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Ulrich Herrmann: „Außen hui und innen ...?
Schulen und ihre Architektur“
SWR2 AULA.
Redaktion: Ralf CasparySendung: Donnerstag, 6. Januar 2005, 8.30 Uhr, SWR
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Haben Sie schon einmal an einer Baustelle das Schild gesehen „Bauherr sind
hier die Kinder“? Wohl kaum. Denn wenn Kindergärten und Schulen gebaut
werden, dann baut in der Regel die Stadtverwaltung, mit finanzieller
Unterstützung des Landes. Und gebaut wird nach den Schulbaurichtlinien des
Landes, damit die Kommune auch den staatlichen Zuschuss bekommt. Diese
Richtlinien legen Zahl, Größe und Nutzungsart der Schulräume fest, sie
gelten in Baden-Württemberg seit 20 Jahren unverändert, und als sie im
Jahre 1983 in Kraft traten, waren sie schon seit mindestens 20 Jahren –
veraltet.
Etwa so könnte die Geschichte der Misere des Schulbaus und der Schulreform
hierzulande beginnen. Und so beginnt auch unsere Suche nach einer Antwort
auf die Frage, ob und wie Schulbau Schulreform verhindert hat oder
begünstigen und vor allem auch verstetigen kann.
Das Thema ist aktuell. Zwar werden nur noch wenige Schulneubauten
erstellt, aber für die große Masse der Gebäude aus den 60er und 70er
Jahren besteht ein gewaltiger Sanierungs- und Renovierungsrückstau,
Ausstattungen müssen erneuert und auf den neuesten Stand gebracht werden,
und vor allem die aus allen Nähten platzenden weiterführenden Schulen
benötigen dringend Erweiterungen. Einige Milliarden Euro fließen außerdem
in das Ganztagsschulprogramm, aber vielfach in einer Weise, als sei die
Mensa das Hauptproblem, nach dem Schema: „Ganztagsschule = mehr Unterricht
+ Mittagstisch + Hausaufgabenbetreuung“. Diese Formel war schon vor 40
Jahren falsch.
Wurde seither nichts dazugelernt? Denkt denn niemand über die Umsetzung
von moderner Pädagogik in entsprechende Gebäude nach? „Niemand weit und
breit“, schreibt der prominente Stuttgarter Architekt Arno Lederer, der
das Salem College in Überlingen gebaut hat, „kein Lehrstuhl, kein
Institut, keine Behörde... Missmutige Bemühungen, schmallippige Auskünfte
und schließlich ein kurzes Begleitschreiben mit den Schulbaurichtlinien im
Anhang der Post. ... Stillstand, nichts als Stillstand.“
Gewiss, es gibt wie immer Ausnahmen, seien es Schulen in Freier
Trägerschaft oder seien es einzelne Lehrergruppen, die sich ihre „Schule
in der Schule“ erarbeitet, erstritten und gestaltet haben. Die Stiftung
Wüstenrot schrieb im Rahmen ihres Gestaltungspreises jüngst als fünften
Wettbewerb denjenigen zum Thema „Schulen in Deutschland – Neubau und
Revitalisierung“ aus, und das Stichwort „Revitalisierung“ zeigt an, dass
offenbar in allzu vielen Schulen eine moderne Pädagogik ihren Geist
ausgehaucht hat und dringend intensiver Wiederbelebung bedarf. Schulen
sind hierzulande eher selten Orte des belebenden, interessanten,
anregenden, sinnstiftenden Lebens und Lernens von Kindern und jungen
Leuten mit ihren Lehrerinnen und Lehrern, sondern in der Regel immer noch
Lehrplan-Vollzugsanstalten und demnächst wohl
Leistungsstandard-Testinstitute.
Derzeit sind Schulen in der Regel, den Richtlinien entsprechend,
aufgereihte und gestapelte Klassenzimmer. Sie weisen neben den Verkehrs-
und „Restflächen“ (für Flure, Treppenhäuser usw.) sogenannte
Programmflächen aus. An diesen Programmflächen lässt sich zwar nicht das
pädagogische Programm einer Schule ablesen, wohl aber die starre räumliche
und organisatorische Regelung des üblichen Schul- und Unterrichtsbetriebs.
Bei den Programmflächen handelt sich zunächst um den Allgemeinen
Unterrichtsbereich, gemeint sind die Klassenzimmer, in Baden-Württemberg
ca. 60 qm groß, bei 30 oder 35 Schülern für jeden einen kleinen Tisch und
einen Stuhl – das war’s dann auch schon. Sodann die
naturwissenschaftlichen, musischen, technischen und Werk-Bereiche: so
ausgelegt, dass in ihnen unterrichtet, aber nicht in Schülergruppen
gearbeitet werden kann. Der nächste Bereich „Information“ umfasst Lehr-
und Lernmittelsammlungen – die Grundflächen nach Schulformen gestaffelt
nach 60, 80 und 100 qm – sowie wie die Schulbibliothek – von 50 bis 150
qm. Wie bei diesen Dimensionen nicht anders zu erwarten, handelt es sich
lediglich um Aufbewahrungsorte von Schulbüchern, aber nicht um Arbeits-
und Studienbibliotheken, übrigens auch nicht für die Lehrkräfte.
PC-Arbeitsplätze sind nicht vorgesehen, auch nicht für Lehrer, von den
Schülern gar nicht zu reden. Gruppen- und Einzelarbeitsplätze sucht man
vergebens, desgleichen Projekt- und Rückzugsräume, zum Üben und
Recherchieren, Entspannen und Musizieren, Palavern und Planen. Lese- und
PC-Ecken in den Klassenzimmern und entsprechend gestalteten Fluren:
Fehlanzeige. Eine Studiobühne, wo Rollenspiele und (Selbst-)Inszenierungen
geübt werden können? Kein Gedanke dran.
An diesen Modell-Raumprogrammen sich seit 20 Jahren nichts geändert. Und
noch einmal: Schon 20 Jahre vor ihrer Formulierung waren sie überholt. Im
Gespräch bemerkte der Stuttgarter Architekt Günter Behnisch – bekannt
geworden durch seine Olympia-Bauten München, Plenarsaal des Bundestags in
Bonn, Akademie am Pariser Platz in Berlin –, der viele und viele
bemerkenswerte Schulen gebaut hat: „Arbeitszimmer für Lehrer wurden mir
aus den Plänen immer rausgestrichen, und ich wunderte mich jedes Mal, wie
eine Schule funktionieren soll, in der die Lehrer nicht selber arbeiten
können.“ Die Schüler hatte er dabei noch gar nicht mal im Blick.
Gebäude erzählen vom Geist ihrer Zeit und von den Lebensweisen ihrer
Bewohner, von ihrem Anspruch an ihre Betrachter und Benutzer: das gilt für
die Kathedralen des Mittelalters und für Barockschlösser, für die
Fabrikantenvilla und das Eigenheim, für Rathäuser und Justizgebäude, für
Reihenhäuser, Bürgerhäuser, Mietshäuser, für Kasernen und Klöster,
Kaufhäuser und Krankenhäuser, und natürlich auch für Schulen. Die
Rathäuser der Reichs- und Hansestädte zeugen von frühem Bürgerstolz,
Barockschlösser widerspiegelten den landesväterlichen Glanz einer
gottgewollten Ordnung; die Gerichtsgebäude des Wilhelminischen Deutschland
machen Justiz als staatliche Gewalt sinnenfällig; die Universitätsgebäude
des 18. und 19. Jahrhunderts sind Tempel der Wissenschaft, die Kaufhäuser
des 20. und 21. Jahrhunderts Kultstätten des Konsums; das Eigenheim steht
für den Traum vom kleinen Familienglück, und die komplementäre
Monumentalarchitektur des Nationalsozialismus sollte den Volksgenossen vor
allem eines spüren lassen: Unterwerfung; Hochhäuser überführen ihre
Bewohner in Batteriehaltung und lösen Nachbarschaft in Anonymität auf.
Und die Schulen? Auch sie sind Repräsentanten des pädagogischen Geistes
ihrer Zeit, geronnen in Quadrat- und Kubikmeter: Die Dorfschulen des 19.
Jahrhunderts vereinigten Klassenzimmer (im Parterre) und Lehrerwohnung (1.
Etage), Schulgarten und Spielplatz; sie waren Bestandteil der
Nachbarschaft. Die Gymnasien vor dem Ersten Weltkrieg waren Bildungstempel
im Stil der Neugotik oder des Jugendstils. Die Schulen der Nachkriegszeit
waren nüchtern und „keimfrei“, „solide“ und „zweckmäßig“; ihre angebliche
Modernität war nichts als Langeweile und Lieblosigkeit (G. Becker). Die
Schulkinder wurden (und werden bis heute) schematisch nach Jahrgängen
zusammengefasst und nicht nach Stand und Potenzial ihrer Entwicklung und
ihrer Fähigkeiten gruppiert; sie wurden (und werden) in viereckige
Klassenzimmer gefüllt und diese entlang langer gerader Flure rechtwinklig
aufgereiht und gestapelt, wie die Zahl der Kinder, der Räume und die
Grundstücksgröße es erforderte. Man könnte auch sagen: Überführung der
Schüler in Batteriehaltung. „Es ist die große Schwäche des modernen
Verwaltungsstaates“, schrieb schon Ende der 20er Jahre der bekannte
Hamburger Pädagoge Wilhelm Flitner, „dass er (der Verwaltungsapparat) das
Schulwesen, um es leicht verwaltbar zu machen, mechanisiert.“
Diese Mechanisierung rückte die Schule zum einen in die unmittelbare Nähe
des Militärs – Einteilung nach Altersgruppen, Unterstellung „unter ein
besonderes Gewaltverhältnis“ (wie es im Juristendeutsch heißt),
Reglementierung und Ent-Individualisierung. Zum andern war die
Organisation der mechanisierten Warenproduktion Vorbild für ein
entsprechend mechanisiertes Lernen, Geprüft-Werden und Vorrücken im
Gleichtakt und Gleichschritt. Von diesen Nutzungskonzepten her gesehen ist
die strukturelle Differenz von Schule, Fabrik und Kaserne minimal, und von
der äußeren Erscheinung her kann man Verwaltungsgebäude und Schulen oft
nicht unterscheiden.
Die übliche Bauweise der Schulen hat seit den 20er und erst recht seit den
60er Jahren die Umsetzung moderner Schulpädagogik weitgehend verhindert,
denn vor allem die weiterführenden Schulen waren baulich gesehen gar nicht
als gemeinsame Arbeitsplätze von Lehrern und Schülern konzipiert. Die
Lehrer erteilten (und erteilen bis heute) Unterricht, in der Regel im
45-Minuten-Takt von Klassenzimmer zu Klassenzimmer eilend, wurden (und
blieben bis heute) mit größer werdenden Gebäuden selber unpünktlich und
hatten (und haben bis heute) bei zunehmender Klassengröße immer weniger
Zeit für die einzelnen ratsuchenden Schüler. An einem normalen
Schulvormittag sind die Lehrkräfte für ihre Schüler nicht ansprechbar und
erreichbar, als ihren Arbeitsplatz betrachten sie das private
Arbeitszimmer, nicht einen Ort in der Schule, wo sie für Fragen und
Ratschläge, Hilfen und Anregungen zur Verfügung stehen könnten – wenn sie
diesen Ort denn überhaupt hätten. Sie haben ihn nicht, und sie haben keine
Zeit, und so brennen sie, wenn sie Pech haben, langsam aus, zerrieben
zwischen der Lebenslage allzu vieler junger Menschen, denen sie nicht
wirklich helfen können, und den schulischen Anforderungen, die sie
vertreten müssen, ohne den Schülern die gebotene und erbetene
Unterstützung geben zu können.
Und die Schüler? In der Schule sind sie zumeist durch Teilnahme am
Unterricht ruhiggestellt, sprechen wenig und schreiben manchmal, lernen
und arbeiten sollen sie zu Hause. Eine Atmosphäre gemeinsamen Lebens und
Arbeitens kann gar nicht erst aufkommen, weil dafür alle Voraussetzungen
fehlen: „die Ausstattung, die Bücherei, das Mobiliar, Werkzeuge, Geräte,
Lehrbücher; ferner die Zeiteinteilung vom Jahresrhythmus an bis zur
Aufgliederung der Tageszeiten für Spiel, Erholung, selbständige Studien,
Übungen und Lehrgänge mit Lektionen.“ (W. Flitner).
Das wäre wohl kaum passiert, wenn die Schülerinnen und Schüler die
Bauherren ihrer Schulen gewesen wären. Vor einigen Jahren wurden etwa 600
Jugendliche in verschiedenen Bundesländern und Schulformen nach ihren
Vorlieben und Abneigungen im Hinblick auf Bauformen, Farben und
Inneneinrichtungen ihrer Schulen befragt (Rittelmeyer). Schulgebäude und
ihre innere Ausgestaltung werden wahrgenommen als fragil und beschwingt,
lebendig und verspielt oder auch als traurig und trostlos, brutal und
erstarrt, zudringlich und gewalttätig oder auch einfach nur als gesichts-
und charakterlos. Auf Gefühl und Gemüt wirken sie bedrängend und arrogant,
düster und unfreundlich, feindlich und hässlich, manchmal als freilassend
und heiter, freundlich und warm. Durchweg vermissten die Schüler
Lebendigkeit und Farbe, Gemütlichkeit, Wohnlichkeit und Wärme. Spricht
daraus Sehnsucht nach einer gemütlichen Einbettung in eine wärmende
Kuschelpädagogik? Ganz im Gegenteil: Die Schüler-Charakteristika, auch das
weiß man aus Erhebungen, senken den Krankenstand bei Lehrkräften, wehren
Vandalismus ab gegen das Gebäude durch das freundliche Gebäude selber, und
dass Wohlbefinden die Arbeits- und Lernleistungen steigert, gehört
inzwischen zum kleinen Einmaleins der Arbeitspsychologie und der
Kognitiven Neurowissenschaften.
Mitte 2003 starteten 12 Kollegiaten eines Ludwigshafener Gymnasiums eine
Umfrage: „Wie soll unsere Traumschule aussehen?“ – ganz im Sinne der
Devise „Bauherr sind hier die Schüler“. Bundesweit haben sich 700
Schülerinnen und Schüler beteiligt (Füller). Das Ergebnis ihrer Anregungen
und Wünsche lautet: offener Unterricht ohne frontale Belehrung; Lehrer,
die sie ernst nehmen; und endlich, dringend, schönere Schulen und
lernfreundliche Klassenzimmer; Lernwerkstätten und freies,
selbstorganisiertes Arbeiten; Gruppenarbeit und Betriebspraktika;
Abschaffung der Lehrpläne und Motivation durch Leistungsnachweise.
Wenn dies das Ergebnis einer Schülerumfrage in Sachen Unterrichtsreform
und Leistungssicherung ist drei Jahre nach PISA I und ein Jahr vor PISA
II, dann kann man ermessen, wieweit sich zum Beispiel die
Kultusministerkonferenz und einzelne Länderministerien mit ihren
Leistungsstandards und der verschärften Testeritis von der
Schulwirklichkeit und von ihrer Kundschaft entfernt haben. Diese
Schülerumfrage mit einer einhelligen Ablehnung des Lehrers als Mittel- und
Bezugspunkt ihres schulischen Lernens dokumentiert eine – so erstaunlich
auch wieder nicht – Einsicht in die ineffiziente Betriebsstruktur von
Schule und Unterricht und die dadurch erzeugten Schwierigkeiten: „Wer mit
einem fertigen Plan ins Klassenzimmer kommt, der kriegt immer ein
Problem.“ Daher: „Lehrpläne abschaffen!“ Und dann: „Keine Sorge! Mit dem
Chaos, das dabei zunächst entsteht, kommen wir besser zurecht als die
Lehrer!“
Junge Leute wollen selber etwas leisten, aus eigener Kraft, mit anderen
zusammen; sie selber wollen ihre Arbeits- als Lernprozesse
eigenverantwortlich gestalten, zusammen mit anderen, und in der Schule –
denn wo sonst träfen sie ihre Altersgenossen, ihre Freundinnen und
Freunde, wenn nicht vor allem dort? Jüngst hat eine Studie gezeigt
(Zinnecker), dass die jungen Leute nicht zum Lernen in die Schule kommen,
sondern um ihre Freunde zu treffen. Aber wenn sie denn schon lernen
sollen, dann möchten sie unterstützt werden durch Gebäude, die positive
Gefühle vermitteln, denn ein Gebäude erzwingt durch sich selbst weitgehend
die Art und Weise des Umgangs mit ihm und erzeugt dadurch Orientierungs-,
Verhaltens- und Bewertungsmuster: positive und negative. Ein Architekt
einer Grundschule (Hartmann), der seinen Auftrag und seine Aufgabe
verstanden hat, schreibt: „Schularchitektur muss deshalb abwechslungsreich
sein. Räume und Gebäudeformen dürfen nicht bedrängend oder eng wirken. Es
muss eine Vielfalt von ‚Räumen im Raum’ entstehen, die der kindlichen
Fantasie und dem Spieltrieb gerecht wird und dennoch einen geregelten
systematischen Lehrbetrieb ermöglicht. Schulen sollen Wärme und Weichheit
statt Kälte und Härte ausstrahlen. Zustimmung finden lebendig wirkende
Bauten, die das visuelle Erkundungsverhalten provozieren und den Endruck
von Lebendigkeit hervorrufen.“
Werfen wir zur Illustration einen Blick auf die Wirkungspsychologie von
Farben. (Richter) Gelb wirkt strahlend, heiter, erregend; Rot wirkt aktiv,
stimulierend, lebhaft; Blau und Grün wirken beruhigend, kühl und
entspannend, Grün außerdem noch ausgleichend; Weiß wirkt auflösend,
entleerend, unpersönlich; Schwarz wirkt dunkel, schwer, bestimmend. Ideal
sind grüne Böden: tragend, erholsam; hellblaue Decken: traumbildend,
erhöhend, himmelartig; Wände in zartem Gelb oder Orange: anregend,
leuchtend, leicht. Und wie sieht es in den Schulen aus, obwohl es doch
keine bürokratische Vorschrift für Farbengebung gibt? Grundschulen sind
meist liebevoll ausgeschmückt mit den Bildern der Kinder, da ist ein
neutraler Hintergrund allemal richtig. Aber in den weiterführenden Schulen
verliert sich die Ästhetik der Raumgestaltung nach und nach, und in der
gymnasialen Oberstufe ist in der Regel ihr Tiefpunkt erreicht, so als
müssten die Abiturienten für die heruntergekommenen und verwahrlosten
Universitätsgebäude der 60er und 70er Jahre desensibilisiert werden...
Eine Betrachtung der psychologischen Wirkung von Räumen, ihrer Aneignung
und der Bewegung in ihnen und der Identifizierung mit ihnen, führt zu
analogen Einsichten: Schüler in Wanderklassen lehrt das Schulgebäude
Heimatlosigkeit, es macht keine Identifizierungsangebote, vermittelt den
Schülern das Gefühl, hier nicht wirklich hinzugehören. Und deshalb steckt
darin auch eine politische Botschaft: „Ihr jungen Leute, ihr seid nur
hinderlich und sichtbar überflüssig!“ Man muss als Pädagoge schon sehr
fest mit beiden Beinen in der Luft stehen, um sich der Illusion
hinzugeben, mit solchen jungen Menschen noch einen Erziehungs- und
Bildungsauftrag wahrnehmen zu können, von ihrer geistig-kulturellen
Grundversorgung ganz zu schweigen.
In Schweden sagt man: „Jeder Schüler hat drei Lehrer. Der erste sind die
anderen Kinder. Der zweite ist der Lehrer. Der dritte ist der Raum.“ Genau
besehen hat jedes Kind aber noch einen vierten, den allerersten: sich
selber. Diesen vier Lehrern entsprechen vier elementare Lehr- und
Lernformen, die auch in einer Schule verwirklicht werden müssen, wenn
Schule ihrem Auftrag und Selbstverständnis als Ort des organisierten
Lernens gerecht werden will. Dies soll im folgenden konkret erläutert
werden, und damit zugleich auch die Behauptung, die Modell-Raumpläne der
Schulbaurichtlinien der 80er Jahre seien schon Anfang der 60er Jahre
veraltet gewesen. Ende der 50er Jahre zeichnete sich infolge der hohen
Geburtenraten ein Schülerberg ab, weshalb an allen Ecken und Enden neue
Schulen gebaut wurden, in der Regel nach dem Bautyp Kaserne oder
Verwaltung: rechteckig, gestapelt, lange Flure, einförmige Klassenzimmer
für Frontalunterricht – ansonsten so gut wie nichts, was alter
reformpädagogischer Erfahrung hätte Rechnung tragen können. Früh ging das
Stuttgarter Büro Behnisch andere Wege: rund, asymmetrisch, viel Glas, viel
Licht, viel Transparenz, viel Leichtigkeit. Aber das allein – nebenbei –
macht noch keine pädagogisch sinnvolle und stimmige Architektur.
Durch den Baby- und den Bau-Boom begann Ende der 50er, Anfang der 60er
Jahre eine bis heute lehrreiche Debatte über den Zusammenhang von Schulbau
und Schulreform (H. Becker, G. Becker), geführt von Schulbauinstituten,
die heute längst aufgelöst sind, und von reformorientierten Pädagogen,
orientiert an unseren vier Lehrformen: erstens der Selbstunterricht,
zweitens der Einzelunterricht, drittens das Lernen und Arbeiten in der
Gruppe, viertens die Instruktion: Vortrag bzw. die Demonstration, durch
den Lehrer oder auch durch Schüler. (G. Becker)
Es liegt auf der Hand, dass in diese vier Lern- und Arbeitsformen alles
das ohne Schwierigkeiten eingegliedert werden kann, was die PCs, die
Inter- und Intranetzugänge, was die Folien und Beamer, Bücher und CD-ROMs
an neuen Informations-, (Selbst-)Instruktions-, Recherche- und
Präsentationsmöglichkeiten gebracht haben – aber nur dann, wenn die
Modell-Raumprogramme zu den Akten gelegt werden und die Umsetzung der
Schülerwünsche nach folgenden pädagogischen Überlegungen geschieht:
Erstens: Der erste Lehrer, der Schüler selber, benötigt für sich allein
einen geschützten Arbeitsplatz, hin und wieder eine Lesenische, einen
PC-Platz, eine „vorbereitete Umgebung“ – wie es in der Sprache der
Montessori-Pädagogik und des Marchtaler Plans heißt: wo er morgens, wenn
er in die Schule kommt, weiß, was er die nächsten ein oder zwei oder drei
Stunden zu tun hat, nämlich dies: sich etwas zu erarbeiten, etwas zu
wiederholen, etwas zu üben, etwas Neues zu erkunden. Der Beginn eines
Schultags sollte dem Schüler vermitteln: Du kommst nicht hierher, um
zuzuhören, sondern um zu lernen, und das kannst du nur, wenn du selber
ungestört arbeitest: kein Mitschüler – und du bist selber einer! – soll
durch Geschwätz und Unruhe stören, aber auch kein Lehrer durch seinen
fragend-entwickelnden Unterricht. – Die Richtlinien für eine
Lehrplanvollzugsanstalt sehen natürlich keine Räume und Flächen dafür vor,
wo geschieht, was eigentlich der Zweck des Unternehmens Schule sein
sollte: das Selber-Lernen einüben, was bekanntlich zeitraubend ist und
vieler Ermutigung und individueller Unterstützung bedarf, weil Fehler und
Rückschläge unvermeidlich sind. So haben wir alle in unserem zweiten und
dritten Lebensjahre zum Beispiel Gehen und Sprechen gelernt, nicht durch
Geh- und Sprechlehrer, sondern weil man uns, anfänglich immerzu
umgefallen, einfach wieder auf die Beine stellte und einen Halt gab, und
weil man uns, gluckernd und plappernd, beim Artikulieren half – immer
freundlich und ermunternd. Vor allem bekam unser Gehirn dadurch unentwegt
die für unsere gesunde Entwicklung förderlichen Impulse: Lachen, Üben,
Erfolgserlebnisse, Gelobt- und Getröstet-Werden, Freigelassen-Werden. Der
übliche Schulunterricht missachtet alle elementaren Prinzipien des
natürlichen erfolgreichen Lernens, er ist die organisierte
Wirkungslosigkeit.
Zweitens: Gruppenarbeitsplätze – für 2er-Tandems oder 3er-Gruppen
innerhalb und außerhalb des Klassenzimmers –, so dass pro Schüler mehr
Fläche benötigt wird als in der üblichen Kirchenbestuhlung für die
Frontalpredigt, Flächen, die durch teilweise Umnutzung von Fluren leicht
zu bekommen sind: man kann aus bautechnischer „Rest“- auch pädagogische „Programm“-Fläche
machen – sofern man ein pädagogisches Programm eben hat! – Hierher gehören
auch Aufbewahrungsmöglichkeiten für die Arbeitsmaterialien und die noch
nicht abgeschlossenen Arbeiten.
Drittens: Projektarbeitsmöglichkeiten für größere 4er- oder 6er-Gruppen,
die ebenfalls Aufbewahrungsmöglichkeiten, aber auch Ausstellungsflächen
und -vitrinen benötigen: denn wer arbeitet schon motiviert über längere
Zeit, wenn er die Ergebnisse nicht präsentieren kann? Abgesehen davon,
dass eine gelungene Präsentation eine eigene Gestaltungsaufgabe darstellt!
Viertens werden dann immer noch Räume gebraucht für allgemeine
Informationen und Einführungen, Vorträge und Präsentationen, in
konventioneller Ausrichtung der Tische und Stühle auf das Pult, auf die
Tafel und die Projektionswand. Dass Treppenhäuser und Gänge heute zu einer
gegliederten Halle so angeordnet werden, dass die Schulgemeinde oder die
„Schule in der Schule“ sich dort versammeln und für Aufführungen und
Feste, Ansprachen und Konzerte nutzen kann, versteht sich heute beinahe
von selber. Das bedeutet aber auch, dass große Schulen in kleinere
Einheiten gegliedert werden sollten, in denen noch jeder jeden kennen
kann, weil mit der Anonymisierung das Gefühl der Verbundenheit und damit
der Mitverantwortung für die Schule schwindet.
Bei vielen Erweiterungs- und Neubauten sind daraus verschiedene
Konsequenzen gezogen worden: anstelle eines großen Gebäudes mehrere
kleinere, verbunden durch Bewegungs- und Spielflächen, oder sternförmige
Anordnung von Gebäudeflügeln, ausgehend von einer gemeinsamen Halle, oder
Errichtung eines „Schuldorfes“ mit den verschiedenen Gebäuden für
Funktionen und Altersgruppen, vor allem aber: die Mitwirkung der Schüler
bei der Ausgestaltung der Gebäude und des Umfeldes, damit sie
mitgeschaffen haben, wo sie hingehören sollen, damit es „ihre“ Schule
werden kann, die sie dann erfahrungsgemäß auch in Ordnung halten. Wie
sagen die Schweden? Der dritte Erzieher ist der Raum. Seine erziehende
Funktion kann er aber nur ausüben, wenn sie ihm zuvor zugebilligt und
übertragen wurde.
Schulräume – Klassenzimmer, Gruppenräume, Nischen, Flure, Werkstätten,
Ateliers – sollen die drei Formen des Lernens ermöglichen, die eine gute
Schule auszeichnen: erstens das rezeptive Lernen – die Aufnahme und
Ordnung von Informationen; zweitens das produktive Lernen – entdeckendes
Lernen durch eigene Recherche; drittens das reproduktive Lernen – Üben,
Üben, Üben.
Damit geht einher eine radikale Umorientierung der Lehrertätigkeit. Der
heute vorherrschende fragend-entwickelnde Unterricht ist im Grunde nur der
misslungene Ausweg, in der durch die Architektur erzwungenen Untätigkeit
der Schüler diese dennoch am sogenannten Unterrichtsgeschehen zu
beteiligen. Wird dieser Unterricht durch die selbstorganisierte
Eigentätigkeit der Schüler ersetzt, verwandelt sich der Lehrer als „Beibringer“
in einen Organisator von Schüler-Lernarbeit und verwandelt sich der
Schüler vom Zuhörer in einen aktiv arbeitenden Lerner. Das aber bedeutet,
dass die Lehrkräfte in der Schule länger als bisher anwesend sein und
Gelegenheit bekommen müssen, die arbeitenden Schüler(gruppen) zu begleiten
und selber ebenfalls in der Schule zu arbeiten, was übrigens ihrem Ansehen
bei den Schülern sehr zugute kommen würde: denn diese sähen ihre
Lehrerinnen und Lehrer für sie, die Schüler, arbeiten, und die älteren
könnten sich daran beteiligen.
Kommen wir abschließend noch einmal auf die aktuellen Bauvorhaben der
Ganztagsschulen zurück. Ganztagsschule ist an sich eine irreführende
Bezeichnung. Sie sollte eine Schule sein, in der Lehrer und Schüler
gemeinsam den Tag über leben und arbeiten, spielen und feiern und
gemeinsame Mahlzeiten einnehmen können; die Schüler müssen toben und sich
zurückziehen, ungestört arbeiten und üben und gemeinsam lernen können. Die
Schulgebäude müssen all diesen Bedürfnissen entgegenkommen, denn die
Schule hat mehrfache Aufgaben, die ihr niemand abnehmen kann: im Kern den
Unterrichts- und Erziehungsauftrag, den Entwicklungs- und Bildungsauftrag,
den sie aber wirksam nur wahrnehmen kann zugleich mit ihrem Kulturauftrag:
Kulturen des Arbeitens und des Anstands, des Kooperierens und der
Selbstverantwortlichkeit einzuüben. Andernfalls läuft es doch wieder auf
die alte Formel „Ganztagsschule = mehr Unterricht + Mittagstisch +
Hausaufgabenbetreuung“ hinaus, und der Schulverdruss der Kinder und der
Berufsverdruss der Lehrer wird sich verstärken.
Schulbau hat in der Vergangenheit mehr Schulreform verhindert als
ermöglicht, Schulen waren manchmal geradezu die betonierten
Lernhindernisse. Heute gibt es vorbildliche Neubauten und mit viel
Geschick pädagogisch revitalisierte Altbauten, die die Käfighaltung durch
freilaufende Bodenhaltung, die Kirchenbestuhlung durch Arbeitsgruppen, die
Lehrerzentrierung durch Schülerzentrierung ersetzt haben. Sie sind auch
ein Beweis dafür sind, dass die nun schon ein Jahrhundert alte
reformpädagogische Formel der „Pädagogik vom Kinde aus“ auch geeignet ist,
eine „Schularchitektur vom Schüler aus“ zu inspirieren und dadurch
Schulreform dauerhaft werden zu lassen, um nicht zu sagen: sie im
positiven Sinne zu zementieren.
Verwendete Literatur:
Becker, Gerold: Pädagogik in Beton. In: Neue Sammlung 6 (1966),
S. 171-182.
Becker, Gerold / Bilstein, Johannes / Liebau, Eckart (Hg.): Räume
bilden. Studien zur pädagogischen Topologie und Topographie. Velber-Seelze
1997.
Becker, Hellmut: Quantität und Qualität – Grundfragen der
Bildungspolitik. Frei- burg i.Br. 1962. Darin das Kap. Schulbau und S.
274 der Satz: „Bauherr ist hier das Kind, dem der Verwaltungsmann, der
Arzt, der Psychologe, der Soziologe, vor allem aber die Elternvertreter
und die Pädagogen beim Bau der Schule helfen müssen.“
Flitner, Wilhelm: Theorie des pädagogischen Weges und der Methode
(1930). Demnächst wiederabgedr. in Bd. 9 seiner Gesammelten Schriften, hg.
von Doris Knab, Paderborn 2005.
Füller, Christian: Klassenzimmer mit Aussicht. In: taz Nr. 7076,
12.6.2003, S. 3.
Hartmann, Klaus (Dipl-Ing., Architekt VFA, Hanau): Neubau der
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Festschrift zur Einweihung der Ev. Grundschule Oberissigheim.
Kassel-Wilhelmshöhe (Landeskirchenamt 2004), S. 38-40.
Kahl, Reinhard: Raum & Zeit. In: PÄDAGOGIK, H. 7-8/04, S. 96.
Lederer, Arno: Neue Leitlinien in der Gestaltung von Schulbauten.
In: Wüstenrot Stiftung 2004, S. 108-121.
Leising, Daniel: Die Macht der Räume. In: Psychologie Heute, Jan.
2002, S. 34-39.
Richter, Peter G. (Hg.): Architekturpsychologie, Eine Einführung.
Lengerich 2004.
Rittelmeyer, Christian: Zur Rhetorik von Schulbauten. Über die
schülergerechte Gestaltung des architektonischen Ausdrucks. In: Die
Deutsche Schule 96 (2004), S. 201-208.
Seydel, Otto: Die gute Schule der Zukunft. In: Wüstenrot Stiftung
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Stock, Adolf: Ein Haus, das man nie vergisst. Von
Kindergartenschiffen und Lernfabriken. SWR 2, 31.7.2004 (Archiv-Nr.
018-8760)
Wüstenrot Stiftung (Hg.): Schulen in Deutschland – Neubau und
Revitalisierung. Stuttgart/Zürich 2004.
Zinnecker, Jürgen, u.a.: null zoff & voll busy. Die erste
Jugendgeneration des neuen Jahrhunderts. Ein Selbstbild. Opladen 2003.
Zum Autor:
Ulrich Herrmann, geboren 1939, studierte in Heidelberg und Köln
Germanistik, Geschichtswissenschaft, Pädagogik, Philosophie und
Politikwissenschaft. 1968 Promotion zum Dr. phil., dann Tätigkeit als
Referent des Rektors der Universität Tübingen; dort wurde Herrmann nach
seiner Habilitation im Fach Erziehungswissenschaft 1976 zum Professor für
Allgemeine und Historische Pädagogik ernannt. Seit 1994 hat er den
Lehrstuhl für Pädagogik an der Universität Ulm inne, wo er sich intensiv
um eine berufsorientierte Reform der Lehrerausbildung bemühte. Seit Ende
2003 Honorarprofessor an der Universität Potsdam. Anfang 2004 wurde
Herrmann an der Universität Ulm emeritiert.
Bücher des Autors:
- Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte
(Mit-Hrsg). Beck Verlag
- Wie lernen Lehrer ihren Beruf. Beltz Verlag
- Protestierende Jugend. Juventa
- Historische Bildungsforschung und Sozialgeschichte der Bildung.
Deutscher Studienverlag
- Mit uns zieht die neue Zeit. (über die Wandervogel-Bewegung) Juventa,
noch nicht erschienen |