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Theodor Ickler: „Was ist vom „Rat für deutsche
Rechtschreibung“ zu erwarten?“
Nach dem Internationalen Arbeitskreis, der
Zwischenstaatlichen Kommission und dem Beirat für deutsche Rechtschreibung
ist der „Rat“ das vierte Gremium, das sich mit demselben Gegenstand
befassen soll: der Durchsetzung einer Rechtschreibreform gegen den Willen
der Bevölkerungsmehrheit und fast aller Schriftsteller und
Intellektuellen. Die Ministerpräsidenten und Kultusminister versprechen
dem widerspenstigen Volk, daß dieses Gremium die Steine des Anstoßes
beseitigen und eine allseits akzeptierbare Lösung der von ihnen selbst
verursachten Krise finden werde. Der Vorsitzende des Rates will die
Gesellschaft „mit der Rechtschreibreform versöhnen“. Was berechtigt zu
solcher Erwartung?
Mitglieder im Rat für deutsche
Rechtschreibung
Deutschland
Prof. Dr. Ludwig Eichinger, Institut für Deutsche Sprache
Prof. Dr. Norbert Richard Wolf, Institut für Deutsche Sprache
N.N., N.N., Akademie für Sprache und Dichtung
Dr. Matthias Wermke, Dudenredaktion des Bibliographischen Instituts & F.A.
Brockhaus AG
Frau Dr. Sabine Krome Wissen, Media Verlag/Wahrig-Wörterbuch
Prof. Dr. Rudolf Hoberg, Gesellschaft für deutsche Sprache
Prof. Dr. Werner Besch, Union der deutschen Akademien der Wissenschaften
Prof. Dr. Jacob Ossner, Symposion Deutschdidaktik e.V.
Fritz Tangermann, Fachverband Deutsch im Deutschen Germanistenverband
Dr. Edmund Jacoby, Börsenverein des deutschen Buchhandels
Michael Banse, VdS Bildungsmedien
Ulrike Kaiser, Deutscher Journalistenverband/Deutsche Journalistinnen- und
Journalistenunion
Jürgen Hein, Arbeitsgemeinschaft der deutschsprachigen
Nachrichtenagenturen
Anja Pasquay, Bundesverband deutscher Zeitungsverleger – BDZV
Wolfgang Fürstner, Verband deutscher Zeitschriftenverleger e.V.
N.N., P.E.N.-Zentrum Deutschland
Dr. Ludwig Eckinger, Deutscher Beamtenbund/Deutscher Gewerkschaftsbund
Österreich
Landesschulinspektor Dr. Karl Blüml, Didaktik
OStR Prof. Günter Lusser, Didaktik
o.Univ.-Prof. Dr. Richard Schrodt, Wissenschaft
Mag. Ulrike Steiner, Österreichisches Wörterbuch
Bundesminister a. D. Dr. Helmut Zilk, Pädagogik
Obersenatsrat Dr. Kurt Scholz, Pädagogik
Dr. Hans Haider, Journalismus
Dir. Georg Glöckler, öbv&hpt
Dr. Ludwig Laher, Autoren
Schweiz
Prof. Dr. Horst Sitta, Fachwissenschaft
Prof. Dr. Peter Gallmann, Fachwissenschaft
Prof. Dr. Thomas Lindauer, Fachdidaktik
Max A. Müller, Lehrerorganisationen
Dr. Werner Hauck, Öffentliche Verwaltung
Peter Feller, Schulbuchverlage
Stephan Dové, Zeitungs- und Zeitschriftenverlegerverband
Dr. Monique R. Siegel, PEN-Zentrum Schweiz
1 Sitz vakant
(Quelle: www.kmk.org vom
17.12.2004; Vorname bei Dr. Sabine Krome ergänzt)
Sieben Mitglieder saßen
schon in der nunmehr aufgelösten zwölfköpfigen Zwischenstaatlichen
Kommission. Österreich und die Schweiz haben alle bisherigen
Kommissionsmitglieder in den neuen Rat entsandt. Damit machen sie
deutlich, was sie von den Revisionsbemühungen der deutschen Kultusminister
halten; aus der gleichen Protesthaltung heraus hatten sie bereits den
deutschen „Beirat“ nicht mitgetragen, sondern regierungsnahe eigene
Beiräte geschaffen. Von deutscher Seite ist Hoberg geblieben, die anderen
wurden durch Personen ersetzt, die für Kontinuität des Kurses bürgen. Fast
alle deutschen Mitglieder stammen aus dem genannten Beirat.
Hier ist zum Vergleich die Besetzung des bisherigen
deutschen Beirats:
P.E.N.-Zentrum
Bundesrepublik Deutschland
Verband deutscher Schriftsteller in der IG Medien
Deutscher Journalistenverband
Bundesverband deutscher Zeitungsverleger e.V.
Verband deutscher Zeitschriftenverleger e.V.
Arbeitsgemeinschaft der deutschsprachigen Nachrichtenagenturen
Börsenverein des Deutschen Buchhandels
VdS Bildungsmedien e.V.
Bundeselternrat
Deutscher Gewerkschaftsbund - Lehrerorganisationen
Deutscher Beamtenbund - Lehrerorganisationen
Deutsches Institut für Normung
Dudenredaktion
Bertelsmann-Lexikonverlag
Wahrig-Wörterbuchredaktion
Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren e.V.
Ausgeschieden sind einige Vertreter, die auch bisher
schon als mehr oder weniger stumme Gäste dabeisaßen bzw. sich
entschuldigen ließen wie das Deutsche Institut für Normung oder der
Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren
e.V. Den Bundeselternrat rechnet der VdS Bildungsmedien (d. h. der
Verband der Schulbuchverleger) ohnehin zu seiner „Verbändeallianz“, vgl.
meinen Beitrag „Die Schulbuchverleger und die Rechtschreibreform“. Der
jetzige Vorsitzende des Bundeselternrats bezeichnete die Reform gar als
einen „Glücksfall“. Immerhin verdient festgehalten zu werden, daß im Rat
nicht einmal zur Wahrung des Scheins Eltern oder Schüler vertreten sind,
wohl aber reichlich Wirtschaftsunternehmen und Berufsverbände. Zur letzten
gemeinsamen Aktion der „Verbändeallianz“, einer Pressekonferenz in Berlin
am 1.10.2004, waren immerhin noch die Vorsitzenden von Bundeselternrat und
Bundesschülervertretung eingeladen worden; sie dankten es durch
bedingungslose Zustimmung. - Wahrig ist inzwischen eine Bertelsmann-Marke,
so daß auf Renate Wahrig-Burfeind verzichtet werden kann.
Der „Beirat“ war bereits nach den Wünschen der
Zwischenstaatlichen Kommission zusammengestellt, die er beraten oder
beaufsichtigen sollte.
„Der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche
Rechtschreibung wurde 2000 ein Beirat zugeordnet. Dieser Beirat begleitet
die Arbeit der Kommission, die sich bis 2005, das heißt bis zur
endgültigen Fassung des neuen Regelwerkes, weiter mit der
Rechtschreibreform befasst. Den Mitgliedern des Beirats obliegt es, vor
dem Hintergrund der Umsetzung der neuen Rechtschreibung als notwendig bzw.
wünschenswert erachtete Korrekturen an der Reform vorzubringen und zu
diskutieren. Die Mitglieder des Beirats wurden von der Zwischenstaatlichen
Kommission für deutsche Rechtschreibung der Kultusministerkonferenz der
Länder vorgeschlagen, die ihrerseits über die Zusammensetzung des Beirats
zu entscheiden hatte. Dieser Entscheidung musste im Weiteren die
Bundesregierung zustimmen.“ (Verband der freien Lektorinnen und Lektoren)
Die Kommission selbst wiederum war aus der Gruppe der
Reformer hervorgegangen und nach deren Wünschen zusammengesetzt, wie ihr
ehemaliges Mitglied Horst H. Munske bestätigt:
„Als elementaren Fehler erkennt man nachträglich, daß
die KMK keinerlei Einfluß auf die Zusammensetzung der Mannheimer
Rechtschreibkommission genommen hat.“ (Horst H. Munske: Verfehlte
Kulturpolitik. In: Kunst und Kultur 1998)
Der Beirat ist im Laufe der Jahre nur zweimal zu
Arbeitssitzungen zusammengetreten, um den dritten und vierten Bericht
durchzuwinken; einige Mitglieder sind gar nicht erst erschienen oder haben
nur schriftliche Stellungnahmen eingereicht, die aber von dem Gremium
nicht berücksichtigt wurden. Es gab – nach persönlicher Auskunft mehrerer
Mitglieder – auch durchaus Streit, aber in der abschließenden
Stellungnahme zu den Berichten ist davon keine Spur mehr zu entdecken.
Seinen Sitz hat der Rat am Institut für deutsche
Sprache in Mannheim, dem bisherigen Zentrum der Reformpropaganda. Er hat
die Aufgabe, die Durchsetzung der Rechtschreibreform zu begleiten, und
zwar so, wie sie von der Kultusministerkonferenz beschlossen ist. Dabei
darf er auch kritische Bemerkungen äußern. Eine Rücknahme der Reform kommt
auftragsgemäß aber nicht in Betracht.
Die Wissenschaft ist nur in Spuren vertreten, und
zwar fast ausschließlich in Gestalt der Reformer und ihrer Freunde. Den
Kern des Rates bilden die Schulbuch- und Wörterbuchverlage, also die
wirtschaftlich an der weiteren Durchsetzung der Reform besonders
Interessierten. Sie beherrschten schon den bisherigen „Beirat“, was andere
Mitglieder in ängstlich-vertraulichen Mitteilungen beklagten. Der
Dudenverlag hat die jüngsten Änderungsbeschlüsse der KMK bereits in
einem Ende August 2004 erschienenen neuen Rechtschreibduden umgesetzt;
Bertelsmann hat für den Mai 2005 ein neues Rechtschreibwörterbuch
angekündigt. In beiden Fällen hängt daran eine große Menge weiterer
Publikationen. Beide Unternehmen sind schon aus diesem Grunde an einer
weiteren Durchsetzung der Reform in ihrer aktuellen Version ohne große
Veränderungen interessiert. Dafür spricht auch die Terminplanung: Bis zum
31. Juli 2005 müssen die nochmals revidierten neuen Wörterbücher
vorliegen; die nächste Sitzung des Rates, auf der erstmals inhaltliche
Fragen besprochen werden sollen, findet am 18. Februar 2005 statt – es
bleibt also gar keine Zeit für umfangreichere Eingriffe.
Welches besondere Interesse der
Bertelsmann-Konzern an der Rechtschreibreform hat, geht aus folgender
Mitteilung hervor:
„Ein Extrageschäft hat dem Konzern die
Rechtschreibreform beschert. Von der hauseigenen 'Neuen Rechtschreibung'
wurden bereits rund 1,7 Millionen Exemplare verkauft. Das Ziel, in die
Domäne des 'Duden' einzubrechen und bei einem Marktpotential von zehn
Millionen Bänden einen Anteil von über 25 Prozent zu erhalten, dürfte
damit problemlos erreicht werden.“ (Berliner Zeitung, 23.11.1996)
Auch auf einer im Internet verbreiteten „Chronologie“
der Reform läßt der Konzern erkennen, daß er die Rechtschreibreform als
seine ureigene Sache betrachtet. Um der drohenden Wiederherstellung der
Duden-Vormacht entgegenzuwirken, bot der Bertelsmann-Vertrieb (Petra
Sommer) am 14.1.1999 allen Buchhandlungen per Fax an, Prof. Götze in einer
öffentlichen Vortragsveranstaltung die Vorzüge der
Bertelsmann-Rechtschreibung darlegen zu lassen.
Die Schulbuchverleger werden wiederum durch
Michael Banse (Klett Leipzig) vertreten, der schon im bisherigen Beirat
für deutsche Rechtschreibung saß, vgl. den Jahresbericht des
VdS-Vorsitzenden von 2001:
„Unser Verband wurde Ende 2000 in den Beirat zur
Zwischenstaatlichen Kommission berufen, Herr Banse vertritt dort unsere
Interessen und wacht darüber, dass uns allen nichts Unangenehmes
passiert.“
Das wird er auch weiterhin tun. Um einen Sitz im Rat
hat sich der VdS laut Verbandsmitteilung frühzeitig aktiv beworben und
rühmt sich auch sonst, „massiv“ auf die zuständigen Politiker eingewirkt
zu haben.
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung wird
mit zwei Sitzen geködert. Zwei Sitze bekommt aber auch das Institut für
deutsche Sprache (IDS).
Das IDS hat sich auf Betreiben seines
damaligen Direktors Gerhard Stickel jahrelang als Sprachrohr der Reform
betätigt und sich beispielsweise in seiner Stellungnahme für das
Bundesverfassungsgericht zu der These verstiegen, die Richtigkeit der
Schreibweisen sei allenfalls mit der Richtigkeit von Postleitzahlen zu
vergleichen – eine im Lichte der Orthographieforschung erstaunlich
inkompetente, um nicht zu sagen frivole Behauptung. Protestierende
Schriftsteller wurden vom Institut in Pressemitteilungen verhöhnt (vgl.
„Was manche Schriftsteller alles nicht wissen“ vom 17.10.1997, sowie den
ersten Bericht der Kommission vom Dezember 1997). Das Institut gab
jahrelang ohne jedes Mandat offiziöse Erklärungen zum weiteren Fortgang
der Reform ab. Es kommt schon deshalb für eine ernsthafte
Auseinandersetzung über orthographische Fragen nicht in Betracht, auch
wenn alle seine Veröffentlichungen zwangsweise auf (fehlerhafte)
Reformschreibung umgestellt sind. Unter Sprachwissenschaftlern gilt das
IDS ohnehin als nicht besonders effizient:
„Die mit öffentlichen Geldern geförderte
Mammutinstitution [beachtet] die eigentlichen Anliegen und Interessen der
Sprachgemeinschaft kaum. So versagte sie an der dringendsten Aufgabe, ein
umfassendes Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache zu erstellen, so
daß die Sprachgemeinschaft der Brüder Grimm in diesem Punkte nun weit
hinter den europäischen Nachbarn zurücksteht. Stattdessen hat das IdS eine
überflüssige Rechtschreibreform betrieben und bis zuletzt verteidigt (s.
Sprachreport 16 [2000], 8), die aufgrund ihrer schweren inhaltlichen
Mängel mittlerweile die Einheit der deutschen Rechtschreibung – ein hohes
Gut der Sprachgemeinschaft – zerstört hat.“ (Heinz-Günther Schmitz in:
Vulpis Adolatio. Fs. f. Hubertus Menke. Heidelberg 2001, S. 725)
Stickels Nachfolger, Ludwig M. Eichinger, hat sich
noch nicht so eindeutig festgelegt, unterstützt aber die
Rechtschreibreform grundsätzlich. Der neue Mann in der Runde, Norbert
Richard Wolf (Professor in Würzburg), empfiehlt sich schon lange durch
Polemik gegen die Kritiker der Rechtschreibreform. In seinen „Hinweisen zu
einigen Spezialfällen der Rechtschreibreform“ (Internet-Fassung) gibt er
zu erkennen, daß ihm grammatisch falsche Schreibweisen wie Not tun,
Pleite gehen nichts ausmachen. - Die „Hinweise“ verteidigen die
überholte Reformfassung von 1996, Wolf wird aber sicher auch die jüngste
Wende mitmachen.
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
hat inzwischen ihre Teilnahme abgesagt, jedoch Bedingungen gestellt, über
die sich verhandeln läßt. Der Ratsvorsitzende Zehetmair rechnet mit ihrer
Rückkehr in die Runde und hat bereits ein Gespräch mit Präsident Reichert
für Januar 2005 vereinbart. Sie kann sich ihrer Alibirolle schwer
verweigern, weil sie ihr Pulver allzu früh verschossen hat, bot sie doch
ungefragt einen „Kompromiß“ an, als dies noch gar nicht nötig war. Während
die Zeitungen und Zeitschriften des Axel Springer Verlags, die F.A.Z., die
Schweizer Monatshefte und andere Publikationen (laut „Capital“ bis
Dezember 2004 rund 300 Zeitschriften und Zeitungen) längst die beste
Lösung, also die schlichte Rückkehr zur bewährten Orthographie, vorführen,
preist die Akademie immer noch ihre „zweitbeste“ an, einen derart faulen
Kompromiß, daß die Zwischenstaatliche Kommission mit Recht jede Diskussion
darüber ablehnte. Doch selbst wenn die Akademie ihre zaghafte Kritik
vortragen sollte, wird sie durch das IDS sofort neutralisiert. Übrigens
geht die Besetzung der gescheiterten Zwischenstaatlichen Kommission
weitgehend auf das IDS zurück, das hier ein Vorschlagsrecht für fünf der
sechs deutschen Vertreter besaß.
Die Gesellschaft für deutsche Sprache, von
ihrem äußerst autoritär auftretenden Vorstand auf Reformkurs gezwungen,
wird durch ihren Vorsitzenden Hoberg vertreten, der bereits in der
Zwischenstaatlichen Kommission saß. Zur bisherigen Befassung dieses
Vereins mit der Rechtschreibreform gebe ich zunächst einen Abschnitt aus
meinem Buch „Regelungsgewalt“ wieder:
„Während der Mitgliederversammlung am 10. Mai 1998
in Wiesbaden beantragte ich, folgendes zu erklären: 'Die Gesellschaft für
deutsche Sprache sieht sich zur Zeit außerstande, ein Votum zur
Neuregelung der deutschen Rechtschreibung in der Fassung von 1996
abzugeben, da unter den Mitgliedern keine eindeutige Meinung zu diesem
Gegenstand festgestellt worden ist.'“
(Damit wollte ich verhindern, daß der Vorsitzende
wenige Tage später vor dem Bundesverfassungsgericht die Rechtschreibreform
im Namen der GfdS guthieß.)
„Der Antrag wurde mehrheitlich abgelehnt, ebenso wie
zuvor der Antrag von Hildegard Krämer auf eine Mitgliederbefragung zur
Reform; doch kam es während der Aussprache zu einer unschönen Szene. Die
wissenschaftlichen Mitarbeiter, vertreten durch Helmut Walther
(Schriftleiter des „Sprachdienstes“), Gerhard Müller (Schriftleiter der
„Muttersprache“) und Uwe Förster, erklärten übereinstimmend, sie hätte in
zwei Jahren tagtäglicher Sprachberatung mit der Neuregelung die Einsicht
gewonnen, daß die Rechtschreibreform nichts tauge. Daraufhin wurden sie
vom Vorstand (Vorsitzer Günther Pflug, Vorstandsmitglied Rudolf Hoberg,
Geschäftsführerin Karin Frank-Cyrus) lautstark niedergemacht, ließen sich
aber nicht einschüchtern. Bezeichnenderweise gaben sie auf die Frage,
warum sie das nicht eher gesagt hätten, die Antwort, sie seien nie gefragt
worden – was ein Licht auf das Betriebsklima in der Wiesbadener
Geschäftsstelle warf, das besonders durch die Geschäftsführerin nachhaltig
gestört sein soll und seither sicher nicht besser geworden ist.“
Dieser Bericht wird bestätigt durch einen weiteren
Zeugen, Prof. Horst Dieter Schlosser (Frankfurt):
„Wie Ihnen vielleicht bekannt ist, hat sich Herr
Prof. Pflug in Sachen Rechtschreibreform bei seiner Anhörung vor dem
Bundesverfassungsgericht schlicht wahrheitswidrig vehalten, wenn er dabei
erklärt hat, die GfdS habe in ihrer Sprachberatung mit den neuen Regeln
nur gute Erfahrungen gemacht. Das Gegenteil war nämlich der Fall. Denn es
hat auf der Mitgliederversammlung der GfdS 1998 gerade deswegen heftige
Auseinandersetzungen gegeben. Die Sprachberater erklärten auf dieser
Versammlung in öffentlicher Sitzung, sie seien bisher von niemandem aus
dem Vorstand oder der Geschäftsführung nach ihren Erfahrungen mit den
neuen Regeln befragt worden; tatsächlich seien sie aber gerade auf Grund
ihrer Erfahrungen in der Sprachberatung von anfänglichen Befürwortern der
Reform zu Kritikern geworden. Eine positive Stellungnahme der GfdS
entbehre also jeder Grundlage. Vorstand und Geschäftsführung reagierten
auf diese Erklärung äußerst gereizt und beschimpften die Sprachberater in
aller Öffentlichkeit wegen dieser politisch offenbar unerwünschten
Äußerungen. Unter der Hand konnte man später erfahren, dass die
Sprachberater danach in dieser Frage ein regelrechtes Redeverbot
erhielten.“ (Horst Dieter Schlosser in einem Brief an Silke Wiechers vom
10.6.2003, abgedruckt in dies.: Die Gesellschaft für deutsche Sprache.
Frankfurt 2004, S. 327)
Silke Wiechers, die selbst zeitweise Mitarbeiterin
der GfdS war, bemerkt abschließend:
„Mit dem Wissen um ein derart autoritäres und
antidemokratisches Vorgehen, bei dem die Erfahrungen der Sprachberatung im
eigenen Haus bewußt nicht einbezogen wurden, kann der GfdS unter dieser
Leitung Glaubwürdigkeit und Kompetenz zum Thema 'Rechtschreibreform' kaum
noch zugebilligt werden.“ (ebd.)
Es sei noch erwähnt, daß ein umfangreicher Band
„Förderung der Sprachkultur in Deutschland“, herausgegeben von der GfdS
und dem IDS, zwar Platz für die skurrile „Deutsche Gesellschaft zur
Rettung des Konjunktivs“ und Großunternehmen wie die Bertelsmann-Stiftung
hatte, die mit Sprachpflege nichts zu tun haben, nicht aber für Vereine,
die gegen die Rechtschreibreform kämpfen, mögen sie auch würdig gewesen
sein, vom Bundesverfassungsgericht und vom Bundestag angehört zu werden.
Diese absichtsvolle Verschweigung der Tatsachen kann als Spielart von
Wissenschaftsbetrug bezeichnet werden – gefördert mit öffentlichen
Mitteln. Die ebenso einseitige wie oberflächliche Stellungnahme der GfdS
für das Bundesverfassungsgericht (18.9.1997) wurde von der
baden-württembergischen Kultusministerin sogleich als Beweis dafür
interpretiert, „die Sprachwissenschaft“ unterstütze die
Rechtschreibreform.
Die Arbeitsgemeinschaft der deutschsprachigen
Nachrichtenagenturen wird durch die Deutsche Presse-Agentur (dpa)
vertreten. Wie sich dpa um die Durchsetzung der Rechtschreibreform
verdient gemacht hat, ist in meinem Buch „Regelungsgewalt“ dokumentiert.
Viele Zeitungen fühlten sich damals von dpa überrumpelt. Die Agenturen
pflegen eine fehlerhafte, von dpa ausgearbeitete Hausorthographie und
verwirren damit die Schüler zusätzlich. Es bleibt abzuwarten, ob der
Vorstoß des Springer-Verlags hier ein Umdenken bewirkt. Das gilt auch für
den Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger. Er ist zwar zu den
Hauptverantwortlichen zu zählen, weil sein abgestimmtes Vorgehen im Sommer
1999 die Durchsetzung der Reform erst möglich gemacht hat, ist aber
wenigstens finanziell uninteressiert, wie seine kurze, von Volker Schulze
und Anja Pasquay unterzeichnete Stellungnahme für das
Bundesverfassungsgericht vom 8.4.1998 deutlich machte:
„Unseren Erkenntnissen zufolge bedeutet die Umsetzung
der Rechtschreibreform für die Zeitungsbranche ein Investitionsvolumen von
rund fünf Millionen Mark. Dieser Betrag ist, mit Blick auf den
Gesamtumsatz unserer Branche, nicht allzu hoch; eine Rücknahme der Reform
würde folglich keine bedeutenden Verluste mit sich bringen.“
Schwer zu verstehen ist, warum neben den
Zeitungsverlegern auch noch die Zeitschriftenverleger vertreten
sind. Diese Entscheidung verstärkt nur das Stimmgewicht der
wirtschaftlichen Interessen; einen inhaltlichen Beitrag kann man von den
Verlegerverbänden schwerlich erwarten.
Ulrike Kaiser hat als Chefredakteurin die Zeitschrift
„Journalist“, das Organ des Deutschen Journalistenverbandes, im
Jahre 1999 auf Reformschreibung umgestellt.
Kritische Alibistimmen sind für die Union der
deutschen Akademien der Wissenschaften und für das PEN-Zentrum
Deutschland vorgesehen. Die Akademien haben sich bereits geschlossen
für eine Rücknahme der Reform eingesetzt, werden aber problemlos
überstimmt werden und brauchen an den Scheinverhandlungen eigentlich gar
nicht erst teilzunehmen. Für das PEN-Zentrum gilt dasselbe; es hat sich in
einer Resolution gegen die Rechtschreibreform ausgesprochen, zuvor im
„Beirat“ allerdings die Entscheidungen der schlagkräftigen Mehrheit
mitgetragen. Beide Institutionen haben inzwischen erklärt, daß sie nicht
mitmachen wollen; die Union der Akademien ließ allerdings später wissen,
daß sie nur bei ausgewogener Beteiligung weiterer Reformkritiker zur
Mitwirkung bereit wäre. Sie benannte für diesen Fall den Bonner
Germanisten Werner Besch und als dessen Stellvertreter Manfred Bierwisch.
Kurz darauf scherte die Berlin-Brandenburgische Akademie (und damit
Bierwisch) wieder aus. Sie plädierte dafür, „auf eine staatliche
Regulierung der Rechtschreibung zu verzichten und die gewachsene Struktur
und die lebendige Dynamik der deutschen Sprache beizubehalten.“ Anders als
die Union sehe sie im Rat nicht die Voraussetzung für einen konstruktiven
Dialog gegeben.
Die Lehrerverbände und zugleich den
Beamtenbund vertritt Ludwig Eckinger, der im Beirat saß und seine
Übereinstimmung mit den Kultusministern oft genug zu Protokoll gegeben
hat; vgl. etwa VBE Pressedienst 50, 13.12.2001 oder Süddeutsche Zeitung
vom 8.7.2000 sowie sein Votum bei der vom VdS organisierten
Pressekonferenz vom 1.10.2004 in Berlin. Im Beirat saß für den
Gewerkschaftsbund noch Reinhard Mayer, über dessen private Geschäfte mit
der Rechtschreibreform ich in meinem Buch „Rechtschreibreform in der
Sackgasse“ berichtet habe; er war wohl nicht mehr tragbar.
Bemerkenswerterweise ist der Deutsche Philologenverband nicht mehr
eingeladen worden.
Vom Symposion Deutschdidaktik e.V., das seine
Unterstützung der Rechtschreibreform erst kürzlich bestätigte (vgl. F.A.Z,
vom 12.10.2004, Leserbriefe), sind Einwände so wenig zu erwarten wie von
den Lehrern im Germanistenverband (nur diese sind eingeladen, nicht
die Hochschulgermanisten). Das „Symposion“ zählt übrigens die führenden
Rechtschreibreformer Augst und Sitta zu seinen früheren Vorsitzenden;
Sitta hat für das „Symposion“ über das von ihm selbst mitverfaßte
Reformwerk ein Gutachten geschrieben, das denn auch sehr positiv ausfiel.
Jakob Ossner, der das „Symposion“ vertreten wird, lehnt eine Rückkehr ab:
„Professor Ossner findet sowohl die alte als auch die
neue Orthografie unbefriedigend. Daher halte er nichts davon, zur alten
Rechtschreibung zurückzukehren. Die Entscheidung der FAZ sei 'im
schlechten Sinne reaktionär'. Ohne 'Murren' würden seit einem Jahr die
neuen Regeln angewandt.“ (Frankfurter Rundschau 1.8.2000)
Edmund Jacoby, der den Börsenverein vertritt,
ist Leiter des Verlages Gerstenberg („Kleine Raupe Nimmersatt“ usw.) und
gibt auch selbst Kinderbücher heraus, selbstverständlich wie das ganze
Verlagsprogramm in reformierter Rechtschreibung.
Auf deutscher Seite ist mithin kein einziger
Reformgegner auszumachen.
Die österreichische Regierung hat als
Hauptvertreter dieselben drei Personen in den Rat berufen, die bereits in
der Zwischenstaatlichen Kommission saßen: Blüml, Schrodt und
Steiner. Alle drei gemeinsam haben früh ein einschlägiges Buch
verfaßt („Warum neu schreiben?“, Wien 1997). Blüml und Steiner
(hauptberuflich) arbeiten am Österreichischen Wörterbuch mit. Für Schrodts
Polemik gegen die Reformkritiker mag sein Aufsatz „Diesseits von G/gut und
B/böse“ (informationen zur deutschdidaktik 1997/3, 13-17) als
bezeichnendes Beispiel genannt sein.
Der prominente und beliebte Politiker Zilk
hat sich einmal kritisch zur übertriebenen Getrenntschreibung geäußert,
Scholz eine Glosse über Erlebnisse mit seinem Rechtschreibprogramm
geschrieben. Lusser ist Verfasser von Rechtschreib-Schulbüchern („tip
top in Rechtschreibung“, öbvhpt) und arbeitet in der „Arbeitsgruppe
Grundschule“ im Auftrag des Schulministeriums bei der Durchsetzung der
Reform mit. Von dieser Seite sind also keine wesentlichen Einwände gegen
die weitere Durchsetzung der Rechtschreibreform zu erwarten. Nur Ludwig
Laher ist als Kritiker der Reform hervorgetreten und hat in
verdienstvoller Weise die reformbedingte Aussonderung und Vernichtung von
Büchern in „alter Rechtschreibung“ aus Schulbüchereien recherchiert.
Auch die Schweiz schickt alle drei
Mitglieder der Zwischenstaatlichen Kommission in den Rat: Sitta,
Gallmann und Hauck. Dabei ist Hauck,
Leiter der Sektion Deutsch der Zentralen
Sprachdienste der schweizerischen Bundeskanzlei, noch am ehesten
bereit, seiner besseren Einsicht zu folgen. Er hat für die Schweizer
Regierung eine eigene Hausorthographie ausgearbeitet, die nicht mit der
amtlichen Neuregelung übereinstimmt. In privatem Gespräch gab er schon
1999 zu, daß die ganze Reform mißlungen sei. Sitta und Gallmann sind
maßgebende Mitverfasser der Reform. Wie sie als Reformdurchsetzer mit der
Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK)
zusammenarbeiten und dabei auch ihr finanzielles Interesse als
Duden-Autoren nicht vergessen, wurde durch einen versehentlich an die
Öffentlichkeit gelangten Brief vom 29.9.1996 an den Generalsekretär der
EDK, Christian Schmid, deutlich. Er war einer „Stellungnahme zu den
Unruhen bezüglich der Umsetzung der neuen Rechtschreibregelung in
Deutschland“ beigefügt, worin es u. a. heißt:
„Auch wenn man alles, was an Vorwürfen gegen die
Umsetzung der Reform in den neuen Wörterbüchern zu lesen war,
zusammenrechnet, kommt man auf Prozentsätze, die das öffentliche Gegacker
nicht wert sind, das da veranstaltet wird. Von geringen Ausnahmen
abgesehen, die man getrost als Petitessen oder – dem Zeitgeist
entsprechend – als Peanuts abtun kann, ist vorzügliche Arbeit geleistet
worden – nicht nur beim Duden, aber auch und vor allem beim Duden.“
(Näheres zu diesem erstaunlich ungenierten Brief an
den „lieben Christian“ in meinem Buch „Die sogenannte Rechtschreibreform“.
Sittas Geringschätzung der Schriftsteller kommt in einem Beitrag zum St.
Galler Tagblatt vom 5.10.2004 zum Ausdruck, worin er ihnen „lemminghafte
Einmütigkeit“ im Kampf gegen die Reform attestiert.) Der schönste Erfolg
von Sittas Zusammenarbeit mit der EDK ist zweifellos, daß in der Schweiz
weiterhin der Duden verbindlich ist und nicht das amtliche Regelwerk: „Der
Duden bleibt auch in seiner 21. Auflage massgebendes Referenzwerk für alle
Rechtschreibfragen im Schulunterricht.“ (Erklärung der EDK vom 30.5.1996)
Dabei hatte die Reform das Ziel, den Duden zu entmachten: „Das Ziel der
Reform waren gar nicht die Neuerungen. Das Ziel war, die
Rechtschreibregelung aus der Kompetenz eines deutschen Privatverlages in
die staatliche Kompetenz zurückzuholen.“ (Karl Blüml in: Standard
31.1.1998)
Thomas Lindauer ist eng befreundet mit Peter
Gallmann und dessen langjähriger Mitarbeiter und Mitverfasser von
Schulbüchern und anderen Arbeiten; beide gehören zusammen mit ihrem
gemeinsamen Lehrer Sitta zu den erfolgreichsten Vermarktern der
Rechtschreibreform, auch als Duden-Autoren. (Der Dudenverlag ist also
mindestens fünfmal im Rat vertreten, denn auch Hoberg ist Dudenautor.)
Peter Feller
vertritt die Schulbuchverlage als Direktor des Lehrmittelverlags des
Kantons Zürich. Er lehnt aus wirtschaftlichen Gründen jede Revision ab.
Frau Siegel ist Verfasserin von Werken wie
„Vom Lipstick zum Laptop“ (Hörbuch); zur Rechtschreibreform hat sie sich
anscheinend bisher nicht öffentlich geäußert, sagt jedoch auf Befragen:
„Ich war und bin vehemente Kritikerin. Wenn es sich jedoch als gesichert
herausstellt, dass sie nicht rückgängig gemacht werden kann, werde ich das
als Pragmatikerin akzeptieren und für die kleinstmögliche Anzahl
Änderungen kämpfen.“ (mitgeteilt von Peter Müller, Dezember 2004) Sie hat
einen Lehrauftrag an derselben Fachhochschule Aargau, an der auch Lindauer
Dozent ist.
„Dr. Monique R. Siegel hat sich mit ihrer Firma MRS
MindRevival Strategies GmbH als Innovationsberaterin international
etabliert. Als Bestsellerautorin, Publizistin und Dozentin äußert sich die
Zukunftsforscherin an zahlreichen Veranstaltungen sowie in Fernseh- und
Radiosendungen kompetent zu Themen wie Unternehmertum, Innovation, Bildung
oder Kommunikation.“ (Internet)
Warum sich das Schweizer PEN-Zentrum durch sie
vertreten läßt, ist nicht klar.
Stephan Dové ist Chefkorrektor der Neuen
Zürcher Zeitung. Als solcher ist er zwar von der amtlichen Neuregelung
keineswegs überzeugt, steht jedoch Gallmann nahe (der früher ebenfalls für
den NZZ-Verlag korrigierte; beiden haben auch gemeinsam publiziert) und
lehnt eine Rückkehr zu bewährten Rechtschreibung ab.
Der Präsident des Lehrerverbandes, Max A. Müller,
hat sich gelegentlich spöttisch über die Rechtschreibreform geäußert:
„Die deutsche
Rechtschreibreform und das neue BL-Bildungsgesetz
haben durchaus Gemeinsamkeiten. Beide Unternehmungen wurden unter
Begründungen angezettelt, an die sich heute kaum mehr jemand erinnert, in
beiden Fällen verlief die Projektphase eher holprig, die
Erläuterungsrhetorik war blumig euphorisch, und das Resultat hinterlässt
in der Umsetzung zunehmend Ratlosigkeit.“ (Rundschreiben des LVB)
Wirkliche Reformkritiker sind unter den 32
namentlich bekannten Mitgliedern des „Rates“mit Ausnahme des
Schriftstellers Ludwig Laher bisher nicht auszumachen. Der Auftrag des
Rates, wie von KMK-Präsidentin Ahnen formuliert („auf der Grundlage des
orthografischen Regelwerks“), läßt den schlichten Rückkehrgedanken auch
gar nicht zu.
Um die Aussichtslosigkeit der Lage zu erkennen, muß
man einen Blick auf den historischen Zusammenhang werfen. Der
Zwischenstaatlichen Kommission war von den Politikern eine unerfüllbare
Aufgabe zugewiesen worden:
„Die Zwischenstaatliche Kommission, die im Zuge der
Neuregelung eingerichtet wurde, sollte im Grunde die Funktion übernehmen,
die zuvor von der Dudenredaktion wahrgenommen wurde.“ (Beschlußvorlage der
KMK für die Amtschefskommission vom 14.1.2004).
Die Aufgabe der Dudenredaktion besteht bekanntlich in
erster Linie darin, Wörterbücher zu machen. Der „Rat“ soll nun die
Zwischenstaatliche Kommission ablösen und ersetzen, also wohl ebenfalls
die Rolle der Dudenredaktion ausfüllen. Daß ein 36köpfiges ehrenamtlich
tätiges Gremium, das ganz überwiegend aus lexikographischen und
linguistischen Laien besteht, die deutschsprachige Welt mit einem
brauchbaren Wörterbuch versehen könnte, ist eine abenteuerliche
Vorstellung. Man erinnert sich auch an den Ausruf Friedrich Roemhelds:
„Wann hätte je eine amtliche, halb- oder dreiviertelamtliche
orthographische Konferenz etwas Vernünftiges zuwege gebracht!“ (Die
Schrift ist nicht zum Schreiben da. Eschwege 1969, S. 23).
Der Rat soll zur Dauereinrichtung werden. Daß eine
solche Versammlung von Verbandsfunktionären in Zukunft die Regulierung der
deutschen Schriftsprache vornehmen soll, ist eine stark
gewöhnungsbedürftige Aussicht.
Der Vorsitzende Hans Zehetmair will Arbeitsgruppen
beauftragen, sich mit einzelnen Bereichen zu beschäftigen. Sie werden
naturgemäß wiederum aus den Mitgliedern der
alten Reformergruppe bestehen müssen, weil nur diese über die
erforderliche Detailkenntnis verfügen. Doch selbst da hapert es. Der
einzige, der orthographische Ideen hat, diese allerdings ohne jeden
Respekt vor dem Erfordernis der Kontinuität zu verfechten pflegt, ist
Peter Gallmann. Die wenigen Sprachwissenschaftler, die sonst noch zu
finden sind, verstehen zu wenig von Orthographie. Kein einziger hat sich
mit der Neuregelung in ihren verschiedenen Versionen näher beschäftigt.
Der „Rat“ wird also
genau das tun, was die KMK anstrebt: alle fünf Jahre über die
„problemlose“ Durchsetzung und phänomenale Akzeptanz der Reformschreibung
berichten. Dabei wird er sich auf „Mehrheiten“ bei seinen internen
Abstimmungen berufen und sich als sehr demokratisch zusammengesetzte
Vertretung der Betroffenen darstellen.
Warum es so kommen
mußte, erklärt schlaglichtartig eine Äußerung Hans Zehetmairs Ende
November 2004: „Sie wollen keine totale
Rücknahme der Reform?“ -
Zehetmair:
„Nein. Das wäre nicht durchsetzbar.“ - Die Arbeit der Reformer hat schon
vor über zehn Jahren die sachbezogene Diskussion aufgegeben und sich nur
noch auf die „Durchsetzbarkeit“ beliebiger Änderungen konzentriert. („Die
jetzt vorliegenden Vorschläge wurden allgemein als durchsetzbar
angesehen,“ heißt es schon in der Vorlage für die Wiener Konferenz 1990 –
wohlgemerkt: durchsetzbar gegen den Widerstand der Sprachgemeinschaft, die
keine Veränderung des vertrauten Schriftbilds wolle.) Daher ist es nur
konsequent, wenn jetzt Unternehmensvertreter und Verbandsfunktionäre in
einem Gremium dominieren, das über Eingriffe in die deutsche Sprache berät
und in dem solche Interessengruppen normalerweise nichts zu suchen hätten.
Im Bundestag haben alle Parteien außer der FDP den Fraktionszwang
eingesetzt, um die weitere Durchsetzung der Rechtschreibreform im Sinne
der Lobby nicht zu gefährden.
Statt die Gesellschaft
„mit der Rechtschreibreform zu versöhnen“, könnte man versuchen, die
Kultusminister mit der bewährten Rechtschreibung zu versöhnen. Solange sie
diesen Gedanken nicht an sich herankommen lassen, ist auch vom neuen „Rat“
nichts zu erwarten.
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