<<Josef Kraus: Der PISA-Schwindel. Eine Polemik gegen die neue
Testkultur>>
SWR2 AULA; Redaktion: Ralf
Caspary, Susanne Paluch; Sendung: Sonntag, 24. Juli 2005, 8.30 Uhr,; Bitte
beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten
Gebrauch bestimmt.
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Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Ansage: Heute mit dem Thema: „Der PISA-Schwindel - Eine Polemik gegen die
neue Testkultur“.
PISA hat uns wieder fest im Griff. Vor ein paar Tagen wurden die Ergebnisse
des neuen Tests veröffentlicht, es gab leichtes Aufatmen, die Schüler und
Schülerinnen sind etwas besser geworden, aber nach wie vor gibt es
Unterschiede zwischen den Bundesländern, erhebliche Unterschiede.
Nach Erscheinen dieser nationalen PISA-Studie gab es in der öffentlichen
Diskussion die üblichen Reaktionsmuster: Die einen plädierten für die
Ganztagsschule, die anderen dagegen, die einen wollten das dreigliedrige
Schulsystem sofort abschaffen, die andern wollten, das alles so bleibt, wie
es ist.
PISA hat dazu geführt, dass wir kein Vertrauen mehr haben in unsere Schüler
und Schulen. Und das liegt vor allem daran, dass wir Deutschen viel zu
unkritisch mit dieser Studie umgehen. Das sagt Josef Kraus, Präsident des
Deutschen Lehrerverbandes, Oberstudiendirektor und ehemaliger Leiter eines
Gymnasiums in Bayern. Er hat Zweifel an der Repräsentativität von PISA, er
hält nichts von der Testeritis, nichts von Legendenbildung um
Ganztagsschulen, nichts vom Mythos der angeblich vorbildlichen Finnen.
In der SWR 2 – AULA erklärt Kraus, warum PISA für ihn sehr viel mit
Schwindel zu tun hat.
Josef Kraus:
Mir ist der Kragen geplatzt. Das dürfte ich als Pädagoge eigentlich nicht
sagen. Er ist mir dennoch geplatzt, weil die öffentliche bzw.
veröffentlichte Debatte um die deutschen PISA-Ergebnisse mittlerweile zur
Kampagne geworden ist. Vor allem aber ist mir der Kragen auch geplatzt, weil
gewisse PISA-Deuter meinen, mit hochselektiv verbreiteten und ebenso
einseitig interpretierten PISA-Ergebnissen das gesamte deutsche Schulsystem
und auch die gesamte Schülerschaft Deutschlands in Misskredit bringen zu
können.
Deshalb will ich mich anlegen mit unseren PISA-Gouvernanten samt ihren
Schauermärchen. Aber PISA hat nicht nur mit Schauermärchen zu tun, sondern
noch mehr mit Schwindel - und zwar in zweierlei Hinsicht:
- Schwindel ist zum einen ja das Ergebnis einer Täuschungsabsicht: Da
schwindelt einer, weil er seine wahren Absichten verbergen will.
- Schwindel ist aber auch das Ergebnis einer vorübergehenden oder
chronischen geistigen Absenz, eine Störung der Orientierung aufgrund von
Benommenheit oder gar Trunkenheit.
PISA hat mit beiden Arten von Schwindel zu tun – mit Täuschung und mit
Taumel, damit zugleich mit Politik und mit Psychologie:
PISA hat mit Politik zu tun. Wo aber Politik ist, sind Propaganda und
Kampagne, zumal in der Bildungspolitik, nicht weit. Wir kennen dies seit
Jahrzehnten, nämlich seit der größenwahnsinnigen Reformitis der 68er mit
ihrer Vision von der angeblichen Egalität aller Menschen, Strukturen, Werte
und Inhalte.
Und PISA hat mehrfach mit Taumel und insofern mit Psychologie zu tun. Wie im
Höhenrausch geben manche „Pisaner“ vor, mit einem 120-Minuten-Test
untersuchen zu können, „wie gut die jungen Menschen auf Herausforderungen
der Wissensgesellschaft vorbereitet sind“. Außerdem (siehe Stichwort
„Höhenrausch“): Kaum war irgendeine schulpolitische oder schulpädagogische
Schnapsidee mit PISA begründet worden, stand sie schon vor der
Heiligsprechung zum Wundermittel.
Aber gläubige „Pisaner“ müssen auch einstecken können. Sie sollten Polemik
sogar herbeisehnen, denn „Wahrheit ist eine spottfeste Angelegenheit, die
aus jeder Ironisierung um so frischer hervorgeht“ (Peter Sloterdijk). Rund
10.000 Seiten Studien und dergleichen sind seit 2002 allein in Deutschland
zu PISA erschienen. Das Internet steht dem nicht nach. Bei einer
Google-Suche landet man unter dem Stichwort „PISA“ weltweit 10.700.000,
deutschsprachig 2.250.000 Treffer.
Diese Inflation läuft im Endergebnis auf eine Trivialisierung und
Banalisierung der Bildungsdebatte hinaus. Seinen Niederschlag findet dieses
Niveau nicht zuletzt in einem schnellen Profit, den viele mit PISA meinen
machen zu können. Der erste PISA-Ergebnisband war jedenfalls noch nicht
trocken, da schossen schon die Verlagsprodukte aus dem Boden mit Titeln wie:
„PISA–Powertraining für Anfänger, Fortgeschrittene und Profis“, „15 Gebote
des Lernens – Schule nach PISA“, „Wann ist mein Kind PISA-fit?“.
Kurz und gut: Unsere Jugend hat etwas anderes verdient als ein ständiges „Herumgenöle“.
Unsere Jugend hat ihre Schwächen, aber sie hat auch ihre guten Seiten. Und
nicht wenige Jugendliche sind bodenständiger als so mancher Erwachsener, von
denen man ohnehin sagt, es gibt sie nicht mehr, es gibt allenfalls die
„Post-Adoleszenten“.
Zurück aber zu PISA. Man kann die Studie natürlich nicht einfach wegwischen.
Das Ergebnis ist auch auf den zweiten Blick nicht berauschend, man muss sich
mit ihm genau auseinandersetzen. Dies will ich tun.
Dazu zunächst sechs Widersprüche, Zweifel, Diagnosen:
Zum ersten: Ich habe Zweifel an der Repräsentativität. Inwieweit
PISA-Aufgaben lehrplanmäßig, also curricular gültig, valide sind, ist nicht
unumstritten. Hier kommen Experten zu sehr unterschiedlichen Aussagen.
Zwischen 32 und 82 Prozent der Experten sagen, das hat mit Lehrplänen etwas
zu tun.
Und inwieweit die Stichproben solcher Studien repräsentativ sind, ist
ebenfalls skeptisch zu beurteilen. Vergleicht man die nationalen Ergebnisse
verschiedener internationaler Testungen, so ist vieles überhaupt nicht mehr
nachvollziehbar.
Tschechien, Neuseeland, Frankreich, Rußland oder Zypern schneiden, je nach
Test – PISA oder TIMSS (Third International Mathematics and Science Study) –
mal ganz oben, mal ganz unten ab. Und ähnlich gravierende Differenzen
ergeben sich, wenn man die nationalen Rangplätze einerseits bei PISA und
andererseits bei der Grundschulstudie IGLU vergleicht: Neuseeland, Island
und Norwegen liegen bei PISA recht gut, bei IGLU fallen sie zurück.
Umgekehrt lagen Ungarn und Lettland bei PISA zurück, positionierten sich
aber bei IGLU ganz vorne.
Das heißt: Wir haben es bei Testungen à la PISA, TIMSS oder IGLU mit äußerst
instabilen und nicht unbedingt repräsentativen Ergebnissen zu tun.
Ein zweiter Punkt: Die Tatsache, dass im internationalen Vergleich Länder
mit Einheitsschulen gut abgeschnitten haben, sagt überhaupt nichts aus über
das Leistungsvermögen der Gesamtschule oder Einheitsschule in Deutschland.
Gesamtschule in Deutschland ist vielmehr „out“, denn die Empirie hat
eindeutig nachgewiesen, dass die deutsche Gesamtschule jedenfalls zu teuer
und zu leistungsschwach ist.
Die sogenannte BIJU-Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung
(„Bildungsverläufe und psychosoziale Entwicklung im Jugendalter“) weist
eindeutig aus: Gesamtschule in Nordrheinwestfalen etwa rangiert
leistungsmäßig und auch hinsichtlich sozialen Lernens um zwei Jahre hinter
der Realschule.
An diesen Befunden ändert auch die Hofberichterstattung deutscher Agenturen
und Tageszeitungen seit November/Dezember 2002 über das angeblich
herausragende Abschneiden zweier deutscher Reform-Gesamtschulen nichts. Mit
„Musterschulen“ oder „Traumnoten“ ist da nichts. Was die PISA-Ergebnisse der
Laborschule Bielefeld und der Helene-Lange-Gesamtschule Wiesbaden nämlich
betrifft, so sind deren Ergebnisse schlicht und einfach falsch dargestellt.
Beide Schulen sind - gemessen an ihrer Schülerklientel - stinknormal
durchschnittlich. Faktum ist: Alle Gymnasien und viele Realschulen haben
bessere Werte als diese Schule.
Wenn Gesamtschul-Kräfte zudem von der Gesamtschule schwärmen, weil diese
soziale Selektion vermeide, dann verschweigen sie, dass knallharte soziale
Selektion nach dem Geldbeutel der Eltern nicht in Deutschland, sondern in
Ländern mit Gesamtschulen stattfindet: In England, Frankreich und in den USA
laufen die Eltern der Gesamtschule davon, wenn sie es sich leisten können,
ihr Kind für Jahresgebühren von 15.000 Euro in eine Privatschule zu
schicken. Wie man sieht: In allen Ländern, wo der öffentliche Schulsektor an
Akzeptanz verliert – und ich behaupte, das tut er wegen der Gesamtschulen –,
wächst der private Sektor.
Ein dritter Punkt: Ich möchte mich auseinandersetzen mit Legendenbildung um
die Skandinavier-Ergebnisse. Denn seit Jahrzehnten pilgern progressive
deutsche Bildungspolitiker nach Skandinavien. Dort sind angeblich alle
Visionen verwirklicht, die man in Deutschland nicht verwirklichen konnte.
Dabei rangiert etwa Dänemark bei PISA 2000 und 2003 gerade eben auf Rängen
zwischen 12 und 26; in den Naturwissenschaften findet sich Dänemark zuletzt
sogar nur noch vor den Schlusslichtern Portugal, Türkei und Mexiko.
Aber widmen wir uns kurz dem „PISA-Sieger“ Finnland. Dieses weite Land mit
seinen etwa fünf Millionen Bewohnern wurde geradezu zum Mythos und zum
Pilgerland hochstilisiert. Finnland hat eine sehr homogene Bevölkerung, also
keine Probleme mit der schulischen Integration von Migrantenkindern: Laut
Statistik haben von den finnischen Schülern nur 1,2 Prozent Eltern, die
beide im Ausland geboren sind. Zum Vergleich: In Deutschland sind es unter
der PISA-Population 15,2 Prozent.
Finnland hat eine ausgeprägte Lesekultur. Womöglich hat dies auch mit den
kurzen finnischen Tagen zu tun, an denen es nur für sechs Stunden, von 9 bis
15 Uhr, Tageslicht gibt, und die viel Zeit lassen für lange Leseabende. Vor
allem aber dürfte das damit zu tun haben, dass die Finnen sehr stolz auf
ihre Sprache und auch auf ihre Literatur sind. Die finnische
Nationalliteratur entwickelte sich nicht zuletzt aufgrund langer
schwedischer Fremdherrschaft und langer russischer Hegemonie. Die Kinder
lernen demzufolge das Lesen, von den Eltern angestiftet und nach elterlichem
Vorbild, sehr rasch und intensiv. Das hat übrigens auch mit der Tatsache zu
tun, dass die meisten ausländischen Fernsehfilme nicht synchronisiert,
sondern mit finnischen Untertiteln ausgestrahlt werden. Welches Kind möchte
da nicht bald Englisch verstehen und Finnisch lesen können?
Und dann sollte man nicht übersehen, dass die Rahmenbedingungen für
finnische Schulen optimal sind. Die Schulen haben im Schnitt 120 Schüler,
und die durchschnittliche Klassenfrequenz liegt bei 18,2 (in Deutschland bei
23,9). Unterrichtsausfall gibt es nahezu nicht, denn es steht eine
Vertretungsreserve an Lehrern zur Verfügung. Ein herausragendes Merkmal des
finnischen Systems ist sodann sein Fördersystem. Schwächere Schüler werden
sehr früh in Spezialkurse aufgenommen. Das betrifft etwa ein Sechstel der
Schüler. Flankierend arbeiten an den Schulen viele Psychologen, dazu gibt es
Schulschwestern für die vorbeugende Gesundheitserziehung.
Ansonsten ist auch in Finnland nicht alles Gold, was glänzt. Gar nicht
vorbildlich stehen die Finnen etwa da, wenn es um die Zufriedenheit ihrer
Schüler mit der Schule geht. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat dazu im
Sommer 2004 eine Jugendstudie veröffentlicht. In 35 Ländern Europas und
Nordamerikas wurde unter anderem die Freude der Schüler an der Schule
erfragt. Ergebnis: Unter den Fünfzehnjährigen (also den PISA-Getesteten)
rangiert Finnland auf Platz 35, also auf dem letzten.
Und: In keinem anderen PISA-Land liegen die jeweiligen Migranten so weit
hinter dem jeweiligen Landeswert wie in Finnland: Während im
OECD-Durchschnitt und auch in Deutschland übrigens Migranten ca. 40 Punkte
hinter dem jeweiligen Landeswert liegen, fallen sie in Finnland um rund 70
Punkte, also etwa zwei Schuljahre, zurück.
Ein vierter Punkt betrifft auch eine Legende, die Legende von der
angeblichen sozialen Disparität des gegliederten Schulwesens.
Verschiedentlich tun Schulpolitiker so, als müssten sie via Abitur und
Studium Sozialpolitik betreiben. Dahinter steckt mehr oder weniger
unverstellt die Idee, der Staat habe individuell oder familiär bedingte
Begabungs- und Leistungsunterschiede zu begradigen. Übrigens: Extrapolierte
man diesen Gedanken, so müsste am Ende konsequenterweise die Forderung nach
Abschaffung der Familie stehen.
Davon unabhängig: Seit Ende der 60er Jahre jedenfalls geht der Vorwurf durch
die Lande, das gegliederte Schulwesen würde soziale Ungleichheiten
produzieren. Vor über 30 Jahren mag das der Fall gewesen sein: Die
Bildungsreserven waren bei weitem nicht ausgeschöpft, damals erwarben aus
einem Geburtsjahrgang in Deutschland rund fünf Prozent das Abitur. Das
sprichwörtliche katholische Mädchen vom Lande war früher selten unter den
Abiturienten.
Da hat sich viel geändert. Die Gymnasiastenzahlen schnellten in die Höhe.
Zudem dominieren heute die jungen Frauen; sie stellen mit 55 Prozent den
größten Teil der Abiturienten und erzielen zudem die deutlich besseren
Abiturnoten.
Gleichwohl halten manche Parteien, Gewerkschaften und verschiedene
Erziehungswissenschaftler unvermindert an ihrer Theorie von der „sozialen
Disparität“ des gegliederten Schulwesens fest und fordern eine drastische
Steigerung der Abiturientenquote.
Aber: Die Quoten an Studierenden und an Akademikern sind völlig
unzureichende Kriterien für die Charakterisierung eines Bildungswesens, denn
Studium ist international nicht gleich Studium. Ein solches Quotendenken
verwechselt Quantität mit Qualität. Beispiele: In Finnland und in den USA
etwa gilt die Ausbildung zur Krankenschwester als Hochschulausbildung.
Dieses Beispiel zeigt, dass viele deutsche Schul- und Berufsabschlüsse
unterhalb der sogenannten akademischen Schwelle den gleichen Rang haben wie
andernorts Hochschulabschlüsse. Die soziale Durchlässigkeit des
Bildungswesens vieler anderer Länder ist zudem ein statistisches Artefakt:
Wenn in Finnland die Tochter eines Industriearbeiters Krankenschwester oder
Erzieherin wird, dann gilt sie als Aufsteigerin in akademische Ränge, in
Deutschland trotz gleichwertiger Ausbildung nicht.
Eine fünfte Diagnose, ein fünfter Widerspruch: Ganztagsschule und
Ganztagsbetreuung wird ja seit ein, zwei Jahren in Deutschland zum
schulpolitischen „Quantensprung“ hochstilisiert – hochstilisiert zur
Allzweckwaffe gegen schwache PISA-Ergebnisse. Da tut etwas mehr Realismus
Not – in der nationalen wie auch in der internationalen Betrachtung.
Dazu liegt aus dem Jahr 2003 ein interessantes Gutachten des Deutschen
Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) vor. Dieses
Gutachten leitet aus einschlägigen Forschungsbefunden aus dem In- und
Ausland folgende Kernsätze ab: Die Ganztagsorganisation hat demzufolge keine
Auswirkungen auf das Leistungsniveau der Schulen. Möglicherweise hat eine
Verlängerung aktiver Lernzeit in der Schule einen gewissen positiven Effekt
auf die kognitiven, also intellektuellen Fähigkeiten lernschwacher Schüler,
während der Wegfall elterlicher Unterstützung bei sozial höhergestellten
Familien negativ zu Buche schlägt; beides zusammen kann eine Nivellierung im
Leistungsbereich bewirken.
Nun, da viele Ganztagsschulen zugleich Schulen einer privaten Trägerschaft
sind, sei angefügt, die angebliche Überlegenheit privater Schulen bei PISA
ist ebenfalls eine Legende. In PISA findet sich dafür, jedenfalls was
Deutschland betrifft, keinerlei Bestätigung.
Und ich will noch eine sechste Diagnose, einen sechsten Befund, eine
Psychodiagnose quasi anschließen: Fast alle anderen PISA-Nationen reagierten
auf PISA anders als die Deutschen, nämlich gelassen und unaufgeregt. Fragt
man etwa Lehrer aus den USA, Frankreich oder Italien nach PISA, wissen sie
zumeist nicht, worum es geht.
Bei uns ist das anders. Wie Narziss hat sich Deutschland in sein
masochistisch verzerrtes Selbstbild verliebt. Mit klammheimlicher Freude
schaut man auf unsere „schlechten“ Rangplätze in der PISA-Tabelle. Die
bildungspolitische Lage der Nation wird mehr und mehr flagellantenhaft zu
einer permanenten weinerlichen Klage. Deutschland sollte sich nach meiner
Meinung vielmehr mit zwei anderen Entwicklungen befassen:
- mit der fortschreitenden Verblödung zumindest des öffentlichen Lebens bei
uns;
- mit der um sich greifenden pseudo-pädagogischen Schwatzhaftigkeit.
Das bedarf der Erläuterung. Stichwort Verblödung: Unsere PISA-Debatte leidet
unter und an Demenz – vulgo: Dummheit. Schließlich vermittelt Schule alles,
was sie vermittelt, nicht nur gegen so manch natürliche Trägheit so mancher
Zöglinge, sondern auch gegen eine Dummheit, die Schule von außen fest im
Griff hat. Wieso? Nun, wir haben eine endlose Tyrannei des Dummen und
Ordinären um uns und unsere Kinder herum. Zum Beispiel bringt eine Zeitung
dann an einem einzigen Tag in jeweils mehrspaltiger Aufmachung und mit Bild,
dass die sogenannte Autobiographie eines piepsigen Schlagersängers
gerichtlich gestoppt wurde; dass seine silikon-gestylte „Ex“ ihren Manager
auf 250.000 Euro verklagt hat; und dass sich ein Fußball-Kaiser
(Werbeslogan: „Ja is denn heit scho Weihnachten!?“) nach vier Söhnen von
seiner aktuellen LAPin (Lebensabschnittpartnerin) eine Tochter wünscht. Tags
darauf wird dann bestimmt im Nachrichtenteil (!) davon berichtet, dass ein
wegen eines Mittelfingers berühmt gewordener Balltreter bei einer Party nach
soundsovielen Caipirinha-Cocktails „gekotzt“ hat; dass ein in Sachen
Besenkammer erfahrener Ex-Tennisspieler eine Autobiographie mit dem
faustischen Titel „Augenblick, verweile doch ...“ geschrieben hat usw. Und
natürlich hecheln sämtliche Trash-Talkshows hinterher und zerren diese
Geistesriesen vor die TV-Kameras, um ihnen auch möglichst noch zu entlocken,
welche Farbe ihre Unterhose wo und wann hatte.
Bei so viel Schrott sollte eigentlich gelten: Ein Land, das derartige
Medienprodukte produziert, das sich solche Stars kürt, das solche Experten
hat, das solche seichten Reformen inszeniert, braucht eigentlichen keinen
PISA-Test mehr.
Und ein anderes Stichwort sei aufgegriffen: Die pseudo-pädagogische
Schwatzhaftigkeit, denn unsere PISA-Debatte leidet an Logorrhoe. Karl Kraus,
der wortgewaltige Wiener Lästerer, hat einmal gesagt: „Es genügt nicht,
keine Gedanken zu haben; man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken.“
Lebte Karl Kraus heute noch, man darf sicher sein, er hätte Entsprechendes
über die Sprache der „modernen“ Schulpolitik und Schulpädagogik losgelassen.
Denn keine Ideen zu haben, aber trotzdem auf Geschwätzigkeit zu machen, ist
zum Markenzeichen der Schuldebatte um PISA herum geworden. Logorrhoe heißt
ein solches Erscheinungsbild - medizinisch Bewanderte nennen es krankhafte
Geschwätzigkeit, weniger sensible Gemüter „Sprechdurchfall“.
Angesagt sind dementsprechend in quasi moderner Pädagogik: Quality
Management, Marketing, Best Practice, Benchmarking, Just-in-time-Knowledge
usw. Fehlt eigentlich nur noch ein „Last Minute Learning“, wenn dieses
unsere Schüler nicht schon vor Jahrzehnten und Jahrhunderten erfunden
hätten. Ansonsten geht nichts mehr ohne Laptop, Beamer und Power Point
Presentation, Edutainment, Educ@tion, Learntec, didaktische Hyperlinks. Aber
mit solcher sogenannter Bildung ist kein Staat zu machen.
Post PISAM (Nach PISA) sechs Konsequenzen, die ich gezogen wissen möchte:
Erste Konsequenz: Wir brauchen eine Renaissance des Leistungsprinzips in
Schule und Erziehung – und in der Gesellschaft insgesamt! Die Kluft zwischen
unserer Freizeit- und Spaßgesellschaft und den Anforderungen an Bildung wird
immer größer. Wenn die Alten aber auf dem Trip zur 30-Stunden-Woche sind,
müssen wir uns nicht wundern, wenn die jungen Leute keine
45-Stunden-Schul-und-Hausaufgabenwoche haben wollen, die sie aber haben
müssten, wenn sie anspruchsvollen Standards gerecht werden sollen.
Ich plädiere gleichwohl für eine Leistungsschule und für eine Schule der
Anstrengung! Es muss Schluss sein mit der Erleichterungspädagogik. Was dabei
herauskommt, zeigt die jüngste orthographische Erleichterungspädagogik.
Dabei hätte es einen anderen, effektiveren und preiswerteren Weg als das
vorliegende Rechtschreibchaos gegeben, um die Rechtschreibleistungen unserer
Jugend zu verbessern. Ganz einfach: Wir hätten die Rechtschreibung in den
Schulen wieder ernster nehmen sollen!
Mit anderen Worten: Schule ohne klare Zielsetzungen und ohne
Anstrengungsprinzip geht nicht! Alles zu dürfen und nichts zu sollen, das
funktioniert nirgends, weder in der Gesellschaft noch in der Erziehung.
Meine zweite Forderung lautet: Wir brauchen eine Offensive für sprachliche
Bildung. Das Beherrschen der Sprache ist unter den sogenannten
Schlüsselqualifikationen nämlich die zentrale, denn alle
Schlüsselqualifikationen haben mit Sprachbeherrschung und Sprachanwendung zu
tun.
Ein Bildungssystem, das die sprachliche und literarische Bildung
vernachlässigt, verschlechtert für junge Menschen die Entwicklungschancen
und leistet damit einer Dekultivierung Vorschub. Das geschieht aber.
Zumindest hat sich Beliebigkeit breit gemacht: Nicht wenige Bundesländer
beförderten Gebrauchstexte inklusive Bedienungsanleitungen in den Rang
wichtiger Textsorten. Immer mehr Bundesländer reduzieren bereits den
Grundschulwortschatz; angesagt sind jetzt nur noch 700 Wörter! An vielen
Schulen begnügt man sich - anstatt von den Schülern das Durchbeißen durch
einen Roman zu verlangen - mit der haarkleinen Analyse von Fluten kopierter
Textauszüge. Nein, das ist Lese-Verhinderungspädagogik.
Außerdem geht es nicht an, dass keine andere Kulturnation der Welt ihre
Muttersprache als Schulfach so stiefmütterlich behandelt, wie es die
Deutschen tun: Ganze 16 Prozent aller Unterrichtsstunden entfallen auf das
Fach Deutsch - woanders sind es 23, 26 Prozent -, das man im Abitur in
Deutschland zudem abwählen kann. Und noch eines, was zur sprachlichen
Bildung gehört: Wir müssen endlich unsere Schulbibliotheken ausbauen. Die
Südtiroler machen mit ihrem sehr guten PISA-Ergebnis vor, dass sich dies
lohnt.
Ein dritter Punkt betrifft die Migranten. Migrantenkinder sind in Sachen
Bildung in Deutschland Risikogruppen. PISA gibt Auskunft darüber. Im Bereich
Mathematik erreichte Deutschland mit 503 Punkten einen mittleren Wert.
Deutsche Schüler ohne Migrationshintergrund erzielen hier 527 Punkte, also
nahe am finnischen Wert, deutsche Schüler mit nur einem im Ausland geborenen
Elternteil 508, Kinder zugewanderter Familien 454 und Kinder der ersten
Migrantengeneration 432 Punkte. Das entspricht in etwa dem PISA-Ergebnis der
Türkei.
Diese Ergebnisse belasten nicht nur die betreffenden Kinder, sondern auch
deren Klassen. Laut PISA 2000 führt ein Ausländeranteil von mehr als zwanzig
Prozent an einer Schule zu einer „sprunghaften“ Verringerung des Lern- und
Leistungsniveaus. In Australien, Kanada und in den USA sieht das anders aus;
dort erzielen Migrantenkinder in etwa dieselben PISA-Werte wie die Kinder
ohne Migrationsgeschichte. Allerdings ist das in diesen drei
Einwanderungsländern wohl weniger eine Leistung der Schulen, sondern
Ergebnis einer anderen Migrationspolitik und einer anderen Haltung der
Migranten zu Fragen der Integration und zur Landesprache des
Einwanderungslandes.
Etwas Allgemeines, ein Viertes, aber sehr wichtig: Abseits inhaltlicher und
struktureller Reformen ist die Steigerung des Bildungsniveaus eine Frage der
Motivation der Adressaten und Subjekte von Bildung, nämlich der Schüler und
ihrer Familien. So wie die PISA-Diskussion aber bislang gelaufen ist, findet
diese Motivation nicht statt. Vielmehr wird unseren Schülern und deren
Familien immer wieder eingeredet, dass ihre im Durchschnitt schwächeren
Leistungen eine Folge des „Systems“ seien. Wenn Schüler und ihre Eltern aber
permanent eingeredet bekommen, dass ein Misserfolg am System liegt, dann ist
es nicht mehr „mein“ Misserfolg. Und wenn es am System liegt, kann ich es
mir in der Welt bequem machen.
Die ständige öffentliche Debatte um die - angebliche oder tatsächliche -
Benachteiligung sozial Schwächerer durch das deutsche Bildungssystem ist
also absolut kontraproduktiv. Wenn sozial schwächere Elternhäuser und deren
Kinder dies ständig eingetrichtert bekommen, dann erschlägt dies einfach den
Willen, eigene Lernpotentiale zu nutzen. Recht auf Bildung hin, Recht auf
Bildung her: Dieses Recht kann nur dann ausgelebt werden, wenn es von einer
Pflicht zur Bildung flankiert wird. Es muss uns also gelingen, auch
sogenannte „bildungsferne“ Menschen zu Anstrengungen zu motivieren und an
ihre Holschuld in Sachen Bildung zu erinnern.
Damit hängt vielleicht auch der fünfte Punkt zusammen: Es gibt keine
Bildungsoffensive ohne Erziehungsoffensive. Da ist etwas überfällig. Die
Schule kann aus sich allein heraus jedenfalls keine Steigerung des
Bildungsanspruchs erzielen, wenn sich immer mehr Eltern aus ihrer
erzieherischen Verantwortung verabschieden. Richtig, nach wie vor nimmt zwar
der größte Teil der Elternschaft die erzieherische Verantwortung ernst. Wenn
aber die häusliche Vorbereitung der Schüler nicht „klappt“, dann „klappt“ es
in der Schule nicht.
Das gilt beispielsweise für das Lesen: Wenn das Lesen zu Hause nicht
gefördert wird, z. B. durch Vorbilder, dann klappt es auch später nicht.
Denn die Gewohnheiten hinsichtlich Medienkonsum werden im ersten
Lebensjahrzehnt gelegt oder eben nicht. Das beginnt mit dem Erzählen und
Vorlesen zu Hause. Das Vorlesen und das Erzählen sind nämlich die klugen
Mütter und Tanten des Lesens. Und es setzt sich mit dem elterlichen Vorbild
fort. Für Eltern aber gilt, etwas heftig formuliert: Wer selbst vorzugsweise
erdnussmampfend vor der Glotze sitzt, kann schlecht und wenig glaubwürdig
ins Kinderzimmer rufen: „Nun lies doch mal ein gutes Buch!“
Und ein sechster Punkt liegt mir am Herzen: Bildung ist erheblich mehr als
das, was PISA misst. Wir brauchen eine Schulleistung und vor allem eine
Bildung jenseits von PISA. Wir müssen uns in Sachen Bildung auch wieder auf
den Eigenwert des Nicht-Messbaren besinnen. Denn, flapsig
veterinär-medizinisch ausgedrückt: Allein vom Wiegen wird die Sau nicht
fett!
Warum ich das betone? Weil ich das Gefühl habe, Schulleistung wird nach PISA
nur noch rein operationalistisch betrachtet, und weil eine schier
epidemische Testeritis durch Deutschlands Schulen geht.
Bildung hat aber einen nicht messbaren Wert. Hier stimme ich dem
bildungspolitischen Papier der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und der
Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vom November 2000 ausdrücklich zu;
es trägt den Titel „Tempi – Bildung im Zeitalter der Beschleunigung“. Darin
wird erfreuliche Kritik geübt an einem „Totalitarismus neuen Typs“, nämlich
dem „subjektlosen Funktionalismus“, der auch die Bildung erobert habe. Es
wird gesagt, Technik und Wirtschaft profitierten vom Sabbat.
Eine Reduktion von Bildung aber auf das Marktgängige bedeutete einen Verlust
an kulturellen Optionen, an konkreten Denk-Spielräumen und an bereichernden
Fremdheits-Erfahrungen.
Bildung kann ansonsten nicht eigentlich zweckgebunden sein. Deshalb:
Erhalten wir uns das, was Schule eben neben dem Funktionalen auch ausmacht:
Chor, Orchester, Bigband, Theatergruppe, Kleinkunstbühne,
Schulsportmannschaft, Weihnachtsbasar, Partnerschaften! Es geht um Muse und
um Müßiggang. Im Lande eines Bach und Beethoven, eines Kant und Hegel, eines
Goethe und Schiller sollte man das nicht vergessen.
Zum Schluss noch einmal: Es gilt, unsere Jugend zu verteidigen. Mittlerweile
ist es nämlich so weit, dass nicht deren vermeintliche Bildungsdefizite
unsere Jugend auf dem internationalen Parkett benachteiligen, sondern dass
ihre Chancen dadurch geschmälert werden, dass ihr Können in typisch
deutscher Manier schon zu Hause schlechtgeredet wird. Wer schließlich nimmt
noch einen deutschen Absolventen, wenn dessen eigenes Land nicht von seiner
Qualifikation überzeugt ist?
Ansonsten sollten wir uns ganz selbstbewusst trösten: Unsere Schüler werden
auch in Zukunft mehr leisten, als es das vereinte PISA-bewegte
Experten-(un)wesen aus Schulpolitik und Schulpädagogik überhaupt zulässt.
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* Zum Autor:
Josef Kraus, Dipl.-Psych., Jahrgang 1949, studierte für das Lehramt an
Gymnasien Deutsch und Sport. Er war 15 Jahre lang Gymnasiallehrer und
Schulpsychologe; heute ist Kraus Oberstudiendirektor. Seit 1987 ist er
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, in dieser Funktion nimmt er
regelmäßig im Radio und Tageszeitungen zu schulpolitischen Fragen als
Kommentator Stellung.
Buch:
- PISA. Der Schwindel. Signum-Verlag. |
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