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SWR2 Wissen-Aula 11-6 -Bazon Brock :
Kompetent und selbstbewusst . Der Bürger als Profi
(Abschrift eines frei gehaltenen Vortrags)
Autor und Sprecher: Professor Bazon Brock *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 5. Juni 2011, 8.30 Uhr,
SWR 2
Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist
ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede
weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Autor
Bazon Brock, geb. 1936 in Pommern, studierte Germanistik,
Philosophie, Kunstgeschichte und Politikwissenschaften in Hamburg,
Frankfurt und Zürich und absolvierte gleichzeitig eine
Dramaturgieausbildung in Darmstadt. Er hatte danach Professuren für
nichtnormative Ästhetik bzw. Gestaltungslehre an den Universitäten
in Hamburg und Wien, zuletzt lehrte er von 1981 bis 2001 Ästhetik
und Kulturvermittlung an der Bergischen Universität in Wuppertal. Im
Jahr 2004 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen.
Heute ist er u. a. Mitglied der "Forscher-Familie bildende
Wissenschaften". Diese "fruchtbringende Gesellschaft" beschäftigt
sich vorrangig mit der Kulturgenetik, um Konzepte zur Zivilisierung
der Kulturen auszuarbeiten. Die Ergebnisse werden in der Reihe
"Ästhetik und Naturwissenschaften" im Springer Verlag Wien/New York
veröffentlicht.
Bücher (Auswahl):
- Der Profi-Bürger: Handreichungen für die Ausbildung von
Diplom-Bürgern, Diplom-Patienten, Diplom-Konsumenten,
Diplom-Rezipienten und Diplom-Gläubigen. Zus. mit Peter Sloterdijk.
Fink-Verlag.
Erscheint im Juni 2011.
- Utopie und Evidenzkritik / Tarnen und Täuschen.
Verlag Philo
Fine Arts. 2010.
- Lustmarsch durchs Theoriegelände: Eine Kampfschrift. Verlag
DUMONT
Literatur und Kunst. 2008.
www.bazonbrock.de;
bazonbrock@bazonbrock.de;
ÜBERBLICK
Das Gesundheitssystem wird nicht zu retten sein ohne kompetente
Patienten, die gegen Missstände aufbegehren und zugleich bewusst mit
ihrer Gesundheit umgehen. Die Wissensgesellschaft wird nicht
Realität werden können ohne professionelle Internetnutzer. Und
schließlich: Die Politiker werden nicht besser ohne Bürger, die
nicht auf Floskeln und Versprechen hereinfallen, sondern
Verantwortlichkeit und Ehrlichkeit anmahnen und dafür auch auf die
Straße gehen. Der emeritierte Professor für Ästhetik Bazon Brock
erläutert, warum der Profibürger die gesellschaftlichen Probleme von
morgen lösen kann.
INHALT___________________________________________________________________
Ansage:
Mit dem Thema: „Kompetent und selbstbewusst – der Profibürger.
An der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe läuft ein
eigenwilliges, fast skurriles
Projekt, das viel Erfolg hat. Man kann sich dort in mehreren
Studiengängen zum
Profibürger ausbilden lassen, und zwar in folgenden Bereichen: Man
kann Diplom-
Bürger werden, Diplom-Patient oder Diplom-Gläubiger. Das Ganze ist
kein Scherz,
es ist ernst gemeint, es geht um ein neues Leitbild: Um den
selbstbewussten Bürger,
der sich nichts vormachen lässt, der Verantwortung übernimmt und
reflektiert
handelt.
Bazon Brock, Professor für Ästhetik an der Uni Wuppertal, ist neben
dem
Philosophen Sloterdijk einer der Initiatoren des Projekts. In der
SWR2 Aula erläutert
er die Zielsetzungen.
Bazon Brock:
Das Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, die „Wutbürger“, die sich
jetzt beispielsweise
im Stuttgarter Projekt 21 zur Geltung gebracht haben, mit
Verhaltensweisen und
Kenntnissen auszustatten, die aus der Wut ein zielgerichtetes
Argumentieren und
vielleicht sogar Kompetenz zum Eingreifen machen. Das sind dann die
„Mutbürger“.
Von der Wut – das ist ein notwendiger Impuls, um sich zu engagieren,
weil man
betroffen ist – hin zu Mut, sich einzumischen, vor allen Dingen da,
wo es scheinbar
um Sachzwänge geht, die nicht anders entschieden werden können und
wo die
Fachleute sagen, wir müssen unter uns bleiben, wir wollen keine
Mutbürger, weil
jede externe Intervention eigentlich nur Zeit kostet.
Professionalisierung heißt, jemandem durch vormachen, demonstrieren,
durch ein
Beispiel geben zeigen, wie man seine Impulse, aktiv werden zu
wollen, auch sinnvoll
in die Wege leitet und vor allen Dingen, wie man sich selbst dabei
stabilisiert und
nicht die Erfahrung macht, man hätte zwar alles versucht, aber es
sei alles
vergeblich gewesen. Denn bei Spontanimpulsen des Handelns ist das
Gefährlichste,
dass nach kurzer Zeit die Beteiligten das Gefühl haben, es war ja
alles für die Katz‘.
Das ist sehr gefährlich für die Beteiligten selbst, nicht nur, weil
es zu Resignation
führt, sondern es führt zum Verlust der Selbstwürdigung.
Und da sind wir beim ersten Punkt unserer
Professionalisierungskampagne. Im
Grundgesetz steht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Die
unantastbare
Würde ist aber nur dann gegeben, wenn jemand gewürdigt wird. Also
ist Würde nur
durch Würdigung möglich. Man muss also lernen, etwas angemessen zu
würdigen.
Dadurch erhält man selber Würde. Man wird würdig durch die
Fähigkeit, andere zu
würdigen. Und das nicht im Sinne von „Ich nenn dich Schiller, nenn
du mich Goethe“,
sondern tatsächlich im Hinblick auf das, was in diesem Aspekt der
Würde als das
„Vermögen zu würdigen“ steckt. Beim Schenken ist das gut zu
erklären: Es ist viel
schwerer, sich beschenken zu lassen, als zu schenken, viel schwerer,
sich für ein
Geschenk zu bedanken, als es zu geben. Würde heißt, man muss die
Fähigkeit
haben, mit gutem überzeugendem Grund zu würdigen, nicht
opportunistisch, nicht
jemandem nach dem Munde reden, sondern aufgrund der Fähigkeit,
tatsächlich
sagen zu können, was einem an dem anderen an Schönheit, würdigbarer
Aktivität
und Verhaltensweisen aufgefallen ist.
Anstalten, in denen man lernt, wie man würdigt, sind zum Beispiel
Museen. Da lernt
man archäologische Reste, Tonscherben oder kleine Lehmklümpchen aus
6.000
oder 8.000 Jahren Vergangenheit zu würdigen im Hinblick auf Fragen
wie: Was ist
das? Wer hat das gemacht? Zu welchem Zweck diente das? Das sind
alles Zugänge
zur Würdigung, bis man am Ende seiner enthusiastischen Erfülltheit
von der eigenen
Fähigkeit, das zu würdigen, zu einer Art von Selbstwürdigung kommen
kann. Wir
nennen diesen ersten Punkt: Radikale Selbstwürdigung.
Warum ist das so notwendig geworden? Weil seit ungefähr 15 Jahren
die
Gesellschaft aus verständlichen Gründen, etwa aus Gründen der
Globalisierung
nicht mehr von Berufstätigkeit spricht, sondern vom Jobben. Selbst
Ärzte haben
heute einen Job, geschweige denn Straßenkehrer, Müllmänner etc. Es
geht um die,
die man abqualifiziert als bloße Jobber – und das hat man sich ja
angewöhnt mit den
Job-Zentren, mit der Bezeichnung der Arbeitssuchenden als
Job-Suchende etc. – ,
das ist eine Entwürdigung. Wenn ich zu jemandem sage „Du hast einen
Job“ – wo ist
da die Basis einer Würdigung? Wenn ich sage: „Der hat einen Beruf“,
dann ist die
Basis der Würdigung, dass er etwas kann, gelernt hat und mit Hingabe
und Interesse
arbeitet. Nachdem wir alle Jobber geworden sind, inklusive Ärzte,
Professoren –
gucken Sie sich das mal an, es heißt tatsächlich heute „ein Arzt-Job
an der Klinik“ –
ist diese Art der Selbstwürdigung verloren gegangen. Und das muss
man den Leuten
wieder beibringen. Also den bloßen Wutbürger den Mut zur
Selbsterfahrung
ermöglichen unter dem Motto: Worauf stütze ich mich eigentlich in
meinem Glauben,
dass ich etwas besser kann, besser weiß als andere? Das ist Punkt
Nummer eins:
radikale Selbstwürdigung zu lernen, indem man lernt, anderes und
andere zu
würdigen, und zwar mit Sachargumenten und in dienlicher Kooperation
mit anderen.
Das ist sehr schwer geworden.
Der zweite Punkt heißt: Wie komme ich heute dazu, mich zu
sozialisieren? Was ist
die Form, die Einsicht, die Situationsanalyse, die mich zwingend
dazu bringt zu
sagen, als Einzelgänger habe ich keine Chance, ich muss mich mit
anderen
zusammentun, wir müssen im Team arbeiten? Das ist der zweite der
fünf
Hauptpunkte des Programms. In herkömmlicher Weise sagt man, Menschen
gesellen sich, weil sie die gleiche Religion haben, in die gleiche
Sprachgemeinschaft
hineingewachsen sind, die gleichen Kochrezepte verfolgen, kurz: all
das, was man
zur Kultur gehörig nennt. Das heißt, sie vergemeinschaften sich,
weil sie zur gleichen
Kultur gehören. Dieses althergebrachte, von allen Psychologen,
Soziologen,
Anthropologen vorgetragene Argument für die Notwendigkeit, sich zu
vergesellschaften, fällt aber weg, wenn wir alle weltweit in
städtischen Großräumen
leben, in denen nicht eine Kultur, sondern Dutzende von Kulturen im
gleichen
Aktionsraum tätig sind, man sich also gar nicht unter Berufung auf
die Zugehörigkeit
zur gleichen Kultur fortbewegen kann. Dann müsste man fortwährend
auf Leute
stoßen, die sich nicht sozial verhalten wollen, weil sie nicht zur
selben Kultur
gehören. Worin liegt also der wahre Grund für die Notwendigkeit,
mich mit anderen
zusammen zu tun?
Und das ist ein ziemlich wichtiges Element unserer Arbeit mit den
Bürgern seit
ungefähr 40 Jahren. 1968 habe ich damit angefangen, die Wähler, die
Rezipienten,
die Konsumenten zu schulen in diesem Sinne, dass sie kapieren,
welche
ungeheuerliche, sensationelle Entfaltung das Demokratieverständnis
inzwischen
genommen hat. Da geht es um die Frage, was begründet eigentlich
unseren
Anspruch auf Gleichheit, auf Freiheit, auf – sagen wir –
Adressierung auf die
Menschenrechte, auf Anspruch zu einer derartigen Selbstwürdigung?
Das ist sicherlich nicht mehr durch die Tatsache begründet, dass ich
etwas
Besonderes kann und mich deswegen alle anderen schätzen. Denn etwas
zu können
heißt, dass ich mich in einer Informationsgesellschaft mindestens 16
Stunden pro
Tag mit meinem kleinen Spezialgebiet, zum Beispiel mit der
Nebenniere,
beschäftigen muss. Ich muss lernen, lernen, lernen, arbeiten,
arbeiten, arbeiten,
dann habe ich was Besonderes zu bieten. Aber wenn ich mich 16
Stunden am Tag
mit meinem kleinen Spezialgebiet „Nebennierenrindenproblematik“
beschäftige, habe
ich in 99,99 Prozent aller gesellschaftlich zur Entscheidung
anstehenden Fälle keine
Ahnung mehr. Da wir in einer Informationsgesellschaft alle gezwungen
sind zur
Arbeitsteilung, zur Spezialisierung, heißt das, dass wir gerade in
dem Maße, wie wir
spezialisiert werden, immer dümmer werden, dümmer nämlich im
Hinblick auf die
allgemein anstehenden Entscheidungen. Denn jeder Spezialisierte ist
ja nur in einem
ganz schmalen Sektor überhaupt kompetent.
Es kann also nicht sein, dass wir uns auf unsere Meriten verlassen
in unserem
kleinen Gebiet, denn in einem kleinen Gebiet Meriten zu haben, etwas
zu können,
etwas Einmaliges anbieten zu können, das auch hoch bezahlt und hoch
geschätzt
wird, bedeutet ja gerade, in allen anderen Hinsichten zu verblöden.
Zweitens: Man weiß: Je mehr jemand sich in einem Gebiet
spezialisiert, also forscht
beispielsweise, desto größer werden die Probleme. Denn forschen
heißt, in immer
weitergehender Weise einen Sachverhalt im Hinblick darauf zu
betrachten, was an
ihm problematisch ist und was man nicht weiß, nicht beherrscht etc.
Der Fortgang
der Forschung führt also zur immer weitergehenden Vergrößerung aller
Probleme
statt zur Verringerung.
Drittens: Probleme können prinzipiell nicht gelöst werden, denn wenn
sie gelöst
werden könnten, müsste man sie einfach lösen und hätte gar kein
Problem. Aber wir
haben dauernd Probleme, eben weil sie nicht lösbar sind, weil alle
entscheidenden
Probleme gerade deswegen wichtig sind, weil sie nicht lösbar sind.
Also ist der
Wissenschaftler vom Problemlösungsspezialisten – in der Einsicht,
dass durch die
Lösung aller Probleme wieder neue geschaffen werden – zu einem
Problemschöpfer
geworden, das heißt, zu einem, der die Themen vorgibt und auf das
hinlenkt, was in
einer Gesellschaft extrem interessant sein muss, weil das Überleben
des
Sozialverbandes oder vielleicht sogar der Menschheit davon abhängt.
Diese drei Dinge zusammengenommen, muss man also sagen, dass der
Profibürger
kapieren muss, dass, wenn wir uns zusammenschließen, um gemeinsam
über unser
Schicksal zu entscheiden, wir in Wahrheit nicht auf der Basis
unserer Kompetenz
arbeiten, sondern auf der Basis unserer Inkompetenz. In allen
anderen Bereichen
außerhalb meiner kleinen Nebennierenrindenproblematik, die ich
untersuche, bin ich
ein absoluter Dilettant. Das heißt, alle sind im Hinblick auf alle
politischen Fragen
mehr oder weniger Dilettanten. Die Demokratie ist die einzige
Verfassung einer
Gesellschaft, die nicht auf der Übermacht des Wissens, Könnens
basiert, sondern
auf der Einsicht, wir wissen nichts, wir können nichts und wir haben
nichts. Denn
gerade dadurch, dass wir so viel wissen, entsteht noch mehr
Nicht-Wissen, gerade
dadurch, dass wir so viele Probleme angehen, entstehen mehr
Probleme. Mit
anderen Worten: Es ist klar, dass wir uns nicht darauf verlassen
können, die Themen
loszuwerden, denn durch die Art, wie wir sie loswerden wollen,
schaffen wir
pausenlos neue.
Jetzt komme ich auf die Vergesellschaftung zurück: Wie funktioniert
ein
Zusammenschluss von Menschen, der darauf beruht, dass alle
Beteiligten sich
eingestehen, in Wahrheit wissen wir gerade durch zuviel Wissen immer
weniger?
Wie steht unser Vermögen, Sachverhalte zu beherrschen im Sinne von
erledigen, im
Kontrast zu der faktischen Erfahrung, dass jede Problemlösung neue
Probleme
schafft? Das ist eben die demokratische Begründung der Gleichheit
der Menschen in
der neuen Form. Und das ist unsere Intention der Bürgeruniversität.
Nämlich: Wir
gehören nicht einer gemeinsamen Sprach-, Essens- oder
Kulturgemeinschaft usw.
an, sondern wir gehören gemeinsam einer Weltgesellschaft von
Menschen an, die
alle mit den gleichen Problemen konfrontiert sind, die sie alle
gleichermaßen nicht
lösen können, der gegenüber sie keine Machtmittel einsetzen können
(keine
Atomkraft, keine Militärs usw.) . Mit anderen Worten: In Zukunft
haben Menschen
nicht ihre Sprache gemeinsam, ihre Kulturgemeinschaft, ihre
Ess-Sitten gemeinsam,
sondern die Probleme haben sie gemeinsam.
Nehmen wir das Beispiel Ökologie: Ökologie macht vor keiner Sprach-,
Kultur- oder
Konsumgrenze Halt. Das ist ein universales Problem, für das kein
Mensch eine
Lösung hat, weil jeder neue Ansatz einer Lösung neue Probleme
schafft. Das
Aufgeben der Atomkraft als ein Problem, das man loswerden will,
schafft uns auf der
anderen Seite natürlich neue Probleme durch die Verschandelung der
Landschaft
durch Windräder, der Zerstörung des Lebensraumes von Vögeln. Die
Rettung dieser
Welt vor atomarer Strahlung heißt gleichzeitig zum Teil ihre
Zerstörung:
Landschaftszerstörung, Heimatzerstörung. Sie sehen, was die
grundlegenden
Voraussetzungen dafür sind, dass man heute miteinander auf sinnvolle
Weise zu
kooperieren gezwungen ist, aus innerer Einsicht. Ich weiß angesichts
unserer
Probleme gerade durch meine Hochspezialisierung gar nichts, ich kann
nichts und
ich habe nichts, ich habe keine Machtmittel. Das klingt von Ferne
wie eine
sokratische Tugend, weil Sokrates ja schon gesagt hat „Ich weiß,
dass ich nichts
weiß“. Aber um zu wissen, dass man nichts weiß, muss man ungeheuer
viel wissen.
Unser Projekt basiert auf keinem Relativismus: es ist keine
Gleichgültigkeit, keine
Koketterie, sondern tatsächlich die Einsicht in das, was Forschung
heißt. Je mehr ich
forsche, je mehr ich weiß, desto mehr weiß ich nicht. Also wächst
mit dem Fortschritt
des Erkennens, des Entdeckens der Teil dessen, was nicht erkannt
wird, was erst als
neuer Kontinent, als neues Problem zu erforschen ist.
Professionalisierung der
Bürger veranlasst sie also einzusehen, dass ihre neue Form von
Gesellung, von
Gemeinschaft darauf beruht, dass sie so psychisch stark sind, so
persönlichkeitsgereift sind, dass sie nicht in Ideologien
ausweichen, nicht in
spiritistische Zirkel ausweichen angesichts der Unlösbarkeit der
Probleme, sondern
gerade sagen: „Moment, ich weiß nichts, ich habe nichts, ich kann
nichts. Du auch
nicht. Wie werden wir damit fertig?“ Das heißt, anstatt Probleme
lösen zu wollen,
müssen wir den Umgang mit ihm lernen. Der alte Begriff in England
hieß
„management“. Der ist aber heruntergekommen. Ursprünglich, in den
1840er Jahren,
hieß „managen“ nicht Problem lösen, sondern auf sinnvolle Weise mit
ihnen
umgehen anstatt sich die Allmachtsphantasien von bestimmten
Politikern,
Machtpotentaten oder Unternehmern anzueignen. Dieser Triumphalismus
der
Experten zur Lösung von Problemen hat sich völlig erledigt, den
glaubt keiner mehr,
denn inzwischen haben alle die Erfahrung gemacht, dass mit einer
angeblichen
Problemlösung nur neue Probleme entstehen. In den 1950er Jahren hat
man die
Atomkraft als saubere Lösung von Energieproblemen propagiert. Und
was hat man
gesehen? Atomkraft als Lösung für die Energieprobleme ist heute das
Ausgangsproblem. Jetzt beschäftigen wir uns gerade mit dem Lösen des
Problems
der angeblichen Problemlösung. Und so geht das immer weiter.
Was braucht man für Fähigkeiten, um sich mit anderen Menschen
anderer Kulturen,
Sprachen notgedrungen angesichts derselben Problematiken zu
vergesellschaften,
sich zusammen zu tun? Wie wird man ein Weltbürger? Wie wird man
psychisch
stabil, um nicht Spiritisten, um nicht Verführern oder Ideologien
ins Netz zu gehen,
sondern zu sagen: Redet uns nie mehr von Problemlösung, sagt uns,
wie man
intelligent damit umgeht, dann können wir mit euch verhandeln.
Erzählt uns nicht, ihr
könntet mit Macht, mit Militär, mit Geist oder was auch immer die
Welt in eine euch
nützlich erscheinende Weise verwandeln, so dass es bequem,
paradiesisch und
mühelos läuft. Das ist alles ausgeschlossen. Und das ist das
Programm unseres
Profibürger-Studienganges: Diplom-Patient, Diplom-Konsument,
Diplom-Rezipient,
Diplom-Gläubiger, Diplom-Wähler.
Mit dem Profibürger beleben wir wieder den Gedanken der Akademien.
In der alten
Akademie-Zeit, sagen wir mal 17. Jahrhundert in Frankreich, gab es
viele intelligente
Leute, die sich aus der Universalsprache Latein auf ihre
Regionalsprachen, auf ihre
Muttersprache verlegten. Man befreite sich, kam zurück zur
Muttersprache, hatte
eine unglaubliche Kapazitätsentfaltung im Wissen und im Können und
machte die
betrübliche Feststellung, was nützt es denn, wenn in London 700
Leute interessante
Dinge schreiben können, wenn keine Leser da sind. Wir gründen also
eine
Akademie, in der alle Teilnehmer sich wechselseitig garantieren,
dass du schreibst,
würdige ich, weil ich lese, was du schreibst. Alle Mitglieder haben
sich wechselseitig
die Versicherung abgegeben, durch das Sehen, Zuhören, Lesen die
Sinnhaftigkeit
von Musizieren, von Malen oder Schreiben zu garantieren.
Das ist heute wieder der Fall. Überall wird nur gepinselt, überall
wird nur geschrieben
– wo sind die Leser? Selbst Fachzeitschriften in den USA wie
„Science“, „Nature“
und andere klagen darüber, dass niemand mehr die Kurzfassung der
Artikel liest,
geschweige denn die Langfassung. Man liest sie nur, um sie
patentrechtlich
auszubeuten oder andere Leute zu hintergehen und deren Eigentum für
sich selbst
zu nutzen. Das ist der einzige Grund. An intellektuellen Prozessen
ist kein Mensch
mehr interessiert. Es wird also nicht mehr gelesen.
Die Profibürger-Versammlung ist die Versammlung, in der alle
Beteiligten sich
wechselseitig garantieren: Wenn unsere Teilnehmer Schreiber sind,
garantieren wir
die Sinnhaftigkeit ihres Schreibens, weil wir lesen, was sie
schreiben; wenn es
Komponisten sind, gehen wir zu den Konzerten, weil wir uns darauf
vorbereiten, auf
gleiche Weise dem entsprechen zu können, was der Komponist als
Hersteller gelernt
haben muss. Das Gleiche haben wir gelernt, um sinnvoll hören zu
können.
Also ist die Bürgerversammlung im Sinne dieser
Profibürger-Auffassung eine
Akademie von den Leuten, die sich auf empathischem Wege
wechselseitig
garantieren, dass das, was man tut, sinnhaft ist.
Ich möchte den Profibürger kurz am Beispiel des kompetenten
Patienten erläutern:
Jeder weiß, wie ungeheuer wichtig seine Fähigkeit ist, den
Aufenthalt in einer Klinik
zu überstehen. Sonst kommt er nämlich kränker aus dem Krankenhaus
zurück, als er
reingegangen ist. Das werden heute sogar die Krankenkassen und die
Klinikärzte
selbst bestätigen. Jeder kennt ja die große Gefahr, sich im
Krankenhaus mit Keimen
anzustecken, also benötigen wir Patienten, die diese Gefahr kennen
und die mit
aufpassen, dass sie sich nicht anstecken. Das heißt, der Patient
trägt Verantwortung
für das, was mit ihm geschieht. Rechtlich ist das sowieso der Fall,
denn wenn ich in
die Klinik eingeliefert werde, muss ich unterschreiben: Hiermit
übernehme ich (in
rechtlicher, d. h. finanzieller Hinsicht) die Verantwortung für das,
was man mit mir
macht.
Der für sich selbst verantwortliche Patient, das ist eine ungeheure
Zumutung für die
meisten Zeitgenossen, die deswegen völlig überwältigt sind und
natürlich gerne sich
in die Obhut der Ärzte geben wollen, vertrauensvoll, das ist auch
alles verständlich.
Aber die Ärzte haben nicht mehr die Zeit, sie haben aufgrund der
Abrechnungsverordnungen, aufgrund der Dienstvorschriften, aufgrund
der
Arbeitsablaufprozesse gar nicht mehr die Möglichkeit, sich ans Bett
des Patienten zu
setzen und jemandem 20 Minuten die Hand zu streicheln, damit der zu
sich selbst
und zu seinem Zustand wieder Zutrauen bekommt, weil er sieht, dass
andere sich
bemühen und sagen, es ist noch Hoffnung da. Das gibt es eben nicht
mehr. Also
muss man das selbst in die Hand nehmen.
In unserem Ausbildungsprogramm durch zwei Klinik-Chefs aus Aachen
wird das
Modul „Der kompetente Patient“ besonders nachgefragt: Wie werde ich
ein
mündiger, d. h. professioneller Bürger? Mündig im Sinne von „ich
kann das
beurteilen“, Profi im Sinne von: ich kann sagen „Halt, Sie sollen
nicht mit dem
gleichen Tuch die Leiste am Fußboden aufwischen wie meinen
Patiententisch“.
Und sobald der Patient anfängt, in seinem eigenen Interesse sich
verantwortlich zu
fühlen für das, was da abläuft, ändert sich die Lage.
Und jetzt komme ich zu einem ganz wichtigen Stichwort unseres
Projekts: es geht
um Aufklärung, Selbstbestimmung, und es geht auch um die Einsicht,
dass wir uns
nicht nur rational verhalten, sondern auch irrational. Rationalität
ist das Wissen um
die Grenzen des eigenen Erkenntnisvermögens. Wenn ich Grenzen meines
eigenen
Aussageanspruchs setze, erzeuge ich gleichzeitig das Jenseits der
Grenze ganz
automatisch. Es ist mit dem Begriff der Grenze verbunden, dass, wenn
ich diesseits
der Grenze rational argumentiere, notwendigerweise die andere Seite
in den Blick
bringe, nämlich die Irrationalität. Mit anderen Worten: Der
westliche Rationalismus ist
derjenige, der einen vernünftigen Gebrauch von der Orientierung auf
das Irrationale
ermöglicht. Rationalität erzeugt Irrationalität als Komplementarität,
nicht mehr als
dialektische Vermittlung. Das steckt ebenfalls in unserem Projekt,
die Ablösung von
der einseitigen Rationalität.
Man muss also als Welt-Bürger lernen: Wir im Westen sind nicht nur
rational, alle
anderen sind irrational, sondern wir müssen die andere Seite der
Rationalität
entdecken, unsere Wut, unsere Emotionen, unsere Liebe. Wenn die
Eltern der
Tochter sagen: „Mein Kind, Du willst diesen Idioten heiraten? Der
hat keine
Ausbildung, der hat noch nicht mal die Mittlere Reife geschafft, der
hat kein Haus,
kein Vermögen. Warum heiratest Du den? Das ist völlig unsinnig zu
heiraten, denn
heiraten ist eine soziale Bindungsform mit bestimmten
kalkül-strategischen
Überlegungen, Kosten-Nutzen-Rechnung etc.“ Dann sagt die Tochter:
„Siehst Du,
Mutter, Du hast völlig recht: Er hat nichts, er kann nichts, er weiß
nichts. Und wenn
ich mich ihm hingebe und binde, dann ist das genau der Ausdruck des
Jenseits des
Kalküls, der Ausdruck der Absurdität im religiösen Sinn oder der
Liebe im christlichen
Sinne.
Die Bürger müssen lernen, Aufklärung im wahren Sinne – vorkantisch
sozusagen –
oder nachkantisch zu sehen, denn Hegel hat diesen Einwand Kant
gemacht: „Lieber
Kant, wenn du die Grenzen der menschlichen Erkenntnis festlegst,
erzeugst du
zwangsläufig das Jenseits der Erkenntnis.“ Die wahre Aufklärung
heißt, wer auf
Rationalität besteht, muss lernen, einen vernünftigen Gebrauch von
der Unvernunft
zu machen.
Das ist grundlegend für die Bürgerakademie, für die Ausbildung des
Profi-Bürgers. Er
ist deswegen professionalisiert. Er ist in der Lage, mit sich selbst
als Gegenstand
seines eigenen Handelns umzugehen. Das nennt man Reflexivität. Er
hat ein
wohlverstandenes Interesse an sich selbst, denn er will lernen, sich
selbst zu
würdigen, und dazu muss er anderes würdigen können, dazu braucht er
gewisse
Kenntnisse und Vorgaben. Dazu gehört auch das Wissen, dass es
jenseits der
Rationalität auch das Irrationale gibt, erst beides macht uns zu
Weltbürgern, die sich
nicht mehr als angeblich rationale Wesen von anderen angeblich
irrationalen
Kulturen abschotten.
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