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SWR2 AULA – Wilhelm Vossenkuhl: Glauben und Wissen – ein
spannungsvolles Paar (1-2)
Autor: Professor Wilhelm Vossenkuhl *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung SWR2: Teil 1 Sonntag, 25. 12 2011,
8.30 Uhr; Teil 2: Montag, 26.12.2011, 8.30 – 9.00 Uhr
Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum
persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere
Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des
SWR2.
* Zum Autor:
Wilhelm Vossenkuhl, geboren 1945, studierte Philosophie, Neuere
Geschichte und Politikwissenschaft in München. 1972 Promotion zum
Dr. phil. an der Universität München;1980 Habilitation. Seit 1993
hat Vossenkuhl den Lehrstuhl für Philosophie1 an der LMU in München
inne. Schwerpunkte: Praktische Philosophie und
Handlungstheorie, Grundlagen der Ethik, Philosophie der
Sozialwissenschaften, Theorie der Rationalität.
Bücher (Auswahl):
- Die Großen Denker: Philosophie im Dialog. Zus. mit Harald Lesch.
Komplett-Media.
2011.
- Philosophie Basics. Piper. 2011.
ÜBERBLICK (1-2)
Glauben und Wissen – ein spannungsvolles Paar
Wie ist das nun: Sind Wissen und Glauben auf irgendeine Weise
aufeinander bezogen, bedingen sie sich gegenseitig, macht der
Glauben Wissen erst möglich? Oder muss man den Glauben vollständig
beseitigen, um zu einem gesicherten Wissen zu kommen, so wie es die
moderne säkularisierte Gesellschaft fordert? Wilhelm Vossenkuhl,
Professor für Philosophie an der LMU München, zeigt in zwei Teilen,
warum man beide Bereiche
INHALT
1__________________________________________________________________
Ansage:
Mit dem Thema: „Glauben und Wissen – ein spannungsvolles Paar“.
Sind Wissen und Glauben auf irgendeine Weise aufeinander bezogen,
können wir
nur dann etwas wissen oder neues Wissen erlangen, wenn wir vorher
geglaubt
haben, zum Beispiel daran, dass Wissensvermehrung prinzipiell
sinnvoll und gut ist?
Konnte Newton nur deshalb die Schwerkraft entdecken, weil er vorher
an so eine
Kraft geglaubt hatte? Oder muss man den Glauben, erst recht den
Aberglauben,
vollständig eliminieren, um ein Wissender zu werden
Die Fragen beantwortet in zwei Teilen Wilhelm Vossenkuhl,
emeritierter Professor für
Philosophie. Heute, im ersten Teil, geht es um Glauben, Aberglauben,
Wahrheit und
Wissen.
Wilhelm Vossenkuhl:
Es herrscht keinerlei Zweifel: Der Wert des Wissens ist unschätzbar.
Natürlich denkt
man als Philosoph nur gut über das Wissen, schließlich wird das
Erkenntnisideal der
Wahrheit im Wissen realisiert. Außerdem ist wirkliches Wissen
bestätigbar, es ist
rechtfertigbar, und es ist natürlich für Vieles relevant: Wissen
rettet Leben, macht das
Leben lebenswert, Kranke könnten ohne medizinisches Wissen nicht
geheilt werden.
Wissen bildet, macht Menschen erfolgreich usw. Es herrscht überhaupt
kein Zweifel:
Die Vorzüge des Wissens sind abundant und unvergleichbar. Francis
Bacon hat
schon vor Jahrhunderten gemeint, Wissen sei Macht. Aber es ist nicht
nur Macht,
sondern es ist ein immenser humaner Faktor. Und natürlich gäbe ist
keine
Technologien ohne Wissen.
Aber - und jetzt kommt ein Aber - es ist nie genügend Wissen
vorhanden. Siehe
Tschernobyl, siehe Fukushima. Ich will aber heute gar nicht über die
Defizite des
Wissens reden, ich möchte auch nicht das Wissen einfach nur preisen,
denn Wissen
ist hervorragend, wenn es überhaupt Wissen ist, wenn es wahres
Wissen ist. Ich
möchte auch nicht so sehr über die Wissensrisiken sprechen. Wir
leben in einer
Wissensgesellschaft. Ich will eher über das Verhältnis zum Glauben
sprechen und
zwar in verschiedensten Dimensionen. Natürlich wird dabei auch zum
Thema
werden, dass wir nicht nur in einer Wissens-, sondern auch in einer
Unwissens-
Gesellschaft leben und darunter auch leiden. Warum? Auf eine kurze
Formel
gebracht könnte man sagen, wir leben mit ungeheuer vielen
Wissensvorurteilen, mit
Scheinwissen, mit Wissen, das nicht wirkliches Wissen ist..
Ich wage nun zunächst einmal über etwas zu sprechen, was scheinbar
überwunden
geglaubt wird: den Aberglauben, den Aberglauben, der ja doch – man
meint, seit
dem 18. Jahrhundert eigentlich – decouvriert ist, der – von Spinoza
bis Kant – kein
Thema war und heute doch eigentlich nicht mehr thematisiert werden
sollte. Können
wir uns überhaupt, das ist meine erste Frage, dauerhaft vom
Aberglauben befreien?
Und wenn ja, wie? Und wenn nein, warum nicht?
Ich habe eben schon mit Spinoza angefangen. Der hat in seinen „tractatus
theologico-politicus“, den er 1670 veröffentlicht hat – übrigens
anonym, es wäre ihm
sonst schlecht ergangen –, geschrieben: Wenn die Menschen ihre
Angelegenheiten
nach bestimmten Plane zu führen im Stande wären und wenn das Glück
sich ihnen
jederzeit als günstig erwiesen hätte, so stünden sie nicht im Banner
des
Aberglaubens. Das ist eine ganz hervorragende Zusammenfassung des
Problems.
Da steckt nämlich eine Menge drin von dem, was noch heute gilt.
Deswegen bin ich
der Ansicht, dass der Aberglaube in keiner Weise überwunden ist. Was
steckt da
alles drin?
Erstens: Spinoza hat erkannt, es gibt völlig natürliche, mit uns
Menschen als
Naturwesen verbundene Quellen des Aberglaubens, als da sind: die
Angst, Angst
vor allen möglichen Dingen, nicht nur die Angst vor dem Nicht-Sein,
wie Heidegger
meinte. Natürlich können alle unsere Befürchtungen möglicherweise
zum
Aberglauben führen. Angst und Furcht sind nichts, was dauerhaft
überwindbar ist.
Wenn das so ist, so müsste man Spinoza wohl folgen und ihm Recht
geben, dann ist
die Gefahr des Aberglaubens bleibend. Warum? Weil aus Angst und
Furcht
Ratlosigkeit entsteht, weil der Wissensmangel, den wir haben,
verbunden mit der
Furcht, dass etwas schief geht, leicht zum Aberglauben werden kann.
Die
Planungsunsicherheit, ein interessanter Punkt, den Spinoza schon
ansprach, ist
ebenfalls eine Wurzel des Aberglaubens. Und natürlich die ganzen
Risiken, die mit
dem Unglück, dem und dem vermeintlichen Glück verbunden sind. Alles
Dinge, auf
die wir hoffen, aber die auch schiefgehen können.
Das ist das eine. Das nächste ist, wir haben einfach eine Menge
psychischer
Schwächen oder man könnte sagen: Defizite. Schwächen, auf die wir
immer wieder
reinfallen. Wir streben, und auch das hat Spinoza schon gesehen,
einfach zu sehr –
aus Gier oder aus Maßlosigkeit – nach Glücksgütern. Heute spricht
man vom
Zockertum. Sie verstehen, was ich meine: dieses Zockertum, das uns
einen Teil der
Finanzskandale eingebrockt hat. Wir haben diese Schwäche, dass wir
immer
meinen, wir müssten ganz große Güter erringen. Dann geht irgendwas
schief und
schon glauben wir alles Mögliche.
Die Schwäche, die Zweifel, die Unsicherheit, die uns begleiten, sind
quasi die
Rückseite des Zockertums, dieses vermeintlich sicheren
Glücksstrebens, das immer
wieder schiefgehen kann. Dann entsteht plötzlich große Skepsis und
wir flüchten uns
zu allen möglichen Heilmitteln, die wir auf einmal glauben. Das ist
eine Art des
Aberglaubens.
Das sind schon zwei Quellen des Aberglaubens, die heute noch
keineswegs
überwunden sind.
Es gibt weitere Quellen, die für Spinoza sicherlich größere
Bedeutung hatten als für
uns heute, zum Beispiel die verworrene unklare Idee von einem Gott
oder einem
höchsten Wesen, der religiöse Schein ist damit verbunden. Spinoza
war der
Überzeugung, dass verworrene Ideen Gottes zur Irreligiosität führen.
Irreligiös ist
man übrigens nicht, wenn man an nichts glaubt. Irreligiös ist man,
wenn man an
etwas glaubt, aber an etwas Falsches glaubt. Also nicht der
Ungläubige ist irreligiös,
sondern derjenige, der abergläubisch ist, der Wahngebilde verehrt,
der die Religion
als Vorwand nimmt. Man kann die heutigen Fundamentalismen von Ost
nach West,
von Süd nach Nord dazu zählen. Was dabei herauskommt, sieht man:
Intoleranz,
Unduldsamkeit, ja sogar Terror. Terror gehört in genau die gleiche
Kiste wie der
Aberglaube.
Natürlich sind die Gründe für diese Art von Aberglauben nicht
zuletzt Hass, Zorn,
auch betrügerisches Verhalten. Man kann schließlich feststellen: All
die Wurzeln, die
bei Spinoza wichtig waren für die Existenz des Aberglaubens, sind
noch keineswegs
verdorrt, die Wurzeln sind noch da und die Quellen sind nicht
versiegt. Wir finden
immer wieder neue Ventile für unsere Furcht. Und wir tun oft das
nicht, was wir nach
Kants Maxime der Aufklärung unbedingt tun müssten: Wir müssten
nämlich selbst
denken, wir müssten selbst als Probierstein der Wahrheit fungieren.
Das meinte er.
Denn wenn wir das nicht tun, fallen wir auf sehr Vieles herein, was
schließlich zum
Aberglauben führt.
Der Aberglaube, damit möchte ich den ersten Gedanken zu Ende führen,
ist auch
heute noch ein sehr wirksames Suchtmittel wie Alkohol. Es macht
abhängig, es
macht unfrei. Wir glauben an Dinge, die einfach absurd sind, weil
wir nicht
nachdenken, weil wir uns nicht unseres eigenen Verstandes bedienen.
Aber – und
das ist auch eine Ähnlichkeit mit anderen Suchtmitteln – der
Aberglaube beginnt als
freiwillig gewählte Unfreiheit. Wir geben quasi unsere Freiheit an
der Garderobe ab,
indem wir uns dem Aberglauben anhängen. Eine wirkliche Absurdität.
Welcher Glaube kann zum Aberglauben werden? Natürlich sind all die
Beispiele, die
ich genannt habe, von historischer Qualität, und man könnte sagen,
in Spinozas
Zeiten, also im 17. Jahrhundert, war das wirklich so und da konnte
man, einfach weil
man nicht genügend Wissen hatte, auf alle Ängste und Befürchtungen,
die die
Menschen unsicher machten, nicht anders reagieren. Es war einfach
kein sicheres
Wissen da, deswegen haben die Menschen Zuflucht genommen zu allen
möglichen
Absurditäten.
Noch heute haben wir genügend Absurditäten, die wir gerne glauben.
Ich habe
vorhin schon auf die Tatsache hingewiesen, dass wir in einer
Gesellschaft leben, in
der Wissen ganz groß geschrieben wird, in der das Wissen eine
immense Bedeutung
hat. Man kann ruhig sagen, wir leben nicht nur in einer
Wissensgesellschaft, sondern
wir leben mit einem Wissenschaftsglauben (Szientismus). Wir leben
mit einer
wissenschaftlichen Weltanschauung. Vielleicht erinnert sich der eine
oder andere,
dass es diese Art der wissenschaftlichen Weltanschauung seit den
20er Jahren des
letzten Jahrhunderts programmatisch in Wien gab, wo die Mitglieder
des Wiener
Kreises sogar ein Manifest zur wissenschaftlichen Weltanschauung
geschrieben
haben. Da steht alles drin, was man aus sozialistischer,
wissenstheoretischer Sicht
für gut und richtig halten kann: Hoffnungen auf Erlösung, auf
Befreiung von allen
Übeln mittels Wissenschaft.
Es ist also nicht so, dass man aus irgendwelchen Gründen einen
Wissenschaftsglauben vertritt, sondern man will natürlich damit die
Welt verbessern,
die Menschen befreien, so dass sie endlich ein lebenswertes Leben
führen. Aber ist
das überhaupt erreichbar? Ist das durch Wissen erreichbar? Also noch
einmal die
Frage, welcher Glaube steht heute in Gefahr, zum Aberglauben zu
werden?
Da gibt es zunächst den Glauben, den wir brauchen, um bestimmte
Lücken in
unserem Wissen zu füllen. Wir wissen sehr viel und wir wissen immer
mehr. Aber je
mehr wir wissen – das bestätigt eigentlich jede Wissenschaft von der
Physik bis zur
Biologie – desto weniger wissen wir. Das heißt, wir müssen immer
mehr Lücken
füllen. Und diese Lückenbüßer sind Überzeugungen, das sind scheinbar
plausible
Überzeugungen. Das gibt es übrigens auch schon lange. Einer, der mit
dem Manifest
der wissenschaftlichen Weltanschauung nicht viel anfangen konnte,
war der große
Philosoph des letzten Jahrhunderts: Ludwig Wittgenstein. Der hat
schon in seiner
ersten Schrift, im „Tractatus theologico-politicus“, geschrieben,
dass der Glaube an
den Kausalnexus schon Aberglaube sei. Das ist ganz überraschend. Wie
kann denn
der Glaube an etwas wissenschaftlich so wichtiges wie Kausalnexus
ein Aberglaube
sein?
Es geht natürlich zunächst einmal darum, dass der Kausalnexus, also
die universale
Ursache-Wirkung-Verbindung, benutzt wird, um Prognosen zu machen.
Man will mit
Naturgesetzen natürlich auch in die Zukunft gucken, man will etwas
von dem, was
morgen wahrscheinlich passieren wird, jetzt schon erahnen und sich
darauf
vorbereiten. In diesem Sinne ist dieser Satz von Wittgenstein zu
verstehen, dass der
Glaube an den Kausalnexus ein Aberglaube sei, denn künftige
Ereignisse – das stellt
Wittgenstein fest – kann man eben nicht erschließen aus der
Gegenwart. Aber das
ist ein typischer Glaube, der quasi zwei Wissensaspekte oder zwei
Wissensbestände
miteinander verbindet. Wir haben zwischen Ursache und Wirkung immer
eine Lücke.
Diese Lücke kann zeitlicher Art sein, und die wird dann durch den
Glauben, naja es
wird schon ungefähr so laufen wie bisher, gefüllt werden.
An einer anderen Stelle – auch das ist interessant für die Frage,
welcher Glaube
eigentlich Gefahr läuft, Aberglaube zu werden – sagt Wittgenstein:
Der ganzen
modernen Weltanschauung liegt die Täuschung zugrunde, dass die
sogenannten
Naturgesetze die Erklärungen der Naturerscheinungen seien. Auch das
ist ja
interessant, dass im beginnenden 20. Jahrhundert ein hochgebildeter
Philosoph wie
Ludwig Wittgenstein der Ansicht ist, dass die moderne Weltanschauung
einer
Täuschung aufsitzt, nämlich der: zu meinen, dass die Naturgesetze
uns das erklären,
was wir sehen, hören und wahrnehmen, also die Naturerscheinungen.
Natürlich
erklären uns die Naturgesetze nicht das, was wir sehen, wenn das
schöne Abendrot
sehen. Der Untergang der Sonne wird natürlich durch kein Naturgesetz
erklärt. Das
verstehen wir aber trotzdem. Die Naturgesetze erklären uns vieles,
aber sehr vieles
von dem, was wir tagtäglich sehen und erfahren, wird von ihnen nicht
erklärt.
Wir haben aber noch etwas sehr viel Aktuelleres als das, woran
Wittgenstein uns
erinnert hat: Wir haben heute wieder einen neuen Glauben, nämlich
den an den
Determinismus. Sie haben wahrscheinlich schon davon gehört, dass
einige, nicht
sehr viele, aber doch einige Hirnforscher meinen, wir seien
determiniert. Einer hat
sogar den sehr einprägsamen Satz geprägt: „Wir tun nicht das, was
wir wollen,
sondern wir wollen das, was wir tun.“ Anhand von Untersuchungen, die
der
amerikanische Psychologe Benjamin Libet gemacht hat und die
tausendfach
wiederholt wurden, hat man festgestellt, dass es im menschlichen
Gehirn so etwas
gibt wie ein Bereitschaftspotential, das schon aktiviert wird, bevor
wir zum Beispiel
die Absicht haben, mit einem Finger zu schnippen. Eine interessante
Beobachtung.
Und einige Psychologen schließen daraus messerscharf, dass wir ganz
offensichtlich
determiniert sind durch neuronale Vorgänge, dass wir also einfach
nur Zombies sind,
die das tun, was irgendwie von unserem Gehirn gewollt wird. Also
nicht wir wollen,
sondern das Gehirn will. Hier gibt es ganz absurde Vorstellungen.
Natürlich passiert im Hirn sehr viel, was wir weder wissen noch
durchschauen. Und
natürlich tun wir auch vieles, was das Gehirn mit uns macht. Wir
unterscheiden oben
– unten, links – rechts, wir denken, meistens kommt das Licht von
oben und ähnliche
Dinge. Das liegt an der Entwicklungsgeschichte des Gehirns. Die
Ursprünge liegen
wahrscheinlich 500 Millionen Jahre zurück! Das ist schon eine
erstaunliche Zeit.
Natürlich hat sich da sehr vieles herausgebildet, was wir heute noch
nicht
durchschauen.
Also der Glaube an den Determinismus ist auch ein Aberglaube.
Man sieht, wie klein der Schritt ist von dem, was man
wissenschaftlich eroieren kann,
zu dem, was man quasi metaphysisch daraus macht: es geht um eine Art
von
Hirnaberglaube, ein Hirndeterminismus, der letztlich doch keiner
ist. Das Gehirn
muss natürlich sehr Vieles automatisch tun. Man merkt das zum
Beispiel bei
Menschen, die einen Schlaganfall hatten, die müssen mühselig die
Sprache wieder
erlernen. Das ist ein Hinweis darauf, dass Automatismen, die vom
Hirn gesteuert
werden, ganz wichtig für unser tägliches Leben sind. Aber das heißt
doch nicht, dass
wir determiniert sind. Nein, wir wollen das, was wir wollen. Und
wenn wir uns
entscheiden für eine Person, eine Freundschaft, selbst für ein neues
Auto, dann
überlegen wir das lange und entscheiden anschließend nach bestem
Wissen und
Gewissen. Also von wegen Determinismus: das ist ein Aberglaube.
Und jetzt komme ich zu Immanuel Kant. Denn der hat in der „Kritik
der reinen
Vernunft“, einem der größten Werke der Philosophie überhaupt, für
eine klare und
saubere Trennung zwischen Wissen und Glauben plädiert. Er sagt ganz
einfach, und
das klingt heute noch sehr plausibel: Von Übersinnlichem, also von
alledem, was mit
Gott, der Unsterblichkeit, aber auch mit der Freiheit zu tun hat,
gibt es kein Wissen
im Sinne einer Theorie. Es gibt überhaupt kein Wissen im engeren
Sinne von diesen
Dingen, die Kant das Übersinnliche nennt. Es gibt nur von dem, was
sinnlich
wahrnehmbar und empirisch erfassbar ist, wirkliches Wissen. Und
dafür gibt es
natürlich auch Gesetzmäßigkeiten. Aber alles andere wird davon nicht
berührt. Das
heißt, das Übersinnliche wird nicht berührt von den Gesetzen der
Natur oder von den
Möglichkeiten des empirischen Wissens. Das ist ein eigener Bereich,
sagt Kant. In
diesen Bereich gehört übrigens auch die Moral. Und er meint, von
diesem Bereich
wissen wir auch etwas, aber nicht im gleichen Sinne wie von der
Natur. Die Vernunft
hat sogar das Bedürfnis, diesen Bereich zu kennen und etwas über
Gott, die
Unsterblichkeit und die Freiheit – das waren die Themen, die Kant
genannt hat – zu
wissen. Das sind Glaubensinhalte, aber wissenschaftlich kann man sie
weder
beweisen noch belegen. Man spricht hier vom subjektiven
Fürwahrhalten, und das
unterscheidet sich vom objektiven Fürwahrhalten, das dem
Wissenschaftler und dem
Wissen reserviert ist. Also zwei Bereiche.
So kann man das natürlich machen, dann hat man eine schöne Trennung.
Aber so
schön das ist, diese Trennung funktioniert natürlich nicht immer.
Wir können die
Bereiche des Wissens und des Glaubens nicht immer sauber und rein
voneinander
trennen. Das fängt schon mit dem moralischen Glauben an. Denn
natürlich geht es
im moralischen Glauben um die Frage, ob wir frei sind oder nicht.
Und natürlich
sehen wir sofort ein – auch das hat Kant uns wunderbar erläutert –,
dass wir allein
für Frage „Tun wir das, was gut ist oder das, was schlecht ist?“
Freiheit benötigen.
Wir müssen uns zum Guten entscheiden. Wir können nicht einfach
annehmen, dass
wir zu irgendetwas determiniert wären. Wären wir determiniert, wären
wir nie schuld,
wenn wir das Böse wählen würden. Nein, wir können wählen, wir müssen
sogar
wählen. Und das ist einfach ein Zeichen dafür, dass es unsere
Freiheit gibt. Ob diese
Freiheit nun eng mit unserer Natur verbunden ist oder nicht, ist
eine ganz andere
Frage. Manche behaupten ja, diese Art von Freiheit, die Wahlfreit,
wäre mit dem
Determinismus gut vereinbar. Aber das sind Fragen, die gar nicht so
wichtig sind.
Das Moralische glauben – das ist schon ein Indiz dafür, dass die von
Kant so schön
getrennten Bereiche des Wissens und des Glaubens nicht immer so fein
säuberlich
getrennt werden können. Er hat übrigens gemeint, dass der religiöse
Glaube immer
dann, wenn er für Wissen gehalten wird, zum Dogmatismus und zur
Rechthaberei
wird. Das ist auch eine interessante Beobachtung. Das Gleiche trifft
natürlich auch
für den moralischen Glauben zu. Immer wenn wir meinen, wir wüssten
etwas, sei es
religiöser Natur, sei es moralischer Natur, dann neigen wir zur
Rechthaberei. Wir
meinen, wir haben recht und der andere nicht. Was daraus folgt,
wissen wir: nicht nur
Rechthaberei und Dogmatismus, sondern alle Arten von
Fundamentalismus sind
damit verbunden.
Wir müssen also, wenn es um den moralischen Glauben geht, Kant
nannte ihn auch
den „Vernunftglauben“, sehr vorsichtig sein. Wir dürfen nicht
übersehen, dass wir da
kein Wissen haben können, sondern dass es dabei um Pflichten geht,
um Dinge, die
wir zu tun haben, und um Wahlfreiheit, Entscheidungsfreiheit, das
eine oder das
andere zu wählen, das Richtige vom Falschen zu unterscheiden. Also
der moralische
Glaube ist sehr anspruchsvoll, aber wir können nicht auf irgendeine
Art von
Wissensfundus zurückgreifen und sagen, ach, wir wissen doch das und
das und
deswegen tun wir jetzt das und das ist richtig oder das ist falsch,
weil wir jetzt das
und das wissen. Nein, keineswegs. Kant sagt ganz klar, die
Erreichung einer Absicht,
die gut ist, ist Pflicht. Das heißt, wir müssen das freiwillig tun.
Wir müssen uns dazu
entscheiden aufgrund unserer Freiheit, auch aufgrund der Verheißung,
sagt er, das
wir dafür belohnt werden könnten. Auch das ist etwas, wofür es
keinerlei
wissenschaftlichen oder empirischen Anhaltspunkt gibt. Auch das
gehört zum
moralischen Glauben.
Kant ist sicherlich der interessanteste, vielleicht auch der
wichtigste Zeuge dafür,
dass man in diesem Bereich den Glauben, also den Vernunftglauben
oder den
moralischen Glauben, nicht durch Wissen ersetzen kann. Kein Wissen
der Welt kann
diesen Bereich des Glaubens ersetzen.
Das heißt, wir haben einen Bereich, in dem die Gesetzmäßigkeit und
die Regeln,
auch die Zielsetzungen des Wissens nicht funktionieren. Wenn man das
eingesehen
hat, dann versteht man wiederum einen Aspekt des
Wissenschaftsglaubens besser,
der uns heute so verunsichert. Denn dieser Aspekt betrifft die
Frage, wie weit geht
denn das Wissen, wie weit kann es gehen? Der Wissenschaftsglaube
suggeriert,
dass wir grundsätzlich alles einmal wissen können. Das heißt alles,
was es an
Phänomenen gibt, alle Inhalte, die uns beschäftigen, können
irgendwann einmal
gewusst werden. Das ist eine Absurdität. Denn wir können nur das
wissen, wofür wir
selbst die Gesetz entwickelt, gefunden und auch ausgelegt haben.
Diese
Gesetzmäßigkeiten sind noch immer sehr beschränkt. Das heißt, wenn
wir nicht
wissen, wo die Grenzen unseres Wissens sind, dann wissen wir
eigentlich ziemlich
wenig. Dann neigen wir zu Aberglauben.
Der Glaube, den wir brauchen, ist nicht durch Wissen ersetzbar. Und
wir müssen, um
überhaupt einen sinnvollen Wissensbegriff zu haben, etwas über die
Grenzen des
Wissens gedacht und herausbekommen haben. Wir tun also gut daran,
wenn wir uns
bemühen, noch heute dem Glauben Platz zu geben.
Aber wir sollten auch daran denken, dass ein Großteil der Probleme,
die uns heute
beschäftigen – ich habe die Zockerei genannt, die Maßlosigkeit, die
unser Leben
beherrscht- verursacht werden durch falschen, fehlgeleiteten
Glauben, durch
Aberglauben, der uns nach wie vor beschäftigt, der unser Leben
schwer macht und
den wir ernst nehmen müssen. Es ist keineswegs so, dass wir diesen
Aberglauben
ein für allemal überwunden haben. Wir sind auf Gedeih und Verderb
aufgrund
unserer Anlagen, unserer Furchtsamkeit und all der Dinge, die damit
verbunden sind,
irgendwie ständig mit diesem Problem beschäftigt. Aber die
Maßlosigkeit und die
Gier können wir bekämpfen. Gegen die können wir etwas unternehmen.
Das heißt,
die Neigung dazu können wir unterdrücken oder zumindest lernen, sie
zu
unterdrücken. Ein Teil dieser Arbeit besteht darin, dass wir uns
selbst als denkende
Wesen begreifen, dass wir uns die Pflicht auferlegen, selber zu
denken. Das ist
übrigens das einzige Rezept, das uns davor bewahrt, Unsinn zu
glauben oder auf die
aufgestellten Fallen des Aberglaubens hereinzufallen.
Das Wissen wird durch diese Überlegungen in keinster Weise infrage
gestellt – im
Gegenteil. Aber wir müssen etwas über den Wissensgehalt
herausgefunden haben,
über die Grenzen des Wissens, über die Reichweite. Sonst fallen wir
in diese Fallen
hinein und meinen, wir könnten alles wissen.
Ende Teil 1, es folgt
*****
Teil 2: Montag, 26.12.2011, 8.30 – 9.00 Uhr, SWR2 Aula)
Ansage:
Mit dem Thema: „Glauben und Wissen – ein spannungsvolles Paar, Teil
2“.
Sind Wissen und Glauben auf irgendeine Weise aufeinander bezogen,
können wir
nur dann etwas wissen oder neues Wissen erlangen, wenn wir vorher
geglaubt
haben, zum Beispiel daran, dass Wissensvermehrung prinzipiell
sinnvoll und gut ist?
Konnte Newton nur deshalb die Schwerkraft entdecken, weil er vorher
an so eine
Kraft geglaubt hatte? Oder muss man den Glauben, erst recht den
Aberglauben,
vollständig eliminieren, um ein Wissender zu werden? Die Fragen
beantwortet
Wilhelm Vossenkuhl, emeritierter Professor für Philosophie. Heute,
im zweiten und
letzten Teil, zeigt Vossenkuhl, wie Wissen aus Glauben hervorgeht.
Wilhelm Vossenkuhl:
Ist Wissen ohne Glauben überhaupt möglich?
Ich beginne mit dem guten alten Platon. Der hat nämlich in seinem
schönen Dialog
„Menon“ darüber nachgedacht, wie es um das Verhältnis zwischen
Wissen und
Glauben steht. Eigentlich wollte er etwas ganz anderes herausfinden,
nämlich ob die
Tugend lehrbar ist. Das ist jetzt nicht unser Thema, aber ein sehr
naheliegendes
Thema. Platon war der Ansicht, dass alles Wissen mit dem Glauben
beginnt. Er
meinte deswegen, Wissen sei wahres und gerechtfertigtes glauben. Man
könnte
anstatt Glauben auch Meinen oder Überzeugt-Sein sagen – das spielt
hier keine
Rolle. Nennen wir es einfach Glauben. Wahres gerechtfertigtes
Glauben sei Wissen,
meinte er da. So etwas Ähnliches wie Kant mit dem subjektiven
Fürwahrhalten, das
dann zu einem objektiven wird, wenn das Wissen aus dem Glauben
entsteht. Aber
wir wissen heute, und das hat Platon wahrscheinlich auch gewusst,
dass der Glaube
selbst keine hinreichende Bedingung des Wissens ist. Auch wenn der
Glaube wahr
und gerechtfertigt ist, ist er nicht hinreichend dafür, dass wir
überhaupt etwas wissen.
Wir können zum Beispiel aus dem falschen Glauben daran, dass die
Sonne um die
Erde kreise, schließen, dass die Sonne auch morgen wieder aufgeht.
Dieser Schluss
selbst ist wahr, aber der Glaube, dass die Sonne um die Erde kreist,
ist natürlich
falsch. Also schließen wir aus einem falschen Glauben etwas Wahres.
Das ist nun
mal so, deswegen können wir nicht annehmen, dass die wahre
gerechtfertigte
Überzeugung oder der wahre gerechtfertigte Glaube eine hinreichende
Bedingung
des Wissens ist.
Platons Idee ist interessant, aber sie führt eigentlich zu einem
merkwürdigen
Ergebnis. Wir können aus dem Glauben nicht mit Sicherheit, nicht mit
Gewissheit
das Wissen erschließen in dem Sinne, dass wir einen direkten
Übergang machen
könnten von der gerechtfertigten und wahren Glaubensüberzeugung hin
zu Wissen.
Es kann etwas dazwischen liegen, was uns unklar ist, und das kann
genau diesen
Übergang gefährden. Aber trotzdem beginnt alles Wissen mit
irgendeinem
subjektiven Fürwahrhalten, mit irgendeinem Glauben.
Wenn wir nicht als Menschheit lange geglaubt hätten, dass die Sonne
um die Erde
kreist und es einige Phänomene gegeben hätte, die damit nicht
vereinbar sind, hätte
es nie ein Wissen vom Sonnensystem in der heutigen Form gegeben.
Auch da
brauchten wir als ersten Schritt diesen Glauben, dieses subjektive
Fürwahrhalten. Es
ist interessant, wenn man lange zurück geht, wie ähnlich die
Probleme sind, wenn es
um das Verhältnis von Wissen und Glauben geht. Es ist keineswegs so,
dass wir
darüber schon weit hinaus gestiegen wären. Wir stecken nach wie vor
in den
Kinderschuhen.
Glauben kann ohne Wissen – und das wäre der zweite Schritt meiner
heutigen
Überlegungen – prekär werden, merkwürdig. Ich erzähle Ihnen dazu
eine kleine
englische Geschichte, die sich wirklich so begeben haben soll: die
Geschichte des
Duke of Wellington. Der ist, das ist allerdings schon einige Zeit
her, in Piccadilly,
einem Londoner Stadtteil, einem Fremden begegnet. Dieser Fremde ging
mit
ausgestreckter Hand auf ihn zu und sagte: „Mr. Smith, I believe?“ –
„Herr Schmidt,
glaube ich?“. Darauf sagte der Duke etwas entrüstet: „If you believe
that, Sir, you will
believe anything.“ – „Wenn Sie das glauben, mein Herr, dann glauben
Sie alles
Mögliche.“
Hier haben wir eine ähnliche Situation: Der Duke weiß, er kann sich
nicht ausweisen.
So hat der Fremde auch keinen Beweis, dass es sich um den Duke und
nicht um Mr.
Smith handelt. Die Frage lautet also: Haben wir überhaupt ein
Kriterium für Wissen?
Ein Kriterium, das hinreichend ist, eine Art Test, Bestätigung.
Natürlich würde man
heute sagen, der hätte vielleicht einfach seinen Personalausweis
rausholen sollen.
Das Dumme ist nur, es gibt bis heute keine Personalausweise in
Großbritannien.
Das hätte er also gar nicht machen können. Er hätte ein Briefpapier
mit seinem
Namen herausholen können, aber auch das hätte nicht gereicht. Der
Fremde, der ihn
als Mr. Smith identifiziert hat, hätte das nicht glauben müssen. Was
ist also das
Kriterium sicheren Wissens?
Auch da sind wir noch nicht so weit, wie wir gerne wären. Wir können
uns einfach
nicht in Sicherheit wiegen, etwas ganz genau aufgrund der
Vorkenntnisse, die wir
haben, zu wissen. Das fängt schon bei ganz simplen Dingen an: Wenn
wir in der
Schule erfahren, dass es in der Nähe von Paris einen Ur-Meter gibt,
also eine
Maßeinheit, die für alle Maßeinheiten, die sich darauf beziehen, das
Modell liefert,
dann könnte ein kluger Schüler oder eine kluge Schülerin sagen: Was
ist denn der
Maßstab für dieses Ur-Meter? Wer hat das festgelegt? Und warum gilt
es so, wie es
damals festgelegt wurde? Und schon ist man in der blödsinnigen
Situation feststellen
zu müssen, dass das Kriterium, das wir hier benutzen, die Maßeinheit
von 1 Meter,
einfach nur von uns Menschen festgelegt wurde. Es gibt überhaupt
keine höhere
Gewissheit, dass dieses Meter 1 Meter ist. Es ist eine freie
Erfindung.
Wir müssen also, wenn ich das ein bisschen abkürzen darf, alles, was
wir als
Kriterien für Wissen, auch für das strengste Wissen benutzen, erst
mal selber
erfinden. Wir müssen die Kriterien selber festlegen, sie wachsen
nicht auf Bäumen,
man findet sie nicht auf der Straße, wir müssen das selber erfinden.
Das ist der
zweite Punkt: Wir straucheln keineswegs an diesem Übergang zwischen
Glauben
und Wissen, sondern dazwischen liegt etwas, was wir selber klären
müssen – die
Kriterien, die hinreichend sind für Wissen.
Drittens: Selbst wenn wir heute schauen, was in den Wissenschaften,
nehmen wir
mal die Physik als Beispiel, an Wissen herrscht, werden wir
feststellen, auch dort ist
nicht alles, was geglaubt wird, Wissen. Ich bin zwar kein Physiker,
aber ich kenne
doch mindestens zwei schöne Beispiele, die auch ein Physiker
akzeptieren wird,
nämlich die Gravitation und die Bildung von Regentropfen. In beiden
Fällen kennen
wir zwar die Tatsachen, aber wir wissen nicht, wie sie zustande
kommen.
Die Gravitation, also das, was immer funktioniert, wenn wir etwas
fallen lassen oder
wenn wir selber fallen, ist eine erstaunlich wirksame Kraft. Wir
können diese Kraft
sogar selbst bestimmen. Aber wir wissen nicht, woher die Kraft
kommt. Was bewirkt
die Gravitation? Das wissen wir nicht, da haben wir eine große
Lücke. Ähnliches gilt
für die Bildung von Regentropfen. Das hat mich übrigens sehr
erstaunt, denn ich
dachte, das sei so simpel, dass man das im Unterschied zur
Gravitation gut
verstehen müsste. Die Tatsachen sind bekannt: Wenn man rausgeht und
es regnet,
wird man von den Tropfen nass. Aber wie sich die Regentropfen in den
Wolken hoch
oben bilden, das ist unklar. Also drittens: Wir haben ein
beschränktes Ursachen-
Wissen.
Es ist nicht nur so, wie Wittgenstein festgestellt hat, dass der
Glaube an den
Kausalnexus ein Aberglaube ist, sondern auch dort, wo wir
tatsächliche Ursache-
Wirkungszusammenhänge kennen, fehlt noch immer ein Stück Wissen –
nicht
überall, aber in manchen Fällen.
Kant habe ich schon in der letzten Sendung erwähnt, und er wird
immer wieder zu
nennen sein – ganz besonders in folgendem Zusammenhang: Denn Kant
hat auf ein
interessantes Phänomen aufmerksam gemacht, das wir vergessen zu
haben
scheinen, das einem in den Sinn kommt, wenn man an Gravitation und
Regentropfen
und dergleichen als noch immer unerklärte Phänomene denkt. Er meinte
nämlich,
dass immer dann, wenn wir unsere Vernunft, unser Nachdenken, unser
Wissen unter
facta legen, das heißt facta unterwerfen, wenn wir sagen, das und
das ist eine
Tatsache und deswegen ist das und das so, wenn wir das tun, dann
nähern wir uns
wieder dem, worüber wir schon gehört haben, nämlich dem Aberglauben.
Er sagte
sogar wörtlich: „Die Unterwerfung der Vernunft unter facta ist
Aberglaube.“ Und hier
kommt er natürlich wieder mit der Maxime des Selbstdenkens, dass die
Vernunft sich
ihr Recht nicht nehmen lassen sollte, als Erste Stellung zu nehmen
und zu sagen,
was sie weiß und was sie nicht weiß.
Das ist schon interessant. Was haben wir nicht alles für Tatsachen
in der Welt? Und
sind wir nicht immer in der Situation, dass wir sagen, der hat uns
das beigebracht,
das sind Tatsachen, deswegen muss das so sein? Wir brauchen da gar
nicht weit zu
gehen, jeden Tag begegnet uns dieses Phänomen. Wenn wir das das
nächste Mal
wieder hören, sollten wir einen kurzen Moment innehalten und sagen,
aha, das ist
das, was Kant gemeint hat. Unterwerfen wir uns nun einfach diesen
Tatsachen?
Lassen wir unsere Vernunft durch die Tatsache quasi an der Nase
herumführen?
Oder halten wir kurz inne und überlegen, ist das denn wirklich so,
wie es uns da
suggeriert wird? Sind die Tatsachen wirklich per se überzeugend?
Wenn man viele Probleme in Bereichen wie der Medizinethik anschaut,
wird man
übrigens feststellen, dass man sich da überhaupt nicht den Tatsachen
unterwerfen
kann. Denn welche Tatsache etwa entscheidet, wann Leben beginnt und
wann es zu
Ende ist? Die Tatsachen, die die Medizin uns liefern kann, sagen
nichts aus über
Beginn und Ende des Lebens. Wir müssen sie selber bestimmen. Die
jetzt wieder
aufgeflammte Debatte über den Hirntod ist nur ein Zeichen dafür.
Aber natürlich auch
die Diskussion über das schützenswerte Leben am Anfang.
All diese Probleme sind nicht durch Tatsachen, durch facta, wirklich
lösbar. Wir
können nicht auf Fakten zurückgreifen, wenn es darum geht. Leider
Gottes ist es bei
vielen Dingen so. Andererseits brauchen wir natürlich Fakten, wenn
es etwas zu
entscheiden gibt. Man denke nur an die vielen Verfahren vor Gericht.
Dort sind
Fakten natürlich entscheidend.
Es gibt sogar, und das ist der letzte Punkt zu dieser Frage, in wie
weit Wissen ohne
Glauben möglich ist, merkwürdige Situationen, wo wir mit Fakten
konfrontiert
werden, auch mit Wissensgehalten konfrontiert werden, und trotzdem
das größte
Problem haben, daran zu glauben. Das klingt unwahrscheinlich, es ist
aber so.
Dieses Phänomen wird „Moore’s Paradox“ genannt. George Edward Moore
war ein
Philosoph, ein Zeitgenosse und Freund Ludwig Wittgensteins in
Cambridge. Moore’s
Paradox besteht in etwas ganz Simplem: Als Beispiel nehme ich die
Tatsache, dass
es regnet. Stellen Sie sich vor, es regnet. Und nun sagt einer: Ja,
es regnet, aber ich
glaube es nicht. Man denkt, der kann nicht mehr alle Tassen im
Schrank haben. Aber
es gibt viele Zusammenhänge, wo man genau so reagiert, wo dieses
Mooresche
Paradox einen Sitz im Leben hat. Wenn ein Freund etwas gemacht hat,
was Sie für
ganz unmöglich halten, dann werden Sie sagen: Ja, er wurde verklagt,
vielleicht
sogar verurteilt für diese Tat, aber ich glaube es einfach nicht,
dass er das war, dass
er das tun konnte. Es gibt diese Situation, dass wir ein Wissen
haben, und wir
können einfach nicht daran glauben.
Wenn es regnet und wir sagen, wir glauben es nicht, bekommen wir
natürlich sofort
die Quittung dafür: Wenn wir im Freien stehen, werden wir nass und
sehen ein
bisschen doof aus. Soviel zur Abhängigkeit und Verflochtenheit von
Wissen und
Glauben.
Es gibt noch einen großen interessanten Bereich, der uns veranlasst
zu überlegen,
ob der Glaube ersetzbar ist oder ob er nicht doch unersetztlich ist.
Ich rede nicht von
Religion und auch nicht mehr von Moral. Die Frage ist, wo – außer in
Religion und
Moral – ist der Glaube unersetzbar? Die kürzestmögliche Antwort ist
einfach: im
Handeln, in dem was wir tun. Und natürlich im Leben mit den Anderen,
in der
Gemeinschaft mit den Anderen. Es ist tatsächlich so, dass wir im
Handeln, in dem,
was wir tun, und vor allem in der Gemeinschaft mit Anderen auf das
Glauben nicht
verzichten können. Ich gebe Ihnen ein paar Beispiele.
Nehmen wir die vornehmsten Beispiele als da wären Liebe und
Freundschaft. Wir
brauchen, um jemanden lieben zu können, einfach den Glauben an diese
Person,
Glauben im Sinne des Vertrauens. Wer nicht wirklich Vertrauen zu
einem Menschen
hat, kann ihn doch nicht lieben. Das ist völlig unmöglich. Das
heißt, wir müssen uns
hier auf den Glauben einlassen, dass diese Person das Vertrauen
verdient. Wenn wir
das nicht tun, wenn wir der Person misstrauen, wenn wir Zweifel an
der Person
haben, dann können wir diese Person nicht lieben. Und dann ist es
auch völlig
unsinnig zu sagen: „Aber ich liebe dich doch – obwohl ich dir
misstraue.“ Das ist
Quatsch, das sind nur Lippenbekenntnisse und das ist völlig sinnlos.
Zweifel
zerstören in dem Fall das, was wir glauben sollten. Die Zweifel
zerstören das, was
wir brauchen, um jemanden zu lieben. Der Glaube ist natürlich ein
sehr fragiles
Gewebe. Er lässt sich leicht konterkarieren. Wenn es nicht so wäre,
gäbe es viele
schöne Opern und Romane nicht. Mit Zweifel kann man den Glauben
wirklich leicht
kaputt machen. Und plötzlich entsteht aus Liebe Hass – oder
vielleicht sogar der
Tod, weil jemand sich so enttäuscht sieht und so gekränkt, dass er
den Partner, den
er einmal liebte, zu Tode bringt. Schreckliche Sache, aber es kann
so sein und es
passiert nicht eben selten. Liebe und Freundschaft ist ein Bereich,
in dem wir
Glauben für unersetzlich halten müssen.
Ein zweiter Bereich ist das Hoffen. Das ist ein großes Wort. Wie
meine ich das?
Ganz einfach: Wenn man nicht an etwas Gutes, was irgendwann mal sein
wird, was
ich erhoffe, was ich bewirken will, was kommen soll und was mir
genau das Motiv
gibt, um es auch zu bewirken, wenn wir diese Hoffnung, diesen
Glauben an das Gute
nicht haben, werden wir es auch nicht erhoffen. Das heißt, wir
brauchen für die
Hoffnung den Glauben an etwas Gutes – was immer das sei: an eine
gute Tat, an
einen guten Menschen oder an etwas Gutes, was wir bewirkt haben.
Wenn wir Angst
haben, dann ist die Hoffnung sehr schnell zerstört. Das heißt, Angst
vor der
Ungewissheit zerstört unsere Hoffnungsfähigkeit. Hoffnungsfähigkeit
ist abhängig
von der Integrität des Glaubens an etwas Gutes, an etwas, das in der
Zukunft so sein
soll oder so sein wird oder so sein müsste, damit das Leben gut
wird. Also Sie
sehen, auch bei der Hoffnung ist der Glaube unersetzbar. So ist es
nun mal egal, wie
viel wir wissen können. Viele haben gehofft - und ich erinnere mich
noch gut an die
Zeit in den 80er Jahren, als die wissenschaftliche Politikberatung
sehr hoch
geschätzt wurde-, viele haben gehofft, dass man irgendwann einmal
die Hoffnung
gar nicht mehr braucht, weil die wissenschaftliche Politikberatung
in der Lage ist zu
sagen, was zu tun ist, damit zum Beispiel alle Menschen Arbeit
haben, keine
Erbkrankheiten mehr existieren, wir werden das alles in den Griff
bekommen. Durch
Wissenschaft.
Heute haben wir diese unsinnigen Vorstellungen vom Glück nicht mehr.
Diese
Glaubenserwartungen sind bitter enttäuscht worden. Deswegen brauchen
wir wieder
Hoffnung. Wir brauchen die Hoffnung auf das, was wir selber bewirken
können. Es
hat gar keinen Sinn, darauf zu bauen, dass irgendeine Art von
Wissenschaft uns mit
dem Wissen ausstattet, das uns in die Lage versetzt, die Zukunft
schön und
lebensfähig zu machen. Also: Die Fähigkeit zu hoffen ist ohne
Glauben einfach nicht
möglich.
Drittens: Wir sind auf uns selbst angewiesen. Wir müssen an uns
selbst glauben.
Wer nicht an sich selbst glaubt, wem das Vertrauen auf sich selbst
fehlt, wer nicht
glaubt, dass er selbst wertvoll ist, dass er etwas Gutes bewirken
kann, der wird nicht
die Entschiedenheit und den Mut aufbringen, das Richtige zu tun. Der
wird einfach
angepasst sein, der wird mit der Menge schwimmen, der wird das
kaufen, was die
anderen auch kaufen usw.
Also: Auch im Hinblick auf uns selbst brauchen wir einen Glauben.
Das ist natürlich
nicht so leicht zu entwickeln, denn wir kennen unsere Fehler, wir
kennen vor allem
auch die Fehler, die darin bestehen, dass wir uns in einem viel zu
schönen Licht
sehen. Niemand auf der Welt hält uns für so gut und so fantastisch
wie wir selbst.
Selbst jemand, der etwas Schlimmes gemacht hat, glaubt immer noch,
dass er doch
eigentlich im Kern ein guter Mensch ist. Komisch, aber so ist es.
Andererseits gibt es Menschen, die überhaupt kein Vertrauen zu sich
selbst haben,
obwohl es dafür keinerlei Grund gibt. Das ist die Ausnahme. Die
halten sich selbst
nicht für gut, die halten sich nicht für übertrieben gut –
jedenfalls nicht so wie die
meisten anderen. Ich gehöre eher zu denen, die sich für übertrieben
gut halten, und
muss ständig darum kämpfen, dass ich diesen Irrglauben nicht glaube.
Wir müssen,
um kritisch einzuschätzen, wer wir sind, an uns selbst arbeiten und
gucken, wie hoch
das Vertrauen in uns selbst eigentlich sein kann. Wir wissen ja
nicht genau, wie gut
wir sind. Kant hat uns einen interessanten Hinweis gegeben. Er sagte
nämlich an
mehreren Stellen, dass wir nicht einmal wissen, ob wir moralisch
wirklich integer
sind. Das heißt, wir kennen nicht einmal unsere eigene moralische
Qualität. Wir sind
uns nicht sicher. Gott sei Dank. Denn gesetzt dem Fall, wir hätten
ein Wissen von
unserem moralischen Status, das wäre furchtbar. Wir wären
besserwisserisch und
würden uns ständig aufspielen. Das wäre doch schrecklich – vor allem
für die
anderen natürlich.
Das Selbstvertrauen und das Vertrauen darauf, dass wir Vertrauen
verdienen, dass
wir uns selbst vertrauen können, dass schafft eine Basis dafür, dass
wir mutig sind,
das wir entschieden sind, dass wir uns auch zu etwas Richtigem
entscheiden, auch
dann, wenn wir nicht wirklich wissen können, ob es das Richtige ist.
Wir können nie
wissen, ob es das Richtige ist, niemand kann uns dabei helfen,
dieses Wissen zu
haben. Wenn es nur um Informationen geht, die können wir nicht
selber an Land
ziehen, die müssen wir erwerben. Aber gesetzt den Fall, wir tun
dies, wir tun dies
offen und ohne Vorurteile, dann werden wir immer noch selber
entscheiden müssen,
was richtig und was falsch ist, und es wird uns niemand diese
Entscheidung
abnehmen. Also das eigene Selbstvertrauen ist ganz wichtig und ohne
den Glauben
an uns selbst geht das nicht.
Da haben wir also schon drei große Bereiche. Und dieser dritte
schließt wohl an die
anderen an. Wer in diesen drei Bereichen Liebe und Freundschaft,
Hoffnung und
Selbstvertrauen allein nur auf Wissen und Wissbares baut, wer also
meint, er müsse
erst zum Psychologen gehen, um herauszufinden, wie zuverlässig er im
Hinblick auf
sich selbst ist, wer meint, er könnte nur etwas mit Wissen tun, aus
Wissen heraus
tun, der ist bedauernswert. Denn er versteht nicht, wie wichtig in
diesem Bereich das
Glauben ist, wie risikohaft auch das Glauben ist. Wir werden nicht
ohne Risiko
Selbstvertrauen haben können, wir werden nicht ohne Risiko hoffen
können, wir
werden nicht ohne Risiko jemanden lieben können. Keine Freundschaft
ist ohne
Risiko.
Wissen als Voraussetzung des Handelns ist in vielen Bereichen zwar
wichtig, und es
wäre unsinnig, etwa in Technologien ohne Wissen etwas zu
investieren, aber wenn
es um die subjektiven eigenen Entscheidungen, das eigene Handeln
geht, dann ist
der, der nur aufs Wissen setzt, wirklich bedauernswert.
All das führt uns zu einer interessanten Einsicht: Die Krankheit
unserer Zeit ist also,
dass wir meinen, wir seien in allem vom Wissen abhängig.
Viele glauben, dass Informationen Wissen sind. Diejenigen, die das
glauben, sind s
zu bedauern, denn die meisten Informationsgehalte sind gar kein
Wissen im engeren
Sinne, weil man nicht weiß, ob das alles wahr ist. Auch das, was in
den Zeitungen
steht, sind Informationen, aber ob sie stimmen, ist eine völlig
andere Frage. Niemand
kann beweisen, ob der und der das und das getan hat.
Wenn wir nun diese Krankheit unserer Zeit eingesehen haben, die
unmittelbar aus
unserem Wissenschaftsglauben, aus diesem falschen Glauben
resultiert, aus diesem
abergläubischen Glauben an die Wissenschaft, dann verstehen wir
auch, dass wir
heute eigentlich etwas ganz anderes brauchen. Wir bräuchten nämlich
die
Entschiedenheit und den Mut, uns auf uns selbst, auf unser Urteil zu
verlassen und
uns nicht auf andere zu berufen. Wir müssten wieder den Mut
entwickeln zu sagen:
„Hier stehe ich und das tue ich jetzt und es ist immer noch möglich,
dass es falsch
ist, aber ich tue es trotzdem.“ Das ist doch eigentlich eine
vernünftige Haltung.
Natürlich wäre es unvernünftig, pauschal gegen Wissen zu sein. Ich
habe das
Wissen ja auch hinreichend gelobt. Ohne Wissen geht gar nichts. Kein
Zahnweh
kann beseitigt werden, wenn es nicht das Wissen des Zahnarztes gibt,
völlig klar.
Aber es wäre doch vernünftiger, herauszufinden, wo ist das Wissen
unumgänglich.
Für diese Entscheidung ist Erfahrung wichtig. Um diese Erfahrung zu
integrieren in
unser Denken, müssen wir Urteilsvermögen entwickeln. Unser
Urteilsvermögen ist
immer dann optimal und am besten, wenn unser gesunder
Menschenverstand mit
Erfahrung gepaart wird, wenn wir nicht einfach nur theoretisches
Wissen vorbringen
und uns als Basis unserer Entscheidungen darauf kaprizieren, sondern
wenn wir
unseren Menschenverstand sprechen lassen und unsere Erfahrung, wenn
wir das
Wissen, den Menschenverstand und die Erfahrung versuchen miteinander
zu
verbinden. Und natürlich muss man an diese Verbindung auch glauben
können,
sonst wird sie keine Früchte bringen. Das heißt, selbst dann, wenn
wir unser
Urteilsvermögen schulen und nutzen wollen, brauchen wir noch einen
ganz wichtigen
Teil dessen, was ich eben gerade so sehr gelobt habe, nämlich den
Glauben an uns selbst.
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