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SWR2 Wissen: Aula -ARD-Themenwoche
- Helmut Holzapfel: Der mobile Mensch . Mit oder ohne Auto: Über den
Verkehr und die Stadt der Zukunft ("Gentrifizierung*
oder Urbanität" w.p )
Sendung am Sonntag, 22.05.2011, 08.30 bis 9.00 Uhr
Autor und Sprecher: Professor Helmut Holzapfel *
Redaktion: Ralf Caspary
Sendung: Sonntag, 22. Mai 2011, 8.30 Uhr, SWR 2
*„Gentrifizierung“
(stadtplaner-gebräuchlich) meint
eine viel zu große Homogenität in
bestimmten Vierteln, in denen Menschen wohnen, die sich in sozialer
Hinsicht sehr
ähnlich sind...
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ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
ÜBERSICHT
Durch den Autoverkehr steigt der Kohlendioxid-Ausstoß weltweit
rapide an, laut UN-Klimarat ist bis 2050 sogar mit einer
Verdreifachung auf rund 3 Milliarden Autos zu rechnen. Alles hängt
von diesem Fortbewegungsmittel ab: der Klimawandel, der ökonomische
Wohlstand, die Mobilität, die immensen Kosten für Instandhaltung der
Straßen und für die Pflege der Verletzten, die der Autoverkehr
jährlich produziert. Müssen wir nicht endlich umdenken und eine
Abkehr vom Auto einleiten? Die Frage beantwortet der
Verkehrswissenschaftler Professor Helmut Holzapfel von der
Universität Kassel.
INHALT
Ansage:
Diese Themenwoche beginnt heute, und bis zum 27. Mai informieren
ARD-weit
Hörfunk und Fernsehen, Videotext und Internet über dieses Thema,
über die Fragen:
Was ist eigentlich Mobilität, wie kann man sie definieren, wie wird
der Verkehr der
Zukunft aussehen, wie wirkt sich Mobilität im Berufsleben aus?
In der SWR2 Aula geht es heute im Rahmen dieser Themenwoche um
Mobilität und
Verkehr. Professor Helmut Holzapfel ist Verkehrswissenschaftler an
der Universität
Kassel und in seinem Vortrag zeigt er, warum wir einen falschen
Begriff von Mobilität
haben, wie sich dieser gleichzeitig in unseren Städten
veranschaulicht, die dem Auto
immer Vorfahrt gewähren.
Helmut Holzapfel:
Wenn ich heute über Mobilität rede, fange ich an mit zwei fiktiven
Alltagsszenen, die
die Situationen von Menschen schildern: Herr Branger wohnt in einem
kleinen Ort bei
Kassel namens Kleinalmerode. Er arbeitet in einer großen Fabrik ca.
50 Kilometer
entfernt. Zum Einkaufen gibt es in Kleinalmerode natürlich nichts
mehr. Aber Herr
Branger hat ja einen Kombi, und er fährt regelmäßig zu einem
Supermarkt in zehn
bis 15 Kilometer Entfernung. Wenn er das nicht tun kann, erledigt
das seine Frau, die
einen kleinen Zweitwagen hat, mit dem sie auch die Kinder in den
Kindergarten und
in die Schule bringt, denn Kleinalmerode hat keine Schule und keinen
Kindergarten
mehr. Dafür hat die Familie Branger auf einem sehr preiswerten
Grundstück ein
schönes, großes und günstiges Einfamilienhaus gebaut mit viel Platz
außen herum.
Die zweite Alltagsszene zeigt die Familie Kebberich, die in einem
Reihenhaus in der
Altstadt von Tübingen wohnt. Er oder sie – das können wir jetzt mal
offen lassen –
radelt zum Job an der Universität, der zweite Partner hat einen
Halbtagsjob zum
Beispiel in einem Modegeschäft in der Nähe. Die Kinder gehen in die
nahe gelegene
Schule. Diese Schule erreichen sie zu Fuß. Der Kleinwagen der
Familie steht wenig
genutzt in einer Sammelgarage in der Nähe. Den kleinen Platz vor dem
Haus nutzen
die Kebberichs als Garten. Regelmäßig diskutiert das Paar, ob es
nicht sinnvoll sei,
den Kleinwagen abzuschaffen und sich ggf. an einer Initiative für
Car-Sharing zu
beteiligen, weil die Kilometerleistung des Autos doch sehr niedrig
ist.
Welche Familie ist mobiler? Die Kebberichs in Tübingen oder Familie
Branger in
Kleinalmerode mit ihrem Einfamilienwohnhaus, an das eine
Doppelgarage
angegliedert ist, in der schon ein Platz für die Kinder reserviert
ist, damit die
vielleicht später auch mit einem Fahrzeug unterwegs sein können. Wer
lebt besser?
Wo sind die besseren Lebensbedingungen? In dem Einfamilienhaus auf
der grünen
Wiese oder in Tübingen?
Sie sehen, das, worüber wir heute reden, handelt von Ihrem Alltag.
Mobilität ist Teil
der Alltagsorganisation, und sie kann auch nur erklärt werden, wenn
wir die Lebensund
Wohnbedingungen der Menschen mit betrachten. Ich werde im Folgenden
zunächst einmal versuchen, näher zu klären, was denn überhaupt
Mobilität ist, was
den Begriff ausmacht, wo er herkommt und was es für die Menschen in
unseren zwei
Beispielen bedeutet, mobil zu sein. Im zweiten Teil meines Vortrags
werde ich einen
kurzen Blick darauf werfen, wie Mobilität in der Zukunft aussehen
wird.
Was genau ist denn nun Mobilität? Eigentlich müsste es uns allen
klar sein. Politiker,
die Autostraßen einweihen, Verkehrsminister, die eine Rede halten:
Spätestens in
jedem zweiten Satz kommt fast immer das Wort „Mobilität“ vor. Wir
würden alle
mobiler, Mobilität sei ein Zeichen von Wachstum und Wohlstand.
Deswegen würde
die Autostraße eingeweiht. Ein solches Wort – ich würde es fast als
Zauberwort
bezeichnen wollen – müsste ja eigentlich deutlich definiert sein.
Dabei ist es das
nicht, und es ist auch keineswegs so alt. In Kassel wurde vor etwa
150 das
Wörterbuch der Gebrüder Grimm verfasst, da finden Sie das Wort
Mobilität nicht.
Und wenn Sie damals vor 100 Jahren einen Menschen angesprochen und
gefragt
hätten, was Mobilität ist, hätte der den Kopf geschüttelt und
vielleicht ans Militärische
gedacht: „mobil machen“, sich in Bereitschaft versetzen. Das war
damit verbunden.
Und in der Wissenschaft taucht der Begriff eigentlich auch erst nach
den fünfziger
Jahren des letzten Jahrhunderts auf. Zuerst in der Soziologie, wo
Mobilität mit der
Möglichkeit, zwischen sozialen Schichten zu wechseln, gleichgesetzt
wird. Schaffe
ich es, vom Arbeiter zum Generaldirektor aufzusteigen?
Der Verkehrsbegriff wird in den siebziger und achtziger Jahren des
letzten
Jahrhunderts aktuell, er bleibt aber dennoch unklar. Positiv wird er
normalerweise
konnotiert – sonst würde ihn unser Politiker nicht verwenden. Aber
was er genau ist,
weiß niemand so recht. Eine Definition sagt, es gehe dabei um die
täglich
zurückgelegten Kilometer. Erinnern wir uns an die eingangs
dargestellten Beispiele:
Die Familie Branger aus Kleinalmerode mit ihrem Haus auf der grünen
Wiese kommt
locker auf 150 km Automobilverkehr pro Tag. Der Mann fährt zur
Arbeit hin und
zurück rund 100 km, die Kinder werden von der Frau hin- und
hergefahren,
unterwegs wird der Supermarkt aufgesucht – ist diese Familie denn
nun mobil? Ist
sie gar mobiler als die Familie in Tübingen?
Schauen wir uns diese an: Sie hat erheblich weniger
Kilometer-Leistung. Aber bei ihr
kommen wir auf eine zweite Definition von Mobilität, die ebenfalls
in der
Fachwissenschaft breit diskutiert wird. Die sagt, Mobilität ist die
Möglichkeit,
verschiedenartigste Tätigkeiten, für die man das Haus verlassen
muss, in möglichst
kurzer Zeit durchzuführen. Mobil ist, wer sich vielfältigste
Einrichtungen vor Ort
erschließen kann. Die Familie in Tübingen macht ja eigentlich
täglich dasselbe wie
die Familie auf der grünen Wiese: Auch dort geht eine Person,
vielleicht auch zwei,
in der Nähe arbeiten, es wird eingekauft, die Kinder gehen zur
Schule. Die
Tätigkeiten sind sozusagen identisch. Nur der Entfernungsaufwand der
Tübinger
Familie ist weit geringer. Daran knüpft eben diese zweite Definition
von Mobilität an,
die sagt, die Chance, sich möglichst viel in der Nähe erschließen zu
können, ist
entscheidend dafür, wie mobil jemand ist, wie flexibel man seinen
Lebensstil
gestalten kann. Die Tübinger haben eine große Auswahl: zwei bis drei
Geschäfte im
Zehn-Minuten-Umkreis, mehrere Schulen im 20-Minuten-Umkreis, alles
mit dem
Fahrrad oder zu Fuß zu erreichen – kein Problem. Sie sehen, mobil
kann man –
nach der zweiten Definition – auch ohne Automobil sein.
Bedeutet Wohlstand nun unbedingt, weit fahren zu müssen? Bedeutet
Wohlstand,
große Entfernung zurücklegen zu müssen? Kann ein großer
Entfernungsaufwand mit
viel Lebensqualität gleichgesetzt werden? Kann großer
Entfernungsaufwand global
betrachtet gar mit Wohlstand gleichgesetzt werden? – Vielleicht
nicht. Der
weltberühmte schwedische Geograph Torsten Hägerstrand, den ich
selbst noch
getroffen habe, hat in einem Vortrag einen solchen Zustand, dass die
ganze Welt
nun sehr günstig große Entfernungen zurücklegen könnte, wie wir
Deutschen es tun
mit Flügen zum Billigtarif usw., sogar als Katastrophe bezeichnet.
Wie wäre es, wenn
alle Menschen auf der Welt so billig unterwegs sein könnten wie wir?
Stellen Sie sich
nur einmal vor, wenn das Niveau von Entfernungsüberwindung, das wir
Deutsche
jetzt haben, in die ganze Welt exportiert würde. 1,3 Milliarden
Chinesen und bald
ebenso viele Inder hätten unser Niveau von Entfernungsüberwindung –
was wäre
dann? Vielleicht, wenn Sie jetzt an Ihrem Radio sitzen und mir
zuhören, gehen Sie
mal an Ihre Eingangstür und schauen nach, ob jemand davor steht.
Wenn wir unser
Mobilitätsniveau auf Inder und Chinesen übertragen würden, sähen Sie
jetzt vor Ihrer
Eingangstür mindestens 100 angereiste Inder oder Chinesen, die Sie
fragen würden,
wo denn die nächste Sehenswürdigkeit sei – fänden Sie das angenehm?
Hägerstrand hat fraglos recht: Eine global verteilte, billige
Entfernungsüberwindung
wäre ein Zustand, den womöglich niemand auf der Welt angenehm fände.
Vielleicht
ist es ganz gut so, wie Hägerstrand ausführte, dass Entfernung einen
Preis hat, dass
es Geld kostet und nur so haben wir auch ein Gefühl für Heimat und
Nähe. Das heißt
also, wir sollten darüber nachdenken, wie weit unser viel zu hohes
Niveau von
Entfernungsüberwindung exportierbar ist. Hat das, was wir tun, eine
Zukunft? Das ist
mehr als unsicher. Nicht nur die sozialen Grenzen der weltweiten
Entfernungsüberwindung, siehe Herr Hägerstrand, sind sichtbar,
sondern natürlich
auch die ökologischen Grenzen. Wenn 1,3 Milliarden Chinesen und die
bald gleich
große Anzahl von Indern unseren Level von Entfernungsüberwindung
hätten, würden
sie dafür enorm viel Rohstoff verbrauchen und alles würde sehr viel
teurer.
Das heißt also auch für uns: Kann es eine Welt geben, in der wir
weniger weit fahren
und trotzdem mobil bleiben? Das, was wir Fachleute – und ich bin ja
Verkehrswissenschaftler – „integrierte Städtebau- und
Verkehrskonzepte“ nennen,
wäre wahrscheinlich etwas, was Verkehr einsparen und trotzdem ein
gutes Leben
ermöglichen könnte. Es geht darum, Verkehr einzusparen, genauso wie
wir Energie
einsparen. Das ist ja schon populär. Wenn Sie ein Haus haben und Sie
können
durch Wärmedämmung Heizkosten sparen bei gleichbleibender
Wärmeleistung,
bleibt Ihre Lebensqualität erhalten. Dieses wird bereits als Politik
und Mentalität
akzeptiert. Die Idee, Verkehr einzusparen und die Stadtentwicklung
so zu
beeinflussen, dass die Lebensbedingungen ähnlich bleiben oder sich
sogar
verbessern, ist weitgehend unpopulär und hat sich noch nicht in
diesem Maße
durchgesetzt. Dass man auch mit weniger Entfernung gut leben kann,
ist noch kein
Bild, das sich in der Öffentlichkeit durchgesetzt hätte.
Lassen Sie mich kurz zeigen, wie vielleicht ein Leben in einer Stadt
aussehen könnte
etwa im Jahr 2050, das unter den Bedingungen des Verkehrssparens
stattfindet. Es
wäre eine Stadt der kurzen Wege, und das gibt es in Deutschland
sogar. Das heißt,
wir können an realen Modellen anknüpfen, die bereits existieren. Ein
Modell haben
wir in der Einleitung schon gesehen: Das ist die Familie in
Tübingen, die in der
Altstadt wohnt, und dort gibt es noch eine gemischte Struktur, es
gibt noch
Geschäfte, es gibt noch schnell erreichbare Einrichtungen wie
Schulen oder
Kindergärten, auch weil die Baudichte so hoch ist, dass dort
genügend Menschen
leben, um diese zu nutzen und damit rentabel zu machen.
Formen der sogenannten „Europäischen Stadt“, die auch von
Amerikanern häufig
noch bewundert werden, könnten bei uns genutzt werden. Stadtviertel,
wie sie in
traditionellen Städten vorkommen, werden ja häufig bei der
Konzeption moderner
Viertel gar nicht berücksichtigt. Wir haben das reine Wohngebiet,
das vor der Stadt
liegt und in dem wir keine andere Nutzung zulassen, ja, wo Menschen
sogar
protestieren, wenn jemand dort Klavierunterricht geben will oder
eine juristische
Beratung einrichten möchte. Das ist in solchen Gebieten nicht
zugelassen. Das
müsste sich dann ändern. Wir müssten eine neue Stadt so bauen, dass
sie wieder
gemischt strukturiert ist. Das reine Wohngebiet, diese Idee stammt
aus den 20er-,
30er-Jahren des letzten Jahrhunderts, damals machte es Sinn, Gewerbe
von seinem
Haus fern zu halten, denn Gewerbe war meistens dreckig, es ging um
lärmende
dreckige Rohstoffproduktion. Viele können sich heute gar nicht mehr
vorstellen, wie
etwa im Ruhrgebiet die Lärm- und Schadstoffbelastung durch das
Gewerbe
ausgesehen hat. Unsere heutigen Bedingungen sind aber ganz andere,
und wir
könnten ein solches Gebiet tatsächlich neu bauen.
Mein Freund Andreas Feldtkeller hat in Tübingen einen solchen
Versuch gestartet
und hat das sogenannte „Französische Viertel“, aufbauend auf alten
Kasernengeländen, als Stadt der kurzen Wege konzipiert. Er hat sich
sogar über alle
bestehenden Vorschriften hinweg gesetzt und mitten drin eine
Schreinerei einrichten
können. Anfangs haben alle befürchtet, dass das schief geht. Diese
Schreinerei ist
heute aber längst integriert: Sie schafft Arbeitsplätze und sie ist
gar nicht so laut, weil
wir mit den heutigen Mitteln Lärm dämmen können. Die Menschen in
diesem Gebiet,
das mittlerweile sehr attraktiv ist, wissen diese Mischung aus
Wohnen und Arbeiten
zu schätzen, denn dadurch sind auch mehr Menschen auf den Straßen
anwesend. In
einem Einfamilienhaus-Gebiete trifft man ja heutzutage kaum jemanden
auf der
Straße, und es gibt sogar viele Menschen, die diese Langeweile kaum
aushalten
können. Eine solche Leere findet man im Französischen Viertel nicht.
Es ist neu
gebaut, erinnert an die alte Stadt, es besitzt diese Mischung aus
Wohnen, Gewerbe,
Einkaufen, und die Lebensbedingungen sind gut.
Es gibt nur viel zu wenige Nachahmer in Deutschland. Viele glauben
immer noch,
das reine Wohngebiet sei das, was die Menschen wollen und was auch
die Zukunft
bestimmen würde. Das kann es nicht sein. Wir hatten in Kassel gerade
jetzt einen
Bürgerprotest, weil in einem Wohngebiet ein Dentallabor eingerichtet
werden sollte.
Umweltschützer befürchteten eine hohe Staubbelastung. Das Ganze
wurde höchst
strittig diskutiert. Die Belastung durch die Autoabgase der
Umweltschützer, die von
ihrer Wohnung in die Stadt fahren, dürfte weit höher sein als die
Belastung durch das
Dentallabor. Sie sehen, dass wir neu denken müssen und uns von den
Modellen, die
heute noch die Stadtentwicklung bestimmen, verabschieden müssen,
wenn wir über
Mobilität reden. Mit modernen Konzepten entstehen Siedlungen, in
denen es quasi
automatisch, ohne Verzicht und ohne, dass es irgendjemand spürt, ca.
30 Prozent
weniger Automobilverkehr gibt. 30 Prozent des Verkehrs entsteht gar
nicht erst, weil
die Leute entweder einen Arbeitsplatz in der Nähe haben oder aber
auf den
lebendigen Straßen Menschen treffen, mit denen sie reden und in die
nächste
Kneipe gehen anstatt weit wegzufahren, um in einer Discothek
Vergnügung zu
suchen.
Hier kommen dann auch Fußgänger und Fahrradfahrer zu ihrem Recht.
Wenn eine
solche Planung ergänzt wird durch eine gute Fußgänger- und
Fahrrad-Infrastruktur,
wird es noch weniger Automobilverkehr geben. Niemand –weder im
Französischen
Viertel in Tübingen noch in Altstadtgebieten in vielen großen
Städten – verbietet dort
das Autofahren. Nein, die Menschen nutzen ganz automatisch nicht
mehr das Auto.
Weitere Vorteile bieten sich, wenn wir noch den öffentlichen Verkehr
einbeziehen.
Wir haben in modernen neuen gemischten Vierteln dichte
Siedlungsstrukturen,
dichter als in den Vorstädten, das bedeutet, dass wir die Häuser
intelligent bauen
müssen, wenn wir dort Gartengelände für die Bewohner anbieten
wollen. Aber es
bedeutet auch, dass sich dort ein Anschluss für öffentliche
Verkehrsmittel eher
rechnet durch höhere Busfrequenzen. Am Ende steht ein Modell, das
fraglos und
ohne Verzicht mit einem Drittel des Autoverkehrs auskommen könnte.
Das wäre eine
Zukunft, wo statt eine Verkehrskultur, die auf unbegrenzten Fahrspaß
in einem
großen Auto setzt, eine urbane Stadtkultur im Mittelpunkt steht. Die
Flächen, die der
schrumpfende Autoverkehr dann freigibt, könnten ja hoffentlich
unsere Architekten
nutzen, um dort wieder ordentliche öffentliche Räume zu schaffen.
Ich rede jetzt nicht von Modellen, wenn ich 2050 sage, die total
abstrus und utopisch
sind. Es geht eigentlich darum, an bestehenden Formen anzusetzen.
Städte wie
Amsterdam oder Kopenhagen setzen bereits auf solche Modelle,
versuchen sie
auszuweiten und durchzusetzen. Das heißt, dort ist eine solche
Entwicklung bereits
im Gang.
Gute Stadtentwicklung kann also mit guter Verkehrsplanung enorm
einsparen, auch
an Energie und letztlich an CO2, das für den Treibhauseffekt
verantwortlich ist. Da in
Deutschland 50 Prozent der Bevölkerung in Städten oder zumindest in
urbanen
Gebieten wohnt, könnte dies schon heißen, wenn wir da mit 30 Prozent
des jetzigen
Autoverkehrs auskommen und die Autos 2050 nur die Hälfte an
Treibstoff
verbrauchen, dass wir letztlich nur noch 15 Prozent des heutigen
Treibstoffvolumens
benötigen würden – eine Vision, die immerhin sehr spannend ist.
Das alles gelingt natürlich nur, wenn wir auch in unseren Köpfen und
in der Praxis
einige Paradigmen über den Haufen werfen. Dass große Distanzen zu
bewältigen
unbedingt gut sei, dass große Geschwindigkeit und Fahrspaß
unvermeidliche
Größen unseres Kulturerlebnisses seien, das sind sicher Ideale, die
wir dann nicht
mehr unbedingt aufrecht erhalten können. In der Stadt der Zukunft
spielen andere
Dinge eine Rolle, man hat Spaß, wenn man Menschen trifft, man hat
Spaß an einer
urbanen Lebenskultur, die hochattraktiv ist. Schon heute sind die
Viertel, die eine
solche urbane Lebenskultur bieten, etwa in Berlin oder auch in
Tübingen, bereits von
Oberschichten sehr stark nachgefragt. Wir haben eher das Problem,
dass es zu
wenige solcher Gebiete gibt. Sie müssten sich ausbreiten, denn sonst
haben wir das,
was Stadtplaner „Gentrifizierung“ nennen, also eine viel zu große
Homogenität in
bestimmten Vierteln, in denen Menschen wohnen, die sich in sozialer
Hinsicht sehr
ähnlich sind.
Natürlich gibt es ein Problem: die Arbeitsplätze in der
Automobilindustrie, weil der
Autoverkehr schrumpft, würden wir entsprechend Arbeitsplätze
verlieren. Wir würden
anderes dagegen jedoch gewinnen, zum Beispiel eben das Wissen, wie
man
Autoverkehr einsparen kann, wie man ein intelligentes
Verkehrsmanagement betreibt
und wie man eine vernünftige, integrative Strategie von Städtebau
und Verkehr
macht, also es geht um neues Knowhow. Dieses Knowhow könnte man
durchaus
auch exportieren.
Ich habe mir von einem Journalisten sagen lassen, dass bei Daimler
heute mehr als
10.000 Ingenieure daran arbeiten würden, wie die bestehenden Modelle
noch besser
gemacht werden und noch schneller fahren könnten. Er sagte dann, es
gäbe auch
zehn Ingenieure , die sich mit integrativem Verkehrsmanagement
befassen und
damit, wie man Städtebau und Verkehr integrieren kann. Dieses
Verhältnis müsste
sich natürlich umkehren. Wir bräuchten sehr viel mehr Menschen, die
über solche
zukünftigen Dinge nachdenken.
Leider hat das die Politik noch gar nicht begriffen. Die
Finanzmittel für die Förderung
des Städtebaus hat die Bundesregierung gerade aktuell stark
reduziert, während die
Mittel für weitere Entwicklung für Autotechnik sehr viel stärker
erhöht wurden.
Zukunftsträchtige Modelle und Arbeitsplätze sähen anders aus. Sie
würden basieren
auf den von mir dargestellten Modellen einer anderen Mobilität und
einer anderen
Lebenskultur.
Vielleicht schauen Sie sich einmal das Französische Viertel in
Tübingen an. Vielleicht
überlegen Sie sich, wie Sie solche Modelle stützen könnten. Es
braucht natürlich
auch etwas weiteres, nämlich eine Dezentralisierung statt einer
weiteren
Zentralisierung. Wir müssten darüber nachdenken, ob in unserem Land
alles noch
weiter zentraler werden soll oder dezentraler werden könnte. Wenn
die
Treibstoffpreise steigen, gäbe es sowieso Anlass für eine solche
Dezentralität. Viele
Supermarktketten könnten statt nur einem Zentrallager etwa in der
Nähe von Kassel
dann mehrere Lager in Deutschland unterhalten. Ein großer deutscher
Brausehersteller könnte dann statt nur zwei Abfüllstationen fünf
oder sechs
einrichten. Das würde das Leben in diesem Land nicht unbedingt
unattraktiver
machen, im Gegenteil.
Ich denke, das alles wären Elemente, die zu einer anderen Art von
Fortschritt führen
könnten. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
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