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<<Stefan Klein:
Magie des Unvorhersehbaren.
Die Bedeutung des Zufalls für
die Lebenspraxis>>
www.stefanklein.info
SWR2 AULA Redaktion:
Ralf Caspary
Sendung: Sonntag, 14. November
2004, 8.30 Uhr, SWR 2
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch
bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR
Überblick
Sie sitzen im Zug und lernen einen Menschen kennen, den sie ein paar
Monate später heiraten. Sie sprechen auf einer Party mit einem Gast, der
bald darauf ihrer beruflichen Karriere den entscheidenden Impuls geben
wird. Wir haben zwar mentale Bollwerke gegen den Zufall errichtet, doch
wir entkommen ihm nicht.
In einer unübersichtlichen Welt scheint das Leben mehr denn je dem Zufall
zu gehorchen. Stefan Klein, promovierter Biophysiker und Journalist, zeigt
anhand neuer Forschungsergebnisse, was Zufall ist, warum unser Gehirn
damit Probleme hat, wie wir die Chancen des Zufall nutzen können.
Zufall
hat viel mit Geschichten zu tun. Und zwei Geschichten möchte ich Ihnen am
Anfang meines Vortrags erzählen. Die erste Geschichte spielt in England.
Sie begann vor 30 Jahren, als Barry Bagshaw geheiratet hatte, einen Sohn
bekam und dann als Soldat in Hongkong stationiert wurde. Das ging nicht
lange gut, denn seine Frau konnte die Abwesenheit ihres Mannes, die
Einsamkeit so schlecht ertragen, dass sie sich mit dem Sohn auf und davon
machte zu Barry Bagshaws besten Freund. Von diesem Vertrauensbruch der
Menschen, die ihm am nächsten waren, war Barry Bagshaw so enttäuscht, dass
er jeden Kontakt zu seinem Freund und zu seiner Familie abbrach. Als er
sich es nach einigen Jahren anders überlegte und er wieder die Nähe seines
Sohnes suchen wollte, war es zu spät. Von seiner Frau und dem Kind fehlte
jede Spur.
Von der Station in
Hongkong wurde Bagshaw einige Jahre später nach Nordirland beordert. Dort
wurde er als Soldat in ein Bombenattentat verwickelt, verwundet und musste
den Armeedienst quittieren. So nahm er eine Stelle als Taxifahrer im
Seebad Brighton an.
Mehr als 30 Jahre nach
der Trennung von seiner Familie, am Abend des 7. August 2001, wird er mit
seinem Taxi zu einem Motel bestellt. Es ist Abend, ein Paar steigt ein,
Bagshaw kann die Gesichter nicht richtig erkennen. Plötzlich hört er von
hinten eine Stimme: „Ist Ihr Vorname Barry?“ Bagshaw zögert: „Woher wissen
Sie das?“ – „Ich habe Ihren Nachnamen auf der Taxiplakette gelesen. Barry
Bagshaw hieß mein Vater.“ Bagshaw stutzt: „Hieß Ihre Mutter Patricia?“ –
„Ja“, sagt der andere. Bagshaw kann es zunächst kaum fassen. Er fährt
weiter. Plötzlich bleibt er stehen, steigt aus, reißt die Tür im Font auf,
zieht den Fahrgast heraus und umarmt ihn. „Sie sind Colin Bagshaw. Sie
sind mein Sohn!“ Zunächst können es die beiden kaum glauben. Dann aber
gehen sie die Namen aller Verwandten durch, die ihnen so einfallen. Da
kann kein Zweifel bestehen. Der Passagier ist Barry Bagshaws verlorener
Sohn. Und jetzt erst erfährt Barry, dass sein Sohn Colin nach Südafrika
ausgewandert war und erst vor wenigen Wochen zurück gekehrt ist. In einem
Hotel in Brighton hat er Arbeit als Manager gefunden. Nur wenige Straßen
von dem Haus seines Vaters Barry entfernt, den er für tot hielt.
Konnte es wirklich
allein der Zufall gewesen sein, der Vater und Sohn nach 30 Jahren zusammen
geführt hat? Oder hatte vielleicht doch eine Ahnung den Sohn Colin in die
Stadt seines Vaters, nach Brighton, geführt? Und vor allem – wieso schickt
die Zentrale an diesem Abend gerade Barrys Taxi zu dem Motel? Bei einem
solchen Ereignis kommen selbst die skeptischen Menschen ins Grübeln, und
es erscheint uns dermaßen unglaublich, dass selbst die BBC, der englische
Rundfunk, darüber berichtete. Die Nachricht ging um die Welt
Aber Geschichten von
dieser Art, wenn auch etwas weniger dramatisch, kennen wir alle aus
unserem Leben. Wir begegnen einem lange nicht gesehenen Schulfreund auf
einem Flughafen auf einem anderen Kontinent. Eine Freundin ruft genau in
dem Moment an, in dem wir an sie denken. Und welche Liebenden glauben
wirklich daran, dass einzig der Zufall sie mit ihrem Partner zusammen
geführt hat. Wir vermuten Bestimmung. Zufälle sind häufig die größten
Glücksfälle in unserem Leben. Aber selbst dann fällt es uns schwer, sie
als Zufall zu sehen. Wir vermuten mehr dahinter: Planung, Schicksal,
Vorsehung. Und noch mehr sind wir versucht, an höhere Fügungen zu glauben,
wenn Zufälle keine Glücksfälle sind. Denn der Zufall hat auch die Macht,
unsere Existenz zu zerstören. Davon handelt die zweite Geschichte, die ich
Ihnen erzählen möchte:
Sie spielt in New York
und beginnt am 10. September 2001. An diesem Tag räumt Felix Sanchez sein
Büro im Südturm des World Trade Centers. Dort hat er als Bankangestellter
gearbeitet, nun macht er sich selbständig – ein Beschluss, der ihm am
nächsten Tag das Leben retten wird. Seine Geschäfte als Vermögensberater
für seine Landsleute aus der Dominikanischen Republik laufen von Anfang an
glänzend. So macht Felix Sanchez sich ein paar Wochen später, am 12.
November 2001, auf in seine Heimat. Er besteigt die Morgenmaschine der
American Airlines nach Santo Domingo, Flug Nr. 587 - das Flugzeug, das
gleich nach dem Start über dem New Yorker Stadtteil Queens abstürzt und
dem niemand lebend entkommt. Der Absturz geschieht ausgerechnet über einer
Wohngegend des Stadtteil Queens, in der viele Feuerwehrleute leben. Die
Trümmer des verunglückten Airbus stürzen in die Gärten von Eltern, die
ihre Söhne bei den Rettungsversuchen des 11. September verloren haben.
Dass Menschen wie Felix
Sanchez scheinbar wie durch ein Wunder von einem Desaster verschont
bleiben, nur um kurz darauf einem anderen zum Opfer zu fallen, das
übersteigt unsere Vorstellungskraft. Denn unserem Wesen entspricht es,
zielgerichtet zu denken und zu handeln. Wir können und wir wollen nicht
glauben, dass sich das Universum so offenkundig sinnlos verhält. Und so
zweifeln viele Menschen insgeheim daran, ob es Zufälle wirklich gibt. Sie
haben das Gefühl, dass alles, was ihnen zustößt, einem Plan folgt, einer
Vorsehung. Und nicht wenige sind überzeugt, dass sie ihrem Schicksal in
die Karten sehen können, indem sie Horoskope befragen oder einen Wahrsager
zu Rate ziehen. Selbst ein Staatschef wie Francois Mitterand, ein
Intellektueller, pflegte vor wichtigen Entscheidungen seine Astrologin zu
konsultieren.
Aber was sind Zufälle
überhaupt, mit denen uns der Umgang so schwer fällt? „Zufälle sind
Vorfälle, die unversehens kommen“, heißt es im Grimmschen Wörterbuch der
deutschen Sprache lakonisch und weiter: „der Zufall bezeichnet das
unberechenbare Geschehen, das sich unserer Vernunft und unserer Absicht
entzieht“. Knapper und treffender hat es bis heute niemand gesagt. Und bis
heute verwenden wir diesen Begriff genau in dieser doppelten Weise. Als
Zufall erscheint uns eine Begebenheit, hinter der wir entweder keine Regel
erkennen oder die keiner geplant hat. Zufall ist also Regellosigkeit und
hat viel mit unserem Unwissen zu tun. Zufälle folgen aus unserem Unwissen.
Wann aber können wir Regeln erkennen und wann nicht? Nehmen wir noch
einmal die Geschichte vom Wiedersehen von Vater und Sohn Bagshaw. Handelte
es sich da wirklich um einen Zufall?
Es wird uns schwer
fallen, in dem, was da geschehen ist, einen Plan zu finden. Hätte z. B.
ein voriger Auftrag von Vater Bagshaw in seinem Taxi nur etwas länger
gedauert, hätte Bagshaw nur etwas länger Kaffeepause gemacht, hätte er
nicht seinen Sohn getroffen. Solche Kleinigkeiten spielen auch noch in
viel fernerer Vergangenheit eine Rolle. Wäre er z. B. damals in Nordirland
in Urlaub gewesen, als die Bombe hochging oder hätte ihn auch nur ein
Kollege beiseite gerufen, wäre er nie verwundet worden, hätte er den
Armeedienst nicht quittieren müssen, wäre er nicht Taxifahrer geworden,
hätte er seinen Sohn nicht getroffen. Hätte Bagshaw, als er seine Familie
verließ, voraussehen können, dass er eines Tages auf scheinbar wundersame
Weise wieder mit seinem Sohn zusammen geführt worden wäre? Kaum. Und noch
schwerer tun wir Außenstehende uns, hinter dem, was da geschehen ist, eine
Regel zu erkennen. Eine Regel erkennen bedeutet, dass man eine Geschichte
kürzer fassen kann. Das folgende Beispiel soll Ihnen das verdeutlichen:
Nehmen Sie einmal die
Zahlenreihe 2 – 7 – 12 – 17 – 22 – 27 – 32 – 37. Das ist der Fahrplan der
U-Bahn, die von meinem Berliner Büro zum Alexanderplatz fährt. Aber die
Abfahrtszeiten können Sie sich auch viel einfacher merken, nämlich 2 nach
der vollen Stunde und dann alle 5 Minuten. Und das können Sie sich noch
kürzer hinschreiben, nämlich als 2 + 5. Damit genügen 3 Zeichen, um die
mehr als hundert Abfahrten eines ganzen Tages auszudrücken. Sie haben eine
Regel erkannt.
Nun nehmen Sie die
Gewinnzahlen des Mittwochslottos vom 1. Oktober 2003 mit Zusatz- und
Superzahl. Die lauten: 5 – 9 – 14 – 18 – 32 – 38 – 20 – 8. Hier wird es
Ihnen beim besten Willen nicht gelingen, eine Vereinfachung zu finden, wie
Sie das beim U-Bahn-Fahrplan konnten. Um sechs-, ein- oder zweistellige
Gewinnzahlen samt Zusatz- und Superzahl anzugeben, benötigen Sie jede
einzelne Ziffer. Und genau das ist das Merkmal einer Zufallszahl. Es gibt
keine kürzere Form sie auszudrücken als durch ihre Ziffern selbst. Bei der
Geschichte von Vater und Sohn Bagshaw ist es genauso. Wenn Sie versuchen,
eine Kurzfassung zu erzählen, dann verlieren sie den inneren Zusammenhang.
Dann verstehen Sie nicht mehr, wie es dazu kommen konnte, dass Vater und
Sohn einander wieder begegneten. Sie müssen die ganze Geschichte erzählen.
Es gibt keine Regel. Wenn wir keine Regel erkennen können, dann sprechen
wir von einem Zufall.
Nun mögen Sie vielleicht
einwenden, dass man mit viel Nachdenken vielleicht doch eine Regel finden
könnte, um z. B. die Lottozahlen vom 1. Oktober 2003 kürzer auszudrücken.
Und Sie haben recht! Ganz sicher lässt sich das tatsächlich nie
ausschließen. Das hat der amerikanische Mathematiker Gregory Chaitin
gezeigt. Es gibt im allgemeinen kein Kriterium um festzustellen, ob es
zwischen scheinbar willkürlichen Daten oder scheinbar willkürlichen
Begebenheiten einer Geschichte nicht doch einen inneren Zusammenhang gibt.
Sie können nur beweisen, dass etwas nicht zufällig ist. Den Zufall
aber können Sie nie beweisen. Das mag die Menschen, die an eine höhere
Ordnung, an ein Schicksal glauben, mit denen versöhnen, die das nicht tun.
Denn sie können immer mit Recht vermuten, dass etwas nicht zufällig
zustande gekommen ist. Nur Beweise haben sie keine.
Entscheidend aber ist,
dass wir solche Begebenheiten nicht voraussehen und schon gleich gar nicht
vorausplanen können. Das ist unser Unwissen. Und dieses Unwissen machen
wir uns häufig nicht bewusst. Wir glauben eben doch daran, dem Schicksal
auf irgendeine Weise in die Karten schauen zu können oder dass wir es
lenken können. Und dass das nicht geht, dafür gibt es in der Tat Beweise.
Warum aber können wir
die Frage Zufall oder Schicksal nicht einfach achselzuckend abtun? Warum
können wir uns nicht einfach abfinden damit, dass wir manche Begebenheiten
in unserem Leben eben nicht verstehen können? Warum fällt es uns so
schwer, uns mit dem Zufall anzufreunden? Der Grund für diese
Schwierigkeiten ist, dass das Gehirn darauf programmiert ist, Regeln zu
erkennen. Wir suchen nach Mustern in der Welt. Unwillkürlich und häufig
unbewusst. Denn Ordnung brauchen wir, wenn wir uns in der Welt zurecht
finden wollen. Und nicht nur ums Zurechtfinden geht es; auf diese Weise
lernt auch unser Gehirn. So haben wir alle sprechen gelernt. Wenn ein
Kleinkind acht Monate alt ist, hat es überhaupt keine Beweise dafür, dass
die Silben, die die Erwachsenen von sich geben, einen Sinn haben, dass sie
einem Muster folgen. Aber es glaubt daran. Und auf diese Weise lernt es
allmählich Sprache verstehen. Das hat die neuropsychologische Forschung in
den letzten Jahren gezeigt. Wir lernen, indem wir nicht an Zufälle
glauben. Und das tun wir unser ganzes Leben hindurch. Sie würden nicht
allzu oft über eine Straße gehen, wenn Sie glauben würden, dass die Autos
bei Rot an der Ampel einfach zufällig stehen bleiben. Wir haben ein Muster
gelernt und gebrauchen es, um uns in der Welt zurecht zu finden. So tun
wir sehr häufig gut daran, nicht an Zufälle zu glauben. Dass das Gehirn
dabei manchmal über das Ziel hinaus schießt und einen Sinn sieht, wo gar
keiner ist, ist vielleicht das kleinere Übel. Damit verwechseln wir
fortwährend Zusammentreffen mit Zusammenhang, Glück mit Können, Zufall mit
Bestimmung.
Natürlich ruft die
Freundin gerade in dem Augenblick an, in dem wir an sie denken. Und
natürlich kommt uns sofort Telepathie in den Sinn. Wir sehen ein Muster.
Dabei übersehen wir aber, dass wir sehr häufig an Menschen denken, die uns
nahe stehen. Vielleicht zehn Mal, vielleicht hundert Mal am Tag und
meistens geschieht gar nichts. Wenn gar nichts geschieht, vergessen wir
die Episode und unsere Gedanken sofort wieder. Nur wenn die Freundin
zufällig im entsprechenden Augenblick anruft, dann prägen wir uns ein
solches Zusammentreffen ein.
Geheimnisse in
nüchternen Fakten sind überall zu entdecken. Das Gehirn muss nur
phantasievoll genug assoziieren. Wer eine Schwäche für das Obskure hat,
kann so mühelos verborgenen Botschaften nachspüren. Bemerkenswert mag man
z. B. das wiederholte Auftauchen der Zahl 11 im Umkreis der Anschläge vom
11. September 2001 nennen. 11 ist die Quersumme des Datums 11.9. (9 + 1 +
1). Das war der 254ste Tag im Jahr: 2 + 5 + 4 = 11. Der Flug American
Airlines 11 traf die Türme des World Trade Center als erster. 92 Insassen
waren an Bord: 9 + 2 = 11. In der zweiten Maschine, die in die Hochhäuser
raste, saßen 65 Menschen: 6 + 5 = 11. Die Begriffe New York City und
Afghanistan, wo sich Osama bin Laden versteckte, haben jeweils 11
Buchstaben. George W. Bush übrigens auch. Und hatten nicht die Twin Towers
die Silhouette einer 11?
Das alles ist wahr. Doch
es beweist allenfalls, dass genug Daten vorliegen, um damit zu jonglieren.
Gegenprobe: Die Maschine, die den zweiten Wolkenkratzer zerstörte, hatte
die Flugnummer United Airlines 175, die Boeing, die das Pentagon rammte,
hatte die Flugnummer 77 und jene, die in Pennsylvania abstürzte, 93. Das
amerikanische Verteidigungsministerium hat – sein Name sagt es – die Form
eines Fünfecks. Usw. Nirgends die Spur einer 11. Dass uns mit der 11 im
Umfeld dieser Anschläge etwas besonders zu sein scheint, liegt einzig
daran, dass wir genau solche Daten herauspicken, bei denen sich die 11
wiederfindet und alle anderen vergessen. Wir suchen nach Mustern.
Und dass wir es tun, ist
uns angeboren. Die Frage ist nur, ob wir immer gut damit fahren, wenn wir
mit dieser angeborenen Neigung zu unkritisch umgehen. Denn wenn wir den
Zufall unterschätzen, überschätzen wir zugleich unser Wissen und vor allem
unsere Fähigkeit, Dinge vorher zu sehen. Denken Sie an Roulette-Spieler im
Kasino. Wenn fünf Mal hintereinander Rot fällt, glauben fast alle, nun
müsse doch endlich Schwarz kommen, die Statistik verlange es. Aber das ist
ein Irrtum. Die Statistik verlangt das überhaupt nicht. Nur unsere Suche
nach Mustern, nach Abwechslung lässt uns das glauben. In Wirklichkeit hat
ein Roulette-Rad kein Gedächtnis. Anders als Menschen. Und darum ist die
Wahrscheinlichkeit, dass nach fünf Mal Rot noch einmal Rot kommt genauso
groß wie die Wahrscheinlichkeit, dass nach fünf Mal Rot Schwarz kommt. Das
Roulette-Rad merkt sich nicht, was vorher war. Wir Menschen aber merken es
uns und setzen nach fünf Mal Rot große Summen auf Schwarz – und verlieren.
Es kann teuer sein, nicht an den Zufall zu glauben.
Den Zufall zu verstehen,
war noch nie so wichtig wie heute. Denn unsere Welt wird immer
komplizierter, und Zufall ist auch eine Folge von Komplexität. Immer
häufiger erleben wir Ereignisse, die niemand vorhersehen kann, hinter
denen wir keine Regel erkennen. Wen z. B. hätten die Deutschen zu ihrem
Bundeskanzler gewählt, wäre nicht im Sommer 2001 die Elbe über die Ufer
getreten? Wie wäre die Geschichte verlaufen, hätten die Fluglehrer der
Al-Kaida-Piloten Verdacht geschöpft? Und wie sähe die Welt heute aus, wenn
nicht ein paar Hundert Rentner in Florida bei der Präsidentschaft 2000
ihren Wahlzettel missverstanden hätten? In einem Maße wie niemals zuvor
müssen wir Menschen fertig werden mit jenem unberechenbaren Geschehen, das
sich unserer Vernunft und unserer Absicht entzieht und das das Grimmsche
Wörterbuch den „Zufall“ nennt. Das erleben wir nicht nur in der
Geschichte, jeder Einzelne spürt es in seinem Privatleben.
Noch für die Generation
der mittlerweile 60-Jährigen war es absehbar, wie ihr Leben verlaufen
würde. Wenn sie im Nachkriegsdeutschland tüchtig waren, konnten sie sich
auf Wohlstand und Arbeit bis zur Pensionierung beinahe verlassen. Heute
dagegen ist so etwas wie Karriereplanung fast wie Makulatur.
Hochqualifizierte Angestellte, gerade noch für viel Geld als
Hoffnungsträger eingestellt, treffen sich auf dem Arbeitsamt wieder, weil
in der Firma die erwarteten Aufträge ausblieben, weil der Job einer
undurchsichtigen Fusion zum Opfer gefallen ist, oder auch nur, weil die
Stimmung im Vorstand sich gedreht hat. In einer solchen Welt kommt es
darauf an, realistisch einzuschätzen, in wie weit wir unseren Lebensweg
voraussehen können und in wie weit wir ihn planen können. Oft und
zunehmend sehr viel weniger weit, als wir denken. Und in einer solchen
Welt kann es gefährlich sein, sich zu sicher zu fühlen, denn wenn man den
Zufall unterschätzt, dann lässt die Aufmerksamkeit nach.
Zu diesem beunruhigenden
Schluss kamen Arbeitspsychologen, als sie z. B. die Häufigkeit von
Unglücken in Bergwerken verglichen. Die Stollen des einen Bergwerks waren
gut beleuchtet und asphaltiert, die anderen düster und uneben. Aber mehr
Unfälle gab es auf den gut befestigten Wegen, weil sich die Menschen dort
zu sicher fühlten und nicht aufmerksam waren. Wer kein Risiko empfindet,
macht Fehler, denn seine Wachsamkeit lässt nach. So ist das Gehirn
programmiert.
Zu Recht sehen es
Schauspieler als ein schlechtes Omen an, wenn sie vor einer Vorstellung
kein Lampenfieber verspüren. Angst und Aufmerksamkeit sind zwei Seiten
derselben Medaille. Darum fordern Sicherheitsexperten wie der Franzose
René Amalberti, Zwischenfälle, Zufälle also, leben zu lassen oder sie
sogar gelegentlich absichtlich auszulösen. Je komplexer ein System ist,
umso mehr wird völlige Sicherheit, völlige Voraussehbarkeit zur Illusion.
Und mit dieser Einsicht tun wir uns schwer, weil sie unangenehm ist.
Wie viel angemessener es
aber sein kann, die Schäden von unliebsamen Zufällen möglichst gering zu
halten, statt darauf zu setzen, dass man alle denkbaren Unglücke abwenden
kann, zeigt das Beispiel von Eisenbahnunfällen in Deutschland und England.
Die deutsche Bahn ist der britischen weit darin überlegen, Unfälle zu
vermeiden. Aber bei der Katastrophe von Eschede am 3. Juni 1998 waren 101
Tote zu betrauern. Fast drei Viertel von ihnen erlagen schweren
Kopfverletzungen. Sie waren in dem entgleisten ICE umher geschleudert
worden und gegen Sitze und Wände geprallt. Drei Jahre später verunglückte
ein Hochgeschwindigkeitszug im englischen Selby. Die Aufprallenergie war
mehr als doppelt so groß wie in Eschede. Trotzdem aber starben nur 10
Personen. Alle anderen hatten ihr Leben der Konstruktion der britischen
Waggons zu verdanken. Zwischen den meisten Sitzreihen stehen dort Tische,
die die Fahrgäste bei einem Aufprall auf ihren Plätzen fixieren wie
Sicherheitsgurte. Und die Lehnen der Sitze sind so flexibel gebaut, dass
sie nachgeben, wenn ein Passagier gegen sie stößt. So kamen mehr als 100
Menschen in Selby mit leichten Verletzungen davon.
In Deutschland glauben
wir, die beste Lösung eines Problems sei immer noch diejenige, die
scheinbar alle vorstellbaren Zwischenfälle ausschließt. Die Alternative
wäre, Unwägbarkeiten einzukalkulieren und sie zu bewältigen. Aber das ist
gewöhnungsbedürftig. Und so streitet denn auch die Öffentlichkeit, in
welchem Maße es dem Einzelnen zumutbar ist, auf soziale Absicherung
beispielsweise zu verzichten, und ob es überhaupt zumutbar ist. Die Frage
aber, wie Bürger mit weniger Gewissheit auskommen können, wird selten
gestellt. Dabei ist sie unvermeidbar. Wer nach maximaler Sicherheit in
vertrauter Umgebung strebt, findet sie selten, weil er seine
Aufmerksamkeit fahren lässt. Das Beispiel mit den Bergwerksunglücken oder
den Eisenbahnunfällen zeigt es. Und mehr noch: er versäumt es häufig, sich
an Bedingungen anzupassen, die sich ändern.
Auch darum bedeutet
„gefühlte Sicherheit“, die Verleugnung des Zufalls oft in Wahrheit Gefahr.
Perfekte Panzer haben den Stegosaurus vor allen Feinden, aber nicht vor
dem Untergang bewahrt. Dabei sind allein Zufälle die Triebkraft jedes
Fortschritts. Nur durch sie kommt Neues in die Welt. Wo sie fehlen,
herrscht Stillstand. Das lehrt die Evolution. Menschliches Schaffen aber
folgt ähnlichen Gesetzen, auch die Entwicklung einer Gesellschaft. Das ist
der Grund, warum wir den Zufall brauchen.
Durch Zufall fand der
britische Mikrobiologe Fleming das Penicillin, weil eine Bakterienkultur
in seinem Labor verdorben war. Durch Zufall entdeckten Techniker den
Tesafilm; eigentlich wollten sie ein Heftpflaster herstellen. Und die
Potenzpille Viagra ist eigentlich ein verunglücktes Herzmittel. Den Ärzten
war nur aufgefallen, dass die männlichen Patienten unter Behandlung das
Mittel gar nicht mehr absetzen wollten.
Kreativität beruht auf
Probieren und Kombinieren von Elementen, die zuvor nichts miteinander zu
tun hatten. Mit unvorhersehbaren Folgen. In einem solchen Spiel von
Versuch und Irrtum hat auch die Evolution das Reich des Lebendigen
geschaffen. Und Forscher beginnen, von diesen Prinzipien auch in der
Technik Gebrauch zu machen. Aber nicht nur darin ist das Wissen um den
Zufall anwendbar.
Wann immer wir Menschen
etwas Neues in die Welt setzen oder schlicht unser Leben ändern wollen,
können wir das Wirken des Zufalls nutzen. Denn schließlich bestimmen
Zufälle zu einem großen Teil das menschliche Leben: Von der Entwicklung
der Persönlichkeit eines Kindes über die berufliche Laufbahn bis zur Wahl
des Lebenspartners. Das englische Wort „chance“ bringt diese Wahrheit
wunderbar auf den Punkt. Es bedeutet eben nicht nur Zufall, sondern auch
Möglichkeit, ja sogar Glück. Wir Menschen neigen aber dazu, diese Chancen
zu übersehen. Denn unser Gehirn, ständig auf der Suche nach Mustern und
Regeln, ist ein großer Vereinfacher. Oft nehmen wir gar nicht wahr, womit
wir nicht gerechnet haben, und übersehen dadurch Gelegenheiten. Statt neue
Möglichkeiten zu prüfen und zu nutzen, haftet das Gehirn am Altbekannten
und erzeugt lieber durch vorschnelle Erklärungen eine Illusion von
Sicherheit
So überschätzt der
Mensch systematisch die Kenntnis seiner Umgebung, unterschätzt aber
zugleich sein Talent, aus Überraschungen Vorteil zu ziehen. Zu Unrecht,
denn wir hätten allen Anlass zu Selbstvertrauen. Immerhin konnte unsere
Art, der homo sapiens, sich in der Natur deswegen durchsetzen, weil sie im
Gegensatz zu fast allen anderen Geschöpfen auf keine bestimmte Umwelt
festgelegt ist. Der Mensch zeichnet sich durch seine besondere Fähigkeit
aus, aus allen Umständen das Beste zu machen. Und mit diesem Talent ist
jeder von uns auf die Welt gekommen. Es kommt nur darauf an, es zu nutzen.
In einer so komplexen
Welt wie unserer heutigen genügt der naive Umgang mit dem Ungewissen nicht
mehr. Und dabei ist niemand allein auf das angewiesen, was ihm die Natur
mitgegeben hat. Wir sind den Illusionen, die unser Gehirn über den Zufall
erzeugt, nicht ausgeliefert. Wie wirkungsvoll Menschen mit angepassten und
lernbaren Strategien das Unvorhersehbare bewältigen können, hat die
Forschung in den letzten Jahren überzeugend gezeigt. Nur wer den Zufall
versteht, kann die Chancen unserer Zeit nutzen.
* Zum Autor:
Stefan
Klein, 1965 in München geboren. Studium der Philosophie und Physik in
München, Grenoble und Freiburg. Promotion über Biophysik. Klein war von
1996 - 1999 Wissenschaftsredakteur beim SPIEGEL, von 1999 - 2000 bei GEO.
Er lebt jetzt als freier Autor in Berlin.
Bücher:
- Die Glücksformel
oder Wie die guten Gefühle entstehen. Rowohlt.
- Alles Zufall.
Die Kraft, die unser Leben bestimmt. Rowohlt.
- Die
Tagebücher der Schöpfung. Vom Urknall zum geklonten Menschen.
dtv. |