<<Prof. Gerhard
Paul: Die Macht der Bilder - Der Zweite
Weltkrieg und seine Visualisierung>>
www.prof-gerhard-paul.de /
paul@uni-flensburg.de
SWR2
Aula: Redaktion und Anmoderation: Ralf Caspary, Susanne Paluch.
Sendung: Sonntag, 8. Mai 2005, 8.30 Uhr, SWR 2.
Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen,
privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung
bedarf der ausdrücklichen. Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Überblick
Wir alle tragen
Vorstellungen des Krieges, vor allem des Zweiten Weltkriegs im Kopf, die
nichts mit unserem Erleben und der Realität zu tun haben. Diese Bilder sind
zum Teil mediale Schöpfungen, die mit bestimmten Wahrnehmungs- und
Inszenierungsmustern arbeiten und unsere Einstellungen gegenüber dem
Ereignis Krieg wesentlich bestimmen.
Gerhard
Paul, Professor für Geschichte an der Universität Flensburg, beschreibt die
Visualisierungsstrategien und zeigt, wie der Krieg durch die modernen
Bildmedien oftmals auch humanisiert wurde
Anmoderation:
Heute mit dem Thema: Die Macht der Bilder – der Zweite
Weltkrieg und seine Visualisierungen.
Die Attentäter des 11. September konnten sicher sein,
dass die Fernsehanstalten weltweit die Katastrophe in Echtzeit übertragen
würden. Schon kurze Zeit nach den Anschlägen waren Kamerateams vor Ort und
schickten Bilder der einstürzenden Tower um die ganze Welt. Die Terroristen
führten auch einen Kampf mit und um die medialen Bilder.
Der 11. September hat noch einmal vor Augen geführt,
wie Terror, Krieg und mediale Inszenierung zusammenhängen, welche
ideologische, propagandistische Kraft Fernsehbilder entfalten können. Sie
dokumentieren einfach nicht nur Ereignisse, sie verformen vielmehr die
Realität, überziehen sie mit bestimmten Erzählmustern und
Darstellungsformen. Und das gilt nicht nur für die blutigen Konflikte der
Gegenwart, den 11.9. oder den Afghanistan-Krieg, sondern das beginnt schon
mit dem Krim-Krieg im 19. Jahrhundert und findet dann einen ersten Höhepunkt
während des Zweiten Weltkriegs. Dieser Krieg war vor allem ein Krieg der
Bilder. Wobei es immer auch um eine Entertainisierung des Krieges geht, um
seine Stilisierung zum Event oder gar zur Abenteuerreise.
Der Flensburger Historiker Gerhard Paul hat in einer
umfangreichen Studie , die man getrost als Pionierarbeit bezeichnen kann,
analysiert, wie moderne Bildmedien das katastrophische Ereignis des Krieges
umformen, verfremden, wie sie ihm eine bestimmte Ordnungsstruktur verpassen.
Im Rahmen des SWR Schwerpunkts zum 8. Mai 1945 erläutert Gerhard Paul heute
in der SWR 2 AULA die verschiedenen Visualisierungsstrategien anhand von
vier Thesen.
Gerhard Paul:
Meine erste These lautet: Unser medial vermitteltes
Bild des Weltkrieges ist eine Mischung aus Abstraktionen, Projektionen,
Inszenierungen sowie Fiktionen, hinter denen sich das wirkliche Gesicht des
Krieges verbirgt.
Mit einer typischen Fotografie aus dem Krim-Krieg von
1855 möchte ich beginnen - der erste Krieg, der im Medium Fotografie
festgehalten wurde. Sie stammt von dem britischen Fotografen Roger Fenton,
der im Auftrag des englischen Königs auf die Krim gereist war, um die durch
die Reportagen in der Times verunsicherte Öffentlichkeit zu
beruhigen. Bei der Verabschiedung soll der König Fenton mit auf den Weg
gegeben haben, er könne alles fotografieren, „but no dead bodies!“ Die
Aufnahme, die wir sehen, zeigt einen englischen Offizier und dessen Diener
in einem Lager vor einem Zelt. Nach getaner Arbeit lehnt sich der Offizier
zufrieden zurück und raucht ein Pfeifchen. Der Krieg erscheint als ein
Berufsfeld wie jedes andere auch. Mit Bildern wie diesen begründete Fenton
bis heute das Image des Krim-Krieges als „picknick-war“.
Stellen Sie sich jetzt eine Bildsequenz vor, die Sie
alle so oder ähnlich in den vergangenen Kriegen immer wieder auf ihren
Fernsehschirmen gesehen haben. Es ist eine Bildfolge aus dem Kosovo-Krieg,
aufgenommen von einer in einer Rakete eingebauten Gun-Kamera. Wir sehen ein
elektronisches Bild mit Zahlen an den Rändern und einem Fadenkreuz in der
Mitte, das sich langsam seinem Ziel, einem Gebäude nähert. Das Geschehen ist
eingefasst in einen rechteckigen, zweidimensionalen Rahmen. Im Augenblick
des Einschlages zerfällt das Bild in Millionen Pixel. Was wir sehen, ist ein
Bild moderner kriegerischer Gewalt im Augenblick ihres Vollzuges - ohne
menschliche Akteure und Opfer. Es zeugt von höchster technischer Perfektion.
Es ist ein sauberes Bild ohne Blut und ein schweigendes Bild ohne das
Schreien der Opfer. Der Tod, an dem wir teilhaben, bleibt in höchstem Maße
abstrakt.
Mitleid mit den Opfern, die wir nicht zu Gesicht
bekommen, kann bei diesen Bildern nicht entstehen. Durch die bewegte Kamera
werden wir als Zuschauer zugleich quasi körperlich in das Geschehen
einbezogen. Wir werden zu Augenzeugen und zu Voyeuren eines Gewaltaktes.
Unsere Perspektive auf das Geschehen ist das der Militärs oder besser noch
das der Waffen. Die Perspektive der Opfer, über die wir nichts erfahren,
bleibt außerhalb des uns angebotenen Rahmens.
Beide Bilder sind in völlig unterschiedlichen
historischen Zusammenhängen entstanden und haben doch zwei wesentliche
Gemeinsamkeiten. Bei beiden handelt es sich um Abstraktionen, in denen das
Wesen des Krieges - seine Ursachen, seine destruktive Kraft, das Grauen, der
Tod - verschwindet. Bereits 1915 schrieb der Maler Ferdinand Léger aus dem
Felde, der Krieg sei „reine Abstraktion, reiner sogar als die kubistische
Malerei“. Bei beiden Bildern handelt es sich zudem wie in den Gemälden der
Kriegs- und Schlachtenmalerei der vorangegangenen Jahrhunderte um
Projektionen, die uns nicht zeigen wie der Krieg ist, sondern wie das
Publikum ihn sehen soll: als „picknick war“ bzw. als „präziser chirurgischer
Schnitt“. Was wir sehen, sind fantasierte Kriegsbilder, so wie auch die
Bilder der Kriegs- und Schlachtenmalerei immer „imagined battles“ waren.
Kriegsbilder sind nicht jedoch nur um Abstraktionen und
Projektionen, sondern häufig genug Inszenierungen. Sie verfolgen das
Ziel, die existenzielle Grenzsituation Krieg mit einem manchmal
dramatisierenden, manchmal entdramatisierenden Schleier zu überziehen, je
nachdem auf welcher Seite der Front sich ihre Produzenten befinden.
Auch dieses Bild kennen Sie. Es ist zu einer
Ikone der Antikriegsbewegung des 20. Jahrhunderts geworden. Es stammt von
dem vielleicht bekanntesten Kriegsfotografen aller Zeiten, von Robert Capa,
aufgenommen im September 1936. Es zeigt - so wurde behauptet - die
Erschießung eines republikanischen Soldaten im Spanischen Bürgerkrieg durch
- so sollen wir vermuten - Soldaten des Putschistengenerals Franco. Nach
allem, was wir heute wissen, inszenierte Robert Capa diese Szene wie viele
andere für die Kamera mit dem Ziel, dem Abwehrkampf des republikanischen
Spanien einen heroisierenden Glanz zu vermitteln.
Diese drei Beispiele bilden das Passepartout, in dem
uns der Krieg seit dem Zweiten Weltkrieg erscheint: als Abstraktion, als
Projektion und als Inszenierung. Der Zweite Weltkrieg war zudem die
wichtigste Schnittstelle von traditionellem Genrebild des Krieges und
modernem elektronischen Kriegsbild. Einerseits finden wir in seinen Bildern
immer wieder die Darstellung des Krieges als Reise und Event, wie sie Roger
Fenton als erster so mustergültig mit seiner Kamera komponiert hatte.
Andererseits produzierte der Zweite Weltkrieg erstmals jene sauberen
elektronischen Bilder des Krieges, wie wir sie seit den Kriegen des
ausgehenden 20. Jahrhunderts am Fernsehschirm. Mit ihrer sehenden Gleitbombe
hatten Nazi-Ingenieure den Prototyp der modernen Gun-Kamera entwickelt und
damit ein völlig neues Sehen auf den Krieg begründet. Und schließlich war
der Zweite Weltkrieg der erste Krieg, der konsequent für die Kameras
inszeniert wurde. Nach Ansicht der Berliner Illustrierten Zeitung
vermittelten „gestellte“ Aufnahmen, wie sie damals genannt wurden, nämlich
sehr viel eher „ein der Wirklichkeit entsprechendes Bild“ als das
Kriegsgeschehen selbst.
Vor allem Siege wurden wegen ihrer wichtigen
erinnerungspolitischen Funktion immer wieder für die Kamera inszeniert, ob
dies nun der deutsche Einmarsch 1939 in Warschau war oder die berühmte
Aufnahme Joe Rosenthals von der Pazifikinsel Iwo Jima vom Februar 1945, die
heute zu den bedeutendsten patriotischen Zeichen der amerikanischen
Gesellschaft gehört. Da die ursprüngliche Aufnahme ein eher chaotisches Bild
lieferte und das Sternenbanner schlapp in der Luft hing, wurde das Geschehen
so lange nachgestellt, bis es propagandistischen Ansprüchen genügte. Oder
denken Sie an die Aufnahme von der Hissung der sowjetischen Fahne auf dem
Berliner Reichstag am 2. Mai 1945. Zunächst wurde die eigentliche Szene zwei
Tage später für den Fotografen nachgestellt; dann wurde das Bild auch noch
retuschiert, da sich an dem linken Arm des Soldaten gleich zwei Armbanduhren
befanden und sich der Rotarmist damals als Plünderer zu erkennen gegeben
hätte.
Inszenierungen des Krieges finden wir zuhauf auch in
den zeitgenössischen Wochenschauen. Ein Großteil der nationalsozialistischen
„Deutschen Wochenschau“ des Zweiten Weltkrieges besteht aus ihnen, obwohl
diese bis heute im deutschen Fernsehen immer wieder als dokumentarischer
Spiegel des Weltkrieges herhalten muss. Regelmäßig wurden Aufnahmen von
Truppenübungen am Schneidetisch zu fiktiven Kampfhandlungen montiert, die in
dieser Form gar nicht stattgefunden hatten, an Schauplätze verlegt, die nie
eine Kamera gesehen hatten und im Studio mit einem dramatischen Text und Ton
verbunden. „Ganze Schlachten finden im Lande Nirgendwo statt, wo die
Deutschen über Raum und Zeit gebieten“, schrieb der Film- und Kulturkritiker
Siegfried Kracauer. Die erste filmische Inszenierung des Krieges
hatte es übrigens 1899 in den USA gegeben, als man eine Seeschlacht in der
Badewanne filmte und dem Publikum als Original verkaufte.
Zu den Bildern des Krieges in unseren Köpfen gehören
schließlich immer auch die fiktionalen Bilder. Seit Ende des 19.
Jahrhunderts fand der Krieg zunehmend auch im Filmstudio statt. Der
Spielfilm modellierte eine fiktionale Realität des Krieges und überzog dabei
den Krieg mit Erzählmustern, die diesem selbst fremd sind: mit dem Muster
des Happy End, dem Sieg des Guten über das Böse, der Militärklamotte usf.
Einer der ersten Kriegsspielfilme der Geschichte trägt bezeichnenderweise
den Titel „Love and War“. Er stammt aus dem Jahr 1899 und hat den
Spanisch-Amerikanischen Krieg auf Cuba als Hintergrund. In der ersten Szene
sehen wir die Verabschiedung eines Soldaten von seiner Familie, eine
Standardsituation, die sich auch auf zahlreichen Postkarten immer wieder
findet: der Soldat wird von der Nation, stellvertretend durch die Familie,
beauftragt, in den Kampf zu ziehen. Der Krieg erhält damit gleichsam eine
demokratische Legitimation. Der Soldat wird verwundet, lernt eine
Krankenschwester kennen, in die er sich verliebt. Genesen kehrt er
schließlich in den Kreis der Familie zurück: das Happy End. Vom Krieg selbst
erfahren wir so gut wie nichts. Vielmehr ist dieser nur die
Hintergrundfolie, auf der ganz andere Geschichten - in diesem Falle eine
naive Lovestory - abgehandelt werden. Nicht anders war dies auch bei den
deutschen Kriegsspielfilmen des Zweiten Weltkrieges. In Filmen wie
Wunschkonzert oder Die große Liebe degradierte der Krieg zum
unterhaltsamen Wunschkonzert bzw. zur banalen Nummernrevue. Die Realität
spiegelte sich in diesen Filmen nicht einmal ansatzweise wider.
Warum ist dies erwähnenswert? In unserem Gedächtnis
vermischen sich die fiktionalen mit den non-fiktionalen Bildern des Krieges.
Viele von uns assoziieren den Ersten Weltkrieg so mit den fiktionalen
Bildern von Erich-Maria Remarques Romanverfilmung „Im Westen nichts Neues“
aus dem Jahr 1930, den Zweiten Weltkrieg mit den Inszenierungen der
„Deutschen Wochenschau“ oder den Vietnam-Krieg mit den Filmbildern von
Francis Coppolas „Apokalypse Now“. Wie wir aus der modernen
Gedächtnisforschung aber wissen, können diese Filmbilder eine solche
Prägekraft entfalten, dass sie sogar die authentischen Erfahrungen
derjenigen überlagern, die aktiv an diesen Kriegen teilgenommen haben.
Interviews mit deutschen Veteranen des Zweiten Weltkrieges konnten
nachweisen, dass diese den Weltkrieg nicht selten in den Bildern und
Sprachmustern von Nachkriegsspielfilmen erinnerten. Unbemerkt hatten
die Filmbilder bei ihnen die Lücken des Gedächtnisses aufgefüllt.
Fotografie und Film, später das Fernsehen besaßen von
Anbeginn an das folgenreiche Image, ein Medium der authentischen Abbildung
von Realität zu sein. Das machte sie früh für Propagandisten jedweder
Couleur interessant. Tatsächlich jedoch - so meine zweite These -
waren der fotografische, der filmische und der televisuelle Blick auf den
Krieg nie frei und voraussetzungslos, sondern durch technische Strukturen,
durch Konventionen der Genres und der Bildsprachen, durch Programmstrukturen
sowie schließlich auch durch politische Vorgaben vorgeprägt - gleichsam in
Rahmen gezwängt.
Mindestens vier dieser Rahmen können wir unterscheiden.
Es waren zunächst die technischen Eigenschaften der modernen
visuellen Medien, die den Blick auf den Krieg eingrenzten, verstellten und
immer wieder neue Perspektiven auf ihn lieferten. Sie verbannten die
komplexe Realität zunächst in einen stillen zweidimensionalen Rahmen. Mit
schweren Plattenkameras wie im Amerikanischen Bürgerkrieg oder unhandlichen
Filmkameras wie im Ersten Weltkrieg ließen sich allenfalls die Pausen oder
Ergebnisse der Kämpfe festhalten. Das Kriegsgeschehen wurde daher zunächst
fast immer nur aus zeitlicher und räumlicher Distanz und somit entrückter
Perspektive abgelichtet: aus der räumlichen Entrücktheit des Lebens in der
Etappe und der zeitlichen Entrücktheit der materiellen und menschlichen
Überreste der Schlacht. Vor allem der Raum des modernen Krieges, das Töten
auf Entfernung ließ sich mit dieser Technik jedoch nicht einfangen.
Gleichwohl gab es natürlich technische Neuerungen, z.
B. die Luftbildtechnologie, die den Krieg aus der Vogelperspektive abbildete
und damit ein neues, ein abstraktes Sehen auf den Krieg begründete. Das
Schlachtfeld erschien nur mehr als ein System von Verbindungen und
Lichtzeichen, der Gewaltakt selbst als aufzuckender Blitz oder als
Ansammlung elektronischer Bildpunkte. Die Betrachter nahmen den Krieg dabei
aus der Perspektive des Kampfpiloten oder der Bordkanone wahr. Das Sehen auf
den Krieg folgte damit zunehmend technologischen und militärischen
Sichtweisen. Mit Filmen wie „Die Feuertaufe“ über den deutschen Luftangriff
auf Polen setzte vor allem die nationalsozialistische Propaganda auf solche
Perspektiven, die sich beim technisch interessierten jungen Publikum großer
Beliebtheit erfreuten. Unter Umgehung journalistischer Bearbeitung
produzieren Gun-Kameras und Satelliten heute ihr eigenes Bild des Krieges:
die konsequente Weiterentwicklung dieser Form der Visualisierung des Krieges
aus der Luft.
Mit neuen und kleineren Foto- und Filmkameras
rückte der Krieg den Akteuren wie den Betrachtern zugleich immer weiter auf
den Leib. Aufnahmen mitten aus dem Kampfgeschehen heraus waren seit dem
Ersten Weltkrieg möglich. Hoffähig machten sie die Fotografen des Spanischen
Bürgerkrieges. Vor allem aber Hitlers Propagandakompanien, deren Angehörige
zugleich Soldaten und Kameraleute waren, lieferten Unmengen solcher
Kampffotos. Auch die Alliierten setzten auf diese neue Perspektive, die die
Betrachter in einem bis dato unbekannten Maße in das Geschehen einbezog,
denken Sie etwa an Robert Capas berühmten, etwas verschwommen
erscheinenden Aufnahmen vom D-Day 1944 in der Normandie. Eine weitere
Innovation in Richtung eines militarisierten Sehens auf den Krieg brachte
die technische Gleichschaltung von Kamera und Waffe und die
Luftbildfotografie. Hatte es Farbaufnahmen des Krieges bereits im Ersten
Weltkrieg gegeben, so kam doch erst der Zweite Weltkrieg in nennenswertem
Maße in den Illustrierten in Farbe zur Abbildung. Mit dem Siegeszug des
Fernsehens in der Kriegsberichterstattung seit dem Vietnam-Krieg und der
Satellitenkommunikation hielten die laufenden Bilder des Krieges schließlich
zeitnah Einzug in die privaten vier Wände. Die weitere Beschleunigung der
elektronischen Übertragung machte am 11. September 2001 dann die Übertragung
eines terroristischen Angriffs in Echtzeit möglich.
Von Anbeginn des modernen Krieges legte sich zudem eine
Realitätsschicht der Deutungen und Überzeichnungen über das Ereignis Krieg
und die Erfahrung der Zeitgenossen. Zum medientechnischen Framing gesellte
sich so immer auch ein spezifischer Deutungsrahmen. Am Beispiel des
Zweiten Weltkrieges möchte ich einige wiederkehrende, zum Teil
interkulturelle Deutungs- und Überschreibungsmuster dieses kulturellen
Rahmens benennen, die das Bild Krieges in den Köpfen der
Daheimgebliebenen zugleich standardisierten.
Der kriegerische Gewaltakt, vor allem der Kriegstod,
selbst blieb den Kameras in aller Regel verborgen. Der Tod erschien - wenn
überhaupt - allenfalls als schöner oder heroischer Tod. Mit den
Bildern getöteter Gegner war man auf beiden Seiten der Frontlinien immer
weniger zimperlich. Ergänzt wurde die Ausblendung der unmittelbaren
Gewaltpraxis ob in Fotografie und Film von der Humanisierung des Krieges
durch stereotype Bildfloskeln. Als stärkstes Muster erwies sich dabei die
Modellierung des Krieges als saubere, hygienische und aseptische
Angelegenheit in Bildern des aufgeräumten Schlachtfeldes, von ordentlich
gekleideten und Körperhygiene treibenden Soldaten, von hellen und sauberen
Lazaretten sowie schließlich in Bildern der „chirurgisch“ präzise auf ihr
Ziel zusteuernden Waffen. Die Umsorgung der Soldaten, die Betreuung und
Pflege der Verwundeten sowie der barmherzige Umgang mit Kriegsgefangenen und
Zivilbevölkerung bildete ein weiteres Muster. Oft genug erschien der Krieg
auch als eine besondere Form der Sozialarbeit. Wurde das Ereignis des
Krieges in der frühen Fotografie in der Tradition der Malerei eher durch
Romantisierung entdramatisiert, so setzten sich mit dem Zweiten Weltkrieg
zunehmend Muster der Darstellung des Krieges als Verlängerung bzw. temporäre
Unterbrechung kollektiver industrieller Arbeit bzw. als hoch technisierter
moderner Job durch. Hinzu kamen die Darstellung des Krieges als
Reise, Sport und Event sowie schließlich die Überwölbung des Krieges durch
Bilder, die die kulturellen Tätigkeiten der Soldaten während des Krieges
hervorhoben: der Soldat als Musizierender, als Lesender, als Konzertbesucher
usf.
Jedem großen Krieg des 20. Jahrhunderts folgten Kämpfe
um die visuelle Erinnerung. Diese modellierten das Bild des vorangegangenen
Krieges je nach politischen Interessen und ästhetischen Vorlieben, so auch
nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland. In den 1950er- und 60er Jahren
dominierten vor allem in illustrierten Magazinen wie Stern und
Quick die Darstellung des Krieges als deutsche Präzisionsarbeit und der
Sauberkeitsdiskurs die Erinnerung an den Weltkrieg. Die Legende von der
„sauberen“ Wehrmacht erhielt hier massenwirksam ihre visuelle
Unterfütterung. Und mit den historischen Dokumentationen des deutschen
Fernsehens feierten die Modellierungen der Kriegswochenschau des Joseph
Goebbels schließlich ihre wahren Triumphe. Erst die Fotografien der
sogenannten Wehrmachtsausstellung der 1990er Jahre erschütterten
nachträglich die zählebigen Legenden. Das Bild des Wehrmachtsfotografen
Gerhard Groenefeld von der Geiselerschießung im serbischen Pancevo
avancierte in einem veränderten politischen Klima jetzt zur Ikone eines
neuen Blickes auf den Weltkrieg.
Eine weitere Modellierung erfolgte und erfolgt durch
redaktionelle Rahmensetzungen. In den farbigen deutschen
Kriegsmagazinen wie „Signal“ oder „Der Adler“ wurden der „Kampfbericht“ und
die „Homestory“ zur beliebtesten Berichterstattungsform. Die
Propagandafotografen lieferten das Rohmaterial, das in den Redaktionen zu
griffigen Storys etwa über einen dekorierten Panzerkommandanten oder zu
einem Erlebnisbericht über einen mehrtägigen Gewaltmarsch montiert wurde. Ob
diese Bildgeschichten das reale Kriegsgeschehen tatsächlich abbildeten, war
sekundär. Ziel war vielmehr, die Leser am Kampf der Söhne und Ehemänner
teilhaben zu lassen und sie auf diese Weise mit dem Geschehen zu
identifizieren.
Heute werden die Berichte über den Krieg zum Teil nach
rein ästhetischen Kriterien am Leuchttisch entworfen, für die dann nur mehr
bei Fotografen, Agenturen und militärischen Pressestellen die entsprechenden
Bilder geordert werden. Diese stammen zum Teil gar nicht mehr aus den
Kriegen, über die berichtet wird.
Zum Werkzeug der Redaktionen zählen bis heute immer
auch der Retuschierpinsel und die Schere. Weil die Originale der von der
deutschen Wehrmacht zerstörten russischen Städte den Redaktionen
sowjetischer Zeitschriften oftmals nicht dramatisch genug erschienen,
mussten die Fotografen die Szenen mit dem Retuschierpinsel nachbearbeiten.
Die Arbeit mit dem Retuschierpinsel und der Schere war und ist aber
keineswegs ein Privileg diktatorischer Regime, sondern auch in Demokratien
durchaus üblich. Ein Beispiel, das Sie alle kennen: das Bild des nackten
Mädchens Kim Phuc aus dem Vietnam-Krieg. Durch die Beschneidung des
gesamten rechten Bilddrittels fokussierte die Redaktion auf das nackte
Mädchen. Kaum einmal zur Veröffentlichung gelangten dagegen jene Bilder, die
dieselben Kinder nur wenige Sekunden später regelrecht als Getriebene der
Bildreporter zeigen, von denen keiner Anstalten macht, den Kindern zu Hilfe
zu eilen.
Programme und Sendeformate des Fernsehens bilden heute
gewiss die wichtigsten redaktionellen Rahmungen, in denen uns der Krieg
erscheint. Seit dem Golf-Krieg von 1991 hat sich eine besondere Form der
Fernseh-Kriegsberichterstattung herausgebildet, die mit den Begriffen
Beschleunigung, Entertainisierung und Fiktionalisierung beschrieben worden
ist. Schon um nicht die Sicherheit von Kameraleuten und Korrespondenten zu
gefährden, lässt das Format der Live-Berichterstattung immer nur eine
distanzierte Form der Berichterstattung vom Kriegsschauplatz zu. Der Mangel
an Aufnahmen vom eigentlichen Kriegsgeschehen wird zunehmend mit Bildern so
genannter Expertengespräche, mit Trickgrafiken und Live-Schaltungen zu
Korrespondenten in aller Welt kompensiert.
Schließlich agierten Kriegsfotografen und Kameraleute
immer in engen politischen Rahmen, die durch Zensurvorschriften,
Erwartungshaltungen der Auftraggeber und Formen der Selbstzensur
vorstrukturiert waren. Mit dem Ersten Weltkrieg hatten sich auf beiden
Seiten der Fronten erste Organisationen etabliert, denen die Kontrolle der
Bilderflut vom Kriegsschauplatz oblag. Diese konnte durch eine Begrenzung
der Zahl der Bildreporter erfolgen, durch die Zuweisung ihres
Operationsgebietes in aller Regel weitab vom eigentlichen Kampfgeschehen
oder auch durch Zensurvorschriften. Bis zum Vietnam-Krieg blieb die
Ablichtung bzw. Veröffentlichung „grausamer“ Szenen in den USA entweder
generell untersagt oder fiel der Zensur zum Opfer. Fotografien und
Filmstreifen von toten bzw. schwerstverwundeten US-Soldaten seien - so eine
amerikanische Untersuchung über den Zweiten Weltkrieg - in den USA strenger
rationiert gewesen als Zucker und Kondome. Die ersten Bilder von Kriegstoten
tauchten daher erst im September 1943 auf. Die Aufnahmen aus dem
zerstörten Hiroshima durften bis 1952 in den USA überhaupt nicht
veröffentlicht werden.
Meine dritte These lautet daher: Alle diese
Rahmungen und Modellierungen stellen kulturelle Transformationsleistungen
dar, durch die der zutiefst asoziale, inhumane und destruktive Charakter des
Krieges in die Sphäre des vertraut Normalen überführt, auf diese Weise
entdramatisiert und humanisiert wird.
Um die Macht der fotografischen Bilder als
propagandistischer Waffe wusste man spätestens seit den Tagen der
Pariser Commune von 1871. Während Aufnahmen von Toten aus einem deutschen
Schützengraben des Ersten Weltkrieges in Großbritannien selbst nicht
veröffentlicht werden durften, fanden sie im Propagandakrieg gegen
Deutschland auf Flugblättern aber gleichwohl Verwendung. Die von Ballons
über die feindlichen Linien beförderten Blätter sollten den deutschen
Soldaten ihr bevorstehendes Schicksal veranschaulichen. Nach Hitlers
Propagandachef Joseph Goebbels wurde das Bild in allen seinen Varianten im
Zweiten Weltkrieg gezielt als „politische Waffe“ im Weltkrieg
genutzt. Die Bedeutung dieser neuen „Waffe“ wurde dadurch unterstrichen,
dass Goebbels persönlich in Entscheidungen eingriff, welche Fotografien
veröffentlicht werden durften und welche nicht, und sich Hitler selbst die
Entscheidung über die Gestaltung der einzelnen Wochenschauen vorbehielt.
Im Krieg der global zirkulierenden schnellen
elektronischen Bilder, wie wir ihn seit 1991 erleben, findet der Bilderkrieg
heute primär nach dem Schnittmuster - Schuss/ Gegenschuss - statt. Die
sauberen High-Tech-Bilder der Alliierten im Golf-Krieg von 1991 konterte das
Regime in Bagdad mit den schmutzigen Bildern der bei den Angriffen ums Leben
gekommenen Zivilisten. Die stillen NATO-Bilder der Gun-Kameras vom Angriff
auf die Brücke von Grdelica beantwortete Belgrad im Internet zeitnah mit den
Bildern der getöteten Opfer. Mit den asymmetrisch gewordenen Kriegen der
Gegenwart hat der Bilderkrieg eine neue Qualität erreicht. Erstmals
bedienten sich Terroristen wie 2001 in den USA der Macht des globalen, in
Echtzeit berichtenden Mediums Fernsehen bzw. nutzten wie im gegenwärtigen
Irak-Krieg das Internet, um ihre grausamen Hinrichtungsvideos weltweit ins
Netz zu stellen und die militärisch überlegene Gegenseite auf diese Weise
unter Druck zu setzen.
Die modernen Bildmedien - so
meine letzte These - haben die Betrachter räumlich und zeitlich immer näher
an den Krieg herangeführt. Das Gefühl der Teilhabe wurde tendenziell
wichtiger als die traditionelle Bildsprache des Krieges. Aus Zuschauern des
Krieges wurden zunehmend Teilhaber und Akteure.
Seit Beginn des modernen Krieges versuchten
Kriegsherren und Propagandisten die Menschen an der Heimatfront mit Hilfe
von Bildern für den Krieg zu begeistern bzw. in das Geschehen zu
involvieren, sie gewissermaßen zu Teilhabern zu machen. Zunächst übernahmen
große Kriegsausstellungen diese Aufgabe. Seit dem Zweiten Weltkrieg
erfüllte vor allem die Wochenschau die Funktion, den Daheimgebliebenen das
Gefühl zu vermitteln, am Krieg teilzunehmen. Aber erst mit dem Vietnam-Krieg
kamen die laufenden Bilder des Fernsehens in den Wohnzimmern an. Vom „living-room
war“ war nun die Rede. Das Außergewöhnliche wurde zum allgegenwärtigen
Bestandteil des Alltags. Wichtiger als die traditionellen Bildsprachen des
Krieges ist längst dieses Gefühl des Dabeiseins durch die
Live-Berichterstattung oder auch durch den Spielfilm geworden, denken wir
etwa an die Eingangssequenz zu Spielbergs „Saving Private Ryan“, in der wir
gemeinsam mit den Hauptakteuren unter dem Kugelhagel der deutschen Wehrmacht
dem Strand zustürmen. Mit der Echtzeit-Übertragung schließlich rückt uns der
Krieg derart auf den Leib, dass wir uns seinen Bildern kaum mehr zu
entziehen vermögen. Konnten wir den Krieg bislang aus der sicheren Distanz
der Medien betrachten, so haben die Ereignisse vom 11. September 2001 den
medialen Schutzschild durchbrochen und uns wie nie zuvor unmittelbar an den
Ereignissen teilhaben lassen. Wir sind nicht mehr nur Zuschauer, sondern
selbst zu Akteuren geworden.
Trotz aller technologischen Fortschritte haben die
Bildmedien den Krieg im Allgemeinen und den Zweiten Weltkrieg im Besonderen
den Blicken des Publikums eher entzogen als geöffnet. In Abwandlung eines
Satzes von George Santayana ließe sich sagen: „Nur die Toten haben den Krieg
wirklich gesehen.“ Zugleich haben die Medien dem Krieg eine
Ordnungsstruktur verpasst, die dieser von selbst nicht besitzt: der Krieg
als planbares Unternehmen; der Krieg als hygienische Angelegenheit; der
Krieg als präzise Wertarbeit; der Krieg als kulturelles Ereignis usf.
Trotz aller Versuche, den Krieg auf diese Weise zu
entwirklichen bzw. zu ästhetisieren, zu hygienisieren oder zu humanisieren,
haben die modernen Bildmedien aber immer auch die Schatten der Gewalt
erinnerungsfähig gehalten. Es waren vor allem Bilder, die die menschlichen
Opfer des Krieges festhielten und das Leid erahnen ließen, Bilder, die
Täter-Opfer-Beziehungen zum Inhalt hatten, und im Moment der Tat entstanden,
Bilder, die Geschichten erzählten und den Opfern einen Namen gaben, die sich
in unser Gedächtnis einbrannten, und Bilder, in denen wir dem Grauen des
Krieges unmittelbar ins Gesicht schauen wie die Aufnahmen aus dem serbischen
Pancevo.
Diese authentischen Spuren des Realen in der
alltäglichen Bilderflut zu entdecken und wach zu halten, bleibt auch 60
Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges eine friedenspädagogische Aufgabe
von höchster Bedeutung.
* Zum Autor:
Der Historiker Gerhard Paul, geboren 1951,
studierte Sozialwissenschaften und Geschichte und arbeitete zunächst als
Autor von Fernsehdokumentationen sowie in der Erwachsenenbildung. 1984
Promotion, 1990 Habilitation im Fach Geschichte an der FU Berlin. Seit 1994
ist Paul Professor für Geschichte und ihre Didaktik an der Universität
Flensburg.
Pauls Untersuchung über die Visualisierungen des
modernen Krieges wurde von der Presse zu Recht als "Pionierstudie"
bezeichnet.
Veröffentlichungen:
- Bilder des Krieges - Krieg der Bilder. Schönigh.
- Karrieren der Gewalt. Nationalsozialistische
Täterbiografien (Hrsg).Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
- Die Täter der Shoa (Hrsg). Wallstein.