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Professor Günter G. Voß: Burn out . Arbeiten bis zum Umfallen>>
Autor und Sprecher: Professor Günter G. Voß *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 8. August 2010, 8.30 Uhr,
SWR 2
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Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten
Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der
ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
ÜBERBLICK
Die Leistungsgesellschaft und die ökonomische Krise erzeugen einen
immensen Druck auf die Arbeitnehmer. Die müssen auf der einen Seite
flexibel, engagiert, motiviert sein, um Höchstleistungen erbringen
zu können, auf der anderen Seite müssen sie sich oft mit prekären
Arbeitsverhältnissen und Lohnpolitiken abfinden. Kaum verwunderlich,
dass Angst- und Depressionserkrankungen zunehmen, dass immer mehr
Ratgeber den Buchmarkt erobern, die angeblich zeigen, wie man mit
dem Druck zurecht kommt. Der Arbeitssoziologe Professor G. Günter
Voß zeigt politische und ökonomische Ursachen dieses gefährlichen
Trends auf.
* Zum Autor:
Günter G. Voß, geboren 1950, studierte Soziologie (mit Psychologie
und Politischer Wissenschaft) in München. Von 1979 bis 1994 war er
als universitärer Assistent (Lehrstuhl Prof. K.M. Bolte) und als
wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Sonderforschungsbereichen 101
("Theoretische Grundlagen sozialwissenschaftlicher Arbeitsmarkt- und
Berufsforschung") und 333 ("Entwicklungsperspektiven von Arbeit") in
München tätig. Seit 1994 hat er den Lehrstuhl für Industrie- und
Techniksoziologie an der TU Chemnitz inne. Seine Arbeitsschwerpunkte
sind u. a.: Arbeitskraft und Arbeitsperson - Arbeit und
Subjektivität, Beruf und Bildung, Arbeit und Leben - Produktion und
Konsumtion, Subjektorientierte Soziologie. Im Mittelpunkt seines
Interesses steht insbesondere der „lebendige, sinnliche“ Mensch und
sein praktischer Alltag.
Bücher (Auswahl):
Handbuch Arbeitssoziologie (zus. mit Fritz Böhle und Günther
Wachtler). vs-Verlag. 2010.
Soziale Mechanismen im Betrieb: Theoretische und empirische Analysen
zur Entgrenzung und Subjektivität von Arbeit (zus. mit Norbert
Huchler und Margit Weihrich), Verlag Hampp, Mering. 2007.
Der arbeitende Kunde: Wenn Konsumenten zu unbezahlten Mitarbeitern
werden. Campus-Verlag. 2005.
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Ansage:
Jetzt haben wir den Salat. Erst haben wir die Leistungsgesellschaft
etabliert, und jetzt kommen wir mit derselben nicht mehr zurecht.
Erst haben wir vom motivierten, flexiblen, allseits bereiten
Mitarbeiter geträumt, der sich voll und ganz fürs Unternehmen
einsetzt, dann haben wir gesehen, dass dieser Mitarbeiter mit seinem
Engagement an die Grenzen der Belastbarkeit geführt wird.
Das Ergebnis dieses Prozesses: Die Zahl der Angst- und
Depressionserkrankungen hat in den letzten Jahren rapide zugenommen.
Und die Leistungsgesellschaft ist die eine Seite, die andere: Das
sind rücksichtlose Unternehmen, die ihre Mitarbeiter ausbeuten, die
sie bespitzeln, damit sie sie unter Druck setzten können, die sie
rauswerfen, wenn sie eine Maultausche aus der Kantine mitgehen
lassen.
Günter Voß ist Arbeitssoziologe an der TU Chemnitz, und er
untersucht diesen Wandel in der Arbeitswelt. Hinter der Zunahme des
Burn-Out-Syndroms verbirgt sich für ihn eine Gesellschaft, die sich
ändern muss, weil es so nicht mehr weitergehen kann.
Günter G. Voß:
Erinnern Sie sich noch an das Jahr 2009, an den Selbstmord des
Torwarts Robert Enke? Erinnern Sie sich auch an das Jahr vorher:
einige spektakuläre Selbstmorde in französischen Großbetrieben, bei
der France Telecom und bei Renault? Beides hat sehr viel
Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erregt, und wenn ich jetzt
nicht direkt über Selbstmorde, aber über psychische Probleme und
Depressionen sprechen, dann meine ich nicht so ganz persönliche
Fälle wie den von Robert Enke, das ist ein tragischer individueller
Fall, sondern ich meine die öffentliche Resonanz. Mein Eindruck ist,
dass hinter der Aufmerksamkeit für solche Fälle eine
gesellschaftliche Entwicklung steckt, dass es weithin – das zeigen
viele Studien, über die ich noch berichten werde – eine Zunahme von
psychischen Belastungen und Störungen in der Gesellschaft gibt.
Wenn ich mich mit psychischen Problemen und im Extremfall auch mit
Selbstmorden befasse, dann ist meine Frage, ob es einen Zusammenhang
gibt mit dem aktuellen Wandel der Gesellschaft und vor allen Dingen
mit dem aktuellen Wandel in der Arbeitsgesellschaft. Es gibt viele
Indizien, die darauf hindeuten. Das ist mein Thema heute.
Ich möchte mit einigen Daten beginnen, mit Befunden aus
verschiedenen Studien, die in den letzten Jahren von verschiedenen
Krankenkassen erstellt worden sind. Krankenkassen haben naturgemäß
ein großes Interesse daran, neu auftauchende Erkrankungen oder
Veränderungen im Krankheitsgeschehen zu verstehen. Die Zahlen aus
den Studien sind aufschlussreich, ich würde geradezu sagen, sie sind
erschreckend. Die Deutsche Angestellten Krankenkasse hat schon im
Jahr 2005 festgestellt, dass die Krankentage, die im Zusammenhang
mit depressiven Erkrankungen stehen, seit dem Jahr 2000 um 40 %
zugenommen haben.
Krankheitstage infolge von psychischen Problemen in etwa dem
gleichen Zeitraum haben sogar eine Zunahme von etwa 60 % erfahren.
Die Deutsche Angestellten Krankenkasse spricht davon, dass es seit
den 1990er Jahren eine Zunahme von Krankheitstagen aufgrund
psychischer Erkrankungen in einer Größenordnung von fast 200 % gibt.
Besonders betroffene Berufsgruppen sind laut Studien der AOK, den
Betriebskrankenkassen und der DAK Frauen, vor allem Frauen, die im
Kundenkontakt arbeiten, also in Callcentern, vor allen Dingen aber
auch in der Pflege. Besonders bemerkenswert ist, dass auch eine
Zunahme bei qualifizierten Berufstätigen zu verzeichnen ist.
Psychische Erkrankungen sind nicht reduziert auf klassische, stark
im Berufsleben belastete Gruppen wie zum Beispiel Arbeiter oder
einfache Angestellte, sondern – um es etwas salopp auszudrücken – es
erwischt jetzt zunehmend auch Experten, Hochqualifizierte und
Führungskräfte.
Eine besonders erstaunliche Zahl vermeldete die AOK: Gerade junge
Männer unter 20 Jahren Leiden verstärkt unter Depressionen, das ist
eine Zunahme von 2004 bis 2009 um fast 40 %.
Mehrere Studien deuten ganz explizit darauf hin, und ich habe das
vorhin schon erwähnt, dass die Zunahme von psychischen Belastungen,
psychischen Erkrankungen und Symptomatiken ganz offensichtlich mit
Veränderungen in der Arbeitswelt zusammenhängen. Die DAK hat in
einer Studie aus dem Jahr 2009, also ziemlich aktuell, darüber
berichtet, dass es eine deutliche Zunahme der Verwendung von
Psychopharmaka zur Leistungssteigerung im Berufsleben gibt,
insbesondere das viel diskutierte Ritalin, ein Medikament, das vor
allen Dingen zur Behandlung von verhaltensauffälligen Kindern
verschrieben wird.
Weiterhin berichtet die DAK über einen deutlichen Zusammenhang
psychischer Erkrankungen mit den Spezifika moderner Arbeitswelten
vor allen Dingen in Wissens- und Dienstleistungs-Bereichen. Und eine
letzte Studie von den Krankenkassen, nämlich eine so genannte
Metastudie des Psychotherapeutenverbandes über Studien vieler
Krankenkassen hinweg sagt aus, dass dies ein genereller Trend ist,
bei Unterschieden zwischen den einzelnen Krankenkassen.
Eine andere Art von Studien, aus denen ich Daten und Ergebnisse
berichten möchte, wenden sich explizit Belastungen von Mitarbeitern
in modernen Betrieben zu. Auch hier einige Zahlen, die die Dramatik
verdeutlichen sollen: Eine Befragung unter Hans-Böckler-Stiftung bei
Betriebsräten in deutschen Unternehmen zeigt, dass in 67 % der
Betrieben "ein hoher Leistungsdruck herrscht" und 43 % der
Beschäftigten psychische Probleme haben. Das Fürstenberg-Institut
berichtet davon, dass 53 % der befragten Beschäftigten psychische
oder soziale Belastungen aufweisen. In der gleichen Studie wird der
mögliche volkswirtschaftliche Schaden aufgrund psychischer Probleme
auf 26 Millionen € pro Jahr geschätzt. Das ist eine erstaunlich hohe
Zahl, über die man sich vielleicht auch streiten kann, aber sie ist
dennoch ein mögliches Indiz, was eigentlich in der Gesellschaft
abläuft. Eine Studie von Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen
Dienstleistungsbereichen zeigt, dass es vor allen Dingen in Banken
und IT- Unternehmen eine hohe psychische Belastung aller Arten von
Beschäftigten gibt. Und eine aktuelle Studie der Bundesanstalt für
Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, erst wenige Wochen alt, zeigt,
dass es generell in der modernen Arbeitswelt ganz objektiv ein hohes
Risiko gibt, psychisch zu erkranken.
Wenn ich diese vielen Daten zusammenfasse, dann ergibt sich für mich
folgendes Bild, und ich möchte einige Zitate aus den schon erwähnt
Studien zusammentragen: Die Allianz spricht von der Depression als
neue Volkskrankheit. Betriebskrankenkassen reden davon, dass
seelische Krankheiten zunehmend das Krankheitsgeschehen prägen. Die
AOK berichtet von einem zunehmenden Wandel der Arbeit, die zu
psychischen Krankheiten führt, und betont ausdrücklich, dass keine
Modeerscheinung ist. Vielleicht ein letztes Zitat aus einer eigenen
Studie, in der Berater und Supervision befragt worden sind: "Das
psychische Elend in den Betrieben ist erschreckend."
Diese Studie haben wir in Zusammenarbeit mit dem
Siegmund-Freud-Institut vor 3 bis 4 Jahren gemacht: Befragt haben
wir wie gesagt Berater und Supervisoren. Dabei zeigte sich
durchgehend eine massive Belastung der Beschäftigten, vor allen
Dingen zeitlich, ein Zeitstress, der mit vielen Terminen zu tun hat.
Arbeitsunfälle steigen massiv an, es gibt zunehmend unklare
Anforderungen und gleichzeitig knappere Ressourcen, etwa durch
Wegfall von Kollegen, die Unterstützung leisten könnten. Die Berater
und Supervisor berichten von häufigen inneren Berentungen, von
Demotivierung, einem Gefühl der Sinnlosigkeit des Tuns. Was wir vor
allen Dingen erschreckend fanden, war eine zunehmende
Vernachlässigung von professionellen Qualitätsstandards, also zum
Beispiel in Krankenhäusern oder bei der Sozialversorgung. Die
Befragten berichteten ganz häufig davon, dass Mitarbeitern in hohem
Maße Anerkennung und Wertschätzung für ihr Tun fehlt. Vor allen
Dingen beklagen sie sich darüber, dass sie von ihren Führungskräften
alleingelassen werden, Druck einfach an sie weitergegeben wird und
niemand sie schützt und stützt. Das ist besonders stark ausgeprägt
in der Wirtschaft und kommt jetzt auch im Sozial- und
Non-Profitbereich an, was dort große Verstörungen im
Mitarbeiterkreis ausgelöst.
Und damit zu einigen Erklärungen, was vielleicht hinter diesen
Entwicklungen stecken könnte. Vorab zwei Bemerkungen: Um welche
Symptome geht es, worüber rede ich hier eigentlich? Einmal ist es
die Depression, und dort ist es wichtig zu unterscheiden zwischen
der medizinisch verifizierten, „echten“ Depression, ein massives
Krankheitsbild mit vielen Ursachen, von denen nur ein Teil in der
Arbeitswelt zu suchen ist. Sehr viel deutlicher sind Zusammenhänge
mit sozialen Faktoren etwa in der Arbeitswelt bei so genannten
„depressiven Störungen“ oder „Verstimmungen“. Zunehmend zeigen sich
auch Angsterkrankungen, damit meine ich in dem Fall aber nicht
Paniken oder Phobien, sondern eine so genannte „generalisierte
Angststörung“, sehr oft eine Folge von Überlastungen etwa in der
Arbeitswelt. Nicht zuletzt geht es um das häufig diskutierte Burn
out.
Das Burn out ist erst seit kurzem als Krankheit anerkannt und weist
eine sehr diffuse Symptomatik auf. Man muss unterscheiden zwischen
dem klassischen Burn out,
nämlich eine emotionale Verausgabung vor allen Dingen bei
Berufstätigen im Sozialbereich, mit der Folge, dass sie nur wenig
emotional zurückbekommen. Heute ist der Auslöser von dem, was man
Burn out nennt, Überforderung, eine Verunsicherung, ein Gefühl der
Sinnlosigkeit und vor allen Dingen auch eine massive Zukunftsangst.
Wichtig ist bei all diesen Dingen zu sehen, dass Menschen sehr
unterschiedlich sind; die so genannte Resilienz, also die
Widerständigkeit gegen belastende Faktoren, ist sehr verschieden.
Und nicht zu vernachlässigen ist auch, dass eine persönliche
Disposition körperlicher Art und vielleicht auch familiärer Art ein
wichtiger Faktor ist. Trotzdem, soziale Faktoren und insbesondere
auch aus der Arbeitswelt haben bei allen diesen Symptomen
offensichtlich eine große und zunehmende Bedeutung.
Zweite Vorbemerkung: Es wird nicht selten eingewendet, das all dies
eine Folge eines stärkeren Bewusstseins in der Bevölkerung für
psychische Probleme ist. Man ist eher bereit, darüber zu reden.
Entsprechend verändert sich auch das Verschreibungsverhalten der
Ärzte. Das ist ganz offensichtlich so. Selbstmorde in großen
Betrieben, ich hatte vorhin darüber gesprochen, liegen statistisch
betrachtet durchaus im normalen Bereich. Das Ganze könnte auch ein
Medienhype sein, also eine überzogene Berichterstattung über
einzelne Fälle.
All die Studien, die ich am Anfang erwähnt habe, laufen jedoch
darauf hinaus, dass diese Argumente zwar die eine oder andere Zahlen
relativieren mögen, dass es aber insgesamt einen deutlichen Trend in
die genannte Richtung gibt. Die Zahlen sind derart klar, dass sie
nicht nur durch derartige Veröffentlichungen erklärt werden können.
Und Befragungen aus der Praxis, bei Therapeuten, Betriebsräten und
Beratern, ich hatte darüber berichtet, bestätigen massiv, dass dies
nicht irgend eine kurzfristige Modeerscheinung ist.
Weiter zu den Erklärungen: Was könnte dahinter stecken? Einige
Faktoren, die die DAK in ihrer Studie aus dem Jahre 2005 als
Veränderungen der Arbeitswelt aufzählt und genauer benennt, sind:
überhöhte Anforderungen an die Berufstätigen, also ein genereller
Leistungsdruck, Terminstress, überlange Arbeitszeiten, vor allen
Dingen eine Vermischung von Berufssphäre und Privatleben, ein
ständiger Wechsel von Bedingungen, ein ständiger Wechsel auch von
Betriebsstrategien und nicht zuletzt eine zunehmende so genannte
Emotionsarbeit bei Mitarbeitern, die im Kundenkontakt stehen. Dies
geht oft einher mit sinkenden Einflussmöglichkeiten und einer
verringerten Berechenbarkeit dessen, was auf einen zukommt. Also,
die Belastungen sind hoch, aber man hat nur ganz wenig Möglichkeiten
gegenzusteuern oder auszuweichen. Immer wieder wird berichtet von
einer geringeren und sogar abnehmendem Unterstützung durch Kollegen
und vor allen Dingen auch durch Vorgesetzte. Die Vorgesetzten
insbesondere sind diejenigen, die, ich erwähnte das schon, den Druck
einfach weitergeben und nur in geringem Maße Belohnung, Anerkennung
oder Wertschätzung gewähren für die oft sehr hohe Leistung der
Mitarbeiter.
Nicht zuletzt sind es steigende Arbeitsumfänge, verbunden sind mit
einem gleichzeitigen Abbau von Ressourcen: Der Kollege von
gegenüber, der bisher mitgearbeitet hat, ist auf einmal nicht mehr
da, das Arbeitsvolumen ist aber das gleiche geblieben.
Weiter zu den Erklärungen: Die Arbeitssoziologie beschäftigt sich
seit längerem mit dem Wandel der Arbeitsverhältnisse, die zunehmend
zu psychischen Erkrankungen führen. Ein wichtiges Stichwort in
diesem Zusammenhang ist das so genannte „Ende des
Normalarbeitsverhältnisses“. Was ist damit gemeint? Zum einen und
vor allen Dingen ist es ein Abbau von bisher gewohnten,
verlässlichen Regulierungen und Stabilität. Feste Arbeitszeiten
fallen weg, für viele Berufstätige wechseln ständig die Orte, vor
allen Dingen wenn sie Mobilarbeiter sind, Kollegen wechseln, man ist
ständig in neuen Projekten unterwegs und hat es immer wieder mit
unterschiedlichen Menschen zu tun, die Berufswege werden brüchig und
unklar, was Zukunftsängste erzeugt. Ein weiterer Faktor: Betriebe
wenden zunehmend neue Steuerungsformen an. Immer weniger geht es
darum, was man im einzelnen tut, als darum, dass das Ergebnis
stimmt, wie auch immer. Die Folge ist, dass Berufstätige oft nicht
mehr wissen, wann genug ist und was eigentlich richtig ist. Sie
haben permanent das Gefühl, zu wenig zu leisten.
Das Ganze ist eine prekäre neue "Freiheit": Einerseits hat man mehr
Spielraum, die Arbeit zu gestalten, weil nicht mehr im Detail
kontrolliert wird, was man zu tun hat; zum anderen aber steht man
unter einem massiven Erfolgsdruck. Und das, wie schon erwähnt, bei
einer gleichzeitigen Verringerung der Ressourcen. Man hat neue
Handlungsmöglichkeiten, aber gleichzeitig steht man von neuen
Risiken und vor allen Dingen vor dem Risiko der Überforderung. Und
nicht zuletzt ist es eine zunehmende Vermischung von Berufsleben und
Privatheit, die den Menschen zu schaffen macht.
Eine aktuelle Studie der Bitkom etwa berichtet darüber, dass 67 %
der Beschäftigten inzwischen über verschiedene mobile Geräte auch
außerhalb der Erwerbssphäre, also im Privatbereich, erreichbar sind.
Zwei Begriffe aus der Soziologie können das Ganze noch einmal
zuspitzen: Zum einen wird davon gesprochen, dass die Arbeitswelt
immer mehr „entgrenzt“ wird. Damit ist eine zunehmende Rücknahme und
ein Abbau von Strukturen gemeint, die Sicherheit und Orientierung
bieten und Grenzen setzen für Anforderungen. Es geht um eine neue
Form des Leistungsabrufs mit der Folge, dass man immer mehr arbeitet
und, ich erwähnte das schon, dass man nie weiß, wann genug ist.
Ständig sehen sich Berufstätige unberechenbaren Veränderungen
gegenüber. Diese Entgrenzung von Arbeitsverhältnissen führt, so ein
zweiter Begriff, zu einer zunehmenden „Subjektivierung“ von Arbeit.
Damit ist gemeint, dass die Berufstätigen, also die arbeitenden
Subjekte, immer mehr alles selber machen müssen. Die jetzt
wegfallenden Strukturen müssen sie selber herstellen, etwa die
Arbeitszeiten oder die Organisation mit den eigenen Kollegen.
Stichworte dazu: Selbstorganisation, Selbstverantwortung. Man muss
alles geben, man muss alles selber machen. Manche Arbeitssoziologen
sprechen davon, dass dies zunehmend einen totalen Zugriff auf die
Subjektivität der Berufstätigen bedeutet.
Arbeitet ohne Ende geht mit einer steigenden Unsicherheit, mit einer
neuen Art von Selbstausbeutung und mit einem Versagensgefühl und vor
allen Dingen mit einer Zukunftsangst einher. Das Ganze ist, um es
zusammenzufassen, einerseits eine eigenartige neue Form von
Freiheit, von Offenheit, von Selbstverantwortlichkeit; zum anderen
ist es aber eine ganz neue Form von Druck, von Überlastung, von
Verunsicherung.
Diese Widersprüchlichkeit erzeugt typischerweise genau die
psychischen Belastungen, die zu dem führen, worüber ich hier rede.
Es sind psychisch belastende Selbstverstrickungen, aus denen man
keinen Ausweg weiß. Man fühlt sich ständig selber schuld, man hat
eigentlich keinen Gegner mehr oder man ist selbst der Gegner, man
kann keine Gegenwehr leisten außer gegen sich selber, man weiß
eigentlich keine Auswege, man hat eine unklare Zukunft, man fühlt
sich generell überlastet. Kurz gesagt: Alles, was man macht, ist
potentiell falsch. Zumindest weiß man nicht, ob es nicht ein Risiko
sein könnte. All dies führt, um es noch einmal zugespitzt zu
formulieren, zu einer völlig neuen Qualität arbeitsbedingter
Erkrankungen. Dies bestätigten die Studien, die ich anfangs erwähnt
hatte.
Es gibt eine interessante Abnahme körperlicher Risiken, also auch
bekannter Gesundheitsprobleme wie etwa Rückenschmerzen. Parallel
dazu steigen die psychischen Belastungen. Also wenn man so will,
weniger körperliche Belastungen, mehr psychische Belastungen ganz
generell. Besonders betroffen sind aber gerade Berufsbereiche, also
Wissens-und Dienstleistungs-Branchen und eben qualifizierte
Beschäftigte und Führungskräfte. Psychische Belastungen treten nun
aber auch bei einfachen Angestellten und sogar bei Arbeitern auf.
Einfache Angestellte etwa, die in Callcentern arbeiten, in der
Beratung, Verkauf und vor allen Dingen, was oft berichtet wird,
Frauen in der Pflege. Bei den Arbeitern taucht auf einmal auf, dass
sie in Teams und unter Termindruck und mit Kundenkontakten arbeiten
müssen, etwa wenn sie im Außendienst sind, dass sie Leiharbeiter
sind, dass ihre Verträge befristet sind, dass sie mit weniger
auskommen können. Und auch dies sind in hohem Maße psychische
Belastungen, die etwa Zukunftsangst oder ein Gefühl der allgemeinen
Überforderung erzeugen.
Hinzu kommt aus soziologischer Sicht, um das Ganze noch etwas zu
verallgemeinern, eine generelle Verunsicherung der Bevölkerung. Es
gibt ein weithin verbreitetes Gefühl der Angst um die eigene Zukunft
und die eigene soziale Lage. Dahinter stecken viele Entwicklungen,
etwa der Abbau der sozialen Sicherung, vor allen Dingen als Folge
der Hartz-Reformen. Ganz viele Menschen beobachten mit großer
Aufmerksamkeit und Irritationen die offensichtliche Schieflage der
aktuellen Sparprogramme. Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat
zusätzlich dazu geführt, dass in hohem Maße die Menschen wichtigen
Institutionen wie zum Beispiel Banken nicht mehr trauen. Es gibt,
was deutlich zu sehen ist auch die allgemeine Bevölkerung
beobachtet, eine Zunahme sozialer Ungleichheit. Man könnte fast von
einer zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft sprechen. Die
Reichen werden reicher, und viele andere werden immer ärmer. Eine
aktuelle, viel beachtete Studie des Deutschen Instituts für
Wirtschaftsforschung spricht von einer „Verunsicherung der
Mittelschicht" und von einer Statusangst genau der
Menschen in der Mitte. Sie haben Angst davor, in ein irgendwie
geartetes Aus zu geraten.
Welches Resümee kann man ziehen? Die Veränderungen in der
Arbeitswelt oder insgesamt auch der Wandel der modernen Gesellschaft
im Übergang zum 21. Jahrhundert erzeugen zunehmend psychische
Belastungen für einen großen Teil der Menschen in der Gesellschaft.
Es gibt wenige Gewinner, und wenn es Gewinner sind, dann oft nur auf
Zeit. Und es gibt sehr viele Verlierer aller Art. Und es gibt
tatsächlich eine neue Armut und eine Vernachlässigung von großen
Bevölkerungsgruppen. Insbesondere betroffen davon ist die Jugend,
deren Zukunft noch weitgehend offen ist. Ich möchte das zuspitzen
und sagen, es gibt ein allgemeines Überforderungssyndrom in der
Gesellschaft. Man könnte sagen, die Gesellschaft ist dabei, ihre
wichtigste lebendige Basis, nämlich die Menschen, zu überfordern und
in einem Maße auszubeuten, dass eine Grenze erreicht ist.
Der Autor Ilja Ehrenburg hat 2004 ein Buch geschrieben mit dem
interessanten und viel beachteten Titel "Erschöpftes Selbst". Ich
würde sagen, es geht nicht nur um die erschöpfte Selbste, sondern
was wir hier vorfinden, ist eine erschöpfte Gesellschaft. Oder um es
noch etwas anders zu nennen: Es deutet sich an, dass Depressionen
und Burn out so etwas sind wie eine neue Leiterkrankung der
Gesellschaft im Übergang zum 21. Jahrhundert. Jede Gesellschaft,
jede Epoche hat solche Leiterkrankung. Im 19. Jahrhundert war es die
so genannte Neurasthenie, im 20. Jahrhundert die Herz- und
Kreislauferkrankungen und jetzt sind es möglicherweise Burn out,
Depression, chronische Müdigkeit und so weiter. Das könnte das
typische Krankheitsbild sein, das uns die nächsten Jahre begleitet
wird. Um es noch mehr zu zuspitzen, möchte ich einen Begriff von
Karl Marx aufgreifen, der von einer „Verelendung“ der berufstätigen
Bevölkerung, damals des Proletariats, sprach. Ich würde sagen, wir
erleben im Moment erneut ein Verelendungsthema, vielleicht weniger
eine materielle Verelendung, obwohl es das auch gibt, sondern eine
zunehmende psychosoziale Verelendung großer Teile der Bevölkerung.
Das ist ein zugespitzter Begriff, ich weiß das, aber ich möchte
damit darauf aufmerksam machen, was aktuell passiert und viele
Menschen bewegt und was auch die Politik und Betriebe bewegen
sollte.
Was müssen wir daraus folgern? Was kann sich ändern, wer sollte
etwas ändern? Zum einen und vor allen Dingen, da ich ja über die
Arbeitswelt rede, sind es die Betriebe. Die müssen mehr als bisher
lernen, nachhaltig mit ihren wichtigsten Ressourcen, nämlich den
Menschen, umzugehen. Sie reden zwar davon, dass die Menschen ihr
wichtigstes Kapital seien, aber vielleicht gehen sie mit den
Menschen eben auch so um, sie beuten sie als totes Kapital aus. Es
geht darum, mehr die Lebendigkeit zu achten und sie vielleicht in
einer nachhaltigen, angemessenen Form auszunutzen. Exzesse der
Ausbeutung müssen verringert werden, Betriebe müssen lernen, echte,
wirkliche Anerkennung zu geben und die Professionalität der
Berufstätigen ernst zu nehmen und sie nicht zu sabotieren.
Unternehmen müssen authentische Unternehmenskulturen aufbauen und
keine Unternehmenskulturen, die den Mitarbeitern einfach
übergestülpt werden. Unternehmen
müssen lernen, ihre Organisationen sozusagen als lebendige Wesen zu
sehen und diese Lebendigkeit auch zu pflegen. Führungskräfte muss
stärker auch für den Schutz der Mitarbeiter in die Verantwortung
genommen werden, vor allen Dingen auch für den psychischen Schutz.
Es muss so etwas geben wie eine psychische Gesundheitsvorsorge.
Erste Versuche dazu sind zu beobachten und müssen ausgebaut werden.
Work-Life-Balance, ein wichtiges Thema zurzeit, muss ernst genommen
werden. Work-Life-Balance heißt vor allen Dingen, dass Menschen ihre
Zeitsouveränität, also eine Möglichkeit, ihre Zeit selbst zu
organisieren, gewährt wird. Wenn das nicht passiert, so meine
Prognose, dann drohen in Zukunft massive Verluste der
Leistungsbereitschaft und der Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter.
Auch gesellschaftlich muss sich etwas ändern, und da ich die
Gesellschaft nicht direkt ansprechen kann, meine ich jetzt erst
einmal die Politik, die Gesellschaftspolitik, also die politischen
Akteure, die ein Auge darauf haben, dass sie die Gesellschaft
umbauen wollen und müssen. Wichtiges Ziel muss vor dem Hintergrund
dessen, worüber ich hier rede, sein, dass die Sozietät, das
Zusammenleben der Menschen, wenn man so will auch die Solidarität,
nicht überfordert wird. Kurz gesagt heißt das, die Ökonomisierung
begrenzen und den Markt nicht als Allheilmittel begreifen. Den
Wandel entschleunigen und in neuer Weise so etwas wie Lokalität,
Stabilität und Bindung der Menschen als Werte anerkennen. Die
soziale Vielfalt der Menschen anerkennen und unterstützen. Und nicht
zuletzt den Menschen Sicherheit und Perspektive bieten.
Das mag zum Teil altmodisch, vielleicht auch konservativ klingen,
ist aber angesichts dessen, was wir zu Beginn des 21. Jahrhunderts
erleben, eine entscheidende Aufgabe. Wenn das nicht erfolgt, droht
ein weiterer massiver Vertrauensverlust und, ich sagte es schon,
eine neue Verelendung der Gesellschaft.
Nicht zuletzt sind es die einzelnen Subjekte, die etwas verändern
müssen. Das mag jetzt absurd klingen angesichts dessen, dass ich von
Betrieben und von der Gesellschaft sprach, aber ich glaube, an
dieser Stelle sind die Subjekte mehr denn je gefordert, sich mehr
als bisher um sich selbst zu kümmern. Ein wichtiger Begriff in der
Diskussion darüber ist die so genannte Selbstsorge. Die Menschen,
insbesondere die Berufstätigen, müssen neu lernen, darauf zu achten,
wo sie Grenzen erreichen. Sie müssen lernen, auf Symptome zu achten
und frühzeitig zu reagieren. Sie müssen lernen, ganz persönlich
Prävention zu betreiben. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist, dass
sich die Menschen mehr als bisher fragen, was eigentlich ihre
Lebensziele und -werte sind. Und danach zu handeln. Dies ist einer
der wichtigsten Möglichkeiten, sich gegen Überlastungen zu schützen.
Nicht zuletzt, und damit komme ich zum Ende, ist es wichtig, dass
die Menschen in neuer Weise lernen, sich selbst zu begrenzen, was
auch immer damit gemeint ist: Konsum, Freizeitaktivitäten, aber eben
auch die Berufstätigkeit. Das mögen die Betriebe an der einen oder
anderen Stelle nicht gerne hören, aber es ist extrem wichtig für
Berufstätige zu sagen, ich kann nicht, ich will nicht, jetzt ist
eine Grenze erreicht, vielleicht sogar zu sagen, ich muss meine
beruflichen Bedingungen verändern, weil ich mich sonst selber
gefährde oder meine ganze Familie. "Less is more" ist in vielerlei
Hinsicht eine zukünftig extrem wichtige Devise, gerade als
Prävention gegen psychische Überlastungen. Wenn das nicht gelingt,
so prognostizierte ich, droht eine tief greifende existenzielle
Gefährdung vieler Menschen in unserer Gesellschaft.
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