Prof. Wolf D. Oswald: “Fitness für
den Kopf - Beugt Hirntraining der Altersdemenz vor?”
SWR2 AULA Redaktion:
Ralf Caspary. Sendung: Samstag, 25. Dezember 2004, 8.30 Uhr
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Wenn man überlegt, ob Präventionsmaßnahmen für Alzheimer einen Sinn
machen, dann muss man sich als erstes die Frage stellen, ob die bisherigen
Versorgungssysteme im Altenbereich in Zukunft überhaupt noch funktionieren
werden. Und an dieser Stelle zeigt ein Blick in die demografische
Entwicklung, dass wir uns in Zukunft nicht mehr leisten können. Hilfe zur
Selbsthilfe wird in Zukunft deshalb das Motto sein müssen, und deswegen
bekommt auch ein Hirntraining so einen hohen Stellenwert.
Im Jahre 1880, also vor jetzt 120 Jahren, kamen auf einen über 75Jährigen
in Deutschland 79 jüngere, d. h. 79 potenzielle Pflegekräfte, im Jahr 2001
waren das nur noch 12,4 und im Jahr 2040 werden es nur noch 6,2 sein; und
das sagt eigentlich alles, das mit den 6,2 wird nicht mehr funktionieren.
Denn wir brauchen ja noch einen Teil der Bevölkerung zum, sagen wir,
Brötchen backen, zum Straßenbahn fahren oder für sonstige andere
Dienstleistungen und es wird nicht mehr möglich sein, für die vielen Alten
die entsprechende geforderte Anzahl an Pflegekräften überhaupt bereit zu
stellen. Es ist also nicht in erster Linie eine Frage des Geldes, sondern
es ist in erster Linie in Zukunft eine Frage des Personals.
Verstärkt wird das ganze Problem noch dadurch, dass die
Ein-Personen-Haushalte dramatisch zunehmen werden und die sog.
Sandwich-Töchter dramatisch abnehmen. Unter Sandwich-Töchter verstehen wir
jene Töchter im Alter zwischen 40 und 60 Jahren, die in der Regel die
eigenen Enkelkinder versorgen sollen und gleichzeitig ihre Eltern, und
wenn sie Pech haben, auch noch die Eltern der Eltern. In allen
Industrienationen nimmt die Zahl dieser „Töchter“ dramatisch ab. Also auch
hier wird eine große Lücke entstehen. Parallel dazu wird die Bevölkerung
in der Bundesrepublik Deutschland ebenfalls drastisch abnehmen. Unsere
Schätzungen gehen im Augenblick dahin, dass wir bis zum Jahre 2050 von
derzeit 83 Millionen auf ungefähr 68 sinken werden. Das ist zunächst
einmal weiter nicht dramatisch, denn es hat sicherlich auch diverse
Vorteile: Man wird vielleicht auf der Autobahn mehr Platz haben, oder im
Wald kann man allein ruhige Wanderungen unternehmen. Aber damit verbunden
ist natürlich auch eine dramatische Unterversorgung mit Pflegepersonal.
Und deswegen: Hilfe zur Selbsthilfe wird das Motto der Zukunft sein.
Nun lesen wir immer wieder in der Zeitung, dass an all diesen Problemen
die gestiegene Lebenserwartung Schuld sei. Ich möchte auch hierzu einige
Anmerkungen machen, die das vielleicht ein bisschen relativieren.
Natürlich ist in den letzten 120 Jahren die Lebenserwartung um knapp 40
Jahre insgesamt gestiegen. Man muss sich aber im Klaren sein, von welcher
Lebenserwartung man hier eigentlich spricht. Gemeint ist die
Lebenserwartung eines neugeborenen Kindes. Nun fließt natürlich in diese
Zahl mit ein, dass wir im Jahre 1880 eine massiv hohe
Säuglingssterblichkeit und auch Müttersterblichkeit hatten. Und allein die
Maßnahme, dass Herr Semmelweis - einer der bedeutendsten Medizinforscher
in Deutschland - den Ärzten vorgeschlagen hat, sie möchten sich vor der
Geburt die Hände in einer Kalkbrühe waschen, hat dazu geführt, dass
zwischen den Jahren 1889 und 1901 die Lebenserwartung um 20 Jahre
gestiegen ist. Das ist der eine Aspekt.
Wenn man solche Faktoren aber weglässt und sich jene Kennwerte anschaut,
die die Statistiker eigentlich interessieren, nämlich die sog. fernere
Lebenserwartung, dann stellt man zu seiner großen Überraschung fest, dass
die in den letzten 100 Jahren eigentlich kaum gestiegen ist.
Ich will auch hier ein paar Zahlen nennen. Zwischen 1901 und 1998 ist die
fernere Lebenserwartung eines 70Jährigen, d. h. die Lebenserwartung, die
ein 70Jähriger noch hat, bei den Männern um gerade mal 3,9 Jahre
gestiegen; also in 100 Jahren. Und jetzt zu folgern, dass die gestiegene
Lebenserwartung uns die ganzen Probleme beschert hat, das ist sicherlich
falsch. Denn das heißt ja nichts anderes: Wenn jemand vor 100 Jahren aus
dem Gröbsten heraus war, dann hat er im Endeffekt eine Lebenserwartung
gehabt wie wir heute. Und auch die ganzen Annahmen, die man immer wieder
in der Zeitung liest, dass wir jedes Jahr um so und so viel Jahre älter
werden, die werden eigentlich von den Wissenschaftlern so nicht geteilt.
Im Gegenteil: In einigen Bereichen, z. B. bei den tödlich verlaufenden
Lungenentzündungen, haben wir bereits eine Zunahme jährlich von 5 %. Also
die Lebenserwartung wird jetzt eher stagnieren.
Warum ich das alles am Anfang erzähle? Ich erzähle das deswegen, weil das
natürlich mit Alzheimer etwas zu tun hat. Denn Alzheimer ist eindeutig mit
dem Alter korreliert. Und wenn unsere Gesellschaft insgesamt relativ
gesehen mehr Ältere als Jüngere hat, dann werden natürlich auch in diesem
Bereich dramatische Zustände eintreten. Aber bevor wir jetzt uns mit den
Details in Sachen Alzheimer beschäftigen, wäre zunächst einmal zu klären,
was verstehen wir überhaupt unter einer Demenz und was verstehen wir unter
Alzheimer. Der Begriff Demenz wird als Oberbegriff für unterschiedliche
Krankheiten benutzt, wie z. B. Alzheimer. Was sind die wichtigen Symptome,
die unter diesen Begriff fallen? Also, man spricht von einer Demenz, wenn
z. B. eine erhöhte Vergesslichkeit vorliegt die zu, und nun kommt das
Entscheidende, deutlichen Störungen im Alltagsleben führt. Also es geht
nicht darum, dass jemand über sein schlechtes Gedächtnis klagt, denn auch
viele Jugendliche haben ein schlechtes Gedächtnis, auch viele Ältere
natürlich, es kommt auf die starken Veränderungen an, die wir beobachten.
Diese zunehmende Vergesslichkeit, die sich im Alltag auswirkt, muss seit
mindestens sechs Monaten vorliegen und andere organische Ursachen sollten
ausgeschlossen sein. Dann spricht man von einer Demenz.
Nun gibt es natürlich unterschiedliche Demenzen. Wir unterscheiden zwei
große Gruppen: die reversiblen und die irreversiblen. Reversibel heißt,
die heilbaren Demenzen, und irreversibel heißt, die nicht heilbaren
Demenzen. Auf die irreversiblen komme ich gleich noch zu sprechen. Mir
liegen aber gerade diese reversiblen Demenzformen sehr am Herzen, weil wir
als Konsequenz davon, wann immer solche Symptome, wie ich sie eben
beschrieben habe, auftreten, eigentlich nicht in eine Art Nihilismus
verfallen sollten, der sich hier und da breit macht, dergestalt, dass man
sagt, da kann man sowieso nichts tun; bis zu 30% der Bevölkerung leiden an
dieser reversiblen Form, Betroffene sollten sich informieren bei
Spezialisten, die man etwa im Telefonbuch unter dem Schlagwort „Memory-Klinik“
oder „Gedächtnisambulanz“ oder „Gedächtniszentrum“ findet. Oder man schaut
ins Telefonbuch unter der Adresse der Alzheimer-Gesellschaft nach und
lässt sich dort die richtige Anlaufstelle geben.
Was verstehen wir nun genau unter reversiblen oder heilbaren Demenzen,
gegen die man etwas tun kann, was haben die für Ursachen? Da steht an
aller erster Stelle die Arzneimittel-Vergiftung. Das ist so eine
Geschichte, die man eigentlich nicht für möglich hält, aber die leider
sehr häufig vorkommt. Viele ältere Menschen lassen sich von verschiedenen
Ärzten behandeln und bekommen auch verschiedene Medikamente verschrieben.
Und niemand prüft, ob die nun gut zueinander passen. Und dann kommt ja
häufig auch noch so etwas dazu wie eine Selbstmedikation hinzu, und dann
kann man sich vorstellen, dass das irgendwann zu einer sehr giftigen
Mixtur führen kann. Hier kann man natürlich nicht selber etwas tun, man
sollte seine Ärzte fragen. Der Entzug aller nicht unbedingt
lebensnotwendigen Arzneimittel hilft hier häufig und wirkt fast wie ein
Wunder. Als zweite häufig vorkommende Ursache gilt die Exikose. Unter
Exikose verstehen wir die Austrocknung. Mit zunehmendem Lebensalter wird
immer weniger getrunken, und wenn wir weniger trinken, dann führt dies
dazu, dass unser Blut sozusagen eindickt, die Blutplättchen nicht mehr den
Sauerstoff richtig transportieren können und so kommt es auch zu
demenz-ähnlichen Zuständen. Ich könnte die Liste jetzt noch eine ganze
Weile so weiterführen, aber das waren die zwei wesentlichsten Ursachen für
solche reversiblen Demenzen und ich kann es nur noch mal wiederholen, das
kann bis zu 30 % betreffen und man sollte hier einen Spezialisten
aufsuchen.
Nun kommen wir zu den eigentlichen Demenzen - den irreversiblen -, die bis
heute nicht heilbar sind. Natürlich gibt es da unterschiedlichste
Ursachen, aber in der Wissenschaft hat sich in den letzten Jahren, ja, man
kann sogar sagen, in den letzten Monaten, deutlich die Meinung
durchgesetzt, dass hinter allem, eigentlich hinter jeder Demenzform, was
immer wir beobachten, Alzheimer steht. Und Alzheimer wird nur manchmal
überlagert z. B. durch vaskuläre Veränderungen, die früher einen viel,
viel höheren Stellenwert hatten. Früher hat man häufig davon gesprochen,
dass ältere Menschen deswegen dement werden, weil sie verkalken. Wir
wissen heute, dass dies zusätzlich zu Alzheimer bei maximal 30 % der Fall
sein kann.
Lassen sie mich einige Aspekte über Alzheimer und die Alzheimersche
Krankheit hier darlegen, damit uns auch klar wird, wo wir eigentlich
ansetzen müssen, wenn wir Prävention betreiben wollen. Alois Alzheimer
kommt aus dem Fränkischen, ist geboren in Marktbreit in der Nähe von
Würzburg und hat in Würzburg und in Frankfurt gearbeitet und gelehrt. Und
erstmalig hat er an einer knapp 50jährigen Patientin, der Auguste D.,
diese Krankheit, die wir heute als Alzheimer bezeichnen, beschrieben. Wir
wissen durch die Forschungen in den letzten Jahren, dass eigentlich der
Beginn von Alzheimer in der Jugendzeit liegt. Vor zwei Jahren noch ging
man davon aus, dass der Beginn so etwa um das 30. Lebensjahr liegt, heute
sagen wir, wahrscheinlich hat er mit dem Ausgang der Pubertät zu tun. Das
Modell, dem die Wissenschaft dabei nachgeht, ist ein Kontinuitätsmodell.
Zwischen „gesund“ und „krank“ gibt es ein großes Kontinuum, d. h. die
ersten kleinen Hinweise in Richtung Alzheimer treten bei jedem von uns und
ohne Ausnahme schon in der Pubertät auf. Aber zum Ausbruch der Krankheit
kommt es erst dann, wenn alle anderen Kompensationsmechanismen
zusammenbrechen, und bis dorthin ist es ein sehr sehr weiter Weg.
Was passiert nun eigentlich ab der Pubertät oder ab dem 30. Lebensjahr? Es
ist keineswegs so, dass bei Alzheimer das gesamte Gehirn betroffen ist.
Sondern es ist eher so, dass zwei Areale besonders in Mitleidenschaft
gezogen werden, und zwar die Frontal- und Schläfenlappen und gleichzeitig
der Hippocampus, das ist ein Areal, das sich in der Mitte unseres Gehirns
in tieferen Schichten befindet. Und was passiert nun dort? Dort
degenerieren Hirnzellen. Wir gehen heutzutage davon aus, pro Sekunde ist
jeweils eine Hirnzelle betroffen. Warum degeneriert diese Hirnzelle? Was
macht sie? Sie degeneriert deswegen, weil sie keinen Brennstoff mehr
bekommt. Und der Brennstoff der Hirnzelle ist die Glukose. Und nun macht
die Hirnzelle das, was wir auch machen würden, wenn wir in unserem
Wohnzimmer sitzen und die Heizung fällt auf Dauer aus. Wir würden nun
langsam beginnen uns einen Ofen zuzulegen und die Einrichtung zu
verheizen.
Im Frontallappen wird die Einrichtung der Hirnzelle komplett „verheizt“.
Es bleiben nur die äußeren „Mauern“ übrig. Im zentralen Bereich ist es ein
bisschen anders, dort wird die Einrichtung nicht komplett verheizt. Wie
bei einem großen Brand bleibt bei diesem neuronalen Prozess eine Menge
Müll übrig. Und weil die Hirnzelle sich ähnlich verhält wie eine gute
Hausfrau, will sie ab und zu Großreinemachen und die Nachbarzelle auch,
und beide schaffen den Müll vor die Tür. Und dann bilden sich diese sog.
Beta-4-Amyloide oder diese „Spaghettis“ aus, die man auch in den neuen
bildgebenden Verfahren sichtbar machen kann.
Warum erzähle ich Ihnen das? Ich erzähle diese Vorgänge deswegen, weil ich
vorhin sagte, dass der normale Verlauf so aussieht, dass pro Sekunde eine
Hirnzelle degeneriert. Nun gibt es aber auch Personen, bei denen beträgt
die Progression nicht eine Sekunde, sondern 1,1 Sekunden. Und dies führt
dazu, dass man mindestens 100 Jahre alt werden muss oder noch älter, um
Alzheimer zu bekommen. Die Unglücklichen dagegen, die eine Progression von
0,9 Sekunden haben werden wie Auguste D. von Herrn Alzheimer schon mit 50
oder 60 Jahren die Krankheit bekommen. Und hier liegt genau der Schlüssel
für alle Präventionsmaßnahmen. Gelingt es uns, Einfluss zu nehmen auf
diese Progression, gelingt es uns das Verbrennen der einzelnen Hirnzelle
zu verlangsamen, dann können wir den Ausbruch der Krankheit verzögern, und
wir sterben womöglich vor dem Ausbruch der vollen Symptomatik an einer
Lungenentzündung oder an einer anderen Krankheit.
An dieser Stelle auch noch ein paar Zahlen, damit uns deutlich wird, was
das gesellschaftspolitisch bedeutet: Wir wissen, an Ex-Postuntersuchungen
Gestorbener, dass bei den über 85jährigen Frauen 51 % Alzheimer hatte. D.
h. jede zweite Frau wird zwischen dem 80. und dem 90. Lebensjahr, wenn sie
das erlebt, Alzheimer bekommen, bei den Männern ist es etwas günstiger,
dort sind es nur 48 %. So und auf diesem Hintergrund sind nun viele
Studien gemacht worden, die zeigen wollen, wie wir Einfluss nehmen können
auf diese Progression. Dabei hat sich herausgestellt, dass der wichtigste
Faktor die Bildung darstellt. Derjenige, der ein Leben lang eine
anspruchsvolle Tätigkeit hatte und gleichzeitig auch eine hohe
Schulbildung hatte, hat generell ein erheblich geringeres Risiko oder wird
wesentlich später Alzheimer bekommen. An dieser Stelle setzt nun eine
ganze Reihe großer epidemiologischer Studien ein. Epidemiologische Studien
sind Studien an 20, 30.000 Personen, die man über viele Jahre
weiterverfolgt. Und in all diesen Studien wurden die Teilnehmer immer
befragt, was sie eigentlich in ihrer Freizeit so treiben und dann hat man
10 oder 15 Jahre gewartet, hat ausgezählt wie viele in der Zwischenzeit
eine Demenz bekommen haben. Und dann hat man nun im Nachhinein geprüft,
wie hängt das zusammen mit der Aktivität oder Nichtaktivität des
vorangegangenen Lebens. Da zeigte sich: Diejenigen, die einen
anspruchsvollen Beruf hatten, also die jeden Tag irgend was neues tun
mussten und nicht in Routine erstickten, waren eindeutig im Vorteil. Auch
diejenigen, die viele selbst organisierte Reisen durchgeführt haben. Und
ich zähle nun noch ein paar andere Dinge auf: Auch diejenigen hatten
Vorteile, die schwierige Strickarbeiten durchgeführt haben, nicht die
Routine-Strickarbeiten, also Routine wäre zwei links, zwei rechts, eine
fallen lassen. Auch anspruchsvolle Gartenarbeiten sind wichtig, also
geplante Aktivitäten, nicht nur, dass man mit der Schere einfach mal da
drüber geht. Oder Vereinsarbeit. Auch Vereinsarbeit war wichtig, aber nur
dann, wenn man im Vorstand ist und nicht ein einfaches Mitglied ist. Auch
bestimmte Spiele haben so einen hohen produktiven Wert, wie Schach,
Backgammon, Bridge und ähnliches mehr. Und auch das permanente Üben neuer
Stücke für ein Musikinstrument im hohen Lebensalter ist wichtig. Nicht
produktiv dagegen waren Routinetätigkeiten, TV-Konsum, Lesen, die üblichen
Gesellschaftsspiele. Und eine Frage, die immer und immer wieder kommt,
muss hier verneint werden, nein das Lösen von Kreuzworträtseln ist nicht
sinnvoll.
An dieser Stelle setzt auch ein großes Forschungsprojekt an, das wir an
der Universität Erlangen-Nürnberg durchgeführt haben, mit dem Namen
„SIMA“. „SIMA“ ist die Abkürzung für „Selbständig im Alter“. Wir haben 375
ältere Menschen mit dem Mindestalter von 75 Jahren nun bis heute schon
über 14 Jahre hin weiter verfolgt. Wir haben sie damals an dem Projekt nur
dann beteiligt, wenn sie absolut gesund waren. Und wir haben mit ihnen
unterschiedlichste Maßnahmen ein Jahr lang durchgeführt, u. a. ein
ausgefeiltes Gedächtnistraining und ein ausgefeiltes
Psychomotorik-Training. Psychomotorik ist nicht Sport, denn Sport bezieht
sich normalerweise auf Kraft und Ausdauer. Bei der Psychomotorik - wie wir
sie verstehen - stehen im Mittelpunkt Wahrnehmung, Koordination und
Gleichgewicht. Die einfachsten Übungen, die man dazu durchführen kann,
kann man mit einem Luftballon machen. Wenn man den von einer Hand auf die
andere schubst, dann ist man dauernd in Bewegung und braucht auch keinen
Mikrochip dazu.
Was kam nun in dieser Studie heraus? Ich habe gesagt, wir haben da
ausgefeilte Übungen gemacht. Das bedeutet, wir sind sehr stark und
erstmalig weltweit wissenschaftlich und theoriengeleitet vorgegangen und
haben uns spezialisiert auf genau jene Gedächtnisfunktionsbereiche, die
sowohl frontal als auch zentral - wie ich es vorhin geschildert habe - in
Mitleidenschaft gezogen werden durch diesen lebenslangen Prozess, der zu
Alzheimer führt. Und in gleicher Weise sind wir auch in der Psychomotorik
vorgegangen, und dabei ist herausgekommen, dass es uns gelingt,
dementielle Symptome, das sind all die Symptome die im Vorfeld einer
Demenz auftreten - wie ich sie vorhin geschildert habe -, durch ein
einjähriges Training massiv zurückzudrängen. Und wenn die Teilnehmer
unsere Übungen täglich durchgeführt hatten, hielt dieser Effekt über die
Jahre hinweg an. Und nicht nur die Symptome konnten wir behandeln, sondern
nach der langen Wartezeit von 10, 11, 12, 13 bis heute 14 Jahren konnten
wir auch zeigen, dass wir in der Gruppe, in der wir sowohl das Gedächtnis-
als auch das Psychomotorik-Training durchgeführt hatten, die wenigsten
Demenzen beobachten konnten. Also das wesentliche Ergebnis dieser Studie
war: Dass man zwei Dinge gleichzeitig tun muss und täglich, nämlich ein
Gedächtnistraining, kombiniert mit einem Psychomotorik-Training. Das
Gedächtnistraining allein hat nicht diese Effekte gezeigt und auch das
Bewegungstraining allein hat nicht diese Effekte gebracht.
Das Fazit aus dieser Studie muss also lauten: Der alte Spruch „Wer rastet,
der rostet“ muss neu formuliert werden und jetzt eigentlich lauten „Wer
geistig und körperlich rastet, der rostet“. Nun möchte man sicherlich
wissen, wie das geht. Ich will einige Beispiele nennen: Jeder hat zu Hause
eine Tageszeitung. Man soll jeden Tag die Zeitung zur Hand nehmen, sich
einen Artikel heraussuchen und in diesem Artikel so schnell wie möglich
zwei Buchstaben gleichzeitig anstreichen. Also z. B. alle kleinen a und
alle kleinen n. Wenn einem die zwei Buchstaben nicht mehr gefallen, kann
man natürlich zwei andere nehmen. Wichtig ist, dass man versucht, jeden
Tag ein bisschen schneller zu werden und die Buchstaben gleichzeitig
anstreicht. Wenn man die Zeitung nun wie immer gelesen hat, dann kann man
die letzte Seite hernehmen, die hat bekanntlich einen weißen Rand und man
kann auf diesem weißen Rand möglichst viele Details notieren, an die man
sich gerade noch erinnert. Mit Details meine ich: Da war irgendwo ein
Busunglück, und wie viel Tote hat es dabei gegeben. Oder: Wie heißt der
Politiker, der die Renten um wie viel Prozent kürzen will? Und wenn man
ganz gut ist, dann nimmt man abends ein weißes Blatt Papier und wiederholt
die Übung vom Morgen noch mal und schreibt alles auf, an was man sich noch
gut erinnern kann. Das gleiche kann man auch auf der Autobahn machen. Wir
alle fahren jeden Tag wiederholt an großen Schildern vorbei, wo ein
Hinweis steht für etwa die nächste Autobahn-Raststätte. Man muss das
während der Fahrt ganz schnell erfassen und kann versuchen zu memorieren:
Wie weit ist es zu dieser Raststätte, wie weit ist es zur nächsten. Was
gibt es eigentlich an dieser Raststätte usw. Natürlich gibt es hier auch
Trainingsprogramme im Buchhandel, z. B. ein Buch mit einem
14-Tages-Programm mit dem Namen „SIMA-Basic“, oder ein
Computer-PC-Programm, das für alle gedacht ist, die ab dem 50. Lebensjahr
der Demenz entgegen wirken wollen.
Was haben wir gelernt? Wir haben gelernt, dass man Einfluss nehmen kann
offensichtlich auf die Progression der Veränderungen, die seit unserer
Jugendzeit in uns selber vorgehen im Rahmen von Alzheimer. Es geht darum,
dass wir unsere letzten Lebensjahren möglichst selbständig verbringen
können. Es geht also nicht darum, dem Leben mehr Jahre zu geben, sondern
den Jahren mehr Leben. In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein Leben und
Sterben ohne Alzheimer.
Kurzbiographie
Prof. Dr. Christoph Butterwegge, geb.1951, leitet die Abteilung für
Politikwissenschaft an der Universität Köln; er ist dort
geschäftsführender Direktor des Seminars für Sozialwissenschaften und
Mitglied des Bundes demokratischer Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler. Butterwegge hat zahlreiche Bücher veröffentlicht zu
sozialpolitischen Themen. Seine Schwerpunkte sind: Rechtsextremismus und
Globalisierung sowie Armut im nationalen und internationalen Vergleich. In
den letzten Monaten hat er sich kritisch in die öffentliche Debatte über
den Sozialstaat eingemischt.
Veröffentlichungen:
- Kinderarmut in Ost-und Westdeutschland (zusammen mit Matthias Zang u.a.).
Leske u. Budrich.
-
Kinderarmut und Generationengerechtigkeit (zusammen mit Michael Klundt).
Leske u. Budrich.
-
Wohlfahrtsstaat im Wandel. Probleme und Perspektiven der Sozialpolitik.
Leske u. Budrich.
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