche gehen könnte,
beflügelte besonders die Phantasie der Romantik. Voll davon sind die Romane
der englischen romantischen Schriftstellerin Mary Shelley, der berühmten
Autorin des 1818 erschienenen Romans Frankenstein oder Der neue Prometheus.
Darin erzählt sie die phantastische Geschichte des Wissenschaftlers
Frankenstein, der aus Leichenfragmenten, die er sich aus Seziersälen und
Schlachthäusern besorgt hatte, einen künstlichen Menschen zusammenflickte.
Im Jahre 1826 veröffentlichte Mary Shelley den futuristischen Roman The Last
Man. Es ist die fiktive Lebensgeschichte des Engländers Lionel Vernay, der
gegen Ende des 20. Jahrhunderts den Ausbruch der Pest erlebt und beobachtet,
wie die Miasmen dieser Seuche nach und nach die ganze Welt heimsuchen und
alles menschliche Leben ausrotten. Er selbst überlebt knapp einen Anfall der
Krankheit. Gemeinsam mit seinem Freund, einem englischen Prinzen, seiner
Familie und einer Schar weiterer Menschen, die aber kontinuierlich von der
Seuche dezimiert wird, flieht er von England nach Europa, wo bereits auch
alles Leben erloschen ist. Bald verliert der Held auch seine Frau und den
ersten seiner beiden Söhne. Wenig später sterben der zweite Sohn, sein
Freund und seine Nichte. Als letzter überlebender Mensch begibt er sich nach
Rom. Hier, zwischen den Resten und Ruinen der alten Stadt nun endet seine
Geschichte, die er selbst aufgeschrieben hat:
Spr. 3
„So irrte ich durch das verlassene Rom (…). Ich umarmte die gewaltigen
Säulen des Tempels des Jupiter Stator auf dem Forum, ich erfreute mich
daran, mir vorzustellen, wie Camillus, wie die Gracchen, Cato und die
letzten Helden des Tacitus gewirkt hatten, ich entsann mich der Verse des
Horaz und des Vergil und gedachte der Dichtung des Cicero. Das Colosseum,
die Triumphbögen, das Capitol – wie ein Diorama der Vergangenheit zogen all
die Szenen der Geschichte an meinem geistigen Auge vorüber.“
Spr. 2
Der letzte Mensch geht durch das entseelte Rom und belebt die Reste der
Stadt mit seiner gebildeten Imagination. Mary Shelleys Roman antizipiert
einen Untergang der Menschheit, aber für dieses Ereignis, das am Ende des
20. Jahrhunderts spielt, wählt sie die Kulisse aus Ruinen, in denen sich die
romantische Phantasie eine künstliche Zeit ausmalt, in der ferne
Vergangenheit und Zukunft zusammenlaufen. Die literarische Ruinenromantik
geht dann bald zu Ende, dafür entdeckt die Literatur das Müllthema. So
besingt Baudelaire einen Trinker und Lumpensammler, der sich ...
Spr. 3
„lendenlahm unter einem Haufen Müll krümmt, dem konfusen Auswurf des
riesigen Paris.“
Spr. 1
Etwa zur gleichen Zeit wie Baudelaires Fleurs du Mal erschien Charles
Dickens’ Roman Unser gemeinsamer Freund, die Geschichte von John Harmon, des
Erben eines reichen Abfallhändlers. Der ganze Roman ist durchzogen von der
Thematik des dusts, eines im viktorianischen Englisch geläufigen Euphemismus
für Kot. Neben Harmon bevölkern den Roman noch weitere Händler und Agenten
des Abfalls, der Müllunternehmer Noddy Boffin, der Skeletthändlers Mr. Venus
und ein Abfallsammler namens Gaffer Hexam. Aber ganz sind diese
Müllgeschichten noch nicht von der Romantik abgekoppelt: Das Rom- und
Untergangsthema spielt auch in diesen Roman hinein, denn der Analphabet
Boffin lässt sich in seiner von Müllbergen umgebenen Villa aus Edward
Gibbons Decline and Fall of the Roman Empire vorlesen.
Spr. 2
So hat auch – um auf unsere Gegenwart zurückzukommen – das merkwürdige
Zeitverhältnis der Moderne eine Entsprechung in der Epoche um 1800. Während
wir heute mit der einen Hand unseren Alltag reinigen, dauernd überflüssige
Dinge abschöpfen, um sie dem Abfall zuzuführen, und zugleich unablässig
Neues kaufen, fangen wir mit der anderen Hand die verschwindenden Dinge
wieder auf. Um diese Ephemeren unseres Konsums nicht in die heillose
Vernichtung stürzen zu lassen, suchen wir sie in Bibliotheken, Archiven,
Museen, Trödelmärkten und Second Hand Shops der Müllwerdung zu entwinden.
Auf der einen Seite zieht es uns mit unwiderstehlicher Gewalt in die
Zukunft, wir lassen uns von den Moden, den technischen Erneuerungen nach
vorne treiben, während uns andererseits die gleiche romantische
Sentimentalität schüttelt und uns dazu anhält, die alten Dinge aufzuheben,
oder gar unseren eigenen Alltag als Vergangenheit zu behandeln. Zugleich
antizipieren wir diverse zukünftige Szenarios, in die sich wie bei Diderot
noch unsere Gegenwart erstreckt. Das gilt zum Beispiel für die Reste, die
aus den Atomkraftwerken in eine zehntausendjährige Zukunft gelagert werden.
Spr. 1
20.000 Jahre ist die Halbwertzeit von Plutonium, aber werden unsere Enkel in
10.000 Jahren zum Beispiel noch wissen, wie gefährlich dieser Müll ist? Dazu
eine kleine Geschichte. Vor gut 30 Jahren erhielt der amerikanische
Semiotiker Thomas A. Sebeok von der amerikanischen Regierung den Auftrag, er
solle ein Zeichensystem entwerfen, um sicherzustellen, dass das Wissen von
heute über die Lagerungsorte und über die physikalischen Risiken solcher
Atommüllreste für diese lange undenkbare Zeit von 20.000 Jahren
sichergestellt sei. Blicken wir dieselbe Zeitspanne zurück, dann existierte
vor 20.000 Jahren eine Menschenwelt ohne Schrift, ohne Technik, ohne Kultur
im heutigen Sinne. Die in jener Zeit gesprochenen Sprachen sind längst
unverständlich. Was wird man in 20.000 Jahren noch von uns wissen? Werden
unsere Bibliotheken, Archive, Museen dann noch existieren? Auf jeden Fall
werden über diese lange Zeit die Gefahren des Atommülls fortbestehen. Aber
wird man in 20.0000 Jahren noch unsere Sprache verstehen und unsere Schrift
noch lesen können? Kurz und gut: Hier besteht ein Zeitproblem. Und das
Problem lautet: Wie kann ein Wissen von den Gefahren des Atommülls über so
lange Zeit sichergestellt, stabilisiert und vielleicht auch immer wieder auf
den neuesten Stand gebracht werden? Das war die Aufgabe, die dem Semiotiker
gestellt wurde.
Spr. 2
Und wie hat Sebeok diese Aufgabe gelöst? Er unterbreitete den Vorschlag,
eine Atompriesterschaft zu gründen. Um das Problem sollte sich eine neu
gegründete Institution kümmern, eine Kaste von Spezialisten aus Physik,
Semiotik, Linguistik, die eigens in dieses Amt des Atompriesters berufen
werden sollten. Diese Atompriester würden sich wie Professoren selbst
rekrutieren und als beamtete Wissenschaftler für die feste, sichere,
redundante Speicherung des Wissens sorgen. Ganz wie Priester also waren sie
für die unverlierbare Tradition dieses Wissens verantwortlich. Nur die
großen Weltreligionen haben bislang ein Beispiel dafür gegeben, wie über
einen sehr langen Zeitraum ein Wissen stabil gehalten worden ist. Und für
diesen langen, in der menschlichen Geschichte eigentlich undenkbaren
Zeitraum sollten also Priester oder priesterähnliche Beamte die Sicherheit
und Stabilität des Wissens über die Risiken und Gefahren der Atommüllreste
gewährleisten.
Spr. 1
Es gibt also nicht nur Reste, die wir bewahren wollen, die wir vom Alltag
aussondern und ins Archiv oder Museum schicken, um sie vor dem Verfall in
Abfall zu bewahren; es gibt auch Reste, die sich aus eigener Kraft, aus
tödlicher eigener Kraft, über eine unabsehbare Zeit hinweg erhalten. Es sind
solche offenbaren Zeitparadoxien, die auch das Denken unserer Zeit
bestimmen. In Folge dieser das moderne Bewusstsein bestimmenden Frage der
Reste, der guten und schlechten Reste, haben viele bedeutende Denker des 20.
Jahrhundert nicht mehr die großen Themen und Fragen der Metaphysik
aufgegriffen - Gott, Wahrheit, Staat, Sein - sondern kleinformatige
Begriffe, Fragmente, Reste, Spuren, Trümmer, Ruinen. Gewiss setzte die
Aufwertung der Reste bereits früher ein, man findet sie bereits im 17.
Jahrhundert, aber als durchgehenden Zug, als eine allgemeine Beunruhigung
zeigt sich diese Wendung zum Übriggebliebenen und zu Randphänomenen erst
seit etwa 1900. Das Verständnis der Welt gewinnen viele Denker seitdem mehr
und mehr aus den Kleinigkeiten, Nebensachen und Abfällen der Welt und des
Sprechens. Man denke an die Ausnahme bei Carl Schmitt, an die Spur in den
Geschichtswissenschaften, an den Blick bei Sartre, an die différance
Derridas, an das punctum bei Roland Barthes und an so viele andere aus der
Peripherie der Welt gespeisten Theorien. Drei prominente Denker sollen
hierzu ein wenig ausführlicher zu Worte kommen: Sigmund Freud, Martin
Heidegger und Walter Benjamin.
Spr. 2
Sigmund Freud hat seine therapeutische Praxis, nämlich aus den Mitteilungen
seiner Patienten eine Krankengeschichte zu rekonstruieren, gerne mit den
Verfahren der Archäologen verglichen. Um sich Zugang zu dem Unbewussten zu
verschaffen, das die Erinnerungen an kindliche Erfahrungen und Traumata
verschlossen hält, gräbt der Analytiker und Arzt im Gedächtnis seiner
Patienten und versucht aus Alltagsresten, aus Träumen, Fehlleistungen und
Versprechern, den Trümmern oder dem Abfall des Sprechens, die Ereignisse zu
rekonstruieren, die dem Patienten selbst nicht mehr ohne weiteres zugänglich
sind. Ähnlich den Resten des Forum Romanum, die es erlauben, das Zentrum der
alten Stadt nachzubauen, nutzt Freud die Trümmer der Erinnerung, um den Bau
einer Neurose zu erschließen. Aber das Unbewusste lässt sich nicht nur bei
den Patienten auf der Couch beobachten, sondern auch im Alltag.
Spr. 1
Im zweiten Kapitel seiner Schrift Zur Psychopathologie des Alltagslebens aus
dem Jahre 1901 gibt Freud ein Beispiel für diese Methode, Fehlleistungen wie
Versprechen und Vergessen dem Verstehen zuzuführen. Er analysiert
Sprachreste, die selbst eine solche Reststruktur aufweisen. Freud erzählt da
die Geschichte eines jungen jüdischen Mannes, dem es nicht gelingt, einen
Vergil-Vers vollständig zu zitieren. Die beiden lernen sich auf einer
Zugfahrt kennen, und ihre Unterhaltung wendet sich der Lage der Juden zu.
Freuds Gesprächspartner ist überaus verbittert darüber, dass so viele
Gesetze die Juden bei der Entfaltung ihrer Talente und Möglichkeiten
einschränken. Um dies zu pointieren, will der junge Mann ein Wort der Dido
aus Vergils Aeneis zitieren, wo diese einem Nachkommen, der „aus ihren
Knochen ersteht“, die Rache an Äneas überträgt: "exoriar(e) aliquis ex
nostris ossibus ultor". Doch als er den Vers anführen will, kommt ihm das
lateinische Pronomen aliquis nicht mehr in den Sinn. Die Rekonstruktion, die
Freud nun einleitet, um das Vergessen aufzuklären, läuft über Assoziationen
wie „Reliquien“, „Liquidation“, „Flüssigkeit“ und bleibt dann beim
„Blutwunder des heiligen Januarius“ stehen. Am Ende ergibt sich der Grund
der Störung: Der junge Mann muss befürchten, dass ihm eine italienische
Bekanntschaft das Ausbleiben ihrer Regel mitteilt. Das Wörtchen aliquis ist
allzu sehr von dieser unbewussten Sorge okkupiert. Es sind buchstäblich
organische Reste wie Reliquien und Menstruationsblut, die die Artikulation
eines künftigen Rechtsanspruchs auf Gleichberechtigung aller Juden in dem
Vergil-Zitat blockieren.
Spr. 2
Unabweislich taucht nun die Frage auf, ob nicht Freud hier die jüdische
Seite seiner großen theoretischen Innovation gesehen hat. Sind nicht die
sprachlichen Reste dem sozialen und rechtlichen Status der Juden analog? Das
ist nicht zu leugnen. Andeutungen finden sich in Freuds Gesellschaftstheorie
mit dem Titel Der Mann Moses und die monotheistische Religion. Am Anfang der
Gesellschaft steht nach Freud nicht der Urkontrakt, der
Gesellschaftsvertrag, das Versprechen, sondern die Verdrängung oder gar die
Urverdrängung, wie Freud auch bisweilen schreibt. Die Theorie der
Verdrängung und des Unbewussten, die den Sprachmüll der Patienten und des
Alltags, die Alltagsreste und die unbewussten Abfälle durchkämmt und für
Theoriebedürfnisse recycelt, führt im Moses-Buch dann zu einer kühnen
spekulativen Theorie der Gesellschaft, an deren Anfang der Vatermord steht.
Mit ihrem davon übrig bleibenden schlechten Gewissen legt jede Gesellschaft
die kulturellen Grundlagen für jene Pathologien, die die psychoanalytische
Beobachtung beschreibt. In jeder neurotischen Verdrängung, der die
kindlichen Vatermordgedanken zum Opfer fielen, wiederholt sich das
ontogenetische Drama der Gesellschaft. Jedes Stammeln, jede Fehlleistung,
jede Gedächtnisstörung eines Patienten, bildet eine Signatur dieser
allerersten Verdrängung. Das ist das radikal Moderne dieser Theorie, und die
Psychoanalyse wirkt so an einer Revision mit, die im 20. Jahrhundert das
theoretische Interesse vom vollen Sprechen, vom kultivierten Diskurs abkehrt
und einem fragmentierten, verdrängten, uranfänglichen, verlorenen Sprechen
zuwendet.
Spr. 1
Eine ganz gleiche Theoriebewegung vollzieht auch Martin Heidegger. Seine
Parmenides-Vorlesung des Wintersemesters 1942/43 sowie das darauf folgende
Heraklit-Kolleg stellen seinen zentralen Beitrag zur Frage der Reste dar. Am
vorsokratischen Denker Parmenides erläutert Heidegger das Wesen der
griechischen alätheia, der Wahrheit. Sie heißt, genau übersetzt:
"Unverborgenheit". Der Gegenbegriff hierzu im Sinne der Verborgenheit heißt
im griechischen pseudos. Dieser pseudos bedeutet nach Heidegger nicht das
Falsche oder die Lüge, wie unser Wort Pseudonym nahe legen könnte, sondern
das Verdecken oder Verhehlen. Heidegger entfaltet nun die Lesart, dass
dieser griechische pseudos als Gegenwort zu alätheia in der römischen
Aneignung des Griechischen zum Gegensatz von verum und falsum, von wahr und
falsch, entstellt und verkürzt wurde. Es gibt daher bei Heidegger keine
Heroisierung Roms, denn dieser von den Römern eingeleitete "Wandel des
Wesens der Wahrheit und des Seins“ ist laut Heidegger „das eigentliche
Ereignis in der Geschichte".
Spr. 2
Ähnlich dem von Freud postulierten Vatermord und der Urverdrängung kennt
auch Heidegger eine Urkatastrophe in der Menschheitsgeschichte. Man weiß
vielleicht, dass Heidegger dieses Ereignis zu Beginn seines Hauptwerkes Sein
und Zeit als „Vergessen“ oder auch als „Verstummen“ der Frage nach dem Sein
analysiert hat. Während in Sein und Zeit, die Frage nach dem Sein wieder
ertönt und als zentrale oder fundamentale Herausforderung des Denkens
vorgestellt wird, verändert sich das gleiche Unternehmen in den Vorlesungen
über Parmenides und Heraklit zu einer Spurensuche, zu einer Befragung von
Bruchstücken, Trümmern und Resten. Es geht Heidegger ja auch nur darum,
diese Frage nach dem Sein als die eigentliche Gestalt des Denkens
wiederzufinden. Man kann diese Struktur mit derjenigen vergleichen, die
Freud der Arbeit der Analyse übertragen hat, nämlich einen verschütteten,
zerstückelten oder gar ruinierten Diskurs zu rekonstruieren.
Spr. 1
Ausschlaggebend ist nun, dass Heidegger vor allem in der
Parmenides-Vorlesung die Analyse des Restes nicht nur thematisch entfaltet,
sondern auch methodisch. Die Gegenstände, auf die sich seine Analyse stützt,
heißen nicht Diskurse, Systeme, Theorien, sondern Zeichen, Spuren, Winke,
Hinweise. Das sind alles kleinformatige Anstöße für das Denken, das freilich
selbst nicht kleinformatig operiert, sondern ins Große, Allgemeine,
Seinsgeschichtliche strebt und dort wahrhaftig gewaltige Dinge sagt. Die
Struktur aber ist offensichtlich. Es geht durch diese Rückbindung auf Reste,
auf Trümmer, Fragmente und zerstückelte Zeichen um eine prinzipielle Sache:
um Wahrheit, um den Ursprung und um die Entstehung des Staates. Der Staat,
und hier spricht Heidegger modellhaft exemplarisch über den Römischen Staat,
hat die Wahrheit in Stücke gelegt, und was übrig geblieben ist, sind Halde,
Verschüttung, Zertrümmerung. Der Staat, Wahrheit und Sprache sind heute nur
noch Müll, Abfall eines Abfalls, wie die abschließende Formel Heideggers
besagt:
Spr. 3
"das Wesen der Wahrheit ist längst aus seinem Anfang, und d.h. zugleich aus
seinem Wesensgrund, gewichen, aus seinem Anfang heraus gefallen und so ein
Abfall."
Spr. 2
Aber neben dem Verbergen der Wahrheit gibt es noch eine andere Weise der
Bewahrung, nämlich das Geheimnis. Dieses Geheimnis, das Unerklärliche, zählt
für Heidegger zu den Randphänomenen, die das technische Erklären und die
Rationalität nicht gelten und daher übrig lassen. Es ist der übrige Rest,
der buchstäblich in der Rechnung noch nicht aufgegangen ist. Die Neuzeit
pflastert die Welt zu mit Erklärungen und Wissenschaft, es gibt keinen Raum
mehr für das Geheimnis, die Neuzeit will keine Ungewissheiten. Die wenigen
Reste, die geblieben sind, die dunklen Fragmente der griechischen
Philosophie, erzählen vor allem von der Katastrophe der Seinsgeschichte. Die
Seinsgeschichte entfaltet sich aus dieser Sicht als ein Restewerden der
Wahrheit, welches dem Denken aufgibt, in den Trümmern diese ganze Wahrheit
wieder zu finden.
Spr. 1
Wie Heideggers Seinsgeschichte kennt auch Walter Benjamins
Geschichtsmetaphysik einen Unfall, der die Geschichte zerteilt: den
Sündenfall. In seinen frühen Aufzeichnungen "Über Sprache überhaupt und über
die Sprache des Menschen" liest Benjamin den Sündenfall als eine Katastrophe
der Sprache. Als in paradiesischer Zeit Adam den Tieren und Dingen ihren
Namen gab, da hielt sich die Sprache fern von aller Konvention. Die Namen,
die Adam vergab, waren rein und zufallslos wie platonische Ideen: Diese
Lampe heißt Lampe, weil sie Lampe ist. Dann zerriss der Sündenfall die
Verbindung von Namen und Dingen, und das Sprechen trat aus der reinen
Namensprache in die Funktionssprache über. Der Sündenfall und die
babylonische Verwirrung bilden ein einziges Ereignis. Mit dem Ende der
Namensprache suchte das Geschwätz die Welt heim. Der linguistische Müll
überfiel das Sprechen und vollendete die Katastrophe: die Entstellung der
Sprache zum Mittel. Nun ragt ein riesiger babylonischer Turm aus
Geschwätzabfall zum Himmel. Das Wachsen dieser Wortmüllhalden bildet den
Inhalt der Geschichte. Denn erst der Sprachunfall riss die Welt aus den
Angeln ewiger Zeitlosigkeit und trieb sie in die leere Weltzeit hinein, wo
sie, mit einer schwachen messianischen Hoffnung versehen, dem Ende der Zeit
entgegen geht. Erst wenn diese – wie Benjamin formuliert - "Verwirrung, die
vom Turmbau zu Babel herrührt" - geschlichtet ist, kann vielleicht die
messianische Nichtmehrzeit einsetzen.
Spr. 2
Wie aber steht es mit den Resten? Während sich Heidegger auf den Abfall der
griechischen Denker besinnt, entfaltet Benjamin sein ganzes Werk als Theorie
der Reste. Die paradiesische Sprachkatastrophe erfasste nach seiner Lesart
sowohl die Wörter als auch die Dinge, denn, so sagt er:
Spr. 3
"Zur Verknechtung der Sprache im Geschwätz tritt die Verknechtung der
Dinge."
Spr. 2
Was nicht "ohne Rest" in die Sprache Eingang findet, das fällt auf
demTrümmerhaufen, den die Weltgeschichte zum Himmel wachsen lässt. Der
paradiesische Zustand einer Sprache ohne Reste fiel für Benjamin in die
zeitlose Urzeit. Die Philosophie will aber jetzt diese Zeit, will die Ideen,
die Sprache, die Welt dieser Vorzeit wiederherstellen. In seiner Abhandlung
Ursprung des deutschen Trauerspiels erklärt Benjamin daher auch, dass die
Familien-Genealogie der Philosophen direkt auf den vorzeitigen Namengeber
Adam zurückgeht. Jeder philosophische Sohn Adams tritt an, um die
Zerstreuung der Worte und Dinge aufzuheben, er begibt sich an die
"Einsammlung der Phänomene", um die Welt wieder in ihren Ursprungszustand zu
versetzen. Die Reste, die die Geschichte aus Wörtern und Dingen anhäuft,
sind ja die Trümmer, denen Benjamins berühmter Engel der Geschichte sein
Antlitz zuwendet:
Spr. 3
"Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige
Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die
Füße schleudert.“
Spr. 1
Die zerstückten Körper, Leichen, Ruinen, Skelette, Torsi, Sprachfetzen, die
den Schauplatz des Trauerspiels füllen, gehören einer anderen zerstreuten
Dingwelt zu, die im barocken Theater den "Grund einer Neugeburt" legt. Aber
dem Engel der Geschichte will das nicht gelingen. Er will zwar "die Toten
wecken und das Zerschlagene zusammenfügen", aber der "Sturm des
Fortschritts", der vom Paradiese und vom Sündenfall her weht, hindern ihn
daran. In dem großen, seinerseits fragmentarischen Passagenwerk nimmt
Benjamin diesen Gedanken erneut auf. Was in der Abhandlung zum Trauerspiel
die Ruinen und Leichen als Embleme und Elemente der Geschichte zu leisten
hatten, das wird nun in der Betrachtung des 19. Jahrhunderts auf "Lumpen"
und "Abfall" übertragen .
Spr. 2
So entfaltet sich Benjamins Theorie der Reste, seine Vision einer
"Geschichte als Abfall", in ganz unterschiedlichen Gedankenreihen. Zu den
wichtigsten Konzepten zählt die Theorie des Sammlers, die im Passagenwerk
skizziert wird.
Der Sammler nimmt den Kampf gegen die Zerstreuung auf. Allerdings bleibt
sein Werk auf ewig unvollendet. Der Sammler entziffert die Masse der Dinge
als gefallene Waren. Auch sie sind Spuren jener ersten Katastrophe, der alle
Wörter und Dinge zum Opfer fielen. Die Ware ist das gefallene Ding, so wie
das Wort der gefallene Name ist. Benjamins Plan der Passagenarbeit sah nun
vor, die Bilder dieser Warenwelt, die Bewohner der Passagen, die Prototypen
der Hauptstadt des 19. Jahrhunderts, Moden, Reklamen, Waren, Konstruktionen,
Stimmungen, Gedanken, den gewaltigen Auswurf und Kehricht dieser Epoche, so
zu konfigurieren und so zu montieren, dass auch der Kapitalismus als Folge
der großen ersten Zerstreuungskatastrophe lesbar würde.
Spr. 1
Freud, Heidegger und Benjamin sind nicht nur Denker der Reste, sondern auch
Zeitgenossen zweier ebenso paradoxer Prozesse im 20. Jahrhundert: Da treten
einmal seit Picasso, George Braque, Marcel Duchamp oder Kurt Schwitters alle
möglichen Abfälle und Reste, Bindfäden, Eintrittskarten, Puppenarme,
Stuhlgeflechte, Fahrradsattel in den Raum der Kunst ein, so dass sich die
Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts auch als Müllgeschichte schreiben
ließe. Und in die gleiche Zeit fällt die Theorie und Praxis des
Völkermordes. Die Rassetheorien seit dem 19. Jahrhundert teilten die
Menschen in wertvolle und weniger brauchbare Rassen ein, und der Hitlersche
Rassismus bildete die grauenhafte Konsequenz dieser als Reste bestimmten
Menschen. Es ist bekannt, wie stark die Rassetheorien des Faschismus
durchsetzt waren von Begriffen und Klischees der im 19. Jahrhundert so
siegreichen Hygienetheorien. Menschen bestimmter Herkunft wurden als
Ungeziefer, Schädlinge, Parasiten, Bazillen, Schmutz bezeichnet und
beseitigt.
Spr. 2
Gehört diese Denkweise aber wirklich der Vergangenheit an? In weniger
schrecklicher und spektakulärer Weise wirken sich indessen die
biopolitischen regionalen und globalen Prozesse aus, die - wie es der
Soziologe Zygmunt Baumann ausdrückt - Menschenmüll produzieren, nämlich
Menschen, die nach bestimmten sozialen Kriterien und ökonomischer Prinzipien
als überflüssig, unproduktiv, ja, sogar als störend gelten: Arbeitslose,
Unsesshafte Migranten, Flüchtlinge, Drogensüchtige. Diese Leute wurden durch
verschiedene evolutionäre Prozesse, die die avancierten Gesellschaften
durchmachen, zugleich erzeugt und überflüssig. Der technische Fortschritt,
der die Moderne hervorbrachte, hat innerhalb kürzester Zeit in vielen
Bereichen die menschliche Arbeitskraft abgeschafft. Oder er fordert eine
solche Mobilität und Flexibilität, die viele nicht mehr aufzubringen
vermögen. Die avancierten Gesellschaften vermeiden es sorgfältig, diese
Müll-Menschen physisch zu vernichten; doch sie werden in einem gewissen
Sinne sozial so markiert, dass sie als Ballast angesehen werden. Diese
Entwicklung hat, wie man heute gerne sagt, einen globalen Zug und trifft die
so genannten Industrieländer in vergleichbarer Form.
Spr. 1
Dieser Zug liest sich auch daran ab, dass ein ganzer Kontinent wie Afrika zu
einer globalen Ablagestätte für Abfälle geworden ist. Es ist längst bekannt,
dass alljährlich Millionen Tonnen von großenteils schrottreifen
elektronischen Geräten aus den Industrieländern nach Afrika exportiert
werden, wo sie dann auf Müllkippen landen. Als Caritas maskiert schicken
westliche Helfer Unmengen von Altkleidern und abgetragenen Schuhen
hinterher. Zwar hatte die Basler Giftmüll-Konvention aus dem Jahre 1992 den
Export von giftigen Stoffen in Dritte-Welt-Länder weitgehend unterbunden;
doch unter der Hand laufen auch viele dieser Exporte weiter. In den Augen
des Westens hat sich Afrika durch Bürgerkriege, Aids, Flüchtlinge und
wachsende Wüsten in einen Schrottplatz voll unbrauchbarer Menschen, Wüsten
und Waren verwandelt. Der dunkle Kontinent nimmt in der Vorstellung vieler
Zeitgenossen die Gestalt eines riesigen Endlagerungs-Erdteils innerhalb der
globalisierten Welt ein. Die Unterscheidung, die auf der einen Seite
sinnvolle und brauchbare Dinge, Menschen, Regionen und Systeme sieht und auf
der anderen Seite das Unbrauchbare, den Müll, das Verworfene, zerschneidet
auch Afrika in brauchbare Regionen mit wertvollen Gesellschaften und
Naturressourcen und unbrauchbaren geographischen und sozialen Wüsten. Die
New Yorker Stadtmanager, die noch vor einigen Jahren planten,
Containerschiffe mit ihrem Müll nach Afrika zu schicken, dachten ganz nach
diesem Schema.
Spr. 2
Alle diese Prozesse verlaufen in bestimmter Hinsicht anonym. Das ist auch
vermutlich der Grund dafür, dass die moderne Kunst eine solche enorme
Aufmerksamkeit für diese Prozesse aufbringt. Die riesige Abfallproduktion
der modernen Gesellschaft vollzieht sich in einer kollektiven Praxis, die an
keinen Einzelwillen anschließt, und läuft wie ein natürliches Geschehen ab.
Nicht anders steht es um die Prozesse, die den Menschenmüll hervorbringen,
die Arbeitslosen, Migranten, Asylanten. Die Begriffe, in die sich dieser
schicksalsähnliche Prozess kleidet, heißen: „Rationalisierung“,
„Effizienzsteigerung“, „Globalisierung“. Niemand ist dafür verantwortlich,
niemandem kann das zugeschrieben werden. Es gibt keinen Schuldigen, es gibt
keinen Urheber. Schwerlich wird man allerdings behaupten können, dass Gott
die Globalisierung gebracht hat. Es scheint eine radikal dem Menschwillen
entzogene Vernunft zu sein, der sich Wirtschaftsführer, Politiker,
Philosophen zu beugen haben. Bisweilen versuchen Populisten den Arbeitslosen
auch als faul und träge darzustellen, um das vertraute Prinzip von Ursache
und Wirkung anzuwenden, aber jeder Klardenkende weiß, dass diese Sicht dem
Problem nicht gerecht wird.
Spr. 1
Dass die Moderne dem Müll, dem Problem der Reste und des Abfalls, eine
solche Aufmerksamkeit widmet, hat nicht nur mit der Ende des 18.
Jahrhunderts entstehenden Geruchsempfindlichkeit und dem Hygienebewusstsein
zu tun. Es ist auch der Erfahrung geschuldet, dass die Unterscheidung
zwischen nützlich und überflüssig, brauchbar und unbrauchbar, Bewahren und
Verwerfen offenbar die Menschheit selbst erreicht hat und ihr Schicksal
mitbestimmt. Vermutlich sind in allen Kulturen und zu allen Zeiten
Behinderte, Verrückte, Unproduktive und Alte als Last betrachtet worden;
vielleicht wurden auch in früheren Gesellschaften solche Menschen bisweilen
umgebracht. Aber erst das 19. und 20. Jahrhundert verwandeln durch rein
evolutionäre, industrielle Prozesse Menschen in Müll. Das 19. Jahrhundert
spricht bereits vom so genannten Lumpenproletariat, das 20. Jahrhundert
erlebt die ungeheuerlichen Völkermorde, und das 21. Jahrhundert schaut
ebenso alarmiert wie teilnahmslos der Müllwerdung ganzer Völker und
Bevölkerungsgruppen zu. Diese Frage des Menschenabfalls erscheint nun heute
als prinzipiell und besorgniserregend. Zwar ereignet sich bereits in Goethes
Faust II ein Kollateralschaden, als durch Fausts Landgewinnungspläne die
idyllische Lebenssphäre von Philemon und Baucis zerstört wird und die beiden
mit hinweg gerafft werden. In der Moderne scheint dies aber an der
Tagesordnung.
Spr. 2
Franz Kafkas Die Verwandlung führt den Prozess der Müllwerdung eines
Menschen in einer langen Erzählung vor Augen: Gregor Samsa verwandelt sich
zunächst in ein Ungeziefer und wird am Ende als „Zeug“ aus dem Hause
geschafft. Samuel Becketts Stück Endspiel setzt ein, nachdem dieser Vorgang
bereits abgeschlossen ist. Hamms Eltern sitzen in Mülleimern, die ersten
Ratten schleichen durch die Küche, er selbst ist blind und gelähmt. Der
Diener Clov blickt ab und zu mit einem Fernglas aus dem Fenster, aber die
Welt draußen wirft keine Informationen mehr ab. So bittet Ham den
abtretenden Clov noch um ein letztes Wort, über das er nachdenken könnte
Spr. 3
„mit dem Rest, am Ende, den Schatten, dem Gemurmel, all dem Übel, zum
Schluss.“
Spr. 2
„Letzte Restverwertung“ wäre ein anderer geeigneter Titel für dieses
Endspiel. Die Thematik, die Schriftsteller wie Beckett in seinen Stücken und
Romanen, Gottfried Benn in seinen Gedichten aus dem Leichenschauhaus, T.S.
Eliot in seinem Lyrikwerk Waste Land, Heinrich Mann mit seinem Professor
Unrat, Italo Calvino in seinem Essay Mülltonne oder auch Don DeLillo in
seinem Roman Unterwelt umspielen, ist in der bildenden Kunst des 20.
Jahrhunderts und bis auf den heutigen Tag eine weit verbreitete Praxis. Dort
werden in vielfacher, strenger oder auch phantasievoller Weise Abfälle in
den ästhetischen Prozess eingeschleust. Solche Konvertierbarkeit von Müll
und Kunst artikuliert die apokalyptische Besorgnis, dass die Grenzen
zwischen der geordneten Welt und dem Abfall nicht sicher sind, dass die
Verwandlung von Werten, Menschen, Kultur in Müll diese Grenze unablässig
verschiebt und dass mit der Auflösung dieser Differenzen die Welt
schleichend vom Wärmetod heimgesucht wird.
Spr. 1
In der bildenden Kunst unserer Tage ist diese Beunruhigung, die die
Literatur ausspricht, unmittelbarer zu spüren. Vielleicht kam sie als erstes
bei den objet trouvés der Dada-Bewegung und der Surrealisten zum Ausdruck,
obwohl bereits Vincent van Gogh einmal von der Schönheit einer Müllkippe
geschwärmt hat. Doch emblematisch für diese Wendung in der Kunst, die nicht
mehr die Welt abbilden, sondern Weltvorgänge und Verwandlungsprozesse, die
Müll, Staub, Tod, Exkremente hervorbringen, ausstellen wollte, war Marcel
Duchamps Urinal, das zum ersten Mal 1917 unter dem Titel „Fontaine“ die
Kunstwelt schockierte. Für Duchamps Ready-Mades und für die Objektkunst gilt
gewiss auch, dass sie nicht völlig ernst genommen sein will. Doch der Einzug
der Alltagsdinge in die Kunst, die Bild- und Objektwerdung von Schutt,
Asche, von rauen Materialien, von Fett, Staub, Rost, Filz währt schon so
lange und scheint so definitiv, dass sich auch darin der veränderte
Weltbezug der Moderne oder Postmoderne ausdrückt. Dabei scheint es
unvermeidlich, dass immer wieder Putzfrauen solche Kunstwerke nicht erkennen
und sie mit dem übrigen Schmutz, den sie als Heimsuchungen der Galerien oder
Ausstellungen zu bekämpfen haben, beseitigen.
Spr. 2
Auch Werke von Joseph Beuys wurden Opfer dieser Unschärfe. Berühmte Objekte,
die mit dem Unscharfwerden der Grenzen zwischen Müll und Kunst spielen, ist
einmal Piero Manzonis auf Dosen gezogene Merda d’artista, die
Künstlerscheiße von 1961. Ebenso berühmt sind die Poubelles, Mülleimer, des
französischen Künstlers Arman. Er produziert mit Hausmüll gefüllte
Plexiglaskästen als Objekte. Aus diesen Arbeiten heraus entwickelte Arman
dann später seine Accumulations, Ansammlungen, die aus zusammengeklebten
oder geschweißten Alltagsobjekten, Uhren, Musikinstrumenten und sogar Autos
bestanden, die zum Teil riesige Formate annahmen. Eine andere Variante zur
ästhetischen Konservierung und Mutation von Resten entwickelte der Künstler
Daniel Spoerri, der abgegessene Tafeln konservierte und Tischdecke, Teller,
Bestecke mit Speiseresten zu Objekten verwandelte. Eine ganze Kunstbewegung
sucht ihr Material auf Schrottplätzen. Zu ihnen zählen der französische
Künstler César und der Schweizer Jean Tinguely, die der Künstlergruppe der „Nouveaux
Réalistes“ angehören. Sie suchen ihr plastisches Material auf Müllkippen und
nutzen Wracks von Fahrzeugen aller Art als Werkstoff. Während Tingeley Teile
dieser Objekte in origineller Form neu zusammenbaut, wurde César durch seine
komprimierten Objekte verschiedenster industrieller Provenienz bekannt, die
er von den mächtigen Schrottpressen der Autohalden produzieren ließ.
Spr. 1
Aber auch subtilere Rest-Materialien wurden dem Verwandlungsprozess der
Kunst unterzogen. Im Jahre 1988 fand in Dijon eine Ausstellung mit dem Titel
Poussière (Dust memories) statt, die dem Staub gewidmet war. Das Konzept
verlangte von den Künstlern, dass sie das Nichtsichtbare und Immaterielle
oder auch Nichtrepräsentierbare des Staubes darstellten. An dieser
Ausstellung war auch der französische Fluxus-Künstler Robert Filliou
beteiligt, der im Jahre 1977 im Louvre und im Musée d'Art Moderne de la
Ville de Paris Meisterwerke auswählte, um ihren Staub zu konservieren. Mit
frischen Tüchern zog er den Staub ab, der sich auf diesen Gemälden und
Skulpturen abgelagert hatte und ließ sich dabei fotografieren. Nachdem er
die mit dem kostbaren Staub benetzten Tücher in Schachteln versorgt hatte,
klebte er auf die Deckel Polaroids, die ihn während der Aktion zeigen.
Spr. 2
Alle diese Künstleraktionen, die Objektkünste und Projekte, die Müll,
Abfall, trash, waste, dust in einen ästhetischen Prozess holen, sind
durchaus verwandt mit der Geste des anfangs erwähnten Archäologen William L.
Rathje, der den Müll seiner Zeit der Wissenschaft zuführt. Die moderne und
postmoderne Gesellschaft beobachtet ihren Abfall, ihre industriellen,
ökonomischen und kulturellen Stoffwechselprozesse mit höchster
Aufmerksamkeit. Sie zeigt sich von ihnen zugleich abgestoßen und magisch
angezogen. Die Anziehungskraft, die das Abstoßende im Auge der Wissenschaft,
der Kunst, bei Sammlern und am Ende bei uns allen ausübt, ist eine bislang
noch nicht verstandene Kraft, eine neue Dynamik unserer Kultur. Man könnte
vermuten, dass der Gegensatz zwischen Wegwerfen und Bewahren ein ähnliches
Schicksal, erleidet wie andere Gegensätze unserer Zeit, wie der Gegensatz
zwischen Männern und Frauen, wie der Gegensatz von Freund und Feind, wie der
Gegensatz von wahr und falsch. Die Unterschiede werden abgeschliffen und
unscharf.
Spr. 1
Andererseits hat der kurze Rückblick gezeigt, dass die Empfindlichkeit für
schlechte Gerüche, für Scheiße, Schmutz und Staub eben eine moderne
Errungenschaft ist. Diese Empfindlichkeit steigt ja eher, als dass sie
abnimmt. Die Empfindlichkeit legt Wert auf Trennschärfen. Vielleicht ergibt
sich auch eine Erklärung daraus, dass die moderne Gesellschaft immer
rigidere Verfahren der Aussonderung betreibt, dies aber mit einem schlechten
Gewissen. Das schlechte Gewissen – auch das lehrt die Geschichte – greift
gerne zu apokalyptischen Bildern, um sich Kraft zu verleihen. Aber sie
ändert nichts. Die moderne Gesellschaft beobachtet sich selbst wie frühere
Gesellschaften die Natur: Sie erkennt sich schaudernd als eine
unabänderliche schicksalhafte Dynamik. Die Geschwindigkeit dieser
Veränderungen wird immer größer, die Eingriffsmöglichkeiten werden immer
kleiner. Dafür nimmt die Intensität der Beobachtung zu. Die moderne Welt
kann nur Bestand haben, wenn sie vollkommen versteht, was sie abstößt. Noch
ist der Müll, so sehr er erforscht und ästhetisch recycelt wurde, ein
Geheimnis. |