SÜDWESTRUNDFUNK.
SWR2 Aula - Manuskriptdienst
Das andere Krankenhaus –
Sterben im HospizAutor:
Prof. Reimer Gronemeyer.
Redaktion: Ralf Caspary. Sendung: Karfreitag, 9. April 2004, 8.30 Uhr, SWR
2.
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V0r kurzem
bin ich in Estland gewesen, um mir dort ein Hospiz anzuschauen. Als ich
das Gebäude betreten habe, habe ich eine Stimme gehört, jemanden, der
gesungen hat. Ich bin dieser Stimme nachgegangen, bin im zweiten Stock
dieses Gebäudes angekommen. Und da lag in einem Gitterbett eine uralte
Frau, 92 Jahre alt, zahnlos, mit wirrem Haar. Sie sang eine Arie aus
„Carmen“. Sie sang mit einer wunderbaren Stimme die Liebesarie aus der
Oper „Carmen“ und hat mich darüber belehrt, dass auch in dieser Situation
am Rande des Lebens das Leben noch eine Stimme haben kann.
Das
Gebäude selber war heruntergekommen, ein richtig schauriges Krankenhaus,
ein ehemaliges Krankenhaus, das nun nur noch sterbende Personen
beherbergt: abgerissene Tapeten, durchgetretenes Linoleum, ein Ort der
Armut, der Dürftigkeit. Aber wenn man an die Art und Weise der Menschen
denkt, die dort als Krankenschwestern oder Ärzte mit dieser Patientin und
anderen Patienten umgingen, da hatte man das Gefühl einer großen Wärme.
Auf der
anderen Seite habe ich ein Hospiz in Brescia in Italien besucht. Das ist
nun das ganze Gegenteil gewesen: eine großartiger, an eine Luxusherberge
erinnernde Konstruktion, oval wie das Colosseum mit einem wunderbaren
Garten in der Mitte, alle Zimmer in italienischem Design. Das ist ein
Hospiz mit fünf Sternen gewissermaßen, in dem 38 Patienten auf eine sehr
perfekte, vollkommene und natürlich auch sehr teure Weise die letzten Tage
und Wochen ihres Lebens verbringen.
Wenn ich
an diese beiden Besuche denke, bin ich mir nicht so ganz sicher, ob der
Weg in das Luxus-Hospiz eigentlich der bessere ist. Und damit sind wir bei
einer Frage, die uns in Zukunft wohl in Europa immer deutlicher
beschäftigen wird, nämlich der Frage, wie wir denn die letzte Zeit unseres
Lebens verbringen wollen und wie wir mit den Menschen, die am Ende ihres
Lebens angekommen sind, umgehen wollen. Die Hospizbewegung ist in kurzer
Zeit in Deutschland, aber auch in Europa überhaupt sehr aufgeblüht.
Begonnen hat das mit einem ganz konkreten Datum: 1967 hat eine englische
Krankenschwester, Cicely Saunders, das erste Hospiz in London gegründet,
weil sie die Erfahrung gemacht hat, dass ein Sterben im Krankenhaus schon
eine manchmal sehr kalte und menschenunwürdige Sache sein kann. Im
Gespräch mit einem Patienten, der dann gestorben ist, hat sie von diesem
sterbenden jungen Mann den Auftrag bekommen, ein Haus zu gründen, in dem
man sterben kann, ohne ins Badezimmer oder auf den Flur abgeschoben zu
werden. So ist das erste Hospiz entstanden. Von da aus hat sich diese Idee
unter dem Namen Hospizbewegung sehr schnell in Europa verbreitet und hat
heute in Deutschland z. B. 40.000 freiwillige ehrenamtliche Mitarbeiter
und Mitarbeiterinnen.
Wenn man
zum Thema Hospiz Vorträge hält, ist etwas ganz Überraschendes
festzustellen, es kommen unglaublich viele Menschen, vor allen Dingen auch
junge Menschen, die bereit sind, in diesem Bereich tätig zu werden, obwohl
in anderen Bereichen unserer Gesellschaft, z. B. bei der Feuerwehr oder im
Sportverein, viele Klagen zu hören sind, dass die Bereitschaft
freiwilliger Mitarbeiter so sehr zurück geht. In dem Bereich Hospiz ist
das sehr vital und man findet eine sehr große Unterstützungsbereitschaft.
Da muss man sich fragen: warum ist das so?
Dazu muss
man sich vielleicht über die Hintergründe der Bewegung ein wenig Gedanken
machen. Zunächst ist es so, dass der klassische Ort des Sterbens, also die
Familie und die eigene Wohnung immer häufiger nicht die Orte sind, wo das
möglich ist. Familien zerbröckeln, die Menschen, die pflegen könnten, sind
berufstätig, die Wohnungen sind zu klein, oder man traut es sich ganz
einfach nicht zu, einen Menschen zu pflegen, der im Sterben liegt. Es ist
natürlich auch so, dass wir heute oft die Vorstellung haben, dass wenn
Jemand im Sterben liegt, muss alles professionell, medizinisch perfekt
organisiert sein. Deswegen ist wohl diese Entwicklung gekommen, dass die
Menschen immer häufiger in Institutionen sterben. Das ist ein merkwürdiger
Widerspruch, weil die meisten Menschen sagen, ich möchte natürlich zu
Hause sterben. Aber die Realität ist, dass 80 Prozent der Menschen heute
in einer Institution, im Krankenhaus, im Pflegeheim, im Hospiz oder im
Altenheim mit dem Tod konfrontiert werden.
In den
letzten Jahrzehnten hat sich das Krankenhaus zunächst einmal als der Ort
entwickelt, an dem gestorben worden ist. Gleichzeitig ist das Unbehagen
darüber, die Vorstellung, dass das eigentlich nicht richtig ist,
gewachsen. Das liegt natürlich auch daran, dass das Krankenhaus, das ja
künftig Gesundheitszentrum heißen soll, schon deswegen nicht der richtige
Ort sein kann, weil man dort ja eigentlich jemanden gesund machen will.
Wenn nun ein Punkt erreicht ist im Leben, wo die Ärzte sagen müssen, wir
können nichts mehr für dich tun, dann ist eigentlich klar, dass das
Krankenhaus nicht mehr so der richtige Ort ist.
Daraus ist
einerseits eben die Idee des Hospizes entstanden und andererseits sind
aber auch viele Krankenhäuser inzwischen dabei, sogenannte
Palliativ-Stationen einzurichten, also bestimmte Abteilungen, in denen
Menschen untergebracht werden, von denen man weiß, dass sie nicht mehr
heilbar sind, wo dann auch die Behandlung abgebrochen wird und wo man sich
darauf beschränkt, was am Ende des Lebens vielleicht als das Wichtigste
erscheint, nämlich eine Schmerzbehandlung, manchmal auch eine
psychologische Betreuung und vor allen Dingen aber auch eine Organisation
eines Ortes, an dem man so gut wie möglich diese letzte Phase des Lebens
bewältigen kann.
Ich habe
gesagt, wir werden künftig mehr mit diesem Thema zu tun haben werden. Das
natürlich auch, weil wir in Deutschland eine alternde Gesellschaft sind,
und das nicht nur in Deutschland, sondern in Europa überhaupt. Wenn man
sich mal vorstellt, im Jahre 2050 wird jeder zehnte Europäer älter als 80
Jahre sein, dann kann man sich vorstellen, dass die Frage, was geschieht
denn mit denen, die am Ende ihres Lebens angekommen sind, eine ganz
wichtige Frage wird. Nicht nur in einzelnen Fällen, sondern auch im
Hinblick auf die Tatsache, dass es einfach sehr sehr Viele sind, die
sterben.
Vielleicht
kann man sich die Frage, wie wir damit umgehen wollen, zunächst einmal
daran klar machen, dass sich das, was Sterben ist, was der Umgang mit
Sterben ist, bei uns ja sehr deutlich verändert hat. Es sind drei Dinge,
denke ich, die man zu bedenken hat:
Einmal ist
das Sterben unter das Diktat der Medikalisierung geraten. Hippokrates, der
griechische Arzt, hat noch die Auffassung vertreten, dass in dem
Augenblick, wo die Zeichen des Todes auf dem Gesicht eines Menschen
erkennbar sind, der Arzt den Raum zu verlassen habe und statt dessen die
Freunde, die Verwandten, vielleicht in moderneren Zeiten der Geistliche
den Raum zu betreten haben, aber nicht mehr der Arzt. Das hat sich völlig
verändert. Wir können uns heute den Tod und das Sterben vielfach nicht
mehr anders vorstellen als als Etwas, was medizinischer Betreuung bedarf.
Das mag man ja für richtig halten. Auf jeden Fall hat es den Umgang mit
Sterben und Tod sehr nachdrücklich verändert.
Das zweite
ist, dass wir das Sterben institutionalisiert haben, dass es immer weniger
in der Familie stattfindet und immer mehr in Institutionen.
Das dritte ist natürlich ein Zug zur Ökonomisierung, d. h. die Frage, wer
bezahlt das eigentlich und wie ist das mit den Kosten des Sterbens. Eine
Frage, die man vielleicht fast etwas zynisch finden kann, aber die dann
doch ganz wichtig wird, wenn man sich z. B. klar macht, dass die meisten
Gesundheitskosten, die heute in einem Menschenleben anfallen, in den
letzten sechs Monaten des Lebens fällig werden. Da ahnen wir, dass da
etwas passiert, was man vielleicht gar nicht unbedingt will, nämlich dass
da mit Medizinischem etwas gemacht wird, was gar nicht den Wünschen dessen
entspricht, der im Sterben liegt; also die Frage, wie geht man mit den
medizinischen Möglichkeiten um, aber auch die Frage in einer Zeit knapper
werdender Gesundheitsdienstleistungen und Kosten, die anfallen, wie machen
wir das so, dass da nicht plötzlich Jemand auftritt und sagt „das ist aber
alles viel zu teuer“.
Ein ganz
wichtiger weiterer Themenkomplex, den man betritt, wenn man sich dem Thema
Hospiz, Hospizbewegung zuwendet, ist die Unterscheidung, die inzwischen
überall in Europa getroffen wird, zwischen Sterbehilfe und
Sterbebegleitung. Was ist der Unterschied?
Sterbebegleitung ist das, was aus der Hospizbewegung gekommen ist, als die
Idee, wenn das Krankenhaus nicht der richtige Ort ist und wenn die Familie
es nicht mehr kann, dass es dann eine neue bürgerschaftliche freiwillige
Tätigkeit geben muss, bei der Menschen begleitet werden auf ihrem letzten
Weg: Sterbebegleitung. Auf der anderen Seite gibt es eine Entwicklung in
Europa, die unter dem Begriff Sterbehilfe gefasst wird. Das ist die
ärztlich unterstützte Begleitung in den Tod, die den Namen Euthanasie
trägt. Sie wissen ja vielleicht, dass es in den Niederlanden und
inzwischen auch in Belgien ein Gesetz gibt, nach dem Menschen, die den Tod
wünschen, unter ganz bestimmten Bedingungen von Ärzten mit medikamentöser
Hilfe in den Tod geleitet werden können. Man kann sehen, dass diese
Auseinandersetzung um die Frage Sterbebegleitung oder Sterbehilfe in
Europa zu einer großen, wichtigen Frage wird. Wenn wir das niederländische
Modell der Euthanasie, der Sterbehilfe also, auf Europa übertragen würden,
dann würde das bedeuten, dass wir künftig in Europa in jedem Jahr 250.000
Fälle von Euthanasie haben würden, von denen 60.000 ohne Einwilligung
stattfinden würden. Denn in solchen Fällen, wo ein Patient nicht mehr
Lebensäußerungen machen kann, kann in den Niederlanden auch die
Verwandtschaft oder die Frau, der Mann die Entscheidung für die Euthanasie
fällen. Und das scheint mir persönlich eine sehr gefährliche Entwicklung
zu sein. Man könnte den Eindruck haben, wenn man sich fragt, wer will da
eigentlich was, dass man da auf die religiösen Wurzeln im europäischen
Kontinent trifft, nämlich einerseits auf einen stärker katholisch
geprägten Bereich, denn die Hospizbewegung ist z. B. in Bayern und in
Österreich besonders stark; während auf der anderen Seite in den besonders
deutlich protestantisch-calvinistisch geprägten Ländern, wie den
Niederlanden z. B., eben die Idee der Euthanasie, der Sterbehilfe,
besonders leicht sich durchsetzt. Und daraus könnte man die Frage
entwickeln, die wir vor uns haben: Wie wird den ein geeintes Europa in
Zukunft mit dieser Frage umgehen
Es ist
interessant zu sehen, dass die Europäische Kommission schon drei Mal auf
ihrer Tagesordnung die Debatte eines Euthanasie-Gesetzes gesetzt hatte,
aber mehrfach diese Debatte wieder abgesetzt hat, weil offensichtlich die
Befürchtung steht, dass es eine Mehrheit für ein Euthanasie-Gesetz in
Europa gibt. Ich denke, dass das etwas ist, was man zu Recht befürchten
muss. In Frankreich hat es im vorigen Jahr einen Fall gegeben, der die
Öffentlichkeit ungeheuer erregt hat. Ein junger Mann, der nach einem
Unfall gelähmt, taub und stumm war, hat über sehr schwierige
Kommunikationsmittel seiner Mutter mitgeteilt, dass er sterben möchte. Er
hat sogar einen Brief an den Präsidenten Chirac geschrieben. Und seine
Mutter hat ihn dann auch getötet. Sie ist verhaftet worden, aber die
Bevölkerung Frankreichs hat mit einer Mehrheit von 70 Prozent nach
Umfragen der Tat der Mutter zugestimmt. Und das, denke ich, lässt uns noch
mal mit großer Intensität die Frage nach der Hospizbewegung stellen, weil
sie eben die Alternative ist zur Euthanasie.
In
Deutschland gibt es inzwischen über 100 Stationäre und Hospize und
zahllose Hospizdienste. Inzwischen sind wir in der Situation, dass mehr
Hospizdienste da sind als nachgefragt werden. Aber ich denke, das wird
sich in den nächsten Jahren auch noch ändern. Da gibt es eben
ehrenamtliche Helfer, vor allen Dingen sind es Frauen, muss man sagen, und
das gibt es im übrigen fast überall in Europa, in Westeuropa etwas mehr
als in Osteuropa, wo die Freiwilligkeit nach so vielen Jahren
sozialistischer Diktatur eigentlich ausradiert zu sein scheint. Aber in
Frankreich, in Italien, in Großbritannien, in Deutschland und in
skandinavischen Ländern gibt es eine Fülle von ehrenamtlichen Helfern und
Helferinnen, die zuhause oder in stationären Hospizen mit den Menschen,
die im Sterben liegen, sprechen, ihnen Wünsche erfüllen, soweit es möglich
ist, die Verwandten unterstützen und kleine Dienste erledigen: Vorlesen
oder einfach nur da sind, wenn Jemand in Angst oder allein ist. Es ist
eigentlich sehr erstaunlich, dass es eine so breite soziale
bürgerschaftliche Bewegung in diesem Bereich gibt, wo man doch generell
immer wieder hören kann, dass gesagt wird, der Tod ist ein Tabu, da will
keiner dran rühren, davon will keiner etwas wissen. Ich glaube, dass das
gar nicht so sehr stimmt, sondern dass es eben interessant ist, dass so
viele Menschen bereit sind, sich an dem Bett eines Sterbenden nieder zu
lassen und dabei zu sein, wie Jemand diese letzte Grenze überschreitet.
Aber es
gibt da natürlich auch Gefahren. Die Gefahren sind, dass aus der
Bürgerbewegung heute vielleicht auch ein Stück Institution im schlechten
Sinne des Wortes werden kann. Ich gehe dazu noch einmal aus Deutschland
heraus und schaue nach Italien, wo es Hospizgesetze gibt – in jeder Region
gibt es unterschiedliche Gesetze – und wo mit einen Mal Menschen anfangen
zu entdecken, dass man möglicherweise auch mit Hospizen Geschäfte machen
kann, dass man ein Angebot an Menschen machen kann, ihre sterbenden
Angehörigen gut unterzubringen und dass man dann dafür auch entsprechende
Gebühren nimmt. Das ist eine Entwicklung, die vielleicht genauso
gefährlich ist wie die, die in Richtung Euthanasie zeigt. Weil in beiden
Fällen die Idee entsteht, dass wir in Europa so etwas entstehen sehen
könnten wie eine Entsorgungsstruktur. Wir haben zu viele Alte, wir haben
teure Sterbende, also brauchen wir Einrichtungen, in denen die billig
entsorgt werden. Dann wird aus dem Hospiz, wie Jemand es einmal böse
genannt hat, ein Sterbeknast.
Das kann
und muss um jeden Preis verhindert werden, aber wir können nicht außer
Acht lassen, dass die Entwicklung in Europa diese Möglichkeiten jedenfalls
nicht ausschließen. Wir leben in einem Zeitalter der Globalisierung und
der Vermarktung von Allem und Jedem. Und in dem Zusammenhang ist natürlich
auch zu sehen, dass Gesundheitsdienstleistung entlokalisiert werden und
grenzüberschreitend angeboten werden. Eine Frage, um die man sich auch im
Augenblick in der Hospizbewegung streitet in einem produktiven Sinne, ist
die Frage nach der Professionalisierung und den Qualitätsstandards. Das
sind ja beliebte Worte. Qualitätskontrolle gibt es heute in der
Universität, in der Schule, in der Justizvollzugsanstalt und natürlich
auch im Pflegeheim. Man hat manchmal den Eindruck, dass das, was früher
aus dem Menschen selber kam, was ihre Moral war, was ihre Ethik war,
ersetzt wird durch steuernde Apparaturen, die unter dem Begriff
Qualitätskontrolle daher kommen.
Ich finde
die Idee, dass wir auf so etwas wie ein qualitätskontrolliertes Sterben
zusteuern könnten, schrecklich. Aber es gibt schon Leute, die diesen
Begriff „qualitätskontrolliertes Sterben“ in den Mund nehmen. Ich denke,
dass am Ende des Lebens die Frage nach der Perfektion der Versorgung
weniger wichtig ist, als die Frage nach der Menschenwürde, nach der Wärme,
die man ganz bestimmt nicht in Punktesysteme fassen kann.
Das
Gleiche gilt für die Frage, was müssen Ehrenamtliche eigentlich können?
Inzwischen ist es ganz üblich, dass Ehrenamtliche im Hospizbereich eine
Ausbildung machen. Das ist sicher auch etwas ganz Sinnvolles. Aber ich
würde auch da davor warnen, das zu überziehen und daraus etwas zu machen,
was dann gewissermaßen in die Richtung eines Sterbetherapeuten geht, der
seine Kompetenz und Kenntnisse im Kopf hat, aber vielleicht dafür die
Unmittelbarkeit und Menschlichkeit verliert.
Ich habe
vor kurzem mit einer Frau, die schon lange Hospizarbeit macht, gesprochen,
die eine wunderbare Anekdote erzählt hat. Als ich sagte, wenn ich mir
vorstelle, ich bin in der Situation des Sterbens, ich weiß gar nicht, ob
es mir so sehr wichtig wäre, dass da Jemand sitzt und meine Hand hält.
Vielleicht möchte ich lieber ein gekühltes Bier trinken als von jemandem
berührt zu werden, den ich gar nicht kenne. Ich weiß es nicht, ob es so
ist, aber es könnte so sein. Da sagte diese Dame, ja das ist gar nicht so
selten. Und da es dann oft Menschen sind, die nicht mehr schlucken können,
haben wir kleine tiefgefrorene Bierwürfel, die wir dann diesen Menschen
geben. Das, finde ich, ist menschenwürdige Kompetenz auf einer sehr
einfachen Ebene.
Nun sage
ich nicht, dass dieses das ist, worum es am Ende des Lebens gehen muss.
Aber wissen Sie, ich bin inzwischen in so vielen Hospizen in Europa
gewesen, dass ich sagen kann: Von Tallin bis Paris, von Rom bis Oslo gibt
es eine Tendenz, dass die Orte des Sterbens allmählich überall gleich
aussehen. Es ist überall derselbe Raum mit einem Krankenbett, einem
Beatmungsschlauch etc. Und das kann man natürlich noch eine ganze Ecke
weiter treiben hin zu einer Standardisierung, wo wir dann im Endeffekt
wissen, dass wir überall in der gleichen Weise sterben werden. Wir haben
in Europa eine Kultur des Sterbens, die unendlich vielfältig ist. In jedem
hessischen Dorf gibt es eine Tradition, was man macht, wenn ein Mensch
stirbt. Und so gibt es in ganz Europa eine Tradition des familiären, des
kulturellen und des religiösen Umgangs mit Sterben und Tod. Natürlich
wissen wir, dass alle diese lokalen Lebens- und Sterbensformen ebenso
bedroht sind wie die lokalen Dialekte. Ich denke schon, dass es ein
Erschrecken darüber geben muss, dass wir vielleicht in Europa vor einer
Entwicklung stehen, in der es eine Egalisierung des Sterbens gibt. Von da
aus muss man einerseits warnen vor einer Richtung, die Hospizbewegung
unter das Diktat von Qualitätskontrolle, von Standardisierung und
Professionalisierung alleine stellt, und zum anderen natürlich auch warnen
muss vor den ökonomischen Gefährdungen, die mit diesem Prozess einher
gehen.
Ich
erinnere mich an eine Situation in einem französischen Hospiz, wo ich sah,
wie eine ältere Dame, sehr elegant, sehr gut gekleidet, eine Freiwillige,
einen uralten Mann in einem Rollstuhl an die frische Luft fuhr, der
offensichtlich den Wunsch verspürte, noch einmal eine Zigarette zu
rauchen. Die Beiden saßen da, und es war eine durchaus heitere Situation
des Abschiednehmens, etwas, was vielleicht nur ein Mensch bieten kann, der
als Freiwilliger, als Ehrenamtlicher in einer solchen Situation da ist,
während der Arzt eben etwas Anderes darstellt.
Ich möchte
noch zwei Dinge erzählen: Das eine ist die Geschichte eines jungen Mannes,
der Banker in Frankfurt war, fantastisch verdient hat und der sich über
Nacht entschlossen hat, in dem berühmten Hospiz in Kalkutta in Indien, das
von der Mutter Teresa gegründet worden ist, zu arbeiten. In einem Gespräch
hat er gesagt, ich verstehe gar nicht, was ich da in Frankfurt gemacht
habe. Hier kratze ich den Obdachlosen, die wir von der Straße aufsammeln,
den Kot mit einem Rasiermesser vom Körper und habe mit einem Mal das
Gefühl, dass mein Leben einen Sinn hat. Das andere ist, dass ich aus
Gesprächen mit Menschen in Afrika, die an Aids erkrankt sind, weiß, dass
es offensichtlich in anderen Kulturen eine Selbstverständlichkeit im
Umgang mit dem Ende des Lebens gibt, die den Menschen den Abschied vom
Leben vielleicht sehr viel eher möglich macht, als es uns in unserer
hochmodernen, luxuriösen, wohl ausgestatten Lebenswelt möglich ist. |