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<<Dr. Rainer Hagencord: Ein neues Eden?
Über das Verhältnis von Menschen und Tieren>>
hagencord@t-online.de
SWR2 AULA. Anmoderation & Redaktion: Ralf Caspary; Susanne
Paluch. Sendung: Sonntag, 17. April 2005, 8.30 Uhr, SWR 2. Bitte beachten
Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten
Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf
der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Die theologische Wertschätzung der Tiere ist im Laufe
der westlichen Denk– und Glaubensgeschichte verloren gegangen. Schauen wir
in moderne theologische Literatur, die sich mit Schöpfung und
Anthropologie beschäftigt, sehen wir, dass die Welt der Tiere nicht mehr
vorkommt – ein weißer Fleck auf der theologischen Landkarte, und das,
obwohl Tiere auf fast jeder Seite der Bibel vorkommen. Doch bevor wir uns
diesem in der Denkgeschichte begründetem Skandal zuwenden, möchte ich
Ihnen einen Theologen vorstellen, der die Tiere nicht vergessen hat. Es
handelt sich um Nikolaus von Kues, auch Cusanus genannt, der im 15.
Jahrhundert lebte. Nikolaus sagt, der Mensch gleicht einer Stadt mit fünf
Toren und durch diese fünf Tore bringen die Boten der Sinne ständig neue
Informationen in diese Stadt hinein. Darin ordnet dann das Denken, die
Ratio, diese Eindrücke. Das übrigens tun die Tiere auch, sagt Nikolaus.
Beim Menschen kommt jetzt allerdings die Vernunft ins Spiel, die die
Eindrücke mit dem Gesamt des Lebens, mit dem Urgrund des Lebens, mit Gott
in Verbindung bringen und somit Sinn stiften. Das tun die Tiere nicht
mehr. Darin ist Nikolaus von Kues hochmodern; denn die moderne
Verhaltensbiologie spricht den Tieren Denkleistungen, Gefühle und Ansätze
eines Ichbewusstsein zu – doch dazu später mehr.
Ein weiteres Wort des Cusaners:
„Auch der Gattung nach ist der Mensch nicht hoch zu schätzen, außer in der
Einheit und Ordnung der Lebewesen.“ Das klingt wie eine Interpretation des
ersten Schöpfungsberichtes: Mensch und Tier gehen gemeinsam aus der Hand
des Schöpfers hervor, und in diesem Gesamtkunstwerk hat der Mensch als
Ebenbild Gottes eine besondere Verantwortung.
Und ein drittes Wort: „Ich bin,
weil Du mich anschaust, und das gilt für jedes Geschöpf.“ Das Denken, die
Philosophie, die Theologie sind leider nicht einem Denker wie Nikolaus von
Kues gefolgt, sondern haben in der Renaissance auf andere Denker gesetzt.
Einer der großen ist René Descartes. Ein Wort zu ihm und seiner Situation:
Das 16. Jahrhundert war geprägt von großer Unsicherheit: Die
kopernikanische Wende, die Reformation, Religionskriege. Prägend für diese
Zeit war die Frage, was denn trägt, woher wir Halt bekommen, wenn alle
Sicherheiten verloren gehen. Und in dieser großen Unsicherheit prägt
Descartes jenen Satz: „Cogito ergo sum – ich denke, also bin ich.“ Das
Denken verschafft mir Sicherheit, gibt mir einen Boden, auf dem ich stehen
kann. Doch dieser descartsche Satz hat einen enormen Schatten. In diesem
Schatten befinden sich unter anderem die Tiere, die laut Auskunft
Descartes nur noch seelenlose Automaten sind, denn sie verfügen über
keinen Verstand.
Der Kontrast zwischen Descartes und Nikolaus von Kues
kann nicht größer sein! Der Mensch gleicht einer Stadt mit fünf Toren,
durch die die Sinne ständig neue Informationen hineinbringen. Diese
sinnliche Wahrnehmung ist die Grundlage des Denkens. Was geschieht gut 150
Jahre später? Descartes empfiehlt, die Tore zu verschließen; die Sinne
sind zu gefährlich, als dass man ihnen vertrauen kann. Vertraut nur eurem
Denken!
Der Irrtum über die Geschöpfe nahm hier seinen
Anfang. Und mit dem Ausschluss der Tiere aus der Theologie und aus der
Philosophie ist auch der Ausschluss der Geschöpflichkeit insgesamt
verbunden. Welche Rolle spielen seitdem Emotionen, Gefühle für den
Glauben, für die Theologie einerseits und für unser Denken andererseits?
Bis in die achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts
hinein hat der Behaviorismus, eine bestimmte Form der Biologie und
Psychologie, das Feld beherrscht. Einer der prominentesten Vertreter,
Burrhus Frederic Skinner, sagt über die Tiere: Was sich in ihrem Innersten
abspielt, hat keinerlei Bedeutung für ihr Verhalten, es braucht uns nicht
zu interessieren. Tiere sind Reiz-Auslöser-Automaten. Viele Behavioristen
beziehen sich ausdrücklich auf Descartes, als ihren gedanklichen Vater.
Wie hätte sich die westliche Philosophie und
Theologie entwickelt, wenn Descartes einerseits die Erkenntnisse der
modernen Verhaltensbiologie gekannt hätte, die Ergebnisse über das Denken,
Fühlen und Handeln nicht nur der großen Primaten und Delfine, sondern all
der Mitgeschöpfe, die uns umgeben? Und was wäre aus unserem Denken und
unserem Glauben geworden, wenn er darüber hinaus das biblische Bild eines
Gottes beibehalten hätte, der nicht höchste Vernunft ist, sondern die
Liebe? Die Bibel spricht von Gott als Liebhaber des Lebens, als Schöpfer
all dessen, was lebt, und aus dessen Händen nichts verloren geht.
Das Denken, Fühlen und Handeln der Tiere soll uns nun
beschäftigen. Wie würden Sie denken definieren? Eine kurze Definition
abliefern über das, was Sie meinen, wenn Sie sagen: Ich denke. Für Karl
Popper ist das Denken eine Fähigkeit, bestimmte Hypothesen im Kopf zu
erstellen und sie kritisch zu sichten und stellt für ihn den einzig
wirklich bedeutenden Unterschied zwischen den Lösungsmethoden eines Albert
Einstein und einer Amöbe dar. Einstein lasse seine Hypothesen sterben,
wenn sie sich als falsch erweisen. Er sondert sie aus. Die Amöbe hingegen
stirbt selbst. Sie wird ausgesondert, wenn sie sich falsch verhält.
Denken, so Konrad Lorenz, ist das Durchspielen einer Situation im Kopf.
Und tun Tiere das? Haustierbesitzer können jetzt wahrscheinlich Lieder von
den Denkleistungen ihrer Hunde, Katzen und Wellensittiche singen.
Konrad Lorenz erzählt eine Geschichte, die
überrascht, weil sie nicht von deutlich intelligenten Lebewesen, wie
Schimpansen und Delfinen erzählt, sondern von einem Juwelenfisch. Er
schreibt: „Wenn ich je einen Fisch nachdenken gesehen habe, so war es
damals.“ So sein Kommentar zu einem Ereignis, das er zufällig bei einem
Maulbrüter beobachten konnte. Diese Fische zeichnen sich dadurch aus, dass
ihre Jungen im Maul der Mutter zur Welt kommen und sich dorthin auch bei
Gefahr zurückziehen. Die Fürsorge geht danach noch so weit, dass die
Jungen per Maul eingesammelt werden, dann allerdings vom Vater. Bei einer
solchen Aktion beobachtet Lorenz eine Konfliktsituation. Ein männlicher
Fisch hatte gerade ein Stück Wurm im Maul, als er ein Junges entdeckt, das
ins Nest zu holen war. Auch das nimmt er instinktiv in sein Maul. Der
Fisch hatte zwei Dinge im Maul, von denen eines in den Magen, das andere
in die Nestgrube sollte. Was würde geschehen? Ich muss sagen, dass ich in
diesem Augenblick keine fünf Kreuzer für das Leben jenes Juwelenfischchens
gegeben hätte. Großartig aber, was wirklich geschah. Der Fisch stand
starr, mit vollen Backen aber ohne zu Kauen. Ermisst man, wie merkwürdig
es ist, dass ein Fisch in eine echte Konfliktsituation geraten kann und
dass sich das Tier darin genau wie ein Mensch verhält, nämlich nach allen
Richtungen blockiert stehen bleibt und weder vor noch zurück kann. Viele
Sekunden stand der Juwelenfischvater wie angemauert, aber man konnte
ordentlich sehen, wie es in ihm arbeitete. Dann löste er den Konflikt in
einer Weise, dass man einfach Hochachtung finden musste. Er spie den
ganzen Inhalt des Mundes aus, der Wurm fiel zu Boden, das kleine
Juwelenfischchen tat das gleiche. Dann wandte sich der alte Juwelenfisch
entschlossen dem Wurm zu und fraß ihn ohne Hast auf, aber mit einem Auge
auf das gehorsam am Boden liegende Kind. Als er fertig war, inhalierte er
es und trug es heim zur Mutter. Einige Studenten, die das ganze mit
angesehen hatten, begannen wie ein Mann zu applaudieren. Denken als
Durchspielen einer Situation im Kopf, diese Definition legt nahe, dass
schon bei Fischen Denkvermögen zumindest in Ansätzen vorhanden ist.
Wie ist es mit dem Fühlen? Auch hier könnten die
Haustierbesitzer unter Ihnen Lieder singen von der Freude oder
Niedergeschlagenheit ihrer Gefährten. Harte Fakten kommen in neueren
verhaltensbiologischen Untersuchungen ins Spiel, nicht mehr zu leugnende
Aussagen über das Gefühlsleben von Tieren, mehr als nur romantische
Geschichten. Harte Fakten sind der Hormonstatus im Blut eines Tieres und
Aussagen über die Hirnstrukturen und über Monate erfolgte
Verhaltensbeobachtungen. All diese Fakten machen deutlich, dass Tiere über
reiches emotionales Leben verfügen. Angst, Zufriedenheit sind
Charaktereigenschaften, die auch ihnen zukommen.
Der Verhaltensbiologe Dietrich von Holst hat sich
ausführlich mit dem Phänomen Stress und den dafür verantwortlichen
endokrinen Systemen, also der hormonellen Situation in einem Organismus
beschäftigt. In seinen Untersuchungen an Tupajas, einer Hörnchen-Art, die
in der Natur paarweise in festen Territorien leben, kann er zeigen, was
soziale Interaktionen im Körper eines Tieres auslösen. So kann er zeigen,
dass aus Kämpfen hervorgehende unterlegene Männchen aufgrund einer
permanenten Stresssituation innerhalb weniger Tage sterben. Der Tod tritt
tatsächlich nicht wegen direkter physischer Auswirkungen der
Auseinandersetzung ein. Von Holst sagt, anthropomorph gesprochen „der
Unterlegene stirbt an der andauernden Angst“. Zudem gibt der Hormonstatus
davon Kenntnis, ob Paare in harmonischen oder unharmonischen Beziehungen
leben. Er kommt zu dem Schluss, dass intakte Beziehungen und soziale
Stabilität maßgeblich für die Fitness eines Tieres sind.
Auch die Arbeit von Norbert Sachser und seiner
Arbeitsgruppe am Institut für Verhaltensbiologie in Münster sind in diesem
Zusammenhang zu nennen. Ihr Untersuchungsobjekte sind sowohl domestizierte
als auch wildlebende Meerschweinchen. Ihr Verhalten steht exemplarisch für
das Leben von in Gruppen lebenden Säugetieren und die folgenden generellen
Aussagen lassen sich aus den Untersuchungen ableiten:
1. Ist das soziale System innerhalb einer Gruppe
intakt, wirkt sich das nicht nur auf die Anzahl und Gesundheit des
Nachwuchses aus, sondern das gesamte Wohlergehen der Tiere ist davon
betroffen.
2. Die Art und Weise, in der Tiere miteinander
umgehen, wird nicht nur von der aktuellen Umweltsituation beeinflusst,
sondern in hohem Maße auch von den sozialen Erfahrungen, die sie während
ihrer bisherigen Entwicklung gemacht haben.
3. Auch Meerschweinchen kommen in die Pubertät. Und
diese besonders prägende Phase hat im Leben der Tiere eine immense
Bedeutung. Diese Zeit entscheidet mit über die Fitness eines Tieres, über
den Stand in der Gruppe, seinen Reproduktionserfolg usw. Sogar pränatale,
also vorgeburtliche Bedingungen haben eine nicht zu unterschätzende
Relevanz. So verhalten sich etwa Töchter einer Mutter, die während ihrer
Trächtigkeit in einer stabilen sozialen Situation gelebt hat, völlig
anders als solche, deren Mutter sozialem Stress ausgesetzt war. Erstere
verfügen über eine wesentlich größere Fitness als letztere.
Kommen wir zu dem, was die moderne Hirnphysiologie
zum Thema Gefühl zu sagen hat. Das limbische System im Gehirn ist das
Areal, in dem Erkenntnisse, Erfahrungen, das was wir erleben, mit
Emotionen in Verbindung gebracht werden. Dieser Gehirnteil sorgt dafür,
dass ich beim Anblick eines Bildes von Marilyn Monroe anders reagiere und
fühle, als beim Anblick des Bildes meiner Großmutter. Dieses limbische
System wird auch Reptiliengehirn genannt und ist somit Grundbestand der
meisten Wirbeltiere. „Ich fühle, also bin ich“ lautet der Buchtitel des
Hirnforschers Antonio Damasio. Er stützt seine Aussagen auf langjährige
Untersuchungen an hirngeschädigten Menschen und kommt zu dem Schluss:
„Wenn das Bewusstsein aufgrund gravierender Hirnverletzungen aufgehoben
ist, ist gewöhnlich auch die Emotion aufgehoben. Dasjenige, was seit
Jahrhunderten nicht nur Philosophen von ihren Mitmenschen gefordert haben,
nämlich die Vernunft walten zu lassen und die Gefühle zu unterdrücken,
endete bei vielen von Damasio untersuchten Patientinnen und Patienten in
absolut unvernünftigem Verhalten. Er schreibt: „Ich vermute, dass das
Bewusstsein von der Evolution hervorgebracht wurde, weil die Erkenntnis
der durch Emotionen hervorgerufenen Gefühle so unentbehrlich für die Kunst
des Lebens ist und weil die Kunst des Lebens einen Erfolg für die
Naturgeschichte darstellt. Die Emotion wurde im Lauf der Evolution
wahrscheinlich in der Morgendämmerung des Bewusstseins angelegt.“ Die
Aussage, dass Tiere über Gefühle verfügen, aber anders damit umgehen als
Menschen, ist somit mehr als plausibel.
Und wie ist es mit dem, was wir unsere eigene
besondere Bastion beschreiben, nämlich dem Selbstbewusstsein? Spiegeltests
mit Menschenaffen machen deutlich, dass Schimpansen über ein solches
Selbstbewusstsein verfügen. Beim Spiegeltest wird einem Tier, ohne dass es
es merkt, mit Mehl ein Punkt oder ein Strich auf die Stirn gemacht. Dann
setzt man den Schimpansen oder die Schimpansin vor einen Spiegel und
beobachtet bei den meisten Tieren, dass sie nach dem Blick in den Spiegel,
sich selbst an die Stirn fassen, d. h. sie haben sich in dem Spiegel
erkannt. Wir Menschen erlernen diese Fähigkeit, uns selber zu erkennen, im
Alter von 1 ½ Jahren. Was ist aber, so möchte ich kritisch fragen, mit all
den Tieren, die nicht primär über die Augen sich und ihre Mitwelt erleben
und erkennen, sondern vielleicht eher mit den Ohren oder der Nase. Ich
schlage ein kleines Experiment vor. Sie verlassen, wenn Sie zu mehreren in
ihrem Raum sind, das Zimmer, einer bleibt zurück und stellt die Stühle
anders und lädt Sie ein Ihren Stuhl, auf dem Sie vorher gesessen haben, am
Geruch wieder zu erkennen. Ich möchte hoffen und wetten, dass keiner von
ihnen den eigenen Stuhl wieder erkennt. Ein Hund hätte damit keine
Probleme. Seine Nase sagt sehr deutlich, wer er ist und wo er war.
„Jeder Irrtum über die
Geschöpfe mündet in ein falsches Wissen über den Schöpfer und führt den
Geist des Menschen von Gott fort“ so schreibt der Kirchenlehrer Thomas von
Aquin in seiner „Summa contra gentiles“. Kann es sein, dass wir Menschen
in den westlichen Industrienationen über unsere Mitgeschöpfe, die Tiere,
irren, dass wir von daher einen falschen Glauben entwickelt haben und eine
Lebenspraxis, eine Spiritualität, die irrig ist?
Der Biologe und
Wissenschaftskritiker Rupert Sheldrake sagt: „Es gibt in der Nähe zum
Menschen nur noch zwei Kategorien von Tieren. Die einen verwöhnen wir mit
Haustierfutter und die anderen werden dazu verarbeitet.“ Dermaßen
gnadenlos und unverantwortlich verhalten wir uns in der sogenannten
„Ersten Welt“ nicht nur gegenüber den Tieren, sondern gegenüber der
gesamten natürlichen Mitwelt. Gleichzeitig unverantwortlich gegenüber der
sogenannten „Dritten Welt“ und unserer Nachwelt. Diese dreifache
Verantwortungslosigkeit schreibt der Naturphilosoph Meyer Abich uns
Menschen in den Industrienationen ins Stammbuch, und er kennzeichnet eben
dieses Verhalten als das Verhalten interplanetarischer Eroberer: Wir gehen
mit diesem Planeten um, als kämen wir von einem anderen Stern, als seien
wir mit nichts und niemandem auf diesem blauen Planeten verwandt und
könnten ihn als pure Ressource ausnutzen und ausbeuten. Interplanetarisch!
So skizziert er unser Verhalten. Doch, so Meyer Abich, in uns schlummert
noch ein Traum, eine Erinnerung an ein Leben, das anders gekennzeichnet
ist, nämlich durch den Charakter der Beheimatung. Wir sind keine
Interplanetarier, sondern Erdensöhne und Erdentöchter. Verwandt mit allem,
was lebt, mit dem eigenen Platz im Gesamt des Lebendigen. Dieser Traum ist
in alten Bildern, Geschichten und Mythen aufgeschrieben und gehört ebenso
in den Grundbestand unseres Lebens wie die vorherrschende Ausgestaltung
des Lebens als Interplanetarier.
Schauen wir als erstes in die Magna charta der
jüdisch-christlichen Weltsicht, die unser Denken, Glauben und
Theologietreiben geprägt hat, nämlich in die Heilige Schrift. Überliefert
sind zwei Schöpfungsberichte. In der ersten Erzählung, die die Schöpfung
als 7-Tage-Werk darstellt, wird der Mensch zusammen mit den Tieren am
sechsten Tag geschaffen. Der siebte Tag ist der Tag der Ruhe. Dieser Tag
ist übrigens die Krone der Schöpfung, nicht der Mensch. Dem Menschen kommt
allerdings im Gesamt des Lebendigen, im Gesamt der Schöpfung, eine
besondere Bedeutung zu: „Herrschen“ soll er über die Tiere und sie sich
„unterwerfen“. Diese Begriffe sind erst in der Neuzeit absolutistisch
missverstanden und umgedeutet worden. Im ersten Testament bezeichnen diese
Begriffe den Gedanken der Verantwortung. „Herrschen über“ und
„unterwerfen“ - diese Begriffe sagen über das Verhältnis des Menschen
gegenüber den Tieren, dass er wie ein altorientalischer König
verantwortlich mit dem ihm anvertrauten Leben umgehen soll; aus eben der
Welt des altorientalischen Königtums stammen die Bilder und Begriffe der
Genesis. Ein Löwe, ein Blauwal oder ein Esel können keine Verantwortung
für das Ganze übernehmen, das allein kann und soll der Mensch, und
insofern er diese Verantwortung übernimmt, ist er Ebenbild Gottes. Die
Ebenbildlichkeit Gottes impliziert eindeutig seine Verantwortung. Insofern
der Mensch die Verantwortung nicht übernimmt, verliert er den Anspruch,
Ebenbild Gottes zu sein. Der zweite Schöpfungsbericht erzählt eine andere
Geschichte. Es ist die Geschichte von Adam und Eva im Garten Eden. Eine
Probe aufs Exempel: Wahrscheinlich wissen Sie, dass zunächst Adam in
diesen prachtvollen Garten Eden gesetzt wird. Und dieser Adam fühlt sich
einsam, so diagnostiziert Gott der Herr und er beschließt, diesem Adam
eine Hilfe zu machen, damit er sich nicht länger einsam fühlt. Und dann
kommt eben nicht die Eva ins Spiel, sondern im Buch Genesis heißt es:
„Dann sprach Gott, der Herr: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein
bleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht. Gott, der
Herr, formte aus dem Ackerboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des
Himmels und führte sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen
würde.“
Und Adam gibt jedem Tier einen Namen und merkt, die
eigentliche Partnerin, das Geschöpf, das ihm entspricht, ist nicht
darunter. Und erst jetzt kommt seine Eva ins Spiel. Was meint das, dass
Adam den Tieren einen Namen geben soll? Exegeten sagen deutlich, es geht
nicht nur um eine Etikettierung, sondern es geht um ein
Sich-vertraut-machen mit den Tieren. Noch einmal Thomas von Aquin: Er
fragt unter der Überschrift, ob Adam im Unschuldszustand über die Tiere
herrschte: Adam brauchte die Tiere nicht zur Bekleidung, zur Fortbewegung
oder zur Ernährung. Er brauchte sie, um sich ein Erfahrungswissen über sie
anzueignen. Modern könnten wir sagen, Adam muss zunächst einen Zugang zu
seinen inneren Tieren, zu seiner Gefühlswelt, zu seiner Triebhaftigkeit
finden, verantwortlich damit umgehen, um reif zu werden für eine echte
Partnerschaft, eine Begegnung von Du zu Du. Wir können aber auch sagen,
dass das reale Tier, die wirklich existierenden Geschöpfe, die Löwen, die
Giraffen, die Kröten, Fische und Käfer als wirkliches Gegenüber des
Menschen zu verstehen sind. Und in deren Wahrnehmung und Beobachtung und
Abgrenzung findet der Mensch zu sich.
Stellen Sie sich vor, Sie seien nun Adam und / oder
Eva und hätten nach eben jenem unsäglichen Sündenfall das Paradies
verloren, befänden sich also jenseits von Eden, aber Sie bekämen noch
einmal die Chance, umzukehren. Der Engel träte zur Seite und ließe Sie
einen Blick riskieren in den verlorenen Garten. Sie würden sich vermutlich
die Augen reiben und erstaunt feststellen: Die Tiere haben den Garten Eden
nicht verlassen müssen.
Ein drittes Mal Thomas von Aquin. Er sagt: Die Tiere
haben eine größere Gottunmittelbarkeit als der Mensch, weil sie eben durch
die Vernunft nicht getrennt sind von ihrem Schöpfer. Greifbar und spürbar
wird diese Signatur in dreifacher Weise. Ein Erstes: Die Tiere leben im
Hier und Jetzt, im Augenblick. Wir Menschen können nicht anders als die
Vergangenheit bedenken und überarbeiten, aus ihr Schlüsse ziehen und die
Zukunft planen, Perspektiven und Visionen entwickeln. Das macht uns zu
Menschen. Und dennoch sind wir immer wieder erfüllt von der Sehnsucht,
doch im Augenblick zu leben. Übrigens haben die großen mythischen
Traditionen in den Religionen oftmals nichts anderes im Sinn, als den
Menschen in ein Leben im Augenblick zu führen. Meditationen, Exerzitien
sollen genau das bewirken.
Ein Zweites: Die Tiere leben anders als wir Menschen
immerzu in der Wahrnehmung. Ein solches Leben in der Wahrnehmung
korrespondiert genau mit einem solchen Leben im Augenblick. Und auch hier
können uns die Tiere etwas verdeutlichen. Wir Menschen sind auf unser hoch
spezialisiertes Denkvermögen angewiesen. Im Verlauf der Evolution hat uns
dies einen enormen Sprung ermöglicht. Das abstrakte Denken, das Denken in
größeren Zusammenhängen, das Entwickeln einer Mathematik, einer
Philosophie und einer Theologie haben uns Menschen zu Menschen gemacht.
Und auch dies hat eine Kehrseite; denn das pure Denken hat oftmals zur
Folge, die Wahrnehmung gering zu schätzen, dem Sehen, Hören, Fühlen,
Tasten und Riechen nicht mehr den Raum zu geben, den diese
Sinneswahrnehmungen brauchen. Leben in der Wahrnehmung mit allen fünf
Sinnen: auch darin sind uns die Tiere voraus. Leben im Augenblick, Leben
in der Wahrnehmung, in der Konsequenz heißt dies - und da sind wir beim
dritten Punkt: Beheimatet sein – Wissen und spüren, wohin man gehört! „Der
Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel
aber hat keine Erkenntnis!“ - so mahnt der Prophet Jesaja.
Durch die Entwicklung des hohen Bewusstseins ist dem
Menschen all das gelungen, worauf er stolz sein kann. Doch zugleich ist
mit der Entwicklung dieses Bewusstseins eine Distanzierung zur Lebenswelt,
zu den Menschen und zu sich selbst verbunden. Die Fragen: Woher komme ich,
wohin gehe ich, wohin gehöre ich? sie sind dem Menschen zu eigen und
kennzeichnen oft seine Not. Das Tier und auch das Kind, vermitteln uns
immer wieder den Eindruck, beheimatet zu sein, zu wissen, wohin man
gehört. Im Hier und Jetzt sein – in der Wahrnehmung leben – beheimatet
Sein, diese drei Eigenarten können etwas von dem deutlich machen, was die
Tiere uns voraus haben. Und die biblische Botschaft geht mit diesen
Gedanken und diesen Bildern um: Erstens sind Mensch und Tier laut
biblischer Botschaft aufeinander bezogene und voneinander abhängige
Geschöpfe des einen Gottes und sind beide Teilhaber des einen Bundes –
geschlossen nach der Sintflut. Und zweitens: Mensch und Tier haben eben
darin eine je eigene Beziehung, sie haben darin einen je eigenen Wert und
eine Beziehung zum Schöpfer und somit ihren je eigenen Ort im Gesamt der
Schöpfung.
Aktuelle verhaltensbiologische Daten einerseits und
der Rückblick auf die Wertschätzung, die die Bibel für die Tiere aufbringt
andererseits zeigen den Kontrast zur Tierwelt, die wir Menschen in den
Industrienationen entwickelt haben. Zugleich markieren sie einen Weg, den
fatalen und folgenreichen Irrtum über unsere Mitgeschöpfe zu überwinden.
„Mit zunehmender Erkenntnis“, so schreibt der Literaturnobelpreisträger
Elias Canetti, „mit zunehmender Erkenntnis werden die Tiere den Menschen
immer näher sein. Wenn sie dann wieder so nahe sind wie in den ältesten
Mythen, wird es kaum mehr Tiere geben.“
***
* Zum Autor:
Rainer Hagencord hat in Münster und Fribourg /
Schweiz Theologie, Philosophie und Biologie studiert. Er arbeitet heute
als Krankenhausseelsorger und Mitarbeiter am Institut für Neuro – und
Verhaltensbiologie der Universität in Münster. Darüber hinaus ist er in
der Erwachsenenbildung tätig. In seiner Doktorarbeit geht er dem Phänomen
nach, dass die Tiere zwar in der Bibel auf fast allen Seiten vorkommen,
sie aber in der modernen Theologie vergessen worden sind. Neben der
philosophiegeschichtlichen Ergründung dieses Skandals reflektiert er
neuere verhaltensbiologische Daten und theologische Denkmodelle, um einen
Platz für Tiere auch in der Theologie auszumachen.
Bücher:
- Diesseits von Eden. Verhaltensbiologische und
theologische Argumente für eine neue Sicht der Tiere. Regensburg.
- Ich finde Dich in allen diesen Dingen. Sieben
Wochen für Leib und Seele. Stuttgart 2005.
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