|
SWR2 Aula - Prof. Harald Müller: Der Westen
braucht mehr Demut! Der Weg zum nachhaltigen Weltregieren
Autor: Prof. Harald Müller *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 15. März 2009, 8.30 Uhr,
SWR 2
Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum
persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere
Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
* Zum Autor:
Harald Müller ist Leiter der Hessischen Stiftung Friedens- und
Konfliktforschung und Professor für Internationale Beziehungen in
Frankfurt am Main. Er war lange Jahre Abrüstungsberater des
ehemaligen UN-Generalsekretärs Kofi Annan.
Prof. Harald Müller, Studium der Germanistik, Soziologie,
Philosophie und Politikwissenschaften, 1984 Gastprofessor am Center
for International Relations der Johns Hopkins University in
Bologna/Italien, 1984 – 1986 Abteilungsleiter für Sicherheitspolitik
am Centre for European Policy Studies in Brüssel, 1994 Habilitation,
1994 – 1998 Privatdozent an der TU Darmstadt, seit 1995
Vorstandsmitglied der HSFK und seit 1996 Geschäftsführendes
Vorstandsmitglied der HSFK. Harald Müller ist u. a. Mitglied der
Wehrstrukturkommission der Bundesregierung und im Stiftungsrat der
Deutschen Stiftung Friedensforschung und seit 2007
Direktoriumsmitglied des Exzellenzclusters der Universität Frankfurt
"Die Herausbildung normativer Ordnungen". Er hat mehrere Schriften
zum Thema „nukleare Abrüstung und Rüstungskontrolle“ und zu
weltpolitischen Fragen herausgegeben.
Buchveröffentlichung:
"Wie kann eine neue Weltordnung aussehen? Wege in die nachhaltige
Politik", Fischer Taschenbuch Verlag. 2008.
ÜBERBLICK
An der Spitze der Weltpolitik verschieben sich die
Machtverhältnisse: Die USA werden früher oder später ihre
wirtschaftliche und politische Führungsrolle verlieren, China und
Indien werden dafür umso wichtiger werden. Damit dieser Machtwechsel
friedlich vonstatten geht, muss sich in der Weltpolitik einiges
ändern, meint Harald Müller, Direktor der Hessischen Stiftung für
Friedens- und Konfliktforschung in Frankfurt.
Westliche Regierungen treten oft mit dem Anspruch des moralisch
Überlegenen auf: Sie wurden frei gewählt - im Gegensatz zu manch
anderem Staatschef. "Wir" - das sind die, die Freiheit, Demokratie
und Menschenrechte hochhalten, und diese Wertvorstellungen werden
dabei oft als das Ergebnis einer "christlich-jüdischen" Tradition
gesehen. Aus Müllers Sicht ist diese Haltung kontraproduktiv. Er
fordert vom Westen mehr Demut: Denn aus Sicht der anderen ist die
westliche Kultur in ihren Wertvorstellungen auch nicht immer
glaubwürdig.
INHALT___________________________________________________________________
Ansage:
Beim Thema Nachhaltigkeit denken wir meist an Klimawandel oder
daran, dass
Ressourcen knapp werden wie Wasser, Energie und fruchtbare Böden.
Dabei
handelt es sich längst um globale Probleme, die entsprechend auch
globale
Lösungen verlangen. Doch solche Lösungen sind wiederum nur dann
möglich, wenn
auch die politischen Rahmenbedingungen stimmen, meint Harald Müller,
Direktor der
Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung in
Frankfurt. Er spricht dabei
von der „Nachhaltigkeit zweiter Ordnung“, sprich: Was muss
passieren, damit die
Weltgemeinschaft die großen Nachhaltigkeitsfragen überhaupt
konstruktiv angehen
kann? Wie muss sich dabei vor allem die westliche Welt bewegen? Das
erläutert
Harald Müller in der heutigen SWR2 Aula über nachhaltiges
Weltregieren.
Harald Müller:
Wir leiden alle unter der globalen Finanzkrise und werden das noch
eine Weile tun.
Die Finanzkrise zeigt uns, dass die Schicksale der Menschen auf der
ganzen Welt in
vielfältiger Weise miteinander verwoben sind. Das gilt natürlich in
Bezug auf die
Weltwirtschaft genauso wie für die Gestaltung der Umwelt oder auch
für die
Gesundheit, wenn Sie an die Geschwindigkeiten denken, mit der sich
heute Seuchen
über den ganzen Erdball ausbreiten können. Es gilt ebenso für die
globale
Sicherheit. Der Terrorismus kennt keine Grenzen. Im Zeitalter der
Interkontinentalraketen können Nuklearwaffen mit der vielfachen
Sprengkraft der
Bombe, die Hiroshima zerstörte, von einem Punkt der Erde zu jedem
anderen
fliegen.
Dieses Zusammenwachsen der Welt erfordert natürlich, dass die
Probleme, die wir
haben, gemeinsam geregelt werden. Die Sache hat nur einen Haken:
Solange die
Staaten, die diese Regelungen als Hauptakteure betreiben müssen,
sich gegenseitig
„an der Gurgel sitzen“, solange sie sich gegenseitig misstrauen, um
Machtpositionen
konkurrieren oder gar Kriege führen, haben sie natürlich keinen Nerv
dafür, sich
zusammen zu setzen, um Probleme einvernehmlich zu regeln.
Wenn Sie den Blick auf das 19. oder 20. Jahrhundert richten, können
Sie sehen,
dass die herkömmlichen Wege der Weltpolitik die Staaten
gegeneinander treiben in
eine Konkurrenz mit oft tödlichem Ausgang. Wechselseitiges Drohen
und Misstrauen
herrschen vor. Sie können das daran erkennen, dass etwa der Wunsch
der Nato,
Georgien aufzunehmen, in Moskau für Befürchtungen, Ängste, sogar für
einen
gewissen Verfolgungswahn gesorgt hat. Wenn man demjenigen misstraut,
mit dem
man eigentlich zusammen arbeiten muss, dann sind die Chancen einer
Kooperation
eng begrenzt.
Nun gibt es verschiedene Möglichkeiten, ein Weltregieren zu
realisieren. In den
letzten Jahren war die Hegemonie am populärsten. Gerade nach dem 11.
September
2001 ist der Ruf nach einem starken Hegemon, einer Führungskraft,
die sagt, wo es
in der Welt lang geht, sehr laut geworden. Dieser Ruf ist von der
amerikanischen
Regierung unter George W. Bush aufgenommen worden. Allerdings ist
klar: Ob es
die Sicherheit, die Weltwirtschaft oder den Kampf gegen den
Klimawandel betrifft –
überall hat die Hegemonie versagt. Dafür gibt es Gründe:
Erstens: Diejenigen, die an der Spitze eines hegemonialen Staates
stehen, zum
Beispiel in Washington, haben die Weisheit nicht gepachtet. Ihre
Horizonte sind so
begrenzt wie die unsrigen, das gilt auch für die nationalen
Intentionen. Hegemonie
und Imperialismus lösen zudem bei anderen Mächten Unruhe aus. Diese
fühlen sich
bedrängt, sie suchen nach Gegenmitteln, um ihre eigenen vitalen
Interessen zu
wahren. Das wiederum beeinträchtigt die Möglichkeiten des Hegemons,
das
öffentliche Gut der Sicherheit zu gewährleisten. Die Gegenmächte
werden die
Kooperation verweigern und natürlich letzten Endes gegen den Hegemon
aufrüsten,
um verteidigungsfähig zu bleiben.
Bei anderen Kulturen verursacht die Hegemonie Ressentiments und
Gegenwehr,
man fühlt sich nicht ernst genommen, Widerstand wird geleistet, und
dieser
Widerstand verschlingt Stück für Stück die Ressourcen des Hegemons
und
produziert wieder neuen Widerstand. Hegemonie ist deswegen nicht
nachhaltig.
Zweitens: Demokratische „Blütenträume“ unserer politischen
Philosophen und
Politiker sehen vor, dass die Welt jetzt und hier demokratisch
regiert werden müsse.
Der Begriff der Weltrepublik enthält die Idee, dass die gesamte
Welt, also im Prinzip
die Vereinten Nationen, nach demokratischen Maßstäben regiert wird.
Es wäre ein
perfektes System, wenn es auf der Welt nur noch Demokratien gäbe.
Ich wäre der
Erste, der dafür stimmt. Aber es gibt auf der Welt eben auch
Nicht-Demokratien,
darunter eminent wichtige Länder wie China. Wie soll sich China zum
Beispiel den
Forderungen nach einem Weltparlament fügen, wo es doch in dem Land
selbst kein
funktionierendes Parlament gibt? Wenn wir es andererseits China
überlassen, wen
es in ein Weltparlament schickt, dann werden dort proportional zum
chinesischen
Anteil an der Weltbevölkerung - das sind etwa ein Viertel oder ein
Fünftel- zu 20
Prozent Funktionäre Chinas sitzen. Welchen Sinn hätte das? Machte
das die
Weltpolitik irgendwie demokratischer? – Natürlich nicht.
Bis zu einer Weltrepublik, die übrigens der große Philosoph Immanuel
Kant als einen
„Alptraum“ abgelehnt hat, haben wir noch 100, 200 oder 300 Jahre vor
uns. Wir
brauchen aber eine Weltregierung jetzt und nicht erst in der
Zukunft. Die
bescheidenere Version, die der amerikanische
Präsidentschaftskandidat propagiert
hat, ist die „Liga der Demokratien“, die das Recht für sich in
Anspruch nehmen solle,
für alle anderen Regeln zu formulieren und auch durchzusetzen. Diese
Herrschaftsideologie ist dadurch gekennzeichnet, dass die
nicht-demokratischen
Staaten wie China, Russland, Ägypten, Malaysia usw. in ihr überhaupt
nicht
vorkommen. Dies sind daher diejenigen, die letzten Endes schlucken
müssen, was
ihnen die Demokratien vorsetzen. Außerdem erwarten die Ideologen der
Liga der
Demokratien, dass junge Demokratien wie Indien, Brasilien oder
Südafrika, die Jahre
oder sogar Jahrhunderte lang unter dem westlichen Kolonialismus
gelitten haben,
sich jetzt freudig in eine solche Liga einreihen und kritiklos
mitspielen. Das jedoch
kann man ganz sicher nicht voraussetzen.
Wir brauchen die Nicht-Demokratien, um die großen globalen Probleme
zu lösen.
Wie sollen wir zum Beispiel den Klimawandel angehen, wenn China
nicht
einbezogen ist? Wie sollen wir das Problem des iranischen
Nuklearprogramms in
den Griff bekommen, wenn Russland nicht mitarbeitet? Der Ausschluss
dieser
Länder erzeugt bei ihnen natürlich genau das Misstrauen, das wir
eigentlich
überwinden müssen, um zu einem nachhaltigen Weltregieren zu kommen.
Dass
zudem von den westlichen Demokratien noch die westlichen Werte zu
den einzig
gültigen auf der Welt erklärt werden, schafft außerdem auch anderswo
Ressentiments und entsprechenden Widerstand.
Welches Problem muss als erstes angegangen werden? Wir
Politikwissenschaftler
nennen es das „Sicherheitsdilemma“. Genau besehen ist unsere Welt
anarchisch
gestaltet. Es gibt keine Weltregierung, wir haben kein
Verfassungsgericht für die
Welt, es existiert keine Weltpolizei. All das, was an Ordnung
entsteht, kann sich nur
im Zusammenspiel der Staaten entwickeln. Wer aber seinen Nachbarn
misstraut,
wird mit ihm nicht kooperieren wollen. Wir sehen das zum Beispiel an
der
Energiefrage. Viele Länder fürchten eine zu große Abhängigkeit von
Russland, weil
das Russland noch stärker machen könnte. Auch im Technologietransfer
spielt das
eine Rolle. Die Vereinigten Staaten haben strikte Beschränkungen für
die
Technologien, die sie nach China exportieren aus Furcht, China
könnte diese
Technologien militärisch irgendwann gegen sie einsetzen. Ohne die
Überwindung
dieses Sicherheitsdilemmas kann kein Rahmen für die nachhaltige
Lösung globaler
Probleme entstehen.
Leider wird unser Streben nach einem nachhaltigen Weltregieren durch
einen ganz
besondere Entwicklung erschwert, in der wir uns im Moment befinden
und die sich in
der Weltgeschichte immer wieder wiederholt hat, das ist der
sogenannte
Machtwechsel. Wir sehen, dass China und Indien mit deutlich höheren
Wachstumsraten ihre Wirtschaft erweitern können. Wir können eine
Linie ziehen
zwischen dem Wachstum der USA und dem Chinas oder Indiens. Dann
stellen wir
fest, dass irgendwann zwischen 2030 und 2040 das chinesische
Bruttosozialprodukt
so groß sein wird wie das amerikanische, und irgendwann zwischen
2050 und 2060
auch Indien die USA eingeholt haben wird. Es wird also irgendwann in
der nächsten
Generation einen Machtübergang geben von der transatlantischen in
die asiatische
Welt. Russland spielt dabei eine gewichtige Rolle, aber es ist kein
Mitspieler in
diesem Spiel. Russlands Wirtschaft basiert allein auf dem
Primärsektor, auf seinem
Erdgas und seinem Erdöl. Auf einer solchen Basis kann man im 21.
Jahrhundert
nicht im ganz großen Spiel mitspielen. Europa spricht nicht mit
einer Stimme, wir sind
daher Randfiguren.
Historische Erfahrungen zeigen, dass solche Machtwechsel riskant
sind, da liegt
immer Krieg in der Luft. Die neuen Weltmächte müssen reibungslos
ihre neue
Verantwortung übernehmen können, die herrschenden Weltmächte, vor
allen Dingen
die gegenwärtige Nr. 1 USA, müssen ihren relativen Machtverlust
gegenüber den
Neuankömmlingen konstruktiv und in Würde verarbeiten können. Leider
können wir
nicht übersehen, dass es genügend Anlässe gibt, durch die die
Großmächte
zusammenstoßen könnten. Zwischen Russland und China zum Beispiel
sind die
Beziehungen ganz gut, zwischen China und Indien herrschen jedoch
noch nicht
beigelegte Grenzstreitigkeiten zwischen den Flotten beider Länder,
es gibt eine
unverkennbare Rivalität darüber, wer das Gebiet am östlichen Rand
des Indischen
Ozeans beherrschen soll. Problematischer sind die Verhältnisse
zwischen China und
den USA, obwohl beide mittlerweile eine halbwegs funktionierende
Beziehung
etabliert haben. Aber die USA sind nun mal Garantiemacht zahlreicher
kleinerer
asiatischer Länder von Japan bis Singapur, die USA sind zudem
Schutzmacht von
Taiwan, das wiederum von China beansprucht wird als Teil des eigenen
Landes. Das
sind brisante Fragen, die man ruhig behandeln kann, die aber auch
Eskalationen
nach sich ziehen können.
Das größte Risiko allerdings ist der Energiehunger aller Mächte -
vorausgesetzt
unsere Weltwirtschaft wird weiterhin auf fossilen Energieressourcen
basieren. Denn
leider sind die Energieressourcen im hohen Maße auf eine besonders
instabile
Region konzentriert: auf den Nahen und Mittleren Osten, den
Persischen Golf im
besonderen. Die dortigen Energie produzierenden Länder sind fragil,
sie befinden
sich in einer rapiden und instabilen Modernisierung. Je mehr Staaten
wie China,
Indien und die USA mit Hilfe ihrer Flotten und Luftstreitkräfte die
eigene Macht weit
vor ihre eigenen Tore verlegen, desto mehr wächst die Gefahr, dass
sie wegen des
Öls des Persischen Golfs aneinandergeraten könnten.
Eine weitere Herausforderung für nachhaltiges Weltregieren besteht
in der
Multikulturalität unserer Welt. Sie hören oft in öffentlichen
Debatten, dass die
liberalen Menschenrechte, an die wir heute alle glauben, aus der
konsequenten
Entwicklung der jüdisch-christlichen Lehre von Anbeginn bis heute
resultierten. Das
widerspricht deutlich anderen Religionen und Kulturen, insbesondere
der
islamischen, vielleicht auch der hinduistischen, der
konfuzianischen. Daraus geht
natürlich logischerweise hervor, dass sich die Welt nach unserem
westlichen Bild
auszurichten und unseren Weg nachzuahmen habe. Diese Behauptung ist
weltgeschichtlich gesehen ein ungeheurer Unsinn. Wenn Sie sich
ansehen, was das
Christentum im Laufe der Jahrhunderte mit Menschen angestellt hat,
wenn man sich
den Umgang mit Abweichlern, Ketzerverbrennungen, Hexenverbrennungen
ansieht,
die Kreuzigung der Hussiten im Böhmen des 14. Jahrhunderts, die
verzweifelte und
energische Gegenwehr der katholischen und der protestantischen
Kirche gegen
jeden kleinen Fortschritt in der Entwicklung der Menschenrechte im
18. und 19.
Jahrhundert, wenn man sich all das ansieht, versteht man die Skepsis
gegenüber
dem Christentum. Wir sollten versuchen gegenüber dem Islam tolerant
zu sein, der
hat genau dieselben Chancen. Der Islam ist genauso mehrdeutig wie es
die
christliche Lehre ist, und er kann sich genauso in Richtung einer
liberalen
Rechtslehre entwickeln wie in Richtung eines fundamentalistischen
Totalitarismus.
Beides ist möglich. Vom Westen erfordert dies die Erinnerung an ein
lang verdrängte
christliche Tugend: Es wäre sehr nützlich, wenn unsere Leitkultur
als ersten
Zielbegriff die „Demut“ enthalten würde.
Im Westen gehen wir heute häufig irrig davon aus, dass unsere Werte
bereits
weltweit akzeptiert seien. Das ist aber keineswegs der Fall. Nehmen
wir einmal an,
es kommt ein im Konfuzianismus moderner Prägung sozialisierter
Chinese in einen
Wahlkampf nach Europa oder in die USA, wo sich die Wahlkämpfer
wechselseitig in
unflätigster Weise beschimpfen und alles daran setzen, um deutlich
zu machen, dass
der Gegner ein unmoralischer betrügerischer Lügner ist, der das
Schlechteste für
sein Land will. Dieser Chinese denkt nun: Aha, das ist also die
Elite, die sich in der
Demokratie bietet, die offensichtlich unmoralischsten Personen
bewerben sich um
die Führung – das möchte ich eigentlich nicht.
Oder nehmen Sie an, es kommt jemand aus einem traditionellen
afrikanischen Land,
in dem dem Alter besonderer Respekt gezollt wird, und er sieht
unseren Jugendwahn
und die Art und Weise, wie bei uns mit alten Leuten umgegangen wird:
das
Abschieben und Wegsperren in teilweise menschenunwürdig geführte
Senioren- und
Pflegeheime. Und er fragt sich: Ist das die Art, in der die Menschen
hier ihre hohen
Werte der Menschenwürde verwirklichen? – Das will ich nicht.
Oder es kommt ein streng gläubiger Saudi und schaut sich an, wie der
weibliche
Körper in westlichen Ländern als Werbeträger dem männlichen
Voyeurismus
dargeboten wird, als sei die Frau nichts anderes als ein
kommerzielles Objekt. Und
er sagt, wenn das nun die Gleichstellung der Frau sein soll, die uns
immer so
angetragen wird, dann lasse ich doch meine Gattin lieber in der
Burka herumlaufen.
Oder es kommt jemand aus einem eher sozialistisch geprägten Land,
zum Beispiel
Kuba, und sieht, dass in den USA nur Senator oder Präsident werden
kann, wer
Millionär ist oder genügend Millionäre für sich gewinnen kann. Er
fragt sich, das ist
nun also die viel gelobte Gleichheit beim politischen
Entscheidungsprozess, die man
uns immer als Demokratie predigt? – Das will ich doch eher nicht.
Das heißt, wenn Sie durch die Brille anderer Kulturen blicken,
werden Sie feststellen,
dass das, was wir selbst als unsere Werte ausgeben und wie wir uns
verhalten,
plötzlich Diskrepanzen zeigt. Auch das lehrt Demut: den Balken im
eigenen Auge
sehen – Demut ist übrigens eine christliche Tugenden, die ich in
unserer
Leitkulturdebatte komplett vermisse. Wie sehen wir eigentlich aus,
wenn wir uns ganz
ernsthaft an den eigenen Werten messen? Und deswegen glauben andere
Kulturen
uns auch oft nicht, wenn wir ihnen unsere Segnungen andienen,
sondern sehen
dahinter immer eine versteckte böse Absicht. Denn sie sagen, wenn
das alles, was
ihr fordert, so gut wäre, warum haltet Ihr Euch eigentlich nicht
selbst daran?
Aus diesen Gegensätzen ergibt sich eine große Problematik,
gemeinsame Lösungen
zu finden, weil Lösungen für Probleme letzten Endes wertgebunden
sind. Man muss
sich ganz behutsam herantasten, und genau das hat der Westen in den
letzten 20
Jahren überhaupt nicht getan. Wir erheben den Anspruch, zwischen
guten und
bösen Ideologien, guten und bösen Staaten zu unterscheiden und dann
als Ligen der
Demokratien Regeln für alle anderen zu setzen. Diese Regeln treffen
auf heftige
Kritik und auf Widerstand. Denn die Staaten und Kulturen anderer
Völker verlangen,
dass auch ihre Werte in einem globalen Ordnungssystem angemessen
berücksichtigt
werden. Sie wollen, dass die Verteilung globaler Güter und die
Teilhabe an globalen
Entscheidungen gerecht verteilt sein soll. Es geht also um
zweierlei: um kulturelle
Anerkennung und um das fundamentale menschliche Problem
Gerechtigkeit. Wenn
diese Wünsche nicht erfüllt werden, kann der viel beschworene „Kampf
der Kulturen“
tatsächlich drohen. Er ist keineswegs eine Naturnotwendigkeit, aber
er kann das
Ergebnis politischer Dummheit sein.
In den Klimaverhandlungen stehen wir als Industrieländer mit einer
enormen
Entwicklung und einem exorbitanten Energieverbrauch Ländern
gegenüber, die jetzt
versuchen aufzuholen, nachdem sie nicht zuletzt durch die vergangene
Politik des
Westens auf einem niederen Stand des Fortschritts gehalten worden
sind. Man darf
nicht vergessen, China und Indien waren Ende des 18. Jahrhunderts
wirtschaftlich so
weit entwickelt wie Europa. Es ist maßgeblich die Folge der
europäischen
Einwirkung, dass sich diese großen Unterschiede entwickelt haben.
Sie verlangen
das, was man transhistorische Gerechtigkeit nennen würde, das heißt,
besondere
Opfer von uns, um das gut zu machen, was wir in der Vergangenheit in
diesem
Kontext verschuldet haben. Wir wollen aber das Problem des
Klimaschutzes jetzt
lösen. Ein Kompromiss wird nur möglich sein, wenn die westlichen
Industrieländer
den neuen Aufsteigern sehr sehr weit entgegen kommen. Das wird uns
Blut,
Schweiß und Tränen kosten, aber das Ziel ist das wert.
Wo sind nun die konkreten politischen Lösungen? Zuerst schlage ich
das
Mächtekonzert vor. Sie werden sich fragen, warum ich jetzt mit Musik
komme, wenn
es doch um Politik geht. Das Mächtekonzert hat ein ganz ehrwürdiges
Vorbild der
großen europäischen Mächte im frühen 19. Jahrhundert, denen es nach
den
katastrophalen napoleonischen Kriegen gelungen ist, für immerhin
anderthalb
Generationen den Frieden auf dem europäischen Kontinent zu sichern.
Die Regeln
dieses Konzerts sahen so aus: Anerkennung der Gleichstellung aller
Beteiligten,
Respektierung der vitalen Interessen der anderen Mächte, ständige
Konsultationen
über strategische Fragen, eine Intensivierung dieser wechselseitigen
Abstimmungen,
wenn eine Krise auftritt, keine einseitigen militärischen
Interventionen und keine
einseitigen Zugewinne auf Kosten der Partner. Eine solche
Feinabstimmung der
Politik zwischen den heutigen großen Mächten USA, China, Indien,
Russland, EU,
Japan, vielleicht noch Brasilien würde ganz sicher gute Ergebnisse
bringen. Denn die
Prinzipien sind hochaktuell. Sie würden helfen, das
Sicherheitsdilemma zwischen
den großen Mächten zu entschärfen.
Der zweite Baustein einer Lösung basiert auf Anerkennung und
Respekt. Denn die
Mitwirkung wichtiger Akteure kann natürlich nur erwartet werden,
wenn man sie ernst
nimmt und sie in ihrer Eigenheit auch anerkennt. Zwischen
demokratischen und
nicht-demokratischen Regierungen, die sich an das Völkerrecht, das
heißt an das
internationale Regelwerk halten, darf es im Anspruch auf
Souveränität und Teilhabe
an der Weltpolitik keinen Unterschied geben. Wir können im Westen
hundert Mal
erzählen, dass die chinesische politische Elite nicht von den
Bürgern gewählt wurde,
für sehr viele chinesische Bürger ist das überhaupt nicht
maßgeblich. Wir müssen
respektieren, dass politische Führung anderswo anders legitimiert
wird. In China wird
Legitimität durch zwei Faktoren bestimmt: Der erste Faktor ist
Harmonie und
Ordnung. Wenn etwa die kommunistische Partei Chinas in Nachfolge der
konfuzianischen Beamtenschaft am chinesischen Kaiserhof in der
Gesellschaft
Ordnung stiftet, dann zeigt sie dadurch, dass sie berechtigt ist,
Herrschaft
auszuüben. Das zweite Kriterium ist der Erfolg. Solange die
chinesische Regierung
für das Volk einen vorher nie gekannten wirtschaftlichen Wohlstand
schaffen kann,
wird sie als legitim anerkannt. Das schlägt natürlich sehr schnell
um, wenn das nicht
mehr passiert. Aber wir sollten nicht glauben, dass
Legitimitätskriterien, die in vielen
unserer Gesellschaften nicht einmal 100 Jahre alt sind, nun gleich
auch überall auf
der Welt gelten müssen. Und wir müssen geduldig darauf warten, dass
früher oder
später die wachsenden Mittelschichten sich modernisierender Länder
auch Teilhabe
verlangen. Das gilt für China, das gilt für Russland, das gilt für
Länder mit
moslemischer Mehrheitsbevölkerung und vor allen Dingen für die
arabischen Länder.
Sie müssen alle angemessene Teilhaberechte erhalten, etwa in der G8
oder auch im
Zuge einer Reform der Vereinten Nationen.
Demokratisierung ist wünschenswert, und ich wünsche mir soviel
Demokratien auf
der Welt wie jeder meiner Hörerinnen und Hörer. Aber
Demokratisierung ist die
Sache der Menschen in den Ländern selbst, eine Sache ihrer inneren
Entwicklung.
Hilfe von außen muss sanft und unaufdringlich sein. Wenn es zu ganz
massiven
Verstößen gegen die Menschlichkeit, das heißt wenn es zu Völkermord
kommt, dann
und nur dann sind die inneren Angelegenheiten auch Sache der
internationalen
Gemeinschaft, und dafür sind die Vereinten Nationen zuständig und
natürlich nicht
die NATO.
Der dritte Baustein nachhaltiger Weltpolitik ist die Beilegung der
gefährlichsten
Konflikte. Sie toben im Mittleren Osten, in Südasien und – mit
glücklicherweise
abnehmender Tendenz – in Ostasien auf der koreanischen Halbinsel.
Diese Konflikte
bergen das höchste Risiko, weil in ihnen der Einsatz von Kernwaffen
nicht
auszuschließen ist. Im Nahen Osten geht es darum, das Lebensrecht
Israels mit dem
Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser zu versöhnen. Die
Blaupausen dafür
liegen schon lange auf dem Tisch. Ich erinnere nur an das
vorzügliche Dokument,
das Palästinenser und Israelis in einer privaten Initiative in Genf
vor einigen Jahren
ausgearbeitet haben. Die anti-israelische Vernichtungsrhetorik der
gegenwärtigen
iranischen Regierung hingegen verdient massiven Widerstand.
Der vierte und wichtigste Baustein eines nachhaltigen Weltregierens
ist die Stärkung
des Völkerrechts. Die Menschheit hat in ihrer Geschichte vier
Methoden erfunden,
mit der sie Probleme zu regeln versucht. Da ist erstens die Macht.
Aber wenn die
Macht ohne Recht ausgeübt wird, bekommt man einen Stalin oder in
milderer Form
einen George W. Bush, und damit lässt sich keine Ordnung stiften.
Das zweite ist der
Markt, aber wenn der Markt ohne Rechtsregelungen funktioniert,
bekommt man
Lehman Brothers und die heutige Finanzkrise, in der wir stecken. Das
dritte ist die
Moral, wenn aber die Moral rechtsfrei ausgeübt wird, bekommt man das
Taliban-
Regime, und das will auch kein Mensch. Das Recht ist das für die
internationalen
Verhältnisse der heutigen Vielfalt am besten zu gebrauchende Medium.
Nachhaltiges
Weltregieren wird nur funktionieren, wenn es nach frei vereinbarten
Rechtsgrundsätzen geschieht. Alle Akteure müssen dabei dem Weltrecht
unterworfen werden. Die Mitwirkung an der Rechtssetzung bezieht auch
internationale Organisationen, Nicht-Regierungsorganisationen und
Unternehmen
ein. Doch bleibt der zwischenstaatliche Vertrag die wichtigste
Quelle des
Völkerrechts.
Wenn wir mal völlig umstellen von Arroganz auf demütige
Kooperationsbereitschaft,
haben wir damit natürlich erst die Hälfte erreicht. Es geht relativ
einfach mit
denjenigen Partnern, die uns nahe stehen. Wir kennen das aus der EU,
da raufen wir
uns auch zusammen, aber wir schaffen es immer, irgendeinen
Kompromiss zu
formulieren, weil die „Käseglocke“ des Wertsystems, die wir
miteinander teilen, das
unheimlich erleichtert. Es wird schon schwieriger, wenn wir aus
dieser Käseglocke
herausgehen, etwa in die Welthandels- oder in die
Kyoto-Verhandlungen, denn da
treffen wir auch auf andere, deren Wertesysteme anders ticken als
unsere. Aber hier
haben wir immerhin noch Partner, die sagen, ja, wir haben dieselben
Probleme mit
Euch, wir sind genötigt, die zu lösen, und was immer wir für
Widersprüche mit Euch
haben, wir sind willens, diese Widersprüche zu überwinden und
irgendwie zu einem
wie auch immer gearteten Wertesystem zu kommen, das wir gemeinsam
haben. Es
gibt eine dritte Gruppe, die sagt, wir haben zwar dieselben
Probleme, aber wir sind
so weit auseinander, dass wir sie nicht gemeinsam lösen können, die
sind aber
immerhin bereit zu sagen, wir sind weit voneinander entfernt, aber
wir leben auf
friedliche Weise zusammen. Das heißt, wir können Regeln vereinbaren,
wie wir den
Frieden sichern, aber nicht viel mehr. Es könnte sein, dass es bei
Saudi-Arabien
darauf hinausläuft. Es kann sein, dass es in weiteren islamischen
Ländern
Regierungen geben wird, die eine strikte Scharia-Ordnung wollen und
soviel
Misstrauen gegen uns hegen, dass eine Kooperation nicht möglich ist,
aber doch
eine friedliche Koexistenz. Und dann gibt es welche, Marke Hitler,
die völlig
friedensunfähig sind. Gegen sie haben alle anderen das Recht, sich
zu wehren. Die
Art und Weise, wie die jetzige iranische Regierung, die von einer
extremistischen
Minderheit geführt wird, sich gegenüber Israel aufführt, legt den
Schluss nahe, dass
Iran ein solches Land sein oder werden könnte. Da hilft in der Tat
nur die
Verteidigung der Weltgemeinschaft gegenüber dem Friedensstörer, aber
eben der
Weltgemeinschaft als Ganzes – und nicht der NATO.
Welche Schlüsse können wir aus all dem ziehen? Das Prinzip, dass
alle Staaten
ungeachtet ihrer politischen und kulturellen Ordnungen, ein Recht
zur Mitwirkung an
der Weltpolitik haben, ist wichtigster Pfeiler einer
funktionierenden nachhaltigen
Ordnung. Nachhaltiges Weltregieren im 21. Jahrhundert verlangt eine
so
grundlegende Umkehr im Verhalten der Staaten zueinander, wie
nachhaltiges
Wirtschaften eine grundlegende Umkehr des Verhältnisses der
Gesellschaften zur
Natur verlangt.
*****
|