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SWR2 AULA
Redaktion: Ralf Caspary
Sendung:
Samstag, 01. Mai 2004, 8.30 Uhr, SWR2.
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Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch
bestimmt.Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der
ausdrücklichenGenehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
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Professor Norbert Bolz: Welche Arbeit braucht der Mensch? -
Überlegungen zur Dienstleistungsgesellschaft”
Die Bürger
der digitalen Weltwirtschaft sehen sich als jung, gebildet und ehrgeizig.
Sie arbeiten in den Universitäten, Telekommunikationsgesellschaften,
Medienhäusern und Banken; sie geben sich tolerant, vernünftig,
medienkompetent und - nein, nicht unpolitisch, sondern postpolitisch.
Diese Netzbürger haben nur eine Leidenschaft: den freien Fluss der
Information. Deshalb hat jeder, der in der digitalen Weltwirtschaft
arbeitet, immer auch noch einen zweiten Job, nämlich Kommunikation: „to
work the network“, wie Terence Deal und Allen Kennedy das genannt haben.
Aus der
Arbeitsteilung der Industriegesellschaft wird heute also Networking. Das
verändert den Begriff der Arbeit im Innersten. Während die
vorindustriellen Arbeitsprozesse durch die Auseinandersetzung zwischen
Mensch und Natur geprägt waren, hat die Industriegesellschaft den
Arbeitsbegriff durch eine Umbesetzung seines Gegenbegriffs neu definiert:
Der Mensch steht nun nicht mehr der Natur sondern der Maschine gegenüber.
Doch trotz aller Sozialromantik von Gewerkschaften und Sozialdemokraten,
die im Stahlkocher des Ruhrgebiets immer noch den wirtschaftstypischen
Arbeiter sehen, ist auch diese Struktur nicht mehr zeitparadigmatisch. Das
wird von dem durch Daniel Bell berühmt gemachten Wort „postindustriell“
sigalisiert. In diesem Begriff resümiert sich ein entscheidend verändertes
Verständnis dessen, was Arbeit heißt: Arbeit ist heute vor allem ein Spiel
zwischen Personen.
Für die
Wirtschaft des 21. Jahrhunderts ist Herbert Marshall McLuhans Vision
Wirklichkeit geworden: das dezentrale elektronische Weltdorf, die
geschrumpfte Welt der Satellitenkommunikation, in der räumliche Distanzen
unwichtig sind, solange man ans Netzwerk angeschlossen ist. Es hat deshalb
einen guten Sinn, wenn William Knoke die vernetzte Gesellschaft als
ortlose Gesellschaft charakterisiert. In der Wirtschaft kann das leicht zu
einer emotionalen Abkopplung der Firmen vom Standort führen - zumal dann,
wenn die Firmen an ihrem alten Standort auf Regulierungssüchtige treffen.
Globalisierung, Vernetzung, Weltkommunikation - alles scheint
zusammenzuwachsen zur Einen Welt, zum digitalen Weltdorf. In der Tat
fallen ja allerorten die Grenzen: zwischen den Staaten Europas, zwischen
den Geschmäckern der Klassen, zwischen den Ebenen der Unternehmen. Überall
strahlen die Sterne von Hollywood, überall gibt es McDonalds, überall
herrscht Microsoft. Und zumindest in der Chance, arbeitslos zu werden,
sind wir fast alle gleich.
Wie sieht
die Wirtschaft der Multimedia-Gesellschaft aus? Man kann sie als eine
Ellipse beschreiben, die um zwei Brennpunkte konstruiert ist: die
Produktivkraft Kommunikation und die kommunikative Lust. Es geht also
nicht nur um Information als Aufklärung und Datenprozess, sondern auch -
und das ist etwas ganz anderes! - um Kommunikation als Faszination.
Die vier
objektiven Faktoren, die jeden Unternehmer und Top-Manager heute zwingen,
die Produktivkraft Kommunikation zur Chefsache zu machen, sind rasch
benannt:
Da ist
erstens die Globalisierung der Wirtschaft, deren Schlüsselfiguren sich
denn auch Global Players nennen lassen;
da ist zweitens die Immaterialisierung der Produkte und der deshalb
wachsende Beratungsbedarf;
da ist drittens die Virtualisierung der Arbeitsverhältnisse, die
Telecommuter und Kommunikationsnomaden ein Selbstbewusstsein verleiht, das
der frühere Greatful Dead und jetzige Internet-Guru John Barlow auf die
Formel gebracht hat: Wenn Du etwas produzierst, was man mit Händen greifen
kann, und du hast Erfolg damit, dann bist du entweder ein Asiate oder eine
Maschine.
Und da ist
viertens die Heterarchie der Organisationen, die Soziologen dazu
inspiriert hat, Unternehmen als Konversationsnetze zu modellieren.
Die
Stabilität und Flexibilität eines Systems lässt sich heute also an seiner
Kommunikationsfreudigkeit ablesen. Das hat vor allem Folgen für das
Selbstverständnis des Managements. Sollte ein Manager nämlich versuchen,
Führungsstärke durch Befehl und Hierarchie zu beweisen, so wird er
allenfalls erreichen, dass ihm seine klugen Mitarbeiter vorspielen, die
Geführten zu sein. Je mehr sich Wirtschaftsunternehmen in flache Netzwerke
und nichthierarchische Rückkopplungssysteme verwandeln, um so mehr
verlagern sich die entscheidenden Machtprozesse auf die Ebene der
Angestellten selbst. Damit definiert sich aber die Aufgabe des Managers
völlig neu: Er muss sich als Trainer und zugleich als Schiedsrichter im
Machtkampf der Untergebenen verstehen. Der Manager ist selbst ein Element
des Systems, das er steuert.
Eine
souveräne Führungspersönlichkeit wird in Zukunft nur noch einen Rahmen
definieren, innerhalb dessen sich Prozesse evolutionärer
Selbstorganisation vollziehen können - Führung zur Selbstführung, könnte
man sagen.
Hierarchie
ist der Gegensatz von Kommunikation. Der technische Standard der
Netzwerke erzwingt also auch tiefgreifende Veränderungen im
Entscheidungsprozess. Der Befehlsfluss verläuft nicht mehr von der Spitze
zur Basis, sondern in kleinen Schleifen - das Stichwort lautet:
Heterarchie. Und so wie Netzwerke kleiner Rechner die Dinosaurier der
Mainframes zum Aussterben bringen, so fordert die Modularisierung der
Betriebe einen neuen Organisationsstil. Zauberformeln wie „fraktales
Management“ bleiben zwar unverständlich, aber sie signalisieren deutlich
den Bedarf.
Das
Großunternehmen der Zukunft zerfällt in flexible, „selbstähnliche“
Unternehmensmodule, die quasi-autonom operieren. Die Außenbeziehungen des
Unternehmens nehmen den Charakter der Telekooperation an, seine
Mitarbeiter werden zunehmend Telecommuter - mit dem Grenzwert eines
virtuellen Arbeitsplatzes. Schon heute gibt es virtuelle Unternehmen, die
überhaupt nur projektgebunden im Datennetz existieren. Ist das Projekt
abgeschlossen, löst sich das Unternehmen in nichts auf - genauer gesagt:
es löst sich in vollkommen voneinander unabhängige Module auf.
Wer in der
Wirtschaft des 21. Jahrhunderts Erfolg haben will, muss deshalb
Medienkompetenz und einen anspruchsvollen Begriff von Kommunikation haben.
Denn Firmen und Unternehmen sind Organisationen, und „Organisationen
existieren als Netze aus Direktiven und Kommissiven.“ Es geht ja bei jedem
Geschäft um Angebote und Rückfragen, um Versprechen und Zusagen. Das
Organisationsnetz ist also ein Konversationsnetz. Halten wir deshalb fest:
Die nicht weiter auflösbaren Letztelemente von wirtschaftlichen Netzwerken
sind Kommunikationen. Deshalb muss man einen völlig veränderten Begriff
von Arbeit entwickeln, nämlich Arbeit als Konversation.
Das zu
begreifen, fällt vor allem Gewerkschaftlern schwer. Denn Netzwerke
zwischen einzelnen Organisationen und Firmen unterlaufen heute die
Unterscheidung von Unternehmen und Markt. Immer häufiger kommt es in der
vernetzten Welt zu Hybridbildungen und wechselseitigen Durchdringungen
zwischen Markt und Organisation - man denke nur an Joint Ventures oder das
Franchising. Jeder Knoten im Netz arbeitet gleichzeitig autonom für sich
und für das Netz. Hier handelt es sich nicht mehr um reine
Organisationsstrukturen, aber auch nicht um bloße Marktkontrakte, sondern
um eigentümliche Mischgebilde, die für die Wirtschaft der Zukunft
charakteristisch sind. Sie sind rigider, also verlässlicher als der Markt,
aber flexibler als die Organisation.
Das ist auch
politisch sehr bedeutsam. Kann man etwa ein Franchising-Netzwerk als
handelndes Subjekt begreifen? Wie soll man Handlungen auf Netzwerke
zurechnen? Diese Frage ist nicht nur für die Jurisdiktion, sondern eben
gerade auch für die Gewerkschaften von allergrößtem Interesse. Denn der
Arbeitskampf wird ja sinnlos, wenn Unternehmensentscheidungen nur noch
Emergenzphänomene des Netzwerks sind. Elektronische Verknüpfungen
verwischen die Grenzen, die Kampflinien und Konkurrenzlinien in und
zwischen Organisationen.
Wer von
Globalisierung der Wirtschaft redet, muss auch von lokaler
Selbstorganisation in den Betrieben reden; denn beide Prozesse entsprechen
sich genau. Deshalb fasziniert heute das Internet nicht nur als neue
Infrastruktur der Weltkommunikation, sondern auch als Metapher für
spontane Ordnung. Und beides hat massive Konsequenzen für das Büroleben.
Man gewinnt den Eindruck, dass hierarchische Autorität zunehmend durch
Kommunikation ersetzt wird. Früher war ja Information in Autorität
fundiert - der Chef hat es gesagt. Heute ist Autorität auf Information
fundiert. Und man begreift allmählich, dass sich die Effektivität einer
Organisation nur durch den Wettbewerb der Informationsquellen steigern
lässt. Der IMB-Mainframe war der Inbegriff klassisch-autoritärer
Informationsverarbeitung; der Personal Computer versprach dann jedem
einzelnen information at your fingertips; und heute zielt man auf
einen Interpersonal Computer, der das Büroleben nicht mehr mit einer
Information, sondern mit einer Beziehung beginnen lässt.
Der
Computer auf dem Schreibtisch des Büros - das ist zwar ein vertrautes,
aber viel zu einfaches Bild vom Büroleben in der neuen Medienwirklichkeit.
Um den Paradigmenwechsel prägnant benennen zu können, ist es hilfreich,
sich noch einmal daran zu erinnern, dass Büro traditionell dreierlei
meint:
erstens die
Trennung von Arbeit und Leben;
zweitens Aktenförmigkeit;
und drittens Betriebscharakter.
Die
Gewohnheit wird hier zum Eigenwert. Das Verselbständigte ist das
Selbstverständliche, der Betrieb, „es läuft“. Und je besser es läuft,
desto geringer wird die Fähigkeit, sich an das Unvorhergesehene
anzupassen. Mit anderen Worten: Die traditionelle Welt des Büros ist
rational, stabil und verlässlich - aber eben deshalb auch unflexibel und
innovationsfeindlich.
Genau
dagegen richtet sich heute das Konzept des One Person Office. Technisch
konkret wird hier das Modem zum Widersacher des traditionellen Büros. Der
Teleworker sagt: Mein Büro ist, wo mein Modem ist. Solche
Kommunikationsnomaden erscheinen zumeist auch als Kommunikationsmonaden.
Ob es der Laptop im Flugzeug oder das Handy im Intercity-Großraumwagen ist
- ad hoc entsteht das One Person Office und der Rest der Welt versinkt.
Spielzeuge wie der Nokia Communicator haben schon vor zehn Jahren gezeigt,
wohin die Reise geht: Telefon, Fax, Computer, Internetanschluss - man
trägt das Büro in der Hand.
Mit Beginn
der Moderne spalten sich Arbeit und Heim. Heute dagegen arbeitet man zu
Hause. Und man ist überall zu Hause. Der Technomade geht nicht mehr ins
Büro, sondern loggt sich ins Netz ein. Das ist natürlich nur deshalb
möglich, weil menschliche Arbeit zunehmend Kommunikation und der Arbeiter
zum Beobachter autonomer Prozesse wird. Doch die Bequemlichkeit, zu Hause
arbeiten zu können, hat ihren Preis. Er bemisst sich an der
arbeitsmoralischen Forderung, immer verfügbar zu sein: availability,
wie die Amerikaner sagen - gewissermaßen der Stand-by-Modus der Existenz.
Der
Computerfreak Peter Glaser hat zu unserem Thema einmal sehr schön bemerkt,
man fahre heute nicht mehr zur Arbeit und komme später erledigt nach
Hause, sondern die Arbeit komme nach Hause und fahre dann erledigt in die
Firma zurück. Mit anderen Worten: Die Arbeit emanzipiert sich vom
Arbeitsplatz. Das klingt nach Freiheit; aber auch sie hat ihren Preis: Die
soziale Umwelt der direkten Interaktion von Angesicht zu Angesicht
schrumpft. Und hinzu kommt, dass derartige Jobs keinen Beruf mehr
ausmachen, sondern nur noch Strategien zur Lösung von
Organisationsproblemen darstellen.
Doch nicht
nur der Beruf zerfällt, sondern auch das Unternehmen. Philosophen könnten
von einer Dekonstruktion der Firma sprechen; jeder wird ein Business. „Ich
bin ein Business“ - das ist der logische Grenzwert der Entorganisierung.
Die entsprechenden Zauberformeln wie Ich-AG und Brand You sind längst in
aller Munde. So verwandelt sich der Arbeitsmarkt in einen
Persönlichkeitsmarkt, dessen Erfolgsgeheimnis lautet: Mach' dich selbst
zur Marke!
Wer dieser
Anweisung folgt, kann natürlich nicht mehr sinnvoll zwischen Arbeit und
Freizeit unterscheiden, jedenfalls nicht mehr so, dass Arbeit die Härte
des Lebens und Freizeit den Spaß ausmachen könnte. Wer sich selbst zur
Marke macht, versteht seine Arbeit als theatralische Inszenierung, als
Spitzenleistung der Selbstdarstellung, als „hard fun“. Dazu passt der
Hinweis von Charles Handy, dass immer mehr Menschen dazu übergehen oder
angehalten werden, ihre Arbeit zu signieren: wie der Maler oder Autor so
nun auch das Zimmermädchen, ja die Klofrau.
Plausibel
ist das vor allem in der Welt der Dienstleistungen. Während im
Hochtechnologie-Sektor ständig die Produktivität wächst und die Preise
fallen, gibt es bei persönlichen Dienstleistungen kaum
Produktivitätssteigerungen. Genauer gesagt: Bei Dienstleistungen kann man
die Produktivität nur steigern, indem man die Aufgabe umdefiniert. Dazu
verhilft ein Begriffspaar, das der Trendforscher John Naisbitt zwar nicht
erfunden, aber populär gemacht hat: High Tech und High Touch. Beide
Begriffe verhalten sich genau komplementär zueinander. High Tech ist
global, High Touch ist lokal. High Tech bietet das Interface der
Informationen, High Touch bietet das Face-to-Face der Dienstleistungen. In
der High-Tech-Welt geht es um Datenverarbeitung, in der High-Touch-Welt
geht es um Gefühle.
Die
Komplexitätsanreicherung, die der Begriff „Informationsgesellschaft“
erfährt, wenn man ihn zwischen High Tech und High Touch, bzw. zwischen
Daten und Gefühlen aufspannt, wird auch von dem neueren Begriff
„Wissensgesellschaft“ noch nicht angemessen reflektiert. Gleichwohl stellt
die Akzentverschiebung von Information zu Wissen einen Fortschritt in der
Selbstbeschreibung der modernen Gesellschaft dar.
Wissen ist die Ressource, die sich scheinbar nie erschöpft, ja die sich
durch Gebrauch sogar vermehrt. Die traditionellen Produktivitätsfaktoren
Grundbesitz, Kapital und industrielle Arbeit sind demgegenüber heute nur
noch beschränkende Rahmenbedingungen der einzigen Wohlstandsquelle:
Wissen. Man kann das auf innovativen Märkten bereits beobachten.
Das Produkt
der Zukunft hat einen Intelligenz-Kern und eine Service-Hülle.
Und daraus folgt auch: Je wichtiger die
Produktivkraft Intelligenz wird, desto mehr konvergieren Wirtschaft und
Bildung.
Ressource Wissen; Konvergenz von Wirtschaft und Bildung - das heißt
konkret: Jetzt wird erst eigentlich die Produktivität der geistigen Arbeit
entdeckt. Die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts hat es vor allen Dingen auch
mit
unsichtbaren Kosten zu tun: vor allem in Forschung und Entwicklung, sowie
bei Lizenzen und Patenten, aber auch bei Marketing und Service.
All das
sind Formen des Wissens. Robert Reich, der
ehemalige Arbeitsminister der USA, spricht in diesem Zusammenhang von
symbolanalytischen Dienstleistungen; gemeint ist der Service des Sinns,
den Leute bieten, die mit Problemen handeln und Daten manipulieren. Der
Job der Info-Elite besteht im
Wissensdesign. Und der Begriff Info-Mapping
signalisiert in diesem Zusammenhang, dass es heute v. a. darum geht, zu
wissen, wo das Wissen ist. Das Zugangsproblem hat sich also von den Gütern
auf das Wissen verschoben.
Wer
studiert hat, weiß: Je mehr man gelernt hat, um so mehr muss man noch
lernen. In der Moderne machen wir die
enttäuschende Erfahrung, dass die Wissenschaft die Unwissenheit erweitert.
Je mehr einige Leute wissen, desto ignoranter wird der Rest. Der Soziologe
Niklas Luhmann hat deshalb eine „Berufsrisikobereitschaft bei der
Aneignung von Wissen“ gefordert. Wer Zukunftssicherheit will, muss hohe
Fremdselektion akzeptieren - zu Deutsch: das Unternehmen, in dem er
arbeiten möchte, kann vorschreiben, was er zu lernen hat. Individualität
durch Selbstselektion heißt demgegenüber: Unsicherheit auf dem Markt - ich
bestimme selbst, was ich lernen und wissen will, riskiere aber damit, mich
am Markt vorbei zu qualifizieren.
Es ist
längst zur Selbstverständlichkeit geworden, von Arbeitskräften
Flexibilität zu fordern. Doch Flexibilität heißt immer auch Unsicherheit,
denn sie impliziert konkret:
- die
Bereitschaft zum Wechsel des Jobs;
- die Fähigkeit zum Wechsel des Könnens;
- die Tolerierung veränderter Arbeitszeiten;
- ein auch nach unten offenes marktabhängiges Einkommen;
- und nahezu unbegrenzte Mobilität.
Der Job ist
heute längst kein Beruf mehr, sondern ein Medium ständiger Anpassung an
die Erfordernisse des Arbeitsmarktes. Und dessen eigentliche Dramatik
lässt sich nicht an den Arbeitslosenzahlen ablesen. Nicht nur die Jobs,
sondern vor allem die Karrieren werden knapp.
Was unter
solchen Bedingungen überhaupt noch an Sicherheit möglich ist, wird nur dem
erreichbar, der für seine generelle Anstellbarkeit Sorge trägt. Und daraus
folgt etwas Überraschendes: Je unsicherer die berufliche Zukunft wird,
desto riskanter ist eine „praxisnahe“ Ausbildung. Das hat wohl Michel
Serres bewogen, nicht mehr vom Mann ohne Eigenschaften, sondern vom Mann
ohne Fähigkeiten zu sprechen. Gemeint ist ein neuer
Entlastungsmechanismus: Der Mensch gewinnt - nämlich Möglichkeiten -,
indem er verliert - nämlich Fähigkeiten. Geschicklichkeit heißt dann aber:
Organisation des Verhaltens auf unvorhergesehene Ergebnisse hin. Man muss
wohl Amerikaner sein, um das als Lebensglück zu empfinden.
Die
Stabilität des Berufs, den noch Nietzsche als Rückgrat des Lebens
definieren konnte, wird durch eine Konstellation nachhaltig erschüttert,
die drei wesentliche Komponenten hat: erstens weltweiter Wettbewerb,
zweitens die Unternehmensphilosophie des Shareholder-Value, d. h.
kurzfristig erzielbarer Gewinne, und drittens eine
Informationstechnologie, in der die Produktivität genau so schnell wächst
wie die Preise fallen. Zu dem Job, den ich gerade habe, bin ich nicht
„berufen“; auch andere Jobs, wenn auch nicht beliebig andere, wären für
mich möglich. Der Beruf ist nicht mehr Rückgrat des Lebens, sondern
kontingent. Und deshalb wird „job uncertainty“, also die Ungewissheit, was
und wo ich in zehn Jahren arbeiten werde, zum Normalerleben.
Aber auch
die Stabilität des Arbeitsbegriffs ist im Innersten erschüttert. Immer
deutlicher treten drei Bereiche auseinander: Wissensmanagement, Routine
und Service. Die Schlüsselbedeutung des Wissensmanagements für die
Wirtschaft des 21. Jahrhunderts ist heute unstrittig. Und klar ist auch,
dass mit wachsendem Wohlstand und fortschreitender Gerontokratisierung der
Gesellschaft die Nachfrage nach persönlichen Dienstleistungen immer mehr
ansteigen wird. Mit voller Wucht trifft die job uncertainty aber
den Bereich der Routine. Hier muss man eine negative Prognose stellen: Die
„Normarbeitsverhältnisse“ schwinden.
Dieser
Schwund macht erst deutlich, wie groß die Entlastung des Alltags durch die
Routine der Arbeit bisher war. Arbeit war die wichtigste Gewohnheit. Das
Organisationstheater von Chef, Unterordnung und Routine gab dem
Angestellten hohe Verhaltenssicherheit. Heute ist solche Sicherheit keine
selbstverständliche Implikation des Arbeitsverhältnisses mehr, sondern nur
noch eine immer prekärer werdende Option. Fremdselektion oder
Selbstselektion, Sicherheit oder Freiheit - man muss wählen. Charles Handy
hat die Antithese zur verhaltenssichernden Routine „portfolio living“
genannt. Wir haben es hier weder mit einem Werk noch mit einem Beruf zu
tun, sondern mit einem Flickenteppich des Arbeitens.
Man kann
Arbeit von Muße, Faulheit, Freizeit und Arbeitslosigkeit unterscheiden.
Jede Umbesetzung des Gegenbegriffs von Arbeit markiert eine historische
Schwelle. Auch wenn Kapitalismuskritiker und neuerdings
Globalisierungsgegner immer noch die polemischen Register der
Unterscheidung arm / reich ziehen, so ist nüchternen Betrachtern der
modernen Gesellschaft natürlich schon seit dem 19. Jahrhundert klar, dass
sie von der Unterscheidung Arbeit / Kapital abgelöst worden ist. Aber auch
diese Unterscheidung ist mittlerweile Geschichte geworden. In Zeiten hoher
Sockelarbeitslosigkeit ist für die meisten Menschen nur noch eine
Unterscheidung von Interesse, nämlich: mit oder ohne Arbeitsplatz.
Der
Soziologe Niklas Luhmann hat die Unbrauchbarkeit der
Kapital/Arbeit-Unterscheidung angesichts der überragenden Bedeutung des
Konsumfaktors so begründet: „Ob man verheiratet ist oder nicht und ob mit
oder ohne Kinder, ob die Frau arbeitet oder nicht, ob man in einem
ererbten Haus wohnt oder mieten muss - all das wird viel stärker zum
ökonomischen Lebensschicksal als die tariflich garantierten Löhne oder
gegebenenfalls Versicherungs- und Rentenleistungen. Die wirtschaftlichen
Umstände des Arbeiterlebens sind also gar nicht in der Hand des
Kapitalisten.“ So Luhmann. Die minimalen Lohnerhöhungen, die von
Gewerkschaften pauschal durchgesetzt werden, verändern die wirtschaftliche
Situation des einzelnen fast gar nicht - und jeder weiß das. Es geht um
Symbolik - etwa die 3 vor dem Komma.
An
derartigen Ritualen wird sich wohl auch in Zukunft nichts ändern, denn die
Gewerkschaften sind das organisatorische Resultat der Unterscheidung von
Kapital und Arbeit. Deshalb können Gewerkschaftler die Welt auch gar nicht
anders beobachten; mit dem Konsumismus wissen sie genau so wenig
anzufangen wie mit der Arbeitslosigkeit, mit der Schwarzarbeit genau so
wenig wie mit der Eigenarbeit, also z. B. Autofahren, Gartenpflege, oder
das Renovieren der eigenen Wohnung. Deshalb bleibt der Gegensatz von
Kapital und Arbeit das zentrale Darstellungsritual der Gewerkschaften. Sie
können nicht sehen, dass an die Stelle des Gegensatzes Kapitalismus /
Sozialismus längst ein hochmobiler, lernfähiger und pluralistischer
Kapitalismus mit dem Spektrum vom Rheinischen Kapitalismus bis zum
Neoliberalismus getreten ist. Es gibt also gar kein Jenseits des
Kapitalismus mehr; und deshalb müssen die Gewerkschaften, die gegen das
Kapital kämpfen, aufpassen, dass sie es nicht in die Flucht schlagen.
Dass die
Gewerkschaften einen rasanten Mitgliederschwund zu verzeichnen haben, ist
ein deutlicher Ausdruck der Tatsache, dass sie gleich doppelt
anachronistisch geworden sind. Die Beschäftigten zweifeln nicht nur am
Sinn des Gewerkschaftsgedankens, sondern sie haben auch keine Lust mehr,
„Mitglied“ zu sein. Stattdessen wollen sie als Konsumenten herrschen.
Gewerkschaften klassischen Stils passen nicht mehr in die
postindustrielle Gesellschaft. Ihr ganzer Evolutionssinn lag in der
Tatsache beschlossen, dass die Unterscheidung von arm und reich durch
„Arbeit“ gesprengt wurde. Aber gerade deshalb können sie nicht mit
vollziehen, dass die gewerkschaftskonstitutive Unterscheidung
Kapital/Arbeit heute durch „Konsum“ gesprengt wird. Das zeigt sich zum
einen daran, dass der Konsument als der ultimative Arbeitgeber auftritt.
Zum andern wird es immer schwieriger, Arbeit überhaupt noch von
Nichtarbeit und Muße zu unterscheiden Was ist ein Geschäftsessen? Was ist
eine Diät? Man könnte am ehesten wohl sagen: produktive Konsumtion.
Sehr viel
besser als die Gewerkschaften hat sich die Politik auf die Konsumokratie
eingestellt. Die Herrschaft des Konsumenten wird von den Politikern
geschickt zur Konstruktion eines Phantoms genutzt, nämlich des Kunden „als
ob“. Seit einigen Jahren kann das jeder Bürger im Ämterverkehr beobachten,
wo man immer seltener auf preußische Beamte, aber immer häufiger auf junge
Frauen trifft, die auch Verkäuferinnen sein könnten. Die buntesten Blüten
treibt diese Hartz-Rhetorik aber im öffentlichen Umgang mit Arbeitslosen,
denen neuerdings suggeriert wird, sie seien keine Problemfälle, die von
einer Behörde bearbeitet werden: „Ich-AG’s“ stattdessen seien sie. „Ich-AG“
ist die Umdeutung von Arbeitslosen in potentielle Selbständige. Alle
anderen Arbeitslosen werden zu „Kunden als ob“ umformuliert, die von einer
„Agentur“ betreut werden - während es sich in Wahrheit lediglich um
Beitragszahler handelt, die bei einer Behörde ihr Recht auf
Lohnersatzleistungen geltend machen.
Es wird
aber wohl nicht lange gelingen, die harte Realität der neuen
Arbeitsverhältnisse durch die trendforsche Hartz-Rhetorik zu verdecken,
denn der Wohlfahrtsstaat ist schon Geschichte. Aus der Armenfürsorge wurde
einmal in der modernen Gesellschaft die Arbeitsbeschaffung. Zusammen mit
der Sozialversicherungsgesetzgebung sorgte diese dafür, dass auch die
Schwächeren einen „gerechten“ Anteil am Wohlstand bekamen. Heute stößt der
Wohlfahrtsstaat weltweit an die Grenze der Finanzierbarkeit und zwingt die
Politik zu einer semantischen Anpassung. In den USA ist das schon
gelungen. Dort wird der Begriff Welfare durch den Begriff Workfare
verdrängt. In deutschem Klartext heißt das: Du hast die Verpflichtung,
jeden Job anzunehmen.
Wenn wir
uns erst einmal an diese neuen Arbeitsverhältnisse gewöhnt haben, werden
wir Geschichtsbücher brauchen, um zu verstehen, was die Gewerkschaften am
1. Mai eigentlich feiern. |