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Hans Küng : Was die Welt im Innersten zusammenhält -
Religion und Naturwissenschaft (3)
www.swr2.de
Dieses Thema ist im folgenden Buch weiterentwickelt: Hans Küng, »Der Anfang
aller Dinge. Naturwissenschaft und Religion«, Piper Verlag München, 8.
Auflage 2006
piperverlag@t-online.de
/ www.piper.de
Autor und Sprecher: Prof. Hans Küng * ; Redaktion: Ralf Caspary, Susanne
Paluch,
Sendung: Ostermontag, 17. April 2006, 8.30 Uhr, SWR 2
Bitte beachten Sie:Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen,
privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
ÜBERBLICK
Angesichts der Erkenntnisse der modernen Hirnforschung warnen Kritiker vor
einem Materialismus, der nach folgenden Maximen funktionieren könnte: Wir
Menschen sind Bioautomaten, unsere Gefühle und Gedanken basieren auf
neuronalen und biochemischen Prozessen, unser Geist ist nicht vom Himmel
gefallen, sondern lediglich Resultat der Evolution.
Wozu brauchen wir also noch Metaphysik! So ist es nicht verwunderlich, wenn
es Hirnforscher gibt, die die Gehirne ihrer Patienten scannen, auf der Suche
nach dem religiösen Gefühl. Und wo bleibt Gott? Hans Küng, emeritierter
Professor für ökumenische Theologie, Präsident der Stiftung Weltethos,
zeigt, warum die Hirnforschung und andere naturwissenschaftliche Disziplinen
das religiöse Denken nicht ausklammern können
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Ansage:
Heute mit dem Thema: „Was die Welt im Innersten zusammenhält - Religion und
Naturwissenschaft, Teil 3“.
Der Tübinger Theologe Hans Küng hat in den letzten beiden Teilen seiner
Sendung gefragt, ob und wie die moderne Astrophysik und die Biologie noch
Platz lassen für Religion, für den Gedanken an Gott. Und Küng zeigte, dass
Religion vor allem dann die harten Naturwissenschaften ergänzt und
bereichert, wenn es um die Fragen nach dem Anfang und dem Ende aller Dinge
geht, wenn es um die Suche nach Sinn geht. Denn natürlich können wir im
Sinne der Naturwissenschaften sagen: Wir Menschen sind nichts weiter als
zufällig entstandene Kohlenstoffeinheiten, wir sind allein im kalten
Universum, unser Geist ist nicht vom Himmel gefallen, sondern Produkt
evolutionsbiologischer chemischer Vorgänge, mehr nicht.
Wirklich nicht mehr? Im dritten und letzten Teil kritisiert Hans Küng sehr
engagiert den Reduktionismus der Naturwissenschaften, speziell der
Hirnforschung. Die behauptet ja, wir Menschen seien Bioautomaten ohne
metaphysische Dimension. Küng macht klar, wie unhaltbar aus seiner
theologischen Sicht dieser Ansatz ist und wie man in Zeiten, die von
empirischen Wissenschaften dominiert werden, religiöses Denken
wiederentdecken kann. Im Mittelpunkt steht auch diesmal die für Küng
zentrale Kategorie, das Vertrauen.
Hans Küng:
Dem tief in unserem Gehirn verborgenen limbischen System mit den
Basalganglien, unserem emotionalen Erfahrungsgedächtnis, schreibt der Bremer
Hirnforscher Gerhard Roth die „Letztentscheidungen des Menschen“ zu: Das
bewusste Ich sei „nicht der eigentliche Herr unserer Handlungen“ und
„Willensfreiheit im starken Sinn eine Täuschung“. Roth konkretisiert seine
Position: „Wir Menschen erleben uns bei unserem Denken, Fühlen, Wollen,
unserer Handlungsplanung und der Ausführung unserer Handlungen als frei.
Unser Ich empfindet sich dabei als Verursacher dieser Zustände und
Handlungen. Dies aber ist offensichtlich eine Illusion. Psychologische und
neurowissenschaftliche Experimente und Beobachtungen zeigen vielmehr, dass
Gedanken und Absichten, die uns in den Sinn kommen, weithin durch das
limbische System veranlasst und gesteuert werden, das besonders stark auf
das Stirnhirn einwirkt.“
Das Gefühl also, der Urheber unserer Handlungen zu sein, sei eine ebenso
hartnäckige Täuschung wie die frühere Vorstellung, wir Menschen stünden im
Mittelpunkt des Universums. Faktisch seien alle unsere Absichten und
Entscheidungen, Ideen und Wünsche durch physiologische Prozesse
determiniert. Alles werde vom Unbewussten, vom limbischen System gesteuert,
wo schon im Kindesalter beispielsweise darüber entschieden werde, ob ein
Mensch ein Triebtäter werde oder nicht. Sie merken, welche Konsequenzen eine
solche Anwendung neurophysiologischer Erkenntnisse für Recht und Ethik
hätten.
Das Mentale also bloß ein Epiphänomen des Neuronalen? Welche „Entlastung“
bringt eine solche neurowissenschaftliche Hypothese dem Verbrecher: Nur ja
keine Schuldgefühle – alles Illusion! Von den horrenden Naziverbrechen gegen
die Menschlichkeit möchte ich gar nicht reden. Gleichzeitig mit Roths
Referat ging durch die deutsche Presse ein Schauerbericht über eine Clique
erwachsener Männer und Frauen, die einen fünfjährigen Jungen mehrfach
vergewaltigten und schließlich umbrachten. Sind also solche Scheusale und
auch alle die Erwachsenen, die in Deutschland jedes Jahr mindestens 15.000
Kinder missbrauchen, aufgrund der Mechanismen des limbischen Systems unfrei
und deshalb durch ein perfektes wissenschaftliches Alibi von Schuld und
Verantwortung entlastet?
Im Tübinger Universitätsklinikum freut man sich seit Januar 2005 zu Recht
über die Installation eines der modernsten Diagnosegeräte Europas, einer
Kombination aus einem Computertomographen und einem
Positronen-Emissions-Tomographen, das kleinste Ansiedlungen von Krebszellen
frühzeitig erkennen lässt. Doch leider sind neurowissenschaftliche
Hypothesen, die unser Selbstverständnis als freie Menschen für
Selbsttäuschungen erklären, dafür mitverantwortlich, dass die Hirnforschung,
die mit Hilfe solcher Geräte phantastische Fortschritte macht, heutzutage
nicht nur Hoffnungen auf die Bekämpfung schwerer Krankheiten wie Alzheimer,
Parkinson und auf die Rückgewinnung von Autonomie und Entscheidungsfreiheit
hervorruft. Sie fördert auch Ängste. Ängste: wir Menschen würden zu kalten
Bio-Automaten; von Neuronen gesteuert könnten wir allen möglichen
bewusstseinsmanipulativen Eingriffen ausgesetzt werden, könnte so unsere
Identität und Autonomie verlieren. Erfreulicherweise werden sich aber die
meisten Hirnforscher der Problematik solchen reduktionistischen Vorgehens,
das vor allem an den Gemeinsamkeiten zwischen Menschengehirn und
Menschenaffen-Hirnen interessiert ist, zunehmend bewusst. Dass der Mensch
zwar besser denken, der Affe aber besser klettern kann, ist eine dieser
lächerlichen Nivellierungen. Deshalb jetzt nach der kurzen Würdigung der
Fortschritte der Hirnforschung ebenso deutlich zu ihren Grenzen:
Je genauer die Neurowissenschaftler die Funktionsweise unseres Gehirns zu
beschreiben vermögen, desto deutlicher wird, dass alle ihre Messungen und
Modelle just den zentralen Aspekt des Bewusstseins nicht erfassen: nämlich
das subjektive Innewerden von Qualitäten wie Farbe oder Geruch, einer
Überlegung oder einer Emotion.
Wenige Monate nach Gerhard Roths aufsehenerregenden Publikationen
veröffentlichen 2004 elf führende deutsche Neurowissenschaftler – darunter
nun bemerkenswerterweise auch Roth selbst – ein „Manifest über Gegenwart und
Zukunft der Hirnforschung“. Es sei der Eindruck entstanden, die
Hirnforschung „stünde kurz davor, dem Gehirn seine letzten Geheimnisse zu
entreißen“, meinen die Forscher einleitend. Zur Beruhigung einer alarmierten
Öffentlichkeit ziehen sie nun für ihre kühn voranstürmende junge
Wissenschaft eine nüchtern differenzierende Bilanz.
Mit Hilfe neuer Methoden seien bedeutende Fortschritte erzielt worden – auf
der obersten, auf der untersten, aber nicht auf der mittleren Ebene:
- bedeutende Fortschritte auf der obersten Ebene: Erforscht wurden
Funktionen und Zusammenspiel größerer Hirnareale; die thematische Aufteilung
des Gehirns nach Funktionskomplexen: Sprache verstehen, Bilder erkennen,
Töne wahrnehmen, Musikverarbeitung, Gedächtnisprozesse und Erleben von
Emotionen;
- bedeutende Fortschritte auch auf der untersten Ebene: Wir verstehen heute
weithin die Vorgänge auf dem Niveau einzelner Zellen und Moleküle, die
Entstehung und Weiterleitung neuronaler Erregung;
- aber kleine Fortschritte auf der mittleren Ebene: Wir wissen – sagen die
Hirnforscher selber - „erschreckend wenig“, was innerhalb von Hunderten oder
Tausenden Verbänden von Zellen geschieht: „Völlig unbekannt ist, was
abläuft, wenn Hunderte Millionen Nervenzellen miteinander ‘reden’“.
Bestätigungen dieser anti-reduktionistischen Sicht gibt es in Fülle, selbst
innerhalb Tübingens Stadtgrenze: Der Tübinger Verhaltensneurobiologe Niels
Birbaumer etwa, der jetzt mit einem neuartigen Magnet-Enzephalographen auch
die elektrische Hirnaktivität von Ungeborenen, ihre Wahrnehmungs- und
Lernfähigkeiten, untersuchen wird, empfiehlt seinen Kollegen „bescheidene
Zurückhaltung bei der Generalisation und Interpretation neurobiologischer
Daten“. Er - Birbaumer - könne nichts über einen freien oder unfreien Willen
sagen, da sich ein solcher nicht messen lässt.
Diese Sicht wird nun paradoxerweise bestätigt durch den amerikanischen
Hirnphysiologen Benjamin Libet. Er führte als erster schon 1985 die
vielzitierten verhaltensphysiologischen Experimente durch, denen zufolge das
Gehirn etwa bei Heben des rechten oder linken Fingers oder Arms ein
neuronales „Bereitschaftspotential“ aufbaut, das dem subjektiv erlebten
Handlungswillen um 350 bis 400 Millisekunden voraus sein soll. Doch – fragt
man sich - bindet dieses „Bereitschaftspotential“ überhaupt den Willen? Im
Jahr 1999 erklärt Libet, dass das Bewusstsein, das zeitlich nachhinkt,
durchaus in der Lage sei, das, was das Gehirn als Handlung suggeriert, zu
unterbinden. Der „freie Wille“ habe also bei allem Handlungsdrang zumindest
die Macht des Veto. Libets Schlussfolgerung ist nunmehr, „dass die Existenz
eines freien Willens zumindest eine genauso gute, wenn nicht bessere
wissenschaftliche Option ist als ihre Leugnung durch die deterministische
Theorie.“
Im Übrigen fängt man erst neuerdings an, diese kurzatmigen Experimente zu
hinterfragen, insofern ja der Experimentator schon durch die
Versuchsabsprache dem Gehirn Impulse erteilt, die sofort eine unbewusste
neuronale Tätigkeit auslösen.
Anders als die Autoren des Hirnforscher-Manifests hält es Wolfgang Prinz vom
Münchner Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften noch
längst nicht für ausgemacht, dass aufgrund der Hirnforschung „‘unserem’
Menschenbild beträchtliche Erschütterungen ins Haus stünden“: Wie die
Schönheit einer Bach’schen Fuge, so könne auch das Menschenbild von
jeglicher Reduktion und Dekonstruktion unberührt bleiben: „Was sicher
revidiert werden muss“ - schreibt Prinz – „ist der kaum reflektierte
Naturalismus, der dieses Menschenbild und auch das mancher Hirnforscher
prägt. Menschen sind aber das, was sie sind, nun einmal nicht nur durch ihre
Natur, sondern vor allem auch durch ihre Kultur.“
Der Philosoph Peter Bieri aus Berlin hält die angeblich empirische
Widerlegung der Willensfreiheit für „ein Stück abenteuerliche Metaphysik“.
Er merkt kritisch an: „Man sucht in der materiellen Zusammensetzung eines
Gemäldes vergebens nach der Darstellung oder Schönheit, und im selben Sinn
sucht man in der neurobiologischen Mechanik des Gehirns vergebens nach
Freiheit oder Unfreiheit. Es gibt dort weder Freiheit noch Unfreiheit. Das
Gehirn ist der falsche logische Ort für diese Idee … Unser Wille ist frei,
wenn er sich unserem Urteil darüber fügt, was zu wollen richtig ist. Der
Wille ist unfrei, wenn Urteil und Wille auseinanderfallen …“.
Mir ist noch ein weiterer Aspekt wichtig: Auch Hirnforscher setzen in ihrem
alltäglichen Selbstverständnis die verantwortliche Urheberschaft bei sich,
ihren Mitarbeitern und den Patienten ständig voraus. Dieses
Selbstverständnis einfach als Epiphänomen zu erklären, verrät einen
deterministischen Dogmatismus, der zu hinterfragen ist. Dabei ist die
Laborperspektive durch die Perspektive der Lebenswelt zu ergänzen, Außen-
und Innenschau sind zu verschränken. Neben der neurophysiologischen Methode
ist die Introspektion, das nach Innenhineinschauen, keineswegs zu verachten.
Muss sie doch faktisch auch ständig vom Neurophysiologen geübt werden, wenn
er seine Bilder und festgestellten Prozesse interpretieren will. Auch er
muss dann, statt in den Kernspintomographen, „in sich selber hineinsehen“:
Die jedem Menschen mögliche Selbstbeobachtung, unterstützt durch
Verhaltensbeobachtung anderer, kann nicht nur zurückschauen. Sie kann die
psychologischen Vorgänge sogar gleichzeitig im Ablauf erfassen.
In der Tat, jedermann kann es bei sich selber feststellen: So sehr ich in
meinem ganzen Dasein äußerlich und innerlich abhängig und bestimmt bin, so
bin ich mir doch dessen bewusst, dass dieses oder jenes zu guter Letzt eben
doch an mir liegt: ob ich rede oder schweige, aufstehe oder sitzen bleibe,
ob ich dieses oder jenes Getränk oder Kleidungsstück, diese oder jene Reise
vorziehe. So sehr mein Gehirn spontan entscheidet, dass mein Auge jemanden
anschaut oder mein Fuß einem Hindernis ausweicht: Sobald es jedoch nicht nur
wie in jenen Experimenten um physische Kurzvorgänge etwa das Heben eine Arms
oder Fingers geht, sondern um langzeitige Prozesse, die meine Reflexion
erfordern – etwa die Wahl eines Berufs, die Annahme eines Jobs, die Wahl
eines Lebenspartners – da muss ich mich mit verschiedenen Denkinhalten und
Handlungsalternativen auseinandersetzen, muss mich entscheiden und unter
Umständen auch meine Entscheidung korrigieren.
Der Tübinger Entwicklungsbiologe Alfred Gierer sagt: „Der Wille anderer ist
mit objektiven Mitteln vermutlich nicht vollständig zu erschließen. Der
Mensch kennt sich nicht einmal selbst zur Genüge – der Blick nach innen ist
unvollständig –, und er erlebt sich in vieler Hinsicht erst in seinen
eigenen Handlungen.“
Freiheit: eine Erfahrung also nicht nur des Denkens und Fühlens, sondern des
Tuns. Eine Erfahrung aber nicht nur des Tuns, sondern – das möchte ich
hinzufügen – auch des Nichttuns, des Versagens, des Schuldigwerdens. Denn im
Vollziehen kann ich auch dieses Negative unmittelbar erfahren: Ich habe es
nicht getan, aber ich hätte es tun sollen; ich habe das Versprechen gegeben,
aber nicht gehalten; ich bin selber schuld, ich anerkenne meine Schuld,
bitte um Entschuldigung – und hier müssen wir einen weiteren Gedankengang
vollziehen: Ich fordere auch vom anderen Anerkennung der Schuld, wo ich
nicht schuld war; das lag schließlich ganz in seiner Freiheit … In der Tat:
was wäre Sittlichkeit ohne Verantwortung, was Verantwortung ohne Freiheit?
Doch: auch die Sittlichkeit, das Ethos des Menschen hat sich erst langsam
entwickelt! Und die Frage nach dem Anfang aller Dinge schließt auch ein:
Woher kommen denn bestimmte ethische Werte, Maßstäbe, Normen?
Es ist nicht zu bestreiten, dass das ethische Verhalten des Menschen in
seiner biologischen Natur verankert ist. Zu Recht stellen Soziobiologen die
evolutionsbiologischen Faktoren in der Entwicklung zu ethischem Verhalten
heraus: Der Mensch, aus dem Tierreich stammend, war zunächst vor allem
egoistisch orientiert, er musste es sein. Gerade in den frühen Phasen der
Menschwerdung war der Mensch um seines Überlebens willen stark an die
biologischen Grund- und Rahmenbedingungen gebunden. Doch schon bei höheren
Tieren findet sich ein genetisch angelegtes kooperatives Verhalten vor allem
unter Verwandten oder sozial Vertrauten.
Auf den biologischen Grundbedingungen konnte nach der Zeit der Jäger- und
Sammlerhorden die höhere kulturelle Entwicklung aufbauen. Die konkreten
ethischen Normen, Werte und Einsichten haben sich allmählich – in einem
höchst komplizierten soziodynamischen Prozess – herausgebildet. Je nachdem,
wo sich Bedürfnisse des Lebens anmeldeten, wo sich zwischenmenschliche
Dringlichkeiten, Notwendigkeiten zeigten, da drängten sich für menschliches
Verhalten von allem Anfang an Handlungsorientierungen und
Handlungsregulative auf: bestimmte Konventionen, Weisungen, Sitten, kurz:
bestimmte ethische Maßstäbe, Regeln, Normen. Sie wurden im Lauf der
Jahrhunderte, ja Jahrtausende, überall in der Menschheit erprobt. Sie
mussten sich sozusagen einschleifen.
Erst nach Perioden von Eingewöhnung und Bewährung kam es zur allgemeinen
Anerkennung solcher eingelebter Normen, später auch satzhaft formuliert, ja,
in einzelnen Kulturen, exemplarisch in den „Zehn Geboten“ der Hebräischen
Bibel, schließlich unter den Willen des Einen Gottes gestellt: Nicht nur
„nicht morden, stehlen, falsches Zeugnis ablegen, Unzucht treiben“, sondern:
„Ich bin der Herr, dein Gott … Du sollst nicht morden, stehlen, falsches
Zeugnis ablegen!“ (Exodus 20,1-17).
Es gibt kein Volk ohne Religion und erst recht kein Volk ohne Ethos, das
heißt: ohne ganz bestimmte Werte und Maßstäbe. Auf ihnen baut schließlich
jede menschliche Gesellschaft auf. Dabei kann es sich wie bei den Urvölkern
um ungeschriebene Normen handeln, überliefert in Geschichten, Parabeln und
Vergleichen.
Es ist auffällig: Bestimmte elementare sittliche Standards scheinen sich
überall auf der Welt zu gleichen. Ungeschriebene ethische Normen bilden nach
Auffassung namhafter Kulturanthropologen den „Felsen“, auf dem die
menschliche Gesellschaft aufgebaut ist. Man kann dies ein „Ur-Ethos“ nennen,
das den Kern eines gemeinsamen Menschheitsethos, eines Weltethos, bildet.
Ein Weltethos hat also sein Fundament nicht nur syn-chronisch in den heute
gemeinsamen Grundnormen der verschiedenen Religionen und Kulturen weltweit.
Es hat sein Fundament auch dia-chronisch in den schon in vorgeschichtlicher
Zeit sich durchsetzenden Grundnormen der Stammeskulturen. Auch wenn
selbstverständlich nicht jede Norm Element eines ursprünglich schon
gegebenen Ethos ist, lässt sich doch zur Betonung der bei allen
Transformationen gegebenen Kontinuität sagen: Heute gelebtes Welt-Ethos im
Raum basiert letztlich auf einem in der Zeit erprobten Ur-Ethos.
Doch nun bin ich durch die Logik der Gedanken und die Kohärenz der
Geschichte weit über meine ursprüngliche kosmologisch-anthropologische
Thematik hinausgeführt worden. Da aber zumindest physikalisch die Theorie
vom Anfang und die vom Ende des Kosmos zusammenhängen und sich auch in den
biblischen Visionen verschiedene Parallelen zwischen Anfang und Ende finden,
möchte ich zum Abschluss dieser Vortragsreihe kurz auf das – uns freilich
ebenso wie der Anfang verborgene – „Ende aller Dinge“ zu sprechen kommen.
Die erste physikalische Hypothese geht aus von einem „pulsierenden“ oder
„schwingenden“ Universum, das sich allerdings bisher in keiner Weise
verifizieren ließ: Einmal, meint man, würde sich die Expansion verlangsamen;
sie käme zum Stillstand und schlage in Kontraktion um, so dass das Universum
sich in einem viele Milliarden Jahre dauernden Prozess wieder zusammenzieht
und die Galaxien mit ihren Sternen schließlich immer rascher aufeinander
zufallen, bis es möglicherweise – man spricht von mindestens 80 Milliarden
Jahren nach dem Ur-Knall – unter Auflösung der Atome und Atomkerne in ihre
Bestandteile zu einem erneuten großen Knall kommt, zum Big Crunch, zum
End-Knall. Dann könnte vielleicht in einer erneuten Explosion wieder eine
neue Welt entstehen. Vielleicht: denn – offen gesagt - mehr als reine
Spekulation ist ein solches zwischen Phasen der Kontraktion und der
Expansion „oszillierendes“ Universum nicht.
Die zweite Hypothese, die heute die Mehrheit der Astrophysiker hinter sich
scharen dürfte: Die Expansion des als sehr flach vermessenen Universums
schreitet ständig fort, ohne abgebremst zu werden und in Kontraktion
umzuschlagen. Ja, das Universum, beschleunigt möglicherweise durch eine über
das ganze Universum verteilte „dunkle Energie , dehnt sich immer rascher
aus. Auch hier machen die Sterne ihre Entwicklung durch: Wenn ihr
Energievorrat verbraucht ist, kommt es bei schweren Sternen zur
Supernova-Explosion; da stürzt der innere Teil der Masse durch Gravitation
ins Zentrum und es bildet sich ein Neutronenstern. Bei kleineren Sternen,
wie etwa der Sonne, bildet sich zum Schluss ein sogenannter „Weißer Zwerg“,
vielleicht so groß wie unsere Erde; dieser wird durch den Druck der
Elektronen gegen ein Kollabieren durch die Gravitationskraft stabilisiert.
Werden sich so aus der im Inneren der Sterne umgewandelten, ausgestoßenen
Materie neue Sterne und Sterngenerationen bilden, so werden auch in diesen
wieder Kernprozesse vor sich gehen, bei denen die Materie im Sterninneren
schließlich zu „Sternenasche“ , zu Eisen und Nickel, verbrennt. Langsam wird
Kälte im Kosmos einziehen, Tod, Stille, absolute Nacht. Aber schon lange
vorher bläht sich unsere Sonne auf zu einem „Roten Riesen“ und verschluckt
die Erde. Schließlich erlischt auch die Sonne, weil ihr Wasserstoff
verbraucht ist. Auch dies reine Spekulation? Nein, die ständig weitergehende
Ausdehnung des Universums ist beobachtbar und die verschiedenen Stadien von
Sternentwicklung werden von den Astronomen erstaunlich präzise verifiziert.
Doch ich frage mich, soll man sich Angst machen um etwas, was sich, wenn
überhaupt, erst in 5 Milliarden Jahren ereignen wird, wenn der
Wasserstoffvorrat im Inneren der Sonne erschöpft ist? Das drängende,
bedrohliche Problem für den durchschnittlichen Zeitgenossen ist nicht so
sehr das Ende unseres Universums, von dessen ungeheurer zeitlicher wie
räumlicher Ausdehnung die biblischen Generationen ohnehin keine Ahnung
hatten. Das Problem ist vielmehr der Untergang der Welt für uns: das Ende
unserer Erde, genauer das Ende der Menschheit: Weltuntergang als Ende der
Menschheit – von Menschen gemacht.
Die Bilder und Visionen vom Weltende aus der jüdischen und christlichen
Apokalyptik würden nun aber zweifellos missverstanden, wenn sie als eine Art
chronologischer „Enthüllung“, als Apo-kalypsis, oder als Informationen über
die „letzten Dinge“ am Ende der Weltgeschichte aufgefasst würden. Nein, alle
diese biblischen Ankündigungen können für uns keinesfalls ein Drehbuch von
der Menschheitstragödie letztem Akt sein. Denn sie enthalten keine
besonderen göttlichen „Offenbarungen“, die unsere Neugierde hinsichtlich des
Endes befriedigen könnten. Hier erfahren wir gerade nicht – gewissermaßen
mit unfehlbarer Genauigkeit –, was im Einzelnen auf uns zukommt und wie es
dann konkret zugehen wird. Wie die „ersten Dinge“, so sind auch die „letzten
Dinge“ direkten Erfahrungen nicht zugänglich.
Aber was ist dann der Sinn dieser poetischen Bilder und Erzählungen vom
Anfang und Ende? Sie stehen für das durch die reine Vernunft
Unerforschliche, für das Erhoffte und Befürchtete. In den biblischen
Aussagen über das Ende der Welt geht es um ein Glaubenszeugnis für die
Vollendung des Wirkens Gottes an seiner Schöpfung: Auch am Ende der
Geschichte von Welt und Mensch steht – Gott! Deshalb hat die Theologie
keinen Anlass, das eine oder andere wissenschaftliche Weltmodell zu
favorisieren, wohl aber das Interesse, den Menschen Gott als Ursprung und
Vollender der Welt und des Menschen verständlich zu machen. Hier ist nämlich
jeder Mensch vor eine Glaubensentscheidung gestellt. Nach der Botschaft der
Bibel geht die Geschichte der Welt und das Leben des einzelnen Menschen hin
auf jenes letzte Ziel der Ziele, das wir Gott, eben den Vollender-Gott
heißen. Und wenn der Mensch ihn auch wie den Schöpfergott nicht beweisen
kann, so kann er ihn doch bejahen, in jenem für ihn so vernünftigen,
geprüften, aufgeklärten Vertrauen, in dem er schon Gottes Existenz bejaht
hat.
Mit Walter Jens, mit dem ich vor 25 Jahren das Studium generale neu
begründet hatte, habe ich vor gut zehn Jahren über „Menschenwürdig sterben“
geredet. Zu meinem persönlichen Verständnis von Menschenwürde gehört die
theologisch begründete Hoffnung: Sterben ist Abschied nach innen, ist
Einkehr und Heimkehr in der Welt Urgrund und Ursprung, unsere wahre Heimat:
ein Abschied – je nachdem – vielleicht nicht ohne Schmerz und Angst, aber
hoffentlich doch in Gefasstheit und Ergebenheit, jedenfalls ohne Gejammer
und Wehklage, auch ohne Bitterkeit und Verzweiflung, vielmehr in hoffender
Erwartung, stiller Gewissheit und beschämter Dankbarkeit für all das Gute
und weniger Gute, das nun endlich definitiv hinter uns liegt – Gott sei
Dank.
So kann ich denn das unfassbare Ganze der Wirklichkeit verstehen:
Gott als Alpha und Omega, der Anfang und das Ende aller Dinge.
Und deshalb ein Sterben ins Licht hinein:
Mit dem Wort vom Licht auf der letzten Seite der Bibel, der Offenbarung des
Johannes, möchte ich diese Vortragsreihe beschließen:
„Und es wird keine Nacht mehr geben, und sie brauchen weder das Licht einer
Lampe noch das Licht der Sonne. Denn der Herr, ihr Gott, wird über ihnen
leuchten und sie werden herrschen in alle Ewigkeit“.
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