SÜDWESTRUNDFUNK
SWR2 Aula -
Manuskriptdienst
Redaktion: Ralf Caspar. Sendung:
Sonntag, 7. März 2004, 8.30 Uhr, SWR 2
Bestellungen an das LMZ:
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Prof. Christoph Butterwegge: Abschaffen oder umbauen? – Die
Zukunft des Sozialstaats
Ich beschäftige mich seit
vielen Jahren mit der Entwicklung des Sozialstaates, bin aber auch
politisch auf diesem Felde sehr engagiert, und zwar vor allen Dingen
deshalb, weil ich glaube, dass es um eine gesellschaftspolitische
Richtungsentscheidung geht. In welcher Art der Sozialstaat um- bzw.
abgebaut wird, dürfte mit darüber entscheiden, wie die Gesellschaft der
Bundesrepublik in einigen Jahren und Jahrzehnten aussieht, ob wir es mit
einer solidarischen Gesellschaft zu tun haben oder mit einer Gesellschaft,
in der Solidarität und soziales Verantwortungsbewusstsein keine Rolle mehr
spielen. Das heißt, der Sozialstaat ist ein wesentliches Bindeglied
zwischen den auf dem Markt agierenden Individuen einerseits und deren
gesellschaftlichem Zusammenhalt. Deshalb ist es so wichtig zu gucken, in
welche Richtung sich der Sozialstaat entwickelt, genauer gesagt: In welche
Richtung wird er entwickelt?
Der
Sozialstaat in Deutschland, denke ich, ist ein Vorbild gewesen, ein
Modellfall, der prägend war für die ganze Welt. Er besteht letztlich seit
ungefähr 120 Jahren. In den 80-er Jahren des 19. Jahrhunderts hat Bismarck
die ersten Sozialversicherungen geschaffen: 1883 die Krankenversicherung,
1884 die Unfallversicherung und 1889 die Invaliditäts- bzw.
Altersversicherung. Dieses Sozialversicherungsmodell, das eigentlich für
die ganze Welt von Bedeutung war, steht gegenwärtig, denke ich, zur
Disposition. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu hat gesagt: Was im
kulturellen Bereich für Europa Beethoven, Mozart und Goethe sind, das
stellt im Grunde im Sozialen der Wohlfahrtsstaat in Europa dar. Ich glaube
deshalb, dass man um seine Erhaltung kämpfen muss, dass man dafür
eintreten muss, dass er nicht demontiert wird, dass er nicht in einer Art
und Weise umgebaut wird, die letztlich einen Abbau darstellt.
Ich will
im Folgenden vier Argumentationsmuster darstellen und kritisieren, die
benutzt werden, um zu vermitteln, warum ein Um- bzw. Abbau des
Sozialstaates unvermeidlich sei:
Erstens
wird gesagt, der
Sozialstaat sei in der Bundesrepublik Deutschland so hoch entwickelt, dass
er im Grunde nicht länger finanzierbar sei auf die Art und Weise, wie das
gegenwärtig geschieht. Das zweite Argument, welches vorgebracht wird, um
zu begründen, warum ein Sachzwang bestehe, den Sozialstaat grundlegend zu
verändern, ist sein angeblich massenhafter Missbrauch. Das dritte – wie
ich finde – schon ernster zu nehmende Argument besteht in dem
demografischen Wandel und in der mangelnden Generationengerechtigkeit. Und
das vierte Argumentationsmuster, mit dem ich mich beschäftigen möchte,
besteht in dem Schlagwort Globalisierung. Wenn die verschiedenen Länder
als Wirtschaftsstandorte mit- bzw. gegeneinander konkurrieren, so wird
gesagt, dann könne ein Sozialstaat wie die Bundesrepublik Deutschland auf
dem Weltmarkt nicht wettbewerbsfähig sein, wenn andere Länder einen
weniger hoch entwickelten Sozialstaat hätten. Daraus wird ebenfalls der
Zwang abgeleitet, Sozialstaatlichkeit zu beschneiden.
Das erste
Argument, der Sozialstaat der Bundesrepublik Deutschland sei sehr hoch
entwickelt, beruht auf der Vorstellung, dass kein anderer Sozialstaat
eigentlich so großzügig mit seinen Mitteln verfahre wie der deutsche. Wenn
man Menschen in der Bundesrepublik Deutschland – Passanten auf einem
Marktplatz beispielsweise – fragen würde, welches der entwickeltste
Sozialstaat auf der Welt oder zumindest in Europa sei, würden fast alle
Befragten antworten: der deutsche. Und dasselbe würde auch passieren, wenn
man Norwegerinnen und Norweger befragen würde oder Italienerinnen und
Italiener oder Kanadierinnen und Kanadier. Da aber natürlich nicht alle
Recht haben können, wenn sie annehmen, dass der eigene Sozialstaat der
entwickeltste, der großzügigste sei, muss man fragen: Wie verhält es sich
tatsächlich mit den unterschiedlichen Sozialstaaten?
Nun gibt
es eine Wissenschaftsrichtung, die empirische vergleichende
Wohlfahrtsstaatsforschung, die das untersucht. Und sie gelangt,
wahrscheinlich auch für viele Hörerinnen und Hörer überraschenderweise, zu
dem Ergebnis, dass die Bundesrepublik Deutschland keineswegs auf Platz 1
der Weltrangliste liegt in Bezug auf den entwickelten Sozialstaat, sondern
unter den 15 EU-Mitgliedstaaten nur einen Rang im Mittelfeld, Platz 8 oder
9, einnimmt. Und eine andere Möglichkeit, um die Frage zu beantworten, ob
denn der deutsche Sozialstaat wirklich so entwickelt ist, dass er
zurückgestutzt werden müsste, besteht darin, nicht international
vergleichend zu gucken, sondern einen historischen Vergleich anzustellen:
also zu vergleichen: Wie entwickelt ist der Sozialstaat in der
Bundesrepublik Deutschland heute, und wie verhielt es sich vor einigen
Jahrzehnten? Ist er in der letzten Zeit wirklich, wie seine neoliberalen
Kritiker behaupten, so weit entwickelt worden, dass er sich wie ein Krake
über die ganze Gesellschaft legt, dass er die wirtschaftlichen Aktivitäten
seiner Bürger unterdrückt, dass die Sozialbürokratie alles andere an
Dynamik erstickt? Wenn man diese Frage historisch untersucht, dann braucht
man ein Kriterium, das angelegt wird an den Sozialstaat, und dieses
Kriterium ist normalerweise die Sozialleistungsquote, das heißt, der
Anteil dessen am Bruttoinlandsprodukt, also an dem, was
gesamtwirtschaftlich an Produkten und an Dienstleistungen erwirtschaftet
wird pro Jahr, jener Anteil, der davon für Soziales ausgegeben wird - und
dieser Anteil, die Sozialleistungsquote, betrug im Jahr 2003 über den
Daumen gepeilt 33 Prozent. Also ein knappes Drittel all dessen, was
erwirtschaftet worden ist, wurde für Soziales ausgegeben: für Medizin, für
Krankengeld, für Renten, für Bafög, für all die sozialen Leistungen, die
im Wohlfahrtsstaat Bundesrepublik Deutschland gesetzlich festgeschrieben
und vorgesehen sind.
1
Guckt man nun zurück auf das Jahr 1975 und fragt, wie das vor 28/29 Jahren
aussah, stellt man fest: Damals lag die Sozialleistungsquote ebenfalls bei
ungefähr 33 Prozent, d. h., auch damals wurde ein knappes Drittel all
dessen, was erwirtschaftet wurde, ausgegeben für soziale Leistungen.
Allerdings – das ist der wesentliche Unterschied -, die Arbeitslosigkeit
betrug im Jahre 1975 knapp über eine Million Arbeitslose, heute jedoch 4,5
Millionen. 1989/90 sind durch die Vereinigung von DDR und Bundesrepublik
soziale Leistungen und soziale Lasten hinzugekommen, und obwohl die
Arbeitslosigkeit gestiegen ist und obwohl, besonders in manchen Regionen
Ostdeutschlands, ein enormer Sozialaufwand nötig ist, trotzdem ist die
Sozialleistungsquote in dieser Zeit über mehrere Jahrzehnte hinweg
ungefähr konstant geblieben. Das heißt, der Sozialstaat Bundesrepublik
Deutschland ist heute nicht entwickelter, als er dies 1975 war. Daraus
ziehe ich den Schluss, dass die Behauptungen, der Sozialstaat sei in
letzter Zeit zu großzügig, zu weit entwickelt worden, falsch sind.
2
Das zweite Argument,
das vorgetragen wird, um den Umbau des Sozialstaates zu rechtfertigen,
geht in die Richtung zu sagen, es finde ein massenhafter Missbrauch von
Sozialleistungen statt, und weil dies so sei, müssten strengere Kontrollen
angelegt werden, es müsse auch die Struktur des Sozialstaates in die
Richtung verändert werden, dass ein solcher Missbrauch in dem Maße nicht
mehr möglich sei.
Ein
solcher Missbrauch besteht ganz sicherlich, wie alle Rechte und alle
Leistungen, die es gibt, auch missbraucht werden. Aber niemand würde ein
Grundrecht, wie z. B. das Post- und Fernmeldegeheimnis deshalb in Frage
stellen, weil über Telefone auch Verbrechen verabredet werden. Genauso,
denke ich, ist bei Sozialleistungen zu fragen: In welchem Maße werden sie
missbraucht? Wenn dies in einem minimalen Ausmaß der Fall ist, dann –
denke ich – muss man einen solchen Missbrauch hinnehmen. Missbrauch von
Sozialleistungen, den es gibt, wird aber in der Öffentlichkeit und in den
Medien häufig dramatisiert. Es wurde im Jahre 2003 über viele Wochen
hinweg in großen Boulevardzeitungen berichtet über den sog. Florida-Rolf,
einen Sozialleistungsempfänger in Miami/Florida, der angeblich auf Kosten
der deutschen Steuerzahler mit Sozialhilfeleistungen eine Luxuswohnung
unter Palmen unterhielt. Ich bin allerdings der festen Überzeugung, dass
dies nicht nur ein hochgespielter Einzelfall war, sondern dass es auch
eine absolute Ausnahme war, ja dass es sich eigentlich auch nicht um
Missbrauch handelte. Denn es gibt das Urteil eines niedersächsischen
Gerichtes, das feststellte, diesem Sozialhilfebezieher könne wegen
Selbstmordgefahr nicht zugemutet werden, zumindest in den nächsten Monaten
in die Bundesrepublik Deutschland umzuziehen. Die meisten derjenigen unter
Tausend von fast drei Millionen Sozialhilfeempfängerinnen und
Sozialhilfeempfängern, die im Ausland leben - knapp Tausend unter ungefähr
drei Millionen sind es überhaupt nur - die meisten sind Jüdinnen und
Juden, denen man nach 1945 die Rückkehr nach Deutschland nicht zumuten
mochte.
3
Die nächste
Argumentation, die
ich thematisieren möchte, ist schon sehr viel ernster zu nehmen. Es wird
behauptet, der demographische Wandel unterhöhle die Grundlagen des
Sozialstaates. Dadurch, dass die Gesellschaft kollektiv altere und dann
auch ein Bevölkerungsschwund längerfristig feststellbar sei, dadurch sei
es nicht mehr möglich, wie bisher die Renten zu finanzieren, sondern es
müssten immer weniger Erwerbstätige immer mehr Rentnerinnen und Rentner
aushalten und dies – so wird gesagt – sei im Grunde auf Dauer in den
nächsten Jahrzehnten so nicht mehr möglich.
Diese
Argumentation bauscht ebenfalls eine Entwicklung, die ich nicht leugnen
will, auf. Ich bezweifle, dass dies so entscheidend ist für den
Sozialstaat. Denn so plausibel es auf den ersten Blick erscheint, dass
wenn es mehr Rentnerinnen und Rentner gibt, und Menschen, auch weil sie
eine höhere Lebenserwartung haben, über einen längeren Zeitraum hinweg
Rentenzahlungen bekommen, so plausibel es erscheint, dass dann entweder
die Renten gekürzt werden müssen oder aber die Beiträge erhöht, so
unvollständig ist eigentlich diese Alternative. Denn es gäbe natürlich
dritte Möglichkeiten: Man könnte weitere Bevölkerungsgruppen in die
gesetzliche Rentenversicherung aufnehmen, z. B. Beamte, Selbstständige,
Abgeordnete, Minister. Man könnte auch den Bundeszuschuss erhöhen, also
mehr Steuergelder in das System hinein nehmen. Man könnte aber auch die
Beitragsbemessungsgrenze erhöhen, das heißt, die Solidarität derjenigen,
die einzahlen in die Gesetzliche Rentenversicherung, nicht enden lassen
bei einem monatlichen Einkommen von 5.150 Euro, sondern sie auch für das
Rentenversicherungsbeiträge zahlen lassen, was sie darüber hinaus
verdienen. Denn ich glaube, gerade über das, was jemand über 5.150 Euro im
Monat verdient, kann er solidarisch mit anderen sein und in die
Gesetzliche Rentenversicherung, zusammen mit seinem Arbeitgeber,
einzahlen. Also Rente ist keine Frage der Biologie, sondern eine Frage der
Politik. Diese entscheidet darüber, wie der wachsende gesellschaftliche
Reichtum auf die verschiedenen Altersgruppen verteilt wird.
Hier,
denke ich, liegt das Problem. Nicht dass die Gesellschaft altert, ist das
Problem, sondern dass eine Gesellschaft, die insgesamt immer reicher wird,
diesen Reichtum immer ungerechter verteilt. Würde das wachsende
Bruttoinlandsprodukt, das trotz einer sinkenden Bevölkerungszahl
erwirtschaftet wird, auf diese sinkende Bevölkerungszahl gerechter
verteilt werden, dann müsste keine einzige Rente gekürzt werden, ja ganz
im Gegenteil: Ich denke, alle Menschen in der Bundesrepublik Deutschland,
in einem so wohlständigen, so reichen Land hätten die Möglichkeit, ohne
Angst vor sozialem Abstieg, vor Armut ihr Leben zu gestalten.
Das
Schlagwort, das in dem Zusammenhang immer vorgebracht wird, nämlich
mangelnder Generationengerechtigkeit, diese Feststellung, denke ich, lenkt
von einem anderen Problem ab: Nicht zwischen den Generationen ist der
Reichtum falsch verteilt, sondern innerhalb einer jeden Generation gibt es
auf der einen Seite wachsenden Reichtum, auf der anderen Seite zunehmende
Armut. Also nicht zwischen Alt und Jung verläuft eine soziale Scheidewand,
sondern zwischen Arm und Reich.
Es gibt
auf der einen Seite zwar, so wie das in der Öffentlichkeit zu Recht, aber
manchmal auch demagogisch thematisiert wird, immer mehr wohlhabende
Renterinnen und Rentner, auch solche, die ihren Winter auf Teneriffa
verleben. Auf der anderen Seite gibt es aber immer noch viele
hunderttausend, vor allen Dingen arme Frauen, die mit einer Minirente
auskommen müssen. Dasselbe auch im Bereich der jungen Menschen. Es gibt
auf der einen Seite zunehmend Armut bei Kindern, über eine Million Kinder
in der Bundesrepublik Deutschland leben in Sozialhilfe-Haushalten, 2 bis
2,8 Millionen Kinder sind arm, wenn man andere Kriterien zugrunde legt,
entweder, dass ihre Familien weniger als die Hälfte des durchschnittlichen
Haushaltsnettoeinkommens zur Verfügung haben, oder das Kriterium, dass
jemand in unterschiedlichen Lebensbereichen Defizite aufweist, im Bereich
von Bildung, Gesundheit, Wohnen oder Freizeit. Auf der anderen Seite gab
es aber auch noch nie so viele reiche Kinder in der Bundesrepublik wie
heute: Wohlhabende, reiche Eltern verschenken kurz nach der Geburt ihrer
Kinder aus steuerlichen Gründen einen Teil ihres Vermögens, ihres
Wertpapierdepots, an ihre Kinder, und insofern polarisiert sich die
Bevölkerung.
Wer sich
für Generationengerechtigkeit verwendet, der muss gerade künftigen
Generationen einen ausgebauten Sozialstaat hinterlassen. Denn nur dieser
schafft eigentlich die Möglichkeit, dass künftige Generationen ohne Angst
vor Armut, vor Arbeitslosigkeit und sozialem Abstieg leben.
4
Das vierte
Argumentationsmuster,
das den Umbau des Sozialstaates rechtfertigt, ist die Globalisierung. Es
handelt sich hier um einen Prozess, den ich lieber als neoliberale
Modernisierung bezeichne, weil alle gesellschaftlichen Bereiche nach dem
Vorbild des Marktes, neoliberalen Konzepten folgend, umstrukturiert
werden. Diese Globalisierung wird als Argument benutzt, um zu sagen: Wenn
unterschiedliche Wirtschaftsstandorte auf dem Weltmarkt miteinander
konkurrieren, dann ist letztlich das Soziale ein Klotz am Bein der
Wirtschaft. Dann ist dieser Sozialstaat, so wie wir ihn kennen, nicht mehr
finanzierbar, zumindest dann nicht, wenn die Bundesrepublik auf den
Weltmärkten erfolgreich sein will als Wirtschaftsstandort.
Guckt man
sich nun aber an, welche Wirtschaftsstandorte denn nach dieser
neoliberalen Logik auf den Weltmärkten besonders erfolgreich sind, dann
stellt man fest, dass unter den Hauptkonkurrenten der Bundesrepublik
Deutschland eigentlich nur mehr oder weniger entwickelte Wohlfahrtsstaaten
sind. Das heißt, ein Sozialstaat ist kein Hindernis auf dem Weg zur
Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt, sondern ganz im Gegenteil: Er
bildet die Voraussetzung dafür, dass Menschen so beruflich flexibel und
geographisch mobil sein können, wie es gerade im Zeichen der
Globalisierung von ihnen gefordert wird. Nur wenn ein ausgebautes Netz
sozialer Sicherung besteht, können sie eben heute in Kiel und wenige
Monate später in Konstanz arbeiten. Nur dann ist es möglich, dass sie
flexibel auf Veränderungen reagieren, dass sie anpassungsfähig sind. Das
heißt, der Sozialstaat ist im Grunde kein Hindernis für
Konkurrenzfähigkeit, sondern auch in dieser neoliberalen Logik sogar eine
Bedingung dafür.
5
Die Mechanismen
Nachdem ich die
Argumentationsmuster dargestellt und kritisiert habe, die benutzt werden,
um den Um- und Abbau des Sozialstaates zu legitimieren, will ich jetzt die
verschiedenen Mechanismen beschreiben, nach denen der Sozialstaat umgebaut
wird, und anschließend darauf kommen, welche Alternativen denkbar sind.
.1
Die Mechanismen, nach denen der Sozialstaat umgebaut wird, sind in dieser
neoliberalen Standortlogik zu finden. Es wird versucht, den Bereich des
Sozialen sowie andere gesellschaftliche Bereiche auch
betriebswirtschaftlicher Effizienz zu unterwerfen; was auch im Bereich des
Sozialen stattfindet, ist eine Privatisierung. Privatisiert werden nicht
nur öffentliche Unternehmungen, sondern auch soziale Dienstleistungen,
privatisiert werden aber auch soziale Risiken. Das heißt, dafür, wofür
vormals die Solidargemeinschaft einstand, wird jetzt wieder jeder Einzelne
verantwortlich gemacht. Wenn es darum geht, etwa für den Zahnersatz zu
sorgen, dann muss jeder Einzelne wieder eine Extraversicherung
abschließen, wenn man mal dieses Beispiel aus der Gesundheitsreform nimmt.
Ich sehe
im wesentlichen vier Tendenzen, wie der Sozialstaat ab- und umgebaut wird.
Erstens wird der Sozialstaat zum Minimalstaat. Dort, wo früher, besonders
im sozialen Bereich, ein ausgebauter Staat war, wird jetzt ein schlanker
Staat erwartet. Dieser schlanke Staat ist aber sehr häufig eher ein
magersüchtiger Staat, der soziale Leistungen nicht mehr bereit hält, die
lange Zeit eigentlich eine Selbstverständlichkeit waren.
.2
Zweitens wird der Wohlfahrtsstaat zu einem „nationalen Wettbewerbsstaat“
gemacht. Das Soziale wird nicht mehr als Eigenwert betrachtet, so wie das
Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland in Artikel 20 und in Artikel 28
es fordern, sondern das Soziale wird dem Wirtschaftlichen untergeordnet.
Der Sozialstaat soll dafür sorgen, dass der Wirtschaftsstandort
Deutschland konkurrenzfähiger wird. Dies soll beispielsweise erreicht
werden dadurch, dass der Kündigungsschutz gelockert wird.
.3
Drittens wird aus dem Sozialstaat zumindest der Tendenz nach ein
Kriminalstaat. Während der Bereich des Sozialen dereguliert und
verschlankt wird, werden andere Bereiche des Staates, der Teil, den man
als Sicherheitsstaat, auch als Repressionsapparat des Staates bezeichnen
kann, eher weiter verstärkt. Denn ein Staat, der Sozialleistungen abbaut,
muss sich gerade gegen Proteste wappnen und womöglich gar in anderen
Bereichen ein sehr starker Staat sein. Die Videoüberwachung öffentlicher
Plätze, die Einschränkung demokratischer Rechte, der Platzverweis für
Gruppen, die wie Bettler, wie Obdachlose, wie Punks nicht in das Bild von
luxuriösen Innenstädten hinein passen - all diese Maßnahmen bedeuten eher,
dass der Sicherheitsstaat ausgebaut wird, während der Sozialstaat
verschlankt wird. Ein Staat, der am Sozialen spart, der wird
wahrscheinlich auf der anderen Seite die Sicherheitsapparate ausbauen, und
er wird auch ein Mehr an Kriminalität, ein Mehr an Drogensucht, ein Mehr
von Verelendung und Verwahrlosung der Jugend beobachten und natürlich dann
auch mit entsprechenden polizeilichen Mitteln bekämpfen müssen.
4.
Viertens schließlich wird aus dem aktiven Sozialstaat, so wie wir ihn in
den letzten Jahrzehnten in der Bundesrepublik Deutschland gekannt haben,
ein „aktivierender Sozialstaat“. Es wird mit dieser Formel an sich etwas
Positives beschworen, nämlich dass Sozialleistungsempfänger nicht nur Geld
erhalten, sondern auch motiviert werden sollen, sich selber z. B. als
Arbeitslose um eine Stelle zu bemühen. Aber gerade dann, wenn Menschen
privat vorgesorgt und sich so verhalten haben, wie das in diesem
neoliberalen Diskurs des Umbaus des Sozialstaates von ihnen gefordert
wird, wenn sie z. B. in jungen Jahren eine Kapitallebensversicherung für
ihr Alter abgeschlossen haben, wenn sie dann mit 50 oder noch mehr Jahren
arbeitslos, langzeitarbeitslos werden, dann wird ihnen gerade dieses
sogenannte Schonvermögen verringert, das bisher dafür gesorgt hat, dass
Kapitallebensversicherung und anderes, womit sie für das Alter vorgesorgt
haben, nicht angetastet wurde. Also gerade in der Reform des
Sozialstaates, gerade bei der Agenda 2010, wird die Möglichkeit, sich
selber zu beteiligen, Eigenvorsorge zu betreiben, letztlich vom Staat auch
wieder bestraft.
5.
Es müsste ein Sozialstaat entstehen, der auf die veränderten
gesellschaftlichen Bedingungen der Individualisierung, der Modernisierung,
der Globalisierung antwortet, der aber gleichzeitig vermeidet, dass manche
Menschen eher in Armut gedrängt werden, wohingegen es anderen immer besser
geht, ohne dass sie in die soziale Verantwortung für die Gesellschaft in
dem bisherigen Maße einbezogen werden. Das heißt, eine Steuerreform wäre
nötig, die gerade bei den Wohlhabenden das soziale
Verantwortungsbewusstsein einfordert für die sich stark verändernde
Gesellschaft.
.01
Eine Form, mit der ein solidarischer Umbau des Sozialstaates möglich wäre,
ist die Bürgerversicherung. Darunter verstehe ich die Einbeziehung aller
Wohnbürgerinnen und Wohnbürger in die Sozialversicherung, nicht nur der
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, der abhängig Beschäftigten, sondern
auch die Einbeziehung von Beamten, von Selbstständigen, von Freiberuflern,
von Abgeordneten und Ministern.
.02
Zweitens müsste gewährleistet sein, dass in einer solchen
Bürgerversicherung alle Einkommensarten berücksichtigt werden, also nicht
nur wie bisher auf Arbeitseinkommen Sozialversicherungsbeiträge erhoben
werden, sondern auch z. B. auf Miet- und Pachterlöse, auf Dividenden, auf
Kapitaleinkünfte.
.03
Schließlich wäre unbedingt erforderlich in einer Bürgerversicherung, dass
man die Beitragsbemessungsgrenzen und auch die Krankenversicherungsflucht-
bzw. -pflichtgrenze aufhebt, das heißt, die Solidarität nicht beschränkt
auf eine bestimmte Einkommenshöhe, sondern auch wenn jemand mehr verdient,
ihn verpflichtet, für dieses Mehr an Einkommen auch Beiträge in die
gesetzliche Sozialversicherung zu zahlen.
.04
Was mir sehr wichtig erscheint, ist, dass das von Bismarck zwar
widerwillig, aber doch schon im 19. Jahrhundert eingeführte
Sozialversicherungsprinzip beibehalten wird, dass nicht soziale Sicherung
stärker steuerfinanziert wird, so wie das in der Diskussion gegenwärtig
sehr häufig gefordert wird. Ich glaube, das Versicherungsprinzip hat
gegenüber der Steuerfinanzierung mehrere Vorteile:
.001
Erstens würde eine Steuerfinanzierung von Sozialleistungen bedeuten, dass
bei jeder Haushaltsberatung der Finanzminister an die Sozialleistungen
herangehen würde, sobald die öffentlichen Kassen und weil die öffentlichen
Kassen leer sind. Das heißt, Sozialleistungen wären nicht in dem Maße
sicher, wie gegenwärtig. Das zweite Argument, welches für eine
Versicherungslösung spricht, ist, dass Versicherungsleistungen weniger
demütigend sind für diejenigen, die sie bekommen, als steuerfinanzierte
Sozialleistungen. Es handelt sich eben nicht um ein Almosen, sondern um
etwas, das bezahlt wird im Risikofall, nachdem vorher entsprechende
Beiträge eingezahlt wurden in die Sozialversicherung.
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Der Bismarcksche Sozialstaat darf in keiner Weise idealisiert werden. Er
hat autoritäre, patriarchale Züge. Er muss ganz bestimmt modernisiert
werden. Aber dieser Umbau des Sozialstaates sollte eher ein Ausbau, sollte
eher der Versuch sein, sozialstaatliche Regelungen anzupassen an eine sich
verändernde Erwerbsgesellschaft. Es müsste beispielsweise eine
eigenständige Sicherung der Frauen geben; es müsste reagiert werden auf
die Veränderung der Lebensformen, dass beispielsweise nicht mehr die
Alleinernährer-Ehe das Modell ist, nach dem Menschen heute zusammen leben.
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Das Ziel eines Umbaus des Sozialstaates muss sein, dass die Menschen ohne
Angst vor Armut, Arbeitslosigkeit und sozialem Abstieg zusammen leben,
dass sie gegen elementare Lebensrisiken gesichert werden durch eine
solidarische Gemeinschaft, an deren Finanzierung alle diejenigen beteiligt
werden, die dazu in der Lage sind, und zwar nach dem Prinzip der sozialen
Gerechtigkeit, je nachdem, wie viel sie selbst beitragen können. |