SÜDWESTRUNDFUNK SWR2 Aula -
Manuskriptdienst
Redaktion: Ralf Caspary. Sendung: Sonntag, 21. März 2004, 8.30 Uhr,
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Prof. Thomas Meyer: Die Vielfalt in der Einheit –
Über die zukünftige Identität Europas
Das Thema europäische Identität
ist seit langem eine Versuchung, gleichermaßen für den politischen, den
intellektuellen und den sozialwissenschaftlichen Diskurs. Zuletzt hat das
Thema europäische Identität im Frühsommer 2003 den Konvent genarrt, der
den Grundlagentext erarbeitet hat, der der Europäischen Union eine
zukunftsweisende Verfassung bringen soll oder vielmehr sollte. Die Stelle
im Text, die des Identitätsrätsels Lösung schwarz auf weiß enthalten
sollte, so war es jedenfalls geplant, ist am Ende leer geblieben -, weil
sich die Gesandten der unterschiedlichen Länder, unterschiedlichen
Interessen, Kulturen, Konfessionen, Bekenner aller möglichen Überzeugungen
Europas mit nichts von dem identifizieren mochten, was von den
verschiedenen Seiten im Verlaufe des Prozesses vorgeschlagen worden ist.
Nichts fand die Gnade aller. Eine kulturelle Identität Europas ließ sich
vor dem Forum, das über die künftige politische Identität des Kontinents
befinden sollte, nicht feststellen.
Nun läge es nach all den
Gewaltexzessen, die während des ganzen 20. Jahrhunderts in Europa und noch
vor kurzem in seinem Südosten im Namen von Identität begangen und
begründet wurden, durchaus nahe, Identität vielleicht sogar für einen
Begriff zu halten, der in der Politik vor allem Unheil stiftet und gerade
darum vielleicht sorgsam zu meiden wäre. Er eignet sich ja sogar, wie wir
an jedem beliebigen Stichtag an allen Ecken und Enden der Welt beobachten
müssen, nicht schlecht zur Mordwaffe.
Identitätspolitik ist zu einem
barbarischen Destruktionspotential moderner, zivilisierter Politik
geworden, vor allem in den letzten Jahrzehnten. Im Namen von Identität
lassen sich, und zwar auch im Namen der Identität des Westens, auf dem
unbegrenzten Feld des politischen Willens zur Herrschaft und Suprematie
viele Begründungen anmelden. Zu viele?
Beim genaueren Hinsehen
erweisen sich vor allem die Gattungen religiöse Identität und ethnische
Identität, mitunter auch kulturelle Identität, als Hauptdelinquenten
moderner Gewaltpolitik. Identität erscheint folgerichtig (zumal nach dem
krisengeschüttelten Jahrzehnt der allerjüngsten Geschichte mit ihren
zahlreichen Beispielen eines in ihrem Namen betretenen
Zivilisationsverfalls) als ein Begriff, der Verdacht erweckt. Das ist die
eine Seite. Andererseits wissen wir aber auch, dass politische
Gemeinwesen, deren Bürger nicht ein Zugehörigkeitsbewusstsein verbindet,
das keinen anderen Namen kennt als ebenfalls den der Identität, in ihrem
Bestand gefährdet sind, wenn es ihnen nicht gelingt, ein gemeinsames
Bürgerbewusstsein auszubilden. Das gilt vor allem für Demokratien und alle
Formen politischer Förderation im weiteren Sinne, die ja lose verbunden
sind, vermutlich sogar in ganz besonderem Maße für die Europäische Union.
Solche politischen Gebilde gewinnen Legitimität und Stabilitäten nur, wo
ihre Bürger politisch zusammen gehören, sich als Mitglieder derselben
politischen Einheit empfinden und deswegen eine gemeinsame politische
Identität ausbilden, ein politisches Zusammengehörigkeits-Bewusstsein.
Identität in diesem Sinne ist also eine Bedingung stabiler Demokratie. Ist
sie eine Bedingung von Demokratie und eine Bedrohung zugleich?
Diese Frage scheint sich zu
stellen, wenn man die verschiedenen Beobachtungen überblickt, die ich hier
vorgetragen habe. Vaclav Havel, der ehemalige tschechische Präsident und
Intellektuelle, hat gemeint vor wenigen Jahren, wenn es nicht gelänge, der
Europäischen Union eine gemeinsame politisch-kulturelle Identität zu
verschaffen, dann bliebe die Europäische Union auf ewig ein seelenloses
Getriebe von Institutionen, eine Maschine sozusagen ohne Seele – nichts,
womit sich die Bürger in Europa identifizieren würden. Deswegen war er
einer der Hauptbefürworter für ein Projekt europäischer Identität, an dem
die Europäer arbeiten sollten. Das war seine Aufforderung.
Was ist davon geblieben? Im
Entwurf für eine europäische Verfassung, den der Konvent im vorigen Jahr
vorgelegt hat, wie gesagt, ist also in Bezug auf die kulturelle Identität
nichts zu finden. Wir wissen, dass sich die Mitglieder des Konvents lange
gestritten haben. Die einen wollten das Christentum, die christliche
Tradition dort stehen haben an dieser Stelle, die anderen die Aufklärung,
schließlich gab es Kompromissvorschläge: beides, die christliche Tradition
und die Aufklärung zur kulturellen Identität Europas zu erklären; auch das
ist gescheitert. Dafür ließ sich ebenfalls kein Konsens finden. Was nun
dort steht, sind eigentlich ganz allgemeine politische Grundwerte:
Gleichheit der Menschen, die Freiheit, der Vorrang der Vernunft. Das sind
die drei Forderungen, die an der Stelle stehen, wo es um europäische
Identität geht - rein politische Grundwerte also; übrigens solche, die
überall auf der Welt gelten können, überall auf der Welt Geltung
beanspruchen können, auch wenn es überall Kräfte gibt, die sich dagegen
verwahren. Das gilt insbesondere auch für die Forderung des Vorrangs der
Vernunft.
Nun könnte man eigentlich
zunächst fragen, was meint eigentlich der Entwurf damit? Vernunft und ihr
Vorrang wovor eigentlich? Gegenüber wem? Hier ist eine sehr interessante
Beobachtung am Platze, die etwas zu tun hat mit dem Spezifikum
europäischer Identität. Der Vorrang der Vernunft, überhaupt einer Rolle
der Vernunft in diesem Sinne ist nämlich ein Vorschlag, der ursprünglich
von Ibn Rushd, dem bekannten muslimischen Gelehrten, kam – er hat ihn im
12. Jahrhundert formuliert – und hat als Erster, bevor die christlichen
Gelehrten anfingen, diesen selben Gedanken zu denken und zu diskutieren,
den Vorschlag gemacht, künftig deutlich zwischen Glauben und Wissen,
zwischen dem, was uns im Glauben plausibel erscheint, und dem, was unsere
Vernunft beglaubigt, zu unterscheiden. Er hat ein Eigenrecht der Vernunft
gegenüber dem Glauben verlangt. Eine Forderung, die dann nicht viel später
im 13. Jahrhundert von zwei Franziskaner-Mönchen, zwei Gelehrten, die
damit zu den Begründern der europäischen modernen Kultur wurden, wie ich
denke, aufgegriffen wurde, nämlich Wilhelm von Ockham und Johannes Duns
Skotus, die beide diesen Gedanken einer Notwendigkeit der Trennung von
Vernunft und Glauben ihrem Werk zugrunde gelegt, ihn weiter vorangetrieben
und damit die „via moderna“, den Weg der modernen Kultur begründet haben.
Das ist eine interessante
Beobachtung, bedeutet sie doch, dass der vielleicht wichtigste Gedanke für
die europäische Identität, wie er jetzt sozusagen als einziger fast im
Verfassungsentwurf noch übrig blieb, gar nicht aus dem heraus erwachsen
ist, was als das ganz besonders Eigene der europäischen Kultur in Anspruch
genommen wird, sondern sozusagen von außen kam und ein Vorschlag war, den
ein islamischer Gelehrter, der am Rande Europas – kulturell gesehen, wenn
er auch geografisch in Europa lebte -, gemacht hat. Das verweist auf das
interessante Verhältnis von Eigenem und Fremden. Das hat schon der
allererste Mythos, der sich mit der Entstehung Europas beschäftigt, so
gesehen. In diesem ursprünglichen Mythos scheint eine Wahrheit zu stecken,
die ans Licht zu fördern sich gerade für aktuelle Fragestellungen: was ist
denn das für eine Identität in Europa?, wie verhält sie sich denn zu
anderen Identitäten? weiterführen kann. Der Mythos von der Entstehung
Europas beschreibt ja, wie die Tochter des Agenor, des Königs von Sidon,
von phönizischem Territorium von keinem geringeren als dem Göttervater
Zeus persönlich nach Kreta entführt wurde und hier eben sozusagen die
Wiege Europas stand. Also eine interessante Mischung. Es vermischen sich
im Mythos wie auch in den tatsächlichen Einfluss-Strömen, wenn man es
geschichtlich rekonstruiert, verschiedene Identitäten, verschiedene
Einfluss-Strömungen zu dem, was dann Europa werden sollte.
Die Übernahme des anderen wird
zur Wurzel, wird zur eigentlichen Quelle europäischer Identität. Der
Mythos des Raubes der Königstochter durch das Oberhaupt der Götter
verklärt die trivialere Geschichte einer Reihe kultureller Importe, die
zur Voraussetzung dessen wurden, was Europa werden sollte. Das gilt, wie
genauere Studien gezeigt haben, auch für den Fortgang der Geschichte
Europas in seinem Verhältnis zu den beiden kulturellen Hauptrivalen, von
denen es im offiziellen Selbstverständnis durch scharfe und eindeutige
Trennlinien geschieden sein sollte: Byzanz und Islam.
Von Byzanz hat es die meisten
Rituale und Formen übernommen, die Staatlichkeit in Europa symbolisch
konstituieren; von islamischen Gelehrten, wie ich vorhin kurz gezeigt
habe, den Gedanken der Trennung von Glaube und Vernunft, der dann in der
Aufklärung seine besondere Wirkung entfaltete und zur Grundlage dessen
werden sollte, was das moderne Europa ist, worauf sich heute europäische
Identität beziehen muss.
Das Europa der Gegenwart ist
erst möglich geworden, als es sich in nahezu allen, die Konstitution des
politischen Gemeinwesens betreffenden Fragen in einem wahrhaft
revolutionären Bruch dann von den alten christlichen Traditionen abgewandt
hat, die die europäische Geschichte bis dahin in erheblichem Maße geprägt
haben. Dabei ging es eben um den Bruch mit der christlichen Tradition, den
die Aufklärung vollzieht. Die in der Aufklärung begründete Vernunft der
Regelung öffentlicher Verhältnisse brachte eine Kultur der Moderne hervor.
Und diese Kultur der Moderne ist etwas Besonderes. Es wäre ein großes
Missverständnis zu behaupten, was allerdings sehr oft geschieht, dass die
Kultur des Westens, die alte westlich-europäische Tradition, so wie sie im
Christentum wurzelte, nichts anderes sei als die Kultur der Moderne oder
vielmehr die Grundform der Kultur der Moderne, die sich dann noch ein
bisschen gewandelt hat und dann zu dem geworden sei, was sie heute ist. Es
gibt vielmehr, wie die genauere Betrachtung zeigt, da doch einen sehr
erheblichen Unterschied: Die alte Kultur des Westens, also die in
besonderer Weise durch die christliche Tradition geprägte Kultur des
Westens, kennzeichnete sich doch durch eine Reihe von Kriterien, die der
Kultur der Moderne, die heute die Kultur Europas ist, völlig fremd ist.
Ich möchte anhand einiger
dieser Differenzen auch gleichzeitig zeigen, worin ich gegenwartsbezogen
die wichtigsten Unterschiede zwischen kultureller und politischer
Identität sehe; denn meine Hauptthese, zu der ich dann später komme, ist:
Was Europa braucht und allein gewinnen kann, ist eine politische
Identität. Und diese politische Identität besteht zum großen Teil gerade
darin, im kulturellen Bereich nicht Identität, sondern Vielfalt zu
verlangen und zu ermöglichen. Die Kultur des Westens also, diese Kultur
christlicher Prägung war in hohem Maße bis ins 18. Jahrhundert hinein eine
Kultur des Allgemeinen, eine Kultur der Einheit, eine Kultur der
Gewissheit. Das Christentum wurde einheitlich interpretiert. In dieser
christlichen Tradition galt der Vorrang des Allgemeinen vor dem
Individuellen. Unterschiede, Differenzen, das Recht des Individuellen, gar
Menschenrechte spielten darin keine Rolle. Sondern dieses Allgemeine, die
allgemeine Wahrheit des Christentums eben, die als Einheit gedacht wurde
und jedenfalls hier im Westen auch als Einheit mehr oder weniger sicher
betrieben und aufbewahrt werden konnte bis zu den Religionskriegen, war
eine Kultur der Gewissheit. Man glaubte eben, und daran war legitimer
Zweifel gar nicht erlaubt, dass dieses Allgemeine etwas ganz Gewisses sei,
aus göttlicher Offenbarung stammend und deswegen auch berechtigt. Das
Leben der Einzelnen, die Ordnung der Gesellschaft, das politische
Gemeinwesen nicht nur zu formen, sondern verbindlich zu regeln, und es war
eben nicht legitim, gegenüber der Gewissheit dieses Allgemeinen, Ansprüche
des Besonderen, der Differenz, des Individuellen geltend zu machen. Zwar
gab es in dieser Tradition einige Besonderheiten gegenüber einigen anderen
kulturellen Traditionen, wie etwa ein gewisses Maß an Rechtlichkeit,
bestimmte Formen politischer Repräsentation der Gesellschaft im Staat und
eine gewisse Trennung von geistlicher und weltlicher Macht. Aber dieses
Denken der Gewissheit des Allgemeinen, das einen Vorrang vor allem
Einzelnen hatte und die Illegitimität der Differenz, das war doch das, was
die Kultur des Westens ausgemacht hat. Und erst als diese Kultur zerbrach
in der Reformation, als diese Einheit sich nicht mehr aufrecht erhalten
ließ, sondern diese verschiedenen Teile, die aus dem Zerfall der Einheit
entstanden, mit großer Erbitterung gegeneinander los gingen und ihre
Gewissheitsansprüche gegeneinander geltend machten, erst in diesem
Augenblick wurde offenbar, dass sich darauf nichts mehr die Gesellschaften
in Europa Einigendes gründen lassen würde. Die Religionskriege des 16. und
17. Jahrhunderts waren die Folge. Und erst als sich in diesen
Religionskriegen mit ihren Abermillionen Opfern nachdrücklich gezeigt
hatte, dass so etwas wie eine auf einer der Varianten des Christentums
begründete Einheit gar nicht mehr schaffen lässt, war die Zeit gekommen,
dass die Aufklärung zum allgemeinen Bewusstsein wurde und die moderne
Kultur entstand.
Die moderne Kultur ist nun, wie
ich vorhin andeutete, etwas ganz anderes als die westliche, obwohl sie aus
ihr hervor gegangen ist. Sie ist sozusagen aus ihrem Ende hervor gegangen.
Sie ist ihr Erbe, aber Erbe im Sinne dessen, dass sie etwas fortsetzt, was
gescheitert ist, und in der Überlegung, worauf das Scheitern sich
gründete, ihre eigenen Maßstäbe stützt. Die Kultur der Moderne ist nämlich
die Kultur des Individuellen, die weiß, dass die Unterschiede und
Differenzen (etwa in der Interpretation der christlichen Überzeugungen,
aber auch kritischer, nicht mehr christlicher Tradition) bleibend sind,
dass es keinen Standpunkt mehr gibt, aus dem diese Unterschiede versöhnt
oder unter eine Einheit ohne Gewalt gebracht werden können. Deswegen ist
die Kultur der Moderne eine Kultur der Ungewissheit (wir müssen damit
leben, dass wir Verschiedenes für richtig halten), eine Kultur des
Individuellen (die Individuen, die Gruppen haben ihr eigenes Recht in der
Art wie sie leben wollen, in der Art, wie sie die Formeln des
Gemeinwesens, das Gemeinwohl interpretieren, in der Art, wie sie sich ihr
eigenes Leben vorstellen). Die Kultur der Moderne ist also von der
Überzeugung getragen, dass nach dem Zerbrechen der alten christlichen
Gewissheiten nur noch Formen, die das friedliche Zusammenleben der Vielen
ermöglichen, eine Form von Identität bereit stellen, auf die sich alle
einigen könnten. Das sind vor allen Dingen: Rechtsstaat, Demokratie und
die Menschenrechte. Das sind Formen einer politischen Identität, die den
unterschiedlichsten kulturellen Identitäten genügend Raum bieten. Deswegen
ist aus seiner eigenen Geschichte heraus die Identität Europas eine
politische Identität geworden, die keine kulturelle Identität mehr zur
Voraussetzung hat. Denn: die verschiedenen christlichen Strömungen, die
einander in den Konfessionskriegen befehdeten, und die anderen
Traditionen, etwa die des Humanismus und der Aufklärung, die sich davon
ganz abgewendet hatten, konnten sich als Regel des Zusammenlebens auf
nichts anderes mehr verständigen als eben diese politischen Grundwerte der
Rechtsstaatlichkeit, der Demokratie, des Pluralismus und der
Menschenrechte. Das Paradoxe ist nun, dass diese politischen Grundwerte,
die das Ergebnis der europäischen Geschichte sind und ein Dokument des
Scheiterns, auf kultureller Grundlage Identität zu erzeugen, einen
universellen Anspruch haben. Das sind ja Dinge, die sind zwar in Europa
zuerst entstanden, wie manches Andere auch, die sind aber nicht darauf
relativ, dass sie nur in Europa entstehen könnten. Sie haben einen
universellen Geltungsanspruch; denn überall dort auf der Welt, wo die
gleiche Erfahrung gemacht wird, dass ehedem homogene einheitliche
Traditionen sich entzweien, weil die Menschen beginnen, verschiedene
Gedanken, Interessen und Vorstellungen zur Geltung zu bringen, überall
dort wird ja dieselbe Erfahrung gemacht und überall dort sind die
Grundnormen der Moderne, wie können die kulturell Verschiedenen dennoch
gemeinsam friedlich in einem politischen Gemeinwesen zusammen leben, in
Geltung setzt. Also eine universelle Gültigkeit, die auch kaum noch
irgendwo auf der Welt heute bestritten wird, jedenfalls nicht in den
legitimierenden Ansprüchen, vielleicht nur in der Praxis von bestimmten
Herrschern, die ganz andere Vorstellungen damit verbinden.
Das also ist der Unterschied
zwischen kultureller und politischer Identität am Beispiel. Und dieser
Unterschied ist sehr sehr wesentlich, weil der Glaube, dass politische
Identität kulturelle Identität voraussetzen würde, gefährlich ist. Es ist
nämlich der Glaube, der zur Identitätspolitik führt, die wir beobachten
mussten auch im letzten Jahrzehnt in Europa selber, der Glaube, dass nur
diejenigen in einem Gemeinwesen zusammenleben können, die die kulturellen
religiösen Grundlagen ihres Lebens miteinander teilen. Das ist vielleicht
ein Gedanke, der im alten Europa seine Beglaubigung hatte, der im modernen
Europa aus den Gründen, die ich nannte, keinen Platz mehr hat und hier zur
Gefahr würde, nämlich zur Grundlage jener Identitätspolitik, die glaubt,
unter Berufung auf ethnische und religiöse Identitäten
Herrschaftsansprüche legitimieren zu können, nämlich alles auszumerzen, zu
entfernen, zu unterjochen, was kulturell oder religiös anders ist.
Dieses ist gleichzeitig auch
das wichtigste Argument dafür, wie Europa seine Identität heute sehen
soll. Die Identität der Europäischen Union als politischem Gemeinwesen
kann also nur eine sein: Die die Gemeinsamkeit der Überzeugungen von
Rechtsstaat, Pluralismus, Menschrechten und Demokratie in einem
gemeinsamen politischen Gemeinwesen so interpretiert, dass alle
kulturellen und religiösen Verschiedenheiten, die diese politische
Gemeinsamkeit nicht gefährden, legitim sind. Ja, man kann geradezu sagen:
Es ist der Sinn der politischen Identität, die kulturelle Nicht-Identität
zu ermöglichen, zu legitimieren und ihr sicheren Raum zu verschaffen. Wenn
wir Bürger Europas sind, also Bürger der sich ja erweiternden, wachsenden
und der in ihren letzten Grenzen nicht festgelegten Europäischen Union,
dann sind wir Bürger, die etwas Politisches miteinander verbindet und die
in diesem Rahmen kulturell und religiös so verschieden sein dürfen, wie
sie nur wollen.
Das was an Kultur vielleicht
doch erforderlich ist, um diese politische Identität zu stützen, ist
lediglich eine politische Kultur, nämlich der Teil der Kultur, der sich
auf die politischen Überzeugungen der Menschen bezieht, nämlich auf die
politischen Überzeugungen der Rechtsstaatlichkeit, der Demokratie und der
Menschenrechte.
Das scheint mir das
allerwichtigste zu sein, und jeder Versuch, die kulturelle Identität in
den Vordergrund zu stellen, sprengt das Gemeinwesen Europa und stellt eine
Gefahr für es dar.
Jetzt stellt sich aus aktuellem
Anlass die Frage, wie sieht es denn aus, wenn nun die Osteuropäer hinzu
kommen in Kürze. Sind die nicht eine Bedrohung für die Identität Europas?
Es ist in der Tat richtig, dass die Osteuropäer aufgrund ihrer jüngsten
Geschichte andere Erfahrungen und Prägungen haben als die meisten
Westeuropäer. Und es ist auch richtig, dass wir sehr sorgsam darauf achten
müssen, wie sich diese Differenzen, die jetzt am Anfang sichtbar werden,
im weiteren Verlauf der gemeinsamen Bürgerexistenz in der Europäischen
Union entwickeln werden. Es gibt ein gewisses Risiko, das die Osteuropäer
zu den neuen Parias Europas werden aus unterschiedlichen Gründen. Einige
Äußerungen, etwa die des französischen Staatspräsidenten Chirac im
vergangenen Jahr, der so eine Art Vormundschaft des Westens über die
Osteuropäer beansprucht, haben das noch einmal sehr deutlich gemacht.
Es gibt also auf beiden Seiten
Ängste. Im Westen gibt es Ängste, dass die Osteuropäer vielleicht
politisch doch nicht so ganz zu Westeuropa passen könnten. Es gibt
ökonomisch begründete Ängste. Es gibt Ängste, dass nun viele
Wanderarbeiter aus diesen Ländern nach Westeuropa kommen und den Wohlstand
hier gefährden. Ist Osteuropa gibt es die Ängste, dass eine Mitgliedschaft
in der Europäischen Union vielleicht doch bedeutet, dass man aufs Neue
unter Vormundschaft genommen werden sollte. Es gibt vor allen Dingen eine
ganz wichtige verschiedene Erfahrung, die man genau im Auge behalten muss:
Die Osteuropäer denken zum großen Teil, dass sie ihre Freiheit nicht der
Zivilmachtpolitik und der Friedenspolitik der Europäischen Union
verdanken, sondern den Gewaltdrohungen der USA gegenüber der Sowjetunion.
Deswegen glauben sie, dass die militärische Macht der USA auch für die
Zukunft eine bessere Gewähr für die Sicherung ihrer Freiheit ist als die
Unterstützung dieser Zivilmacht zur Friedenspolitik der Europäischen
Union. Hier müssen wir sehr aufpassen im Osten und im Westen Europas. Es
muss sichtbar werden. Und ich bin davon überzeugt, dass es das auch wird,
dass diese Zivilmachtpolitik Europas letzten Endes im globalen Maßstab und
auf dem Kontinent Europa ohnehin die bessere Gewähr für einen dauerhaften
Frieden gibt als die Politik der militärischen Intervention, der
militärischen Stärke, von der die USA glauben, dass sie die bessere Gewähr
von der Freiheit in der Welt ist.
Ein anderes Problem, das im
Zusammenhang mit der Europäischen Union intensiv diskutiert worden ist,
ist das Problem eines Beitritts der Türkei. Die Türkei, das haben wir in
den jüngsten Diskussionen erlebt, ist zur Projektionsfläche aller
möglichen Ängste in Bezug auf die Europäische Union geworden. Dabei wird
oft etwas ganz Wichtiges übersehen: Die Türkei ist ein Land, das bereits
seit 1923, seit der säkularisierenden Revolution des Staatsgründers der
modernen Türkei Mustafa Kemal, genannt Atatürk, in großen Schritten einer
Annäherung an Europa, einer Annäherung an die europäische politische
Kultur vollzogen hat. Das begann mit der Säkularisierung, die Verbannung
der Religion aus dem öffentlichen Leben, und das führte dazu, dass
allmählich Institutionen des Rechtsstaates und der Demokratie aufgebaut
worden sind, wenn auch, wie wir alle wissen, unzulänglich. Ich habe aber
oft den Verdacht, dass es weniger die verbliebenen Unzulänglichkeiten sind
im Hinblick auf Rechtsstaatlichkeit und Demokratie in der Türkei, sondern
bei Vielen doch, und Manche sagen das auch, die Vorstellung, eine
islamische Gesellschaft passe eigentlich gar nicht in die Europäische
Union hinein. Das wäre ein gefährlicher Trugschluss. Denn wenn die Türkei
wirklich die Bedingungen an Demokratie und Rechtsstaatlichkeit und auch
ökonomischer Solidität erfüllt, worum sie sich ja nach Kräften und mit
großen Erfolgen bemüht, dann wäre doch ein Beitritt dieses Landes zur
Europäischen Union aus vielerlei Gründen ein besonderer Gewinn. Es wäre
für die zwölf Millionen Muslime, die ja ohnehin auf dem Gebiet der
Europäischen Union leben, der Beweis, dass ihre Religion in diesem Europa,
in diesem demokratisch-rechtsstaatlichen Europa anerkannt ist. Es wäre für
die Türkei selber ein ganz wichtiger Schub der weiteren, der endgültigen
Demokratisierung und Rechtsstaatlichkeit. Es wäre eine Garantie auch
dafür, dass die demokratischen Institutionen stabil sind, und es würde
Europa im Ganzen kräftigen. Ich glaube, es wäre ein großer Gewinn für ein
modernes Europa, für ein Europa einer politischen Identität, die weiß,
dass kulturelle Verschiedenheit zu ihr hinzu gehört.
Diese politische Identität kann
ja nichts anderes sein, wie Manuel Castells es einmal formuliert hat, als
eine Projektidentität. Wir Europäer nehmen uns in dem Bewusstsein, dass
wir in einem gemeinsamen politischen Gemeinwesen leben, vor, bestimmte
politische Ziele gemeinsam zu verfolgen. Ich denke, es sind vor allem
drei, die dabei eine Rolle spielen, die auch in der Verfassung verankert
sind, nämlich: Europa als ein Sozialraum, Europa als eine
Teilhabedemokratie (nicht als eine Elite-Demokratie der dem Volk
entrückten politischen Kasten und Klassen) und Europa als eine Zivilmacht
in der Welt, die mit allen anderen zusammen wirkt und versucht, durch die
Verhütung von Krisen, durch die Schaffung einer gerechten Weltordnung,
Gewalt und Konflikte zu verhindern.
Allerdings, uns insofern bedarf
all das, was ich bisher gesagt habe, noch einer gewissen Einschränkung:
Selbst wenn es uns gelingt, durch eine Politisierung der
Entscheidungsprozesse in Europa eine politische Identität in der
Europäischen Union auszubilden, wäre es in der Welt von heute, in der Welt
der negativen Globalisierung noch zu wenig. Denn wir müssen ja auch, wenn
wir unsere weltweiten Verantwortlichkeiten erfüllen wollen, Weltbürger
sein. Also kann eine europäische Bürgeridentität nur eine Identität von
Weltbürgern sein. |