Helmut Klages:
Reformunwillig, egoistisch und faul - wie marode sind die Deutschen
wirklich?
Autor und Sprecher: Professor Helmut Klages
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 25. Dezember 2005, 8.30 Uhr,
SWR 2
Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen,
privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Überblick:
Egal, ob es um PISA, den Sozialstaat, die Bundestagswahl oder die Demografie
geht - immer dominieren negative Selbstbilder die Diskussion. Dabei gehen
die Deutschen wirklich hart mit sich selbst ins Gericht und werfen sich
einen Mentalitätsverfall vor, der Schuld an der Misere sei.
Alt-Bundeskanzler Schröder schloss sich letztes Jahr dem Chor der
Mentalitätskritiker an, indem er von einer "Mitnahme"-Mentalität sprach.
Woher resultieren diese negativen Selbstbilder und vor allem: wie
realistisch sind sie? Diese Fragen beantwortet Helmut Klages, emeritierter
Professor für empirische Sozialwissenschaften.
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Ansage:
Heute mit dem Thema: „Reformunwillig, egoistisch und faul - Wie marode sind
die Deutschen wirklich?“
Deutschland ist zum Jammerclub mutiert. In den Talkshows geht es landauf
landab um den angeblichen Stillstand, um Bremser und Blockierer, wobei man
langsam aber sicher das Gefühl hat: Die Deutschen blockieren sich selbst.
Auf der anderen Seite gibt es die Politiker, die endlich raus wollen aus dem
Jammertal und die beschwörend feststellen, wir sind ja gar nicht so schlecht
und melancholisch. Typisch dafür ist folgendes Statement vom
SPD-Vorsitzenden Platzeck bei der Christiansen-Talkshow am vergangenen
Sonntag, Platzeck sagte:
O-Ton – Matthias Platzeck:
„So einen Aufschwung kriegt man nicht getragen ohne Optimismus, also wenn
wir uns nicht ein bisschen zusammenreißen und sagen, wir wollen das auch,
wir wollen, dass das klappt und wir glauben auch an uns selber, dann wird’s
nicht klappen. Ich habe manchmal den Eindruck, uns Deutschen liegt das nicht
so in den Genen, vielleicht weil wir zuwenig Sonne haben, aber wir sollten
uns dazu endlich mal überreden, uns zu sagen, wir wollen nach vorne kommen.
Wir sind ja nicht schlecht, das sollten wir uns von niemandem einreden
lassen. Was man liest – bei den Briten oder Amerikanern, ist ja viel
positiver, als was man bei uns selber über uns liest. Wenn wir es also nicht
von selber hinkriegen, die bessere Laune, dann sollten wir uns von woanders
sie holen und dann damit arbeiten.“
Ja, wir sind doch gar nicht so schlecht, das meint auch der
Sozialwissenschaftler Professor Helmut Klages. Seit seiner Emeritierung
beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit bürgerschaftlichem Engagement, vor
allem mit der Aktivierung von Humanpotenzialen in der modernen Gesellschaft.
Und genau hier liegt für Klages der Hase im Pfeffer, wenn es heißt, die
Deutschen seien demotiviert und faul. Für Klages steht aufgrund seiner
empirischen Untersuchungen fest: Die Deutschen sind nach wie vor engagiert,
hochmotiviert und bereit zu vielen Innovationen, aber ihre Potenziale werden
von Politik und Wirtschaft nicht richtig erkannt und aufgenommen.
In der SWR2 AULA zeigt Klages, wie marode die Deutschen wirklich sind:
Helmut Klages:
Es gibt eine lange Liste von Klagen über die Deutschen. So wird z. B.
geklagt,
- dass die Deutschen weinerlich und unbegründet pessimistisch seien;
- dass sie verwöhnte Wirtschaftswunder- und Sozialstaatskinder seien, die
sich an eine entschwindende soziale „Hängematte“ klammern;
- dass sie ungeachtet früherer Tugenden leistungsunwillig, lasch, faul und
bequem geworden seien;
- dass sie keinen Gemeinsinn mehr hätten;
- dass sie eben deshalb politikverdrossen seien;
- dass sie illusionärerweise das Risiko scheuen würden;
- dass sie zu Egoisten geworden seien;
- dass sie mehrheitlich eine „Vollkasko-Mentalität“ hätten;
- und dass sie in hohem Maße verantwortungsscheu seien, wo doch
„Eigenverantwortung“ die Losung der Stunde sei.
Dieser Liste von Klagen wird seit einiger Zeit immer wieder die Behauptung
hinzugefügt, die Deutschen seien mehrheitlich reformunwillig und sie würden
in gefährlicher Weise an den Erfordernissen der Zeit vorbeiträumen, so dass
die notwendigen Reformschritte und Reformschnitte nicht in ausreichendem
Maße mit der Unterstützung der Bevölkerung rechnen könnten. Der eigentlich
erforderliche „Ruck“, der durch die deutsche Gesellschaft gehen müsse,
bleibe insbesondere deshalb aus.
Für die Richtigkeit dieser sehr unfreundlichen Meinung über die Deutschen
scheint es eine Fülle empirischer Belege zu geben: In der Tat gehen nur
kleine Minderheiten der Deutschen in die politischen Parteien, auch wenn sie
noch so umworben werden. Die Folgerung scheint also nahe zu liegen, dass sie
sich für die allgemeinen Angelegenheiten der Nation weniger interessieren
als für ihr persönliches Wohlergehen. Wie eine Untersuchung des Deutschen
Gallup-Instituts feststellte, sind es aber auch nur 15 Prozent der deutschen
Arbeitnehmer, die eindeutig als „engagiert“ einzustufen sind. Die Mehrheit
macht Dienst nach Vorschrift oder hat innerlich gekündigt. Der Schluss
scheint also nahe zu liegen, dass die Deutschen ihre früher fast
sprichwörtliche Arbeitsamkeit eingebüßt haben. Als vor einigen Jahren als
Ergebnis einer Untersuchung berichtet wurde, die Bereitschaft der Deutschen
zum ehrenamtlichen Engagement liege deutlich niedriger als in anderen
Ländern, schien sich dies gut ins Bild zu fügen und wurde deshalb auch ohne
lange Umschweife geglaubt. Sehr gut scheinen aber auch die Ergebnisse der
PISA-Studien ins Bild zu passen, aus denen sich vergleichsweise schlechte
Lernleistungen der deutschen Schüler ablesen lassen.
Die jungen Deutschen geben auch in anderer Hinsicht Anlass zu akuter Sorge.
Die Medien waren in den vergangenen Jahren voll von aufgeregten Berichten
über eine zunehmende Ausländerfeindschaft und über einen zunehmenden
Rechtsradikalismus der Deutschen. Wiederholt meldeten sich auch besorgte
Stimmen zu Wort, die das Vorhandensein eines ausbruchsbereiten
unterschwelligen Antisemitismus beträchtlicher Teile der Deutschen
behaupteten. Das Bild scheint sich noch weiter zu verfinstern, wenn man sich
der Demographie zuwendet. In der Tat hat Deutschland heute eine der
niedrigsten Geburtenziffern der Welt. Zunehmend viele Ehen bleiben
kinderlos. Darüber hinaus lässt sich aber auch ein Trend zur Senkung der
Eheschließungshäufigkeit feststellen. Außerdem ist parallel dazu die
Scheidungshäufigkeit stark angestiegen.
Häufig wird aus diesen unbestreitbaren Tatsachen die Folgerung abgeleitet,
die Deutschen seien dabei, ein Volk von egozentrischen Einzelgängern zu
werden, die der Karriere - oder auch den Freizeitvergnügungen - Vorfahrt
einräumen und die in Kindern nur noch eine finanzielle Belastung und eine
Behinderung der individuellen Freizügigkeit zu sehen vermögen.
Obwohl dieses negative Meinungsbild angesichts der Häufigkeit, mit der es
vorgetragen wird, schon beinahe als „etabliert“ gelten kann, hält es einer
ernsthaften Überprüfung unter Heranziehung empirischer Daten nicht stand. Es
lässt sich die These aufstellen, dass dieses negative Meinungsbild im Ganzen
falsch und irreführend ist. Daran lässt sich die weitere These anschließen,
dass dieses negative Meinungsbild nicht zur Aufdeckung der wirklichen
Ursachen unserer zweifellos vorhandenen Probleme beiträgt, sondern eher
dazu, dass diese wirklichen Ursachen verschleiert werden und falsche
politische Folgerungen gezogen werden, die uns nicht weiterbringen, sondern
uns allenfalls immer noch tiefer in die ohnehin schon vorhandenen und in
weitere Probleme hineintreiben.
Wie zahlreiche Umfragen belegen, ist es z. B. mit der Reformbereitschaft der
Deutschen in Wahrheit keineswegs so schlecht bestellt, wie sehr viele uns
heute glauben machen möchten. Aus den Untersuchungsergebnissen lässt sich
ablesen, dass die überwiegende Mehrheit der Deutschen die Notwendigkeit von
Reformen sehr eindeutig bejaht. Auch der öfter zu hörende Vorwurf, die
Menschen würden Reformen entweder verweigern oder nur so lange gutheißen,
wie sie von ihnen nicht selbst betroffen sind, stimmt nicht. So äußerten bei
einer Untersuchung des Bundesverbandes deutscher Banken im vergangenen Jahr
86 Prozent der Befragten die Überzeugung, dass wir uns „die hohen Löhne, die
kurzen Arbeitszeiten und den langen Urlaub“ in Zukunft nicht mehr leisten
können. Eigene Einschränkungen wurden ausdrücklich ins Auge gefasst.
Negative, von deutlicher Zurückhaltung und Skepsis geprägte Töne stellen
sich allerdings da ein, wo es um die Beurteilung der Fähigkeit der Politiker
geht, eine sachgerechte und wirklich zielführende Reformpolitik zu machen.
Eine überwiegende Mehrheit der Deutschen hegt ernste Zweifel an der
konzeptionellen Klarheit und Sachkompetenz unserer politischen Klasse. Dass
dies - bei aller grundsätzlichen Reformbereitschaft - die Begeisterung der
Bevölkerung für Reformen dämpfen muss, ist klar und braucht eigentlich
niemanden zu wundern. Wer die ausgesprochene Politikverdrossenheit in
unserem Lande mit einer mangelnden Reformbereitschaft der Bevölkerung
gleichsetzt, begeht beim Umgang mit den Fakten einen Taschenspielertrick,
der Ursachen und Wirkungen vertauscht.
Auf eine negativ getönte „Erfindung von Wirklichkeit“ stößt man auch dann,
wenn man sich der Behauptung einer angeblich zunehmenden Gewaltbereitschaft
der Jugend zuwendet. Alle Jugenduntersuchungen, in denen das Gewaltthema
angesprochen wird, kommen zu dem Ergebnis, dass Gewalt von der
überwältigenden Mehrheit der jungen Menschen nach wie vor abgelehnt wird,
und zwar mit großer Eindeutigkeit und mit emotionalem Nachdruck. Man gewinnt
im Gegenteil den Eindruck, dass die große Mehrheit der jungen Menschen heute
von einem Harmoniebedürfnis beherrscht wird, das man angesichts der harten
Notwendigkeiten in einer Welt mit vielen Konflikten und Kämpfen fast schon
wieder als heroisch ansehen möchte. Natürlich gibt es gewaltbereite
Jugendliche bei uns wie auch in anderen Ländern, und es wäre ganz falsch,
dieses Problem völlig wegreden zu wollen. Es ist deshalb auch richtig, wenn
man sich auf der kommunalen Ebene mit dem Thema der Kriminalitätsprävention
befasst und wenn man dabei den Blick auch auf die jungen Leute richtet. Was
dabei unvermeidlich ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt, sind jedoch kleine
Minderheiten. Laut amtlicher Statistik wurden im Jahr 1996 insgesamt 7,3
Prozent aller Jugendlichen als „Tatverdächtige“ registriert, wobei jedoch
nur in 0,9 Prozent der Fälle der „Verdacht einer Gewalttat“ bestand. In
einer Veröffentlichung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen
und Jugend aus dem Jahr 2001 wird dazu ausgeführt, dass es sich bei den
Gewalttätern ganz überwiegend um solche jungen Menschen handelt, bei denen
„lange andauernde desolate Familienverhältnisse, soziale Ausgrenzung und
Benachteiligung, Krankheit und Abhängigkeit im unmittelbaren familiären
Umfeld, gesellschaftliche Chancenlosigkeit, Sprachprobleme“ usw.
zusammenkommen. In einer aktuellen Expertenstudie zur Jugendkriminalität
heißt es zusammenfassend, dass „kein Grund zur Dramatisierung der Lage“
besteht. Für die Stützung der Behauptung einer gewaltbereiten „Jugend“ in
Deutschland finden sich schlechterdings keine Anhaltspunkte.
Eine ins Negative zielende Erfindung von Wirklichkeit liegt auch bei der
angeblichen Engagementabstinenz der Deutschen vor. Entgegen den
schockierenden Zahlen, die vorher veröffentlicht worden waren, konnten wir
selbst schon in unserem „Speyerer Werte- und Engagementsurvey“ von 1997
ermitteln, dass der Anteil freiwillig engagierter Bürger an der
Gesamtbevölkerung Deutschlands ab 14 Jahren eher über als unter dem
Durchschnitt der vergleichbaren europäischen Länder liegt. In den breit
angelegten Freiwilligensurveys 1999 und 2004 wurde dies sehr nachdrücklich
bestätigt. Schon im Anschluss an den Freiwilligensurvey 1999 konnte
festgestellt werden, dass sich in Deutschland etwa 22 Millionen Menschen ab
14 Jahren regelmäßig freiwillig engagieren. Diese sehr beeindruckende Zahl
hat sich inzwischen aber noch weiter erhöht. Lag der Prozentsatz der
Engagierten 1999 noch bei 34 Prozent, so war er im Jahr 2004 schon auf 36
Prozent gestiegen. Außerdem gab es aber ungefähr ebenso viele Menschen, die
zwar nicht engagiert waren, die aber zum Engagement bereit waren, die man
also als eine riesige, noch unerschlossene Engagementreserve ansprechen
kann. Auch für Uneingeweihte wurde diese Reserve unmittelbar erkennbar etwa
bei der Flutkatastrophe im Sommer 2002 oder bei der Tsunami-Katastrophe am
zweiten Weihnachtstag 2004, als in der sogenannten Ego- und
Ellenbogengesellschaft Deutschlands kaum mehr zu bändigende Ströme von
Hilfs- und Spendenbereitschaft aufbrachen.
Letztlich erweisen sich aber auch die immer wieder auftauchenden
Schocknachrichten über eine zunehmende Ausländerfeindschaft, einen
anwachsenden Rechtsradikalismus und einen unterschwelligen Antisemitismus
der Deutschen bei genauerer Betrachtung der empirischen Daten als
Erfindungen. Im Gegenteil zeigt sich, dass - zumindest in Westdeutschland,
wo die meisten Erfahrungen mit Ausländern vorliegen - die
Ausländerfeindschaft trotz stark zunehmender Ausländerzahlen stetig abnahm
und in Wahrheit - gerade auch bei den jungen Menschen - kein gravierendes
Problem war. Man kann die These aufstellen, dass das Herumreiten der
veröffentlichten Meinung auf der angeblich anwachsenden Ausländerfeindschaft
in der Bevölkerung dazu führte, dass die Politik die eigentlich
erforderlichen Maßnahmen zur Integration von Zuwanderern fahrlässigerweise
unterließ oder in der falschen Richtung aktiv wurde, indem sie für eine
ohnehin vorhandene Akzeptanz von Ausländern in der Bevölkerung werben zu
müssen meinte.
Ähnliche Feststellungen lassen sich für den angeblichen Rechtsradikalismus
in der Bevölkerung treffen, dem in Wahrheit ein ständiger Bodengewinn des
Werts „Toleranz“ im Mehrheitsbereich der Bevölkerung seit den 60er Jahren
des vorigen Jahrhunderts entgegenzustellen ist. Die permanente
Erfolglosigkeit rechtsradikaler Parteigründungen während des gesamten
Zeitraums spricht in dieser Hinsicht Bände. Zumindest der mit den Mitteln
der Einstellungsforschung nachweisbare Antisemitismus stagnierte in
derselben Zeit auf einem relativ niedrigem Niveau. Die zu den beiden
angeblich typisch deutschen Fehlhaltungen verfügbaren Indikatoren lagen bei
Messungen aus den letzten Jahren in Deutschland überwiegend unter dem
Durchschnitt anderer EU-Länder!
Aber auch dort, wo die Tatsachen auf den ersten Blick betrachtet für einen
Mentalitätsverfall zu sprechen scheinen, führt eine Ursachenforschung, die
ihr Geschäft ernst nimmt und die sich nicht mit Oberflächen-Eindrücken
zufrieden gibt, überraschend viel Anderes und Positiveres zutage. Es erweist
sich dabei, dass die Mentalitätskritiker - bewusst oder unbewusst - zu
Opfern einer „semantischen Falle“ werden, die sich schon in der
Alltagssprache beobachten lässt, die aber fatalerweise - und da wird es
eigentlich erst kritisch! - auch in der Denk- und Argumentationsweise der
Medien und politischer Entscheidungsträger feststellbar ist. Abkürzend
gesagt werden in einer Vielzahl von Fällen aus Feststellungen über
beobachtbare Verhaltensweisen fehlerhafte Schlussfolgerungen auf Werte,
Einstellungen und Motive gezogen, die scheinbar hinter ihnen stehen und die
diese Verhaltensweisen scheinbar plausibel zu erklären vermögen.
So werden aus den deutschen Frauen, die keine oder weniger Kinder als früher
haben, unter der Hand Frauen, die keine oder weniger Kinder haben wollen.
Die absinkende Geburtenziffer lässt sich dann mit scheinbarer Plausibilität
auf eine „Geburtenverweigerung“ deutscher Frauen als die angebliche Ursache
zurückführen. Es wird dabei aber übersehen, dass der Kinderwunsch bei den
deutschen Frauen in Wahrheit ungebrochen ist und in der Mehrzahl der Fälle
nur aufgrund mangelnder Chancen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie
zurückgestellt und am Ende vielfach auch aufgegeben wird. Dies ist ebenso
eine „Tatsache“ wie die abnehmende Kinderzahl. Nimmt man aber unbesehen nur
diese letztere Tatsache in den Blick und klammert die erstere aus, dann
gewinnt man ein unvollständiges und letztlich völlig irreführendes Bild. Man
übersieht dann nämlich das in der Bevölkerung vorhandene Kinder-Potential
und plant dann auch politisch an den entscheidenden Schlüsseln zur Lösung
des Bevölkerungsproblems vorbei. So wie dies in der Bundesrepublik über
lange Zeit üblich war, beschränkt sich die Familienpolitik dann auf einzelne
finanzielle Entlastungsmaßnahmen und auf die Gewährung eines
Schwangerschaftsurlaubs, ohne dass aber die Sicherstellung einer
Entscheidung von Müttern für die Berufsfortsetzung ohne intolerable
Doppelbelastung oder für die Berufsaufgabe ohne einschneidende finanzielle
Einbußen ernsthaft auf die Tagesordnung gesetzt würde.
Ähnliches passiert aber auch, wenn man unbesehen aus der Tatsache, dass die
Schulkinder in Deutschland relativ schlechte Leistungen erbringen, die
Folgerung ableitet, dass die deutschen Schulkinder eine fehlende
Leistungsbereitschaft haben. Die PISA-Ergebnisse lassen sich dann letztlich
- wiederum mit scheinbarer Plausibilität - auf faule Schulkinder und, weiter
ausgreifend, auf die erfolgreiche Verführung der Kinder durch die Angebote
der „Spaßgesellschaft“ oder auch auf selbstverschuldete Defizite der
Erziehung im „Elternhaus“ zurückführen. Sehr viele Politiker glauben dann
auf dem richtigen Wege zu sein, wenn sie Elternschelte betreiben und
vermehrte Leistungen der Eltern bei der Hausaufgabenbetreuung und bei der
Einübung des Unterrichtsstoffes einfordern. Dass die PISA-Studien den
Nachdruck eher auf Defizite im Schulsystem, so z. B. auf mangelnde
Möglichkeiten der Lehrer legen, allen ihren Schülern einen
leistungsfördernden Unterricht zu erteilen, wird dann ausgeklammert und die
Wege zu einer wirklich erfolgversprechenden Reform werden gedanklich
verbaut. Dies muss natürlich insbesondere angesichts der Tatsache fatal
erscheinen, dass die Defizite der Schüler dort kulminieren, wo die Eltern
aus sozialen oder ethnischen Gründen nicht dazu in der Lage sind, die
Schulleistung der Kinder ausreichend zu fördern. Wenn man immer nur über
faule Schulkinder und pflichtvergessene „Elternhäuser“ lamentiert,
argumentiert man auch hier an den wirklich weiterführenden
Reformmöglichkeiten vorbei.
Ähnlich schief laufen die Dinge, wenn man aus faktisch „unmotivierten“
deutschen Arbeitnehmern unter der Hand Menschen werden lässt, die kein
Interesse an der Arbeit haben. Es wird dann die mit den Mitteln der
Forschung aufdeckbare Tatsache ausgeblendet, dass sich bei der Mehrheit der
scheinbar Unmotivierten ein Potenzial von Leistungsbereitschaften findet,
das in den zurückliegenden Jahrzehnten offenbar angewachsen ist, das aber
nicht genutzt, sondern links liegen gelassen wird, so dass
Demotivierungsreaktionen einsetzen, die sich dann messen und ggf. auch
kritisieren lassen. Der „schwarze Peter“ liegt in Wahrheit nicht bei den
Beschäftigten, sondern beim Management, dem eine Fähigkeit abgefordert ist,
dieses Bereitschaftspotenzial durch geeignete Führungspraktiken und
organisatorische Lösungen zu aktivieren. Es kommt hierbei darauf an, den
Mitarbeitern Selbständigkeit und Mitverantwortung zuzuerkennen, wozu aber
ein Organisations- und Führungsstil erforderlich ist, den das Management
nicht – oder noch nicht - ausreichend zu erbringen vermag.
Ganz ähnlich liegen die Dinge bei den Bürgern, die nicht in die Parteien
gehen und die mit scheinbarer Plausibilität als Menschen hingestellt werden,
die sich nicht für Politik bzw. für das Gemeinwohl interessieren, weil sie
angeblich einem egoistisch gelagerten Individualismus huldigen. Es wird
dabei verdrängt, dass sich in Wahrheit bei der Mehrheit der Deutschen seit
langem eine nachdrückliche Demokratiebejahung und ein reges politisches
Interesse feststellen lässt, das im langfristigen Trend sogar angewachsen
ist. Dieses politische Interesse wird allerdings durch die politischen
Parteien nicht angemessen aufgegriffen und „bedient“. Die Weiterentwicklung
der „innerparteilichen Demokratie“, die hierzu erforderlich ist, findet
nicht statt. Wie der zu früh verstorbene Politikwissenschaftler Rudolf
Wildenmann in einem seiner letzten Bücher feststellte, sind bis zu 90
Prozent der Mitglieder der politischen Parteien schlicht „Karteileichen“.
Sie haben in ihrer Partei „nichts zu melden“ und werden allenfalls in den
Wahlkämpfen zum Plakatekleben gebraucht. Man braucht sich angesichts dessen
nicht zu wundern, dass sich die in der Bevölkerung durchaus vorhandenen
Interessen an einer gemeinschaftsbezogenen Tätigkeit im öffentlichen Raum
andere Wege suchen, die an den politischen Parteien vorbei führen.
Der Befund ist insgesamt gesehen, wie ich meine, sehr eindeutig: Die
Deutschen sind lange nicht so marode, wie ihnen nachgesagt wird, und ihre
Mentalitätsverfassung ist nicht geeignet, die Probleme zu erklären, die wir
als Nation haben.
Die Analyse, die hier nur in Stichworten vorgetragen werden kann, erbringt
darüber hinaus aber noch eine zusätzliche sehr wichtige Erkenntnis: Es lässt
sich an vielen eindrucksvollen Beispielen demonstrieren, dass im Hintergrund
eines scheinbar negativ bewertbaren Alltagsverhaltens der Menschen massive
Motivations- und Bereitschaftspotenziale stehen, die nur darauf warten,
abgerufen zu werden. Das deutsche Problem - wenn man überhaupt von einem
solchen sprechen will - besteht dementsprechend nicht in diesem
Alltagsverhalten und in einem angeblich hinter ihm stehenden „Werteverfall“.
Das „eigentliche“ Problem besteht vielmehr darin, dass die in der
Bevölkerung vorhandenen Potenziale von verantwortlichen Eliten unserer
Gesellschaft weitgehend ausgeblendet und somit auch nicht ausreichend
erkannt, gewürdigt, gefördert und entwickelt werden. Infolge dieser
Unterlassung stehen den Potenzialen keine angemessenen Chancen der
Entfaltung und des Wirksamwerdens zur Verfügung. Diese Potenziale werden
vielmehr großenteils frustriert, was sich dann an Erscheinungen der
Demotivation, des Engagementmangels, der Lustlosigkeit und „Verdrossenheit“
ablesen lässt. Diese Negativerscheinungen, die man vordergründig wahrnehmen
kann und auf die sich so viel Aufmerksamkeit richtet, sind, mit anderen
Worten, nicht der Ausdruck einer grundlegenden Mentalitätsverfassung der
Menschen. Sie sind vielmehr das Ergebnis einer Wertverwirklichungsversagung,
die den Menschen von einer Gesellschaft aufgenötigt wird, die ihre
Potenziale nicht ausreichend anzuerkennen, zu fördern und zu nutzen
versteht, oder die diese Potenziale unter Umständen sogar als gefährlich
ansieht. Letzteres ist überall da der Fall, wo der Wertewandel, der sich in
Deutschland wie auch in allen anderen modernen Gesellschaften vollzieht, als
ein „Werteverfall“ denunziert wird. Genau dies geschieht bei uns aber noch
fast täglich, obwohl die Wertewandelsforschung geradezu beschwörend darauf
hinweist, dass der Wertewandel als eine mentale „Modernisierung von innen“
zu verstehen sei. Die Menschen reagieren mit diesem Wertewandel eben nicht
negativ und pathologisch, sondern vielmehr in einer überwiegend produktiven
Weise auf die Herausforderungen der Globalisierung, worüber man sich
eigentlich sehr freuen sollte anstatt zu lamentieren.
Die Antwort auf die Frage nach dem „eigentlichen“ Problem, zu dem die
Analyse hinführt, ist also nicht in erster Linie bei den Menschen und ihrem
scheinbaren Mentalitätsverfall zu suchen. Diese Antwort ist vielmehr zu
suchen bei den Unkenntnissen, Missverständnissen und Blockierungen, denen
die Menschen mitsamt ihren realen Werten, Strebungen, Wünschen und
Bereitschaften ausgeliefert sind. Natürlich liegt die Frage nahe, wie es zu
einem derartigen sehr schwerwiegenden und folgenreichen, die
Zukunftsfähigkeit der Nation hemmenden Sachverhalt kommen kann. Auf diese
weiterführende Frage gibt es eine Reihe von Antworten:
Eine erste Antwort, die vieles erklärt, wird von der Medieninhaltsforschung
geliefert. Diese Forschung macht in aufschlussreicher Weise sichtbar, dass
sich die Massenmedien eher ans vordergründig Aktuelle und
Dramatisierungsfähige halten und dabei von der Devise „bad news is good news“
ausgehen. Negativen Dingen wird in Berichten und Kommentaren viel mehr Platz
eingeräumt als positiven, obwohl die positiven Dinge im Zweifelsfall das
Normale verkörpern und die negativen Dinge vielfach nur Ausnahmefälle sind.
Ein entgleisender Zug in Kambodscha ist eine weltweite Nachricht wert, die
100.000 Züge, die am selben Tag unfallfrei verkehrt haben, aber nicht.
Ähnlich verhält es sich mit dem veröffentlichten Bild der Gesellschaft, das
viel mehr von untypischen Ausnahmeerscheinungen bestimmt wird als vom
Normalen und gewissermaßen Wirklichen.
Es bedarf aber einer weiteren Antwort, die von einem bisher noch nicht
ausreichend erkannten und beleuchteten Phänomen ausgeht, das verstärkter
Beachtung würdig ist: Einer massiven „Gesellschaftsverdrossenheit“ bei
maßgeblichen Teilen unserer Funktionseliten nämlich.
Man geht wohl nicht fehl, wenn man annimmt, dass diese
Gesellschaftsverdrossenheit ihre Wurzel darin hat, dass man heute zwar
allenthalben den „selbstverantwortlich und flexibel handelnden Menschen“
propagiert, dass man jedoch vor seinen „real existierenden“ Formen eher
zurückschreckt. Man denkt diesen Wunsch-Menschen bisher noch viel zu
abstrakt und „vom grünen Tisch“ her. Man reduziert ihn auf einen idealen
Reißbrett-Typus, der allen Wünschen gerecht wird. Man abstrahiert bei diesem
Wunschmenschen vor allem auch von allen „Schwierigkeiten“ und
Gestaltungsaufgaben, die er als „lebender“ Mensch mit sich bringt. So
übersehen Manager, dass der selbstverantwortlich handelnde Mensch einen
Spielraum für selbstständiges Handeln braucht und dass Vorgesetzte einiges
von ihrer Anweisungsmacht abgeben müssen, wenn sie diesem Erfordernis
gerecht werden wollen. So übersehen Manager, Wirtschaftsplaner und Politiker
gemeinsam, dass gerade dieser Mensch auf einen attraktiven Arbeitsplatz und
auf produktiv herausfordernde Arbeitsmarktchancen Wert legt und legen muss,
anstatt sich bedingungslos für beliebige Jobs bereitzuhalten. So übersehen
speziell die Politiker, dass dieser Mensch, gerade wenn er politisch
interessiert ist, keine Freude daran haben kann, ein Parteibuch zu erwerben,
um anschließend nur noch Beitragszahlungen zu leisten und
Mitteilungsblättchen zu lesen. So träumen die Politiker immer noch von dem
„loyalen Stammwähler“ früherer Zeiten, den sie nach wie vor als den idealen
Staatsbürger ansehen, während sie sich der dringlichen Aufgabe verweigern,
sich produktiv auf die zahlreichen „Wechselwähler“ einzustellen, die von
ihnen die vertrauenswürdige Einlösung von Wahlversprechen erwarten und die
es sich herausnehmen, eine auf Werbewirksamkeit hin getrimmte Rhetorik
kritisch auf ihren realen Gehalt hin zu befragen (was ein moderner
„Staatsbürger“ ja eigentlich tun sollte!)
Was bei einer solchen Sichtweise erkennbar wird, ist ein Festhalten großer
Teile unserer Funktionseliten an einem Menschenbild, das zwar vordergründig
„modern“ ist, das aber in Wahrheit von veralteten Denkgewohnheiten und von
Vorteilswahrungs- und Bequemlichkeitsinteressen mitbestimmt ist.
Die dadurch entstehenden Denk- und Handlungsblockaden sind folgenreich und
kostenträchtig. Das Deutsche Gallup-Institut stellt in dem vorhin schon
einmal erwähnten Untersuchungsbericht fest, dass durch Motivationsmängel bei
den deutschen Arbeitnehmern, die aber vornehmlich durch „schlechtes“, zu
wenig „mitarbeiterorientiertes“ Management verursacht sind, jährliche
Schäden in Höhe von ca. 220 Milliarden Euro entstehen. Vermutlich handelt es
sich dabei aber nur um einen Bruchteil der Einbußen, die insgesamt gesehen
in den verschiedenen in Betracht kommenden Lebensbereichen zu kalkulieren
sind. Hinzu kommen z. B. die Einbußen an Gesundheit und Lebendigkeit der
Demokratie, die dadurch entstehen, dass die Menschen der Politik
mehrheitlich passiv und verdrossen gegenüberstehen; hinzu kommt ein
Geburtenschwund, der dazu führt, dass einer immer schmaler werdenden Basis
junger Menschen ein immer umfangreicherer und schwerer werdender Altersberg
aufgepackt wird; hinzu kommen Kinder, die lustlos die Schulbank drücken und
die anschließend ohne ausreichende Schulbildung in ein Leben geschickt
werden, für das sie nicht gewappnet sind; hinzu kommen Migranten, die Fremde
im Lande bleiben, und so weiter.
Man möchte dies allen ins Stammbuch schreiben, die heute noch von einem
„Mentalitätsverfall“ der Deutschen reden und schreiben, die meinen, den
Menschen Vorhaltungen machen zu sollen oder die, auf ein negatives
Menschenbild gestützt, Politik machen zu können glauben. Da und dort regen
sich heute Einzeleinsichten, die in die richtige Richtung weisen. Es fehlt
aber bisher noch an einer breiten und grundsätzlich gelagerten Einsicht in
die wirklichen Verhältnisse. Man kann ohne Schwierigkeit die These
aufstellen, dass wir unsere nationalen Probleme ohne eine solche Einsicht,
die eine Abwendung von liebgewonnenen Denkfehlern einschließen muss, nicht
lösen können. Natürlich wird eine solche Einsicht allein nicht automatisch
zur Lösung aller dieser Probleme führen. Sie wird aber den Ausblick auf Wege
eröffnen, die bisher nicht sichtbar sind oder nicht gangbar erscheinen.
Diese Einsicht scheint somit, wie ich meine, eine der wichtigsten Dinge zu
sein, die man sich von der nächsten Zukunft erhoffen kann.
*****
* Zum Autor:
Helmut Klages, geboren 1930, studierte Volkswirtschaftslehre in Erlangen und
München, danach Promotion mit einem empirisch-soziologischen Thema bei
Helmut Schelsky. 1961 Habilitation für das Fach Soziologie, 1964 Berufung
auf den Lehrstuhl für Soziologie an der TU Berlin, maßgebliche Beteiligung
an der Gründung des Zentrums Berlin für Zukunftsforschung. 1975 Berufung
nach Speyer, auf den soziologischen Lehrstuhl der deutschen Hochschule für
Verwaltungswissenschaften. Klages war eines der frühen Mitglieder des „Club
of Rome“, er wurde in den 70er Jahren zu einem der Pioniere der
Wertewandelsforschung; seit seiner Emeritierung forscht er über
bürgerschaftliches Engagement und die Aktivierung von Humanpotenzialen.
Aktuell beschäftigt er sich mit der Frage, wie es der Politik möglich ist,
die enormen Chancen gesellschaftlicher Entwicklung produktiv zu nutzen.
Bücherauswahl:
- Die unruhige Gesellschaft. Untersuchungen über Probleme und Grenzen
sozialer Stabilität. Beck-Verlag.
- Überlasteter Staat – verdrossene Bürger? Zu den Dissonanzen der
Wohlfahrtsgesellschaft. Campus-Verlag.
- Wertorientierung im Wandel. Campus-Verlag.
- Wertedynamik. Fromm-Verlag.
- Traditionsbruch als Herausforderung. Perspektiven der Wertegesellschaft.
Campus-Verlag.
- Der blockierte Mensch. Campus-Verlag |
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