SWR2 AULA - Wissen: Aula . Darwin-Jahr
2009 Vom Kampf ums Überleben und andere Missverständnisse . Charles
Darwin und seine Wirkung - Eve-Marie
Engels: Was verstand Darwin wirklich unter dem "Kampf ums
Überleben"?
Ralf Caspary im Gespräch mit Professor Eve-Marie Engels
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Freitag, 1. Mai 2009, 8.30 Uhr,
SWR 2
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ÜBERBLICK
Kaum ein Naturforscher hat unser Verständnis vom Lebendigen und von
der Stellung des Menschen im Kosmos so verändert wie Charles Darwin
mit seiner Evolutionstheorie. Bereits seine Zeitgenossen erkannten
die revolutionäre Wirkung und verglichen Darwin mit berühmten
Astronomen und Physikern. Neben der Bewunderung gab es aber auch
Kritik und vor allem viele Missverständnisse und
Fehlinterpretationen, die die Darwin-Wirkung bis heute
charakterisieren. Professor Eve-Marie Engels, Biowissenschaftlerin
an der Universität Tübingen, erläutert die paradoxe
Wirkungsgeschichte der zentralen Thesen von Darwin.
Autorin
Professor Dr. Eve-Marie Engels
Studium der Philosophie, Romanistik und Anglistik/Amerikanistik,
Habilitation in
Philosophie, Professuren in Bielefeld, Göttingen und Kassel, seit
1996 Inhaberin des
Lehrstuhls für Ethik in den Biowissenschaften an der Universität
Tübingen, Mitglied
der Fakultät für Philosophie und Geschichte und Vorstandsmitglied
des
Interfakultären Zentrums für Ethik in den Wissenschaften (IZEW).
Weitere
Funktionen und Aufgaben (Auswahl): 2001 – 2008 Mitglied im
Nationalen Ethikrat,
1999 – 2004 Mitglied im Human Genome Organization International.
Bücher (Auswahl):
- (Hrsg.) Charles Darwin und seine Wirkung. Frankfurt a.M.: Suhrkamp
2009 (in
Vorbereitung).
- Wie funktioniert Bioethik? (zus. mit Arianna Ferrari und László
Kocács) Hrsg. von -
Cordula Brand. Paderborn: mentis 2008.
- (Hrsg. zus. mit Thomas F. Glick) The Reception of Charles Darwin
in Europe. 2
vols. London: Continuum 2008
- Charles Darwin, CH Beck, München 2007.
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INHALT
Ansage:
Heute mit dem Thema „Der Kampf ums Überleben und andere
Missverständnisse -
Charles Darwin und seine Wirkung“.
Wir befinden uns mitten im Darwin-Jahr, was schon jetzt gezeigt hat,
wie faszinierend
dieser Forscher war und ist, wie wichtig seine Evolutionstheorie für
unser modernes
Selbst- und Weltverständnis ist und vor allem auch, wie stark
Darwins Gedanken die
Menschen verschiedener Epochen geprägt hat. Er hat Künstler
beeinflusst und auch
provoziert, das zeigt gerade eine Kunstausstellung in der
Frankfurter Schirn. Er hat
Philosophen angeregt, Schriftsteller, Musiker und natürlich immer
wieder auch
Naturwissenschaftler. Über diese Wirkungsgeschichte wollen wir heute
in der AULA
reden, und zwar mit Eve-Marie Engels, Professorin für Ethik in den
Biowissenschaften an der Universität in Tübingen. Ich begrüße Sie
ganz herzlich,
Frau Engels. Guten Morgen!
Eve-Marie Engels:
Guten Morgen, Herr Caspary.
Frage:
Frau Engels, warum hat Darwin eigentlich mit seiner Theorie so eine
ungeheure
Wirkung entfalten können?
Eve-Marie Engels:
Na ja, also Darwin hat sozusagen eine wissenschaftliche Revolution
bewirkt, in dem
Sinne, dass er zunächst einmal gezeigt hat mit seiner Theorie, dass
alle Lebewesen
miteinander verwandt sind. Und vor allen Dingen hat er auch gezeigt,
dass sich die
Entstehung von Arten und die Entstehung der Zweckmäßigkeit in der
Natur ohne
metaphysische, ohne religiöse Annahmen erklären lassen. Nun hat
Sigmund Freud
Darwin unter diejenigen eingereiht, die die naive Eigenliebe des
Menschen gekränkt
haben. Er sprach ja davon, ...
Frage:
Ja, die zweite Kränkung sei das praktisch.....
Eve-Marie Engels:
... die zweite Kränkung, richtig.
Frage:
Die erste Kränkung sei – so Freud- die Abkehr vom ptolemäischen
Weltbild, wenn ich
mich richtig erinnere.
Eve-Marie Engels:
Ja, die kosmologische Kränkung durch Kopernikus.
Frage:
Und die zweite dann durch Darwin.
Die zweite durch Darwin und die dritte durch Sigmund Freud selbst.
Durch seine
eigene Theorie. Und was ich ganz besonders interessant finde ist,
vielleicht sehen
Sie das etwas anders, Sie haben viel mit Medien zu tun: Mir ist
aufgefallen, wir
haben ja jetzt das Jahr der Astronomie, das Internationale Jahr der
Astronomie. 400
Jahre Galilei, 400 Jahre Kepler. Aber ich habe den Eindruck, dass
man über Darwin,
obwohl wir ja kein offizielles von den Vereinten Nationen erklärtes
Darwin-Jahr
haben, dass man über Darwin viel mehr spricht als über Galilei und
Kepler.
Frage:
Diesen Eindruck kann ich bestätigen.
Eve-Marie Engels:
Ja, und da fragt man sich, woran liegt das. Ist das jetzt nur die
historische Ferne. Das
eine war 1609, das liegt 400 Jahre zurück, Darwins 200. Geburtstag,
und „Origin of
Species“ ist vor 150 Jahren erschienen. Liegt es daran, dass Darwin
uns viel näher
ist, zeitlich, oder liegt es am Gegenstand. Und ich habe den
Verdacht oder die
Vermutung, es liegt am Gegenstand. Die Gestirne sind so weit weg.
Wir leben aber
hier auf der Erde und Darwin hat sozusagen etwas gesagt, was den
Menschen auch
betrifft, den Menschen als Teil der Natur. Das war seine Revolution.
Er hat uns
eingebettet in den Gesamtzusammenhang alles Lebendigen. Wir sind mit
allen
Lebewesen verwandt. Im 19. Jahrhundert war dann auch gleich die Rede
von der
Affentheorie, die Evolutionstheorie als die „Affentheorie“. Weil wir
ja von
affenähnlichen Vorfahren abstammen, und das alles hat die Menschen
zum Teil
auch provoziert.
Frage:
Jetzt haben Sie schon viele Themen und Aspekte genannt. Also lassen
Sie uns mal
dabei bleiben, dass Sigmund Freud Darwins Theorie als Kränkung des
modernen
Menschen bezeichnet hat. Also der Mensch sei jetzt eben nicht mehr
die Krone der
Schöpfung, sondern ein banales - ich sage mal - entzaubertes Stück
Natur, ein
affenähnliches Wesen. Mir fallen da sofort diese ganzen Karikaturen
ein zu Darwin:
Darwin als Affe oder Darwin mit Affe, da gibt es ja auch
verschiedene Variationen.
Das ist ein eher negativer Rezeptions- und Wirkungsstrang. Richtig?
Darwin der
Kränkende.
Eve-Marie Engels:
Darwin der Kränkende, ja, aber auch Darwin der Befreiende. Ich
meine, es hat auch
etwas Befreiendes, wenn man jetzt die Idee der Entstehung des
Menschen auf eine
naturwissenschaftliche Grundlage stellt. Und es war keineswegs so,
dass Darwin im
19. Jahrhundert, vor allen Dingen im Anschluss an das Buch „Origin
of Species“, was
ja direkt am ersten Tag verkauft war, dass er da im Wesentlichen
negativ rezipiert
wurde. Ganz im Gegenteil. Es gab, vor allen Dingen auch in
Deutschland, sehr viele
interessante und positive Rezensionen, direkt um 1860. Es war auch
so, dass sofort
1860, wenige Monate nach dem Erscheinen von „Origin of Species“, die
erste
deutsche Übersetzung erschien, und zwar von dem Paläontologen,
Geologen,
Zoologen aus Heidelberg: Heinrich Georg Bronn. Und Bronn hat auch
sofort eine
Rezension verfasst. Interessanterweise wird aus dieser Rezension
deutlich, dass er
Darwin, also das Neue der Darwinschen Theorie, zunächst einmal nicht
verstanden
hat. Er hat es gar nicht erkannt, er hat nämlich den Begriff „natural
selection“
übersetzt mit „Wahl der Lebensweise“ und gesagt, na ja, neu ist die
Theorie ja
eigentlich nicht, das hat ja schon Lamarque gesagt, dass die Tiere
ihre Lebensweise
wählen und sich dann anpassen, indem sie ihre Gewohnheiten
verändern. Aber es
ist so, erstens stimmte die Übersetzung nicht ganz und es ist auch
überhaupt
schwierig mit Übersetzungen. Es ist ein Hauptproblem der
Darwin-Rezeption.
Bronnen hat dann z. B. „The Preservation of favorite reason in the
struggle for life“
übersetzt mit “die Erhaltung der vervollkommnenden Rassen im Kampf
ums Dasein”.
Das heißt, er hat sofort seine Idee der Vervollkommnung in Darwins
Text
untergebracht.
Bronns Werk, also seine Darwin-Übersetzung, wurde auch in vielen
anderen Ländern
gelesen, die zwar die deutsche Sprache beherrschten, aber weniger
das Englische.
Das heißt also....
Frage:
....die Missverständnisse wurden importiert...
Engels: Genau. Und das ist ohnehin etwas ganz Interessantes an der
Darwin-
Rezeption. Ich würde die Darwin -Rezeption auch bezeichnen als eine
Art der
Konstruktion. Darwin wurde eigentlich konstruiert. Das Bild von ihm
wurde konstruiert
und seine Theorie wurde konstruiert. Und es fragt sich tatsächlich,
ob Darwins
eigentliche Theorie, die wir in seinen Büchern lesen können, ob die
adäquat
wahrgenommen wurde. Manche haben sein Werk auch gar nicht gelesen.
Darwin
war eine Ikone.
Frage:
Also: Die Darwin- Rezeption als Prozess des Konstruierens. Da muss
man fragen:
Konstruieren von was und aus was? Also aus z. B. aus
Missverständnissen, wie Sie
sie eben dargestellt haben?
Eve-Marie Engels:
Eine Konstruktion zum Teil aus Missverständnissen aber auch zum Teil
auf der Basis
der eigenen Disziplin des jeweiligen Rezipienten, des eigenen
politischen, sozialen
Zusammenhangs. Das sieht man auch sehr schön in der deutschen
Rezeption,
beispielsweise bei Ernst Heckel, der die Darwinschen Ideen in das
eigene
Forschungsprogramm integrierte.
Frage:
Aber wir können prinzipiell sagen, Frau Engels, es gab eine ganz
starke Wirkungsund
Rezeptionsgeschichte aufgrund des Gegenstandes, wie Sie gesagt
haben. Also
aufgrund dieser revolutionären Theorie mit dem neuen Ansatz. Eine
Wirkungsgeschichte, die Sie als Konstruieren bezeichnet haben. Was
ich sehr
interessant finde, was Sie eben auch angedeutet haben, ist der
Erfolg dieses Buches
„Origin of Spieces“, das war ja ein für die Zeit ungeheurer moderner
Erfolg. Also man
muss sich einfach vorstellen - wie oft wurde das Buch verkauft
gleich nach
Erscheinen?
Eve-Marie Engels:
Ich glaube 1.250 Exemplare! Und zwar am ersten Tag!
Frage:
Das wäre heute vergleichbar mit einem Millionseller?
Eve-Marie Engels:
Ja, vor allen Dingen ist es eigentlich ein ungewöhnliches Buch.
Darwin hat es ja
interessanterweise auf die Schnelle geschrieben, obwohl er 20 Jahre
dran gearbeitet
hat, er arbeitete eigentlich an dem Buch „Big Spieces book on
natural selection“. Und
Freunde, wie Charles Lyell, der die Geologie revolutioniert hat mit
seiner Theorie,
haben ihm immer gesagt: „Lieber Darwin, jetzt publiziere endlich
Dein Buch, es kann
sein, dass Dir jemand zuvor kommt!“ Und dann schickte Alfred Russell
Wallace
Darwin ein Manuskript, von dem Darwin sagte, das ist doch meine
Theorie. Und
dieser Wallace bat Darwin sogar noch darum, auch Lyell dieses
Manuskript zu
zeigen, und ihn um eine Veröffentlichung zu bitten. Nun wusste aber
jeder, dass
Darwin schon seit den 30er Jahren an dem Thema gearbeitet hatte. Es
gab
unveröffentlichte Manuskripte von 1842, von 1844, die das zeigen,
und Darwin war
wegen Wallace Manuskript zerknirscht und war zutiefst getroffen, und
er hat gedacht:
„Jetzt war die ganze Arbeit umsonst.“ Aber man hat dann ein
Gentlemans Agreement
gefunden. Und die Freunde haben einige Auszüge von Darwin und das
Manuskript
von Wallace in einer wissenschaftlichen Institution verlesen, das
wurde dann auch
publiziert, und Darwin machte sich dann an die Arbeit, um jetzt ganz
schnell ein
Abstract seines größeren in Arbeit befindlichen Buches fertig zu
stellen. Und genau
dieses Abstract ist das Buch „Origin of Spieces“. Es handelt sich
immer noch um ein
dickes Buch von über 400 Seiten. Dieses ganze Vorgehen erklärt aber
auch, warum
dieses Buch keine Anmerkungen, keinen Anmerkungsapparat enthält,
gerade das
macht es zu einem ganz ungewöhnlichen Werk.
Frage:
Aber es ist auch eine revolutionäre Publikationsgeschichte mit
diesem Buch
verbunden?
Eve-Marie Engels:
Das kann man schon sagen. Ich habe allerdings manchmal den Eindruck,
viele
haben dieses Buch nicht gelesen. Ja, und es gab Länder, in denen
also vor allen
Dingen Deutsch gesprochen wurde, dort hat man dann diejenigen
gelesen, die
Darwin popularisiert haben. Man hat Büchner gelesen, Friedrich
Rolle, man hat
Heckel gelesen. Das heißt, man hat die Monisten und Materialisten
gelesen und zum
Teil dann entweder in Deutsch oder aber in der jeweiligen
Landessprache. So dass
das es eine zweifache Darwin-Rezeption war. Einmal durch diejenigen,
die ihn
popularisiert haben, und dann durch diejenigen, die ihn nicht ganz
richtig übersetzt
haben. Und da kann natürlich einiges schief laufen.
Frage:
Ja, richtig. Aber was Sie gerade gesagt haben, ist doch ganz
wichtig. Die wenigsten
haben wirklich die Originaltexte gelesen.
Eve-Marie Engels:
Den Verdacht habe ich schon, dass die wenigsten das gelesen haben.
Frage:
Darwins Theorie kommt ursprünglich aus der sozialen Sphäre, sagen
immer wieder
Darwin-Experten. Also zum Beispiel hätte er sich bei der Idee der
Variation von der
Londoner Weltausstellung inspirieren lassen. Dort hätte er gesehen,
dass besonders
Firmen reüssieren, die ihre Produkte in verschiedenen Varianten
anbieten. Oder den
„Kampf ums Dasein“ hätte er rezipiert durch Lektüre des
Nationalökonomen Malthus.
Der hat gesagt, das Bevölkerungswachstum ist exponentiell und
irgendwann gibt es
zu wenig Nahrungsmittel, und dann gibt es einen Kampf um
Nahrungsmittel. Stimmt
denn diese Theorie, dass Darwin die wichtigsten Punkte seiner
Evolutionstheorie,
also „Der Kampf ums Dasein“ und Bildung von Varianten aus dieser
sozialen Sphäre
hat? Und dass es deshalb auch erklärlich ist, dass diese Begriffe
immer wieder in
diese soziale Sphäre zurückgewandert sind im Rahmen der
Wirkungsgeschichte?
Eve-Marie Engels:
Ich würde das bestreiten. Ich glaube, diese Erklärung ist zu
einfach, und ich möchte
das jetzt kurz erläutern anhand der Komplexität der Darwinschen
Theorie. Darwins
Theorie besteht, und das sagten auch seine Zeitgenossen, eigentlich
aus mehreren
Einzeltheorien. Die Zeitgenossen nannten als Einzeltheorien - man
sollte besser
Theoreme oder Bestandteile sagen - einmal die Theorie der
gemeinsamen
Abstammung. Dann den Evolutionsgedanken oder Gradualismus oder das
Prinzip
der Kontinuität. Und die Idee der natürlichen Selektion. Und Darwin
hat diese Ideen
ja eigentlich aus der Natur, und zwar aus der Züchtungspraxis,
geschöpft. Er hat
selber gezüchtet, seine Mutter hat schon gezüchtet, und er kannte
einfach viele
Züchter. Und er hat auch immer wieder betont, dass ein wichtiger
Aspekt seiner
Theorie die Analogie, also die Ähnlichkeit zwischen der künstlichen
Selektion bei der
Züchtung von Pflanzen und Tierrassen und der natürlichen Selektion
bei der
Entstehung neuer Arten, ist. In bezug auf die Theorie der
gemeinsamen
Abstammung - da schaut man sich eben einfach die Tierzucht an. Und
Darwin
beobachtete, wie Züchter die einzelnen Varianten aussuchen bei den
Tieren und sie
gezielt zur Vermehrung bringen. Die Tiere, die über ganz bestimmte
Merkmale
verfügen, werden gezielt zur Vermehrung gebracht, damit sich diese
Merkmale im
Laufe von Generationen noch stärker ausprägen.
Die Idee der „natural selection“, das ist also eine Idee, die er
eben aus der
Züchtungspraxis hatte. Und was er jetzt - er selber sagt, ihm fiel
es wie Schuppen
von den Augen- ,was er jetzt darüber hinaus bemerkt, als er Malthus
las, ist der
andere Baustein seiner Theorie. Durch Malthus hat er erkannt, wie er
das Prinzip der
natürlichen Selektion anwenden konnte unter natürlichen Bedingungen.
Denn in der
Natur haben wir ja keinen Züchter. Den gibt es ja in der Natur
nicht, wenn wir jetzt
mal nicht davon ausgehen, dass Gott ein Züchter ist. Und da ist
Darwin auf die Idee
gekommen, dass eben diejenigen Lebewesen, die über günstige Merkmale
verfügen,
die zu bestimmten Umweltbedingungen besser passen, sich
erfolgreicher vermehren
können als ihre anders ausgestatteten Artgenossen, so dass sich
diese günstigen
Merkmale im Laufe eines langen, langen Prozesses durchsetzen können
und
dadurch neue Arten und Individuen mit zweckmäßigen Ausstattungen
entstehen.
Ich glaube allerdings, dass eben der Einfluss von Malthus auf Darwin
überschätzt
wird und ich denke, dass Darwin ihn selbst überschätzt hat. Diese
Idee des „struggle
for life“, „struggle for existence“, das ist etwas, was nicht nur
Malthus formuliert hat,
sondern dieser Gedanke war weit verbreitet. Und dieser „struggle for
existence“ oder
„struggle for life“ ist auch dann häufig einfach falsch
interpretiert worden.
Frage:
Ich wollte gerade sagen: Sind das nicht jetzt diese beiden
Stichpunkte - „struggle for
life“, „survival of the fittest“ -, die gerade den größten
Verfälschungen und
Missverständnissen unterlagen? Man denke nur an die Darwin-Rezeption
im
Nationalsozialismus.
Eve-Marie Engels:
Ja. „Survival of the fittest“ stammt ursprünglich von Spencer.
Spencer war ein Philosoph, der hat sozusagen über alles geschrieben.
Er hat eine
synthetische, induktive Philosophie entworfen.
Frage:
Aber das waren schon die großen Missverständnisse?
Eve-Marie Engels:
Das waren die großen Missverständnisse in bezug auf Darwins Theorie.
Schon von
Anfang an, schon 1860, gab es in Deutschland eine Rezension von
Ludwig Büchner:
„Das Schlachtfeld der Natur oder der Kampf ums Dasein“. Die erschien
in der
„Gartenlaube“, einem illustrierten Familienblatt. Man stellt sich
jetzt vor, dass
sonntags nachmittags dieses illustrierte Familienblatt auf dem Tisch
im Wohnzimmer
liegt und die Kinder darin rumblättern. Und dann schreibt der
Büchner, also einer der
Materialisten: Die Natur sei jetzt oft mit einem Schlachtfeld
verglichen worden, aber
seit Darwin wüssten wir, was dieser Ausdruck eigentlich bedeute -
und - jetzt kommt
es: bei Menschen sei dieser Kampf am rücksichtslosesten, am
heftigsten und am
erfolgreichsten, nämlich als Kampf unter den Menschenrassen, in dem
die am besten
Angepassten die Erfolgreichsten seien. So Büchner im Familienblatt,
da wird die
Idylle zerstört.
Frage:
Da schlägt dann plötzlich der Rassismus durch ...
Eve-Marie Engels:
Ja, und das Interessante ist, dass Darwin 1860 noch gar nichts über
die
Abstammung des Menschen geschrieben hat. Das heißt also, ein Aspekt
seiner
Theorie wurde sofort angewandt auch auf das Verständnis des
Menschen.
Und Darwin selber schrieb dann auch bezüglich solcher
Rezeptionsmuster: Ich
glaube, dass der deutsche Ausdruck „Kampf“ und ähnliche Begriffe
nicht ganz
dieselbe Vorstellung wiedergeben wie mein Begriff „struggle for
life“.
Frage:
Er hat sich also schon früh gegen die Missverständnisse gewehrt?
Eve-Marie Engels:
Ja, und „struggle“ ist eben nicht dasselbe wie „fight“. „Struggle“
heißt „ringen“. Und
das kann das Ringen eines Schiffbrüchigen sein; das schreibt Darwin
dann auch.
„Struggle for life“ kann auch bedeuten, dass man mit einer
Mathematikaufgabe
kämpft oder ringt. Aber es kommt gleich zur Umdeutung. In
Deutschland wird der
„Kampf“ bevorzugt, in Russland wiederum meint man, dieser Kampf
werde geführt
durch die Kooperation von Individuen. Man raufe sich also zusammen.
Zusammen
kämpfe man gegen das Widerwärtige. Also in Russland dominiert das
Prinzip der
gegenseitigen Hilfe, das auch bei Darwin schon vorhanden ist; vor
allen Dingen in
dem Buch „Die Abstammung des Menschen“, da beschreibt er, dass
diejenigen
Stämme, deren Mitglieder, deren Individuen miteinander kooperiert
haben,
erfolgreicher sind.
Frage:
Also ich merke schon, auch da kommt das wieder zum Tragen, was Sie
gesagt
haben: Die Konstruktion. Jeder konstruiert sich seinen Darwin
zurecht?
Eve-Marie Engels:
So ist es. Es ist unglaublich.
Frage:
Das ist bei den linken Ideologen so, bei den rechten Ideologen, man
bezieht sich auf
Etiketten wie „Kampf ums Dasein“ und macht mit den Etiketten
eigentlich das, was
man will.
Eve-Marie Engels:
So ist es.
Frage:
Aus „struggle for life“ macht man „Kampf ums Dasein“, um aggressive
Anthropologien entwerfen zu können.
Eve-Marie Engels:
Ja, genau. Das ist auch die Crux der Darwinrezeption bis heute,
denke ich.
Frage:
Warum bis heute? Geht das Konstruieren heute immer weiter?
Eve-Marie Engels:
Na ja, also ich denke mal, viele haben Darwin immer noch nicht
gelesen. Und wenn
ich jetzt an den Kreationismus denke, dann muss ich Folgendes
anmerken: Man
kann heutzutage eigentlich nicht Kreationist im wahrsten Sinne des
Wortes sein,
beispielsweise bibeltreuer Kreationist. Man müsste ja nicht nur
Darwins Theorie
ablehnen, sondern man müsste die gesamte Geologie, alle
Naturwissenschaften, die
in irgendeiner Weise etwas mit der Geschichte der Erde, der Natur zu
tun haben, mit
der Geschichte des Kosmos, strikt ablehnen.
Frage:
Dann würden Sie auch fordern, gerade in Bezug auf die heutige
Darwin-Wirkung,
zurück zu den Quellen, also erst mal wieder die Primärquellen, die
Bücher Darwins
richtig lesen?
Eve-Marie Engels:
Ja.
Frage:
Was wäre dann noch wichtig? Bei einer adäquaten Rezeption? Darwin
taucht ja auch
in allen möglichen Kontexten auf, etwa wenn es darum geht, zum
Beispiel über
ökonomische Aspekte oder Strukturen zu diskutieren. Viele, die den
Kapitalismus
kritisieren, sagen, das ökonomische System repräsentiere einen Kampf
aller gegen
alle?
Eve-Marie Engels:
Er taucht immer irgendwo auf. Nun ist es so, dass Darwin auch in
gewisser Weise
durch manche seiner Formulierungen dieser Wirkung Vorschub geleistet
hat. Darwin
hat sich auch manchmal einer sehr liberalistischen Sprache bedient.
Er hat etwa
gesagt, dass der Mensch es so weit gebracht hat, weil er einem „struggle
for
existence“ ausgesetzt war. Er hat dann aber auch gleichzeitig im
Satz danach
gesagt: In Bezug auf die höheren menschlichen Fähigkeiten ist etwas
anderes viel
wichtiger. Und dann brachte er die spezifisch menschliche Moral ins
Spiel. Das
Sorgen füreinander, die Kooperation. So wie er auch in seinem Werk
über „Die
Abstammung des Menschen“ geschrieben hat, dass wir die Hilflosen und
Kranken
nicht vernachlässigen dürfen.
Frage:
Das heißt aber, wenn heute Bücher erscheinen wie „Das kooperative
Gen“, das
gleichzeitig ein Abschied vom Darwinismus sein soll, weil Darwin
unterstellt wird, er
habe mit Kooperation weniger am Hut, dann würden Sie sagen, ist das
ein falsches
Darwinbild?
Eve-Marie Engels:
Ja!
Frage:
Darwin war nie gegen kooperatives Handeln?
Eve-Marie Engels:
Richtig. Er hat auch gerade gezeigt, dass der Fortschritt im Lauf
der
Menschheitsgeschichte nur dadurch zustande kommt, dass es innerhalb
von
Gruppen eine Kooperation gibt. Und für ihn vollzieht sich die
Entwicklung zum
Weltbürger so, dass sich diejenigen Gruppen, deren Mitglieder
miteinander
kooperieren, sich gegenüber anderen durchsetzen.
Er ist dann davon ausgegangen, dass sich das allgemeine Wohlwollen,
das zunächst
mal der Urmensch seiner Familie, seinem Stamm entgegenbringt, dass
sich dieses
Wohlwollen zusehends ausweitet, bis schließlich Menschen anderer
Rassen, anderer
Nationen, ja selbst die Tiere mit eingeschlossen sind in
kooperativen Systemen.
Darwin war in tierethischer Hinsicht sehr anspruchsvoll. Gerade
diesen Aspekt muss
man heute fruchtbar machen. Man sollte das mit ein beziehen auch in
moderne
bioethische Reflexionen, also wenn es etwa um den
verwandtschaftlichen
Zusammenhang des Menschen mit anderen Tieren geht, um Solidarität.
Und Hans Jonas, der ja „Das Prinzip Verantwortung“ geschrieben hat
und dadurch
bekannt geworden ist, hatte vorher schon eine Philosophie der
Biologie verfasst und
sich im Rahmen dieses Projekts auch auseinandergesetzt mit dem
Darwinismus.
Darwins Theorie hat eben sehr viel ethische Aspekte.
Frage:
Und diesen Darwin, der auf Kooperation und Solidarität mit den
Tieren Wert legt, gilt
es wiederzuentdecken?
Eve-Marie Engels:
Den gilt es wiederzuentdecken.
Frage:
Aus der Perspektive einer Professorin - wie sehen Sie das, Frau
Engels? Bringt das
Darwinjahr etwas? Oder ist das wieder nur ein Herumreiten auf
verschiedenen
Aspekten und eher ein nicht so gutes Umgehen mit Darwin?
Eve-Marie Engels:
Ich glaube, das Darwin-Jahr kann etwas bringen. Wenn wir uns alle
wieder auf
Darwin zurückbesinnen und einmal fragen: Wie können wir Darwin, wie
müssen wir
ihn lesen im Lichte des Wissens unserer Zeit? Es gibt Äußerungen bei
Darwin, die
basieren auf der damaligen Vererbungslehre. Heute haben wir ja eine
ganz andere
Genetik. Darwin kannte die moderne Genetik nicht. Hätte er bestimmte
Passagen
seines Buches anders geschrieben? Inwieweit ist das zeitbedingt?
Solche Aspekte
sind heute interessant. Ich denke aber, die Elemente der Darwinschen
Theorie,
nämlich Variation, Vererbung und natürliche Selektion, die sind nach
wie vor aktuell,
das zeigt auch den revolutionären Charakter seiner Gedanken.
Die Fragen stellte Ralf Caspary.
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