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SWR2 Wissen Aula - Ralf Caspary im Gespräch mit Andreas Schleicher: Mehr
Autonomie, mehr Motivation, mehr Effizienz . Wie sollen sich die Schulen nach
PISA verändern?
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 30. Januar 2011, 8.30 Uhr,
SWR 2
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch
bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
ÜBERBLICK
Die jüngste PISA-Studie stellt Deutschland zum wiederholten Mal eine schlechte
Note aus, wir befinden uns im internationalen Vergleich lediglich im
Mittelfeld, weit hinter Siegerländern wie Finnland oder Japan. Dabei hat sich
in den letzten Jahren schon viel getan, Projekte und Reformen zur Verbesserung
der Lern- und Lehrkultur wurden auf den Weg gebracht. Doch es gibt immer noch
viele Defizite. Andreas Schleicher, Internationaler Koordinator für die
PISA-Studie bei der OECD in Paris, zeigt, wie man die deutsche Schule
verbessern kann.
AUTOR
Andreas Schleicher, geb. 1964 in Hamburg, ist Bildungsforscher und gilt als
scharfer Kritiker des deutschen Schulsystems. Nach seinem Studium der Physik,
Mathematik und Statistik wandte er sich der empirischen Bildungsforschung zu.
Als
Leiter der Abteilung für Indikatoren und Analysen der OECD in Paris
entwickelte er
den Pisa-Test. 2003 erhielt er den Theodor-Heuss-Preis für sein demokratisches
Engagement im Zusammenhang mit den öffentlichen Debatten zu Pisa.
INHALT
___________________________________________________________________
Ansage:
Mit dem Thema: „Mehr Autonomie, mehr Motivation, mehr Effizienz - Wie sollen
sich
die Schulen nach PISA verändern?“
Der jüngste PISA-Test ist erst einige Monate alt, er wurde im Dezember 2010
veröffentlicht, und das Ergebnis ist für Deutschland nicht berauschend
gewesen.
Nach wie vor rangieren wir im internationalen Vergleich im Mittelfeld, und die
Frage
ist, was wir tun können, um die deutschen Schulen zu verbessern.
Aus den Ländern kamen dazu schon viele neue Vorschläge, die konzentrierten
sich
vor allem auf eine verbesserte Ausbildung der Lehrer und auf Einführung eines
Zentralabiturs. Wir wollen darüber sprechen, und ich freue mich sehr, dass er
Zeit für
uns hat, Andreas Schleicher, er ist Mister PISA, verantwortlich bei der OECD
in Paris
für die diese internationale Bildungsstudie. Die für heute angekündigte
Sendung über
die Geschichte geflügelter Worte haben wir also aus Aktualitätsgründen
verschoben,
sie läuft am 29. Mai.
Nun also zur Schule, zu PISA und nötigen Reformen.
Frage:
Guten Morgen, Herr Schleicher. Die jüngste Pisa-Studie macht wieder einmal
schlaglichtartig deutlich, dass in Sachen Bildung der Föderalismus in
Deutschland
seltsame Blüten treibt. Jedenfalls haben alle Länder verschiedene
Verbesserungsvorschläge gemacht zum Thema Lernen und Lehren. Ist diese
Vielstimmigkeit aus Ihrer Sicht ein Nachteil?
Schleicher:
Der Wettbewerb um die besten Ideen muss kein Nachteil sein. Das Bespiel Kanada
zeigt, dass Föderalismus sehr erfolgreich sein kann. Das Entscheidende ist,
dass es
wirklich ein Wettbewerb um die besten Ideen ist und kein Wettbewerb auf dem
kleinsten gemeinsamen Nenner. Ich denke, letztendlich sind zwei Dinge
entscheidend: einmal, dass die Ziele klar sind, dass sich alle darüber einig
sind,
wohin die Reise geht, dass Bildungsstandards sehr klar definiert sind; und auf
der
anderen Seite, dass Verantwortung in den Schulen liegt, dass Schulen
ausreichenden Gestaltungsfreiraum haben, um ihre Lernumgebung selber zu
entwickeln, selber zu gestalten, und auf der anderen Seite aber verantwortlich
sind
für die Ergebnisse, die sie dann erreichen.
Frage:
Aber offenbart nicht der Föderalismus doch einen großen Nachteil? Die Qualität
der
Schulen in den einzelnen Ländern ist ja höchst heterogen. Ein Kind in Hamburg,
das
ein Gymnasium besucht, besucht eine schlechtere Schule als ein Kind, das in
ein
Gymnasium in Bayern geht.
Schleicher:
Klar, die Variabilität der Schulleistungen ist in Deutschland das große
Problem,
zwischen den einzelnen Schulen, auch zwischen den Schultypen. Das ist eine
große
Herausforderung für Deutschland. Dazu kommt die starke Abhängigkeit des
Bildungserfolgs vom sozialen Kontext. Das muss im Föderalismus aber nicht
unbedingt ein Problem sein. Schauen Sie auf das Beispiel Kanada: Auch dort
haben
die verschiedenen Provinzen sehr viel Entscheidungsspielräume, können sich
aber
dennoch auf ein gemeinsames Bildungssystem einigen. Ihnen geht es wirklich um
den Wettbewerb der besten Ideen. Ich glaube, Kanada ist ein gutes Beispiel,
wie es
auch im Föderalismus gelingen kann, ein kohärent gutes Bildungssystem zu
schaffen. Aber das ist, wie gesagt, sicherlich eine große Herausforderung.
Einfacher
ist es sicher, wenn man auf der einen Seite mehr zentrale Perspektiven
reinbringen
kann. Aber der Erfolg passiert letztendlich an der Basis, an den Schulen vor
Ort.
Frage:
Wo wären die zentralen Perspektiven? Was könnte der Bund mehr machen?
Schleicher:
Ich glaube, die Bildungsstandards sind die entscheidenden Voraussetzungen. Es
muss jedem klar sein, jedem Schüler, jedem Lehrer, jeder Schule – egal wo sie
sich
befinden –, was gute Bildung und gute Bildungsleistungen sind. Auch die
Rahmenbedingungen, unter denen das überprüft wird, müssen kohärent sein, zum
Beispiel wäre ein einheitliches Zentralabitur sicherlich wünschenswert, so
dass man
überall in Deutschland weiß, was ein Bildungsabschluss wert ist, gemessen an
der
Qualität der erzielten Bildungsleistung. Nachher bei der Umsetzung der
Bildungsstandards kann man den Schulen viel Freiraum zugestehen. Das ist auch
ein wichtiges Merkmal erfolgreicher Bildungssysteme, dass Schulen selbst
entscheiden, wen sie zum Beispiel einstellen, welchen Lehrplan sie entwickeln,
welchen Lehrplan sie umsetzen, inwieweit sie kreativ mit der Schülerschaft,
die sie
vor Ort vorfinden, umgehen.
Frage:
Föderalismus ist gut, aber hauptsächlich dann, wenn der Schule mehr Autonomie
gegönnt wird?
Schleicher:
Absolut. Es ist eben die entscheidende Prämisse eines guten Bildungssystems,
dass
auf der einen Seite die Ziele klar sind, auf der anderen Seite bei der
Umsetzung den
Schulen entsprechende Freiräume gewährt werden.
Frage:
Sie haben gesagt, eine gute Idee wäre auch ein bundesweit einheitliches
Abitur.
Schleicher:
Ja genau, die Ziele müssen klar sein, es muss klar sein, was ein Abitur wert
ist.
Frage:
Aber wie geht das, wenn die Qualität von Schulen so variiert?
Schleicher:
Das wird dann eben deutlicher sichtbar. Aber das Problem existiert ja schon
heute.
Die Variabilität der Schulleistungen wird ja nur verdeckt durch das Fehlen
eines
einheitlichen Bewertungssystems. Ein einheitliches Bewertungssystem macht es
zunächst einmal transparent. Aber nur, was man sehen kann, kann man
letztendlich
auch verbessern. Ich denke, erst wenn Transparenz geschaffen ist, kann man
sicher
stellen, dass die Ressourcen dort eingesetzt werden, wo sie auch die größte
Wirkung
erzielen.
Frage:
Durch ein bundesweit einheitliches Abitur würden also sozusagen die Verlierer
sehr
schnell kenntlich gemacht werden, also die schlechten Schulen?
Schleicher:
Das ist der Anfang.
Frage:
Das würde ja auf dem Rücken der Schüler ausgetragen, oder? Die schlechten
Schüler könnte man leicht stigmatisieren?
Schleicher:
Auf dem Rücken der Schüler wird sowieso alles ausgetragen. Wenn die Schüler
keine vernünftige Bildung bekommen, sehen sie das spätestens, wenn sie auf dem
Arbeitsmarkt sind. Denen eine künstlich verbesserte Schulnote zu geben, nützt
niemandem etwas. Wenn wir anfangen, die Schulleistungen transparent zu machen,
kann man überhaupt erst mal sehen, wo gezielte Unterstützung notwendig ist.
Man
kann die schwächeren Schulen, die schwächeren Schüler viel besser
unterstützen,
wenn man die Fehler und Schwächen deutlich erkennt. Jeder guckt heute auf die
Ergebnisse in Schanghai in China. Was passiert dort, wenn eine Schule schwache
Leistungen hat? Dann bekommt diese Schule entsprechende Unterstützung. Und
wenn Sie dort Schulleiter sind an einer sehr guten Schule und Sie haben große
Leistungen vollbracht, dann können Sie Ihre Karriere nur dann fortsetzen, wenn
Sie
auch an eine Schule mit einem sozial ungünstigem Umfeld gehen und diese Schule
eben auch wieder auf Vordermann bringen. Das muss ein gutes Bildungssystem
leisten, dass man die Variabilität von Leistungen nicht einfach hinnimmt,
Fehlleistungen toleriert – das ist in Deutschland leider noch sehr verbreitet
–,
sondern dass man Fehlleistungen konsequent angeht und dort die Lehrer und
Schüler entsprechend unterstützt, so dass Leistungsunterschiede verringert
werden.
Frage:
Ich finde das sehr interessant, Herr Schleicher, ich habe immer gedacht, Sie
sind ein
Gegner des Föderalismus. Sie sind bei der OECD, Sie leben in Paris, Sie sind
vielleicht frankophil, Paris ist ja eher zentralistisch organisiert?
Schleicher:
Gegen den Föderalismus als Prinzip sehe ich keine Einwände. Das Entscheidende
ist wie gesagt: Können sich die Bundesländer auf klare Ziel verständigen? Da
sehe
ich das Problem in Deutschland, nicht im Föderalismus als Prinzip. Und zum
zweiten:
Wie kann man die Schulen wirklich in die Lage versetzen, Probleme sinnvoll zu
lösen? Sie müssen sich vorstellen, heute kann nicht ein Bildungsminister die
Probleme von Zehntausenden von Lehrern und Millionen von Schülern lösen. Wenn
aber Zehntausende von Lehrern und Millionen von Schülern ihr Wissen einsetzen
können innerhalb eines einheitlichen Bildungssystems, dann können sie sehr
wohl
die Probleme lösen.
Frage:
Kommen wir zum jüngsten Pisa-Test: Deutschland hatte ein wenig aufgeholt,
steht
aber immer noch im internationalen Vergleich schlecht da, es rangiert im
Mittelfeld.
Ist das für Sie enttäuschend gewesen, ein so reiches und eigentlich
produktives Land
wie Deutschland ist weniger als Mittelmaß?
Schleicher:
Es ist immer die Frage, ob das Glas halb leer oder halb voll ist. Auf der
einen Seite
ist es natürlich sehr erfreulich, dass es große Fortschritte gegeben hat und
vor allen
Dingen, dass es auch Fortschritte gegeben hat am unteren Ende des
Leistungsspektrums. Bei den sozial benachteiligten Schülern, bei Schülern mit
Migrationshintergrund kann man deutliche Fortschritte sehen. Das ist die
positive
Seite. Dass man insgesamt nur im OECD-Durchschnitt liegt, das ist natürlich
noch
nicht hinreichend. Ein Land wie Deutschland muss so viel besser sein.
Frage:
Wir haben im internationalen Vergleich eine eigentlich beschämende Zahl: Wir
bezahlen nur einen ganz geringen Anteil des Bruttosozialprodukts für die
Bildung.
Das machen die Pisa-Gewinnerländer ganz anders. Müsste nicht viel mehr Geld in
das System gepumpt werden?
Schleicher:
Einige dieser Länder investieren durchaus mehr Geld, aber ich glaube, die
entscheidende Frage ist auch, wie man die vorhandenen Ressourcen einsetzt. Wie
gewinnt man die besten Lehrer für die schwierigsten Schulen? Wie kann man
überhaupt Leute motivieren, den Lehrerberuf zu ergreifen? Das hat zum einen
vielleicht mit dem Gehalt zu tun, das ist in Deutschland aber gar nicht so
schlecht.
Ich glaube aber, viel wichtiger ist, dass man eine Arbeitsumgebung für Lehrer
schafft,
die Karriereperspektiven bietet, die im Grunde Motivation bietet, die auch
öffentliche
Anerkennung für gut geleistete Arbeit bietet, also dass man ein Arbeitsumfeld
schafft,
das Wissensarbeiter und die besten Leute für den Lehrerberuf anzieht. Da
liegen die
eigentlichen Herausforderungen, nicht unbedingt darin, mehr vom gleichen zu
schaffen.
Frage:
Das Ansehen der Lehrer muss besser werden?
Schleicher:
Ja, aber das Ansehen eines Berufsstandes spiegelt sich wider in der Art und
Weise,
wie dieser Berufsstand definiert ist. Wenn man einen Berufsstand hat, der
definiert,
ein Lehrer soll einen vorgefertigten Lehrplan umsetzen, gewinnt man dafür
sicherlich
nicht die besten Leute. Das ist eben keine Herausforderung, man würde mehr
Leute
motivieren Lehrer zu werden, wenn man sagt, der moderne Lehrer ist ein
Wissensarbeiter, er hat auch selber Perspektiven für die eigene Entwicklung,
er steht
vor großen Herausforderungen, weil er sich mit den verschiedensten Schülern
aus
verschiedensten sozialen Kontext auseinandersetzen muss. Von solchen
Herausforderungen hängt letztlich das Ansehen eines Berufes ab.
Frage:
Der Wissensarbeiter: Das wäre die zukünftige Rolle des Lehrers?
Schleicher:
Ja. Ich denke, in der Vergangenheit konnten Sie davon ausgehen, dass was Sie
in
der Schule lernen, reicht für Ihr Leben. Da brauchten Sie als Lehrer nur
Fachwissen
vermitteln. Das ist einfach. Heute müssen Sie Schüler dazu bringen, dass sie
das
Interesse haben, ihr Wissen ein Leben lang auszubauen. Das sind ganz andere
Herausforderungen. Heute stehen sie im Wettbewerb. Früher, vor 100 Jahren, war
die Schule der einzige Ort, wo Sie ein Buch bekommen haben. Die Schule hatte
das
Wissensmonopol. Heute müssen Sie sich als Lehrer, als Schule durchsetzen
gegenüber konkurrierenden Wissensangeboten. Das sind sehr viel höhere
Ansprüche, vor denen Lehrer heute stehen.
Frage:
Nach dem ersten Pisa-Test sagten viele, wir müssten die Lehrerausbildung
reformieren. Sehen Sie das auch so?
Schleicher:
Sicherlich ist da viel zu tun. Die Lehrerausbildung muss natürlich gänzlich
den
grundlegenden geänderten Anforderungen angepasst werden. Aber Menschen
anders auszubilden, das ist nicht der Kern des Problems, sondern die Frage ist
doch:
Wie können wir mehr von der Lehrerausbildung in die Schule verlagern? Wie
können
wir sicherstellen, dass der Lehrer jeden Tag weiter- und fortgebildet wird im
Arbeitsalltag, in der Schule. Das hat wenig damit zu tun, wie man ausgebildet
wird,
sondern wie wirklich Weiter- und Fortbildung zum selbstverständlichen,
integralen
Bestandteil des Berufsfeldes wird.
Frage:
Sie setzen mehr auf die innere Arbeit in der Schule?
Schleicher:
Ja. Das hängt auch davon ab, wie ein Schulleiter das Kollegium insgesamt
nutzt. Wie
weiß ich als Lehrer, was im Nachbarklassenzimmer passiert? Wie profitiere ich
von
den Erfahrungen anderer Lehrer? Wie arbeite ich mit anderen Schulen gemeinsam
an der Lösung von Problemen? Wenn darin weitergearbeitet wird, wenn wirklich
eine
Umgebung geschaffen wird, wo die Lehrerschaft wichtiger Bestandteil des
Schulsystems wird, dann ist die Frage des Föderalismus, wer jetzt irgendwelche
Verwaltungsentscheidungen trifft, letztendlich zweitrangig, weil dann Schulen
entstehen, die wirklich Verantwortung übernehmen und kreativ an der Umsetzung
ihrer Herausforderungen arbeiten.
Frage:
Ich gehe mal davon aus, Herr Schleicher, dass Sie auch die etwas
deprimierenden
Zahlen kennen, wie viele Lehrer in Deutschland fortbildungsresistent sind. Das
sind
über 50 %. Die haben gar keine Lust mehr zur Fortbildung. Das ist ja eine
Zahl, die
ihre Vision konterkariert.
Schleicher:
Damit müssen Sie immer leben. Ich denke, da muss man verschiedene Dinge
auseinanderhalten. Wenn ein Lehrer sich nicht für Fortbildung begeistern kann,
dann
mag das daran liegen, dass die Fortbildung nicht praxisrelevant ist. Da werden
Lehrer auf irgendwelche Universitätskurse geschickt, die letztendlich mit
ihren
täglichen Erfahrungen im Schulleben nichts zu tun haben. Genau da muss man
ansetzen, dass man die Fortbildung praxisrelevant macht. Zum zweiten, dass es
Konsequenzen hat. Wenn Lehrer sich weiterbilden und wenn das keine Auswirkung
auf ihre Karriere hat, auf ihre eigenen Perspektiven, dann kann man auch
Menschen
nicht dafür begeistern. Ich glaube, da muss man ansetzen. Wir sehen nämlich im
internationalen Vergleich, in den Ländern, wo dieses Angebot und auch die
Anreize
bestehen, an Fort- und Weiterbildung teilzunehmen, da ist die Teilnahme sehr
hoch.
Das sind Lehrer in der Regel sogar bereit, selber dafür zu bezahlen.
Frage:
Wir bleiben bei der Lehrerausbildung. Was halten Sie davon, wenn die
Lehramtskandidaten während oder vielleicht vor ihrem Studium Klassenluft
schnuppern und ein Praktikum machen, wo sie sich selbst ausprobieren können,
wo
viele vielleicht sagen, nein, der Lehrerberuf ist überhaupt nichts für mich?
Schleicher:
Wenn Sie in die erfolgreichsten Bildungssysteme schauen, da können Sie bei
Finnland anfangen, da ist die Praxiserfahrung ein ganz entscheidender
Bestandteil
der Ausbildung. Da werden Sie zunächst einmal natürlich nach kognitiven
Fähigkeiten ausgewählt, um überhaupt die Ausbildung zu bekommen. Aber nach der
ersten Phase kommt der Praxistest. Da werden die Fähigkeiten praktisch
evaluiert,
wie Sie mit den Schülern zurecht kommen, wie Ihre pädagogischen Fähigkeiten
aussehen. Und daran entscheidet sich auch für Sie selber, ob das für Sie der
geeignete Berufsweg ist, und auch für die Schule und für das Bildungssystem,
ob Sie
aufgenommen werden. Und wie gesagt: Dieses Jahr hatte Finnland 6000 Bewerber
für 660 Plätze. Das müssen Sie sich mal vorstellen, 10 Bewerber kommen auf
eine
Lehrerstelle.
Frage:
Da kann man sich wahrscheinlich auch die besten aussuchen.
Schleicher:
Ja, das liegt aber daran, dass der Lehrerberuf attraktiv ist, und das hat
wenig mit
Geld zu tun. Die Gehälter in Finnland liegen so im Durchschnitt. Es hat sehr
viel
damit zu tun, wie dieses Berufsfeld strukturiert ist, welche Verantwortung
Lehrer dort
wahrnehmen können.
Frage:
Ist denn der Erzieherberuf in Finnland generell höher angesehen, egal ob im
schulischen Bereich oder in der vorschulischen Bildung?
Schleicher:
Ja, das ist durchweg so. Außerdem macht man weniger Unterschiede als in
Deutschland. Dort sagt man sich, ein Grundschullehrer macht genau so
anspruchsvolle Arbeit wie ein Gymnasiallehrer, der muss nicht unbedingt
schlechter
bezahlt werden oder ein schlechteres Anstellungsverhältnis haben. Dort sagt
man
sich, das pädagogische Element ist letztendlich das, was über den Erfolg der
Schüler
entscheidet. Darauf setzt man, ob das in der Grundschule ist, in der Vorschule
oder
in der weiterführenden Schule.
Frage:
Haben wir in Deutschland eine zu verkopfte Ausbildung? Ich denke an viele
Gymnasiallehrer, die in ihrem Fachgebiet echte Kenner sind, aber pädagogisch
sind
sie nicht so toll.
Schleicher:
Es ist sicherlich eine große Herausforderung, dass man Menschen nach ihrer
pädagogischen Qualifikation ausgewählt und sie auch entsprechend fördert.
Natürlich will man sicher sein, dass die Leute fachgerecht ausgebildet werden
in dem
Fach, das sie unterrichten werden. Aber ob sie den Stoff rüber bringen, hängt
immer
– das weiß jeder aus seiner eigenen Erfahrung – von der pädagogischen
Qualifikation ab. Da muss man sicherlich großen Wert drauf legen.
Frage:
Sie haben mehrmals die Rolle des Schulleiters erwähnt. Ist er in letzter Zeit
wichtig
geworden, der Schulleiter, der die Atmosphäre an einer Schule bestimmen kann?
Schleicher:
Schulleiter leiten heute praktisch ein mittelständisches Unternehmen, wenn man
mal
die Komplexität und den Verantwortungsbereich einer Schule anschaut. Das fängt
bei der Weiter- und Fortbildung an, bei der Frage, wie man es schafft, ein
Kollegium
einzurichten, wo Lehrer voneinander, miteinander und gemeinsam an der Lösung
von Problemen arbeiten, wie man Ressourcen intelligent einsetzen und verteilen
kann, und das geht bis hin zur Evaluation, Bewertung der Schulleistungen – all
das
sind wichtige Aufgaben der Schulleitung. Früher konnte ein Schulleiter
praktisch ein
Verwalter des Schulgebäudes sein. Heute ist das ein sehr anspruchsvolles
Arbeitsumfeld.
Frage:
Wo liegen für Sie die Defizite, wenn man auf die deutschen Schulen guckt? Eher
in
der Lern-Kultur, in der Lehr-Kultur oder in beidem?
Schleicher:
Ich glaube überhaupt, dass man kompetenzorientiertes Lernen stärker in den
Vordergrund stellt.
Frage:
Was heißt kompetenzorientiertes Lernen?
Schleicher:
Dass ich mich nicht mehr nur darum kümmere, ob die Schüler irgendwelches
Fachwissen ansammeln, sondern dass sie in der Lage sind, von dem, was sie
wissen, zu extrapolieren und ihr Wissen konstruktiv und kreativ in neuen
Zusammenhängen anzuwenden. Dass also die Fähigkeit, Wissen zu nutzen, neues
Wissen zu schaffen, im Vordergrund steht und nicht die Reproduktion von
Lernstoffen. Letztendlich zeigt sich der Erfolg im Leben doch nicht daran, ob
sie
Schulwissen widergeben können, sondern ob sie neue Herausforderungen
bewältigen können. Dazu zählt Wissen, dazu zählt Können, dazu zählt die
Motivation. Kann ich mein Wissen in einer neuen Situation sinnvoll aktivieren?
Kann
ich Verantwortung übernehmen? Kann ich mich in einer sehr schnell sich
verändernden Welt ständig neu positionieren? All das sind wichtige Elemente
von
Kompetenz. Und das muss Schule heute leisten. Das ist sehr viel schwieriger,
als
Fachwissen zu vermitteln. Das aber steht in Deutschland doch immer noch zu
sehr
im Vordergrund, gerade in den höheren Schulstufen. Das führt dann eben auch zu
einer anderen Lern-Kultur, in der der Lehrer weniger im Zentrum ist, sondern
der
Schüler ins Zentrum rückt, das Lernen der Schüler, auch das Lernen
miteinander.
Frage:
Kann man sagen, Herr Schleicher, und ich meine das jetzt überhaupt nicht
despektierlich, dass Sie als Mann von der OECD schon bestrebt sind, eher
wirtschaftliche Kategorien, ökonomische Faktoren auf die Bildung zu
übertragen? Sie
haben von Unternehmen gesprochen, vom Wettbewerb. Ich finde das gar nicht
schlecht, aber ist das der neue Trend auch seitens der OECD?
Schleicher:
Überhaupt nicht. Letztendlich geht es darum, junge Leute für das Leben fit zu
machen. Und das Leben ist nicht nur Arbeit, dazu gehört ja auch das
gesellschaftliche und das familiäre Leben. Die Frage ist nur, welche
Voraussetzungen man dafür schaffen muss. Das verwaltete Bildungssystem, in dem
irgendein Ministerium sagt, was unterrichtet wird, Hunderttausende von Lehrern
führen das dann aus und am Ende lernen die Schüler irgendwelchen Schulstoff,
das
hat sich ad absurdum geführt. Man braucht heute ein sehr viel dynamischeres,
flexibleres Bildungssystem, das wesentlich mehr Raum für Kreativität in den
Schulen,
in den Klassenzimmern bietet. Darum geht es. Mit Ökonomie hat das nichts zu
tun.
Frage:
Fehlende Kompetenzorientierung wäre ein Defizit. Was steht noch auf Ihrer
Agenda?
Schleicher:
Deutlich mehr Verantwortung und Freiräume für die Schulen, so dass man mit der
Verschiedenheit der Schüler flexibel umgeht. Es ist falsch Schüler mit
verschiedenen
sozialen Kontexten, mit verschiedenen Interessen immer gleich auf verschiedene
Schulformen oder Strukturen zu verteilen und sortieren; ein Lehrer, der sich
mit
dieser Verschiedenheit auseinandersetzt und Schüler entsprechend ihrer Stärken
und Schwächen fördert, weiß auch , dass normale Schüler außergewöhnliche
Fähigkeiten haben.
Frage:
Dazu sagen wir gleich, dass man diese Heterogenität nur beachten kann, wenn
die
Klassen kleiner werden. Das müssen wir schon mal voraussetzen oder liege ich
da
falsch?
Schleicher:
Es gibt durchaus Bildungssysteme, die auch mit sehr großen Klassen sehr
individuell
fördern. Das ist natürlich eine schwierige Herausforderung. Aber wichtig ist
das
Prinzip, dass ich nicht überlege, wo schicke ich jetzt einen Schüler hin, wenn
er nicht
in mein Konzept passt, sondern dass ich mir überlege, wie muss ich mein
Konzept
strukturieren, dass ich mit den Schülern, mit denen ich arbeite, sinnvoll
umgehen
kann. Die asiatischen Länder fördern sehr individuell, wenn Sie zum Beispiel
auf
Japan schauen, obwohl die Klassen groß sind.
Frage:
Wie ist das denn mit dem ewig traurigen Ergebnis, dass die Bildungskarriere
des
deutschen Schülers immer noch von sozialen Faktoren im Elternhaus abhängig
ist?
Wie kann man diese beiden Sachen entkoppeln?
Schleicher:
Das ist weiterhin die große Herausforderung für Deutschland, die Abhängigkeit
des
Bildungserfolgs vom sozialen Kontext zu verringern. Dazu zählt, dass man
universelle, anspruchsvolle Bildungsziele für alle hat und die Standards nicht
herunter nivelliert und etwa sagt, wenn die Schüler aus einem ungünstigen
sozialen
Umfeld kommen, dann machen wir das doch etwas leichter für diese Schüler und
schicken sie auf die Hauptschule. Das ist genau der falsche Ansatz, der
letztlich
dazu führt, dass diese sozialen Unterschiede nicht nur weitergetragen, sondern
in
der Tat noch verstärkt werden. Das ist das, was wir im deutschen
Bildungssystem
beobachten. Also wir brauchen universelle Bildungsziele für alle, dadurch kann
man
sich dann überlegen, welche Bildungsstrategien muss ich mobilisieren, um die
Schüler, mit denen ich arbeite, entsprechend zu fördern, um diese Ziele zu
erreichen.
Das ist ja genau das, was uns die erfolgreichsten Bildungssysteme zeigen, dass
man
auch mit Schülern aus sozial schwachen Familien sehr viel erreichen kann.
Frage:
Wie machen die das? Können Sie das an einem Beispiel noch einmal erklären?
Schleicher:
In Kanada wird zum Beispiel in Schüler mit Migrationshintergrund intensiv
investiert,
in die Sprachförderung, aber auch in die Einbettung in die kulturellen
Zusammenhänge, der Schüler mit Migrationshintergrund wird integriert in den
Klassenverband, es gibt für den Lehrer, für die Schule keine Möglichkeit,
diesen
Schüler abzuschieben in eine Schule mit geringeren Anforderungen, es gibt eben
keine Hauptschule. Die Schule oder der Lehrer muss sich mit diesem Schüler
auseinandersetzen. Dort begreift man die Verschiedenheit der Schüler mehr als
Potenzial, nicht als Barriere für den Bildungserfolg. Sie treffen dort viele
Schulleiter,
viele Lehrer, die stolz auf die Verschiedenheit des sozialen Umfelds ihrer
Schüler
sind. Und sie bekommen auch entsprechend Ressourcen. Dort wird im Grunde in
die
Verschiedenheit investiert.
Frage:
Sind Sie für das dreigliedrige Schulsystem oder dagegen?
Schleicher:
Klar ist: keins der im internationalen Vergleich erfolgreichen Bildungssysteme
hat,
wenn man jetzt mal auf Qualität und Chancengerechtigkeit schaut, ein
gegliedertes
Bildungssystem. Ich denke, das ist weiterhin eine große Hürde für Deutschland.
Man
kann zwei Dinge machen: es abschaffen – und die Tendenz geht ja in einigen
Bundesländern zum zweigliedrigen Bildungssystem. Das zweite, was man machen
kann: Man kann versuchen, die Effekte abzuschwächen durch stärkere Förderung
von Schülern mit Migrationshintergrund, von sozial schwachen Schülern usw. Das
ist
die zweite Möglichkeit. Aber letztendlich ist das ein Bildungssystem aus
vergangener
Zeit, zumindest findet man das in keinem der erfolgreichen Staaten heute.
Frage:
Umso interessanter ist doch, dass immer noch viele Experten, Politiker,
Journalisten
hierzulande sagen, dass wir diese Strukturdebatte endlich mal sein lassen
sollten.
Mit Veränderung der Strukturen machen wir die Schüler nicht besser und auch
die
Lehrer nicht. Sie sagen genau das Gegenteil.
Schleicher:
Ich weiß nicht, ob das das Gegenteil ist. Strukturen sind nie Selbstzweck. Die
Frage
ist, wie man mit der Verschiedenheit der Menschen einfach besser umgehen kann,
und ob man da in Deutschland wahrscheinlich eher schrittweise hinkommt und
nicht
wie in den nordischen Staaten oder in Polen durch eine sehr radikale
Strukturreform.
Die zentrale Perspektive ist wichtig. Das ist die Perspektive, dass man
eigentlich in
einer Gesellschaft lebt, in der man nicht mehr Schüler sortiert, sondern sich
überlegt,
wie man das Potenzial jedes einzelnen Schülers nutzen kann. In der
Industriegesellschaft war das alles einfach. Da brauchte man ein paar sehr gut
ausgebildete Leute, die allen anderen gesagt haben, was zu tun ist. In der
Wissensgesellschaft müssen Sie das Potenzial aller Menschen mobilisieren,
dafür
brauchen wir ein anderes Schulsystem.
Frage:
Das heißt aber auch, wenn man hier in Deutschland die Grundschüler nach der
vierten Klasse selektiert, und da kommen wirklich die schlechten auf die
Hauptschule
und die guten aufs Gymnasium, das ist eine ganz schlechte Entwicklung, weil
das
viel zu früh ist?
Schleicher:
Absolut. Das ist völlig uneffektiv, das ist eine Stigmatisierung für die
Schüler und
führt letztendlich zu den Resultaten, die wir bei Pisa sehen: eine starke
Abhängigkeit
der Bildungsleistungen vom sozialen Hintergrund. Denn das, was Sie als
schlecht
bezeichnen, sind nicht unbedingt Schüler mit schwachen kognitiven Leistungen,
sondern oft Schüler, die vielleicht die Sprache nicht vernünftig können oder
irgendein
Kriterium nicht erfüllen, so dass der Lehrer oder die Schule meint, die
Hauptschule
würde für diese Schüler einfacher werden. Aber ich denke, letztendlich
verlieren wir
dadurch sehr viel an Potenzial, und in der Wissensgesellschaft wird wirklich
jeder
gebraucht.
Frage:
Wenn Sie auf die Pisa-Liste schauen, was ist denn für Sie eigentlich Ihr
Traum-
Schul-Land?
Schleicher:
Das ist schwer zu sagen. Es ist faszinierend zu sehen, wie in Finnland Lernen
individualisiert wird, wie das Lernen wirklich im Zentrum steht, wo Schüler
selbstständig lernen. Auch in den asiatischen Ländern findet spannender
Unterricht
statt, zum Beispiel in Japan, wo das kompetenzorientierte Lernen stärker im
Vordergrund steht als in Deutschland. In Kanada dominiert der Umgang mit einer
sehr heterogenen Gesellschaft. Es geht nicht darum, irgendein Bildungssystem
zu
kopieren, sondern man muss sich überlegen, was kann man von verschiedenen
Ansätzen, die sich in verschiedenen Bildungssystemen zeigen, lernen. Das ist
der
Weg, wie man weiterkommt.
Frage:
Aus Ihrer Anschauung: Pisa hat viel in Bewegung gesetzt in Deutschland. Stimmt
das?
Schleicher:
Ja, das finde ich sehr erfreulich Die erste Pisa-Studie 2001 war ein großer
Schock.
Aber dann hat sich auch viel bewegt. Und ich denke, das ist das Wichtige. Und
jetzt
zehn Jahre später kann man sehen, das zeigt sich auch mittlerweile in den
Resultaten. Das, was man heute an Verbesserungen umsetzt, wird morgen Früchte
tragen.
Frage:
Die nächste Pisa-Studie kommt bestimmt. Wissen Sie schon, wann?
Schleicher:
Die Studie wird 2012 veröffentlicht, im Dezember.
Frage:
Wir sind gespannt. Herr Schleicher, ich bedanke mich vielmals für das
Gespräch.
Schleicher:
Bitte, Herr Caspary.
Die Fragen stellte Ralf Caspary.
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