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SWR2 Aula - Dr. Heike Schmoll: Bildung adé – Bologna und die Folgen
Autorin: Dr. Heike Schmoll *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 11. Dezember 2011, 8.30 Uhr, SWR 2
Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.

ÜBERBLICK
Bologna ist mittlerweile für viele Kritiker zum Synonym für eine völlig verfehlte Hochschulpolitik geworden. Der Bologna-Prozess sollte die deutschen Unis effizienter und transparenter machen, er sollte sie einbinden in einen europäischen Hochschulraum, er sollte das Studium entschlacken und die Studenten nicht zu verkopften Schreibtisch-Akrobaten werden lassen. Doch was ist aus diesen Ansätzen geworden? Heike Schmoll, Journalistin mit Schwerpunkt Bildung, kritisiert die Abkehr der deutschen Hochschule von ihren einstigen Idealen.

* Zur Autorin:
Heike Schmoll studierte Germanistik und Evangelischen Theologie in Heidelberg, Tübingen und München. Während der ersten Semester schrieb sie als freie Mitarbeiterin Konzertkritiken für das „Heidelberger Tageblatt“. Hospitanz in der Kirchenredaktion des Südwest-Fernsehens in Baden-Baden. Seit 1989 arbeitet Heike Schmoll in der Nachrichtenredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Zuständig für Schul- und Hochschulpolitik sowie Fragen der wissenschaftlichen Theologie. Verantwortlich für die Seite „Bildungswelten“, seit März 2008 Korrespondentin in Berlin.


INHALT________________________________________________________________
Ansage:
Mit dem Thema: „Bildung adé – Bologna und die Folgen“.
Bologna ist mittlerweile zum Synonym geworden für Niedergang und zugleich
Aufstieg der deutschen Universitäten, je nachdem, wie man argumentiert. Die
Bologna-Kritiker sprechen vom Ende der traditionellen Hochschule, vom Ende des
Humboldtschen Geistes, von Verschulung, Reglementierung, von
Schmalspurstudenten, die in erster Linie auf der Jagd sind nach ETCS-Punkten. Die
Befürworter wiederum sprechen von effizienten und transparenten Unis, von
verschlankten Studiengängen, die keine verkopften Elfenbeinbewohner
hervorbringen, sondern junge arbeitsfähige Menschen.
Unsere Autorin Heike Schmoll gehört eindeutig zu den Kritikern. Die FAZRedakteurin
mit Schwerpunkt Bildung beschreibt in der SWR2 AULA die
Schattenseiten des Bologna-Prozesses.
Heike Schmoll:
In manchen Bundesländern machen fast 50 Prozent eines Altersjahrgangs das
Abitur, die meisten von ihnen wollen auch studieren. In diesem Jahr drängen
516.000 Erstsemester an die Hochschulen. Vor vierzig Jahren gab es in der
gesamten Bundesrepublik nur 500.000 Studenten. Weil die Wehrpflicht ausgesetzt,
die Gymnasialzeit in vielen Bundesländern verkürzt wurde und doppelte
Abiturjahrgänge das Gymnasium verlassen, geraten viele Universitäten an ihre
Belastungsgrenzen. Kinosäle und Kirchen mussten für Vorlesungen angemietet
werden, Seminare auf Abendstunden und Samstage verlegt werden. Labor- und
Bibliotheksplätze werden knapp. Manche Studenten schlafen auch zwei Monate
nach Semesterbeginn noch auf Matratzenlagern, weil sie kein Zimmer finden
konnten, andere zweifeln an sich selbst, weil sie beim Casting der
Wohngemeinschaften jedes Mal durchfallen.
Politik und OECD jubeln, dass sich die Studienanfängerzahlen allmählich den
volkswirtschaftlich gewünschten Akademikerquoten annähern. Denn Akademiker
werden nicht nur seltener arbeitslos, sondern sichern auch ein höheres
Steueraufkommen. Wie das Studium an einer Massenuniversität für die Betroffenen
eigentlich aussieht, kümmert sie dabei wenig.
Viele Studenten können nicht die Veranstaltungen belegen, die sie wirklich
interessieren, sondern wählen pragmatisch irgendein Seminar, das ihnen die nötigen
Punkte beschafft, egal bei wem und worüber. Das gilt selbst für
Lehramtsstudiengänge. Da stellen sich Studenten morgens um 5 Uhr mit
Thermoskanne und Broten gewappnet vor die Universität, um rechtzeitig da zu sein,
wenn die Seminaranmeldung für ihre Fächer um 8.00 Uhr öffnet. Nicht wenige
müssen immer wieder erleben, dass die ausgewählten Lehrveranstaltungen dann
schon belegt waren und nehmen einfach, was übrig bleibt, um den gewünschten
Schein zu bekommen. Daran ändert auch die inzwischen übliche Seminaranmeldung
im Internet nichts. Der Server bricht spätestens zwanzig Minuten nach der
Freischaltung zusammen. Und nicht einmal mehr auf die Website der Universität zu
gelangen, ist noch schlimmer, als in einer langen Schlange zu stehen, die
irgendwann auch einmal endet und einen selbst an der Reihe sein lässt. War das
Studium gerade in den Geisteswissenschaften in den siebziger Jahren von geradezu
anarchischer Regellosigkeit geprägt, herrschen nun Überreglementierung und
Verschulung vor.
Dabei gehört es zu den durchaus bemerkenswerten deutschen Besonderheiten,
dass der Zugang zur Universität absolut demokratisch ist. Die allgemeine
Hochschulzugangsberechtigung ist das schulische Zertifikat, das den Zugang
eröffnet und bisher weitgehend flächendeckende Eingangsprüfungen verhindert hat.
Die Länder sind deshalb gut beraten, das Abitur nicht weiter zu entwerten, weil sie
sich damit finnische oder britische Verhältnisse einhandeln. Sobald bis zu 80 Prozent
der Gymnasiasten ein Abitur machen, wird die Studienzulassung umso schärfer
reglementiert werden.
Doch warum tun sich so viele Abiturienten solche Strapazen in überfüllten
Studiengängen mit nicht immer sicheren Berufsaussichten an? Sind sie
karriereorientierter als frühere Generationen? Jedenfalls haben sie größere Ängste,
irgendetwas zu verpassen, zu spät zu kommen oder gar zu scheitern. Kaum einer
der manchmal erst siebzehn Jahre alten Studenten gesteht sich selbst zu, in einer
Sackgasse zu landen, Umwege einzuschlagen, Fehlentscheidungen zu treffen, also
eigentlich ganz gewöhnliche Irrwege einer wirklich suchenden Bildungsbiographie zu
riskieren. Aber Umwege sind in diesen schnurgeraden Bildungsverläufen nicht mehr
vorgesehen. Heutige Studenten sind zielstrebig und setzen sich selbst unter
enormen Druck. Sie sind ewig Gehetzte, die weniger zum Nachdenken und Lesen
kommen als ihnen gut tut. Die Jagd nach Leistungspunkten, Pflichtveranstaltungen
und Einhaltung der Studiendauer hat zu einer Formalisierung geführt, die das
Studieren als geistige Lebensform unmöglich macht. Den meisten bleibt keine Zeit
nachzudenken, auch einmal die Lehrveranstaltung eines anderen Fachs
aufzusuchen, selbständig zu lesen und ihrer Neugierde nachzugehen. Irritationsfreie
Studiengänge anzubieten, scheint zum Marktmodell geworden zu sein. Für die
Entwicklung von Zivilcourage und eigenständigem Denken sind das keine guten
Voraussetzungen. Im Gegenteil: Der Anpassungsdruck, der auf heutigen Studenten
und selbst auf ihren Professoren liegt, ist unvorstellbar.
Leiden heutige Studenten darunter eigentlich? Die letzten Shell-Studien sprechen
nicht dafür. Sie zeichnen das Bild einer zielstrebigen, karriereorientierten jungen
Generation mit großem Interesse an beruflichem Erfolg und einem gelingenden
Privatleben.
Bei aller Zielstrebigkeit mag die Universität für manchen auch ein Schutzraum sein –
eine verlängerte Schulzeit, die es erlaubt, den Einstieg ins Berufsleben noch ein
wenig aufzuschieben. Nicht selten bleiben Studenten heute wieder zuhause wohnen
und nehmen auch weite Wege auf sich – und zwar keineswegs nur, um das Geld für
teure Studentenbuden zu sparen, sondern um noch nicht ganz verantwortlich zu sein
für das eigene Leben. Es ist eine Generation der überbehüteten Kinder, deren Eltern
ihnen alle Hürden aus dem Weg geräumt haben. Viele sind wenig konflikterfahren,
relativ unselbständig und nehmen ihre Eltern eher in der Rolle des Kumpels als des
Erziehers wahr. Den meisten wurde eine Erziehung zuteil, die auf Konfliktvermeidung
und Selbstwertförderung der Kinder konzentriert war. Vielen sind konflikthafte
Auseinandersetzungen mit Erwachsenen entgangen, die jene innere Reifung hätte
voranbringen können, die nötig sind, um mit der inneren und äußeren Wirklichkeit
zurechtzukommen. Die Konfliktvermeidungsstrategie vieler Eltern trägt dazu bei,
dass ihre Kinder mit Kritik oder gar Niederlagen im Studium nur schwer umgehen
können.
Häufig sind die Eltern jetzt dabei, wenn sich die noch nicht einmal
unterschriftsberechtigten 17 Jahre jungen Studenten immatrikulieren, sie müssen
den Mietvertrag unterschreiben und sie kommen zur zentralen
Semesteranfangsfeier. In Freiburg waren allein in diesem Wintersemester über
fünftausend Studenten mit ihren Eltern gekommen, die Veranstaltung musste in
mehrere Hörsäle übertragen werden. Die Immatrikulation wird gewissermaßen zum
Familienfest, so wie es der Schulanfang schon lang geworden ist. Absurde Züge
nimmt die Begleitung durch Eltern an, wenn sie ihre Studentenkinder zur
Studienberatung begleiten – in der Zentralen Vergabestelle für Studienplätze (ZVS)
oder auch in den Universitäten. Das alles wäre in den siebziger oder achtziger
Jahren völlig undenkbar gewesen.
In Zeiten des Bachelor-Zeitalters und einer Übergangsquote von nahezu fünfzig
Prozent an Universitäten oder Fachhochschulen wundert es nicht, dass die Mehrzahl
ganz pragmatisch studiert. Viele wollen rasch fertig werden, hegen dabei keine
besonderen Interessen und keine wirklich wissenschaftlichen Ambitionen. Es geht
ihnen um den Berufsabschluss, den der Bachelor verheißt, in den meisten Fällen
aber nicht wirklich bietet. Diese Gruppe wird vermutlich noch am wenigsten unter den
Folgen der Massenuniversität und unter der Formalisierung des Studiums durch die
Bologna-Reform leiden. Allerdings hat sich auch unter ihnen herumgesprochen, dass
ein Master auf dem Arbeitsmarkt weit größere Erfolgschancen hat. Also drängt eine
für die Länder überraschende Menge in den Masterstudiengang.
So geht die Rechnung der Finanzminister, durch eine Verkürzung der Studierdauer
auf sechs, höchstens acht Semester im Bachelorstudiengang Geld zu sparen, nicht
auf. Ganz im Gegenteil: Die Gelder für eine entsprechende Lehrausstattung im
Master sind nicht vorhanden. Das Master-Studium ist zugunsten des Bachelor zu
kurz gekommen. Und das Masterstudium muss eine weitere Klippe bewältigen: Der
Master führt die Bachelorabsolventen verschiedener Studiengänge zusammen. In
einem, höchstens zwei Jahren soll es dann eine völlig inhomogene Gruppe mit
unterschiedlichen fachlichen Voraussetzungen in einen anspruchsvollen
wissenschaftlichen Diskurs bringen.
Universitäten, die wenigstens im Master noch forschungsorientiert und auf
anspruchsvollem Niveau arbeiten wollen, haben Aufnahmeprüfungen oder einen
Numerus Clausus für Bachelor-Absolventen eingeführt. Allerdings hat wohl kaum
jemand daran gedacht, dass ein konsekutives Studium mit zwei Etappen auch zwei
Bewerbungsverfahren erfordert. Die Studentensekretariate waren darauf personell
nicht vorbereitet, sie sind es zum Teil bis heute nicht. Hinzu kommen die Folgen
einer ungeahnten Provinzialisierung der universitären Landschaft seit Einführung der
Bologna-Studiengänge: Jede Fakultät an jeder einzelnen Universität hat andere
Prüfungsordnungen, ein Wechsel während des Bachelor-Studium selbst innerhalb
Deutschlands ist völlig ausgeschlossen. Aus formalen Gründen mussten etwa an der
Universität Mainz in diesem Sommer mehrere hundert Bachelorabsolventen
abgelehnt werden. Der Grund ist so einfach wie absurd: Sie konnten nur ein
vorläufiges Zeugnis vorweisen, das Einzelpunkte aufwies, nicht jedoch die
Gesamtpunktezahl ihres Bachelors.
Das ist nur ein Beispiel für die geradezu wahnhafte Formalisierung dieses Studiums,
dessen Hauptinhalt die Jagd nach Leistungspunkten geworden zu sein scheint. Sich
im Dickicht der Leistungspunkte und deren Gewichtung auszukennen, ist eine eigene
Kunst, eine pragmatische, rechnerische. Im Jonglieren mit Leistungspunkten und
Modulkombinationen müssen Studenten eine echte Meisterschaft entwickeln. Mit den
Disziplinen und Inhalten des Studiums hat sie nichts, aber auch gar nichts zu tun,
lenkt eher davon ab. Neugier oder gar Begeisterung bleiben auf der Strecke. Weder
das Fach noch die Fachsystematik werden wirklich verstanden, weil immer nur
Bausteine – oft genug zufällige – in Form von Modulen vermittelt werden.
„Sobald man aufhört, eigentlich Wissenschaft zu suchen, oder sich einbildet, sie
brauche nicht aus der Tiefe des Geistes geschaffen, sondern könne durch Sammeln
extensiv aneinandergereiht werden, so ist alles unwiederbringlich und auf ewig
verloren“, mahnte Wilhelm von Humboldt (Schriften zur Politik und zum
Bildungswesen, Werke IV, 257f).
Humboldt und Schleiermacher, die beiden eigentlichen Gründer der Humboldtschen
Universität waren diejenigen, die den Studenten Freiheit und Selbstverwaltung geben
wollten, während Fichte die Studenten kasernieren und strikt kontrollieren wollte.
Schleiermacher war übrigens schon damals realistisch genug festzustellen, dass
„viele zur Universität kommen, die eigentlich untauglich sind für die Wissenschaft im
höchsten Sinne“ – und dass sie sogar die Mehrheit bilden (Schleiermacher, Friedrich
Daniel Ernst, Gelegentliche Gedanken über Universitäten im deutschen Sinn (1808),
in: ders: Pädagogische Schriften, Ed. Weniger/Schultze, Bd.II, Düsseldorf/München
1957, 100-103). Sie kämen gewissermaßen aus gesellschaftlichen Gründen und das
habe man nicht als „Missbrauch oder als eine Verunreinigung rein wissenschaftlicher
Anstalten anzusehen“, so der Realist Schleiermacher.
Schon die beiden Gründerväter wiesen der Universität also Aufgaben zu, die
keineswegs esoterisch fern von der gesellschaftlichen Erwartung lagen, allerdings
verwahrten sie sich ebenso entschieden gegen bloße Nützlichkeitserwägungen. Die
Ziele der Gründerväter waren zum einen Bildung durch Wissenschaft und zum
anderen die Vorbereitung auf den höheren Staats- oder Kirchendienst. Humboldt und
Schleiermacher konnten mit Fichtes „Luftgestalten“ überhaupt nichts anfangen. Sie
wenden sich gegen ein spekulatives Verständnis der Philosophie und deren
Vorherrschaft. Es sind die einzelnen Fächer, die der Bildung durch Wissenschaft zur
Geltung verhelfen und keine Hierarchie der Fächer unter Vorherrschaft der
Philosophie. Allerdings wollte Schleiermacher ein Jahr der Philosophie vor den
Fachstudien einführen, damit sich die Studenten einen Überblick über alle
Disziplinen verschaffen können. Das wird an einigen Universitäten mit einer Art
studium generale heute vor Beginn des Bachelors wieder versucht.
Doch warum, so wird man fragen müssen, wurde die Schulzeit verkürzt, um dann ein
wissenschaftspropädeutisches Jahr an der Universität zu absolvieren? Es wird die
Defizite eines Schnelldurchgangs durch die Wissenschaft während der Bachelor-
Semester nicht heilen können. Viel zu oft schließt sich das Studium lückenlos an das
atemlose achtjährige Gymnasium an. Zehn Jahre nach Einführung der Bologna-
Reform zeigt sich der innere Zusammenhang zwischen der Verkürzung der Schulund
Studienzeit noch klarer und erschreckender, ging es doch in beiden Fällen um
Einsparungen und Statistikpflege, also um höhere Abiturientenquoten und weniger
Studienabbrecher und um erhebliche Einsparungen.
Gelang es im achtjährigen Gymnasium nicht, die Überfülle des Lehrstoffs in der
Mittelstufe zu entzerren, kranken die Bologna-Studiengänge an einem ähnlichen
Problem. Das Studium ist noch reglementierter als das Gymnasium. Bologna wurde
nicht zu einer wirklichen curricularen Reform genutzt. Die Disziplinen wollten
möglichst viel von den früheren Studiengängen in ganz anders aufgebaute Einheiten
unterbringen. Auch bei der Überarbeitung der Lehrangebote hat sich daran nichts
Wesentliches geändert. Es mag einige Prüfungen weniger geben, aber eine echte
Reform des Lehrstoffs hat nicht stattgefunden.
In der vielerorts lustlos betriebenen Konzeption der Module spiegelt sich der Ärger
der meisten Professoren über eine von Kontroll- und Steuerungsmechanismen
geprägte Reform des Studiums. Nach über zehnjähriger Erfahrung mit der Bologna-
Reform haben einige Universitäten versucht, die Formalisierung des Studiums
aufzubrechen und den Zeitdruck zu mildern, indem sie das Bachelor-Studium auf
acht statt bisher sechs Semester angelegt haben. Die Universität Freiburg versucht,
einen Bachelorstudiengang anzubieten, der auch Grundlagen der Erkenntnis- und
Wissenschaftstheorie vermittelt und einen breiteren Zugang im Sinne der artes
liberales oder liberal arts sucht. Andernorts wurde dieser Ansatz, der Auswege aus
den Zwängen der Bologna-Reform sucht, schon wieder als das Modell für den
umfassenden Dilettanten verlacht. Tausende von Euro für die Verbesserung der
Lehre konnten Universitäten dafür bekommen, dass sie die korrekte Antragsprosa
beherrschen und viel von Kompetenzorientierung sprachen. Die Didaktisierung der
Schule hat also auch Studium und Lehre ergriffen.
Lange genug hat sich außer einigen Verbandsvertretern der Hochschulen niemand
für die Einzelheiten der Bologna-Reform interessiert. Die meisten Professoren
wurden erst aufgeschreckt, als sie Lehrveranstaltungen nicht mehr zu ihren
vertrauten Lieblingszeiten anbieten konnten, sondern Lehrzeiten zugeteilt bekamen
und die Organisation des Studiums und ihre Prüfungsverpflichtungen selbst nicht
mehr durchschauten.
Hochschullehrer, die am Ende eines Semesters hunderte von mündlichen Prüfungen
oder Klausuren abnehmen müssen, verzweifeln an der Aushöhlung ihrer eigenen
Ansprüche. Manche helfen sich mit Ankreuztests, die vom Computer korrigiert
werden können. Andere versuchen, sich durch Forschungsprofessuren aus der
Lehre zu verabschieden – zumindest für begrenzte Zeit. Wer an einem Antrag für die
Exzellenzinitiative mitgearbeitet hat, kann sich Chancen für einen längeren Ausstieg
aus der Lehre ausrechnen. Denn mit den Geldern für ein Cluster können auch
Lehrvertretungen eingekauft werden. Die Studenten haben vom reichen Geldsegen
der Exzellenzinitiative am allerwenigsten, sie werden den Lehrstuhlinhaber
möglicherweise nicht einmal zu sehen bekommen, weil er forscht. Das ist ihm nicht
einmal zu verdenken, lässt doch das professorale Leben des
Wissenschaftsmanagers, der fortwährend Gutachten schreibt, Förderanträge
formuliert und sich auf Tagungen und Konferenzen in die Diskussion bringt, neben
der Lehre kaum noch Zeit für die Forschung.
Die sogenannte Einheit von Forschung und Lehre ist, sollte es sie je gegeben haben,
schon längst zerbrochen. Sie gilt inzwischen ohnehin eher als Humboldt-Mythos
denn als Realität der Humboldtschen Universität. Der Berliner Bildungshistoriker
Heinz-Elmar Tenorth hat die sogenannte Humboldtsche Universitätsreform zum
Jubiläum der heutigen Humboldt-Universität zu Berlin in drei Bänden zur Entwicklung
der Disziplinengeschichte an Humboldts und Schleiermachers Texten
entmythologisiert. Er hat auch darauf hingewiesen, dass die Forschung schon bei der
Gründung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft vor hundert Jahren aus der Universität
ausgewandert ist.
Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft ist als Vorläuferin der heutigen Max-Planck-
Gesellschaft die Plattform, auf der sich alle außeruniversitären
Forschungseinrichtungen entwickelt haben. Und es ist kein Zufall, dass die wenigen
Nobelpreisträger, die Deutschland überhaupt hervorbringt, nahezu ausschließlich
aus außeruniversitären Forschungseinrichtungen kommen. Denn an
außeruniversitären Forschungseinrichtungen wird man als Professor die Fron der
Lehre los und kann sich ausschließlich der Forschung widmen und verdient doch
mindestens so viel wie an einer Universität.
Das jüngste und absurdeste Beispiel für die Auswanderung der Forschung aus der
Wissenschaft hat die neue Berliner Koalition geliefert. Sie hat die Ressorts
Wissenschaft und Forschung getrennt. Soll also an Berliner Universitäten in Zukunft
keine Forschung mehr stattfinden?
Während die außeruniversitären Forschungseinrichtungen mit einem jährlichen
Zuwachs ihrer Mittel von fünf Prozent rechnen können, werden die Universitäten
systematisch finanziell ausgetrocknet. Es wird nicht mehr lange dauern, dass
einzelne Länder, auch im Süden und Südwesten der Republik, sich nur noch eine
geringe Zahl ausreichend finanzierter Volluniversitäten mit einem umfassenden
Fächerspektrum werden leisten können. Die durch den Bund abgewendete
Schließung der Medizin in Lübeck war erst der Anfang. Spätestens im Jahre 2017,
nach Ende der Exzellenzinitiative, müssen auch renommierte Universitäten um eine
ausreichende Grundfinanzierung bangen und möglicherweise auch Studiengebühren
nehmen, die ihren Namen verdienen und eher amerikanischen und britischen
Summen ähneln.
Dazu kommt, dass die Exzellenzinitiative das Ungleichgewicht zwischen
Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen innerhalb des
Systems nicht repariert. Sie hat vielmehr ein neues Ungleichgewicht zwischen den
geförderten und nicht geförderten Fakultäten und Fachbereichen, zwischen
Exzellenzuniversitäten mit allen Forschungsmöglichkeiten und solchen, die von der
kargen Grundfinanzierung existieren müssen, erzeugt. Dieses Ungleichgewicht
bedroht die Universität in ihrem Innersten.
Konstitutiv für Humboldts Universität war der Forschungsimperativ. Nur eine
Universität, die wirklich forscht, verdient ihren Namen. Und es ist auch klar, dass
Forschung zunächst immer disziplinär ist. Wer in der Forschung etwas geleistet und
vorzuweisen hatte, wurde damals nach Berlin berufen. Die Humboldtsche Universität
verstand sich nicht als Fortsetzung der Schulzeit.
Humboldt wollte weder die Fachschule, noch die Akademie für esoterische Genießer,
noch eine Fachhochschule. Humboldt wollte eine Ausbildungsstätte für den
wissenschaftlichen Experten, der Grundprobleme von Staat, Welt und Wirklichkeit
forschend beobachtet und analysiert. Er wollte den gebildeten Experten. Das Ziel des
universitären Studiums muss der reflektierte Praktiker und der praxisfähige Forscher
sein und diese Expertise war bisher nur an der Universität zu bekommen. So sehr
die Forschungseinrichtungen vom Qualifikationsbedarf der Gesellschaft profitieren,
so sehr sollte die Gesellschaft auch von der Forschung profitieren.
Der Bezug zur Praxis ist keine Erfindung der Bologna-Reform, sondern gehörte von
Anfang an zu Humboldts Universitätsmodell. Im Unterschied zur Akademie, deren
einziger Daseinszweck die Forschung ist, steht die Universität „immer in engerer
Beziehung auf das praktische Leben und die Bedürfnisse des Staates“, so Humboldt
(Über die innere und äußere Organisation, Werke, Bd. IV, S.255).
Nicht umsonst war er es, der das Lehrerexamen als Abschluss neben dem schon
existierenden juristischen, theologischen und medizinischen Examen einführte.
Geforscht wurde gerade an Humboldts Universität nicht im luftleeren Raum, sondern
in enger Beziehung auf das praktische Leben. Bildung war für Humboldt keine
überhöhte idealistische Angelegenheit, sondern eine „Verknüpfung unsres Ichs mit
der Welt zu der allgemeinsten, regesten freiesten Wechselwirkung“ (Theorie der
Bildung des Menschen, Werke, Bd. I, S. 235). Bildung und Wissenschaft waren also
ohne den Bezug zur Praxis und zur Welt nicht denkbar.
Entscheidend war deshalb, dass die Universität keine Institution werden sollte, die
Wissen bloß transferiert. Vielmehr ging es von Anfang an darum, Wissen
auszuwählen, auf seine Geltung zu prüfen und im Blick auf das Handeln zu
reflektieren. Es ist eben nicht die einfache Lösung, das Lernen und Reproduzieren
von vorgekautem Wissen, die eigentlich das Universitätsstudium ausmachen.
Insofern ist nichts bedrohlicher für die Universität als die Auswanderung der
Forschung in außeruniversitäre Forschungseinrichtungen. Denn damit ist die zweite
große Bedrohung der Universität verbunden: ihre Verfachhochschulung.
Viele Professoren verstehen heute nicht mehr, dass sie sich nicht früh genug gegen
diese Verfachhochschulung der Universität zur Wehr gesetzt haben. Heute studieren
etwa 60 Prozent der Studenten an Universitäten, nur 40 Prozent an
Fachhochschulen. Eigentlich war das genau umgekehrt gedacht. 60 Prozent sollten
an den Fachhochschulen und nur 40 Prozent an Universitäten studieren. Der Grund
für dieses Ungleichgewicht ist in einem Versäumnis der siebziger Jahre zu suchen.
In den siebziger Jahren wurde der Ausbau der Fachhochschulen sträflich
vernachlässigt. Sie können es sich heute leisten, harte Aufnahmeprüfungen
abzunehmen oder den Zugang durch einen Numerus Clausus zu regulieren. Die
Ironie der Geschichte: Die abgelehnten Fachhochschulbewerber sitzen dann
wiederum an für jedermann zugänglichen Studiengängen der Universitäten, vor
allem in den Geisteswissenschaften. Historiker, Germanisten, Sozialwissenschaftler
wissen davon ein Lied zu singen. Warum nur entschließen sich die Historiker nicht,
ein Latinum einzuführen, um eine Hürde zu schaffen? Zwischen dem großen und
dem kleinen wird auf Wunsch der Kultusminister ja schon lange nicht mehr
unterschieden. Ist es nicht absurd, dass angehende Forscher Historiker oder
Germanisten mittelalterliche Geschichte und Literatur studieren und nicht einmal die
dazugehörigen Grundlagentexte im Original lesen können? Sie müssen
Sekundärtexten, Übersetzungen, Kommentaren trauen, ein eigenes Urteil werden sie
sich nicht erlauben können.
Ist die deutsche Universität in ihrer klassischen Form also an ihr Ende gekommen?
Vieles spricht dafür. Die Aushöhlung des Forschungsimperativs durch die Universität
selbst und ihre Unfähigkeit, sich fachbezogen und von innen heraus zu reformieren
hat solche Reformen wie Bologna erst möglich gemacht. Bologna wiederum hat
insbesondere die Verfachhochschulung der Universität noch zusätzlich verstärkt. So
ist es auch nur noch eine Frage der Zeit, dass das letzte Unterscheidungsmerkmal
zwischen Universitäten und Fachhochschulen fällt und die Fachhochschulen auch
das Promotionsrecht bekommen. Der Wissenschaftsrat hat sich jedenfalls schon auf
den Weg dazu gemacht, hat er doch vor kurzem der Zeppelin University in
Friedrichshafen und der Hertie-School of Governance in Berlin das Promotionsrecht
verliehen.
Niemand wird bestreiten, dass eine moderne Gesellschaft dringend darauf
angewiesen ist, neues Wissen zu generieren – und nicht nur altes zu transferieren,
jedenfalls nicht in der Universität. Nur dann ist es auch möglich, unterschiedliche
Wissensformen zu unterscheiden. Das akademische Wissen unterscheidet sich vom
Erfahrungswissen eines klugen Arztes und von der erfahrungspraktischen Expertise
eines geübten Handwerkers, in beiden Fällen handelt es sich um kostbares
Professionswissen. Es gehört zu den Kehrseiten der steigenden Studentenzahlen,
dass andere Wissensformen als die akademischen allzu leichtfertig abgewertet
werden. Die Verachtung des Handwerks geht mit dem Lobpreis des Studierens
häufig einher und könnte kaum kurzsichtiger sein. Wohin sollen denn die ganzen
Geisteswissenschaftler gehen, die heute einen Bachelor oder gar Master machen,
während gleichzeitig Fachkräfte fehlen – und zwar hochqualifizierte in der
Elektrotechnik und im Maschinenbau. Wissen muss also nicht notwendigerweise
wissenschaftliches Wissen sein.
Der gebildete Experte in einem Fach wird sich in fast allen anderen
Lebenszusammenhängen als Laie erleben. Aber er wird reflektiert mit den anderen
Experten ihres jeweiligen Faches umgehen können. Er wird merken, dass auch die
anderen nur mit Wasser kochen, er wird das verbale oder zahlenakrobatische
Imponiergehabe eines anderen schneller durchschauen und sich davon nicht
blenden lassen. Der gebildete Experte wird ein gerüttelt Maß an falscher Ehrfurcht
vor der fachwissenschaftlichen Expertise des Gegenüber verlieren und umso
nüchterner mit dem Expertenwissen des anderen umgehen können. Dazu aber muss
er eigenständiges Denken und Urteilsfähigkeit gelernt haben und die Fachsystematik
seines eigenen Faches so beherrschen, dass der lebenspraktische Bezug immer
schon mitgedacht werden kann. Geisteswissenschaftler können sich dann eben nicht
damit begnügen, Texte des 18. Jahrhunderts entziffern und verstehen zu können.
Aber sie werden möglicherweise durch ihre Interpretation der früheren Texte besser
darauf vorbereitet sein, die Zeichen ihrer Umwelt zu entziffern und zu verstehen.
In der Gründungsphase der Humboldtschen Universität im Jahre 1810 galt es
gleichzeitig Krisen zu bewältigen und einen Forschungsimperativ freizusetzen. Auch
die Bologna-Universität wird ihre Absolventen nur krisentauglich machen, wenn sie
der Forschung verpflichtet bleibt und sie nicht aus der Universität auswandern lässt.
Und sie wird auch nur dann ihrer Aufgabe der Bildung durch Wissenschaft gerecht,
wenn sie das Studium nicht mit der Vermittlung von Wissensaxiomen verwechselt.
Es gibt in der Bologna-Diskussion auch die Tendenz, Humboldt all das zuzurechnen,
was man selbst gerne an der Universität hätte. Die Gründerväter der Universität
waren nüchtern und sehr pragmatisch. Ihr Ideal des gebildeten Experten bleibt eine
Verpflichtung für die Universität. Denn sie ist die einzige Institution, die ihn
sozialisieren kann. Gelingt ihr das nicht, wird es womöglich nur noch gläubige
Dilettanten oder falsche Wissenschaftsgläubige geben.
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