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swr2-aula11-1heidenreich-turbogesellschaft
SWR2 Wissen:- Aula- Gert Heidenreich: Immer schneller und immer
schlechter - Turbogesellschaft
Sendung am Sonntag, 02.01.2011, 08.30 bis 9.00 Uhr
Autor und Sprecher: Gert Heidenreich *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum
persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der
ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des
SWR.
ÜBERBLICK
Alles, was wir machen, geschieht neuerdings im Turbogang: Wir
wollen, dass unsere Kinder nach acht Jahren das Gymnasium hinter
sich haben, dass sie in drei Jahren das BA-Studium beenden können.
Wir wollen möglichst schnell und effizient arbeiten, um in der
Freizeit möglichst viele Angebote zur Zerstreuung wahrnehmen zu
können. Wir wollen irgendwie in möglichst kurzer Zeit alles - und
was bleibt dabei auf der Strecke? Der Schriftsteller und Journalist
Gert Heidenreich nimmt diese Entwicklung kritisch unter die Lupe.
* Zum Autor:
Gert Heidenreich, geb. 1944, lebt als freier Schriftsteller in
Oberbayern. Er studierte alte und neuere deutsche Literatur,
Theaterwissenschaft, Soziologie und Philosophie und arbeitete als
Theaterautor und als Journalist für mehrere Rundfunkanstalten und
renommierte Zeitungen und Zeitschriften. Seit 1970 unternahm er
weltweite (Lese-) Reisen, auch für das Goethe-Institut, die ihn u.
a. nach Afrika, Ägypten, Island, Japan, USA, Russland, Usbekistan
und Kirgistan führten. Außerdem ist er als Sprecher für Rundfunk,
Fernsehen und Hörverlage tätig und Mitglied der Bayerischen Akademie
der Schönen Künste. Gert Heidenreich hat zahlreiche Preise erhalten,
darunter den Adolf Grimme Preis.
Bücher (Auswahl):
- Das Fest der Fliegen. LangenMueller. 2009.
- Die Nacht der Händler. LangenMueller. 2009.
- Im Dunkel der Zeit. Kriminalroman. dtv. 2008
INHALT______________
Ansage:
Mit dem Thema: „Immer schneller und immer schlechter - die Turbo-
und
Zerstreuungsgesellschaft“.
Alles, was wir machen, machen wir neuerdings im Turbogang. Unsere
Kinder sollen nach acht Jahren das Gymnasium hinter sich lassen,
nach drei Jahren das BA-Studium, wir wollen möglichst immer schnell
vorankommen, der ICE ist das Symbol unserer Zeit. Wir haben wenig
Zeit und wollen fortwährend Zeit sparen, damit wir die übrig
bleibende Zeit mit Arbeit füllen können. Und um das Ganze
durchhalten zu können, benötigen wir täglich ein gerüttelt Maß an
Zerstreuung, damit ja keine Langeweile aufkommt, damit wir ja nicht
die Leere spüren.
Diese kritische Position nimmt der Schriftsteller Gert Heidenreich
ein. In der SWR2 Aula beleuchtet er die Schattenseiten der
Turbogesellschaft und macht auf deren Gefahren für die Psyche
aufmerksam:
Gert Heidenreich:
Jenen Augenblick werde ich nicht vergessen: Auf einer Reise durch
die algerische Sahara stand ich eines Mittags weit ab von allen
Pistenspuren und noch über hundert Kilometer von der großen
Oasenstadt In Salah entfernt in einem kleinen Tal zwischen Dünen.
Die Sonne senkrecht über mir, mein Schatten versammelt um meine
Füße. Nichts als das leise Sirren der Hitze und das blendende Blau
über den Graten der Sandberge. In der Erinnerung dehnt sich die
Stille noch immer in mir aus und trägt mit sich das Gefühl, das ich
damals hatte: Behütet zu sein und unbegrenzt Zeit zu haben. Es war
die Erfahrung einer herrlichen Langeweile, und hier lange zu
verweilen, war die Einladung der Wüste zur allmählichen Verfertigung
meiner Gedanken.
Wochen zuvor war ich aus unserer Ablenkungsgesellschaft
aufgebrochen, und einige Wochen später kehrte ich wieder in sie
zurück. Dass die Zeit in der Wüste langsamer vergeht, als in unseren
Städten, in denen wir unaufhörlich von Angeboten zur Beschäftigung
unserer Sinne umschrien werden, ist eine Erfahrung, die viele
Menschen gemacht haben.
Erstaunlich aber, dass sie auf den ersten Blick den Untersuchungen
widerspricht, die in der Gehirnforschung angestellt wurden. Offenbar
gibt es keine Zellen oder kein Areal in unserem Gehirn, wo die Zeit
objektiv bestimmt wird. Vielmehr nehmen wir die Dauer eines
messbaren Vorgangs je anders wahr, wenn wir uns während seines
Verlaufs geistig mit ihm auseinandersetzen oder nicht: Je intensiver
unser Denken dabei beschäftigt ist, um so länger erscheint uns der
Vorgang. Je weniger er uns zu denken aufgibt, desto kürzer kommt
dieselbe messbare Dauer uns vor. Hinzu kommt ein statistischer
Faktor: die Zeitrelation. Ein Baby, das einen Tag alt ist und
sechzig Minuten auf seine Mutter warten muss, wartet dabei etwa vier
Prozent seines Lebens. Schon für einen Zehnjährigen beträgt dieselbe
Zeitspanne, bezogen auf sein Leben, nur noch ein Tausendstel
Prozent. In der Lebensmitte spielt diese Rechnung kaum eine Rolle
mehr, erst gegen Ende tritt eine neue Relation zum absehbaren Rest
unserer Zeit ein.
Man könnte solchen Untersuchungen zufolge annehmen, dass die
Vielzahl von wechselnden Angeboten in den Straßen einer Stadt unser
Denken kräftig anregt, darum
die gefühlte, uns subjektiv zur Verfügung stehende Zeit verlängert -
und im Gegenschluss, dass wegen der geringen Menge unterschiedlicher
Eindrücke in der Wüste uns die Zeit rasch verfliegt.
Und doch verhält es sich zweifellos umgekehrt. Die Zeit in der Wüste
kommt uns besonders lang vor, in Einsamkeit und Stille hat sie eine
beruhigende Dauer: Das legt nahe, dass wir angesichts des eher
kargen Angebots an landschaftlicher Variation geistig besonders rege
sind. Wofür auch die bedeutsame Rolle der Wüsten für die Gründung
von Religionen spricht. Die Intensität unseres Denkens in Bezug auf
unser Zeitgefühl verhält sich anscheinend umgekehrt proportional zur
Menge der auf uns eindringenden Sinneseindrücke.
Nun ist die Wüste nicht unser alltäglicher Lebensraum. Wie wir im
gebauten Raum der Städte den Verlauf der Zeit empfinden, muss uns
mehr beschäftigen:
Dass uns die Zeit so schnell zu verrinnen scheint; dass wir uns oft
gehetzt fühlen, deutet nach den Gehirnforschungen zu unserem
Zeitempfinden darauf hin, dass wir gedanklich nicht gefordert sind,
dass wir uns mit der Kette der Augenblicke nicht denkend
auseinandersetzen, dass wir einigermaßen geistlos durch den Tag
treiben, obwohl die Angebote zur Wahrnehmung bildlicher Eindrücke
und akustischer Signale in den städtischen Kulissen und häuslichen
Medienausstattungen so zahlreich sind wie nie zuvor.
Zum Denken regen sie offenbar nicht an, ja sie scheinen das Denken
sogar zu verhindern, sonst müssten wir ein anderes Zeitgefühl haben,
die Fülle der Signale müsste uns eine Fülle der Minuten bescheren.
In Wirklichkeit aber scheint unsere Zeit knapp wie nie zu sein. Als
fortschrittlich sehen wir Erfindungen an, die Zeit sparen oder
zumindest vorgeben, es zu tun. Sie versprechen Freizeit oder erhöhte
Effektivität und reden uns ein, Zeitverschwender zu sein. Wer sich
vor solcher Propaganda nicht bewahrt, läuft Gefahr, ausschließlich
in zwei Zuständen zu leben: gehetzt und erschöpft.
Als Erlöser aus diesem Teufelskreis bieten sich Helfer an:
Zeitmanagement mit der verführerischen Formel Simplify Your Life und
die Parallelisierung von Handlungen, so dass wir uns ständig im
Multitasking vervollkommnen, beim Aktenlesen essen und Emails
beantworten und beim Telefonieren Auto fahren und Radio hören.
Kommen wir dann zur Ruhe, meldet sich ein Zeitgenosse, dem sich
allmählich die ganze Kulturindustrie unterworfen hat: der
Zeitvertreib. Unter der Illusion, dass er uns vom Stress befreit,
hat er es auf das letzte Stück unserer Zeit abgesehen, das noch
nicht Termin heißt, und wir geben es ihm gern. Sein Geheimnis ist
die Ablenkung von uns selbst.
In unserer Erlebnisgesellschaft, die den Zeitvertreib zur
raffiniertesten aller öffentlichen Künste erhoben hat, hat sich eine
Falle aufgetan: Wir scheinen zu vergessen, dass es unsere Lebenszeit
ist, die da im Wortsinn vertrieben wird - und dass wir dies selbst
wünschen und wollen. Die Kunst der Kurzweiligkeit und des Amüsements
ist darum erfolgreich wie keine andere.
Wie kam es so weit? Hierzu müssen wir ins Gegenteil blicken: In die
Langeweile, den Ennui, den horror vacui.
Die abendländische Philosophie hat sich seit Beginn der Entdeckung
des Menschen als Individuum mit seiner Langeweile befasst, und
spätestens seit dem 17. Jahrhundert, seit Blaise Pascal, hat das
Thema regelrecht Konjunktur. Für Pascal, der uns Menschen ja in
elender Lage sah, hat die Überwindung der unerträglichen Langeweile
schreckliche Folgen: „Das einzige, das uns über unser Elend
hinwegtröstet, sind die Zerstreuungen. Und doch sind sie unser
größtes Elend. Denn gerade sie sind das Haupthindernis, wenn wir
über uns selbst nachdenken wollen. Sie stürzen uns unmerklich ins
Verderben.“
Pascal hat damit ein Dilemma konstatiert, dem zu entrinnen ohne das
Wunder der göttlichen Erlösung unmöglich ist. Immanuel Kant, der
gegen den Horror vacui ausdrücklich weltliche Vergnügungen wie das
Tabakrauchen, das Reisen oder das Lesen von Liebesromanen empfahl,
hatte vor der Langeweile offenbar mehr Angst als vor ihren
Gegenmitteln, während Schopenhauer, dem „das Leben unseres Leibes
nur ein fortdauernd gehemmtes Sterben, ein immer aufgeschobener Tod“
war, auch in der „Regsamkeit unseres Geistes“ nichts sah als „eine
fortdauernd zurückgeschobene Langeweile“.
Wir sehen: Sowohl die Langeweile wie auch die Methoden ihrer
Bekämpfung waren Jahrhunderte vor der Erfindung des Fernsehens
beliebte Gegenstände der Spekulation. Mit dem zwanzigsten
Jahrhundert nimmt sich auch der Roman des Themas an und urteilt
gelegentlich nicht weniger scharf als die misanthropischen
Philosophen.
„Was ist alles, was wir tun, anderes, als eine nervöse Angst, nichts
zu sein: von den Vergnügungen angefangen, die keine sind, sondern
nur noch ein Lärm, ein anfeuerndes Geschnatter, um die Zeit
totzuschlagen, weil eine dunkle Gewissheit mahnt, dass endlich sie
uns totschlagen wird.“
So räsoniert Musil in seinem Mann ohne Eigenschaften, während Thomas
Mann intuitiv die Ergebnisse der neueren Gehirnforschung in Bezug
auf unsere Zeitwahrnehmung vorwegnimmt, wenn er im Zauberberg
schreibt: „Was man Langeweile nennt, ist also eigentlich vielmehr
eine krankhafte Kurzweiligkeit der Zeit infolge von Monotonie: große
Zeiträume schrumpfen bei ununterbrochener Gleichförmigkeit auf eine
das Herz zu Tode erschreckende Weise zusammen.“
Der horror vacui, der Schrecken vor der Leere in uns und dem Gefühl
der Sinnlosigkeit des eigenen Daseins, war mithin ein Problem der
Dekadenz in jenen Kreisen der Gesellschaft, die Zeit hatten, sich zu
fragen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollten. Ihr Hedonismus
lenkte ab von den sittlichen, ethischen und politischen Fragen, die
ein solches Verhalten in der Gesellschaft aufwirft.
Das späte Rom ist dafür - jedenfalls in der kritischen
Nachbetrachtung im achtzehnten Jahrhundert durch Montesquieu - der
Musterfall eines Volkes, das aufgrund seiner aufgeblähten Herrschaft
der Dekadenz verfällt, seine gemeinschaftlichen
Grundüberzeugungen, den ésprit général, aufgibt und immer stärkere
Mittel der Abschweifung, immer ausgefallenere Vergnügungen und
Belustigungen braucht, um der Langeweile zu entkommen. Die Römer
stehen dabei nicht allein als Hedonisten da, die starker äußerer
Reize bedürfen, um sich selbst noch zu empfinden. Sie stehen
paradigmatisch für eine Tendenz zu Genusssucht und Verzärtelung, die
schon in der griechischen Antike, bei den Sybariten, konstatiert
wurde, von denen, wenn auch kaum mehr gebräuchlich, bis heute die
Beschimpfung Sybarit überlebt hat.
Im Europa der Gegenwart gibt es kein dekadentes Großreich. Die
europäischen Demokratien scheinen gefestigt zu sein, die
Bedürfnisse, einander zu beherrschen, sind minimal - oder zumindest
perfekt camoufliert. Die öffentliche Völlerei der Milliardäre hält
sich in Grenzen. Allerdings spreizt sich die Schere zwischen Arm und
Reich seit langem bedenklich weit, wenn auch unsere Grundversorgung
und Lebenssicherheit so hoch sind wie nie zuvor in der Geschichte
unseres Kontinents. Einige untrügliche Zeichen deuten jedoch auf
einen Zerfall der Gesellschaft und eine tiefe Erschöpfung in
öffentlichen Dingen. Das gelangweilte Hinnehmen der Freiheit als
einer Selbstverständlichkeit, die sie nie war und nicht ist und nie
sein wird; die damit verbundene Politikmüdigkeit und der Rückzug auf
private Belange, der Eskapismus und die immer wieder bemängelte
soziale Kälte sind Signale der Dekadenz - wenn auch noch keine
Alarmzeichen.
Alarmierend ist die Abspaltung der Geldhändler von der übrigen
Gesellschaft: Die Arroganz von Bankern und Spekulanten, mit der sie
sich der Verantwortung für das von ihnen angerichtete weltweite
Finanzdesaster entzogen haben und entziehen, die
Selbstbedienungsmentalität von Spitzenversagern und die freche
Ignoranz, mit der sie über die Schicksale von Einzelnen und Staaten
hinweg schwadronieren, zeigt, dass sich diese entsittlichte Spezies
als eigene Klasse begreift, die den Gesetzen bürgerlichen Lebens
nicht unterworfen sei.
Sie haben das Selbstverständnis von Oligarchen, denen nichts
besseres passieren kann, als dass wir, die von ihnen bestohlen
wurden, uns mit tapferem Konsum gegen die Krise wehren und uns mit
einem Apparat von Vergnügungen und Zerstreuungen betäuben, der als
Ventil für den Volkszorn noch ausreicht.
Die Raubritter, die uns ungestraft und mithilfe unserer eigenen, von
ihnen angeheizten Gier nach Renditen in den Schuldenabgrund gestoßen
haben, können ihren Hedonismus ausleben, indem sie auf unsere
Bereitschaft spekulieren, uns durch die Ablenkungsindustrie ruhig
stellen zu lassen.
Zu dem ökonomischen Missstand, den eine Klasse von
Vabanque-Hasardeuren zu verantworten hat, gesellt sich der Unmut
über die politische Klasse, die ihre Glaubwürdigkeit nahezu
vollständig verspielt hat. Zu viele Wendehälse und Windmäntelchen,
zu viele falsche Versprechen und hochtönende Floskeln, zu viele
halbe Wahrheiten und ganze Lügen. Zuerst verschwindet das Vertrauen
in die Politik, dann der Nachwuchs für die Politik - wer will schon
noch in ein Gewerbe eintreten, das derart in Verruf steht. In der
Folge wächst der Anteil derer in den politischen Ämtern, die
bei geringer Qualifikation mehr den persönlichen Vorteil als das
Allgemeinwohl im Blick haben.
Der schädliche Synergieeffekt dieser Anzeichen ist der Verfall des
ésprit général in einem Europa, in dem partikulare Egoismen die
Oberhand gewinnen.
Vorreiter der Dekadenz ist wieder einmal Italien, das uns zeigt, wie
man den eigenen Niedergang genießen kann: Einen Gauner wie
Berlusconi und seine Lakaien an der Macht zu halten - das lässt sich
nur mit dem Bedürfnis nach Unterhaltung erklären, dem der römische
Lächerling gern entspricht. Brot und Spiele - er hat die Spiele, die
Medien also, in der Hand und sorgt mit seiner bedenkenlosen
Amoralität dafür, dass Langeweile nicht aufkommen kann.
Belustigung, Empörung, Aufregung - fassungslos sieht die Welt zu,
wie sich eine Wiege des Abendlands zum Gespött macht. Wenn die
Selbstachtung derart zerstört ist wie in der gegenwärtigen
italienischen Gesellschaft, ist Zerstreuung das letzte Mittel, um
sich selbst noch zu ertragen. Wer nicht mehr in den Spiegel sehen
mag, greift nach jeder Ablenkung von sich selbst.
Und doch geschah jüngst mitten im italienischen Kollektivmasochismus
das Wunder, dass in einem Fernsehsender, nämlich dem
Minderheitenprogramm rai tre, die ungeschminkte Wahrheit über das
Land, die Verbitterung vieler junger Bürger ein Forum erhielten. Der
Mafia-Enthüller Roberto Saviano und der Fernsehjournalist Fabio
Fazio haben in einer dokumentarischen Talkshow mit dem Titel Vieni
via con me - auf deutsch etwa Komm, lass uns weggehen - zusammen mit
Studiogästen das italienische Elend in einer Deutlichkeit zum
Ausdruck gebracht, die niemand erwarten konnte.
Ein Wunder, dass die Sendungen gegen alle Zensurwiderstände
ausgestrahlt wurden. Das größere Wunder: Saviano und Fazio brachen
mit ihrem bildlich unaufwendigen, ja geradezu karg ausgestatteten
Fernsehformat alle Publikumsrekorde. Bis zu elf Millionen Zuschauer,
34 % davon jünger als 35 Jahre, 57 % Akademiker; dazu 13,5 Millionen
Aufrufe der Internetseite des Programms. „In dieser Sendung wird ein
Volk gebeten, innezuhalten, in sich zu schauen“, charakterisierte
der Zürcher Tagesanzeiger.
Hochachtung gebietet nicht nur die Beharrlichkeit, mit der die
beiden Journalisten ihre Sendungen gegen massive
Unterdrückungsversuche durchgesetzt haben. Bedeutsamer noch als die
kluge Nutzung des Massenmediums ist das Zeichen, das sie gesetzt
haben und das weit über Rom hinaus leuchtet: Berlusconi hat sich
noch nicht ganz Italien einverleibt; es gibt noch ein paar Gräten in
seinem Hals. Sein zynisches Spaßprogramm fürs Volk zieht nicht mehr.
„Vado via perché preferisco i paesi dove ci si può annoiare“, sagte
Fabio Fazio: „Ich gehe, weil ich Länder bevorzuge, in denen man sich
langweilen kann.“
An diesem ermutigenden Medienereignis lässt sich beispielhaft
ablesen, wo die Grenzen der Ablenkungsgesellschaft liegen: Wenn
Menschen mit einer Aura von Wahrhaftigkeit und Mut, wie sie Roberto
Saviano umgibt, öffentlich verlangen, dass wir
uns als autonom denkende Wesen ernst nehmen und die Folgen unserer
Selbstpreisgabe ans Amüsiergewerbe erkennen, dann kann das wie eine
Erweckung wirken.
Nun ist Italien, selbst wenn Frankreich mit Sarkozy durchaus
nacheifernd konkurriert, ein Sonderfall. Die Problemkonturen sind
hier scharf gezeichnet, während sie in Ländern wie dem unseren noch
verschwimmen. Nördlich der Alpen haben wir bei gemäßigtem
Temperament generell nicht ganz so viel Vergnügen an unseren
Staatslenkern, seit Franz J. Strauß nicht mehr den großen bösen,
listigen und cholerischen Zampano gibt. Was nach ihm kam,
produzierte zwar viel unfreiwilligen Humor, hatte aber kein
Zirkusformat mehr.
Hierzulande müssen Belustigung und Zeitvertreib in der
Kulturindustrie nicht verordnet und durch willfährige Vollzieher
gesichert werden: In schöner Freiwilligkeit, die in diesem Fall
vielleicht schlimmer ist, als es politische Bevormundung wäre, hat
sich ein Trend zum Amüsement, zu Event, Kick und Belustigungszwang
durchgesetzt, dessen Parallelität zu der vorhin beschriebenen
Arroganz der Geldhändler und der Unglaubwürdigkeit der Legislative
samt ihren Institutionen zumindest auffällig ist.
Wer dies kritisch anmerkt, gilt leicht als Miesmacher und
Spielverderber, als Nöckergreis und unverbesserlicher
Kulturpessimist. Auch diese Zuordnung gehört zu den Tricks der
Zeitvertreibgesellschaft, denn nichts schützt sie besser, als ihre
Kritiker mit negativen Anhaftungen zu versehen.
Es gibt aber Spiele, deren Verderber zu sein, sinnvoll ist, weil sie
nicht dem zweckfreien Vergnügen des Menschen dienen, sondern der
öffentlichen Augenwischerei. Am leichtesten zu durchschauen: das
Fortschrittsspiel, das uns ein besseres Leben verspricht. Die
Deutsche Bahn ist Meister dieser Magie und hört nicht gern, wenn
jemand es nicht für erstrebenswert hält, Milliarden auszugeben, um
einen Gewinn von zwanzig Minuten zu erzielen. Sie tut so, als
beschenke sie uns mit Lebenszeit, während wir längst darauf
programmiert sind, die eingesparten 1200 Sekunden mit einer
Verdichtung des Terminkalenders zu kompensieren. So verkehrt sich
Zeitgewinn in Stress. Dafür auch noch Steuergelder aufzuwenden, hat
etwas von Alltagswahnsinn.
In den Broschüren der Bahn sehen wir Menschen, denen das Rasen
zwischen Betonwänden bei gleichzeitiger unfreiwilliger Teilnahme an
dreißig Mobiltelefonaten ein strahlendes Lächeln aufs Gesicht
zaubert. Die Botschaft: Unser Dasein ist Heiterkeit. Ein Chor von
Bioproduzenten, Autoherstellern und Medikamentenerzeugern hält den
vorwiegend unerfreulichen täglichen Nachrichten unverdrossen die
schiere Lebensfreude entgegen. Die virtuelle Werbewelt, in der aus
einsichtigen Gründen an jedes Produkt eine Glücksverheißung geklebt
wird, hat sich mit der realen Welt der Erfahrung derart intim
vermengt, dass es konzentrierter kritischer Aufmerksamkeit bedarf,
nicht selbst in dies Spiegelkabinett hinein gezogen zu werden. Der
Eintritt liegt aber möglicherweise schon hinter uns.
Ästhetische Muster der Fernsehwerbung springen auf die
Bildgestaltung von Spielfilmen über, digitale Zaubertricks aus
Spielfilmen auf Werbespots. Beide Welten sind nicht nur ökonomisch
eine einzige geworden.
Das Heiterkeitsdiktat der Werbung färbt auf Fernsehprogramme ab, und
Knalleffekte der Filmindustrie finden sich in den Werbespots des
Fernsehens wieder. Einer eifert dem anderen nach und versucht, ihn
zu übertreffen.
Diese Prozesse waren seit Jahrzehnten absehbar und wurden von
Medienanalytikern präzise vorhergesagt. Inzwischen sind das
Worldwide Web und zahllose Computerspiele hinzu gekommen und haben
wiederum bei Kino, Fernsehen und Werbung Anleihen genommen. Noch
hängen die meisten Websites stilistisch in den fünfziger Jahren fest
und sind Computerspiele überwiegend auf dem Stand des einstigen
Zeichentrickfilms, doch das ist nur eine Frage von Zeit und
Datengeschwindigkeit.
Wir werden in nächster Zukunft eine auf Multimediabildschirmen
zusammengeführte interaktive Datenwelt aus Film, Internet,
Computerspielen, Heimarbeit, privater Kommunikation, Werbung und
Fernsehprogrammen bekommen, ganz ähnlich der, die Ray Bradbury 1953
in seinem Science-Fiction-Roman Fahrenheit 451 beschrieben und
François Truffaut 1966 verfilmt hat: Eine Dystopie, in der der
Alltag von infantilem Fernsehamüsement beherrscht wird.
Möglicherweise hat Bradbury seiner negativen Utopie am Ende durch
die tröstliche Gegenwelt von Bücherliebhabern, die während ihres
einfachen Lebens in Wäldern ganze Romane auswendig lernen, nur
deshalb aufgeholfen, weil er die Radikalität seiner Vision ohne
einen letzten ästhetischen und ethischen Widerstand nicht aushielt.
Längst aber haben die Reize der Oberfläche sich auch in der
Belletristik siegreich ausgebreitet. Nicht dass die grenzenlose
Kunst des Erzählens schon verkümmert wäre: Doch wenn heutzutage über
vierzig Prozent der Menschen, die noch Romane kaufen, Krimis,
Fantasy, Vampirgeschichten und Humor verlangen, dann haben sich
Fernsehwelt und Kinowelt bereits im Buchhandel gespiegelt. Das
bleibt nicht ohne Auswirkung auf die belletristischen Programme der
Verlage, die wiederum Autorinnen und Autoren zumindest nachdenklich
werden lassen.
Dass es sich nur um Moden handelt, ist seit der nicht bloß
wirtschaftlichen, sondern auch medialen Interdependenz in der
Kulturindustrie nicht mehr vernünftig anzunehmen. Vielmehr befinden
wir uns in einem kulturellen Paradigmenwechsel. Die Gestalt unserer
realen Lebenswelt folgt den Erwartungen, die wir aus den Medien
aufgenommen haben. Was früher Veranstaltung war, muss jetzt Event
sein und Gala; Jugendliche tauchen auf Buchmessen in Manga- und
Vampirkostümen auf, kommen zu Tolkien-Lesungen im
Pseudomittelalterlook der Herr-der-Ringe-Filme; historische und
populärwissenschaftliche Dokumentationen werden ohne die oft
unfreiwillig amüsanten Spielszenen, sogenanntes Reenactment, kaum
mehr produziert; die Kommentartexter
stehen unter dem Zwang, voraussetzungslos zu schreiben, was heißt:
dem Publikum keinerlei Allgemeinbildung zuzutrauen.
Die Einschaltquote diktiert alles: Sendezeit, Vorankündigung,
Werbung, Ansehen innerhalb und außerhalb der Redaktionen. Was einst
Programmverantwortung von Journalisten war, die dies für gut und
jenes für schlecht hielten, ist unter der Quote verschwunden. Hinter
nichts kann man die eigene Einfalt so gut verstecken wie hinter der
angeblich objektiven Statistik. Die Einschaltzahlen sagen jedoch
nichts aus über Wirkung und Fortwirkung von Sendungen, nichts über
den Geisteszustand der Zuschauer, sie belegen häufig nur den Erfolg
des schlechten Geschmacks. Das öffentlich-rechtliche Radio hält als
letztes subversives Medium in Wortprogrammen dagegen. Die
erfolgreichsten Fernsehabende gehören dem Kriminalfilm und den
Kitschorgien mit Pseudo-Volksmusik, die offenbar von Millionen als
kurzweilig empfunden werden. Sie dienen dem Zeitvertreib und der
Zerstreuung einer Gesellschaft, die, selbst wenn sie es wollte, ihre
sozialen Probleme vor lauter Schulden auf absehbare Zeit nicht
einmal ansatzweise lösen kann und darum unter den Teppich kehrt. So
lange, bis er brennt. Und dass er brennen wird, ist so sicher wie
das Amen in der Kirche.
Noch sucht sich der Wutbürger bestimmte Anlässe, noch geht es um
Umwelt oder Geld. Darunter aber wächst ein diffuser Zorn auf den
Allgemeinzustand, der von keiner Unterhaltungsindustrie gezähmt
werden kann. Wer in einer solchen Gesellschaft nicht an Dekadenz
denkt, denkt nicht.
Man schreibt die Verantwortung an dieser Lage gern dem
allgegenwärtigen Fernsehen zu. Es ist ja tatsächlich die
entscheidende Erfindung des vergangenen Jahrtausends gegen die
Langeweile, die es vertreiben, wie auch produzieren kann. Weil es
auch im ausgeschalteten Zustand und bei schwarzem Bildschirm immer
als Möglichkeit anwesend ist, ist es ständig in uns vorhanden.
Doch das Fernsehen ist nichts als ein Instrument. Man kann es für
kindische Ablenkung oder Staatspropaganda ebenso gebrauchen wie für
die Hinlenkung des Menschen zu sich selbst, für Bildung und
Kunstgenuss ebenso wie für die Beförderung der Dummheit und Löschung
des Bewusstseins.
Wir sind es, die über die Nutzung entscheiden, wir wählen die
Vertreibung der Zeit oder den Zuwachs an Lebenseinsicht. Die
Angebote sind vorhanden, etwa bei 3sat und arte, und sie sind
durchaus kurzweilig.
Der Hinwendung zu uns selbst, der Selbstachtung Priorität zu geben,
ist für niemanden leicht - schon gar nicht in einer Gesellschaft,
die ständig bemüht ist, neue Ablenkungen zu erfinden und sie in
multimedialen Geräten zusammenzubasteln.
Halten wir uns unabgelenkt überhaupt noch aus? Wer in seinem
Straßentelefon zugleich einen Fotoapparat, eine Videokamera, einen
Internetzugang mit facebook und twitter, email, SMS, MMS,
Computerspiele und einen ganzen Kaufladen von Klingeltönen mit
sich herumträgt, kann diese erstaunliche Erfindung zwar durchaus
sinnvoll nutzen - er kann sich aber auch im Angebot tausender
Abschweifungen verlieren, ja ihnen verfallen. Weil die
Erlebnisgesellschaft Spaß haben will, sofort und in der Tasche, kann
die Zeitvertreibindustrie zum Zweck ihres wirtschaftlichen Erfolgs
den kritischen Gebrauch ihrer Einrichtungen verhindern. Sie braucht
keine autonomen Menschen, sondern Dauerkonsumenten ohne Bewusstsein.
Wir, die so genannten Nutzer, sollten lernen, diesem permanenten
Übervorteilungsprozess standzuhalten.
Die Frage ist, ob wir das wollen und ob wir es noch können. Wie
selbstverständlich genießen wir den gepriesenen allumfassenden
Service, die vielfältigen Navigationshilfen - nicht nur zur
Adressenfindung, sondern in jeder Hinsicht: zur Lebensorientierung,
Wissensspeicherung, Kommunikation. Ob aber das Wort Freundschaft bei
facebook noch Freundschaft bedeutet, ob Nachrichten in der
twitter-Welt vertrauenswürdig sind, ob die lexikalischen Auskünfte
von wikipedia der Wahrheit entsprechen, entzieht sich weitgehend
unserer Beurteilung. Unterhaltsam ist es jedenfalls, sich in diesen
Welten treiben zu lassen - vergnüglicher als in der Realität, die
man sich wenigstens akustisch via mp3-player und Knopf im Ohr
verschönern kann...
Das Problem der Langeweile haben wir wahrlich gelöst. Nicht gelöst
haben wir die Probleme, die durch die Beseitigung der Langeweile
entstanden sind. Ein gewisser Karl Gottlieb Windisch hat einst noch
geglaubt, mit kurzweiligen Traktaten und Geschichten die Menschen zu
Sitte und Anstand erziehen zu können, und seiner Zeitschrift den
optimistischen Titel verliehen: Der vernünftige Zeitvertreiber. Aber
das war 1770. Wir sind heute vielleicht näher an einer Utopie, wie
sie der satirische amerikanische Spielfilm Idiocracy (Herrschaft der
Idioten) aus dem Jahr 2006 schildert: die Vereinigten Staaten im
Zustand totaler Verblödung, wo ein Kinohit den Oscar für das beste
Drehbuch bekommt, in dem neunzig Minuten lang ein menschliches Gesäß
gezeigt wird, und wo ein mit entsetzlicher Dummheit geschlagener
einstiger Wrestler und Pornostar ins Präsidentenamt aufgestiegen
ist.
Der Film war sehr amüsant und - ein Flop. Kritiker meinten, er hätte
einen zu deutlichen Beigeschmack von Wahrheit...
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