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SWR2 Wissen Aula - Dr.
Michael Winterhoff: Kinder sind keine Partner . Kleine Narzissten .
Warum unsere Kinder Tyrannen sind
Ralf Caspary im Gespräch
mit Dr. Michael Winterhoff *
Redaktion: Ralf Caspary,
Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 19.
Oktober 2008, 8.30 Uhr,
SWR 2
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist
ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere
Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers
bzw. des SWR.
AUTOR*
Dr. Michael Winterhoff,
geboren 1955, studierte Humanmedizin in Bonn und ist als Facharzt
für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie seit 1988 in
eigener Praxis niedergelassen. Er befasst sich schwerpunktmäßig mit
dem aktuellen Störungsbild der psychischen Entwicklungsstörungen im
Kindes- und Jugendalter aus tiefenpsychologischer Sicht. Winterhoff
analysiert Familiensysteme auch auf dem Boden gesellschaftlicher
Veränderungen. Er warnt vor einer Macht-Umkehr zwischen Eltern und
Kindern. Dinge zu erklären, könnte ein Anleiten und Führen nicht
ersetzen. Eltern als Freunde machten Kinder zu Tyrannen. Außerdem
sieht Winterhoff die zunehmend verschriebenen Medikamente nicht als
Lösung für Erziehungsprobleme.
Literatur:
Dr. Michael Winterhoff:
Warum unsere Kinder Tyrannen werden - Oder: Die Abschaffung der
Kindheit. Gütersloher Verlagshaus 2008, 191 Seiten.
Dr. Michael Winterhoff:
Tyrannen müssen nicht sein: Warum Erziehung nicht reicht - Auswege.
Gütersloher Verlagshaus (Januar 2009), 192 Seiten.
ÜBERBLICK
Wieso werden Kinder zu
kleinen Tyrannen?
Sie sind ungehorsam,
selbstbezogen, sie wollen immer im Mittelpunkt stehen und plappern
ständig dazwischen. Es gibt immer mehr von diesen respektlosen
Kindern, deren Eltern einiges falsch gemacht haben. Sie zeigen ihren
Kindern keine Grenzen, sie sehen ihren Sohn oder ihre Tochter als
Partner. Überraschend daran ist, dass dieses Phänomen zunehmend in
der bürgerlichen Mittelschicht wahrzunehmen ist - gerade hier gibt
es machtlose Eltern, die ihren aggressiven Kindern nicht mehr
gewachsen sind.
Der Kinderpsychiater und
Buchautor Michael Winterhoff forscht nach den gesellschaftlichen und
psychologischen Ursachen.
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ERSTES KURZES FAZIT w.p.
Kernaussage: In der Kind-
als Partner-Herrschaft entsteht "Emotionaler Missbrauch" zwischen
Kinder-Tyrannen, Eltern und Gesellschaft statt Erziehung ist Fakt .
Langfristig-heranwachsende Partnerschafts-Erziehung als Ziel, wenn
am frühkindlichen Weg, dann führt sie zur individuellen bis
gesellschaftlichen Krise > "anything goes"...
1 Eltern < > Kinder :
? Partnerschaft ? Sie sind keine Partner - vorerst !
2 Kinder - Herrschaft
V
Eltern : ? Tyrannei
I ! Eltern in Not
3 Kinder - Herrschaft
V
Erzieher : ? Tyrannei
II ! Schule in der Krise
4 Kinder als Erwachsene
- Herrschaft
V
Gesellschaft : ?
Tyrannei III ! in der Krise
5 Was tun : Vorrangiges
Ziel von Eltern, Erziehern und Gesellschaft ist es die eigene
Sinnfrage zu beantworten ( statt Symbiose und Kompensation ... ).
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INHALT
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Ansage:
Heute mit dem Thema:
„Kleine Narzissten – Warum unsere Kinder Tyrannen sind.“
Sie sind unerzogen,
gehorchen nicht, sie sind auf sich selbst und auf die eigenen
Wünsche fixiert. Es gibt immer mehr dieser „Tyrannen“, deren Eltern
eigentlich versagt haben. Überraschend ist, dass dieses Phänomen,
dieses Psychogramm immer öfter in der Mittelschicht anzutreffen ist,
hier scheint wirklich etwas aus dem Ruder gelaufen zu sein.
Das sind Thesen des
Buchautors, des Kinder- und Jugendpsychiaters Dr. Michael Winterhoff,
den ich zum AULA-Gespräch begrüße. Guten Morgen, Herr Winterhoff.
Winterhoff:
Guten Morgen, Herr
Caspary.
Frage:
Ihr Buch trägt den Titel
„Warum unsere Kinder Tyrannen werden“. Ich habe eben schon einen
kleinen Verhaltenskatalog skizziert, wie ließe der sich fortsetzen?
Wann benimmt sich aus Ihrer Sicht ein Kind wie ein Tyrann?
Winterhoff:
Zunächst einmal zu dem
Buchtitel: Meine Sorge ist, dass diese Kinder später als Erwachsene
Tyrannen sind. Der Hintergrund ist, dass ich in meiner Praxis immer
mehr Kindern begegne, die psychisch nicht reifen. Das erkennen Sie
daran, dass diese Kinder respektlos sind. Dabei geht es nicht um
offensichtliche Respektlosigkeit, freche und unverschämte Kinder
sehe ich seltener. Mir geht es um die Kinder, die so wirken, als
würden sie einfachste Aufträge nicht verstehen. Dadurch bringen sie
den Erwachsenen dazu, Aufträge doppelt und dreifach zu geben.
Frage:
Das heißt, ich sage
meinem Kind zum Beispiel, ‚hol mir mal die Butter’ oder ‚fege bitte
die Straße’, und es verweigert sich und sagt, ‚nein, das mache ich
nicht’?
Winterhoff:
Nein, zu einer direkten
Verweigerung kommt es nicht. Nehmen wir das Beispiel ‚deck bitte den
Tisch’. Die Antwort eines solchen Kindes könnte lauten: ‚Ja, aber
gleich’, ‚warum schon wieder ich’, ‚die Messer auch’, ‚hab ich das
so richtig gemacht’ oder es deckt die Tassen nicht. Und wenn Sie den
Auftrag doppelt und dreifach geben, führt das Kind es aus. Gehen wir
von einer gesunden Reifeentwicklung aus, wäre ein Kind mit drei
Jahren psychisch schon so weit, dass es unterscheiden kann zwischen
sich selbst und seinem Gegenüber. Es kann sich auf seine Eltern
einstellen. Konkret bedeutet das, wenn ein dreijähriges Kind ein
Fehlverhalten an den Tag legt, zum Beispiel eine Knatsch-Phase hat,
und Sie treten sehr eindeutig auf und sagen ‚jetzt ist Schluss, ich
mag das nicht mehr’, würde das Kind dieses Verhalten einstellen.
Ganz wichtig: Ab fünf Jahren kommt es zu einer tiefen
Beziehungsfähigkeit, das heißt, der Fünfjährige führt mehr oder
weniger alles aus für die Eltern, der Fünfjährige würde gerne für
die Mutter den Tisch decken und zwar sofort und gleich.
Die Kinder, denen ich
begegne, stellen sich nicht auf den Erwachsenen ein, sondern sie
bringen den Erwachsenen dahin, dass er sich auf sie einstellt.
Psychisch gesehen ist das ein Verhalten von Kindern unter drei
Jahren. Wenn Sie einen Auftrag erteilen, der eindeutig ist, und das
Kind wirkt so, als habe es diesen einfachen Auftrag nicht
verstanden, ist das, wie eben schon dargestellt, eine
Respektlosigkeit.
Mittlerweile sind es
immer mehr Kinder von gesunden beziehungsfähigen Eltern, die ihre
Kinder bewusst haben, alles für sie getan und sie erzogen haben, die
Verhaltensauffälligkeiten zeigen und psychisch nicht reifen. Und das
ist der neue Zusammenhang.
Frage:
Könnte man nicht auch von
einer ganz normalen Trotzphase sprechen, die jedes Kind braucht?
Winterhoff:
Die Trotzphase tritt
normalerweise im Alter zwischen zwei und drei Jahren auf. In diesem
Alter obliegt das Kind der Vorstellung, es könne seine
Körperfunktionen selbst bestimmen. Wir kennen das zum Beispiel von
der sogenannten Reinlichkeitserziehung. Das Kind denkt – psychisch
betrachtet -, es entscheidet selbst, ob es einhält, in die Hose
macht oder auf die Toilette geht. Dieses Verhalten kann in allen
Bereichen auftreten und ist typisch für dieses Alter. Aber nicht
mehr über das dritte Lebensjahr hinweg.
Frage:
Wir reden also über
Kinder, die älter sind als drei Jahre?
Winterhoff:
Ja, noch eindeutiger
sehen Sie es bei Kindern über fünf.
Frage:
Und diese Kinder werden
zu Ihnen in die Praxis gebracht?
Winterhoff:
Es ist interessant zu
beobachten, dass auch die Eltern sich verändert haben. Die meisten
Eltern sehen die Probleme ihrer Kinder gar nicht, sondern sie kommen
zu mir, weil die Lehrer sie schicken. Sie selbst sagen, sie haben
mit ihren Kindern keine Schwierigkeiten. In meiner Praxis läuft es
so ab, dass ich zuerst die Kinder alleine sehe, danach spreche ich
mit den Eltern. Wenn das Kind Auffälligkeiten zeigt, dann sage ich
den Eltern auf den Kopf zu, ‚Ihr Kind hört nicht’. Die Reaktion ist
immer gleich, sie sagen: „Doch“. Dann muss ich es erklären und sie
darauf hinweisen, dass sie Aufträge doch doppelt und dreifach
erteilen müssten. Oftmals nehmen die Eltern das gar nicht als ein
Nicht-Hören wahr. Erst wenn ich deutlich mache, dass sich das Kind
in der Schule ähnlich verhält und ein Lehrer die gleiche Aufgabe
nicht fünf Mal stellen kann, dann merken sie, dass doch ein Problem
vorliegt.
Frage:
Die Kinder werden also zu
Ihnen in die Praxis gebracht, weil sie Schwierigkeiten in der Schule
haben, Anweisungen nicht verstehen oder nicht ausführen, richtig?
Winterhoff:
Die Totalverweigerung
kommt auch vor. Vor allem sind es aber Kinder, die die Leistung
nicht entsprechend ihrer Intelligenz erbringen, die im Unterricht
unaufmerksam sind oder ihn offensichtlich stören. Natürlich habe ich
auch mit Kindern zu tun, die erheblich auffälliger sind, die lügen,
klauen oder einnässen. Es gibt viele Symptome im Kindesalter und
viele Gründe, mich aufzusuchen. Neu sind jedoch die beschriebenen
Störungsbilder. Ich bin seit 25 Jahren im Fachberuf und bis vor 16
Jahren habe ich nur Kinder gesehen, die psychisch die ersten sechs
Lebensjahre durchlaufen sind. Das heißt, sie konnten mit sechs
Jahren sehr klar sehen: Ich bin ein Mensch, das Gegenüber ist ein
Mensch, der Mensch gegenüber hat etwas zu sagen, wenn es ein Lehrer
ist zum Beispiel. Und man konnte sehen, dass eine Reaktion zu einer
Gegenreaktion führte, was ja sehr wichtig ist. Wenn ich im
Unterricht wiederholt dazwischen rede und der Lehrer sagt, Du
schreibst eine Seite extra, dann muss ich ja sehen, dass ich das
verursacht habe. Vor 16 Jahren hatten die Kinder diesen Reifegrad,
sie kamen aus anderen Gründen zu mir, eher wegen Blockaden, die im
Rahmen der Lebensgeschichte der Eltern auftraten. Die Kinder, die
ich heute in meiner Praxis sehe, zeigen einen Reifegrad von 10 bis
16 Lebensmonaten – in jeder Altersstufe, auch im Jugendalter. Und
das ist eben der große Unterschied, und das ist neu.
Frage:
Sie haben gesagt, dass
aus diesen Kindern im Erwachsenenalter Tyrannen werden könnten.
Lassen Sie uns das kurz beschreiben: Was würde passieren, wenn
Kinder erwachsen werden, ohne dass ihr Verhalten korrigiert wird?
Was werden das für Erwachsene sein?
Winterhoff:
Lassen Sie uns zunächst
über Weltbilder sprechen. Ein Kind hat ganz andere Weltbilder als
ein Erwachsener, Weltbilder entstehen durch Erfahrungen. Als
Erwachsene haben wir die Vorstellung, wir seien Individuen im Rahmen
einer Gesellschaft. Ein kleines Kind dagegen denkt, es gibt nur mich
auf der Welt, ich kann alle steuern und bestimmen, ich bin autonom.
Mit diesem Bild leben diese später erwachsenen Menschen, sie leben
auf einer Stufe von 10 bis 16 Monaten, sie sind lustorientiert, sie
leben nur im Moment, sie sind nicht beziehungsfähig, sie sind nicht
arbeitsfähig. Die ruhige Variante sind junge Heranwachsende, die nur
noch auf ihrem Zimmer leben mit dem 24-Stunden-Internetanschluss,
einem vollem Kühlschrank, und sie haben Ruhe. Dieses Phänomen zeigt
sich ja schon genügend in unserer Gesellschaft. Die Jugendlichen
verbleiben in Abhängigkeit, sie bleiben immer wie Kinder.
Frage:
Warum zeigen Kinder
dieses Verhalten, das sie später zu Tyrannen werden lässt? Was sind
die psycho-sozialen Ursachen?
Winterhoff:
Ich habe in den letzten
16 Jahren drei gravierende Beziehungsstörungen herausgearbeitet, die
nicht bewusst stattfinden, denen aber viele Erwachsene unterliegen.
Die erste Veränderung fand Anfang der 90er Jahre statt. Um das zu
erklären, müssen wir uns kurz mit der Frage der Menschenführung
befassen. Es gibt zwei Systeme: das traditionelle Denken, Stichwort:
Hierarchie. Für meine Eltern zum Beispiel war es sehr eindeutig, es
gibt eine Erwachsenenwelt und eine Kinderwelt, Kinder haben zu
hören, zu funktionieren, Kinder werden geschützt. Und es gibt das
moderne Denken, das mit den 68ern aufkam. Das beinhaltet die
Vorstellung, man soll etwas begreifen, bevor man es ausführt, wenn
ich etwas begriffen habe, dann kann ich es. Den Begriff des Übens
gibt es im modernen Denken nicht. Wir verfügen über beide
Denksysteme. Wenn wir einen Chef haben, der uns eine Anweisung
erteilt, können wir ihm gegenüber angstfrei argumentieren, warum es
günstiger wäre, die Aufgabe anders auszuführen. Wenn er aber sagt,
ich will das so haben, leisten wir es. Wir wenden beide Denksysteme
an.
Seit Anfang der 90er
Jahre hat man das traditionelle Denken abgelegt, es als lieblos,
kalt, abweisend dem Kind gegenüber abqualifiziert. Seitdem bewegt
man sich nur noch im modernen Denken. Das heißt, schon kleine Kinder
werden als Partner gesehen, es herrscht die Vorstellung vor, dass
man über Reden und Begreiflichmachen erziehen könnte. Das Problem
ist, dass wir ja Psyche bilden müssen beim Kind. Damit ist folgendes
gemeint: Von der Grundlage her haben Sie und ich die gleich
aufgebaute Psyche. Wir sind ja auch zu gleichen Leistungen in der
Lage. Zum Beispiel unser Interview: Es ist im Augenblick egal, ob
ich Hunger oder Durst habe oder ob ich müde bin, ich muss mich auf
das Gespräch konzentrieren. Meine Psyche leistet das, und dieser
Anteil unserer Psyche wird in den ersten 20 Lebensjahren gebildet.
Wenn ich kleine Kinder schon als Partner sehe, wird sich diese
Psyche niemals entwickeln können.
Übertragen wir das auf
einen anderen Bereich: Wenn Sie Tennis lernen wollen, müssen Sie
Nervenzellen im motorischen Zentrum des Gehirns trainieren. Das
können Sie nicht, indem man es Ihnen erklärt und vorspielt, sondern
indem Sie zehn Jahre lang einen Trainer haben, der Sie als Schüler
sieht, der Sie liebevoll coacht, Ihnen viele Übungen auferlegt, wo
Sie sich fragen, was hat das mit Tennis zu tun.
Das Tragische ist, und
das beschränkt sich nicht nur auf die Eltern, sondern bezieht sich
auch auf den Kindergarten und die Schule, dass man heute kleine
Kinder schon als Partner sieht und damit der Vorstellung unterliegt,
dass sie sich über Begreiflichmachen entwickeln oder erzogen werden.
Das liegt auch daran, dass sich Erziehung heute vorwiegend darauf
konzentriert, dass Kinder Regeln lernen sollen und sich benehmen
sollen. Aber eigentlich muss ja ein Reifeprozess stattfinden, der
viel umfassender ist, und das wird auf dieser Ebene nicht
funktionieren.
Der Preis, den die Kinder
zahlen, wenn sie heranwachsen, sehen Sie auf dem Arbeitsmarkt. Es
fehlen psychische Funktionen wie Frustrationstoleranz,
Gewissensinstanz, Arbeitshaltung, Erkennen von Strukturen. Wenn Sie
die Zeitung aufschlagen, lesen Sie, dass genau das die Kritik ist,
die den Auszubildenden gegenüber geäußert wird.
Diese erste gravierende
Veränderung von den Anfängen der 90er hält bis heute an. Die
Konzepte in Kindergarten und Grundschule sind zum großen Teil
Partnerschaftskonzepte, die davon ausgehen, dass kleine Kinder schon
Persönlichkeiten wären. Fachlich gesehen sind sie das aber überhaupt
nicht. Die Idee ist, Kinder sollten sich frei entfalten und ganz
selbständig werden. Nur leider bildet sich auf diesem Wege keine
Psyche.
Frage:
Lassen Sie uns das
nochmal analysieren. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, fehlt
heute die Asymmetrie, ich als Erwachsener bin der Führende, das Kind
der Geführte, ich bin groß, das Kind ist klein. Und wenn diese
Asymmetrie fehlt, wenn ich dem Kind auf gleicher Augenhöhe begegne,
es als Partner sehe, dann kommt es zu einer Fehlentwicklung beim
Kind?
Winterhoff:
Nein, nicht zu einer
Fehlentwicklung, sondern vielmehr zu einer Nicht-Entwicklung. Viele
Abläufe müssen ja eintrainiert werden. Nehmen wir das Beispiel
duschen. Wir duschen ganz automatisch. Wenn Sie mich fragen, haben
Sie Ihre Schulter gewaschen, kann ich Ihnen sagen, ja. Denn ich kann
mich beruhigenderweise auf meine Nervenzelle Duschen verlassen.
Wenn Sie einem Kind die
Körperhygiene beibringen wollen, dann sieht es so aus: Fünf Jahre
baden Sie das Kind, zwischen fünf und sieben leiten Sie das Kind an,
und zwischen sieben und zwölf kommen Sie immer wieder dazu und
müssen vielleicht noch sagen: Du hast noch Shampoo im Haar, Du musst
die Füße waschen, komm, wir schneiden die Fußnägel. Nach einiger
Zeit können Sie davon ausgehen, dass dieser Ablauf so trainiert ist,
dass er automatisch erfolgt. Wenn das Kind als Partner gesehen wird,
passiert folgendes: Der Fünfjährige kommt an und sagt, Mama, ich
kann schon duschen. Er wird auch super duschen, weil er es ja der
Mama beweisen will. Ab dann schickt sie das Kind, den Partner nur
noch zum Duschen. In Wirklichkeit kann er nicht duschen. Und ich
muss Ihnen sagen, ich habe viele Kinder aus besten Familien, wenn
ich die körperlich untersuche, stelle ich immer wieder fest, dass
sie überhaupt nicht gewaschen und ungepflegt sind. Das passt nicht
zusammen, ist aber erklärbar über das Phänomen, dass die Eltern in
diesem Kind einen Partner sehen und davon ausgehen, dass es das
schon alles kann.
Frage:
Wir kommen gleich nochmal
zu der Partnerrolle. Aus meiner Sicht steckt in dieser Beziehung
eine Art Perversität, denn das ist die völlige Negation der
Erwachsenenrolle. Aber wir sollten noch kurz bei dem bleiben, was
Sie eben gesagt haben: Schuld daran sei auch ein Stück weit die
moderne Pädagogik, die sagt, das Kind ist ein Partner oder – ich
zitiere jetzt aus dem Kopf – das Kind ist der eigene Konstrukteur
seiner eigenen Lebenswelt, das Kind ist eigentlich ein Selbstlerner,
und das Kind soll durch die Erwachsenen eher zu diesem Selbstlernen
animiert werden. Ist das auch für Sie das ein Problem in dem ganzen
Komplex, den wir besprechen?
Winterhoff:
Nein, eigentlich nicht.
Kinder mit einem Reifegrad von sechs Jahren sind sehr wissbegierig
und wollen gerne lernen. Es gibt sicherlich Konzepte, die für diese
Kinder sehr gut geeignet und im Vergleich zu früher vielleicht auch
besser sind. Nehmen Sie als Beispiel die Gruppenarbeit in der
Schule. Es geht ja nicht nur um die Methode, sondern auch um die
Persönlichkeit, die dahinter steht. Wenn ein Lehrer ein Kind als
Kind sieht, wird er die Gruppenarbeit lenken. Er wird in der
Freiarbeit sagen, der eine Schüler sucht sich das richtige Material
aus, das ist in Ordnung, ein anderes Kind möchte spielen, spielen
gibt es bei mir nicht, ‚Du machst für mich das und das’. Das wäre
eine gelenkte Gruppenarbeit, Freiarbeit.
Frage:
Sie haben aber eben eine
bestimmte Art der Pädagogik scharf kritisiert. Ich habe das so
verstanden, dass diese Pädagogik in dem Kind den Konstrukteur der
eigenen Lebenswelt sieht.
Winterhoff:
Ja, das bezieht sich ganz
massiv auf den Kindergarten. Früher kümmerten sich zwei
Erzieherinnen um 20 Kinder. Im Vergleich dazu ist die heutige
Personalpolitik eine Katastrophe. Diese Erzieherinnen haben eine
Gruppe geleitet. Es fanden immer gleiche Abläufe statt. Heute ist es
in vielen Kindergärten so, dass die Kinder frei entscheiden können,
was sie machen wollen. In manchen Kindergärten bewegen sie sich im
gesamten Gelände, und man bietet nur noch an. Es findet also eine
ständige Wechselhaftigkeit vor in Raum, Inhalt, Gruppe,
Bezugsperson, der das Kind ausgesetzt ist. Dadurch kann das Kind gar
nicht mehr richtig lernen. Denn Nervenzellen brauchen immer gleiche
Abläufe, um lernen zu können. Außerdem wurde das Vorschulprogramm in
vielen Kindergärten abgeschafft, in dem die Kinder eine Stunde am
Tag unter Anleitung gemalt, gebastelt usw. haben. Heute haben sie
noch eine Stunde in der Woche, und in der können sie sich aussuchen,
was sie machen wollen. Die heutigen Konzepte sind nicht mehr auf
Kinder abgestimmt. Es handelt sich aber nicht um Böswilligkeit,
sondern aus fachlicher Perspektive um eine falsche Sicht von
Kindern. Wenn man Kinder als Kinder sieht, ist klar, dass man vieles
eintrainieren muss, dass vieles gleich laufen muss, dass das alles
liebevoll erfolgt, dass man auch viel Zeit darauf verwenden muss.
Das ist nur die erste Veränderung, die ich feststellen musste. Die
beiden anderen Beziehungsstörungen sind noch viel gravierender.
Frage:
Ist es falsch, wenn man
Sie versteht als jemanden, der für mehr Autorität und mehr Disziplin
plädiert? Das wäre ja schon die Richtung, die man Ihnen unterstellen
könnte.
Winterhoff:
Das ist völlig falsch und
ist auch gar nicht mein Thema. Es geht nicht um mehr Strenge,
sondern um die Beziehung Erwachsener – Kind. Die ist vorgegeben,
genauso wie die Beziehung Trainer – Schüler vorgegeben ist. Gehen
wir nochmal zum Tennis-Training. Der Trainer mag 30 Jahre jünger
sein als ich, sich mit mir duzen, aber auf dem Tennisplatz bin ich
sein Schüler. Das ist ein Verhältnis, das vorgegeben ist. Und nur
wenn man das sieht, ist auch eine entsprechende Entwicklung möglich.
Ansonsten würde man Kinder permanent überfordern. Ich setze mich
nicht auseinander mit Pädagogik oder pädagogischen Richtungen. Ich
mache als Kinderpsychiater darauf aufmerksam, dass auf der gleichen
Ebene sich viele Bereiche in der Psyche nicht bilden können.
Frage:
Bekommen Sie denn
Unterstützung für Ihre These seitens der Hirnforschung, die zum
Beispiel die kognitive Entwicklung des Kindes analysiert?
Winterhoff:
Ich bin Arzt und
Kinderneurologe. Die Erkenntnisse der Hirnforschung sind für mich
nicht gravierend neu. Ich wende ja nur neurologische Erkenntnisse
an, genauso wie ich entwicklungspsychologische Erkenntnisse anwende.
Die Entwicklungspsychologie habe ich ja nicht erfunden. So
betrachtet, wüsste ich nicht, in welcher Form ich Unterstützung
erhalten sollte.
Frage:
Ich formuliere es mal
anders: Was passiert neurologisch im Gehirn, was Ihre These stützen
würde?
Winterhoff:
Es ist klar bewiesen,
dass eine Nervenzelle nur aktiviert werden kann mit Hunderten von
gleichen Durchläufen einer Tätigkeit. Und danach müssten Sie mit
Tausenden von Durchläufen trainieren. Nehmen Sie das Beispiel lesen
und schreiben. Ich brauche dasselbe A an der Tafel wie im Heft und
schreibe A A A ..., dann wird aus einem Zufallsprinzip heraus eine
Nervenzelle sich bereit erklären, für das A zuständig zu sein. Diese
Nervenzelle müssen Sie über drei bis fünf Jahre trainieren, bis sie
in der Lage ist, in jeder Handschrift ein A zu erkennen. Und diese
Durchlaufquote ist in der Psyche wesentlich höher. Viele Abläufe,
die für uns selbstverständlich sind, mussten erst eintrainiert
werden. Wenn Sie diese unumstrittene Grundkenntnis nehmen, dann
zeigt das, wie in Kindergarten und Grundschule dagegen verstoßen
wird – aus Unkenntnis heraus.
Frage:
Warum ist diese Aufgabe
der Elternrolle bei einer bestimmten Elterngeneration passiert?
Warum verstehen sich Eltern plötzlich als Partner? Was ist da ins
Ungleichgewicht geraten?
Winterhoff:
Eine Hypothese dazu ist,
dass wir Anfang der 90er Jahre einen enormen Wohlstand hatten, der
mehr oder weniger jeden erreicht hat. Der Wohlstand führte dazu,
dass sich Erwachsene immer mehr um sich drehen, dass sie immer mehr
ihre eigenen Bedürfnisse erfüllen und damit eigentlich immer
unvernünftiger werden. Man kann es sich dann durchaus leisten, Dinge
zu übersehen oder dem Kind abzunehmen oder auch zu erklären. Das
Modell der Partnerschaftlichkeit klingt ja auch wunderbar: Ich rede
mit meinem Kind, erkläre ihm, warum und weshalb es etwas tun soll.
Das Problem ist, dass dieses Modell nicht funktioniert.
Also eine Hypothese ist
der Wohlstand. Die zweite ist, dass wir natürlich diese wichtige
Veränderung mit den 68ern zunächst einmal integriert hatten. Ich
glaube, zwischen 1970 und 1990 hatten wir eine sehr gute Synthese,
kleine Kinder wurden als Kinder gesehen, und je älter sie wurden,
desto mehr hat man ein modernes Denken dazu gelegt. Damit hat man
beide Denksysteme vermittelt. Später hat sich jedoch ein Überhang
entwickelt, dass man nur noch das modernde Denken sieht.
Mitte der 90er Jahre ist
die nächste Veränderung entstanden. Die Gesellschaft hat sich immer
mehr aufgelöst, man weiß ja heute gar nicht mehr, leben wir in
Deutschland, leben wir in Europa, die Grenzen fallen. Windows 95 ist
eine klare Begrifflichkeit, der Computer zog in alle Haushalte ein,
und was der alles verändert hat in den letzten 13 Jahren, ist enorm.
Wir haben eine missachtende Gesellschaft, in der die Bundeskanzlerin
morgens im Radio durch den Kakao gezogen, wir haben keine Sicherheit
mehr, Stichwort: Krankenkasse, Rentenversicherung, wir unterliegen
Angst machenden Prozessen wie zum Beispiel der Globalisierung oder
dem Internet. Zusammengenommen können wir feststellen, dass unsere
Bedürfnisse als Erwachsene nach Orientierung, Anerkennung,
Sicherheit immer weniger von der Gesellschaft befriedigt werden. Und
jetzt kommt es zu dem tragischen Phänomen: Das Kind bietet sich an –
unbewusst natürlich – zur Kompensation, nach dem Motto: Wenn mich da
draußen keiner führt, soll mich mein Kind führen; wenn mich da
draußen keiner liebt, soll mich mein Kind lieben; und wenn mir
keiner sagt, ob ich gut oder schlecht bin, soll mein Kind mit seinem
Verhalten der Beweis dafür sein, dass ich gut bin, sprich wenn mein
Kind in der Schule und sozial klar kommt, bin ich eine gute Mutter,
ansonsten bin ich eine schlechte.
Es kommt zu einer
Machtumkehr, der Erwachsene wird bedürftig, das Kind übernimmt quasi
eine Ersatzelternposition. Das ist emotionaler Missbrauch und
passiert in weiten Teilen des Landes. Nehmen wir auch mal das
Beispiel Großeltern. Eine Oma früher hat den Enkel verwöhnt, sie hat
das Lieblingsessen gekocht, aber sie hat ganz klar gesagt, ‚Du
wäscht Dir erst die Hände, wir fangen gemeinsam an, wir hören
gemeinsam auf’, also sie hat erzogen. Eine Oma, die geliebt werden
will, kann keine Grenzen mehr setzen, weil sie dann Angst hat, dass
der Enkel nicht mehr kommt. Immer mehr Erwachsene wollen heute –
unbewusst – vom Kind geliebt werden und durch diese Machtumkehr ist
eine Entwicklung auf Seiten des Kindes nicht mehr möglich. Kleine
Kinder haben ja die Fantasie, dass sie über dem Erwachsenen stehen
und jeden steuern und bestimmen können. Die Machtumkehr bestärkt sie
in dieser Fantasie und letztlich verbleiben die Kinder in einer
respektlosen, frühkindlichen, narzisstischen Phase.
Frage:
Was Sie beschreiben, ist
ja genau genommen ein Skandal, eine desaströse, fast schon
apokalyptische Entwicklung.
Winterhoff:
Ja, richtig. Und es ist
ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Wir leben in einem Land, in
dem laut offiziellen Zahlen 20 bis 25 Prozent der Kinder
behandlungsbedürftig sind. Wahrscheinlich ist der Satz noch viel
höher. Wir hören nur noch von Krankheiten, unsere Kinder leiden an
ADHS, Legasthenie, an Dyskalkulie, andere sind hochbegabt. Immer
mehr Kinder befinden sich in Behandlung, sei es die Logopädie oder
Ergotherapie. Wie ist das denn zu erklären? Es kann doch nicht sein,
dass wir auf einmal nur noch kranke Kinder haben. Im Jahre 2004
waren 20 Prozent der 18-Jährigen nicht arbeitsfähig. Und das sind
nur die, die übers Arbeitsamt gezählt wurden. Tatsächlich dürfte der
Prozentsatz viel höher liegen. Es ist sehr deutlich, dass wir uns in
einer Entwicklung befinden, in der immer mehr Kinder
verhaltensauffällig und immer mehr Jugendliche arbeitsunfähig sind.
Meine Analyse ist, dass dahinter bei den meisten Kindern keine
Erkrankungen stecken, sondern eben eine Nicht-Entwicklung. Wenn wir
das als Gesellschaft begreifen würden, könnten wir den Kindern die
Möglichkeit eröffnen nachzureifen. Wenn wir das Problem allerdings
ignorieren, dann werden wir es nur verwalten.
Frage:
Wie ist es in Ihrer
Praxis? Können die Eltern irgendwann offen über diese
Beziehungsstörungen reden, oder fallen sie aus allen Wolken, wenn
Sie das ansprechen?
Winterhoff:
Die Beziehungsstörungen
sind den Eltern meist gar nicht bekannt. Ich kann sie ihnen
begreiflich machen, aber nicht auf direktem Wege. Um das zu
erläutern, müssen wir noch über die dritte Beziehungsstörung reden:
Vor fünf Jahren ist es zu einer weiteren Veränderung gekommen, die
nur die Eltern betrifft. Unsere Gesellschaft ist nicht mehr
positiv-zukunftsweisend. Seit fünf oder sechs Jahren heißt es ja, so
geht es nicht weiter, es wird immer schlechter und schlechter. Aber
mit einer Negativ-Prognose kann man nicht leben. Von daher wäre
theoretisch jeder von uns heute gefordert, die Sinnfrage zu
beantworten: Warum lebe ich, wofür lebe ich, wo will ich in meinem
Leben hin? Nur wer für sich die Sinnfrage beantwortet hat, ist
abgegrenzt. Ansonsten fehlen Anteile wie glücklich sein, zufrieden
sein, sich auf etwas freuen zu können.
Wenn Sie jetzt ein Kind
haben, bietet sich dieses Kind– unbewusst – zur Kompensation an.
Dann ist auf einmal das Glück des Kindes mein Glück, damit fühle ich
fürs Kind, ich denke fürs Kind, ich gehe fürs Kind in die Schule. Es
entsteht fachlich gesehen eine Symbiose. In einer gesunden Beziehung
findet die Symbiose in den ersten acht, neun Lebensmonaten des
Kindes statt: Ich weiß, wann das Kind essen muss, was und wie viel.
Ab dann muss ich dem Kind psychische Anteile abdelegieren. Einem
Dreijährigen sehe ich zum Beispiel ja nicht mehr an, dass er Hunger
hat, sondern er muss sagen, ‚gibst du mir bitte was zu essen’ oder
‚darf ich etwas essen’. In der Symbiose ist jedoch eine Entwicklung
des Kindes gar nicht möglich. Von Seiten der Eltern wird das Kind
als Teil des Selbst betrachtet. Ich vergleiche das immer mit meinem
Arm und mir.
Nehmen wir wieder ein
Beispiel: Wenn Sie in ein Restaurant gehen, und da sitzen Eltern mit
Kindern, ist es oft so, dass die Eltern sich bestens benehmen, und
die Kinder schwirren umher wie Satelliten im Raum, alle fühlen sich
wie angefasst, nur diese Eltern nicht. Wie ist das zu erklären? Das
liegt daran, dass ich nicht registriere, wo sich meine Hand am
Körper aufhält. Das heißt, die Reize bzw. die Symptome des Kindes
werden gar nicht mehr verarbeitet als Reize des Kindes, sondern wie
ein Eigenreiz, und deshalb nehmen die Eltern das nicht wahr. Wenn
Sie die Eltern darauf aufmerksam machen, dass das Kind etwas
anstellt, dann kommt ja oft der Kommentar: „Das hat er aber nicht
extra gemacht!“ Mein Arm kann auch nichts „extra“ machen. Das heißt,
die Schwierigkeit ist die, dass die Eltern das Kind nicht mehr mit
einer Distanz sehen, sondern als Teil ihrer selbst. Dadurch sind sie
von außen betrachtet wie blind, sie finden immer Erklärungen für die
Verhaltensweisen des Kindes, und sie gehen dem Kind gegenüber
dramatisch falsch vor nach dem Motto, meinen Arm kann ich verändern,
einen anderen Menschen nicht. Nehmen wir ein Beispiel: Wenn ich
sage, mach Deine Hausaufgaben und das Kind sagt, das mache ich
nicht, wäre das ohne Symbiose vom Empfinden her ein freches
Verhalten mir gegenüber, und ich würde das Kind vielleicht links
liegen lassen oder es auf sein Zimmer schicken. Aber in der Symbiose
ist das jetzt mein Arm, der nicht schreibt, also versuchen die
Eltern, ihren Arm dazu zu bringen, dass er schreibt. Sie reden,
regen sich auf, drohen Strafen an. Sie führen Machtkämpfe, die sie
nicht gewinnen können. Denn ich kann niemals erreichen, dass ein
anderer Mensch, mein Kind zum Beispiel, schreibt, liest, lern, hört
usw. Dieser Druck, dem die Eltern sich ausgesetzt sehen, bedeutet
für das Kind Zuwendung, und es wäre ja dumm, wenn es das nicht
herausfordern würde.
Wenn ich mit Eltern zu
tun habe, die in einer Symbiose sind, können die gar nicht
distanzieren. Das heißt, ich kann nur mit ihnen arbeiten, wenn ich
nicht konkret über ihr Kind spreche, sondern wenn ich allgemein über
Gesellschaft und gesellschaftliche Veränderungen rede, über
Beziehungsstörungen, die es heute gibt. Es ist möglich, mit diesem
Know-how Eltern in 1 ½ Jahren – das sind bei mir sieben bis acht
Sitzungen – dahin zu bringen, dass sie über zwei Sitzungen wissen,
was eine Symbiose ist und wie man sie auflöst, und danach werden sie
instruiert, wie sie sich verhalten müssen, dass die Kinder
nachreifen können. Das funktioniert bis zu einem Lebensalter von
etwa 15 Jahren.
Frage:
Ihr Buch ist schon seit
einigen Monaten auf dem Markt und hat starke Reaktionen
hervorgerufen. Mittlerweile ist es, glaube ich, ein
Sachbuch-Bestseller. Hatten Sie eigentlich mit dieser Reaktion
gerechnet? Sie haben ja nicht nur „ins Wespennest gestochen“,
sondern auch viele konträre Meinung herausgefordert.
Winterhoff:
Über den enormen Anklang
bin ich schon erstaunt. Und er freut mich sehr, weil es mich hoffen
lässt, dass wir etwas verändern können. Und das müssen wir dringend.
Wir müssen unbedingt diskutieren und zwar auf ganz anderen Wegen,
wir müssen uns unterhalten über Entwicklungspsychologie. Ich habe
das Buch drei, vier Jahre in der Schublade gehabt und den Zeitpunkt
abgewartet. Es muss ja soweit sein, dass die Gesellschaft überhaupt
in der Lage ist zu sehen, dass etwas nicht stimmt, sonst würde ein
solches Buch nicht verstanden werden oder man würde mich vielleicht
diffamieren aus Unverständnis heraus. Anscheinend war es der
richtige Zeitpunkt. Im Augenblick arbeite ich an dem zweiten Buch,
das im Januar oder Februar erscheinen soll. Das erste Buch handelt
von der Diagnose, davon, was vorliegt. Wir müssen auch erst mal
nachprüfen, ist es wirklich so, wie Winterhoff es sagt, bevor wir
uns Gedanken darüber machen, was wir tun müssen. Und damit setze ich
mich im zweiten Buch auseinander.
Die Fragen stellte Ralf
Caspary.
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