SWR2 Wissen: Aula - Michael Maier: Globale Verblödung oder
Fortschritt . Wie verändert das Internet unsere Welt?
Sendung am Sonntag, 29.08.2010, 08.30 bis 9.00 Uhr
Autor und Sprecher: Dr. Michael Maier *
Redaktion: Ralf Caspary
Sendung: Sonntag, 29. August 2010, 8.30 Uhr,
SWR 2
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch
bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
ÜBERBLICK
Kaum ein neues Medium wird so unterschiedlich bewertet wie das Internet. Die
einen verbinden mit ihm den Untergang des Abendlandes, sie haben Furcht vor
Kindern, die nicht mehr richtig lesen und schreiben können, vor einer
Gesellschaft, die nur noch Diskurse im Cyberspace führt. Andere verbinden mit
dem Internet lauter Revolutionen, sie träumen von neuen Kommunikations- und
Arbeitsformen, die dieses Medium eingeführt hat. Michael Maier, Buchautor,
Internet-Unternehmer und Journalist, erklärt, wie und warum sich unser Leben
mit dem Internet verändert.
Zum Autor:
* Zum Autor: Dr. Michael Maier (früher Chefredakteur „Die Presse“/Wien,
„Berliner Zeitung“, „Stern“ und „Netzeitung“) leitet das Team der
Fachinformation „Blogform Professionell Information“, das es sich zur Aufgabe
gemacht hat, aus der unübersehbaren Anzahl ständig neuer Quellen in den neuen
Medien unabhängig in die Tiefe gehende Informationen und Analysen aus
gesellschaftlichen relevanten Bereichen anzubieten. Er hat an der Hebräischen
Universität Jerusalem zum Thema „Antisemitismus in den Medien der DDR“ und als
Fellow am Joan Shorenstein Center for the Press, Politics and Public Policy
der Kennendy School of Government an der Harvard Universität zum Thema
„Umweltjournalismus in Bürgermedien“ geforscht. Er ist Lehrbeauftragter an der
Fachhochschule für Management und Kommunikation in Wien.
Buchtipp:
Die ersten Tage der Zukunft. Wie wir mit dem Internet unser Denken verändern
und die Welt retten können. Pendo Verlag. 2008.
Buchtipp:
Die ersten Tage der Zukunft. Wie wir mit dem Internet unser Denken verändern
und die Welt retten können. Pendo Verlag. 2008.
-------------------
INHALT
Ansage:
Mit dem Thema: „Globale Verblödung oder Fortschritt zum Besseren – Wie
verändert das Internet unser Denken?“
Internet-Kulturpessimisten und -Optimisten können sich trefflich über dieses
Medium streiten. Jene sagen: Das Internet macht uns zu Cyberspacejunkies, die
nicht mehr wissen, wie die Realität aussieht und funktioniert, die deshalb ins
Virtuelle flüchten. Statt Freunde zu treffen, nehmen wir mit Facebook vorlieb,
statt sich mit Gleichgesinnten auszutauschen oder zu engagieren, schreiben wir
neuerdings irgendwelche kruden Botschaften in einen Blog. Falls wir überhaupt
noch schreiben können, denn – auch das sagen die Pessimisten – das Internet
fördert Analphabetismus, weil ja die Bilder dominieren.
Und was sagen die Optimisten? Das erfahren Sie nun im Vortrag von Michael
Maier, er ist so ein Optimist, gleichzeitig ist er Journalist,
Medienunternehmer, Buchautor. Er zeigt in der SWR2 Aula, warum es völlig
falsch wäre, das Internet zu dämonisieren.
Michael Maier:
Das Internet ist ein Informationsmedium und Informationskanal. Das Internet
ist etwas, vor dem wir uns nicht fürchten müssen. Ich glaube, das ist eines
der großen Probleme, mit denen wir in Deutschland zu kämpfen haben: eine
gewisse Skepsis gegenüber Technik bzw. gegenüber der Möglichkeit, Technik zu
missbrauchen. Diese Skepsis rührt vermutlich aus unserer Geschichte. Wir haben
es erlebt, und Hannah Arendt hat es einmal sehr drastisch ausgedrückt, indem
sie gesagt hat: "Man stelle sich einmal vor, die Atombombe in den Händen eines
Tyrannen wie Adolf Hitler – das würde das Ende der Welt bedeuten."
In Deutschland ist sehr lange alles, was technische Implikationen hat oder nur
ansatzweise mit Technik zu tun hat, unter einem Generalsverdacht gestanden.
Jeder Computer musste sich zunächst einmal rechtfertigen. Es war nicht so sehr
die Frage, wie kann ich ihn denn vernünftig verwenden, sondern die Hauptsorge
der Leute war, was kann der Computer eigentlich für eine Gefahr für mich
bedeutet. Das widerspricht meiner grundsätzlichen Sicht von Dingen, und ich
halte es da mit Thomas von Aquin, der sagt, es gibt keine guten und schlechten
Dinge, es gibt nur guten und schlechten Gebrauch von Dingen. Und daher, glaube
ich, ist die Angst vor Technik oder die Unterstellung, dass Technik uns
überrollen könnte, ein irrationale Angst, die in der deutschen Kultur und in
der deutschen Geschichte sehr begründet ist. Wir leben in einer globalisierten
Welt, und die deutsche Sicht ist nur eine von vielen.
Wir haben in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer vom Primat der
Amerikaner gesprochen; wenn wir heute in die Welt schauen, sehen wir, dass die
Welt größer und kleiner zugleich geworden ist: wir haben es mit asiatischen
Märkten zu tun, wir haben es mit asiatischen Kulturen zu tun, Wir haben es mit
afrikanischen Kulturen zu tun, mit russischen, mit lateinamerikanischen, alles
vermischt sich, und wir können es uns aus deutscher Sicht, so meine ich, nicht
leisten zu sagen, wir ziehen uns zurück, wir hatten immer eine bessere Welt,
wir brauchen das nicht, wir schotten uns ab gegen das Böse. Diese Theorie
funktioniert nicht. Ich glaube, wir müssen an das Internet vollkommen wertfrei
herangehen. Wir müssen sagen, das Internet ist ein neuer Informationskanal,
ein neuer Kommunikationskanal, den wir haben, und wir müssen erst lernen,
diesen Kanal richtig zu verwenden.
Warum ist das notwendig? Man könnte ja auch sagen, wir haben 2000 Jahre ohne
Internet gelebt, brauchen wir das eigentlich? Meine These ist, dass durch die
Globalisierung auch ein globaler Informations- und Kommunikationskanal
notwendig geworden ist. Unsere Probleme, wir haben das während der Finanzkrise
gesehen, unsere Umweltprobleme, Umweltkatastrophen, die uns drohen können,
sind global geworden. Also müssen auch unsere Instrumente zur Lösung der
Probleme global sein.
Dazu reicht es nicht mehr zu sagen, wir haben aber ein gutes Rundfunksystem;
es reicht auch nicht mehr zu sagen wir haben gute Zeitungen. Beides ist
richtig und toll. Es reicht aber nicht. Wir müssen eine gemeinsame
Verständigung finden, von Asien über Afrika über Lateinamerika und durch die
ganze Welt. Die Beschleunigung, die durch die Entwicklung der globalen
Kommunikationssysteme entstanden ist, hat uns das Internet einerseits ins Haus
gebracht, aber zugleich auch die Lösung aufgezeigt, wie wir damit umgehen
können. Ich habe mir einen Vergleich überlegt, der ein bisschen nach Biologie
klingt, der aber nicht so gemeint ist, sondern mehr als Metapher dienen soll.
Wenn wir uns den Menschen anschauen und sagen, der Mensch ist die Krönung der
Schöpfung, so ist das zwar einerseits richtig, aber es gibt auch andere
Lebewesen, die schon über viele Millionen Jahre global kommunizieren können.
Ich nehme da gerne das Beispiel der Delphine. Delphine leben eigentlich seit
Tausenden von Jahren so wie die Menschen heute leben: Sie sind Migranten, sie
leben in Ozeanen, sie müssen sich bewegen, sie müssen durch hohe Wellengänge,
sie sind verstreut, sie sehen einander nicht, sie müssen auf Zuruf
funktionieren, obwohl sie Tausende von Kilometern voneinander entfernt sind.
Und erstaunlicherweise hat die Forschung ermittelt, dass die Delphine das so
genannte Echolotsystem entwickelt haben, welches eigentlich den Prinzipien des
Internet sehr ähnlich ist. Das heißt, sie haben als Gattung einen
Kommunikationskanal entwickelt, mit dem sie bei undurchsichtigem Wasser, bei
hohem Wellengang, über große Entfernungen miteinander kommunizieren können.
Sie können nicht mit einer Zeitung kommunizieren, sie können nicht Radio
hören, sie können auch keine Briefe schreiben, sie können nicht miteinander
sprechen im klassischen Sinne, aber sie haben etwas entwickelt, was Raum und
Zeit überwindet und ihnen als Gattung die Möglichkeit gibt, Gefahren schneller
zu erkennen. Und wenn wir das Internet einmal aus dieser Perspektive
betrachten, sehe ich es genauso: als eine Möglichkeit für Menschen, schnell
miteinander zu kommunizieren, gemeinsam auf Gefahren hinzuweisen, um uns
gemeinsam auf Gefahren einzustellen und uns zusammen zu tun, um Probleme zu
lösen.
Was ist das Internet eigentlich? Letztlich ist es nichts anderes als eine
technische Infrastruktur, Kabel, die unter der Erde verlegt sind, die für uns
Menschen eigentlich keine Bedeutung hätten. Wir haben aber begonnen, es zu
benutzen, und haben ganz neue Formen entwickelt.
Ich glaube, dass diese neuen Formen in mancherlei Hinsicht dem Echolot der
Delphine sehr ähnlich sind. Alle diese Kommunikationsprozesse laufen darauf
hinaus, dass man sagt, ich möchte die Nähe des Anderen haben, ich muss wissen,
wo ist der andere, ich muss ein Gefühl haben, was macht der andere gerade. Das
können sie natürlich bei Kindern und Jugendlichen besonders beobachten. Kinder
und Jugendliche haben ein ausgeprägtes Kommunikationsbedürfnis,
gesellschaftlich betrachtet haben sie jedoch immer große
Kommunikationsdefizite. In den Familien wird wenig gesprochen, das Fernsehen
hat dazu geführt, dass Passivität und Konsum letztendlich vor dem
Informationsaustausch in den Vordergrund getreten ist. Dabei wissen wir, dass
Fernsehen tatsächlich zur Nicht-Aktivität des Gehirns führt. Aber die
Jugendlichen und Kinder haben wenige Möglichkeiten, sich zu artikulieren.
Heute, durch das Internet, sind sie auf einmal in der Lage, über die
Kontinente, über Länder, über Orte hinweg mit allem und jedem zu
kommunizieren.
Wir älteren Mitbürger, wie Harald Schmidt sagen würde, sind ja eher noch mit
der E-Mail beschäftigt und halten die E-Mail für das Internet. Wenn man genau
hinschaut, ist die E-Mail schon längst überholt. Die E-Mail ist ein erster
Schritt des schnellen Kontakts, aber tatsächlich kommunizieren die jungen
Menschen heute über ganz neue Dinge wie Instant Messaging, über soziale
Netzwerke, sie kommunizieren sehr schnell, sie sind immer online, immer mit
ihren Freunden vernetzt und sie sind damit in der Lage, Informationen
auszutauschen, aber auch ein Gefühl der Geborgenheit zu bekommen.
Wenn man das ausweitet auf das Erwachsenenleben heute, noch anders als vor
zwei Jahren, sind auch die meisten Erwachsenen bereits in irgendwelchen
sozialen Netzwerken organisiert. Ich glaube, dass das für viele Menschen eine
Möglichkeit ist, aus ihrer täglichen Isolation herauszukommen und sich mit
anderen in Verbindung zu bringen. In diesem Zusammenhang muss man zum Beispiel
Partnernetzwerke erwähnen. Früher war es für jemanden, der im Dorf oder in der
Kleinstadt ab einem gewissen Alter nicht sehr gut verdrahtet war, praktisch
unmöglich oder zumindest sehr schwer, einen Lebenspartner zu finden. Wenn der-
oder diejenige noch dazu berufstätig war und erst abends nach Hause kam, war
die Chance, einen Lebenspartner zu finden, sehr gering. Heute schließen
Millionen von Menschen Beziehungen über das Internet, ganz unspektakulär,
davon hören wir nichts, es gibt keine Skandale, es gibt nichts, worüber man in
dem Sinn berichten könnte - außer, dass Millionen von Menschen mithilfe der
Technik in der Lage gewesen sind, ihre eigene Isolation zu durchbrechen und
einen Partner für das Leben zu finden.
Dazu kommt, dass das Internet über das gesprochene Wort hinausgeht. Ich halte
das für ein kulturell ganz wichtiges Phänomen: Junge Menschen drücken sich am
liebsten durch Bilder aus – durch bewegte Bilder, durch Musik, durch Tanz.
Viele können nicht gut reden oder schreiben, sie haben eher andere Stärken.
Gerade sie profitierten vom Internet, denn dort ist das Primat der Sprache
aufgehoben. Es gibt eine Art Triumph der Bilder. Es wird anhand von Bildern
kommuniziert, bewegte Bilder oder Fotos zum Beispiel. Das ist eines der großen
Themenbereiche des Internets. Dieser globale Kommunikationskanal ermöglicht
uns und ermöglicht auch quasi sprachlosen Menschen, sich zu artikulieren, was
ich für ein unglaubliches Phänomen halte.
Er ermöglicht auch alten Menschen zu kommunizieren. Eines der ganz großen
Wachstumssegmente im Internet sind Menschen über 50, die nun in der Lage sind,
über das Internet Kontakte aufzunehmen, die sie früher nie hatten. Oft haben
sie zum Beispiel Familien, die über die Welt verstreut sind, mit denen sie
Kontakt halten. Ich kenne viele ältere Menschen, die sich mit Leidenschaft mit
ihren Enkeln vernetzt haben, die mit großer Begeisterung auch über Kontinente
hinweg sich mit anderen Menschen, die gleiche Interessen haben, austauschen.
Das heißt, auch hier sehen wir wieder ein Stück Aufhebung der Isolation im
Sinne von globaler Kommunikation.
Das ist auch deswegen wichtig, weil wir nur so zu einer globalen Verständigung
kommen können. Ein Hirnforscher hat einmal gesagt, viele Kriege der Welt
würden nicht stattfinden und viele Krisen könnten gewaltfrei gelöst werden,
wenn wir differenziertere Formen der Kommunikation besäßen. Beispielsweise
könnte eine Friedenskonferenz nicht nur aus Texten und Resolutionen bestehen,
sondern eine globale oder regionale Friedenskonferenz könnte vielleicht
ermöglichen, dass Völker, die sich im Tanz am besten ausdrücken können, ihre
Meinung tanzen könnten, dass Völker, die sich in Musik besser ausdrücken
können, ihre Positionen durch Musik zu Gehör bringen könnten. Das ist sehr
visionär und davon sind wir noch sehr weit weg, aber durch das Internet nähern
wir uns einer solchen Entwicklung an, weil der Primat der Sprache sozusagen
gebrochen wird und es auch Bilder, Tanz, Bewegung, Musik als gleichberechtigte
Kommunikationsmittel gibt.
Zugleich, und das ist als Plädoyer für die jungen Leute gemeint, hat das
Internet den jungen Leuten in ihren Familien einen ganz neuen Status
verschafft. Sie sind die Computer-Experten, sie sind diejenigen, die man
fragt, sie sind diejenigen, denen die Eltern nicht von oben herunter alles
erklären, sondern die Eltern kommen zu den Kindern und sagen: "Erklärt du mir
das einmal." Ein von Soziologen beobachtetes Phänomen, das enorm zur
Wertsteigerung und zur Steigerung des Selbstbewusstseins von Kindern geführt
hat.
Es wäre natürlich naiv zu glauben, dass alles rosig ist im Internet. Trotzdem
sollten wir vielleicht einen kurzen Blick werfen auf ein paar Erfolge, die
dieses Internet ermöglicht hat. Ich glaube nicht, dass das Internet den Erfolg
herbeiführt, aber es ermöglicht sie. Denken müssen am Ende immer noch die
Menschen.
Es gibt eine Einrichtung, die die meisten Zuhörerinnen und Zuhörer
wahrscheinlich auch kennen oder vielleicht schon einmal benutzt haben:
Wikipedia, ein globales Lexikon. Für mich ist das so ein Beispiel dafür, was
möglich ist, wenn Menschen Technik richtig einsetzen. In Wikipedia tragen
tausende Menschen freiwillig, ohne Bezahlung, mit größter Akribie und größter
Hingabe, in Kollaboration mit anderen das Wissen der Welt zusammen. Wenn man
sich anschaut, wie Wikipedia sich in den letzten 5, 6 Jahren entwickelt hat,
kann man sagen, es ist heute ein anerkanntes Kompendium, das wahrscheinlich
vor allen Enzyklopädien rangiert.
Ich hatte neulich ein lustiges Erlebnis mit meinen Kollegen in Harvard: Als
ich vor drei Jahren dort gewesen bin, war die Skepsis gegenüber Wikipedia
groß, fast mit deutschen Vorbehalten hatte man das Gefühl, hier ist mehr
Gefahr als Chance. Als ich jetzt vor einem halben Jahr wieder mit den Kollegen
gesprochen habe, hat sich herausgestellt, dass selbst an den renommiertesten
Institutionen wie der Kennedy School in Harvard Wikipedia heute die zentrale
Quelle der Informationsvermittlung ist. Das hängt auch damit zusammen, dass
Wikipedia es geschafft hat, über die reine Wissensvermittlung hinweg eine
Gemeinschaft zu gründen und Methoden zu entwickeln, dass Inhalte tatsächlich
verlässlich richtig sind. Sie finden einfach weniger Fehler.
Ein anderes Beispiel ist die Entdeckung des SARS-Virus. Vor einigen Jahren
brach in Asien diese Pandemie aus, und die globale Gesellschaft stand vor der
Frage, was können wir machen, wie können wir einen solchen globalen Virus a)
erkennen und b) eindämmen? Sollen wir einen Experten in New York fragen,
sollen wir einen Experten in Peking fragen, sollen wir die Deutschen fragen?
Und dann hat sich die Weltgesundheitsorganisation erstmals in der Geschichte
entschlossen, dieses Virus in einem Kollaborationsprozess auszuschalten. Sie
hat mehrere Universitäten zusammengedockt und gesagt, ihr Universitäten müsst
herausfinden, was ist der Virus und wie können wir ihn bekämpfen. Daraufhin
haben sich an verschiedenen Orten des Globus Wissenschaftler hingesetzt, ohne
dass sie einander gekannt haben, und haben mithilfe des Internet den Virus
entdeckt, identifiziert, und so konnte er bekämpft werden. Das ist für mich
ein sehr vielsagendes Beispiel über die Möglichkeiten der globalen
Kooperation.
Natürlich stellt sich die Frage, was macht eigentlich das Internet mit unseren
Köpfen? Werden wir schlechtere Menschen? Werden wir Maschinen, verschmilzt der
Mensch mit der Maschine, werden wir Roboter? Diese Fragen beantworte ich gerne
mit einem Vergleich: Auch die klassische Zeitung hat unser Denken signifikant
verändert. In gewisser Weise sind auch durch die klassische Zeitung Mensch und
Maschine miteinander verschmolzen. Denn durch das Aufschneiden von Papier auf
Zeitungspapier war es notwendig geworden, Texte in Kolumnen zu lesen. Das ist
etwas, was sozusagen aus dem menschlichen Hirn heraus überhaupt keine
Notwendigkeit ist, was aber aufgrund der Technik notwendig ist, weil das
Zeitungspapier aus gefällten Bäumen hergestellt werden musste. Das hat mit den
Pamphleten im 17., 18. Jahrhundert begonnen. Und nun haben wir uns seit 300
Jahren angewöhnt, Texte in Kolumnen zu lesen. Hier sind Technik, Mensch und
Maschine irgendwie verschmolzen, ohne dass wir es gemerkt haben.
Im Internet ist das anders. Ich glaube, und die Hirnforschung beschreibt uns
verschiedene, interessante Phänomene, beim Internet geht es vor allem darum,
dass das menschliche Hirn Erfahrungswerte gesammelt: durch Aktivität lernen.
Experimente aus der Hirnforschung haben gezeigt, was passiert mit Tieren, zum
Beispiel Mäusen, passiert, die sich nicht bewegen, und was mit solchen
passiert, die aktiv sind. Fast alle diese Experimente beweisen, dass aktive
Mäuse gesünder und lebensfähiger sind, in gewisser Weise gemäß dem Prinzip "survival
of the fittest" – Überleben des Stärkeren, wie Darwin das genannt hat (Darwin
hat ja nicht gesagt, der Stärkere, der dem anderen auf den Kopf haut, sondern
Darwin hat gesagt, der, der am ehesten in der Lage ist, sich auf neue
Lebensumstände einzustellen, überlebt). Das ist etwas, was durch das Internet
sehr stark gefördert wird: Unser Denken wird flexibler, wir können unsere
Synapsen erweitern, dass wir also letztlich unsere Denkkapazität und unsere
Denkfähigkeit verbessern können. Auch dazu gibt es wissenschaftliche Studien,
die das belegen.
Was bedeutet das in ethischer Hinsicht? Heißt das, wenn alle Menschen
gemeinsam denken, werden sie gut oder werden sie böse? Ich glaube, da gibt es
einige sehr interessante Erkenntnisse aus der Soziologie, die belegen, dass je
mehr Menschen sich mit einem Thema beschäftigen, desto größer wird die
Wahrscheinlichkeit, dass sie zu dem richtigen Ergebnis kommen. Wir kennen das
vielleicht noch aus den siebziger Jahren: Gruppendiskussionen, über die wir in
der Soziologie viele Experimente gemacht haben. Damals ist man von der These
ausgegangen, die Gruppe leiste mehr als der Einzelne. Dann hat man gesehen,
dass die Gruppe eigentlich sehr anfällig ist, dass sie irgendwelchen Führern
folgt, dass sie Kaskadeneffekten unterliegt, dass die Gruppe Fehler macht und
sich in der Gruppe Vorurteile verstärken. Daraus folgerte man, die Gruppe
allein kann es nicht sein.
Im 18. Jahrhundert hat ein französischer Mathematiker, Marquis de Condorcet,
ein mathematisches Theorem entwickelt, das besagt: Die Wahrscheinlichkeit,
dass Menschen zu einem richtigen Ergebnis kommen, steigt gegen 100, je mehr
Menschen sich beteiligen. Das ist ein einfaches Beispiel der
Wahrscheinlichkeitsrechnung. Das heißt, die Möglichkeit der Partizipation, die
Möglichkeit der Menschen mitzuwirken erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass wir
zu den richtigen Ergebnissen kommen. Werden das auch die richtig guten
Ergebnisse sein?
Nun, ich glaube, ganz wichtig ist, dass im Internet der Einzelne die größte
Rolle spielt. Anders als bei Gruppendiskussionen oder bei klassischen
Massenzusammenballungen spielt der Einzelne im Internet immer noch die größte
Rolle, denn am Ende ist der Einzelne verantwortlich für seine Handlungen und
Entscheidungen.
Wenn wir uns anschauen, wie im Internet moralische Kriterien angewandt werden,
so kann man feststellen, es gibt ein phänomenales Ausmaß an Selbstregulierung
und Selbstkontrolle. Es gibt die so genannte Netiquette und darüber hinaus
Bestrafungen und Belohnungen für falsches oder richtiges Verhalten. Das heißt,
der Einzelne handelt im Internet, wenn er da alleine vor seinem Computer
sitzt, nach der Kantschen Maxime immer so, dass sein Handeln zur Norm für die
Allgemeinheit werden könnte. Das ist eines der unausgesprochenen Gesetze im
Internet, an das sich die einzelnen Teilnehmer halten.
Dessen ungeachtet wäre es natürlich Unsinn zu glauben, dass eine Technologie,
ein Ding nicht auch schlecht zu gebrauchen wäre. Und resultiert eigentlich
mein größtes Plädoyer für die aktive, engagierte, leidenschaftliche Nutzung
des Internet. Es gibt nämlich weltweit viele Kräfte, die das Internet wohl in
ihren Besitz bringen wollen, die uns manipulieren wollen. Größte Gefahr: der
Kommerz. Wenn Sie heute sehen, wie viel PR-Aktivitäten und Vernebelungstaktik
betrieben wird, wie viel an Unwahrheiten, auch bewusst, industriell,
verbreitet wird, dann sehen sie einen riesigen Strom. Sie können diesen Strom
der Manipulation aber nicht bekämpfen, indem Sie ausschalten und auf Urlaub
gehen. Ich lehne diese Herangehensweise ab. Sondern Sie können sie nur
bekämpfen, indem Sie sagen, wir müssen besser sein, wir müssen es besser
beherrschen.
Stichwort: Terrorismus, politische Gewalt. Vor etwa einem Jahr gab es eine
richtiggehende Cyber-Attacke der russischen Regierung, die einen unliebsamen
Bürger in Georgien finden wollte und daraufhin europaweit viele Server
ausgeschaltet hat. Das heißt, die politische Bereitschaft, das Internet auch
zum Krieg zu verwenden, zur Bekämpfung von anderen Meinungen ist groß. Wir
müssen also in der Lage sein, mit unseren Werten dagegenzuhalten. Das setzt
aber voraus, dass wir ein perfektes Verständnis der Technik haben. Denn die
Feinde der Demokratie, die Feinde unserer zivilisatorischen Gesellschaft sind
technisch hervorragend ausgerüstet. Die Kommerzialisten, wenn ich sie mal so
nennen darf, wissen genau, wie sie vorgehen. Naivität und den Kopf in den Sand
stecken hilft hier nicht. Wir müssen sozusagen in einen Kampf einsteigen,
indem wir uns als Anwälte des Guten verstehen und indem wir sagen, wir wollen
dem Guten zum Durchbruch verhelfen.
Am Ende glaube ich, dass wir optimistisch sein können. Ich glaube, dass die
Menschheit sich in ihrer gesamten Geschichte, das kann die jüngere Geschichte
sein, das kann die ältere Geschichte sein, immer in der Lage gewesen ist, sich
aus existenzbedrohenden Krisen zu retten. Sie hat das gemacht, indem sie sich
weiter entwickelt hat. Das Internet ist aus meiner Sicht die Reaktion der
Spezies Mensch auf die globale Bedrohung, dass, wenn sie nicht aufpasst, sie
ausgerottet werden kann. Das ist also ein ernstes Szenario. Ich glaube, dass
die Menschheit intelligent genug ist, das Internet als Technologie so zu
nutzen, dass es zu ihrer Weiterentwicklung und zu einer guten Zukunft für die
nachfolgenden Generationen werden kann, und dass das Internet nicht dazu
verwendet werden wird, uns alle kaputt zu machen und uns am Ende traurig
zurückzulassen.
Wie recht Condorcet hat, zeigt auch die Tatsache, dass heute die
Netzwerkstrukturen genau nach diesem Prinzip funktionieren: Menschen arbeiten
zusammen, bewusst und in immer größerer Anzahl. Das war vor 20 Jahren ein
kulturell völlig unverständliches Phänomen. Damals kamen die so genannten
Hacker auf. Wenn wir damals von Hackern gehört haben, waren das für uns immer
die Bösen, die uns schaden und etwas zerstören, das wir mühsam aufgebaut
haben. Diese Sorge hatten vor allem Großunternehmen, wie etwa der
Computerhersteller IBM. Tatsächlich aber stellte sich heraus, dass das
Interesse der Hacker nicht in der Zerstörung bestand, sondern darin, eine
Entwicklung zu verbessern. Sie "hackten" sich in Programme, um dadurch zu
beweisen, dass sie fehlerhaft waren.
Es entstand eine dramatische Veränderung dessen, was wir unter Kollaboration
verstehen. Große Firmen haben begonnen, Hacker aktiv in ihre
Produktionsprozesse einzubeziehen. Sie haben gesagt, ja, es stimmt, diese
Menschen schaden uns nicht, diese Menschen helfen uns zur Weiterentwicklung
und Verbesserung des Produktes. Und so entstand etwas, was heute ganz wichtig
ist im Internet, die so genannte Open Source-Bewegung, das heißt, im Wissen,
dass wir gemeinsam stärker sind, vertrauen wir aktiv auf den anderen, wir
setzen uns in Verbindung mit dem anderen, wir treten gewissermaßen in sein
Denken hinein, wir machen ihn aufmerksam auf einen Fehler. Das ist nicht so
wie früher, als man etwas hämisch gesagt hat, der hat sich aber geirrt, ich
weiß es besser. Nein, es ist ein gemeinsames Bemühen, die Wahrheit zu finden,
die richtigen Ergebnisse zu finden.
Diese Form der Kollaboration führt dazu, dass wir tatsächlich auf dem Weg
sind, viel bessere Ergebnisse herbeizuführen. Das hat im Übrigen sogar
Auswirkungen auf die Wissenschaft. Früher war es so, dass wissenschaftliche
Arbeiten von ein oder zwei Experten beurteilt werden sollten. Heute ist die
Wissenschaft dazu übergegangen, wissenschaftliche Arbeiten komplett ins
Internet zu stellen mit dem Wunsch und der ausdrücklichen Aufforderung,
möglichst viele Experten auf der Welt sollten dazu ihre Meinung äußern, weil –
gemäß des Theorems von Condorcet – die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns dem
richtigen Ergebnis annähern, gegen 100 geht, je mehr Leute mitwirken. Wir sind
davon weggekommen zu sagen, es muss geschützt werden, es wird nur das
preisgegeben, was wir preisgeben können. Nein, es hat sich durch das Internet
ein gemeinsamer Prozess des Denkens entwickelt, der aus meiner Sicht Denken in
der klassischen Form, wie wir es noch vor 50 Jahren gekannt haben, völlig neu
definieren wird in den nächsten Jahren.
*************