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SWR2 AULA - Professor Harald Lesch: Was die Welt im Innersten
zusammenhält - Was ist Naturphilosophie? (1- 3)
Autor und Sprecher: Professor Harald Lesch *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendungen Teil 1: Sonntag, 9. März 2008, 8.30 Uhr, SWR 2; Teil 2:
Sonntag, 16.03., 8.30 Uhr - Teil 3: Karfreitag, 21.03., 8.30 Uhr
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ÜBERBLICK 1
Wir brauchen heute wieder eine starke, moderne
Naturphilosophie, die uns hilft, das Wissen, das wir
permanent erzeugen, zu sortieren, damit wir nicht in der
Informationsflut ertrinken. Diese Naturphilosophie könnte
uns eine Struktur liefern, mit deren Hilfe wir alles
Naturhafte ordnen und klassifizieren können. Für den
Astrophysiker Harald Lesch liefert das evolutionäre
Denken diese Struktur, es handelt von der Geschichte der
Dinge und fragt nach dem Woher und Wohin, nach dem
Ursprung und dem Ende. Professor Harald Lesch zeigt im
dritten und letzten Teil seiner Reihe die Bedeutung des
evolutionären Gedankens für die moderne
Naturwissenschaft.
* Zum Autor:
Prof. Dr. Harald Lesch lehrt theoretische Physik an der
Ludwig-Maximilians-Universität München; seine Forschungsschwerpunkte
sind: Schwarze Löcher, Neutronensterne und kosmische Plasmaphysik.
Lesch ist Fachgutachter für Astrophysik bei der DFG und Mitglied der
astronomischen Gesellschaft.
Bücherauswahl:
- Die kürzeste Geschichte allen Lebens (zus. mit Harald Zaun).
Piper.
- Kosmologie für Fußgänger. Goldmann.
- Big Bang. Zweiter Akt. Bertelsmann.
- Quantenmechanik für die Westentasche. Piper.
- Physik für die Westentasche. Piper.
ÜBERBLICK
Naturphilosophie ist einer der ältesten Zweige der Philosophie. Sie
versucht - allgemein gesagt -, das Wesen der Natur zu ergründen, und
hatte bis ins 19. Jahrhundert hinein einen sehr stark spekulativen
Charakter. Es ging dieser Disziplin immer um folgende Leitfragen:
Wie viel Geist oder Vernunft steckt in der Natur, nach welchen
Gesetzen entwickelt sie sich, sind das Gesetze, die auch für die
Menschheitsgeschichte gültig sind, wie offenbart sich in den Dingen
ein göttliches Prinzip? Professor Harald Lesch, Astrophysiker an der
Universität in München und genialer Wissenschaftsvermittler, fragt
im ersten Teil seiner dreiteiligen Reihe nach den grundlegenden
Prinzipien der klassischen Naturphilosophie.
INHALT
1_________________________________________________________________
Ansage:
Heute mit dem Thema: „Was die Welt im Innersten zusammenhält - Was
ist Naturphilosophie?“
Harald Lesch ist Professor für Astrophysik an der LMU in München,
und er beschäftigt sich immer wieder mit philosophischen
Fragestellungen, er versucht Brücken zu bauen zwischen den harten
Naturwissenschaften und den Geisteswissenschaften. Heute beginnen
wir eine dreiteilige Reihe von und mit Lesch, es geht um eine Frage,
die vordergründig veraltet zu sein scheint: Gibt es überhaupt noch
eine moderne Naturphilosophie, wenn ja, womit beschäftigt sie sich
eigentlich? Früher, sagen wir im 19 Jahrhundert, hätte man die Frage
sofort beantworten können, es gab damals eine enge Zusammenarbeit
der Disziplinen, es ging bei der Erforschung der Natur immer auch um
metaphysische Fragen: Wo liegt der Anfang aller Dinge, wie
entwickelt sich die Natur, sind die Naturgesetzte, die der Verstand
herausgearbeitet hat, universell gültig.
Heute kommt die Naturwissenschaft ohne diese Fragen aus, so scheint
es jedenfalls, in Wahrheit braucht auch die moderne Astrophysik oder
Biologie die Philosophie.
Im ersten Teil beantwortet Harald Lesch die Was-Frage- was ist
Naturphilosophie.
Harald Lesch:
Zunächst gehen wir ganz nach Art eines deutschen Professors vor, wir
definieren und legen fest, was meinen wir eigentlich, wenn wir
„Natur“ sagen. Das können Sie in jedem Lexikon nachlesen (am Rande
bemerkt: Lexika sind das Ergebnis einer philosophischen
Entwicklung): Natur ist das, was nicht vom Menschen gemacht worden
ist. Natur ist, was schon immer da gewesen ist, auch als es noch
keine Menschen gab. Natur ist das, wo der Mensch nicht eingreift,
weder konstruiert noch strukturiert.
Im Gegensatz zur Natur steht zum Beispiel Technik. Technik ist
natürlich vom Menschen gemacht. Heute gibt es mehr und mehr Natur,
die vom Menschen gemacht wird. Aber das ist nicht die Natur, von der
hier die Rede sein soll. Hier soll die Rede sein von der Natur, die
nicht vom Menschen gemacht worden ist, sondern die schon immer da
war – warum, wissen wir noch nicht so genau, wir werden im Laufe der
Sendung erfahren, was die Philosophie dazu zu sagen hat.
Das Wort „Natur“ stammt von „nasci“ (entstehen, geboren werden), die
griechische Entsprechung lautet „physis“. Physiker beschäftigen sich
demnach mit der Natur. Unterschieden wird die belebte von der
unbelebten Natur. Ich zum Beispiel bin Astrophysiker und meine
Themen sind die Sterne, der Kosmos, interstellare Gase, Planeten
usw., alles das nennt man unbelebt. Obwohl ich Ihnen in einer der
nächsten Sendungen noch sagen werde, dass es sehr wohl ein Leben der
Sterne oder ein Leben der Planeten gibt, aber nicht in dem Sinne wie
das Leben von belebter Materie. Unter belebte Natur fallen natürlich
Pflanzen, Tiere usw., all das, was wir Menschen mit unseren Sinnen
als Leben empfinden würden, das ist die belebte Natur.
Ich fasse zusammen: Natur ist das, was schon immer da war, was nicht
vom Menschen gemacht wurde – sie steht uns aber zur Verfügung. Das
war gewissermaßen ein kleiner philosophischer Sprung, denn bevor ich
zur Philosophie komme, möchte ich noch die Frage aufwerfen: Gehört
der Mensch zur Natur?
Die Pause war jetzt absichtlich, denn man muss wirklich einen Moment
darüber nachdenken. Wenn Natur per definitionem etwas ist, was nicht
vom Mensch gemacht wurde, gehört er selbst dann dazu? Klar, werden
Sie sagen. Das stimmt auch, Teile vom Menschen sind auf jeden Fall
Natur, zum Beispiel die eine Billion Zellen, aus denen jeder von uns
besteht, und alles, was hinter dieser zellulären Evolution steckt
(ein Begriff, von dem wir später noch viel hören werden), ist ja
offenbar ein Naturprodukt, ist also schon mal da gewesen in
irgendeiner Art und Weise, hat sich entwickelt aus der Natur, und
jedes Mal, wenn die Medizin eine Ursache für eine Krankheit angeben
kann, dann kann sie das nur deshalb, weil wir ein Teil der Natur
sind. Wir sind eben nicht transnatural, jenseits von gut und böse,
sondern nur weil wir ein Teil der Natur sind, können uns zum
Beispiel Wissenschaften überhaupt in irgendeiner Art und Weise
helfen. Wenn wir jenseits von gut und böse wären, dann hätten wir
gar keinen Zugang und keine Möglichkeit, aus der Natur etwas zu
verwenden für uns. Schon die Aufnahme von Nahrung ist für ein
supranaturales Lebewesen eigentlich unmöglich.
Der Mensch gehört natürlich zur Natur, aber eben auch nicht ganz,
denn er kann Dinge tun, die die Natur nicht kann. Er kann zum
Beispiel Begriffe definieren, wie wir das gerade tun. Sie merken,
wir sind immer noch ganz deutsch und definieren, zum Beispiel den
Begriff „Sinn“.
Die Natur kennt keinen Sinn. Das Sinnvolle oder der Sinn wird vom
Menschen in die Natur hineingelegt. Natur gilt als etwas sehr
Positives im Gegensatz zur Technik, die nicht unbedingt positiv
besetzt ist. Natur ist etwas Gutes. Deswegen werden Lebensmittel
gerne mit „natürlich“ bezeichnet. Oder der Ausdruck „in der Einheit
mit der Natur lebend“ klingt positiv. Aber ich kann Ihnen sagen,
wenn eine Anakonda sich fester und fester um Sie schlingt, dann
denken Sie ganz anders darüber, es gibt nämlich solche und solche
Natur. Dennoch hat sich der Begriff „Natur“ als positiv entwickelt.
Man mag vielleicht eine differenziertere Meinung dazu haben, wenn
man viel mit der Natur zu tun hat. Aber im Grunde ist die Natur gut.
Mit der Natur im Wettbewerb steht die Technik, die versucht, sich
die Natur möglicherweise untertan zu machen. „Mach dir die Erde
untertan“ – wir kenne diese ganz alte Geschichte. Die Grundlagen der
Technik selbst werden aber abgelesen aus der Natur. Merken Sie, in
was für einem merkwürdigen Zirkel wir stecken? Wir fangen mit einer
Definition an und landen unverzüglich bei Begriffen, die wir wieder
neu definieren müssen: Was hat denn nun Technik mit der Natur zu
tun? Was hat der Mensch mit der Natur zu tun? Und das alles nur,
weil wir Menschen uns die Frage stellen, was ist nun Natur, was ist
das Wesen der Natur, was steckt denn eigentlich dahinter? Und das
ist bereits eine philosophische Frage.
In dem Moment, wo Sie sich fragen, was ist denn das Wesen, was ist
die Natur von etwas, stellen Sie bereits eine philosophische Frage.
Schon die Frage, was ist Philosophie oder die Definition von
Philosophie ist bereits Philosophie. Philosophie, hat mal jemand
gesagt, ist die Wissenschaft, über die man nicht reden kann, ohne
sie selbst zu betreiben. Man könnte sicherlich einige Definitionen
von Philosophie benennen, unter anderem die „größtmögliche
Voraussetzungslosigkeit“, also am besten völlig ohne Voraussetzung.
Kann das funktionieren? Nein, das kann es natürlich nicht.
Was könnte denn die Aufgabe von Philosophie sein, wenn jede Frage im
Grunde Philosophie bedeuten kann, wenn alles, was wir machen, in
irgendeiner Art und Weise von Philosophie behandelt werden kann? Ist
Philosophie nur das, was Philosophen machen? Oder ist es mehr? Gibt
es eine allgemeinere Definition von Philosophie? Wir müssen es in
dieser Sendung irgendwie schaffen, die Begriffe Natur und
Philosophie zusammen zu bringen.
Die spezifische Aufgabe der Philosophie besteht darin,
Fragestellungen für die am stärksten mit Angst besetzten Themen zu
entwickeln wie zum Beispiel die nach dem Sinn des Lebens oder wie
man überhaupt als ein mit Bewusstsein begabtes Tier in einer Natur
leben kann. Das ist eine Definition. Bewusstsein hat einen Nachteil:
Wenn Sie wissen, dass Sie da sind, dann wissen Sie auch, dass Sie
sterben müssen. Und das ist außerordentlich unerfreulich.
Möglicherweise ist die Philosophie eine Reaktion darauf, dass wir
Menschen wissen, dass wir sterben müssen. Bertrand Russell, ein
großer Philosoph des 20. Jahrhunderts, hat das so ausgedrückt:
Philosophie ist das Niemandsland zwischen Wissenschaft und Religion.
Wenn Sie mich nun sehen könnten, würden Sie mitbekommen, wie ich
versuche, mit meinen beiden Händen dieses Niemandsland darzustellen,
nämlich auf der einen Seite die Wissenschaft, auf der anderen Seite
die Religion, und die Philosophie befindet sich praktisch in der
Mitte, da, wo das Mikrofon aufgestellt ist, in das ich gerade
spreche. Sie ist den Angriffen von beiden Seiten ausgesetzt. Die
Religion mit ihren klaren Glaubenssätzen, die ganz genau weiß, wo es
lang geht, und die Wissenschaft, die Objektivität möchte. Man könnte
also sagen, Subjektivität auf der einen Seite, Objektivität auf der
anderen und in der Mitte ist die Philosophie. Philosophie versucht,
das Subjekt in die objektive Natur mit hineinzubringen. Wie kann
sich das Subjekt, der Mensch denken in einer Welt, von der er nichts
weiß. Das ist zum Beispiel eine Frage, die in der Philosophie ganz
große Bedeutung gewonnen hat, wie wir noch sehen werden. Der Prozess
der Philosophie, in dem der Mensch sich Klarheit über sich selbst
und seine Welt verschafft, ist allerdings kein wissenschaftlicher
Prozess. Er ist nämlich unabschließbar und immer wieder
ursprüngliche Aufgabe zu jeder neuen Zeit. Wissenschaft ist
fortschreitend, da gibt es zwar auch ständig Neues, aber es werden
nicht permanent die Fundamente in Frage gestellt. In der Philosophie
ist das ganz anders. Sie stellt sich unablässig in Frage. Wir können
ihr nicht entkommen. Wenn Sie sich jetzt zum Beispiel überlegen, ob
Sie das Philosophieren nötig haben oder ob Sie es lieber sein lassen
und vielleicht das Radio ausschalten sollten, dann sind Sie bereits
am Philosophieren. Sie philosophieren über die Frage, ob Sie
Philosophie überhaupt gebrauchen. Selbst wenn Sie sich über sie
lustig machen, philosophieren Sie.
Philosophie ist gewissermaßen das sich Besinnen des Menschen auf
sein sich Finden in seiner Umgebung. Merken Sie, wie schwierig es
wird? Die Philosophen, so heißt es, seien die Spezialisten für
unlösbare Fragen, die Weiterfrager, die Hinterfrager; sie sind aber
auch Supervisoren, also diejenigen, die mal danach fragen, was ist
das eigentlich, was wir hier so vor uns haben. Und wieder würden
Sie, wenn Sie mich hier sehen könnten, sehen, wie ich mit meinen
Händen versuche, das Drumherum um die Welt darzustellen, denn darum
geht es tatsächlich. Wie können wir mit den Mitteln unseres
Verstandes, unserer Vernunft die Welt irgendwie verstehen, ohne
gleich zu einer übernatürlichen Kraft zu greifen? Sind wir in der
Lage, etwas so voraussetzungslos, wie es nur geht, von der Welt zu
verstehen, und zwar so, dass wir es auch anderen erklären können?
Oder sind wir es nicht? Sind wir „Biomatsch mit Überbau“, die sich
den Naturgesetzlichkeiten, die die Naturwissenschaften
herausgefunden haben, zum Opfer hinschmeißen? Oder gibt es so etwas
wie Freiheit? Ein wahnsinnig wichtiger philosophischer Begriff.
Aber merken Sie etwas? Wir haben immer noch nichts davon erzählt,
was eigentlich Naturphilosophie ist. Das geht auch noch nicht. Wir
müssen noch ein bisschen daran arbeiten, was Philosophie überhaupt
soll, und dann werden Sie sofort merken, ach klar, jetzt ist es
logisch. Wenn Sie das gemacht haben, dann haben Sie richtig gute
Philosophie betrieben. Dann haben Sie nämlich etwas verstanden,
erkannt, Sie sind vielleicht ein Schritt weitergekommen.
Also worum geht es in der Philosophie? Es geht um Staunen.
Aristoteles, ein ganz großer Philosoph, schreibt in einem seiner
wichtigsten Bücher, dass der Mensch ein von Natur aus neugieriges
Wesen ist, das über die Welt um sich herum staunt. Das Staunen ist
gerade am Anfang ein ganz wichtiger Teil der Philosophie. Der Mensch
staunt also über die Welt um sich herum, und zu ihr gehört natürlich
auch – und jetzt kommen wir wieder zum Anfang – die Natur, das nicht
vom Menschen Gemachte. Damit lasse ich Sie allein, ich möchte, dass
sich das so langsam bei Ihnen setzt. Staunen und Neugierde sind also
wichtig und – der Zweifel, ein tiefer Zweifel, der ganz tief
angelegt ist. Man stellt Fragen, und jemand erklärt einem etwas, ich
zum Beispiel bin so ein Erklärer, ich erkläre viel, wenn der Tag
lang ist, und trotzdem sage ich meinen Studenten immer, traut mir
nicht, auf keinen Fall, das dürft Ihr nicht machen, ich könnte ja
falsch liegen. Vertrauen Sie Ihrem eigenen Verstand. Und das ist
schon wieder Philosophie. Immanuel Kant hat das geschrieben.
Also Zweifel, Neugierde, Staunen und Kritik, die Fähigkeit, etwas
auseinander zu nehmen, es nicht so hinzunehmen, wie es dasteht oder
wie es gesprochen wurde, sondern zu hinterfragen: Ist das noch so,
wie ich mir das vorstelle? Sind die Voraussetzungen für diesen Satz
tatsächlich gegeben? Oder ist die Philosophie nur Quatsch?
Nein, ist sie nicht. Die Philosophie ist eine der wichtigsten
Tätigkeiten der Menschheit. Denn sie fragt nach etwas, was wir alle
unmittelbar wissen wollen. Wenn es Ihnen bisher vielleicht noch
nicht klar war, aber auch Sie interessiert das Ganze – Sie wollten
es nur noch nicht so richtig zugeben.
Ich lese Ihnen mal eine ziemlich alte Legende vor, die ich für
ausgesprochen spannend halte, weil sie verdeutlicht, in welcher Welt
wir leben: „Eine Legende berichtet, dass der Schöpfer einst die
wissenshungrigen Menschen um sich versammelt hat, um die schöne Erde
unter sie aufzuteilen, damit alle Dinge in Seinem Namen und zu
Seinem Lob verwaltet würden. Der Botaniker bekam die Pflanzen, der
Zoologe die Tiere, der Philologe die Sprachen und Literaturen und
der Naturforscher die Naturgesetze angewiesen. Ein Arzt sollte sich
um die Kranken kümmern, der Künstler die Menschheit mit seiner Kunst
erfreuen und zu Höherem anregen. Als nun alle Gegenstände verteilt
waren und der Schöpfer sich soeben zufrieden zurückziehen wollte, da
erschien wie immer verspätet und versponnen der Philosoph. Für ihn
war offenbar nichts mehr übrig geblieben und Tränen quollen aus
seinen Augen. Dieser Anblick rührte den Schöpfer und er sprach also:
‚Du sollst nicht leer ausgehen. Obwohl ich für alle Dinge in dieser
Welt bereits einen Verwalter bestellt habe, dir gebe ich die ganze
Welt, die Welt an sich. Versuche, ihren verborgenen Sinn zu
ergründen, und wenn du die Wahrheit gefunden hast, dann teile sie
auch meinen mit Einzelgegenständen beschäftigten Knechten mit, damit
sie ihren Platz in der Welt nicht vergessen und ihren Gegenstand mit
dem Ganzen verwechseln.’“
Seit damals also wurde die Philosophie die Wissenschaft von der
Welt. Ihr geht es nicht um die Einzelheiten, sondern ihr geht es ums
Ganze. Sie findet ihren Gegenstand auch nicht vor, denn sie ist ja
mittendrin, sondern sie muss sich den Gegenstand erst geben. Jetzt
wissen wir schon ungefähr, worauf das hinauslaufen wird.
Natur = das nicht vom Menschen Gemachte, Philosophie = die
Wissenschaft vom Ganzen. Die Frage lautet, was steckt hinter dem
Wesen der Dinge. Und so ist Naturphilosophie der Teil der
Philosophie, der sich mit der Frage beschäftigt, was ist das Wesen
der Natur.
Und das Interessante kommt jetzt: Alles, was Sie heute in der
hochmodernen Welt des 21. Jahrhunderts als Naturwissenschaft kennen
- Physik, Chemie, Biologie, Geologie, Geophysik, Ozeanografie - alle
diese Wissenschaften, die sich mit den großen Teilen des Universums
beschäftigen und mit den kleinen Teilen des Universums (denn jede
dieser Wissenschaften hat noch einmal eine Unterteilung in sich: In
der Biologie gibt es Zoologie, Botanik usw., in der Physik gibt es
viele Unterteilungen: Astrophysik, Festkörperphysik,
Elementarteilchenphysik, in der Chemie gibt es organische Chemie,
Biochemie, anorganische Chemie, Petrochemie usw.) alles hat sich
unglaublich diversifiziert, all diese Naturbetrachtungen haben ihren
Ausgangspunkt in der Naturphilosophie. Die Naturphilosophie hat
früher ganz wichtige Fragen gestellt, die heute von den
Naturwissenschaften behandelt werden. Die Naturwissenschaften sind
also gewissermaßen die Kinder der Naturphilosophie. Bis weit ins 19.
Jahrhundert war Naturwissenschaft, namentlich Physik, experimentelle
Naturphilosophie. Alle Fragen, die heute in den Naturwissenschaften
behandelt werden, waren ursprünglich philosophische Fragen. Oder
anders herum gesagt: Niemals wäre früher jemand auf den Gedanken
gekommen, die Natur einfach nur so zu untersuchen, ohne eine
philosophische Frage, ohne eine Frage nach dem Wesen der Dinge zu
stellen.
Welche Begriffe haben wir heute, die aus der modernen
Naturphilosophie für uns irgendeine Art von Bedeutung haben können?
Ich fange mal mit den Naturgesetzen an. Man sagt ja, es gäbe
Naturgesetze, die uns in unseren Möglichkeiten einschränken. Diese
Naturgesetze haben etwas damit zu tun, dass
NaturwissenschaftlerInnen sich aufgemacht haben, die Natur nach
bestimmten Verfahren zu befragen. Sie bedienen sich spezieller
Methoden, die die Natur in Einzelteile zerlegt, und zwar so, dass
aus einem großen Ganzen kleine Teile werden, die nun ihrerseits
möglicherweise immer noch viel zu kompliziert sind für den Einzelnen
oder die einzelne Gruppe und die dann wiederum unterteilt werden
müssen, bis man an etwas kommt, das man behandeln kann, wo man die
Methode, von der ich gleich sprechen werde, tatsächlich benutzen
kann.
Die Art und Weise ist, ich stelle eine mathematische Frage an die
Natur. Mit anderen Worten: Ich messe, ich versuche, etwas zu messen
mit einem Messgerät. Ob es nun die Temperatur ist, die ich mit einem
Thermometer messe, oder die Luftfeuchtigkeit, oder ich möchte
messen, wie groß Elementarteilchen oder Atome sind, wie groß Sterne
sind – alles muss gemessen werden. Das Quantitative steht bei den
Naturwissenschaften absolut im Vordergrund. Warum? Weil sie mit der
Mathematik eine Sprache besitzt, die man nicht übersetzen kann und
deswegen von allen, die sich damit beschäftigen, beherrscht werden
muss und daher eine sogenannte Konsens-Sprache ist. Die Mathematik
ist die objektivste Art und Weise, die es überhaupt gibt, weil sie
nach ganz klar definierten Regeln funktioniert. Diese Regeln muss
man lernen, wenn man in mathematischer Sprache sprechen möchte.
Große Teile der Mathematik sind tatsächlich aus der Philosophie
entstanden.
Für die modernen Naturwissenschaften aber hat sich noch viel mehr
daraus ergeben. Es hat sich nämlich gezeigt, dass die mathematische
Art, die Natur zu befragen, extrem erfolgreich ist. Man stellt eine
mathematische Frage an die Natur durch Messapparate, durch
Experimente und bekommt, wen wundert’s, eine mathematische Antwort.
Die besteht dann zum Beispiel im Zeitverlauf der Natur, in der
Lichtkurve eines Sterns, in Strahlungsblitzen oder was auch immer.
Hauptsache ist, ich kann es objektivierbar nachweisen, dass da eine
Quantität von etwas, nämlich in diesem Fall meistens Energie, auf
etwas draufgetroffen ist, das hat eine Wirkung ausgelöst und daraus
ist dann ein Modell entstanden.
Ich versuche gerade verzweifelt, immer wieder diese Brücke, über die
wir gehen müssen, vom Subjekt, dem Einzelnen, dem Individuum hin zur
Welt der Dinge, zur Welt der Natur zu schlagen. Diese Brücke führt
über einen ziemlich tiefen Abgrund. Dieser Abgrund steht zwischen
der Persönlichkeit, dem Individuum, das sich als eine einmalige, mit
Ängsten, Hoffnungen, Visionen besetzte Zeitlichkeit empfindet (ich
bin ja da) und der Natur, das Ganze, also ein Riesenuniversum, in
dem riesige Galaxien drin sind, riesige Sterne, gewaltige Systeme
usw. Und selbst auf einem Planeten wie dem unseren, wenn man mal
sieht, was Naturkatastrophen auslösen, der Mensch steht in einer
Natur und möchte gerne wissen, was mache ich denn hier. Und nun
bieten ihm die Naturwissenschaften als ehemalige Teile der
Philosophie Naturgesetze, Mathematik, Symmetrien,
Differentialgleichungen an, mit denen gezeigt werden kann, wie die
Natur funktioniert.
Jetzt mal ehrlich – das reicht uns doch nicht! Ist das etwa das
Wesen der Natur? – Nein. Aber es ist ein Triumph der Technik und der
Naturwissenschaften, anhand der Mathematik die Natur zu befragen und
zu hinterfragen. Trotzdem bleibt die Frage, was ist das Wesen der
Natur?
Das Wesen kann man nicht messen, und das ist das Problem. Das
bereitet uns solche Schwierigkeiten, zu einem Konsens zu kommen.
Wieviel 100 Grad Celsius sind, das wissen wir genau. Oder die
Geschwindigkeit von Kilometer pro Sekunde können wir ganz exakt
messen. Zeit können wir heute so genau messen, so genau wollen wir
es eigentlich gar nicht wissen. Früher war die Zeitmessung noch eine
schöne mechanische Angelegenheit mit einem Pendel, das hin- und
herschwang. Das war noch menschlich, man konnte dem noch folgen.
Damit wurden Zeiteinheiten von einer Sekunde gemessen. Wissen Sie,
wie heute Zeit gemessen wird? Das ist ein Hyperfeinstrukturübergang
von irgendeinem Atom, ich glaube, von Cäsium. Ich meine, haben Sie
schon mal ein Atom gesehen? Ich nicht. Das ist viel zu klein. Aber
damit misst man Zeit und zwar 10 -15. So genau können wir heute die
Natur unter die Lupe nehmen, sowohl zeitlich als auch räumlich. Das
können wir alles. Und trotzdem bleiben Fragen offen.
Philosophie ist immer das Spezialgebiet für offene Fragen gewesen.
Deswegen mag ich sie auch so. Fragen, die ich mir in der Physik
niemals stellen darf, kann ich mir in der Philosophie leisten, weil
ich in der Philosophie an eine andere Methode gebunden bin. Während
in den Naturwissenschaften, in der Physik die Methode zwischen
Experiment und Theorie hin und her einhergehend die empirische
Methode ist, ist die philosophische Methode eine, die zunächst
einmal nur darauf pocht, möglichst wenig Voraussetzungen zu machen,
und dann sollten die Aussagen, die man in der philosophischen
Betrachtung macht, möglichst widerspruchslos sein. Das ist erst mal
das Allerwichtigste. Dann gilt der Satz: Nichts passiert in der
Natur ohne Grund. Also es gilt die Regel vom Widerspruch, eine
Aussage kann nicht zugleich wahr und falsch sein. Und alles
geschieht aus einem Grund, es gibt nichts Grundloses. Das sind schon
mal zwei Sätze, mit denen man in der Philosophie viel anstellen
kann. Vor allem sollte man Aussagen auf ihre logische Struktur
überprüfen können. Logische Struktur heißt auf gut deutsch: Ist da
was dran, steckt da was dahinter.
Und jetzt fangen wir mal an mit zwei modernen Problemen der
Naturphilosophie. Das erste liegt sofort auf der Hand, nämlich wie
gehen wir mit der Natur um? Das zweite ist eher theoretisch: Wie
wäre die Welt, wenn die Naturgesetze, die wir von dieser Welt haben,
wahr wären? Das erste Problem, das ich nicht lösen kann, aber ich
versuche, es Ihnen darzustellen, hat damit zu tun, wie begründen wir
unsere Handlungsweisen? Gibt es eine Antwort von der Natur, wie wir
uns zu verhalten haben, besonders im Hinblick darauf, dass der
Mensch ein Teil der Natur ist? In diesen Problembereich gehört alles
zum Thema: Was soll ich tun. Stichworte sind: Klimawandel,
Ressourcenendlichkeit, Ausbeutung der Natur, der große ökologische
Anteil der Naturphilosophie. Man kann diese Fragen nicht beantworten
ohne einen ordentlichen philosophischen Hintergrund, auf dem man sie
überhaupt erst mal nur behandelt. Das zweite Problem ist zwar
wesentlich theoretischer, aber nichts desto trotz auch sehr wichtig.
Wenn wir unsere naturwissenschaftlichen Erkenntnisse ernst nehmen,
und diese Erkenntnisse sind ja nun vor allen Dingen durch das
Wechselspiel von Theorie und Experiment das Hervorbringen von
Naturgesetzen, dann müssen wir uns immer darüber im Klaren sein,
dass diese Naturgesetze niemals wahr sein können, weil wir ja nicht
wissen können, ob wir nicht etwas vergessen haben. Was wir aber tun
können in der Auseinandersetzung zwischen Experiment und Theorie,
ist zu falsifizieren, herauszufinden, ob etwas nicht falsch ist. Das
heißt noch lange nicht, dass es wahr ist. Es heißt nur, es ist nicht
falsch. Alle unsere Theorien von der Welt sind vorübergehende
Theorien, sind immer nur Schnappschüsse, aktuelle Lagebesprechungen
über unser momentanes Wissen und darüber, was wir gerne wissen
möchten.
So bleibt am Ende einer solchen Sendung mit der Frage „Was ist
Naturphilosophie“ hoffentlich Folgendes übrig: Natur ist das nicht
vom Menschen Gemachte, Philosophie ist das Spezialgebiet für
unlösbare Fragen, was sich gleichzeitig mit dem Ganzen beschäftigt,
und zwar aufgrund der Definition von Naturphilosophie als einem Teil
der Philosophie, die sich mit dem Ganzen auseinandersetzt, ist die
Naturphilosophie eine sogenannte Teilontologie. Sie beschäftigt sich
eben nur damit, was mit Natur zu tun hat. Metaphysische Fragen zum
Beispiel haben in der Naturphilosophie nichts zu suchen. Die
Naturphilosophie beschäftigt sich heutzutage vor allen Dingen mit
der Frage, was wäre die Welt, wenn die Naturgesetze, die wir kennen,
wahr wären. Und wie das alles angefangen hat, das erzähle ich in der
nächsten Sendung.
**
Teil 2: Sonntag, 16.03.08
ÜBERBLICK Teil 2
Die Vorsokratiker Thales, Anaximander, Empedokles und Heraklit sind
die Urväter der Naturphilosophie. Sie waren auf der Suche nach
grundlegenden Prinzipien, nach denen die Natur funktioniert, und sie
formulierten in diesem Zusammenhang universelle Gesetze, mit deren
Hilfe man die Welt erklären konnte. Die vier Vorsokratiker
beschäftigten sich zugleich mit den - aus ihrer Sicht -
Grundbausteinen des Lebendigen: mit Feuer, Wasser, Luft und Erde.
Ihnen ging es um eine vernünftige Weltsicht, die viel später die
Entwicklung der modernen Naturwissenschaften beeinflusst hat.
Professor Harald Lesch, Astrophysiker an der Universität in München
und genialer Wissenschaftsvermittler, zeigt im zweiten Teil seiner
dreiteiligen Reihe, wie die vorsokratische Naturphilosophie aussah
und welche Aktualität sie bis heute hat.
INHALT Teil 2 ____________________________
Ansage:
Heute mit dem Thema: „Was die Welt im Innersten zusammenhält - Was
ist Naturphilosophie? (Teil 2)“.
Der Astrophysiker Professor Harald Lesch reist heute weit zurück in
die Vergangenheit, in die griechische Antike, zu den Vorsokratikern,
die - so Lesch - die eigentlichen Begründer der Naturphilosophie
sind. Denker wie Thales, Empedokles oder Heraklit verließen sich
nicht mehr auf den Mythos oder die Überlieferung, sondern in erster
Linie auf ihren Verstand und sie versuchten herauszufinden, welche
Gesetze den Naturprozessen zugrunde liegen, aus welchen Strukturen
die Dinge bestehen. Und sie kamen zu Ergebnissen, die heute noch
aktuell sind, siehe die Atomtheorie von Demokrit.
Hören Sie also nun den zweiten Teil von und mit Harald Lesch über
das naturphilosophische Denken der Vorsokratiker:
Harald Lesch:
Zunächst ein paar Anmerkungen grundsätzlicher Natur. Ich hoffe, Sie
haben die letzte Sendung gut überstanden, die war ja nicht einfach.
Heute wird es leichter. Heute beschäftigen wir uns nur mit dem
Anfang der Philosophie. Philosophie war zunächst ausschließlich
Naturphilosophie. Das ist ja auch kein Wunder. Die Leute damals, das
heißt 600 vor unserer Zeitrechnung, haben sich eben über die Natur
gewundert. Die ersten Philosophen waren Griechen und
„Naturwissenschaftler“, das waren Menschen, die sich mit der Frage
beschäftigt haben, was ist die Natur.
Sie haben versucht, ein Prinzip zu entdecken und aus diesem Prinzip
heraus alles zu erklären, was um sie herum existiert. Zum Beispiel
Thales, das war der erste. Er hat zunächst festgestellt, alles sei
aus Wasser. Das Urprinzip aller Dinge sei Wasser. Warum? Wasser
kommt in drei verschiedenen Zuständen vor, nämlich gasförmig als
Wasserdampf, flüssig, oder wenn es kalt wird als Eis, was man sich
bei Thales gar nicht vorstellen kann, denn er lebte in der Stadt
Milet in Kleinasien, wo es eigentlich nie so kalt ist, dass es dort
friert, aber vielleicht wusste er davon, dass es auch Wasser als
gefrorenes Wasser gibt. Und aus diesen drei Zuständen und der
Veränderungsfähigkeit von Wasser schloss Thales nun Folgendes: Wenn
Wasser sich so verwandeln kann, vom Eis zum Wasserdampf, und es
bleibt doch immer gleich, es hat nur einen anderen Zustand, den ich
mit meinen Sinnen wahrnehme, dann ist das eines der Urprinzipien
schlechthin.
Thales war aber nur einer von vielen, die man als die sogenannten
Vorsokratiker bezeichnet, also die Philosophen vor Sokrates. Sie
sind gewissermaßen die Großen der Philosophie. Der Anfang der
Philosophie kommt aus Kleinasien, aus Griechenland und beginnt mit
Naturphilosophen, die sich darum kümmern, welche Prinzipien dieser
Welt zugrunde liegen.
Thales beschäftigte sich mit dem Prinzip Wasser, Anaximanders Thema
war die Luft. Heraklit, der dunkle Philosoph, machte später das
Feuer zum Prinzip bzw. die Verwandlung, denn das Feuer verwandelt ja
alles. Für ihn war also Feuer das entscheidende Element. Alsbald
versuchte Empedokles alles zusammenzubringen und die verschiedenen
Vorschläge und Prinzipien unter ein Dach zu fassen, das Dach der
Elemente. Empedokles fügte nun zusammen: das Wasser von Thales, das
Feuer von Heraklit, die Luft von Anaximander, er selbst erklärte
noch die Erde zu einem der wichtigsten Prinzipien, und diese vier
Elemente werden verbunden durch Liebe und Hass. Er hat also zwei
Prinzipien, wir würden heute sagen Kräfte, und er hat vier Elemente,
und diese vier Elemente werden durch einen gewissen Anteil von Liebe
und Hass verbunden: Wenn sie sich lieben, dann hängen sie zusammen,
wenn sie sich hassen, dann stoßen sie sich ab. Je nachdem, wie das
Verhältnis von Liebe und Hass in einem Ding ist, wird es eben
feuchter sein, also mehr dem Wasser zugetan, oder feuriger, mehr dem
Feuer zugetan usw.
Damit haben wir jetzt etwas gefunden, was am Anfang der Philosophie
steht und was die gesamte naturwissenschaftliche Entwicklung
durchziehen wird. Hier möchte ich nun einen kleinen Punkt setzen und
zu einer kurzen historischen Betrachtung der gesamten Menschheit
übergehen, von den Griechen bis zu uns heute. Nur damit Sie noch mal
im Blick haben, worauf ich hinauswill: Es gab die Antike und dann
das Mittelalter, es schloss sich an die Neuzeit und danach die
Moderne, und wir befinden uns schon in der Postmoderne. Wir haben
also verschiedene Zeitabschnitte. Die Vorsokratiker stammen aus der
Antike aus einer Zeit 600 v. Chr., und sie sind diejenigen, die
etwas in die Welt bringen, was es bis dahin nicht gegeben hat,
nämlich den Versuch, die Natur ohne übernatürliche Gründe zu
verstehen, das heißt ohne sich auf Götter zu berufen. Sie sagen, ich
kann aufgrund meiner eigenen Vernunftfähigkeit etwas von dieser Welt
verstehen. Das ist der entscheidende Gedanke, den die Vorsokratiker
in die Welt gebracht haben, den wir noch ausführlichst betrachten
werden. Aber ich möchte Sie auf Folgendes hinweisen: Es gab dann in
der ausgehenden Antike hin zum Mittelalter einen Riesensprung, einen
Schlag. Diese Vernunftbewegung der Griechen wurde schlagartig
gestoppt durch das Auftauchen von Religionen. Nicht mehr das freie
Gespräch mit der Natur über die eigene Vernunft war auf einmal
erlaubt, sondern es gab bereits Antworten auf Fragen, die man noch
gar nicht gestellt hatte. Und diese Antwort lautete immer: Gott.
Das war ein großes Problem. Für alle philosophisch Interessierten
sind Religionen immer dann schwierig, wenn die Religion Fragen
beantwortet, die noch gar nicht aufgetaucht sind, indem ständig
darauf hingewiesen wird: im übrigen brauchen wir gar nicht weiter zu
diskutieren, die Ursache für alles ist Gott.
Der nächste Schritt in der beginnenden Neuzeit bis weit ins 19. und
20. Jahrhundert hinein war die völlige Ablösung von jeder Frage, die
mit Natur zu tun hat, von einem religiösen Thema hin zur
Naturwissenschaft. Die Naturwissenschaft ist die Antwort auf die
Frage, wenn ich keine Religion mehr habe, kein religio, keine
Bindung, dann mache ich es eben naturwissenschaftlich, das heißt so
objektiv wie möglich. Heutzutage in der Moderne bzw. Postmoderne
haben wir mit den Naturwissenschaften teilweise etwas zu tun,
teilweise nichts zu tun, viele Menschen kokettieren damit, dass sie
von Mathematik und Naturwissenschaften keine Ahnung haben, große
Teile der Gesellschaft haben Angst davor, was die
Naturwissenschaften bzw. die Technologie so macht. Also wir haben
guten Grund, uns wieder daran zu erinnern, dass wir uns unserer
eigenen Vernunft bedienen sollten. Wir brauchen keine Götter, wir
haben die Freiheit unsere Welt so zu verändern, wie wir es für
richtig halten und uns vor allem dabei nicht zu schaden. Es wäre
schon fatal, wenn wir die Welt zerstören würden, weil wir der
Meinung wären, dass Geld wichtiger wäre als unser Leben.
Jetzt habe ich einen weiten Bogen gespannt, aber nur deshalb, weil
Sie wissen müssen, was für eine ungeheure Bedeutung es hat, worüber
wir im Folgenden reden werden. Es ist nämlich im Laufe der
Menschheitsgeschichte wieder vergessen worden, wie klar damals die
Griechen gedacht haben. Sie haben nach den ewigen Prinzipien
gesucht, nach denen die Natur funktioniert. Wir haben schon über die
Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde und die verbindenden
Prinzipien Hass und Liebe gesprochen. Thales hat zum Beispiel die
Sonnenfinsternis erklärt - wahrscheinlich weil er babylonische
astronomische Tafeln gehabt hat, er hat sogar versucht, die
Nilüberschwemmungen zu begründen usw. Das war zwar alles nicht
richtig, aber es war mal ein Versuch. Er konnte auf jeden Fall
plausibel machen, warum Dinge so sind wie sie sind und nicht immer
nur darauf verweisen, das sei eine Sache der Götter.
Also Thales und viele andere nach ihm konnten die Natur erklären.
Dennoch scheinen die Prinzipien eher etwas mystisch im Vergleich zu
dem, was wir heute unter materiellen Stoffen und unter
physikalischen Kräften verstehen. Das, was die Vorsokratiker gemacht
haben, würden wir vielleicht als einen unvollständigen Materialismus
bezeichnen, so als würden wir die Welt durchgängig ohne Götter und
übersinnliche Kräfte zu erklären versuchen. Die Leute im Altertum
waren ja nicht doof, das muss man schon sagen. Es gab schon immer
Kausalerklärungen wie Druck und Stoß, sie konnten Häuser und Schiffe
bauen, Waffen herstellen, und wie ich schon sagte, Thales hat zum
Beispiel die Nilüberschwemmungen versucht zu erklären oder die
Sonnenfinsternis. Also für beides hat man durchaus schon
Erklärungen, obwohl andere die Götter dafür verantwortlich gemacht
haben. So gesehen mündet das von den Vorsokratikern begonnene
Unternehmen der einheitlichen und - wie es so schön heißt -
immanenten Naturerklärungen in unsere heutige Physik, indem man
nämlich versucht, einheitliche Theorien zu schaffen, die die Welt
erklären. Das ist tatsächlich eine direkte Brücke zu der
Prinzipientreue der Vorsokratiker. Sie erinnern sich: vier Elemente,
Feuer, Wasser, Luft und Erde - das sind heute unsere Kräfte, unsere
vier Grundkräfte. Gravitation (die Schwerkraft), elektromagnetische
Wechselwirkung (das ist das, was aus der Steckdose kommt), die
starke Kernkraft (die Kraft, die die Atomkerne zusammenhält) und die
schwache Kernkraft (die einige dieser Atomkerne wieder zerfallen
lässt, die Kraft, die dafür sorgt, dass Neutronen sich in Protonen
und Protonen sich in Neutronen verwandeln können innerhalb eines
Atomkerns und so zur Radioaktivität führen). Die Idee, die man heute
in der Physik verfolgt, lässt sich direkt aus der vorsokratischen
Philosophie nehmen und ins Heute übersetzen, nämlich der Versuch,
aus all diesen vier Wechselwirkungen eine einzige zu machen, eine
fundamentale Wechselwirkung. Das lässt sich direkt übersetzen.
Und es wird noch toller: Demokrit brachte einen Begriff in die Welt,
der noch viel deutlicher und unmittelbarer damit verbunden ist:
Atomos, die unteilbaren Teilchen. Für Demokrit war es entscheidend,
dass die Welt weder aus Wasser, Luft, Feuer, Erde oder sonst
irgendetwas bestand, sondern nur aus einzelnen Teilchen, die sich
nicht weiter teilen lassen. Für ihn gab es nur zwei Dinge, nämlich
die Atome und das Leere, sonst nichts. Zwischen den Atomen befand
sich eben nicht Luft, sondern nichts.
Jetzt meint man natürlich gleich, die griechischen Atome, das sind
die Atome, nach denen man heute sucht, die kann man sogar bildlich
darstellen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, ich habe jedenfalls
in der Schule gelernt, Atome könne man nicht sehen, weil sie so
klein seien. Aber heutzutage ist es überhaupt kein Problem mehr,
Atome darzustellen, man kann sogar einzelne Atome in sogenannten
Paulfallen einfangen und sie sich ganz genau angucken. Es lässt sich
schon die Perspektive in der Physik erkennen, wo es eines Tages
möglich sein wird, sogar Elektronen innerhalb eines Atoms ganz genau
zu untersuchen in der sogenannten Attosekundenphysik, das sind 10
–18 Sekunden. In Atome wird sozusagen eine Kamera eingebracht, die
zeigt, was ein Elektron so macht. Das wird alles noch kommen, wir
werden noch viel tiefer in die Materie einsteigen können. Das
versuche ich jetzt auch gerade:
Die Atome des Demokrit sind eine Reaktion gewesen auf jemanden, der
lange vorher behauptet hat, es gebe gar nichts, es könne gar nichts
geben, es gebe überhaupt keine Veränderung, es wäre immer nur alles
ewig da. Das war Parmenides. Parmenides suchte das unvergängliche
Sein. Er hat sich damit beschäftigt, was ganz am Ende hinter den
Dingen stehen muss, damit sich überhaupt etwas verändern kann. Vor
einem unveränderlichen Urgrund fänden nach seiner These
Veränderungen statt, die aber sowieso nur Sinnestäuschungen seien.
Alles Werden und Vergehen sei Unsinn, es gebe nur das
Unveränderliche, das Sein, das sich nicht verändert. Und auf diese
philosophische Vorstellung, dass es etwas Ewiges, absolut
Unveränderliches gibt, reagierte Demokrit, er sagte, das stimmt
überhaupt nicht, Werden und Vergehen ist sehr wohl eine Eigenschaft
unserer Welt, das ist etwas ganz Wichtiges und kommt dadurch
zustande, dass Atome miteinander reagieren, sich ineinander
verhaken, in gewisser Weise miteinander in Wechselwirkung treten.
Das war für ihn das Entscheidende.
Heraklit war nicht nur der Philosoph des Feuers, sondern er war auch
derjenige, der gesagt hat: Alles fließt („Panta rhei“). Du kannst
nicht zwei Mal in den gleichen Fluss treten. Einer meiner Studenten
hat mir mal die bayerische Übersetzung von „panta rhei“ genannt: Es
geht alles den Bach runter. Das kann man sich vielleicht leichter
merken. Also: Alles verändert sich. Heraklit ist der Philosoph der
Veränderung. Er sagt, Veränderung ist das Ewige. Das ist das Prinzip
dieser Welt.
Parmenides sagt, es ist alles ein ewiges Sein, für Demokrit ist
alles eine Mischung von beidem, aber er ist auf jeden Fall jemand,
der das Werden und Vergehen innerhalb dieser Welt durchaus
anerkennt, das ist keine Täuschung, sondern das ist der Fall.
Wir haben also ganz unterschiedliche Philosophen: Parmenides, der
sich mit dem Sein als Solchem beschäftigt; Heraklit, der sich
anschaut, wie sich alles verändert; den knallharten Realisten
Demokrit, der aus der ganzen Welt nur einen einzigen Aufbau von
Atomen macht. Der Mensch wäre nach Demokrit einfach Biomatsch mit
Überbau. Also alle meine Kollegen, die mich gerade durch die
Glasscheibe anschmunzeln und denken, was redet der da, sind
eigentlich nur solche Existenzen, die aus Atomen zusammengebaut
sind. Und sie nicken auch noch. Das sind nickende Atome. Und Sie
nicken jetzt wahrscheinlich auch. Tun Sie das nicht, so einfach geht
das nicht! Sie sind durchaus mehr als nickende Atome, Sie sind
durchaus mehr als Atome.
Und hier kommen wir auf den Punkt. Wir sind jetzt mitten in der
Philosophie bei einer entscheidenden Frage, und die lautet: Besteht
die Welt nur aus Substanzen, die überhaupt nichts miteinander zu tun
haben, die einfach nur da sind? Oder besteht die Welt aus Prozessen,
aus Wechselwirkungen? Darüber werden wir uns noch unterhalten
müssen, das ist ziemlich wichtig. Wenn man nämlich wissen will,
woher etwas kommt, wie etwas entstanden ist usw., dann ist es mit
den Substanzen nicht weit her, wie wir noch sehen werden.
Was ist denn nun das Resultat dieser vorsokratischen Philosophie?
Nun, wie so oft, die Philosophie hat kein Resultat. Philosophie muss
unter allen Umständen immer wieder aufs Neue betrieben werden.
Deshalb war es auch bei den Vorsokratikern so, dass -nach dem solche
Elementenlehren sich verbreitet hatten, nachdem Heraklit und
Parmenides den Streit über Sein und Werden ausgetragen hatten - am
Ende mit einer materialistischen Vorstellung im Grunde genommen die
vorsokratische Philosophie zu Ende war. Es war ja jetzt alles getan:
die Elemente, Sein und Werden, und zum Schluss blieben nur noch die
materialistischen, also demokritischen Gedanken übrig. Damit wäre
eigentlich alles erledigt gewesen.
Wenn es nicht einen genialen Typen gegeben hätte, der auch im 6.
Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung schon etwas in die Welt
gebracht hatte, was noch viel viel länger die Menschen beeinflusst
hat als alle Ideen der Vorsokratiker vorher. Dieser Mann war
Pythagoras.
Pythagoras muss ein echter Star gewesen sein zu seiner Zeit, einer,
der Menschen um sich herum geschart hat wie eine Fangemeinde und
einen sehr mystisch orientierten Orden gegründet hat, vielleicht
kann man das so nennen. Als Prinzip für die Naturbeschreibung hat
Pythagoras an nichts Konkretes gedacht wie Feuer, Wasser, Erde. Er
redet von etwas völlig Anderem, er spricht von einer Welt, in der
alles Zahl ist. Für ihn liegt das Geheimnis der Welt nicht in einem
Urstoff, sondern in einem Urgesetz, dem Urgesetz der zahlenmäßigen
Beziehung der Weltbestandteile.
Pythagoras, das wissen Sie, war der Mann von a2 + b2 = c2, diesen
Satz hat er übrigens nicht erfunden, sondern er stammt aus Babylon,
aber vielleicht hat Pythagoras ihn als erster aufgeschrieben, das
wissen wir aber nicht. Wie überhaupt nur sehr wenig direkt bekannt
ist von den ganzen Vorsokratikern. Aber sei’s drum, er hat etwas in
die Welt gebracht, das Urgesetz der zahlenmäßigen Beziehung der
Weltbestandteile, das ist für ihn ganz wichtig. Die Welt ist für ihn
ein harmonisches Ganzes. Kennen Sie das? Das haben Sie schon mal
gehört. Ein ewig lebendiges göttliches Wesen ist der Kosmos.
Viele Jahrhunderte später wird ein Mann in Europa genau mit diesem
Bild versuchen, den Himmel auf die Erde zu holen, indem er ihn auf
dem Schreibtisch ausrechnet. Johannes Keppler wird von dem
kosmischen Weltganzen, von dem Harmonischen der Welt berichten und
wird versuchen, die Gesetze der Planetenbewegungen darauf
zurückzuführen. Jedem Planeten wird ein Ton zugeordnet, und so
müsste eigentlich, wenn die Welt harmonisch ist, draußen am Himmel
ein Ton zu hören sein.
Wir sind immer noch bei den Vorsokratikern, wir sind bei Pythagoras,
der auf Samos geboren wurde, einer immer noch ungeheuer grünen Insel
direkt gegenüber von Kleinasien. Dieser Mann hat auf seinen Reisen
durch den Mittelmeerraum offenbar irgendwann festgestellt, die Welt
ist Zahl und die Bestandteile der Welt stehen zueinander in
bestimmten Verhältnissen. Das lag daran, dass er Musik gemacht hat.
Für Pythagoras war diese gesetzliche Harmonie aus der Musik
ablesbar, den Verhältnissen von Tönen, und die waren eben nicht
irgendwie, sondern eine harmonische Musik, die nach gewissen Regeln
strukturiert ist, und diese Regeln hat Pythagoras auf die ganze Welt
übertragen.
Pythagoras und dann auch Platon, das ist lange nach Sokrates, sind
der Meinung, dass die geometrischen Körperformen sogar der Form der
Seele entsprechen würden. Deswegen können wir überhaupt etwas
verstehen von der Welt: wir haben diese Formen in unserer Seele, und
daher kommen Wahrnehmung und Erkenntnis durch Passung zustande. Wir
haben in gewisser Weise Schablonen, um die Welt zu erkennen.
Pythagoras ist der einflussreichste Vorsokratiker, weil er mit
seiner Vorstellung vom Urgesetz dem mathematischen Naturgesetz, nach
dem vor allen Dingen die Physik sucht, sozusagen den Weg geebnet
hat. Er hat zuerst festgestellt, welche unglaubliche Kraft in der
Bezeichnung durch mathematische Begriffe steckt. Wenn ich es
schaffe, über die Welt ein mathematisches Naturgesetz zu
formulieren, dann kann ich unglaublich viel verstehen.
Wenn das so ist, wie Pythagoras und später Platon es festgelegt
haben, dann erfasst die Mathematik zugleich die Prinzipien im Aufbau
der Seele und der Objektwelt - es gibt also das Denkende und das
Ausgedehnte. Viel später wird das noch mal von René Descartes
formuliert werden und ein Leib- und Seele-Problem formuliert,
herauslesen lässt sich das schon aus Pythagoras. Erkennen heißt, das
sinnlich wahrnehmbare Außen mit den inneren Urbildern zu vergleichen
und es damit übereinstimmend zu beurteilen. So ist dieses Erkennen
gemeint. Pythagoras steht auch heute zu Beginn des 21. Jahrhunderts
den ganz neuen Theorien Pate, wie zum Beispiel den String-Theorien,
Supersymmetrien usw., die sich gar nicht so ohne weiteres begründen
lassen. Aus der Physik heraus lassen sich viele Prinzipien dieser
Theorien nicht begründen. Das sind diese großen vereinigten
Theorien, die nun versuchen, diese vier Grundkräfte, von denen schon
die Rede war: Schwerkraft, elektromagnetische und die beiden
Kernkräfte, zu vereinigen und dem Satz von Pythagoras, diese Welt
sei durch und durch Zahl, tatsächlich gerecht zu werden. Die
Stringtheorie zum Beispiel behauptet, die Bausteine des Kosmos seien
winzige Fädchen aus Energie, die wie Saiten (engl. strings)
unaufhörlich vibrieren. Aus ihren Schwingungen entstehen dann alle
Elementarteilchen und physikalischen Kräfte.
Diese Welterklärung ist natürlich ebenso spekulativ, mysteriös, man
kann auch sagen ironisch wie die von Pythagoras und seiner
Zahlentheorie. Die Strings sind experimentell gar nicht
nachzuweisen, sie sind so winzig, das zu ihrem Nachweis ein
Beschleuniger zum Beispiel gebaut werden müsste, der so groß ist wie
die Milchstraße. Und das können wir uns nicht leisten, das können
wir noch nicht mal technisch vollbringen.
Was ist die Welt am Ende einer solchen Sendung, wo wir wirklich die
gesamten Vorsokratiker nur so angetippt haben? Am Anfang hatten wir
die Vorstellung, wir müssen raus aus dem Mythos, aus der Welt der
Götter, denn sie helfen uns nicht, sie lassen uns allein; wir
vertrauen auf unseren Logos. Am Ende sind wir beim mathematischen
Naturgesetz angelangt und haben die Grundlagen der modernen
Naturphilosophie entdeckt: Atome, Mathematik, Elemente, Kräfte und
Theorie. Das werden wir im dritten Teil weiter verfolgen.
***
SWR2 Wissen: Aula Was die Welt im Innersten zusammenhält
Was ist Naturphilosophie? (3)
Teil 3: Karfreitag, 21.03.08
ÜBERBLICK Teil 3
Wir brauchen heute wieder eine starke, moderne Naturphilosophie, die
uns hilft, das Wissen, das wir permanent erzeugen, zu sortieren,
damit wir nicht in der Informationsflut ertrinken. Diese
Naturphilosophie könnte uns eine Struktur liefern, mit deren Hilfe
wir alles Naturhafte ordnen und klassifizieren können.
Für den Astrophysiker Harald Lesch liefert das evolutionäre Denken
diese Struktur, es handelt von der Geschichte der Dinge und fragt
nach dem Woher und Wohin, nach dem Ursprung und dem Ende. Professor
Harald Lesch zeigt im dritten und letzten Teil seiner Reihe die
Bedeutung des evolutionären Gedankens für die moderne
Naturwissenschaft.
INHALT Teil 3
___________________________________________________________________
Ansage:
Heute mit dem Thema: „Was die Welt im Innersten zusammenhält - Was
ist Naturphilosophie? (Teil 3)“.
Was die Welt im Innersten zusammenhält - das ist der Hauptpfad, den
die Naturphilosophie zu allen Zeiten beschritten hat, egal ob es
sich um die Vorsokratiker, die Romantiker oder um moderne Denker
handelte: Sie alle fragten nach den Prinzipien, mit denen sich die
Vielfalt der Naturerscheinungen ordnen lässt, mit denen man die
Eigenschaften der natürlichen Objekte beschreiben kann.
Gibt es heute so ein oberstes Prinzip der Naturphilosophie? Harald
Lesch, Professor für Astrophysik an der
Ludwig-Maximilians-Universität in München, meint: Ja, es gibt so ein
Prinzip, und für ihn hat es mit dem evolutionären Gedanken zu tun,
mit der Geschichtlichkeit allen Seins.
In der SWR2 Aula führt Lesch diesen Gedanken aus und er zeigt, warum
wir heute mehr denn je Naturphilosophie benötigen:
Harald Lesch:
Heutzutage brauchen wir Naturphilosophie mehr denn je. Eine solche
Dressur des Geistes ist absolut notwendig, weil wir ertrinken in
Informationen. Denn man stößt zum Beispiel regelmäßig auf Berichte
über das explosionsartige Wachstum der Wissenschaft. Da heißt es u.
a., 90 Prozent aller Wissenschaftler, die es je gab, leben jetzt.
Oder da heißt es, seit 1950 seien mehr wissenschaftliche Arbeiten
erschienen als in allen vergangenen Jahrhunderten zusammen. Können
Sie sich das vorstellen? Seit 58 Jahren haben wir soviel Papier
erzeugt wie die ganze Menschheit vor uns zusammen nicht. Wir
erzeugen und erzeugen und erzeugen. Aber erzeugen wir wirklich
Wissen oder erzeugen wir nur Information?
Wir können heutzutage jede beliebige Information bekommen, die wir
wollen, und zwar schnell, mit Lichtgeschwindigkeit. Einfach das
Internet anschalten und Sie können sich über verschiedene
Suchmaschine zum Philosophen machen. Das ist überhaupt kein Problem.
Informationen können Sie sich sofort beschaffen. Aber wissen Sie
dann auch was?
Ob diese Vorstellung jetzt übertrieben ist oder nicht, braucht uns
hier nicht zu kümmern. Es ist auf jeden Fall so, dass niemand mehr
in der Lage ist, alle bekannten Tatsachen zu sammeln und im Kopf zu
behalten. Das geht gar nicht mehr. Früher konnte man das noch. Der
deutsche Philosoph und Wissenschaftler Gottfried Wilhelm Leibniz
(1646 - 1716) wird „der letzte Universalgelehrte“ genannt. Er hat
nämlich nicht nur das Wissen seiner Zeit beherrscht, sondern er hat
auch noch durch richtungsweisende Ideen die meisten
wissenschaftlichen Disziplinen wirklich bereichert. Stellen Sie sich
das einmal vor! Ich meine, man kann sich heute ja einigermaßen
informieren. Wenn Sie wissen wollen, wie eigentlich der größte
Saurier hieß, der jemals gelebt hat, können Sie das sofort
nachprüfen. Sie finden heraus, wann Paul McCartney mit wem
verheiratet war, was das schnellste Auto war, wer der größte
Dummkopf war. Sie können alles finden, und wenn nicht, dann können
Sie wenigstens einen Lexikon-Artikel darüber schreiben, also Sie
können sofort teilnehmen an der Vergrößerung der Informationsmenge.
Aber Sie können schon kaum einen originellen Beitrag zu einer
wissenschaftlichen Disziplin leisten.
Sehen Sie das Problem? Allein das Einschalten des Computers, das
„Online-Sein“ (ich bin online, also bin ich), führt zu dem Problem,
dass Sie sich mit Informationen voll stopfen können bis zum
Geht-Nicht-Mehr.
Und da gibt es nun ein hochgradig interessantes
Klassifikationsschema, was uns helfen könnte, die Welt, auch wenn
sie noch so kompliziert ist, doch tatsächlich besser zu verstehen.
Trotz des großen Umfangs und der ungeheuren Komplexität
wissenschaftlicher Erkenntnisse möchte man doch auf diese
befriedigende Klassifikation hoffen, auf irgendetwas, das ordnet,
auf eine tiefere Struktur, etwas, was integriert und die Dinge
zusammenhält, einen synthetischen Gesichtspunkt. Und so etwas gibt
es. Das finde ich doch schön, dass die Naturwissenschaft zusammen
mit der Philosophie etwas hervorgebracht hat, das die Dinge
zusammenbringt. Und das ist der Begriff der Evolution.
Jetzt ist es raus, die Sendung handelt von Evolution. Ich habe
versucht, den Tatbestand so klar wie möglich darzustellen, dass wir
in Informationen ersaufen, wir können viel viel mehr wissen, als wir
überhaupt aufnehmen können. Wie kriegen wir nun das Wissen
strukturiert? Nach welchem Strukturmerkmal müssen wir suchen, wenn
wir Wissen einigermaßen in unserem Hirn und für unser Hirn
verdaulich machen wollen? Die Evolution, das ist es. Die
Entwicklung.
Das Tolle an dieser Idee ist einfach: Schauen Sie sich doch einmal
um. Sie können wahrscheinlich über fast alle Dinge, die sich um Sie
herum befinden, sagen, woher die kommen. Die hat Ihnen jemand
geschenkt, Sie haben sie gekauft usw. Sie können bei jedem Ding
fragen, wie es entstand. Jedes reale Objekt hat eine Geschichte, es
kommt irgendwoher, es hat einen Ursprung. Es gibt einen Ursprung,
also eine Geburt, eine Folge von Zuständen und ein Ende. Also jedes
reale System entwickelt sich. Wenn sich auch in einigen Fällen keine
Antwort finden lässt, dann ist doch immer diese evolutionäre Frage
legitim, nämlich zu fragen, wie hat denn das angefangen. Wo kommt
das Material dafür her? Wie ist das Material zusammengesetzt?
Man kann zum Beispiel auch fragen, woher kommt die Sonne, die
Planeten, die Milchstraße, die ganzen Milchstraßen, das Universum?
Man kann antworten, na ja, da hat sich Materie zusammengefunden, und
dann wird einem erzählt, das Universum würde expandieren, also der
Raum breitet sich aus, dann kann man sich natürlich vorstellen, dass
es gestern kleiner war, vorgestern war es noch kleiner usw., es hat
einen Anfang gegeben. Und der Anfang wird ja zum Beispiel in der
modernen Kosmologie mit dem Wort „Urknall“ bezeichnet. Und da sind
wir am Ende unseres Forschens und Denkens angelangt. Denn hier
befindet sich die Wand, hier ist Feierabend. Wir können nicht sagen,
was vor dem Urknall war. Man kann natürlich die Frage nach der
Ursache stellen, solange die Chance besteht, sie zu finden. Wenn man
aber an den Anfang gelangt, dann muss man eine Ursache haben, die
selber keine Ursache mehr hat. Und das ist nach Aristoteles, einem
herausragenden griechischen Denker, der unbewegte Erstbeweger, der
zwar selber die Dinge in Bewegung gesetzt hat, aber er selber ist
ewig, er war immer da gewesen.
Ein anderer großer Philosoph, einer meiner Lieblinge, Immanuel Kant
hat in der Vorrede zu einem der berühmtesten Bücher der Philosophie
„Zur Kritik der reinen Vernunft“ eben genau darüber berichtet, dass
unsere Vernunft in der paradoxen Situation ist, dass sie sich Fragen
stellen kann, von denen sie von vorneherein weiß, dass es keine
Antworten gibt.
Aber nichts desto trotz, wir kommen jetzt wieder raus aus der Höhle,
ich die ich Sie eben hineingeführt habe, zurück in die Halle der
Evolution, wir können uns also eine Frage stellen, woher kommt
irgendwas. Und diese Fragerei kann man eine ganze Weile betreiben,
sie ist gewissermaßen das Programm der Wissenschaften. Wenn Sie sich
Anfang, Entwicklung und Ist-Zustand eines Dings oder eines Menschen,
egal was, anschauen, dann merken Sie auch, was Sie alles nicht
wissen. Zum Beispiel der Übergang der Tiere vom Wasser auf die Erde,
da fehlen uns noch einige Stücke, den verstehen wir noch nicht
richtig. Und schon haben Sie ein Programm. Für die Wissenschaft ist
die Evolution gewissermaßen das ideale Programm schlechthin. Jede
Wissenslücke ist automatisch wieder Anlass zu sagen, da müssen wir
weiterforschen. Diese „missing links“, also das, was uns fehlt,
wollen wir auch noch erforschen und das noch und das noch usw. Das
treibt die Wissenschaft an.
Kurzum: Die Evolution hat auf der einen Seite die Funktion, uns erst
mal zu sagen, was ist denn eigentlich da. Das ist das rein
Beschreibende, das rein Kinematische. Danach, und das werden wir
gleich schön auseinandernehmen, folgt noch etwas anderes: das
Dynamische. Das ist das Warum? Wir können beschreiben, was ist. Das
Warum ist der zweite Teil.
Auf diese Weise hat der Begriff der Evolution eine ganz wunderbar
ordnende Funktion bei dem Versuch, das Wissen in dieser Welt
einigermaßen zu klassifizieren und zu klären: Natur hat sich so und
so entwickelt, Menschen haben sich so und so entwickelt. Das ist
evolutionäres Denken.
Betrachten wir jetzt zum Beispiel mal die Dinge am Himmel, da kenne
ich mich gut aus, wir wollen mal sehen, wie weit wir damit kommen.
Gibt es da ewige fixe Gegenstände, die immer so bleiben, wie sie
sind? Sind die Fixsterne etwa unveränderliche permanente Objekte?
Was meinen Sie? Auf einer menschlichen Zeitskala von - großzügig
gerechnet - 100 Jahren sind die Sterne ziemlich fix. Sie stehen am
Himmel und leuchten und leuchten, manchmal flackern sie auch ein
bisschen, das liegt dann meistens an der Luft zwischen uns und
ihnen. Aber ansonsten scheinen die Sterne selber sich nicht zu
rühren. - Das aber ist falsch! Die moderne Astrophysik sagt uns
etwas ganz anderes, sie spricht vom Leben und Sterben der Sterne.
Zwar sind Sterne langlebig im Vergleich zu biologischen Systemen,
aber auch sie haben einen Ursprung und ein Ende.
Sterne sind ja gewissermaßen nichts anderes als
Energieumsetzungsverfahren. Und wenn ein Stern seine letzte
Energiekrise nicht mehr lösen kann, dann bläht er sich auf und er
explodiert völlig oder es bleibt noch ein Sternrest übrig, eine
Sternleiche. Ich zum Beispiel bin ein Spezialist für Sternleichen,
ich bin ein Pathologe und beschäftige mich mit Sternleichen, die ich
allerdings nicht in meinem Laboratorium haben kann, sondern die
versuche ich am Himmel zu untersuchen. Man spricht tatsächlich von
Sternleichen, von Neutronensternen und schwarzen Löchern.
Das Tolle allerdings ist, dass mit dem Sterben dieser Sterne, die
zuerst geboren werden aus Gaswolken und dann als Sternleichen
vielleicht durchs Universum ziehen - dass mit dem Geborenwerden und
dem Sterben dieser Sterne etwas verbunden ist. Das ist sozusagen der
unkündbare Generationenvertrag der Materie im Kosmos: Viele Sterne
geben etwas an das Universum zurück, sie sind gewissermaßen
karitativ tätig, sie können gar nicht anders. Wenn nämlich ein Stern
relativ groß ist, richtig schwer ist, viel schwerer als unsere
Sonne, dann explodiert er am Ende seines Lebens und er gibt das ans
Universum wieder zurück, was ihm das Universum am Anfang gegeben
hat, nämlich Gas. Also die ersten Sterne bestanden nur aus
Wasserstoff und Helium. Wo kommen die ganzen anderen Elemente her,
aus denen Sterne bestehen? Das kann uns die moderne Astrophysik eben
erklären, die ganzen anderen Elemente kommen aus den Sternen, die
explodiert sind. Der Sauerstoff in dem Wasser, das Sie trinken,
stammt von einem Stern, von einem, der geborsten ist, wahrscheinlich
20 bis 25 Mal so schwer war wie die Sonne und eines schönen Tages
auseinander flog und mit 20.000 km pro Sekunde seine Hüllen in das
Universum hinausgeschossen hat. Irgendwann treffen diese Hüllen auf
anderes Gas, werden zusammengepresst, und so entstehen neue Sterne.
Das Leben und Sterben dieser Sterne hängt im Universum unmittelbar
zusammen. Es muss in diesem Universum gestorben werden, so dass neue
Sterne entstehen können. Damit befinden wir uns mitten in der
Evolution. Ich erzähle Ihnen Geschichten vom Werden und Vergehen, da
ändert sich pausenlos etwas, und immer gestattet uns die Evolution,
den roten Faden niemals zu verlieren. Erst gab es Sterne, die nur
aus Wasserstoff und Helium bestanden. Dann entstanden Sterne, da war
schon Kohlenstoff, Stickstoff und Sauerstoff dabei. Und zu guter
Letzt gab es Sterne, die sogar Planeten um sich herum geformt haben
wie zum Beispiel unsere Sonne, die ja erst 4,5 Milliarden Jahre alt
ist, obwohl das Universum schon 13,7 Milliarden Jahre alt ist.
Kurz und gut: Die Dinge im Himmel sind nicht permanent, noch nicht
einmal das Universum ist ewig, es hat einen Anfang gehabt, es
entwickelt sich, es ist nicht unveränderlich, es breitet sich aus,
es ist nicht für immer und ewig da. Es ist im Gegenteil eher
merkwürdig instabil, es treibt auseinander. In der realen Welt
existiert tatsächlich keine einzige Ausnahme. Wenn noch nicht einmal
das Universum ewig ist, gibt es keine Ausnahme zu Heraklits
hellseherischer Formel „pantha rei“ („Alles fließt“).
Heraklit konnte seine Annahme nicht beweisen, er hat sie nur
aufgrund seiner Beobachtungen aufgestellt. Zu seiner Zeit konnten
andere Denker eben genau das Gegenteil behaupten. Für Parmenides zum
Beispiel ist ja die Welt des Wandels eine reine Täuschung gewesen.
Erst seit kurzem steht unser wissenschaftliches Weltbild endgültig
auf der Seite Heraklits. Das ist das Verdienst evolutionären
Denkens, also die Evolution als Prinzip zu nehmen, um die Natur zu
klassifizieren und zu beschreiben.
Was sind die möglichen Zustände eines Systems, was folgt da
aufeinander, was ist der Anfang, was ist das Ende, wie hängt das
Ende vom Anfang ab? Könnte man unter anderen Umständen was ganz
anderes kreiert haben? Nehmen wir das bekannte Beispiel, der
Flügelschlag eines Schmetterlings in Hongkong könnte einen
Wirbelsturm in der Karibik auslösen. Das ist natürlich Quatsch. Aber
es geht um den Hinweis allerkleinster Veränderungen, die auf der
anderen Seite katastrophale Ergebnisse zeitigen können. Kann man
eine solche Kausalitätskette, also eine Kette von Ursache und
Wirkungen, wirklich zusammenbauen? Dann weiß man nämlich, wie die
Endresultate von den Anfangsbedingungen abhängen und umgekehrt. Was
kommt am Ende heraus und wie hängt das vom Anfang ab, das ist
wichtig. Evolution ist in diesem Sinne durchgehend, allumfassend und
universell, sie zeigt, dass die Dinge tatsächlich voneinander
abhängen. Evolution verbindet und vereint alle realen Systeme und
deshalb auch alle faktischen Wissenschaften. Genau darum muss es
gehen, die Evolution ist ein wahrhaft zusammenführender
Gesichtspunkt bis dahin, dass man sogar das ganze Universum
betrachten kann als einen einzigen einmaligen evolutionären Prozess.
Man könnte vielleicht sagen, das was Newton für die Physik war, das
war Darwin durch das Einführen des Evolutionsprozesses für die
Biologie. Damit hat er die Dinge zusammengebracht. Vorher gab es
unterschiedliche Teilbereiche: Zoologie, Botanik, Anthropologie usw.
Aber durch das Denkmuster der Evolution hat Darwin alles unter ein
Dach zusammengebracht. Aus dem Einfachen wird das Komplizierte. Aus
dem Komplizierten wird das noch Kompliziertere. Das Komplizierte war
nicht einfach da, es hat sich entwickelt. Es hat sich durch das
Zusammenspiel von Veränderungen, die auch ganz zufällig gewesen sein
können, und den Bedingungen, den sich verändernden Bedingungen und
dem Erfolg des jeweiligen Systems entwickelt. Und nur die Gewinner
sind noch übrig geblieben. Alles, was in diesem Universum jetzt zur
Zeit da ist, hat gewonnen. Sonst wäre es nicht da.
Man kann das an einem ganz einfachen Beispiel deutlich machen,
natürlich wieder eines aus der Astrophysik, nämlich die Stabilität
des Sonnensystems. Das Sonnensystem ist eine unglaublich stabile
Angelegenheit - wenn man nicht zu genau hinguckt. Wenn man aber
genau wissen will, wie sich das Sonnensystem in 4 oder 5 Milliarden
Jahren entwickeln wird, wird man keine Antwort bekommen. Kein
Computer könnte das berechnen. Denn das Sonnensystem hat
Unwägbarkeiten, die man nicht bestimmen kann. Wir können in die
Zukunft hineinrechnen bis 400 bis 600 Millionen Jahre, das geht
gerade noch. Ab dann scheint das ganze System auseinander zu
fliegen.
Auf der anderen Seite können wir aus unserer eigenen Existenz
folgendes schließen: In diesem Sonnensystem ist nichts passiert, was
die Stabilität der Bahnen der Planeten in irgendeiner Art und Weise
so beeinflusst hat, dass die Planeten aus dem Sonnensystem
verschwunden sind. Die Altersbestimmungen sind eindeutig, das
Sonnensystem ist 4,5 Milliarden Jahre alt und offenbar nach allem,
was wir aus der Erdgeschichte wissen, ist die Erde seit ihrem
Anbeginn auf der Bahn, auf der sie sich heute befindet. Und die
anderen Planeten ebenso, denn wenn die sich verändert hätten, hätte
sich die Bahn der Erde auch verändert, denn nur Massen bewegen
Massen. Nehmen wir an, Jupiter wäre nach innen gewandert, wäre das
für uns eine Katastrophe geworden. Dass die Erde seit 4,5 Milliarden
Jahren sich auf der gleichen annähernd runden Bahn um die Sonne
bewegt, dass auch die anderen Planeten sich annähernd kreisrund
bewegen, ist ein Zeichen dafür, dass dieses System unglaublich
stabil ist - einerseits.
Andererseits - wenn man sich anschaut, wie Planeten entstehen
müssen, aus vielen vielen Felsbrocken, da werden auch mal größere
Planetenvorläufer dabei gewesen sein, die stießen dann zusammen. Am
Ende sind vielleicht 20 bis 25 Kleinstplaneten übrig gewesen. Und
heute? Wir haben noch acht Planeten, wovon einer - Pluto - als
Zwergplanet bezeichnet wird, er ist kein richtiger Planet mehr. Aber
diese Zwergplaneten geben uns vielleicht einen Eindruck davon, wie
es früher im Sonnensystem ausgesehen hat. Was ich damit sagen will
ist: was wir heute sehen, sind die Gewinner, sie sind übrig
geblieben, weil sie offenbar die perfekten Bedingungen hatten und
nicht mit anderen zusammengestoßen sind. Das ist Evolution.
Das Sonnensystem hat sich entwickelt. Es ist ein hochgradig
interessanter Gedanke, den im Jahr 1755 Immanuel Kant entwickelt hat
in seiner „Theorie des Himmels“. Darin beschreibt er die Entstehung
des Sonnensystems, dass also eine Scheibe um die Sonne herum sich
gebildet hat aus Gas und Staub und aufgrund von Vorgängen, die er
zwar noch nicht so richtig verstanden, aber dennoch angedacht hat.
Er meinte, es muss eine Kraft geben, die neben der Schwerkraft Dinge
zusammenhält. Also durch die Zusammenstöße könnte es so etwas
Klebriges, die Materie geben, vielleicht wird es heiß und die Teile
hängen aneinander, und so wachsen Planeten in dieser Scheibe. Und
Kant hatte völlig recht. Kants Theorie vom Himmel ist der erste
erfolgreiche Versuch einer Evolutionstheorie. Und der evolutionäre
Begriff ist es, der tatsächlich weit über allem steht und nicht nur
dazu gebraucht werden kann, etwas zu beschreiben, sondern er kann
auch erklären, warum Dinge so sind. Wir sind ja nicht nur daran
interessiert zu beschreiben. Der Evolutionsbegriff erlaubt Analogien
zu ziehen aus dem Entwicklungszustand. Er kann für alles benutzt
werden, was in dieser Welt in irgendeiner Art und Weise sich
entwickelt hat, das Universum, Planeten, Sterne, Wolken, alles
mögliche, was irgendwie in der Natur auftaucht, ist real, entwickelt
sich. Die Evolutionstheorie ermöglicht es ja vor allen Dingen auch,
das habe ich vorhin schon mal gesagt, die Lücken in unserem Wissen
ausfindig zu machen.
Obwohl also die Evolution im Wesentlichen kontinuierlich ist, gibt
es doch immer wieder zahlreiche Lücken, und das Allerschärfste an
der Evolutionstheorie ist eben dann festzustellen, was ich weiß und
was ich nicht weiß. Das ist natürlich Philosophie vom Reinsten, vom
Saubersten. Sie kann uns mitteilen, was wir noch nicht wissen und
damit die Wissenschaft insgesamt befördern. Denn die Wissenslücken
sind der Treibstoff für die Wissenschaften. Diese Lücken bedeuten
Offenheit und Transparenz. Der Evolutionsbegriff insgesamt
ermöglicht eine andauernde und ständige Weiterarbeit an dem, was wir
wissen, und an dem, was wir nicht wissen. Der Evolutionsbegriff ist
die einzige Möglichkeit, Zukunft zu gestalten.
Es gibt die Wissenschaften, die von Wissenslücken befördert werden,
und es gibt Ideologien und Religionen, die sozusagen komplette
lückenlose Weltbilder anbieten. Das kann nicht zusammen gehen.
Ideologien sind immer schon vor vorneherein so fest und ewig, das
kann nicht funktionieren. Wir haben in den Naturwissenschaften
herausgefunden, dass nicht das Feste, Ewige von Parmenides das
Richtige ist, sondern das Offene, sich entwickelnde „Pantha Rei“ des
Heraklit. Die Zukunft, meine Damen und Herren, ist ungewiss. Das,
was uns in der Zukunft helfen kann, ist nur, offen zu sein,
transparent und kritikfähig zu bleiben und nicht sozusagen die
Probleme der Zukunft mit Lösungen aus der Vergangenheit lösen zu
wollen. Wir brauchen eine offene, möglichst vorurteilsfreie
Betrachtung der Dinge um uns herum.
Die Evolution ist möglicherweise das Zauberwort dafür, wie wir die
Zukunft auf einem Planeten gestalten, der so komplex ist, dass man
ihn alleine ohne die Evolution nicht verstehen kann. Möglicherweise
ist die Evolution ein Gottesgeschenk.
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