|
SWR2
Aula - Klaus-Jürgen Grün: Im Gefängnis des Systems – Ist die moderne
Philosophie mit ihrem Latein am Ende?
Autor und Sprecher: PD Dr. Klaus-Jürgen Grün *
www.philkoll.de
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 25. Juni 2006, 8.30 Uhr,
SWR 2
Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen,
privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung
bedarf der ausdrücklichen. Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
ÜBERBLICK
Die Kritiker, die der Philosophie mangelnde Relevanz und Modernität
vorwerfen, argumentieren folgendermaßen: Die Philosophie hat sich bestens in
ihren vier Wänden eingerichtet. Die Mitglieder dieser kleinen aber feinen
Wohngemeinschaft sind hochspezialisierte Denker, die ausschließlich ihr
abstraktes System von allen Seiten beschreiben und von der Wichtigkeit ihres
Tuns überzeugt sind; den Dialog mit der Öffentlichkeit haben sie verlernt.
Die wichtigen Debatten werden nicht mehr von den Philosophen bestritten,
sondern von Hirnforschern und Evolutionsbiologen. Die Philosophen wiederum
bestreiten diese Vorwürfe und sagen, man dürfe ihre Disziplin nicht mit
herkömmlichen populistischen oder ökonomischen Kriterien messen.
Klaus-Jürgen Grün, Philosoph in Frankfurt am Main, Leiter des
Philosophischen Kollegs für Führungskräfte, beschreibt die Krise der
modernen Philosophie und zeigt Auswege auf.
Ansage:
Heute mit dem Thema: „Im Gefängnis des Systems - Ist die moderne Philosophie
mit ihrem Latein am Ende?“
Es gibt Kritiker, die gehen mit der Philosophie hart ins Gericht. Sie sagen:
Diese Disziplin hat sich prächtig in den eigenen vier Wänden eingerichtet,
die Fenster sind auch bei Sonnenschein geschlossen, was heißt: Die
Philosophen beschäftigen sich hauptsächlich mit sich selbst. Das führt dann
dazu, dass die Mehrheit der Philosophen zu den brennenden geistigen Fragen
und Problemen unserer Zeit schweigt, die wichtigen Debatten über Freiheit
und Solidarität werden eben von Hirnforschern und Evolutionsbiologen
bestritten, die bekommen auch das meiste Geld für ihre Forschungsprojekte.
Man schiebt heute die Menschen in den Computertomografen und durchleuchtet
ihre Gehirne, aber - bitte! - man liest doch nicht Hegel oder Schelling oder
Habermas, die spekulieren doch nur auf hohem Niveau.
Klaus-Jürgen Grün ist Philosoph, der zugleich zu diesen Kritikern gehört. Er
hat sich übrigens nie in diesem etwas langweiligen Philosophen-Haus
niedergelassen. Zwar hat er promoviert und habilitiert, aber er mag nicht
den Elfenbeinturm der akademischen Philosophie; deshalb versucht er ja auch,
Führungskräften aus der Wirtschaft philosophische Konzepte zu vermitteln.
Grün kritisiert aufgrund dieser Arbeit im Folgenden eine bestimmte Richtung
der akademischen Philosophie, und er plädiert gleichzeitig für eine neue
Offenheit der Philosophie, die es erlaubt, die zentralen Thesen der
Hirnforschung zu berücksichtigen. Sein Vortrag beginnt allerdings mit einem
schönen Sommererlebnis.
Klaus-Jürgen Grün:
Meine Damen und Herren, lehnen Sie sich zurück, denken Sie an etwas Schönes,
entspannen Sie sich. Sie hören einen philosophischen Vortrag. Denken Sie
vielleicht an einen Sonnenuntergang.
Haben Sie schon einmal einen Sonnenuntergang gesehen? Wahrscheinlich werden
Sie sagen: „Natürlich! Den schönsten, den es gibt. Ich habe die schönsten
Erinnerungen an diesen Moment.“ Sie werden sich fragen, warum ich überhaupt
danach frage. Nun, sobald ich Ihnen die Frage stelle: „Sind Sie sicher, dass
Sie einen Sonnenuntergang gesehen haben?“, zögern Sie vielleicht, Sie
überlegen, vielleicht gibt es gar keinen Sonnenuntergang.
Meine Damen und Herren, es gibt keinen Sonnenuntergang! Vor 400 Jahren sind
Menschen verfolgt worden, als sie diese Behauptung öffentlich geäußert
hatten: Es gibt keinen Sonnenuntergang. Heute ist das natürlich anders. Wir
lehnen uns bequem zurück, wenn wir daran denken, dass unser Sonnenuntergang,
unsere Auffassung vom Sonnenuntergang eine Illusion ist. Wir können damit
leben, dass dem Gefühl der Schönheit, der romantischen Stimmung, die mit dem
Sonnenuntergang verbunden ist, nicht etwas Wirkliches in der Welt
entspricht.
Wir haben das einem Prozess der Aufklärung zu verdanken, den wir die
Kopernikanische Wende nennen. Der eigentliche Initiator der Kopernikanischen
Wende ist Immanuel Kant. Er hat seine Transzendental-Philosophie als eine
Kopernikanische Wende bezeichnet, weil er meinte, man könne nicht mehr davon
ausgehen, dass die Dinge feststehen und unser Denken, unser Erkennen um die
Dinge kreist, sondern dass unser Denken, unser Erkenntnisvermögen einen
Punkt darstellt, um den sich die Dinge zu drehen haben.
Die Vernunft ist im Kantischen Sinne die Basis, von der aus wir diesen
Perspektivwechsel wahrnehmen sollen. Die Vernunft gilt als das alles
Umfassende, wir können eigentlich nicht aus dem Vernunft-System heraustreten
- auch wenn uns die Vernunft als etwas Bedrohliches vorkommen mag, als
etwas, das einen Alleinanspruch, einen Allein-Erklärungsanspruch erhebt;
denn es müsste sich noch vernünftig rechtfertigen lassen, von welchem
Standpunkt aus wir die Vernunft kritisieren sollen.
Es liegt in der Kopernikanischen Wende Kants eine Idee, nach der die
Vernunft sich selbst zu reinigen habe, nach der die Vernunft eine
Selbstaufklärung des Menschen ermöglicht, in der er sich nicht mehr so
wichtig nimmt, wie er das zuvor in den Zeitaltern des Glaubens, der
Theologie tun konnte.
Ich habe in den letzten Monaten einen interessanten Text gelesen, er ist an
einem der Advent-Sonntage veröffentlicht worden, und er stammt von unserem
früheren Kardinal Ratzinger, dem jetzigen Papst Benedikt XVI. In seiner
mittlerweile sehr berühmten „Enzyklika Caritas“ kommt er an einer Stelle auf
die Kantische Vernunftkritik zu sprechen. Auch Ratzinger oder Papst Benedikt
spricht von der Vernunft, aber er nennt nicht den Namen Kants, er spricht
nicht von der Philosophie, sondern er führt folgendes aus: „Der Glaube hat
gewiss sein eigenes Wesen als Begegnung mit dem lebendigen Gott, eine
Begegnung, die uns neue Horizonte weit über dem eigenen Bereich der Vernunft
hinaus öffnet. Aber er ist zugleich auch eine reinigende Kraft für die
Vernunft selbst. Er befreit sie von der Perspektive Gottes her, von ihren
Verblendungen und hilft ihr deshalb, besser sie selbst zu sein. Er
ermöglicht der Vernunft, ihr eigenes Werk besser zu tun und das ihr Eigene
besser zu sehen. Katholische Kirche“, so führt Papst Benedikt XVI. aus,
„will schlicht zur Reinigung der Vernunft beitragen und dazu helfen, dass
das, was recht ist, jetzt und hier erkannt und dann auch durchgeführt werden
kann“. Soweit Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika Caritas.
Was Benedikt uns sagen will, ist, dass die Vernunft, von der Kant gesprochen
hat, gar nicht in der Lage ist, auf Dauer der Träger des aufgeklärten
Bewusstseins zu sein. Die Vernunft wird sich irgendwann verunreinigen und
benötigt von außen – die Mittel stehen beim Papst bereit – eine Reinigung.
Für einen Philosophen, der im Sinne Kants die Aufklärung im Blick hat, ist
diese Haltung nicht akzeptabel.
Ich frage nun, wo sind eigentlich die Philosophen in unserem Land, die gegen
diese Postulate der Theologie, der Kirche Einspruch erheben und auf die
Vernunft verweisen? Wo sind eigentlich die Vertreter der aufgeklärten
Philosophie geblieben, die deutlich aussprechen, dass es in unserer
westlichen Welt einen Fortschritt des Denkens gibt, der eines bedeutet: sich
nicht vorschnell irgendwelchen Versprechungen von einer höheren Wahrheit
anheim zu geben, anheim zu fallen? Wo sind eigentlich die Menschen, die
darauf bedacht sind, die Errungenschaft des Philosophen Kant am Leben zu
erhalten?
Ich möchte Sie im folgenden damit vertraut machen, was das gemeinsame
Merkmal einer stumpf gewordenen philosophischen Argumentation und einer
theologischen Denkweise ist. Das gemeinsame Merkmal zwischen Theologie und
einer bestimmten Richtung der Philosophie besteht darin, dass beide die
Inhalte unseres Bewusstseins beim Wort zu nehmen. Ihnen fehlt die kritische
Perspektive der Aufklärung. Anders als Theologie, Religion und etwa die
zeitgenössische analytische Philosophie hat es Aufklärung damit zu tun, dem
Menschen es zu erleichtern, eine kritische Haltung gegenüber den Inhalten
seines Bewusstseins einzunehmen.
Lassen Sie mich hierzu ein Beispiel nennen: Stellen Sie sich vor, Sie haben
eine 16-jährige Tochter. Sie wacht eines morgens auf, schweißgebadet von
einem Traum, und sie berichtet Ihnen, der Erzengel Michael habe sie
geschwängert. Sie werden vielleicht schmunzeln, Sie werden vielleicht wütend
widersprechen, Sie werden vielleicht gar nichts sagen. Sobald Ihre Tochter
aber damit beginnt, den Traum für bare Münze zu nehmen, den Inhalt des
Traumes wörtlich zu nehmen, werden Sie stutzig. Sie werden sich als
Aufklärer fühlen, Sie werden versuchen diesem jungen Menschen zu zeigen,
dass der Traum nicht real ist, sie werden versuchen zu zeigen, dass es
falsch ist, wenn man den Traum einfach nur wörtlich versteht, so wie er sich
quasi anbietet. Aufklärung hat es damit zu tun, die Inhalte unseres
Bewusstseins zu entzaubern, zu zeigen, dass ihnen nichts Reales entspricht.
Ich möchte zurück zu meiner Einführung, die sich auf die Kopernikanischen
Wende von Immanuel Kant bezieht: Einer der drastischen Fälle der Wirkung der
Transzendental-Philosophie Kants, der These, dass wir nur erkennen können,
was wir selbst konstruiert haben, dass die Vorstellung von einer jenseits
unserer Vernunft existierenden Wahrheit, Autorität, Schönheit eine Illusion
sei, ist der Dichter Heinrich von Kleist. Er schreibt an seine Verlobte
Wilhelmine von Zenge am 22. März 1801:
„Vor kurzem ward ich mit der neueren sogenannten Kantischen Philosophie
bekannt. Und Dir muss ich jetzt daraus einen Gedanken mitteilen, in dem ich
nicht fürchten darf, dass er Dich so tief, so schmerzhaft erschüttern wird
als mich. Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden
sie urteilen müssen, die Gegenstände, die sie dadurch erblicken, sind grün,
und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt,
wie sie sind, oder ob es nicht ihnen etwas hinzutut, was nicht ihnen,
sondern dem Auge gehört. So ist es mit dem Verstande, mit der Vernunft. Wir
können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit
ist oder ob es uns nur so scheint. Ist es das Letzte, so ist die Wahrheit,
die wir hier sammeln, nach dem Tode nicht mehr, und alles Erstreben, ein
Eigentum sich zu erwerben, das uns auch in das Grab folgt, ist vergeblich.
Ach, Wilhelmine, wenn die Spitze dieses Gedankens Dein Herz nicht trifft, so
lächle nicht über einen Anderen, der sich tief in seinem heiligsten Inneren
davon verwundet fühlt. Mein einziges, mein höchstes Ziel ist gesunken, und
ich habe nun keines mehr.“
Heinrich von Kleist ermordete sich kurze Zeit später. Womit er nicht umgehen
konnte, war die Forderung der Aufklärung, unsere Denkinhalte, unsere
Konstrukte der Wahrheit als Konstrukte zu erkennen und sie nicht vorschnell
für einfache Abbildungen der Gegenstände der Welt selbst aufzufassen. Womit
wir es zu tun haben in unserer Gegenwart, hat eine Parallele zur
Kant-Rezeption des Heinrich von Kleist, zu dem Anspruch der Aufklärung, dass
wir einen kritischen Standpunkt zu den Inhalten unseres Bewusstseins
einnehmen müssen.
Dieser kritische Standpunkt wird heute leider nicht von der Mehrheit der
Philosophen vertreten, dieser Standpunkt wird schon gar nicht vertreten von
den meisten Theologen; nein, er wird heute vertreten von
Naturwissenschaftlern, namentlich von Neurowissenschaftlern, an denen man
sich orientieren sollte.
Wenn ich Sie noch einmal erinnern darf an die schöne Vorstellung vom
Sonnenuntergang! Sie können damit leben, dass die Vorstellung nur eine
Illusion ist, dass es letztlich unwichtig ist, ob ihr etwas Wirkliches in
der Welt entspricht; und Sie werden vielleicht verstehen, warum ein Autor
wie Wolf Singer folgende These in die Welt bringt und damit zugleich das
Ergebnis seiner Forschung verkündet: Die Vorstellung von Willensfreiheit ist
eine Illusion.
Sie können heute damit leben, dass die Vorstellung des Sonnenuntergangs eine
Illusion ist. Aber Sie tun sich vielleicht sehr schwer damit anzuerkennen,
dass Wolf Singer recht haben könnte. Wolf Singer ist ein Neurobiologe, ein
Hirnforscher, Direktor des Max-Planck-Instituts in Frankfurt am Main, er
erforscht seit Jahrzehnten, was in unserem Gehirn stattfindet, wenn wir
Erkenntnisse haben, wenn wir Gefühle erleben, wenn wir uns Illusionen machen
und wenn wir Entscheidungen treffen. Er hat herausgefunden, dass es keine
Zentralinstanz in unserem Gehirn gibt, die vergleichbar wäre mit dem „Ich“,
von dem Kant sagte, dass es alle unsere Vorstellungen muss begleiten können.
Es gibt keinen Dirigenten in diesem cerebralen Orchester, das Gehirn ist ein
dezentrales Institut, in dem Probleme gelöst werden, Gedanken gefasst
werden, Gefühle von Freiheit erzeugt werden. Es ist nicht nur Wolf Singer,
der diese These vertritt, es ist ebenso Gerhard Roth in Bremen, der deutlich
zeigt, dass aus naturwissenschaftlicher Sicht der Vorstellung von
Willensfreiheit nicht etwas Beobachtbares, Empirisches entspricht. Wir
können uns zunächst probeweise mit der Vorstellung auseinandersetzen,
Freiheit ist eine Illusion. Aber wir reagieren nicht viel anders als die
Menschen im Zeitalter Heinrich von Kleists, als ihnen gesagt wurde, es gibt
keinen Sonnenuntergang, es gibt keine Wahrheit, die ich irgendwo im Jenseits
rein erfassen könnte. Wir erleben heute eine ähnliche Furcht davor, dass
unsere Illusionen entzaubert werden könnten.
Die These: Freiheit ist eine Illusion, genau genommen: Willensfreiheit ist
eine Illusion, könnte gleichwohl richtig sein. Vielleicht ist die Erklärung
des Hirnforschers Wolf Singer die Spannendste, weil sie uns zeigt, wie
dieses Gefühl, einen freien Willen zu haben, zustande kommt. Singer bezieht
sich dabei auf das Unbewusste, auf jene Kategorie, die auch zentrale
Bedeutung für Sigmund Freud hatte.
Wolf Singer schreibt hierzu in einem philosophischen Beitrag: „Da wir
unbewusste Motive per definitionem nicht wahrnehmen, ergibt sich kein
erfahrbarer Widerspruch zwischen der grundsätzlichen Bedingtheit unserer
Entscheidungen und unserem Eindruck, wir träfen sie frei. Weil uns alle
vorbereitenden, vorbewussten Vorgänge in unserem Gehirn verborgen bleiben,
erscheint uns das, was im Bewusstsein aufscheint, als nicht verursacht. Nun
lehren uns aber alle Erfahrungen, dass nichts ohne Ursache ist. Wir
schreiben deshalb unserem Wollen die Rolle zu, als Auslöser für die
schließlich bewusst gewordenen Entscheidungen zu fungieren. Diesem Wollen
wiederum billigen wir inkonsequenterweise zu, dass es letztinstanzlich und
unverursacht, also frei ist.“
Sollte diese Interpretation zutreffen, so die Konklusion Singers, dann wäre
unsere Erfahrung, frei zu sein, eine Illusion.
Die Republik, und nicht nur die deutsche, schreit angesichts dieser These
auf, sie möchte nicht entlarvt sehen, dass Freiheit eine Illusion ist. Sie
möchte dieses Gefühl der Willensfreiheit erhalten, und zwar ungetrübt von
den naturwissenschaftlich empirischen Forschungen. Ich vermute, es geht um
ein Problem, das Aufklärung immer schon zu einem schmerzlichen Prozess
gemacht hat. Ich möchte in diesem Zusammenhang einen Autor zu Wort kommen
lassen, der den Menschen mitteilt, was sie nicht hören wollen, von dem man
dachte, dass seine Theorien, seine Thesen widerlegt seien, von denen aber
nun gilt, dass sie neurowissenschaftlich bestätigt werden. Ich spreche noch
einmal von Sigmund Freud, dem Entdecker der Psychoanalyse. Freud erklärt
uns, was es bedeutet, eine Illusion zu haben. Leider haben wir vergessen,
was Freud in seiner berühmten Schrift „Die Zukunft einer Illusion“ über die
Religion als Illusion zur Sprache gebracht hat. Freud erinnert uns mit
Heiterkeit an eine Eigenart, die jeder von uns erleben kann:
Stellen Sie sich vor, Sie begegnen einem Menschen von der anderen Seite der
Welt und Sie würden ihm vom herrlichen Baden-Baden berichten. Es könnte
sein, dass der Mensch auf der anderen Seite der Welt denkt, diese Stadt gibt
es gar nicht. Sie werden nicht mit ihm darüber streiten, Sie werden sagen:
„Fliegen Sie doch einfach mal hin. Kommen Sie an den Rhein. Kommen Sie nach
Süddeutschland, wo es besonders schön ist.“
Nun, Freud erkennt, dass wir in so unwichtigen Dingen wie bei der Frage, ob
es Baden-Baden gibt oder nicht, eine ziemlich genaue Methode haben
festzustellen, ob diese Aussage wahr oder falsch ist; aber in so wichtigen
Dingen, die unser Leben, unser Dasein, unser Heil nach dem Tode angehen,
jedoch auf völlig unsicheren Füßen stehen. Wenn wir nämlich einen Menschen
fragen, welche Institute, welche Funktionen, welche Beweise die These vom
Jenseits, von der Existenz eines Gottes, von einer Erlösung in einer
besseren Welt bestätigen könnten, so müssten wir zugeben, die These beruht
auf ungeprüften Schilderungen, auf Überlieferungen, die seit Jahrtausenden
für wahr gehalten werden, obwohl sie widersprüchlich sind. Woher kommt es,
dass wir in den wichtigen Dingen eine unverbürgte Bestätigung haben, aber in
unwichtigen Dingen genau wissen, was zu tun ist, um herauszufinden, was wahr
und falsch ist. Freud klärt uns auf, indem er sagt, es liegt am spezifischen
Charakter der Illusion. Eine Illusion ist nicht falsch, eine Illusion ist
kein Irrtum. Das ist das Entscheidende. Eine Illusion hat nicht die Aufgabe
zu bestätigen, dass ihr Inhalt wahr oder falsch ist. Sie hat allein die
Aufgabe, den illusionären Charakter zu erhalten. In diesem Sinne können wir
sagen, unsere Vorstellung der Willensfreiheit ist eine Illusion.
Die gegenwärtige Diskussion über die Thesen von Singer und Kollegen scheint
sich um die Existenz eines empirischen Beweises für die Willensfreiheit oder
gegen die Willensfreiheit zu drehen. Tatsächlich geht es aber meiner Meinung
nach darum, eine philosophisch-naturalistische Tradition, die immer schon
quer zu der akademischen Denkweise stand, zu Wort kommen zu lassen. Ich
zitiere Baruch de Spinoza aus seiner berühmten Ethik. Dort heißt es, und der
Text wurde vor über 250 Jahren geschrieben: „Die Menschen täuschen sich
darin, dass sie glauben, sie seien frei. Diese Meinung“, fährt Spinoza fort,
„besteht bloß darin, dass sie sich ihrer Handlungen nicht bewusst sind, die
Ursachen aber, von welchen sie bestimmt werden, nicht kennen. Das also ist
die Idee der Freiheit, dass sie keine Ursache ihrer Handlungen kennen“, sagt
Spinoza. „Denn wenn sie sagen, die menschlichen Handlungen hängen vom Willen
ab, so sind das Worte, von welchen sie keine Idee haben. Was der Wille ist
und wie er den Körper bewegt, wissen sie ja alle nicht. Und diejenigen,
welche sich brüsten, es ja zu wissen, und einen Sitz und Aufenthalt der
Seele aushecken, erregen damit nur Lachen oder Verdruss.“
Wenn Spinoza heute leben würde, wäre er einer der Autoren, die die Sprache
der Hirnforscher sprechen, und er würde von einer bestimmten akademischen
Philosophie dafür kritisiert werden. Diese philosophische Tradition in der
Gegenwart wie in der Vergangenheit möchte nämlich nicht daran erinnert
werden, dass gerade Naturwissenschaften Fragen beantworten können, die
Philosophieprofessoren nicht beantworten können. Sie möchten die Argumente,
die aus einer philosophischen Richtung stammen, von der sie selber glauben,
dass sie ihrer eigenen Macht schädlich sein können, nicht hören. Dabei hat
die philosophische Tradition der Aufklärung, der materialistischen
Aufklärung insbesondere, an verschiedenen Stellen Positionen hervorgebracht,
die es uns erlauben, eine kritische Haltung zu unserem Bewusstsein
einzunehmen.
Ich möchte beispielsweise Marx nennen. Er ist einer der Philosophen, die nie
als Philosophen gelten wollten, niemals einen Lehrstuhl bekleideten. Der
Gedanke seiner Entfremdungstheorie beruht auf DIESER Vorstellung, dass wir
die Inhalte unseres Bewusstseins vorschnell als Naturphänomene erleben.
Deshalb werden gesellschaftliche Verhältnisse als Naturverhältnisse
zurückgespiegelt. Marx verkörpert eine aufklärerische Philosophie, die heute
von naturwissenschaftlichen Disziplinen vertreten wird, speziell von
Neurowissenschaftlern.
Wozu also noch Philosophie, wenn andere Wissenschaften es besser verstehen,
die zentralen Fragen der Gegenwart zu diskutieren? Wozu noch Philosophie,
wenn sie hauptsächlich daran arbeitet, Denkzusammenhänge zu verdunkeln und
den Gang einer Selbstaufklärung zu behindern? Wir können beim genaueren
Hinsehen erkennen, dass es nicht um eine Krise der Philosophie an sich geht,
sondern dass eine bestimmte institutionalisierte Form der Philosophie
gefährdet ist: eine Philosophie, die hauptsächlich an den
Selbsterhaltungsstrukturen ihres Systems arbeitet, die diese Aufklärung
verhindern.
Ich plädiere also erstens dafür, der Philosophie die Möglichkeit zu geben,
sich dem Menschen und den anderen Wissenschaften zu öffnen. Wir könnten
beispielsweise die Hälfte, vielleicht sogar zwei Drittel aller
Philosophieprofessoren an anderen Fachbereichen angliedern, beispielsweise
an die Ökonomie, die Naturwissenschaften, an die politischen Wissenschaften.
Philosophie wäre dann genötigt, ihre Fragen aus dem Lebensraum und der
Gedankenwelt der Menschen und der empirischen Wissenschaften selbst zu
entwickeln. Philosophie müsste dann wieder auf den Menschen zugehen.
Philosophie könnte sich auf das besinnen, was sie eigentlich am besten kann:
Philosophie könnte dann wieder hauptsächlich Aufklärung sein,
Ideologiekritik. Und das bedeutet, dass sie erklärt, wie unsere Ideen im
Kopf entstehen, welchen Bezug sie zur Wirklichkeit haben.
In diesem Zusammenhang nenne ich ein Thema, das in der Ethik eine Rolle
spielt. Denken Sie an die Lüge. Eine rein akademische Philosophie hält die
Lüge für eine Katastrophe. In keinem philosophischen System spielt die Lüge
eine Rolle. Sofern Sie aber ein lebendiger Mensch sind, werden Sie wissen,
dass die Lüge eine Hauptrolle in ihrem Leben und im Leben Ihrer Mitmenschen
spielt. Wie ist es möglich, dass Philosophie an der Wirklichkeit derart
vorbei geht, dass sie die Lüge ausblendet?
Die Lüge neurobiologisch betrachtet, d. h. in der Sprache einer
Naturwissenschaft, würde einen völlig anderen Akzent hervorbringen als Kant
ihn hervorgebracht hatte. Für Kant ist die Lüge undenkbar. Ein Mensch, der
lügt, widerspricht dem Anspruch des kategorischen Imperativs. Er kann die
Maxime seines Handelns, nämlich zu lügen, niemals zur Grundlage der
allgemeinen Gesetzgebung machen. Anders die neurobiologische Erklärung.
Ein Mensch, der lügt, stellt sich mit seinen rationalen Erklärungen gegen
die unbewussten, gegen die leibhaften Strukturen seines Daseins. Lügner
entlarven sich am ehesten durch unbewusste Bewegungen ihrer Augen,
Bewegungen ihrer Augenlider, Bewegungen ihrer Gesichtsmuskeln. Aus
neurobiologischer Sicht lässt sich sagen, die Lüge soll deswegen nicht sein,
weil sie dem Menschen unnötige Energien abfordert, eine Illusion, einen
Zustand im Bewusstsein aufrecht zu erhalten, der seiner eigentlichen
tieferen Wahrheit, die der Leib nämlich vertritt, die unbewusst ist,
widerspricht.
Die vielen Anregungen, die Philosophie von Neurowissenschaften erhalten
kann, machen deutlich, dass wir nicht eine Philosophie benötigen, die allein
für Philosophen da ist, sondern eine Philosophie, die die Fragen der
Naturwissenschaften, die Fragen der Theologen, die Fragen der Politologen
und Neurobiologen so beantwortet, dass sie den Menschen und sein Handeln in
einem neuen Licht erscheinen und besser verstehen lassen.
Kommen wir an den Anfang dieses Vortrags zurück. Wir haben uns mit der
Illusion vom Sonnenuntergang beschäftigt und mit der Harmlosigkeit, die
diese Illusion für uns heute darstellt. Die Harmlosigkeit haben wir als ein
Resultat der philosophischen Aufklärung analysiert, LOKALISIERT. Die Wirkung
dieser philosophischen Aufklärung besteht darin, dass wir es aushalten
können, den Inhalt unseres Bewusstseins, in diesem Fall den Sonnenuntergang,
für etwas anderes zu halten als für das, wofür er sich selber ausgibt.
Akademische Philosophie ist derzeit in unserem Land nicht interessiert an
dieser Form von Aufklärung. Ich spreche namentlich von einer Philosophie des
Geistes, von einer analytischen Philosophie, die bemüht ist zu zeigen, dass
die Inhalte des Bewusstseins selbstredend sind.
Die Philosophie der Aufklärung dagegen fordert, dass die Inhalte des
Bewusstseins nicht aus sich selber zu verstehen sind, sondern einen
Standpunkt außerhalb dieses Bewusstseins benötigen. Dieser Standpunkt war
früher zu Zeiten Marx’ der Standpunkt der Gesellschaft. Der Standpunkt heute
– und da hat sich ein Paradigmenwechsel vollzogen - ist der Standpunkt der
Natur, der Standpunkt der Neurowissenschaften.
*****
* Zum Autor:
Privatdozent Dr. habil. Klaus-Jürgen Grün, geboren 1957, hat zunächst in der
chemischen Industrie eine naturwissenschaftliche Berufsausbildung
absolviert; nach dem Abitur als Externer und dem Studium der Philosophie,
Mathematik sowie mittlerer und neuerer Geschichte promovierte er mit einer
Arbeit über Schellings Naturphilosophie. 1998/99 Abschluss der Habilitation.
Bis 2001 vertrat Grün an der Universität Frankfurt/Main eine Dozentur mit
dem Schwerpunkt Naturphilosophie und Philosophie der Aufklärung; seit 2001
ist er Leiter des von ihm gegründeten Philosophischen Kollegs für
Führungskräfte, das die Anwendung philosophischer Methoden und Programme in
der Wirtschaft praktiziert.
Buchauswahl:
- Geist und Geld. Mentis-Verlag.
- Das Gehirn und seine Freiheit (hg. zusammen m. Gerhard Roth). Verlag
Vandenhoeck + Ruprecht.
- Arthur Schopenhauer. Beck-Verlag.
- Das Erwachen der Materie - Studie über die spinozistischen Gehalte der
Naturphilosophie Schellings. Olms-Verlag. |