|
SWR2 AULA - Prof. Ulrich Beck: Angekommen in der Weltgemeinschaft – Über
den Prozess der Globalisierung
Autor und Sprecher: Prof. Ulrich Beck *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 19. November 2006, 8.30 Uhr,
SWR 2
Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen,
privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
ÜBERBLICK
Wenn in Frankreich oder England der Begriff "Globalisierung" fällt, geraten
die Menschen in den Zustand eines gelähmten Kaninchens, kurz bevor es von
der Schlange Weltmarkt verschlungen wird. Globalisierung und Weltmarkt sind
Synonyme geworden, und in Deutschland hat man deshalb auch Angst, dass das
Land vom Wirtschaftswunder- zum Wirtschaftskummerland mutieren könnte, weil
es mit der globalen transnationalen Ökonomie nicht mehr mithalten könne.
Ausgeblendet werden durch diese Engführung der Diskussion die wirklich neuen
Elemente der Globalisierung: Neu ist die Ortlosigkeit von Kapital, Arbeit
und Gemeinschaft, neu ist das globale ökologische Gefahrenbewusstsein, neu
ist die Zirkulation transnationaler Kulturindustrien. Professor Ulrich Beck,
einer der einflussreichsten Soziologen Deutschlands, zeigt die tatsächlichen
Herausforderungen einer globalisierten Welt.
INHALT
Ansage:
Heute mit dem Thema: „Angekommen in der Weltgesellschaft – Über den Prozess
der Globalisierung“.
Wenn in Frankreich, England oder Deutschland der Begriff „Globalisierung“
auftaucht, geraten die Menschen meistens in den Zustand eines gelähmten
Kaninchens, kurz bevor es von der Schlange „Weltmarkt“ verschlungen wird.
Globalisierung und Angst vor dem Weltmarkt scheinen zusammenzuhängen: Wir
haben Angst vor dem globalen Kapital, den globalen Firmen, den globalen
Heuschrecken. Ausgeblendet werden durch diese Fokussierung auf die Ökonomie
die sozialen und mentalen Elemente, die mit der Globalisierung eng verknüpft
sind und die unser Leben auf neue Weise gestalten, längst gestaltet haben.
Es kommt darauf an, diese Veränderungen im Alltag jedes einzelnen
wahrzunehmen, um dann endlich auf adäquate Weise auf die Globalisierung
reagieren zu können. Das ist die These von Professor Ulrich Beck, Direktor
des Soziologischen Instituts der Universität München. Und er sagt auch: Wir
haben längst noch nicht begriffen, was Globalisierung wirklich ist, weil wir
immer noch viel zu sehr im nationalen Denken gefangen sind.
In der SWR2 AULA führt Beck beide Problematiken aus.
Ulrich Beck:
Das Nebelwort „Globalisierung“ meint vieles, man hört es jeden Tag im Radio,
z. B. im Zusammenhang mit dem „mobilen Kapital“, dem „Export von
Arbeitsplätzen“, oft auch hält es als Ausrede her für Politiker, wenn sie
nichts tun wollen. Aber Globalisierung beinhaltet noch weit mehr. Sie
erreicht unseren persönlichen, privaten Bereich.
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Aber auch, wenn die Ereignisse der
vergangenen zehn Jahre vielleicht die tatsächlichen Muster meines
Alltagslebens gar nicht so sehr verändert haben, so haben sie doch mit
Sicherheit die Art verändert, in der ich die Welt sehe. Uns allen erschien
die Welt bei allem Durcheinander doch relativ geordnet wie eine Landschaft
mit Hügeln und Wäldern, nahen und fernen, vertrauten und exotischen
Kontinenten und Menschen. In dieser Welt hatte letztlich jeder seinen Platz.
Da gab es - und das klingt heute noch wie ein weißer Schimmel - Chinesen,
die nach China, Schwarze, die nach Afrika, Italiener, die nach Italien,
Deutsche, die nach Deutschland gehörten. Da kamen sie her, da waren sie
verwurzelt, dahin konnte man sie notfalls zurückschicken. Auch wenn man
nicht viel von den Fremden wusste, so war doch klar, dass man sie an diesen
geografischen Orten besuchen konnte. In diesem hermetischen
Kulturverständnis erschien es relativ einfach, von Gesellschaft zu
Gesellschaft zu reisen und sich über alle Sprachbarrieren hinweg miteinander
zu verständigen; denn letztlich, so hieß die Annahme, sind doch alle
Menschen gleich.
Was immer man unter Globalisierung versteht, diese Sicht der Welt ist durch
und durch fragwürdig geworden. Eine solche Sicht setzt Kulturen als
abgeschlossene Gebilde voraus, während sie historisch immer schon
verflochten sind. Von nationalen und religiösen Reinheitsideologen
verabsolutiert, immunisiert dieses Sinnbild eine Kultur gegen die
Etablierung von Menschenrechten, überhaupt gegen jede Reformanstrengung,
beispielsweise auch gegen die Gleichstellung der Frau.
Wer dagegen das Neue der Globalisierung verstehen will, muss erkennen, wie
die neuen Kommunikationsmedien in alle Bereiche gesellschaftlichen und
wirtschaftlichen Handelns und Lebens vorgedrungen sind und dieses
Verständnis abgeschlossener Kulturräume von innen her aufbrechen. Das
Entfernte ist sehr nahe gerückt. Zum ersten Mal in der Geschichte haben alle
Menschen, alle ethnischen und religiösen Gruppen, alle Bevölkerungen eine
gemeinsame Gegenwart. Jedes Volk ist der unmittelbare Nachbar jedes anderen
geworden. Und Erschütterungen auf der einen Seite des Erdballs teilen sich
mit außerordentlicher Geschwindigkeit der gesamten Erdbevölkerung mit.
Aber diese faktisch gemeinsame Gegenwart fußt nicht auf einer gemeinsamen
Vergangenheit und garantiert keinesfalls eine gemeinsame Zukunft. Gerade
weil die Welt ohne ihre Absicht, ohne ihr Votum, ohne ihre Zustimmung in
gewisser Weise geeint ist, werden die Gegensätze zwischen den Kulturen,
Vergangenheiten, Lagen, Religionen plötzlich in ihrer unerträglichen
Unverständlichkeit bewusst. Entsprechend hat sich unser kulturelles Sinnbild
verändert. Die Welt existiert nicht mehr, in der jede Kultur, jede ethnische
Gruppe und dementsprechend auch jede religiöse Glaubens- und
Autoritätssysteme ihren exklusiven geografischen Ort hat. Vielmehr
erscheinen diese Kulturen, Nationen unauflöslich ineinander verflochten. Wir
leben in einer zugewiesenen gemischten Nachbarschaft aller mit allen, und
dies äußert sich auch in einer schmerzlichen Konkurrenz über alle Grenzen
hinweg.
Auf dem Hintergrund der kommunikationstechnologischen Vernetzungen stehen
nicht nur Staaten und Unternehmen im Wettbewerb miteinander, sondern
Individuen direkt. Die Beispiele dafür werden täglich zahlreicher:
Wachdienste in Schwellenländern, die über Videofirmen Regionen in der
westlichen Welt überwachen; oder amerikanische Schüler, die über den halben
Globus hinweg Nachhilfeunterricht bei einem indischen Lehrer nehmen; oder
denken Sie an den sogenannten Karikaturenstreit: Die Initiatoren der
Mohammed-Karikaturen hielten dies zunächst für eine rein dänische
Angelegenheit. Aber einige Monate später brannten westliche Botschaften in
der arabischen Welt. Und nicht nur die Dänen, viele Europäer sahen sich
aufgerufen, die Werte der Pressefreiheit gegen religiöse Zensur zu
verteidigen.
Weder die Träume der Humanisten noch die Begriffe der Philosophen und noch
nicht einmal die des politischen Handelns haben zu dieser Vereinigung der
Menschheit geführt. Im Gegenteil: Was alle Bewohner dieser Erde heute wohl
am meisten miteinander gemein haben dürften, ist letztlich die Sehnsucht
nach einer Welt, die ein bisschen weniger geeint ist. Plötzlich besteht das
Bild der menschlichen Landschaft nicht mehr aus sanften Hügelketten, es ist
vielmehr angefüllt mit schwer überbrückbaren Abgründen, unerwarteten
Klüften, Klippen und undurchdringlichen Wäldern. In der zugewiesenen
universellen verflochtenen Nachbarschaft erleben sich die Gruppen plötzlich
als fremd, unbegreiflich und bedrohlich. Menschen, die in einer Sinnwelt
leben, in der die Herrschaft autoritär ist, wie unter manchen Formen des
Islam, erleben sich als verschieden von Menschen, die in einer Sinnwelt
leben, in der die Herrschaft demokratisch geteilt ist. Menschen, für die
Ehre von so überragender Bedeutung ist, dass jemand seine Schwester tötet,
weil sie durch Vergewaltigung unrein geworden ist, sind verschieden von
Menschen in Sinnwelten, in denen die Einzelnen nach ihren Intentionen und
Leistungen beurteilt werden. Menschen, die in Sinnwelten leben, in denen die
Vergangenheit die Gegenwart dominiert, sind verschieden von Menschen, die in
Sinnwelten leben, wo die Zukunft die Gegenwart dominiert. Und ein
wesentlicher Teil des Problems ist, dass alle diese Sinnwelten in einer
Gesellschaft ineinander verflochten zugleich existieren.
Samuel Huntington versucht, diese Gegensätze im Bild vom „Kampf der
Kulturen“ zu fassen. Aber dieses Sinnbild ist falsch. Es bleibt gerade der
alten Vorstellungswelt verhaftet, nach der jede Kultur ein hermetisch
abgeschlossenes Gebilde ist, das seinen spezifischen geografischen Ort hat.
Darauf kommt es heute an – gegen diese militanten Reinheitsfantasien
westlicher wie östlicher Ideologen Kultur als eine ursprünglich unreine
Sache kenntlich zu machen, als eine Sache, die sich immer schon
Verflechtungen verschiedener Bereiche verdankt und sich überhaupt erst in
dieser Verflechtung als Kultur konstituiert. Natürlich hat etwa Europa das
antike Erbe auch durch die Vermittlung der arabisch-islamischen Kultur
empfangen, und natürlich war der Islam an vielen Orten mit dem christlichen
Westen und der jüdischen Welt aufs Engste verflochten. Nichts ist falscher,
als das europäische Erbe und den Islam gegeneinander auszuspielen.
Was heißt aber diese Art von globaler Verflechtung im Alltag?
Ich möchte das zunächst an einem Beispiel verdeutlichen, dem sogenannten
Herkunftsdialog: Wenn Sie auf einer Party einem Menschen begegnen, der
schwarz ist und bayerisch spricht, oder der einen für deutsche Zungen schwer
aussprechbaren Namen trägt, aber gleichzeitig akzentfrei deutsch spricht,
dann stellen Sie früher oder später, das sage ich voraus, die Frage: Woher
kommen Sie? Es beginnt dann das, was wir in der Soziologie den
„Herkunftsdialog“ nennen:
„Woher kommen Sie?“
„Aus München.“
„Nein, ich meine ursprünglich.“
„Ich bin in München geboren.“
„Aber Ihre Eltern?“
„Meine Mutter kommt auch aus München.“
„Aber Ihr Vater?“
„Mein Vater ist Türke.“
„Aha. Ist das ein türkischer Name?“
„Ja.“
„Woher aus der Türkei kommen Sie denn?“
„Ich komme nicht aus der Türkei.“
„Aber Ihre Eltern ....“
usw.
Menschen mit fremd anmutenden Äußeren sehen sich immer wieder einem
derartigen Kreuzverhör ausgesetzt. Darin drückt sich das Huntington-Weltbild
aus, das territoriale Missverständnis der Identität. Nach diesem
Kulturverständnis hat jeder Mensch eine, seine Heimat. Und diese kann er
nicht wählen, sie ist ihm angeboren und folgt dem Entweder-Oder der Nationen
und der in sie eingebauten Stereotypen. Trifft man etwa auf einen asiatisch
aussehenden Menschen, der akzentfrei deutsch spricht, gerät diese
Sozialontologie in Turbulenzen, und Er oder Sie wird solange mit Fragen
„gegrillt“, bis das nationalstaatliche Bild der Einheit von Pass, Hautfarbe,
Sprache und Herkunftsort wieder hergestellt erscheint. Erscheint! - Denn im
wachsenden Durcheinander der globalisierten Lebensverhältnisse führt die
Vorstellungswelt von in sich abgeschlossenen kulturellen Totalitäten zu
einem eklatanten Wirklichkeitsverlust.
Ein Deutscher zu werden ist unter solchen Voraussetzungen, auch wenn man die
Sprache spricht, auch wenn man einen deutschen Pass und Arbeitsplatz hat,
letztlich eine unendliche Reise. Ein deutscher Wissenschaftlicher mit
dunkler Hautfarbe wurde vor einiger Zeit in Brandenburg bewusstlos
geschlagen. Er hatte alles, was einen „guten Deutschen“ ausmacht: einen
Pass, eine Familie, einen Arbeitsplatz, ja sogar eine Doktorarbeit mit dem
Thema: „Entwicklung von Waschdüsen für eine effizientere Wäsche von Gemüse
und Speisekartoffeln“. Geht es deutscher? – Nur seine Hautfarbe, die ist
dunkel geblieben.
Homogenisieren kann man die Milch, nicht aber die moderne Gesellschaft. Das
ursprünglich deutsche Deutschland ist jetzt, und das ist der zweite
Indikator, auf den ich hinweisen möchte, um die Verflochtenheit deutlich zu
machen, dieses Deutschland ist jetzt schon eine Sechs-, Fünf-,
Vier-Gesellschaft. Jeder sechste Einwohner hat einen Migrationshintergrund.
Jede fünfte Familie ist bi-national. Jedes vierte Kind hat mindestens ein
Elternteil mit ausländischem Pass. Mit steigender Tendenz. Das meint
universelle Nachbarschaft vor Ort. Das mein real existierender
Kosmopolitismus.
Ein weiteres Beispiel für diese Verflechtung, die wir im Alltag erleben, ist
Europa. Was ist eigentlich Europa? Schon diese Frage führt uns in große
Schwierigkeiten. Ich habe ein Buch über Europa geschrieben und versucht, mir
klar zu machen, in wie weit man Europa beispielsweise auf der Ebene der
alltäglichen Lebensführung repräsentiert findet, was in diesem Sinne z. B.
eine europäische Familie, eine europäische Ehe heißt, in dem Sinne, wie wir
das gerade dargestellt und diskutiert haben, nämlich in bezug auf die
Bi-Nationalität.
Sie werden mir das vielleicht nicht glauben, aber unsere Daten spiegeln
nicht wider. Auf der einen Seite wissen wir, dass das alltägliche Leben über
die Grenzen Europas hinweg in vielfältiger Weise verflochten ist. Es gibt
die Grenzen ja gar nicht mehr, von denen wir ausgehen, wir bemerken es
inzwischen gar nicht mehr, wenn wir die europäischen Grenzen überschreiten.
Wir gehen zwar immer noch in unseren Köpfen davon aus, es existiert
Deutschland, es existiert Frankreich usw. Aber diese Länder haben keine
Grenzen mehr. Sie haben auch keine nationale Währung mehr. Ein Großteil
ihrer Gesetze wird im Europäischen Parlament und nicht in den nationalen
Parlamenten verabschiedet und besprochen. Das heißt, wir leben längst in
einem Zustand der horizontalen Verbindung zwischen den verschiedenen
Ländern, die sich in vielen konkreten Formen äußert, aber wir wissen nicht,
was das konkret bedeutet. Die Schwierigkeit, Europa zu verstehen, hängt
wesentlich damit zusammen, dass es ausschließlich nach einem
nationalstaatlichen Paradigma gedacht wird; und dann bekommen die Menschen
Angst vor einem großeuropäischen Staat.
Was wir brauchen, ist eine Vision, die Europa neu denkt und sehr viel
stärker an die Verflochtenheit, die wir längst erleben, anknüpft, das heißt,
die sichtbar macht, dass wir gar nicht mehr in einem Großnationalstaat
Europa leben oder leben wollen, die Menschen sind immer stärker darauf
angewiesen, in ihrem Alltag, in ihrem Beruf und auch in ihrem politischen
Verständnis sich zusammenzuschließen und europäisch ein neues Weltexperiment
zu wagen.
Das Zentrum dieser politischen Idee ist ein Europa, das zwar die nationale
Identität beibehält, ja sie sogar kräftigt, aber gleichzeitig eine neue
kosmopolitische Identität entwickelt, die eben aus der Anerkennung der
Andersheit der Anderen erwächst. Und dieses kosmopolitische Europa, das nach
innen hin die Andersheit der Anderen anerkennt, würde auch nach außen eine
neue Bedeutung gewinnen.
Man kann das daran erkennen, dass beispielsweise die Grenzen, die Europa
setzt, immer nur vorläufige hypothetische Grenzen sind. Europa ist ja ein
Prozess der Europäisierung. Das zeigt sich am Thema Aufnahme der Türkei,
über das jetzt in ganz Europa sehr stark gestritten wird. Die eventuelle
Aufnahme der Türkei ist ja immer schon dadurch unterlaufen, dass in der
Antizipation einer möglichen Mitgliedschaft die Türkei sich heute quasi
schon selbst europäisiert. Ein Großteil der Prozesse, die jetzt in der
Türkei ablaufen: die Durchsetzung von Menschenrechten, das Ringen um auch
eine plurale Interpretation im Umgang mit Religion- all das ist sozusagen
Zeichen der Selbstanpassung an eine europäische Identität. Das heißt, in
gewisser Weise ist auch die Türkei, die noch gar nicht Mitglied der
Europäischen Union im formalen Sinne ist, bereits in der Antizipation auf
diese Mitgliedschaft ausgerichtet.
Diese Offenheit der Grenzen, dieses kosmopolitische Selbstverständnis ist
ein zentrales Element des Erfolges Europas, das wir bewahren müssen.
Was aber besagt in diesem Zusammenhang die Debatte um Multikulturalismus?
Sie ist mehr eine ideologische Debatte, bei der man aufpassen muss, dass sie
diese Realität der realen Verflechtung von Lebensbedingungen in Deutschland
und in anderen Ländern nicht verkennt. Wer beispielsweise sagt, wir müssen
ausländische Bürger notfalls nach Hause schicken, der kann ebenso gut sagen,
Äpfel, die vom Baum fallen, sollen zum Himmel fliegen. Was heute überall in
Europa dominant wird, das Sich-Abkapseln im ethnischen Nationalismus und
Nationalstaat, ist keineswegs Realismus, sondern rückwärts gewandter
Illusionismus, der die Welt nicht mehr verstehen will.
Ein letztes Beispiel: die neue Unterschichten-Debatte. Endlich ist die
Debatte über ausweglose Armut in der Vollbeschäftigungsgesellschaft in
Deutschland ausgebrochen. Sie wird mit großer Leidenschaft geführt, aber
überraschenderweise tragen die Kontrahenten auf allen Seiten Scheuklappen -
und das ist der entscheidende Punkt. So wird mit selbstverschuldeter
Gewissheit allseits davon ausgegangen, dass die sich ausweitende Armut
jeweils ein nationales Problem sei, dass national diskutiert, verantwortet
und überwunden werden müsse. Die Italiener diskutieren eine italienische
Armut, die Deutschen eine deutsche Armut, die Briten eine britische Armut,
die Amerikaner eine amerikanische Armut usw. Und in allen nationalen
Öffentlichkeiten wird von radikalen Neoliberalen, Sozialdemokraten alter
oder neuer Prägung, von Kommunisten, Gewerkschaftlern und natürlich auch den
Arbeitslosenorganisationen selbst mit Selbstverständlichkeit unterstellt,
dass die sich verhärtenden Armutsphänomene jeweils als ein nationales
Problem aufgefasst und deshalb nach exklusiv nationalen Lösungen gefahndet
werden muss.
Um das Problem der Armut im 21. Jahrhundert zu verstehen und nach
politischen Antworten zu suchen, brauchen wir endlich einen kosmopolitischen
Blick, einen Blick, der diese Borniertheiten des, wie ich sagen möchte,
methodologischen Nationalismus überwindet. Wir sind konfrontiert mit einer
Ökonomie der Unsicherheit. Diese revolutioniert die Arbeits- und
Lebensbedingungen in allen hochentwickelten westlichen Gesellschaften.
Bösartig gesagt: Wir erleben gerade eine „Brasilianisierung“ der
Wohlfahrtsgesellschaften. Die bunten fragilen Beschäftigungsformen, die in
der sogenannten Dritten Welt Normalität sind, ersetzen zunehmend auch in den
Ländern des „Zentrums“ die sichere Berufsarbeit. Das kann man als
Flexibilität euphemistisch beschreiben, das heißt jedoch: Mache dich selbst
leichter kündbar und sei damit zufrieden, dass dir niemand sagen kann, ob
deine Qualifikation in Zukunft auch noch gebraucht wird.
Bei dieser Art von ökonomischer Unsicherheit handelt es sich um ein
Generationsphänomen. Die Generation zuvor war noch in sicheren Verhältnissen
der Berufsarbeit integriert worden. Jetzt aber wird die nachwachsende
Generation - und zwar quer durch alle verschiedenen Schichten - mit diesem
Problem der Unsicherheit konfrontiert. Wir diskutieren das zunehmend als die
„Fragilisierung von Arbeit“, es ist von „Praktikantenexistenzen“ die Rede
usw.
In diesem Zusammenhang muss man auch die Verbindung von Armut und
Ausweglosigkeit betrachten. Wir wollen sie in Deutschland, in Europa
bekämpfen, aber müssen zunächst mal begreifen, was daran neu ist. Neu ist
daran, dass angesichts der gewaltigen Produktivitätsfortschritte diese
Ausgesonderten, so bitter das klingt, in der kapitalistischen, auf Arbeit
fixierten Kultur nicht mehr gebraucht werden. Man kann auch ohne sie die
Gewinne maximieren, ohne sie Wahlen gewinnen, auch wenn wir inzwischen
bemerken müssen, dass damit der Rechtsradikalismus und natürlich auch die
Nichtwählerschaft zunehmen. Die Stellung dieser Armen in der Gesellschaft
entspricht damit aber nicht mehr der einer klar konturierten Schicht oder
der einer Klasse, eben weil sie keine Stellung mehr im Produktionsprozess
einnehmen. Das ist das Neue daran. Das heißt aber nicht, dass diese Armen
besser gestellt sind, sondern dass sie schlechter gestellt sind. Und die
Erschütterung, die diese Menschen erfasst, wenn sie diese Armut selbst
erleben, hat auch mit der nun wirklich bitteren Einsicht zu tun, diese Armut
ist im Grunde genommen die Konsequenz aller Versuche, sie zu überwinden. Die
Hoffnungslosigkeit ist die andere Seite der verlorenen Utopie.
Der nationale Wohlfahrtsstaat, der mit seiner nationalen Armut ganz allein
zurecht zu kommen versucht, ähnelt einem Betrunkenen, der in einer dunklen
Nacht sein verlorenes Portemonnaie im Lichtkegel einer Straßenlaterne wieder
zu finden versucht. Auf die Frage: „Haben Sie Ihr Portemonnaie denn wirklich
hier verloren?“ antwortet er: „Nein, aber im Licht der Laterne kann ich
wenigstens danach suchen.“
Wie hat der Nationalstaat sein Portemonnaie verloren? Es ist völlig falsch,
nach wie vor davon auszugehen, wie das die meisten tun, dass die nationalen
Gewerkschaften, das nationale Kapital und der nationale Wohlfahrtsstaat
die Ankurbelung der nationalen Wirtschaft und die Verteilung des nationalen
Bruttosozialprodukts ermöglichen würden. Durch diese falsche Annahme wird
das neue Machtspiel und Machtgefälle zwischen territorial fixierten
politischen Akteuren wie Regierungen, Parlamenten, Gewerkschaften und
zwischen nicht territorial gebundenen weltwirtschaftlichen Akteuren und
ihrem mobilen Kapital verkannt. Nicht Appelle an die Moral und den
Patriotismus der Manager sind nötig, gefragt sind Ideen, die zeigen, wie die
staatliche Politik in Zeiten der Globalisierung aus der Defensive
herausgeholt werden kann, wie sie mit der Problematik der Gerechtigkeit
lernt umzugehen.
Um aus der nationalstaatlichen Sackgasse herauszufinden, ist diese Einsicht
wichtig. Man kann zwar die verbliebenen nationalstaatlichen Spielräume
nutzen und muss dies auch tun. Aber letztlich gibt es keine nationale Lösung
mehr für die zentralen nationalen Probleme. Wer Armut effektiv bekämpfen
will, muss in diesem Sinne neu ansetzen und muss beispielsweise zwischen
Autonomie und Souveränität unterscheiden. In der Preisgabe von staatlicher
Autonomie, das heißt, in der Kooperation mit anderen Staaten, liegt der
Schlüssel für die Stärkung der nationalstaatlichen Souveränität gegenüber
dem mobilen Kapital und damit auch für die Lösung der Armutsprobleme.
Hier liegt die Kernaufgabe letztlich einer erneuerten Europäischen Union,
denn was hier erforderlich ist, kann kein Nationalstaat im Alleingang
schaffen. Die Antwort auf Globalisierung besteht in einer besseren
internationalen Koordinierung der Politik, stärkeren übernationalen
Kontrollen von Banken und Finanzinstitutionen, dem Abbau des
zwischenstaatlichen Steuerdumpings, den Vereinbarungen über Mindestlöhne und
damit letztendlich auch der Wiedergewinnung von sozialer Sicherheit als
Basis lebendiger Demokratie.
Lassen Sie mich noch einmal zurückkommen zum Schluss auf das hermetische
Kulturverständnis von Huntington: Diese Vorstellung von abgeschlossenen
kulturellen Räume, die wir auch gerade in Deutschland immer wieder
vorfinden, verkennt, dass die Spannungs-, Spaltungs- und Konfliktlinien
zwischen Kulturen nicht dauerhaft sind. Tatsächlich werden
Gruppenidentitäten permanent neu geformt und verändert durch kreative
Destruktionen, wie das Joseph Schumpeter einmal formuliert hat. Politische
Repräsentanten des militanten Islamismus haben eine die Weltordnung
erschütternde Bewegung des Terrorismus konstruiert, indem sie ein politisch
explosives Gemisch aus alten Lehren, erfundenen Traditionen, imaginierten
Reinheitsidealen und neuen Organisations- und Kommunikationstechnologien
hergestellt haben, das sie zugleich als eine Art Gegengift gegen den Schmerz
der verletzten Würde erfolgreich globalisiert haben. Der Mittler zwischen
dem Westen und dem Islam, der diesjährige Nobelpreisträger für Literatur
Orhan Pamuk, schreibt in diesem Zusammenhang : (Zitat) „Der Westen hat
leider kaum eine Vorstellung von diesem Gefühl der Erniedrigung, das eine
große Mehrheit der Weltbevölkerung erlebt und überwinden muss, ohne den
Verstand zu verlieren oder sich auf Terroristen, radikale Nationalisten oder
religiöse Fundamentalisten einzulassen.“
Wie eine kürzlich veröffentlichte Befragung in der arabischen Welt
herausgefunden hat, sind für diese Region die wichtigsten Persönlichkeiten
die Führer der Hisbollah, des Iran, der Hamas und der Al-Qaida. Dagegen
verblassen die kapitalistischen Eroberer der Länder der Welt, Microsoft und
Big Mac. Der zentrale Motor der Entwicklung ist nicht länger nur die
Globalisierung, das heißt die Integration von Handlungs- und
Erfahrungskontexten über nationalstaatliche Grenzen hinweg. Es ist vor allem
der Wettkampf in und zwischen verflochtenen Kulturen um die Macht der
Heiligsprechung des richtigen Weges, um die Macht, definieren zu können, was
richtig und was falsch ist, was gut und was böse, was riskant und was sicher
ist. Aufstrebende Hegemone wie der Iran und die USA sehen sich selbst nicht
nur als Nation, sondern als moralische Bewegung, die der Menschheit den Weg
weist.
Und was tut, wofür steht und streitet das postheroische Europa?
In der Tat käme es auch in meinen Augen einem kulturellen Selbstmord gleich,
die zentrale Wahrheit der Sinnwelt Europas und des Westens zu unterdrücken,
die darauf basiert, dass alle Menschen mit unveräußerlichen Rechten
ausgestattet sind und infolgedessen die Demokratie die einzige
Herrschaftsform ist, die diese menschliche Würde garantiert. Gerade in der
rätsel- und konfliktvoll verflochtenen Nachbarschaft aller mit allen ist
diese Wahrheit wichtiger denn je, sie ist der Schlüssel zum Überleben.
*****
* Zum Autor:
Professor Ulrich Beck studierte Soziologie, Philosophie, Psychologie und
Politikwissenschaft in München; 1972 Promotion in Soziologie, 1979
Habilitation; danach war Beck Professor für Soziologie an der Universität
Münster. Seit 1992 ist er Professor und Direktor am Soziologischen Institut
der Universität München.
Arbeitsschwerpunkte: Soziale und kulturelle Aspekte der Globalisierung in
Bezug auf die Transnationalisierung, neue Lebens- und Arbeitsformen in der
postmodernen Gesellschaft.
Buchauswahl:
- Risikogesellschaft. Suhrkamp-Verlag.
- Das ganz normale Chaos der Liebe (zus. mit Beck-Gernsheim).
Suhrkamp-Verlag.
- Die Erfindung des Politischen. Suhrkamp-Verlag.
- Die feindlose Demokratie. Verlag Reclam.
- Was ist Globalisierung. Suhrkamp-Verlag.
- Das kosmopolitische Europa. Suhrkamp-Verlag. |