.Harald Lesch: Ein
Prosit auf die Elemente. Die Geschichte des Weltalls (3)
SWR 2. Redaktion: Ralf
Caspary, Susanne Paluch. Sendung: Sonntag, 29. Januar 2006, 8.30 Uhr
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Überblick:
Wir befinden uns in der dritten Minute nach dem Urknall: Protonen und
Neutronen haben sich mittlerweile mittels der
Quarks aufgebaut, das Universum kühlt sich mehr und mehr ab, und dann? Dann
bilden sich die chemischen Elemente,
Wasserstoff und Helium vor allem, die ersten gröberen Bausteine des
Universums.
Die schweren Elemente wie Jod wurden erst später von den Sternen "erbrütet".
Die quantitativen Mengen von Helium
und Wasserstoff in diesem Ur-Universum konnten exakt mit Hilfe des
Urknall-Modells vorhergesagt werden, was zeigt,
wie gut man mit dieser Theorie arbeiten kann. Professor Harald Lesch,
Astrophysiker aus München und Träger des
Communicator-Preises, schildert im letzten Teil seiner Zeitreise, wie sich
in einem permanent expandierenden
Universum überhaupt etwas Festes, Statisches bilden konnte.
Ansage:
Heute mit dem Thema: „Ein Prosit auf die Elemente – die Geschichte des
Kosmos“, Teil 3.
Wir arbeiten uns ganz langsam, aber sicher an die Minute 3 nach dem Urknall
heran, das Universum kühlt sich mehr
und mehr ab, und endlich wird etwas Fassbares kreiert, die ersten leichten
Elemente entstehen: Wasserstoff und
Helium, ihnen folgen die schweren nach, die dann von Sternen erbrütet
werden.
Aber das mit den Elementen und den Atomen bildet quasi nur den Grundkurs in
Astrophysik, da geht es noch
einigermaßen anschaulich zu, viel schwieriger wird es, wenn dunkle Materie
ins Spiel kommt.
Unser Spezialist für knifflige astrophysikalische Probleme heißt Harald
Lesch, Professor für Astrophysik an der
Maximilians-Universität in München. Im letzten und dritten Teil seiner
Geschichte des Kosmos zeigt er, wie faszinierend
die Minute 3 nach dem Urknall gewesen sein muss.
Harald Lesch:
„Ohne Zweifel, sagte er, sei nicht nur das Leben eine verhältnismäßig rasch
vorübergehende Episode, das Sein selbst
sei eine solche zwischen nichts und nichts. Es habe das Sein nicht immer
gegeben und werde es nicht immer geben.
Es habe einen Anfang gehabt und werde ein Ende haben, mit ihm aber Raum und
Zeit, denn die seien nur durch das
Sein und durch dieses aneinander gebunden. Raum, sagte er, sei nichts weiter
als die Ordnung oder Beziehung
materieller Dinge untereinander. Ohne Dinge, die ihn einnähmen, gäbe es
keinen Raum und auch keine Zeit. Denn Zeit
sei nur eine durch das Vorhandensein von Körpern ermöglichte Ordnung von
Ereignissen, das Produkt von Bewegung,
von Ursache und Wirkung, deren Abfolge der Zeit Richtung verleihe, ohne
welche es die Zeit nicht gäbe.“
Das war ein Zitat aus dem Roman „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“,
Professor Kuckuck versucht im Zug,
Felix Krull zu erklären, wie das Universum funktioniert.
Heute geht es in meinem Vortrag um die Elemente. Wir hatten ja schon davon
gesprochen, dass offenbar winzigste
Asymmetrien Ursache dafür sind, dass überhaupt Teilchen existieren oder dass
wir existieren. Diese Aussage erweckt
natürlich den Eindruck, dass alles nur Zufall gewesen sei, dass der Kosmos
möglicherweise sogar auf einem Verstoß
gegen die Naturgesetze basiere. Aber das kann nicht sein, denn gegen
Naturgesetze kann nichts verstoßen, sonst
wären es keine Naturgesetze. Also allem Anschein nach gehören auch gewisse
Asymmetrien in unserem Universum zu
den Naturgesetzen. Mehr können wir Astrophysiker dazu eigentlich gar nicht
sagen.
Was Sie ganz persönlich damit machen, wie sie mit den Asymmetrien umgehen,
weiß ich nicht, da kann ich Ihnen auch
nicht helfen. Das ist keine Sache mehr für die Naturwissenschaft, sondern
eine Sache für den Menschen, für seine
Weltanschauung. Denn seien wir doch mal ehrlich: Was uns an der Kosmologie
wirklich interessiert, sind doch nicht
diese ganzen naturwissenschaftlichen Details. Die eigentliche Frage lautet
doch: Basiert unser Universum auf dem
Zufall, verdankt es sich einem planenden Schöpfer? Deshalb ist die
Kosmologie spannend für uns. Genauso
interessieren wir uns für die Zeit eigentlich nur deshalb, weil wir wissen,
dass wir sterben müssen. Es ist uns doch
völlig egal, dass wir heute die Zeit sehr exakt messen können; aber wir
wissen, dass die Zeit für uns abläuft. Und so
verhält es sich auch mit den kosmologischen Fragen, denn auch sie betreffen
unser Selbstverständnis als Menschen,
sie berühren Fragen wie: Was machen wir hier eigentlich, einerseits mit
unserer Zeit und andererseits in einem
Kosmos, der offenbar nur von „quantenmechanischen Dreckeffekten“, von
Asymmetrien beherrscht wird.
Ich kann Ihnen nur die astrophysikalischen Fakten erzählen, die Bewertung
aber findet auf einer ganz anderen Ebene
statt. Und ich glaube, das sollten wir alle immer im Hinterkopf behalten.
Die Ergebnisse aus der Naturwissenschaft
alleine machen uns nicht aus. Was wir aus diesen Erkenntnissen machen,
bleibt uns überlassen und ist eine ganz
andere Geschichte.
Nun aber wieder zurück zu unserem astrophysikalischen Universum, dem wir uns
jetzt bis an die 3-Minute-Grenze
nähern. Wir befinden uns in der Frühphase des Universums, die Temperaturen
sinken und sinken, Protonen und
Neutronen bauen sich auf, und zwar nur aus zwei Quarks, nämlich den Up- und
Down-Quarks. Es gibt zwar noch vier
andere Quarks, die aber für uns jetzt nicht relevant sind. Die Up- und
Down-Quarks bauen die Nukleonen auf, während
sich das Universum weiter und weiter abkühlt. Und es kommt zum letzten
großen Phasenübergang: Als das Universum
1010 Grad heiß war, „flockten“ zum letzten Mal Materieteilchen aus, nämlich
Elektronen und Positronen.
Als die Temperatur unter 1010 Grad gesunken war, passierte wieder genau das
gleiche wie vorher, nämlich dass sich
nicht zu jedem Elektron sein Positron, also sein Antiteilchen, fand;
vielmehr blieb wiederum auf 5 Milliarden Elektron-
und Positron-Paare ein Elektron übrig.
Es sind jetzt also Protonen, Elektronen und Neutronen entstanden. Nachdem
die Temperatur auf 1 Milliarde Grad
gesunken war, bildeten sich die ersten Atomkerne aus. Und das passierte
folgendermaßen: Wir erinnern uns, die
Dichte des Universums war hoch, die Temperaturen waren hoch, und so konnte
es zur Verschmelzung von
Kernbausteinen, den Nukleonen, kommen.
In der ersten Phase entstanden Wasserstoff und Helium. Wie? Wasserstoff ist
ganz einfach aufgebaut, er besteht
lediglich aus einem Proton, dann ist der Wasserstoffkern schon fertig.
Helium dagegen besteht aus zwei Protonen und
zwei Neutronen. Neutronen haben einen Nachteil: sie zerfallen innerhalb von
13 Minuten in Protonen, Elektronen und
einige Teilchen mehr. Also wenn das Universum am Anfang die ersten leichten
Elemente erbrüten haben will, dann
muss das schnell genug gegangen sein, sonst wären die Neutronen zerfallen.
Jetzt brauchen wir etwas Kernphysik: Ein Atomkern enthält wie gesagt immer
zwei Protonen. Diese zwei Protonen
allein können einen Atomkern nicht stabil halten, denn wir wissen,
gleichnamige Ladungen stoßen einander ab, die
Protonen würden also auseinanderdriften. Es muss demnach eine Kraft geben,
die die Protonen zusammenhält, und
diese Kraft sind die Neutronen oder genauer gesagt, die Quarks, aus denen
die Neutronen bestehen. Diese Quarks
sorgen dafür, dass ein Proton sich in ein Neutron verwandelt. Und auf diese
Weise bleibt ein Atomkern stabil.
So sind am Anfang Wasserstoff und Helium entstanden, und zwar genau in dem
Verhältnis, wie man es erwartet hat:
75 Prozent Wasserstoff, 25 Prozent Helium. Man kann sogar die
Isotopenverteilung bestimmen. Ein Isotop ist der
Atomkern eines Elementes mit unterschiedlicher Neutronenhäufigkeit. Die
Urknallkosmologie erlaubt uns, Vorhersagen
zu machen über die elementaren Bestandteile des Kosmos. Vorhanden sind z. B.
Fluor, Jod, Beryllium, aus diesen
Elementen sind wir Menschen ja gemacht. Wo kommt das alles her? Diese
Elemente werden in Sternen erbrütet, und
zwar auf fantastische Art und Weise, darauf kann ich jetzt aber nicht näher
eingehen.
Wie gesagt: Die schweren Elemente werden in Sternen erbrütet, die leichten
Elemente dagegen nicht. Die Entstehung
der leichten Elemente im frühen Kosmos ist die sogenannte „primordiale
Nukleosynthese“, der Gegensatz dazu wäre die
„stellare Nukleosynthese“, das Entstehen von Elementen in den Sternen; und
das wiederum führt dazu, dass z. B.
Wasserstoff im Stern zu Helium verbrannt wird, und wenn der Stern in seinem
Inneren den Wasserstoff zu Helium
verbrannt hat, dann kann aus Helium Kohlenstoff, Stickstoff, Sauerstoff usw.
werden. Aber im frühen Kosmos war das
nicht möglich. Denn diese ganzen Vorgänge, das Entstehen von Wasserstoff,
die Erzeugung von Helium aus dem
Wasserstoffkern und den freien Neutronen dauerte ja eine Weile. Und was
machte das Universum währenddessen? –
Es expandierte und kühlte sich dabei ab. D. h., die Energie, die für die
Teilchen da war, um zusammenzustoßen und zu
Atomkernen zu werden, nämlich zu größeren Atomkernen, die wurde immer
weniger, und irgendwann ging’s nicht mehr
weiter. Da wurde noch ein bisschen Lithium zusammengebaut und dann war
Schluss. Denn um die elektrostatische
Abstoßung von Protonen zu überwinden, wird natürlich Energie gebraucht. Die
müssen ja richtig zusammenstoßen,
damit die quantenmechanischen Kräfte, die dafür sorgen, dass Atomkerne
zusammenhängen, überhaupt greifen
können. Das ist ähnlich wie am Zirkustrapez: Da gibt es einen Fänger und
einen der springt. Wenn der Akrobat nicht
weit genug springt, kann der Fänger noch so sehr versuchen, ihn zu fangen,
das wird nicht funktionieren. Also die
beiden Protonen müssen sich wirklich nahe genug kommen, nur dann kann der
Fänger den Springer zu fassen
bekommen. Das heißt also, es ist eine gewisse Menge „kinetischer Energie“ –
das ist Bewegungsenergie - notwendig,
und dann gelingt es.
Nur als das Universum immer kühler und kühler wurde - und denken Sie daran,
die Temperatur ist ein Maß für die
Bewegungsenergie der Teilchen - sank auch die Bewegungsenergie, so dass es
nicht mehr möglich wurde, dass
Elemente sich weiterhin gebildet haben. Das Universum begann also als recht
langweiliges Etwas aus Wasserstoff und
Helium. Und nach drei Minuten war alles vorbei!
Es dehnte sich weiter aus, wurde immer kühler, winzig kleine Gasschwankungen
traten auf, die aber kaum zu erkennen
waren. Selbst der Bodensee wäre an einem völlig windstillen Tag mit seiner
spiegelglatten Oberfläche im Vergleich zum
frühen Kosmos noch immer unglaublich unregelmäßig. Die Schwankungen auf der
Oberfläche des frühen Kosmos waren
wirklich winzig, nämlich 1 zu 100.000, das Gas war fast völlig gleichmäßig
verteilt. Es war also fürchterlich langweilig. –
Und es wurde immer dunkler und kühler.
Erst als die Temperatur sich auf ein paar Tausend Grad abkühlte, passierte
noch mal etwas, die letzte große Party im
Universum fand statt: Die bis dahin frei fliegenden Elektronen wurden von
den Atomkernen eingefangen und zum
ersten Mal entstand neutraler Wasserstoff und neutrales Helium.
Und jetzt wird’s spannend, denn jetzt hatten die Photonen, die
Lichtteilchen, die zur Hintergrundstrahlung gehören,
keinen „Stoßpartner“ mehr.
Noch mal: Wasserstoff und Helium existieren, das Universum wird kühler. Und
während der ganzen Zeit gab es eine
intensive Kopplung zwischen Strahlung und Materie. Warum? – Wenn ein Photon
sich bewegt und mit einem Teilchen
zusammenstößt, vor allem mit dem Elektron, dann kann das Photon Energie
verlieren. Da das Elektron und das Photon
aber im thermischen Gleichgewicht sind, haben die Elektronen die gleiche
Temperatur wie die Strahlung.
Jetzt stellen Sie sich vor, ein paar Photonen haben sich mit ein paar
Elektronen zusammen getan, zu einer
Verdichtung quasi. Eine Verdichtung hat ja aufgrund seiner höheren Dichte
die Tendenz, dass noch andere Teilchen
dazu kommen. Schon im frühen Kosmos hätte man Verdichtungen erzeugen können,
wenn nicht die Strahlung da
gewesen wäre. Das frühe Universum war ja so hell, dass jede Verdichtung von
Teilchen sofort vernichtet wurde. Denn
wenn ein Elektron mit einem Photon wechselwirkt, dann bekommt das Elektron
z. B. einen Impuls und fliegt davon. Ein
fliegendes Elektron wird von einem Proton angezogen. Auf diese Art und Weise
wird jede Erhöhung von
Teilchendichten an einer Stelle durch die Strahlung praktisch „wegrasiert“.
Das ist wie im Herbst, wenn Sie Laub
zusammengefegt haben. Dann kommt ein Sturm und schwupps, ist der ganze
Laubhaufen schon wieder schön
gleichmäßig verteilt. Das heißt, im frühen Universum ist es nicht möglich
gewesen für irgendwelche Teilchen, die mit
Strahlung in Wechselwirkung standen, auch nur die winzigste und
allerkleinste Verdichtung zu bilden.
Aber dann gab es eine Phase, nachdem das Universum auf eine bestimmte
Temperatur abgekühlt war, als die
Elektronen, die Stoßpartner der Photonen, in den Atomen verschwanden. Die
Atome wurden elektrisch neutral, und
das Universum wurde für die Strahlung durchsichtig. Ein Kollege hat mal
geschrieben: „Der Lichtnebel des Urknalls
lichtete sich“.
Dieser Lichtnebel, diese Abkopplung der Strahlung von der Materie, ist der
Lichtvorhang, der vor diesen ganzen
Ereignissen im ganz frühen Kosmos liegt. Wenn wir also von unserem Heute
aus, vom Hier und Jetzt ins Universum
zurückschauen, z. B. mit einem Experiment, wo wir versuchen, diese kosmische
Hintergrundstrahlung zu untersuchen,
die nämlich genau an dieser Stelle dann endlich frei geworden ist, als die
Entkopplung der Materie von der Strahlung
sich vollzog, 400.000 Jahre nach dem Urknall, bei einer Temperatur von rund
4.000 Grad, wenn wir diese Strahlung
heute im Universum „sehen“, dann ist sie eben nicht mehr bei einer
Temperatur von 4.000 Grad, sondern aufgrund der
Expansion nur noch bei – 271 Grad Celsius bzw. 2,7 Grad Kelvin. Das ist
übrig geblieben vom Urknall. Und damals
wurde das Universum zum ersten Mal durchsichtig. Wenn wir heute auf die
Strahlung zurückschauen, auf das Damals,
dann ist das wie ein Vorhang. Alles, was zeitlich davor war, wurde durch die
intensive Wechselwirkung von Strahlung
und Materie praktisch zerstört. Richtungsinformationen wie „Hier war mal
eine Verdichtung“ gibt es nicht, weil das
Licht diese Richtungsinformationen völlig vernichtet hat. Das ist so, wie
wenn Sie in einer Nebelwolke stehen und man
sagt Ihnen, in dieser Wolke bewegt sich nun ein Auto auf Sie zu. Am Anfang
werden Sie gar nichts sehen. Der Nebel
ist so dicht, dass sie von den Autoscheinwerfern überhaupt nichts wahrnehmen
werden. Erst wenn der Wagen nahe
genug ist, werden Sie ein erstes verschwommenes Licht registrieren, dann
dass es sich um zwei Scheinwerfer handelt,
und wenn der Wagen noch näher gekommen ist, werden Sie vielleicht sogar
bemerken, dass der Fahrer seine
Nebelscheinwerfer angeschaltet hat. Aber das funktioniert erst, wenn das
Auto schon sehr dicht bei Ihnen ist.
So ist es auch, wenn wir in den Kosmos zurückschauen: Die Lichtnebelwand ist
die erste elektromagnetische
Erkenntnisgrenze für uns. Wir können nicht tiefer ins Universum
hineinschauen als bis zu dieser Wand. D. h. die ganzen
Vorgänge des Urknalls, die nämlich hinter dieser Wand liegen, werden für uns
direkt immer unzugänglich sein. Wir
haben keine Möglichkeit, irgendetwas darüber zu erfahren. Aber wir können ja
aus den Eigenschaften der
Hintergrundstrahlung, die eben seit diesem Moment frei im Universum sich
bewegt, ablesen, wie es gewesen ist, als
die Strahlung sich abkoppelte von der Materie.
Und was wir da lesen, ist schon ziemlich erschütternd. Denn da lesen wir,
dass die Materie, die mit Strahlung
wechselwirkt, zum Zeitpunkt der Entkopplung, also 400.000 Jahre nach dem
Urknall, so gut wie überhaupt keine
dichten Schwankungen gehabt hat. 1 zu 100.000 ist keine dichte Schwankung,
das ist gar nichts.
Aber damit in diesem Kosmos Galaxien entstehen konnten, muss das Material
dicht gewesen sein. Dicht heißt, es muss
sehr starke dichte Schwankungen gegeben haben. Das ist eines der ganz großen
Geheimnisse des Universums, finde
ich. Stellen Sie sich vor, das Universum expandiert, fliegt auseinander. Und
doch sind in diesem Universum ja
Materieanteile unter ihrem eigenen Gewicht zusammengebrochen, sie haben
sozusagen „ihr eigenes Ding gemacht“.
Sie haben sich von der allgemeinen Expansion entkoppelt und sind zu Galaxien
geworden. Wie konnte denn das
geschehen?
Das kann nur möglich sein, wenn eine bestimmte Kraft „zuschlägt“. Es kann
nur eine Kraft da sein, die Schwerkraft, so
dass Material unter dem eigenen Gewicht zusammenfallen kann. Mit anderen
Worten: Die Materie hat sich entgegen
dem allgemeinen Drang des Kosmos zur Expansion, zur Gleichverteilung, in
gewissen Bereichen verdichtet. Das geht
aber nur, wenn die Schwerkraft tatsächlich auch wirken kann. Und wann kann
die Schwerkraft in einem Gebiet wirken?
Nur dann, wenn die Dichte größer ist als in der Umgebung. Denn die
Schwerkraft hängt ja an der Masse. Je mehr
Masse in einem Volumen ist, umso größer ist seine Schwerkraft. Will man also
Galaxien entstehen lassen, muss es im
ganz frühen Kosmos genügend Dichteschwankungen gegeben haben, so dass die
Materie auch in diese Potentiale,
nämlich in diese Schwerkraftfelder, quasi hineinfallen konnte.
Das ist aber gar nicht so einfach, denn im frühen Kosmos, das haben wir
schon besprochen, war ja der Druck des
Lichtes da, der dafür gesorgt hat, dass das Material immer wieder
auseinander geflogen ist. Da konnte also die
Materie, die mit Strahlung wechselwirkt, offenbar keine dichte Fluktuation
produzieren, in denen später die Galaxien
entstanden sind.
Wir können zusammenfassen: Die dichten Schwankungen in der
Hintergrundstrahlung sagen uns, dass die leuchtende
Materie, also die Materie, die mit Strahlung wechselwirkt, zu schwache
Dichte-Schwankungen hatte, um überhaupt zu
Galaxien werden zu können. Also muss es eine Form von Materie geben, die
nicht mit der Strahlung wechselwirkt, die
sich von der Strahlung entkoppelt hat und früher anfangen konnte, dichte
Fluktuation aufzubauen. Materie, die nicht
mit Strahlung wechselwirkt, also sogenannte „dunkle Materie“, konnte sich
unter ihrem eigenen Gewicht schon mal
langsam auf den Weg machen hin zu gewissen „Schwerkrafttöpfen“. Und als die
Strahlung dann entkoppelt war, „fiel“
die Strahlung in diese „Mulden“, die die dunkle Materie gebildet hatte,
hinein und konnte auf diese Art und Weise
Galaxien bilden. Das erklärt auch, warum das Universum so leer ist. Denn
indem die Strahlung in die dunkle Materie
„hineingeflossen“ ist, haben sich große Gebiete im Universum „entvölkert“.
75 Prozent des Universums sind heute mehr
oder weniger leer, und diese Leerräume sind umgeben von Galaxienhaufen und
Galaxiensuperhaufen.
Also die Entwicklung des Universums hin zu Galaxien ist davon abhängig, dass
es eine Form von Materie gibt, die nicht
mit Strahlung wechselwirkt. Und die auch nicht so aufgebaut ist wie wir
Menschen. Wir Menschen sind
Kohlenstoffeinheiten und bestehen ja aus Protonen und Neutronen. Den größten
Teil der Materie im Kosmos kann man
aus der Hintergrundstrahlung ableiten, die zu dem Zeitpunkt entstanden ist,
als die Atomkerne von Wasserstoff und
Helium ihre Elektronen eingefangen haben. Die Hintergrundstrahlung erzählt
uns von einer Materieform, die völlig
abstrus, fast absurd ist. Sie wechselwirkt nicht mit der Strahlung, ist aber
dafür verantwortlich, dass die leuchtende
Materie, die mit Strahlung wechselwirkt, später die Galaxien bilden konnte,
und zwar so schnell, wie wir das heute mit
den modernen Teleskopen beobachten: dass nämlich nach relativ kurzer Zeit,
nach wenigen Millionen Jahren schon
große Galaxien da waren, viele Sterne da waren und der ganze
Materiekreislauf entstand, der letztlich dazu geführt,
dass wenigstens um einen Stern herum, den wir Sonne nennen, Planeten
entstanden sind, dass sich auf einem
Planeten eine Transformation von Materie vollzogen hat, dass aus toter
Materie lebendige Materie wurde, dass aus
dieser lebendigen Materie nicht nur Einzeller entstanden, sondern sogar
Mehrzeller und dass in einem wirklich sehr
langen, außerordentlich bemerkenswerten faszinierenden Schöpfungsprozess vor
7 Millionen Jahren auf einmal ein
Geschöpf auftauchte, das nicht mehr auf allen vieren ging. Es ist ein
kontinuierlicher Weg vom Anfang des Universums
über die Entwicklungsphasen der Galaxien, die Entstehung von Elementen, die
Entstehung von Sternen, von Planeten
bis hin zur Entwicklung von Lebewesen auf der Erde.
Auf diese Weise ließe sich ein fast 14 Milliarden Jahre langes Epos
erzählen.
Zum Abschluss noch mal ein anderes Zitat aus den „Bekenntnissen des
Hochstaplers Felix Krull“, Professor Kuckuck
sagt:
„Raum- und Zeitlosigkeit aber, das sei die Bestimmung des Nichts. Dieses sei
ausdehnungslos in jedem Sinn, stehende
Ewigkeit, und nur vorübergehend sei es unterbrochen worden durch das
raumzeitliche Sein. Mehr Frist, um Äonen
mehr sei dem Sein gegeben als dem Leben, aber einmal, mit Sicherheit, werde
es enden. Und mit ebenso viel
Sicherheit entspreche dem Ende ein Anfang.“
*****
* Zum Autor:
Prof. Dr. Harald Lesch lehrt theoretische Physik an der
Ludwig-Maximilians-Universität München; seine
Forschungsschwerpunkte sind: Schwarze Löcher, Neutronensterne und kosmische
Plasmaphysik. Lesch ist
Fachgutachter für Astrophysik bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG)
und Mitglied der astronomischen
Gesellschaft. 2005 erhielt Lesch den Communicator-Preis der DFG.
Bücher:
- Kosmologie für Fußgänger. Goldmann.
- Big Bang. Zweiter Akt. Bertelsmann.
- Physik für die Westentasche. Piper. |
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