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SWR2 Wissen - Aula - Wilhelm Vossenkuhl : Kommt
ins Offene - Die Freiheit des Menschen (1-2)
I Sendung am Dienstag, 25.12.2007, 08.30 bis 9.00 Uhr
II Sendung am Mittwoch, 26.12.2007, 08.30 bis 9.00 Uhr
Autor und Sprecher: Professor Wilhelm Vossenkuhl *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten
Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der
ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des
SWR.
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ÜBERBLICK
Wilhelm Vossenkuhl, Professor für Philosophie an der LMU in München,
analysiert und beschreibt in zwei Sendungen eines der schwierigsten
Probleme der praktischen Vernunft und der praktischen Philosophie:
die Freiheit. Für Vossenkuhl besteht die Freiheit des Menschen in
der Fähigkeit der Selbstgestaltung, des Ausschöpfens seiner Kräfte
und Potentiale, wobei diese Gestaltung Grenzen hat. Die eine Grenze
bildet die Natur oder die genetische Basis jedes Individuums, die
andere die Gemeinschaft, das Kollektiv, das andere Interessen hat
als der Einzelne. Vossenkuhl zeigt, wie sich zwischen diesen Polen
Freiheit entfalten kann.
AUTOR*
Wilhelm Vossenkuhl, geboren 1945, studierte Philosophie, Neuere
Geschichte und Politikwissenschaft in München. 1972 Promotion zum
Dr. phil. an der Universität München;1980 Habilitation. Seit 1993
hat Vossenkuhl den Lehrstuhl für Philosophie 1 an der LMU in München
inne.
Schwerpunkte: Praktische Philosophie und Handlungstheorie,
Grundlagen der Ethik, Philosophie der Sozialwissenschaften
Buchauswahl:
- Philosophie für die Westentasche. Piper
- Die Möglichkeit des Guten. Ethik im 21. Jahrhundert. Beck
- Ludwig Wittgenstein. Becksche Reihe Denker
- Stammzellenforschung und therapeutisches Klonen (zusammen m.
Oduncu u. a.). Vanderhoek & Ruprecht
INHALT Teil I
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Ansage:
Heute mit dem Thema: „Kommt ins Offene – die Freiheit des Menschen,
Teil 1“.
Wilhelm Vossenkuhl, Professor für Philosophie an der
Ludwig-Maximilians- Universität in München beschreibt in zwei
Sendungen eines der schwierigsten Probleme der praktischen Vernunft
und der praktischen Philosophie: die Freiheit.
Natürlich: Überall huldigen wir der Freiheit, wir moderne Menschen
verstehen uns ganz selbstverständlich als freie Individuen, die
gerne viele Wörter mit dem „Selbst“ versehen: es geht uns um
Selbstverwirklichung, um Selbstbestimmung, um Selbstvertrauen, um
Selbsterleben. Aber geht es uns auch um Freiheit, also um eine
Freiheit, die nicht nur das Selbst betrifft, die nicht nur um das
Private kreist, sondern auch den Anderen, um eine soziale Art von
Freiheit, die sich in der Gemeinschaft realisieren und zeigen
könnte?
Um diese Problematik geht es Wilhelm Vossenkuhl im ersten Teil
seines Vortrags: Er lotet die Grenzen der Freiheit aus, die oberen
und die unteren, und er zeigt dann, warum die Prinzipien der
Mitmenschlichkeit und der Liebe für ihn als primäre Freiheitsziele
so wichtig sind.
Wilhelm Vossenkuhl:
Wo liegen die Grenzen der Freiheit? Eine vielleicht merkwürdige,
aber doch sehr berechtigte Frage. Es gibt eine untere Grenze und
eine obere Grenze. Sie werden sich fragen, was ist denn die untere
Grenze. Nun, das ist etwas ganz Merkwürdiges. Die untere Grenze der
Freiheit besteht nämlich einfach darin, dass wir überhaupt keine
Wahl haben. Wir müssen wählen, frei zu sein oder unfrei. Wir haben
gar keine Chance, etwas anderes zu wählen.
Nun werden Sie sich fragen, was hat es denn auf sich mit dieser
Grundwahl. Die Grundwahl besteht einfach darin, dass ich mich
entscheide, etwas zu tun, was ich kann; und wenn ich feststelle, ich
kann es nicht, dann muss ich es eben trainieren, Das absolut andere
Extrem, nicht frei sein zu wollen, heißt entweder, ich bringe mich
in Abhängigkeit oder Unfreiheit, mache mich von irgendjemand oder
irgendwas abhängig. Die allerletzte Chance, die ich habe, ist, ich
will das alles überhaupt nicht und ich bringe mich um. Das klingt
zwar komisch, aber das ist wirklich das untere Ende: der Suizid, der
Freitod, wie man euphemistisch sagt.
Das ist merkwürdig. Wir haben also überhaupt keine Wahl, wir müssen
frei sein und Verantwortung übernehmen, oder wir lassen es bleiben
und dann ist das Leben eben irgendwie zu Ende. Freiheit ist also,
was die untere Grenze angeht, eine ziemlich lästige Angelegenheit,
ein Schmerz im Genick, könnte man sagen. Wir werden da
hineingeworfen, ob wir wollen oder nicht, einfach dadurch, dass wir
auf die Welt kommen.
Ist das denn etwas Besonderes bei der Freiheit oder hat das was mit
unserem Leben zu tun? Ja, Letzteres ist der Fall und deshalb auch
Ersteres. Wir sind einfach ins Leben hineingeschmissen, wir müssen
denken, wir müssen empfinden, wir haben keine Wahl, wir können zum
Beispiel nicht beschließen: „Heute denke ich mal gar nichts.“ Oder:
„Heute fühle ich mal gar nichts.“ Jeder, der mal Zahnschmerzen
hatte, würde das gerne mal gesagt haben! Aber das geht nicht. Das
meine ich mit der unteren Grenze. Wir können sie nicht
unterschreiten. Wir bewegen uns knapp über dieser Grenze auch dann,
wenn wir zum Beispiel sagen: „Ich will heute mal wenig tun, ich will
mich nirgends einmischen, mich nirgends zu Wort melden, nichts
sagen.“ Wir haben also nicht die Wahl, wir müssen denken, wir müssen
empfinden.
Was ist nun die obere Grenze? Die obere Grenze kennen wir nicht
genau. Der Spielraum, den wir haben, ist uns nicht klar. Wir wissen
keine exakten Antworten auf Fragen wie: Wie weit können wir
eigentlich gehen? Wie weit werden wir es bringen? Was bringt die
Zukunft? Wie weit kommen wir?
Die wissenschaftlich denkenden Philosophen nennen das
Indeterminismus oder Libertarismus. Aber das ist eigentlich nicht so
entscheidend. Wichtig ist nur, die Zukunft ist offen, wir kennen sie
nicht. Das ist diese vage merkwürdige obere Grenze. Genau genommen
ist es eine Grenze, die viel gemeinsam hat mit der unteren. Es geht
nämlich bei der oberen letztendlich auch um den Tod als Grenze. Mehr
dazu gleich. Also oben Tod, unten Tod, könnte man sagen, und
dazwischen ist das Leben.
Was ist Indeterminismus? Übersetzt heißt das Unbestimmtheit. Und
unbestimmt ist die Zukunft insofern, als wir mit dem, was wir
gelernt haben, was wir aus uns machen können, nicht wissen, wie weit
wir kommen werden, wo uns dieses Können hinführt. Wir wissen nicht
einmal genau, ob das Können, um das wir uns so sehr bemühen, wenn es
um Freiheit geht, ob dieses Können überhaupt irgendwie trägt. Ich
spreche jetzt natürlich ganz individualistisch als einzelne Person,
aber wir können das ganz gerne transponieren oder projizieren ins
Kollektive hinein und von „Wir“ sprechen. Das geht uns allen
irgendwie ähnlich. Wir wissen alle nicht genau, wo uns unser Können,
unser Wollen, unser Handeln hinträgt. Vielleicht klingt das in dem
einen oder anderen Ohr etwas defätistisch. Aber so ist es natürlich
nicht gemeint, denn zwischen der unteren und der oberen Grenze liegt
die Freiheit, die wir übersetzen können in das Bemühen darum, dass
wir mehr können, mehr lernen, besser mit uns selbst umgehen, besser
unsere Fähigkeiten entwickeln, aus uns herausgehen aus diesem engen
Dasein, das wir, wenn wir klein sind, führen, wo wir ja merken, wir
kommen da noch nicht so richtig raus. Jeder, der laufen lernt, spürt
das ganz schmerzhaft, man kommt einfach nicht so richtig weiter. Und
später träumen wir davon – nachts jedenfalls -, dass wir fliegen.
Aber wir können es nicht wirklich irgendwann, höchstens mit dem
Flugzeug.
Kommen wir zurück zu der oberen und der unteren Grenze. Der Raum
zwischen diesen Extremen, zwischen den beiden Arten, nicht zu sein,
das ist der Spielraum der Freiheit.
Diese Gedanken sind absolut nicht neu, und wenn ich jetzt zwei
Philosophen erwähne, dann nicht, weil sie die einzigen sind, die
darüber nachgedacht hätten, ganz und gar nicht. Seit Platon wird –
zumindest auf nachlesbare Weise – über diese Frage nachgedacht, wo
die Grenzen der Freiheit liegen oder was der Tod bedeutet für unser
Dasein. Ich spreche nun aber von zwei modernen Philosophen, der eine
ist der Däne Sören Kierkegaard aus dem 19. Jahrhundert, der andere
der Deutsche Martin Heidegger.
Was hat Kierkegaard mit den Problemen der Grenzen der Freiheit zu
tun? Indirekt sehr viel, aber ich erwähne Kierkegaard zunächst
einmal deswegen, weil er das Leben selbst als eine Krankheit zum
Tode bestimmt hat. Wie kommt ein vernünftiger Mensch auf so einen
merkwürdigen Titel? Er ist nicht etwa suizidal veranlagt gewesen,
nein, er war ein sehr kritischer und ernster Christ und er hat als
Christenmensch das Leben als Krankheit zum Tode empfunden und
gedacht. Aber was hat das jetzt mit dem Leben und der Freiheit zu
tun? Kierkegaard meinte, das Letzte im Leben sei der Tod. Und der
Tod sei nun wirklich das Letzte. Das klingt ein bisschen
doppelt-gemoppelt und ist fast ein wörtliches Zitat aus einem Text,
der auch die „Krankheit zum Tode“ heißt. Gemeint ist aber, nach dem
Tod kommt nichts mehr, er ist das Letzte. Natürlich kommt für den
Christenmenschen danach das Paradies oder die Verdammnis.
Kierkegaard ging es jedoch um den Tod als eine Art Beleuchtung des
Lebens vom Ende her. Und dieser Beleuchtung hat er ein Wort
zugeordnet, das ähnlich merkwürdig klingt wie „die Krankheit zum
Tod“, nämlich Verzweiflung. Er meinte, dass vom Tod her das Leben
verzweifelt sein muss. Entweder wir suchen uns verzweifelt selbst –
und finden uns nicht; oder wir wollen uns gar nicht so haben, wie
wir gerade sind, und dann sind wir ebenso verzweifelt. Es kommt nun
nicht darauf an, wie Kierkegaard das im einzelnen schildert, aber es
ist interessant, dass er meint, dass diese Verzweiflung vom Leben
gar nicht weg zu kriegen ist.
Wie kommt nun Verzweiflung mit der Freiheit zusammen? Es ist genau
das, was ich vorhin mit der lästigen Obliegenheit gemeint habe. Wir
sind in dem Sinne verzweifelt, dass wir gar nicht anders können, als
frei sein zu müssen. Das ist doch eine Art von Verzweiflung, wir
müssen diese Chance annehmen, wir können gar nicht anders.
Martin Heidegger passt insofern hervorragend zu Sören Kierkegaard,
als er das Leben selbst als Dasein zum Tode deklarierte – nicht
unwesentlich beeindruckt und beeinflusst durch Kierkegaard.
Heideggers erste große Schrift hieß „Sein und Zeit“, und in diesem
Buch, das in vielen Auflagen bis heute erschienen ist, gibt es das
Kapitel über das Leben als Dasein zum Tode. Er spricht darin vom Tod
und vom Licht, den der Tod auf das Leben wirft. Das ist nicht das
Licht, das zeigt, dass das Dasein verzweifelt ist, aber so etwas
Ähnliches: Er spricht von der Befindlichkeit der Angst, der Angst,
nicht zu sein.
Eigentlich ist Heidegger für diejenigen, die versucht haben, ihn zu
lesen, ein sehr klarer Kopf und Denker, und in diesem wichtigen
Kapitel ist er wirklich glasklar. Er sagt, diese Art von Ende, die
mit dem Tod verbunden ist, ist völlig anderer Art als wenn es zum
Beispiel aufhört zu regnen oder wenn das Brot zu Ende geht. Wenn das
zu Ende geht, können wir auch etwas anderes essen, oder wenn der
Regen aufhört, kommt die Sonne. Aber beim Tod, da ist Schluss. Und
das ist das, was Angst macht.
Sie sehen, es gibt viele wichtige Vorläufer dieser Überlegungen, die
ich gerade eben anstelle. Diese beiden Philosophen und andere haben
nicht von der unteren und oberen Grenze gesprochen, aber ich glaube,
dass sie nichts dagegen gehabt hätten, ihre eigenen Gedanken in
diesen Grenzen anzusiedeln. Jedenfalls viel gemein hat die untere
und die obere Grenze mit den Gedanken Heideggers zum Dasein und zu
dem ins Dasein gebrachte Problem des Todes: unten Tod, oben Tod.
Diese Überlegungen mögen für viele ein bisschen spekulativ scheinen
und man mag sich fragen, welchen praktischen Nutzen diese Gedanken
haben. Ich sprach eben schon davon, dass wir ein vitales Interesse
daran haben müssen zu wissen, innerhalb welcher Grenzen wir uns
bewegen. Wenn die Freiheit eine Unter- und Obergrenze hat, worin
bestehen dann unsere Chancen, die wir innerhalb dieser Grenzen
haben, was können wir ableiten aus diesen Grenzen? Wir können diese
Grenzen erst einmal übersetzen in die Grenzen, die wir selbst aus
der Mitte des Lebens heraus feststellen können, mit dem klaren Ziel,
mit der Freiheit die Grenzen der Selbstgestaltung auszuloten. Auch
da sind wir ja noch oben und unten beschränkt. Was meine ich damit?
Was die Freiheit und die Bewegungsmöglichkeit angeht, haben wir
sicherlich eine untere Grenze in den biologischen und sozialen
Lebensbedingungen. Mit denen kommen wir auf die Welt, aber wir
können einiges an unseren Lebensbedingungen verändern: Wir können
zum Beispiel dafür sorgen, dass wir nicht krank werden (biologisch).
Wir können dafür sorgen, dass wir in guter Gesellschaft leben
(sozial). Es stehen uns einige Entscheidungsmöglichkeiten offen. Wir
sind zwar auch da hineingeworfen in das Dasein, aber es lässt sich
auch einiges tun. Natürlich werden Sie sagen, unsere biologischen
Grenzen sind doch ziemlich fix. Oder unsere genetischen Anlagen. Das
ist doch wirklich die untere Grenze. Ich bin kein Spezialist, aber
ich bin davon überzeugt, dass es keine genauen genetischen Grenzen
gibt. Wir werden gleich noch darauf zu sprechen kommen. Also auch da
haben wir einen gewissen Spielraum. Das ist nicht so fix, wie wir
vielleicht denken. Und man sieht ja, wir kommen auf die Welt und wir
entwickeln uns. Es heißt ja, dass alle sieben Jahre unser gesamter
Zellverband, den wir vor dem Spiegel in einigermaßen gestalteter
Form zu Gesicht bekommen, sich ändert. Wir merken zwar nichts davon,
aber so soll es wohl sein. Und wenn wir reden und denken, ändert
sich ja auch biologisch ständig etwas. Und entsprechend wissen wir
auch nicht so genau, was eigentlich diese biophysischen Untergrenzen
sind.
Wie können wir von unseren oberen Grenzen reden? Ähnlich vage wie
eben bei den unteren, aber wir können doch etwas Analoges zu dem
Tod, von dem eben die Rede war, sagen: Wir kennen nämlich eine
kollektive Obergrenze, die mit dem Suizid, dem Freitod insofern
verwandt ist, als sie einfach darin besteht, dass wir die Obergrenze
darin sehen sollten, dass wir uns kollektiv allesamt zerstören
können durch die Art und Weise der Lebensführung, mit
Umweltzerstörung und allen möglichen anderen Zerstörungen, deren
Opfer wir am Schluss selbst sind.
Es gibt also Ober- und Untergrenzen unserer Selbstgestaltung. Und
innerhalb derer befindet sich das, was wir Freiheit nennen.
Freiheit, könnte man etwas pathetisch sagen, ist ein Dazwischen-Sein,
also zwischen diesen beiden Grenzen der Voraussetzungen (biologisch
und sozial) und der Zerstörungen. Das klingt vielleicht dramatischer
als es gemeint ist. Die Zerstörungsgrenze kann auch einfach darin
bestehen, dass die Welt schlicht unbewohnbar wird oder so ungesund,
dass man nicht mehr darin leben sollte.
Kürzlich habe ich gelesen, dass in der Hauptstadt des Iran, in
Teheran, die Luft so stark verschmutzt ist, dass das Einatmen dieser
Luft für fünf Minuten gleichbedeutend ist mit dem Inhalieren von
ungefähr 60 Zigaretten. Eine grauenhafte Vorstellung! Ich habe schon
einen Hustenreiz, wenn ich nur daran denke, wie es in Teheran
zugeht. Und ich nehme an, Teheran ist nicht die einzige Stadt.
Gerade heute habe ich gelesen, dass die Luftverschmutzung in China
inzwischen höher ist als in den Metropolen der USA.
Also die Möglichkeiten der Selbstzerstörung und der Selbstgestaltung
sind, so kann man sagen, zwei Kehrseiten ein- und derselben
Medaille. Und was ist mit Gentechnik? Da haben wir
Selbstgestaltungsmöglichkeiten, von denen wir noch vor 50, 30 oder
20 Jahren nur geträumt haben. Weg mit den Erbkrankheiten, weg mit
dem Krebs, all diese Geißeln der Menschheit können wir in Zukunft
wahrscheinlich besiegen. Wer würde sich nicht wünschen, dass Aids
durch Gentechnologie beseitigt wird. Oder warum nicht Klonen? Warum
nicht eine Art Ersatzteillager für seine eigenen Organe anlegen, für
den Fall, dass man krank wird? Die Lunge, das Herz, die Nieren aus
dem eigenen geklonten Gewebe. Vielleicht denken Sie, das ist doch
gesponnen. Aber viele Menschen glauben, dass das einmal möglich sein
wird. Wir haben Hoffnungen erzeugt durch Wissenschaftsentwicklungen.
Freiheit durch Wissenschaften hieße das Stichwort. Ist dadurch nicht
eine Selbstgestaltungsmöglichkeit entstanden, die die ganzen Sorgen
zwischen Ober- und Untergrenze hinwegschmelzen lässt? Wir schaffen
endlich einen neuen Menschen ohne Krankheiten. Wenn wir aber alles
gentechnologisch beherrschen, können wir die Krankheiten dann auch
wieder beseitigen. Freiheit durch Wissenschaften.
Das stimmt ja irgendwie nicht so ganz überein mit dem, was ich
gerade über den Indeterminismus gesagt habe, dem gemäß es
grundsätzlich kein Wissen gibt, wie weit wir kommen werden; also
auch kein Wissen, wie weit wir mit den jetzt so mit Hoffnungen
beladenen Technologien kommen werden, mit dem Klonen, mit dem
Beseitigen von Erbkrankheiten. Wir wissen es schlicht nicht. Und das
ist übrigens ein ganz guter Einwand von den Menschen, die das nicht
nur nicht glauben wollen, sondern die sehr wissenschaftskritisch der
Meinung sind, die Wissenschaften führen uns genau dahin, wo wir die
Selbstzerstörung erfahren werden. Die Wissenschaften, so meinen
diese Menschen, seien Schuld an unseren Umweltproblemen. Dieses
Urteil ist allerdings auch zu pauschal und lässt sich nicht
tatsächlich begründen.
Wir wissen also weder im positiven noch negativen Sinn wirklich, was
in Zukunft sein wird. Wir wissen auch nichts Konkretes über die
Gefahren bzw. wo die Gefahren liegen. Und das ist das, was uns
wirklich ärgern muss. Wir wissen nicht, wie weit wir kommen, und wir
wissen auch nicht genau, wo die Gefahren liegen. Folgt daraus nun,
dass wir keine Freiheit der Wahl haben? Doch. Wir dürfen nicht immer
das Kind mit dem Bade ausschütten. Denn wir wissen trotzdem eine
ganze Menge. Wir müssen also nicht über diese Ober- und Untergrenzen
weiter spekulieren, sondern wir müssen schauen, was wir konkret
machen können. Und das ist immer am besten zu erklären anhand von
Beispielen.
Bleiben wir beim Thema Gentechnologie. Frauen, die ein Kind bekommen
möchten, steht schon seit vielen Jahren die Möglichkeit zur
Verfügung, wenn sie zum Beispiel aufgrund der Familiengeschichte den
Befürchtung haben, ihr Kind könne möglicherweise an einem Erbschaden
leiden und ist vielleicht später geschädigt, eine spezielle
Diagnostik in Anspruch zu nehmen. Das eine ist die
Präimplantationsdiagnostik. Die Präimplantationsdiagnostik ist bei
künstlicher Befruchtung möglich, und zwar bereits vor der
Schwangerschaft. Sie ist allerdings in Deutschland nicht erlaubt.
Was bedeutet es, dass wir diese diagnostischen Möglichkeiten haben?
Ist das denn nicht eine Form der Selbstgestaltung für Frauen bzw.
für Paare, dass sie sagen können, wir lassen es nicht darauf
ankommen, wir möchten wissen, ist das Kind, das da entsteht, gesund
oder nicht, ist es belastet durch genetische Schäden oder nicht. Und
wenn es belastet ist, dann ist eine Schwangerschaftsabbruch möglich.
Ich bin mir nicht sicher, ob jede Art von Schädigung eine Abtreibung
wirklich rechtfertigt, und wahrscheinlich haben wir auch nicht das
Recht, allgemein darüber zu befinden. Aber wir sehen hier erneut,
dass die Freiheit zwei Seiten hat, eine negative und eine positive.
Die Freiheit besteht zunächst einmal darin, dass wir mit Hilfe von
wissenschaftlichen Mitteln, der Gentechnik, die Chancen des
künftigen Lebens bestimmen können. Das Wissen um diese Chancen
jedoch ist gleichzeitig eine Belastung, wir müssen uns dann nämlich
entscheiden, soll dieser Fötus später als Mensch leben oder nicht.
Eine merkwürdige Art von Freiheit, nicht wahr?
Also die Grenzen der Selbstgestaltung sind uns hinsichtlich der
Pränataldiagnostik völlig klar, Unter- und Obergrenze sind uns
völlig klar vor Augen getreten bei diesem Beispiel. Welche
Folgerungen können wir daraus ziehen? Die Selbstgestaltung besteht
natürlich nicht nur darin, dass wir moderne Wissenschaften und
Technologien für das eigene Leben oder die Lebensgestaltung
wahrnehmen. Ganz und gar nicht. Aber diese Entwicklungen, in der wir
mittendrin stehen, diese Art von Beispielen drängen sich uns doch
auf. Wir können auch zum Arzt gehen und den Arzt fragen, wie steht’s
denn mit meiner Gesundheit, wie wird sie in zwei, drei oder zehn
Jahren sein? - Wir werden später noch auf dieses Problem
zurückkommen. – Vielleicht sind wir dann ganz im Banne dieser
Möglichkeiten. Und vielleicht sind wir der Meinung, dass diese Art
von Freiheitswahrnehmung das ist, was uns heute als Chance
tatsächlich gegeben ist.
Ich glaube, dass wir angesichts dieser Chancen etwas ganz anderes im
Auge behalten sollten, und da komme ich wieder zurück auf
Kierkegaard und Heidegger. Beide hatten mit diesen
Grenzbestimmungen, die ich vielleicht etwas vereinfacht habe, etwas
im Auge, was uns selbst unmittelbar angeht, völlig unabhängig davon,
welche Art von Technologie und Wissenschaftsentwicklung es gibt. Und
diese Frage würde ich schlicht umformen in die Frage: Wo liegen
eigentlich die Grenzen des Menschlichen? Wohin geht es mit uns, was
machen wir aus uns, welche Ziele sollten wir eigentlich haben?
Heidegger hat an einem anderen Punkt in dem schon eben erwähnten
Buch „Sein und Zeit“ darauf hingewiesen, dass es ein uneigentliches
Dasein und ein eigentliches Dasein gibt. Und wieder übersetzt in
eine etwas verständlichere Sprache: Was sollten wir eigentlich für
Ziele haben? Eine sicherlich nicht von der Hand zu weisende Antwort
ist doch wohl die, dass es um das menschliche Leben, das menschliche
Dasein, um das Humane in uns und mit uns und zwischen uns gehen
sollte. Die Mitmenschlichkeit wäre so ein Ziel. Wir sollten
vielleicht doch zuerst an die Mitmenschlichkeit, an das Leben mit
den anderen denken und dann erst an die Technologien, mit denen man
das eine oder das andere verändern kann. Und wenn es um
Mitmenschlichkeit geht, schließt das ganz gewiss den etwas
altmodischen Begriff Liebesfähigkeit ein. Liebe ist ein Wort mit
vielen Bedeutungen, die Liebesfähigkeit ist das, was wir von unserer
Mutter und von unseren Eltern erfahren. Später lernen wir auch noch
eine andere Liebe kennen. Aber die Liebesfähigkeit ist doch etwas
Zentrales, wenn es um die Mitmenschlichkeit geht. Und, nachdem ich
eben über die Umweltzerstörung sprach, sicherlich auch die Achtung
vor der Natur, der Respekt vor den Lebewesen. Die Achtung heißt, wir
müssen in der Lage sein, die Natur zu respektieren. Kollektiv
gesehen haben wir da große Probleme. Die Landschaft wird
vollgepflastert mit Eigenheimen und mit Einkaufszentren. Wenn das so
weitergeht, ist die Bundesrepublik bald zubetoniert. Und das ist
nicht gut für das Wetter und entsprechend nicht gut für uns. Auch
die Achtung vor dem Anderen, nicht nur vor dem Nachbarn oder unseren
Familienmitgliedern, sondern auch die Achtung vor dem Menschen, den
wir gar nicht kennen, der vielleicht ganz anders aussieht, ist ganz
wichtig.
Was hat das mit Freiheit zu tun? Das sind die Freiheitsziele, über
die wir uns klar sein müssen, wenn wir die Grenzziehung oben und
unten machen wollen. Wenn wir den Raum dazwischen richtig füllen
wollen mit Leben. Das sind die Freiheitsziele. Ich habe nur einige
genannt: Menschlichkeit, Mitmenschlichkeit, Liebesfähigkeit, Achtung
vor der Natur und vor dem Anderen. Ich bin sehr überzeugt davon,
dass - wenn wir diese Ziele nicht aus dem Auge verlieren – wir die
Grenzen der Freiheit richtig im Auge haben und sie nicht als
Belastungen empfinden, sondern als Chance.
*****
INHALT Teil
II_________________________________________________________________
Ansage:
Heute mit dem Thema: „Kommt ins Offene – die Freiheit des Menschen,
Teil 2“.
Gestern zeigte Wilhelm Vossenkuhl, Professor für Philosophie in
München, welche Grenzen die Freiheit bestimmen. Im zweiten Teil geht
es heute ebenfalls um diese Grenzen, und zwar im Hinblick auf die
Möglichkeiten und Gefahren der modernen Genanalyse und Gentechnik.
Die Biotechnologien werfen nämlich wichtige Fragen auf: Haben wir
ein Recht auf Nichtwissen, haben wir die Freiheit, bestimmte Dinge
über unsere genetischen Dispositionen etwa nicht zur Kenntnis zu
nehmen, und: Besteht unsere Freiheit vielleicht gerade in dieser
Form der Beschränkung?
Dazu nun der zweite Teil des Vortrags von Wilhelm Vossenkuhl.
Wilhelm Vossenkuhl:
Wenn wir über die Grenzen der Freiheit nachdenken, dann notgedrungen
auch über die Grenzen des Wissens und die Grenzen des Handelns. Sie
hängen alle zusammen, ähnlich wie die Grenzen von Frankreich und
Deutschland oder Deutschland und der Schweiz usw.
Abstrakte Bilder von den Grenzen haben wir alle im Kopf, aber wie
sehen sie konkret aus? Ich habe schon über Gentechnik und ähnliches
gesprochen, und es liegt mir am Herzen, ein Thema aufzugreifen, das
den einen oder anderen unter uns vielleicht schon seit langem
bewegt: Wie geht es mit dem eigenen Leben gesundheitlich weiter?
Sollten wir nicht einfach mal eine Genanalyse machen lassen?
Genanalysen werden inzwischen sogar schon im Internet angeboten,
eine sowohl im positiven als auch im negativen Sinn interessante
Möglichkeit. Eine gute Beratung findet zum Beispiel nicht statt. Wir
können eine Genanalyse in Auftrag geben, dann werden uns die
Ergebnisse mitgeteilt, und wir sollen uns einen Reim darauf machen.
Aber wer wüsste schon als Nicht-Naturwissenschaftler, was man mit
einer Aussage über die Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit
einer Krankheit anfangen soll? Wir begegnen im Internet solchen
Angeboten, und ich finde, das sollte eigentlich nicht sein. Nichts
gegen Genanalyse, nichts gegen genetische Diagnostik, aber sie
sollten doch von Profis, von Ärztinnen und Ärzten, durchgeführt
werden, die das können. Davon gibt es übrigens noch gar nicht so
viele. Zudem sollte eine gezielte Aufklärung davor und auch danach
stattfinden: Was können die Tests zutage fördern und was ist mit den
Ergebnissen anzufangen?
Hier offenbart sich ein Problem der Wissens- und Handelnsgrenzen,
das wirklich dramatisch sein kann. Sie werden gleich sehen, was ich
damit meine. Viele Menschen fragen sich, haben wir denn nicht ein
Recht auf Nicht-Wissen? Müssen wir denn alles, was es zu wissen
gibt, zutage fördern? Für den Alltag trifft das zweifellos zu, wir
müssen ja auch nicht immer alles über andere Menschen wissen. Es
kann zum Beispiel eine Belastung darstellen, wenn man jemanden
kennt, mit ihm gut auskommt, vielleicht sogar mit ihm verheiratet
ist und dann durch Neugier und Nachforschen etwas über diese Person
herausfindet, von dem man später sagt: „Hätte ich das doch nie
gewusst.“ Das Leben mit anderen ist auch nicht immer besser, wenn
wir alles wissen wollen und unsere Neugier nicht stoppen können.
Warum also sollen wir genetisch alles wissen über uns selbst?
So einfach kann man dieses Problem aber nicht erledigen. Denn es
gibt für viele von uns das, was man ärztlich Anamnese, also die
Erinnerung an unsere Vorfahren, nennen kann. Und diese Anamnese
besteht darin, dass man weiß, in der Linie oder in der
Verwandtschaft gab es die und die Krankheit. Ich nehme mal ein ganz
dramatisches Beispiel: den sogenannten Veitstanz, Chorea Huntington,
eine schreckliche, monogen erbliche Krankheit. Sie kann durch die
Veränderung eines Gens entstehen und vererbt sich dann nach den
Mendelschen Gesetzen. Also wenn ein Gen so degeneriert ist, dass
dadurch eine Krankheit wie Chorea Huntington entsteht und man hat
Anlass zu vermuten, dass man diese Veränderung in sich trägt, dann
ist es nicht so leicht zu entscheiden, ob man ein Recht auf
Nicht-Wissen hat oder nicht doch eine Pflicht zu wissen.
Ein verzwicktes Problem, Sie werden gleich sehen, was ich damit
meine. Beginnen wir mit dem Punkt Nicht-Wissen. Wann können wir mit
guten Gründen sagen, es ist besser ist nicht zu wissen als zu
wissen? Philosophen haben die Unart, immer erst beim Gegenteil
dessen anzufangen, was sie eigentlich zeigen wollen. Fangen wir also
mal an, ex negativo zu argumentieren: Wann haben wir eine Pflicht zu
wissen? Dann, wenn wir Anlass dazu haben anzunehmen, dass wir
berechenbare Risiken für das Leben und die Gesundheit dritter durch
unsere genetischen Anlagen mit uns tragen. Stellen Sie sich vor, Sie
sind 18 oder 19, haben gerade das Abitur hinter sich gebracht und
nun überlegen Sie, welchen Beruf Sie ergreifen. Sie hatten schon
lange diesen Traum vom Fliegen, Sie möchten Pilot oder Pilotin
werden. Aber durch Gespräche innerhalb der Familie und der
Verwandtschaft hegen Sie den Verdacht, Sie könnten eine Erbkrankheit
in sich tragen, die sich zum Beispiel in epileptischen Anfällen
äußert oder in Schwindelanfällen. Das hieße, angenommen Sie steuern
gerade ein Flugzeug und bekommen einen Schwindelanfall, dass dadurch
Dritte in Gefahr gebracht werden. Das wäre doch ein Fall, wo Gefahr
für Dritte im Verzug ist, wenn die betreffende Person nicht die
Pflicht zu wissen wahrnimmt und sich sagt, das interessiert mich
nicht, ich fliege einfach, so lange es gut geht. Das geht nicht.
Wenn Dritte involviert sind, haben wir eine Pflicht zu wissen.
Und wann haben wir gute Gründe, nicht zu wissen? Da gibt es mehrere
Möglichkeiten. Einmal, wenn weder Leben noch Gesundheit noch
Eigentum von anderen Personen berührt ist. Also nehmen wir mal an,
ich hege den Verdacht, Chorea Huntington zu haben. Wenn ich nun eine
Partnerin hätte, sollte ich es ihr nicht sagen? Das müsste ich, ich
könnte das nicht einfach verschweigen. Vielleicht überlege ich mir,
ich möchte keine Partnerin und ich möchte auch keine Kinder. Dann
habe ich ein Recht auf Nicht-Wissen, und zwar einfach deswegen, weil
ich derjenige bin, der das alleinige Risiko trägt. Also man hat
Gründe für Nicht-Wissen, wenn die denkbaren Risiken von einem selbst
getragen werden können und getragen werden. Das ist ein bisschen
schwammig, aber man kann es leider nicht genauer sagen. Wenn die
Risiken nicht übernehmbar wären, heißt das natürlich auch, irgendwie
ist die Gemeinschaft betroffen, irgendwie kann ich das nicht alleine
schultern, und das ist immer dann der Fall, wenn zum Beispiel
Versicherungen dafür aufkommen müssen.
Diese Krankheit, von der ich gerade sprach, Chorea-Huntington, ist
nicht heilbar. Und das ist ein weiterer Grund, vom Recht auf
Nicht-Wissen zu sprechen, denn was bringt es denn, wenn ich weiß,
ich habe diese schreckliche Krankheit. Es macht mein Leben jetzt
schon zur Hölle. Man spricht übrigens merkwürdigerweise von den
„Unkranken“, wenn Menschen die genetische Anlage zu Chorea
Huntington haben, aber noch nicht wirklich erkrankt sind. Also ein
Recht auf Nicht-Wissen, wenn ich die Risiken alleine zu tragen habe,
und mehr noch, wenn es keine Heilungschancen gibt. Aber wenn eine
Möglichkeit auf Heilung besteht, dann sollte wohl eine Pflicht sich
selbst gegenüber greifen, um die Chancen auf Heilung wahrnehmen zu
können. Manche ernsten Krebserkrankungen können geheilt werden, bei
Männern zum Beispiel Prostatakrebs, eigentlich eine ziemlich
schreckliche Krankheit, aber dennoch mit guten Chancen auf
Gesundung. Wenn man also den Verdacht hat, an Prostatakrebs zu
leiden, dann sollte man wirklich die Pflicht zu wissen wahrnehmen.
Ähnliche Beispiele gibt es viele, ich möchte Sie aber nicht mit
allzu vielen dieser doch zwiespältigen Beispielen traktieren. Also
eine Pflicht zu wissen besteht dann, wenn Dritte betroffen sind und
die Risiken, die man selbst trägt, zusätzlich von anderen mit
übernommen werden müssen. Das Recht auf Nicht-Wissen greift dann,
wenn man selbst allein die Risiken tragen kann und keine
Heilungschancen gegeben sind.
Zwischen diesen beiden scheinbar klaren Positionen finden sich aber
noch eine Menge an Schattierungen. Zum Beispiel ist das Recht auf
Nicht-Wissen eigentlich nicht gut kalkulierbar, denn wenn man nichts
Genaues weiß, lässt sich dieses Recht nicht richtig einschätzen.
Nehmen wir einmal an, Sie nehmen das Internet-Angebot wahr, über das
ich vorhin gesprochen haben, und Sie lassen sich genetisch
diagnostizieren, und dann wird Ihnen mitgeteilt, mit einer sehr
geringen Wahrscheinlichkeit von 0,1 erkranken Sie an Krebs. Was
werden Sie mit dieser Information tun? Was bedeutet diese Mitteilung
für Ihr Leben? Sie denken vielleicht, auch wenn die
Wahrscheinlichkeit nur gering ist, belastet es mich doch, was kann
ich also tun? Es ist ja nicht so, dass alle Krebsarten leicht
heilbar sind. Wie gehe ich mit den Wahrscheinlichkeiten um?
Wir Menschen verfügen über wenig Vernunft, wenn es darum geht,
Risiken adäquat einzuordnen. Deswegen laufen wir, wenn wir keine
Beratung erfahren haben, bei dieser Diagnostik Gefahr, die Risiken
zu übertreiben, auch wenn sie noch so klein sind. Jemand, der uns
gut beraten würde, würde uns nämlich aufklären, dass diese Risiken
zunächst einmal noch rein gar nichts heißen. Denn bei den meisten
Krankheiten, die heute genetisch diagnostizierbar sind, handelt es
sich um sogenannte multifaktorielle Krankheiten. Das sind
Krankheiten, bei denen sich eine ganze Menge weiterer Faktoren
addieren muss, so dass überhaupt eine reale Möglichkeit zum
Krankheitsausbruch besteht. Es müssen zum Beispiel ein in diesem
Sinne ungesundes, schlechtes Leben, ein desaströser, von vielen
Stressmomenten belasteter Beruf und vieles mehr dazukommen. So
leicht bricht ja eine Krankheit nicht aus.
Man muss - so mein Fazit - darauf achten, dass die Zahlen eines
genetischen Tests nicht so ganz wörtlich zu nehmen sind. Ich finde
es im übrigen ethisch gesehen nicht gut begründet, dass man Menschen
mit solchem Wissen konfrontiert, ohne ihnen die Möglichkeit
anzubieten, dieses Wissen richtig einzuschätzen. Letztendlich ist
der Hinweis auf den multifaktoriellen Charakter zwar auch nur
abstrakt und man kann nicht so richtig wissen, was damit gemeint
ist. Wichtig ist aber, dass wir, ob wir nun vom Recht auf
Nicht-Wissen sprechen oder von der Pflicht zu wissen, uns in einem
Feld bewegen, das voller Gefahren ist für die eigene Lebensführung.
Viele von uns werden auch die geringsten Risiken, die eine
genetische Analyse aufzeigen, so interpretieren, dass sie den Rest
der Tage nur noch daran denken. Es ist schrecklich, wenn man wie ein
Kaninchen auf die Schlange ausschließlich auf diese Gefahr starrt.
So ganz astrein ist die Wissenspflicht nicht. Auch wenn wir glauben,
wir hätten eine Pflicht zu wissen, müssen wir uns darüber im klaren
sein, dass dieses Wissen unangenehme Folgen für uns haben kann.
Sie sehen, auch hier hat die Freiheit, die wir wahrnehmen können und
die darin besteht, dass wir immer mehr Wissen erwerben können und
daraus Handlungskonsequenzen ziehen, zwei Seiten. Die eine besteht
darin, dass wir tatsächlich mehr wissen, und dann wenn wir eine
Chance haben, die Krankheiten, die wir diagnostiziert bekommen
haben, auch einzudämmen und zu beseitigen, dann haben wir
tatsächlich mehr Freiheit, ja vielleicht sogar mehr Lebenszeit
gewonnen. Aber auf der anderen Seite steht eben das Wissen, das uns
und die Qualität unseres jetzigen Lebens so sehr belasten kann, dass
wir keinen frohen Tag mehr haben. Das ist die Kehrseite dieser
Freiheit. Die prädiktive genetische Diagnostik ist folglich mit
Vorsicht zu genießen. Eigentlich sollte nur dort, wo
Heilmöglichkeiten bereits jetzt existieren, von diesen
diagnostischen Mitteln Gebrauch gemacht werden, das heißt, die
Beratung sollte sich nur auf diese Krankheiten beziehen oder auf die
schon erwähnten monogen erblichen Krankheiten wie Chorea Huntington,
um die Möglichkeit zu eröffnen, Maßnahmen zu ergreifen, solange es
noch geht.
Ich möchte Ihnen einen weiteren Fall schildern: Der Vater einer
jungen Lehrerin in einem deutschen Bundesland war an Chorea
Huntington verstorben, sie hatte erlebt, wie schrecklich dieser Tod
war und wusste nun, dass sie mit einer 0,5 Wahrscheinlichkeit selbst
diese Krankheit in sich trägt. Das Land, in dem sie lebte, wollte
diese junge Frau nicht verbeamten, weil es das Risiko scheute. Die
Frau ging zum Anwalt, und sie hat Recht bekommen. Sie hat ein
verbrieftes Recht auf Nicht-Wissen bestätigt bekommen. Niemand
Drittes ist von dem Risiko belastet, sie selbst trägt es allein, das
will sie auch. Sie wartet mit Geduld darauf, ob diese Krankheit
ausbricht - das ist meistens zwischen dem dritten und vierten
Lebensjahrzehnt der Fall -, sie möchte sie aber nicht bis zum Tod
erleben. Das ist ihre freie Entscheidung.
Wir haben nun ein etwas dramatisch klingendes Thema behandelt, und
nun möchte ich übergehen zu einem Wissen im besseren, positiven
Sinn, das auch zu tun hat mit genetischer Diagnostik. Es gibt eine
Menge von Stoffwechselkrankheiten, die man diagnostizieren kann im
frühkindlichen Alter, also bei Neugeborenen. Und diese Krankheiten
können, wenn sie frühzeitig erkannt werden, wirklich restlos
beseitigt werden. Wenn sie nicht rechtzeitig entdeckt werden, können
sie jedoch zu Hirnschäden führen. Und da, finde ich, hat man eine
Pflicht zu wissen. Da sollten Eltern von dem Neugeborenen-Screening,
wie man diese Diagnostik nennt, Gebrauch machen.
Was für Folgerungen können wir aus all diesen Überlegungen ziehen?
Zunächst einmal ganz abstrakt die, dass wenn es um Freiheitsgrenzen
geht, wir lernen müssen, diese selbst zu bestimmen, also:
Selbstbestimmung durch Grenzziehung. Und Grenzziehung heißt, wir
müssen nicht alles wissen, nicht alles haben, nicht alles können
wollen, wir müssen auf bestimmtes Wissen verzichten lernen. Leider
lassen sich für diese Probleme keine besonders schönen Beispiele
finden. Ich möchte Ihnen eines aus den modernen Wissenschaften
schildern. Vielleicht haben Sie schon davon gehört, dass in Laboren
Mensch-Tier-Chimären gebildet werden können. Das funktioniert, indem
zum Beispiel in eine tierische Zelle menschliche Erbinformationen
hineingegeben werden, um einfach auszuprobieren, was daraus
entsteht. Tierchimären gibt es schon, wo zum Beispiel eine Maus
gezüchtet wurde mit einem menschlichen Ohr. Und von diesen Chimären,
jedenfalls von den meisten, von denen ich bisher gehört habe, weiß
man eigentlich nicht, wozu sie gebildet werden. Hat das irgendeinen
wissenschaftlichen Sinn? Auch als Wissenschaftler sollten wir
lernen, unsere Neugier zu zügeln. Wir müssen nicht alles
herausbekommen oder mit allem herumspielen. Denn möglicherweise wird
daraus Leben erzeugt, das sich nicht mehr richtig kontrollieren
lässt, das vielleicht aus dem Labor herauskommt und in der freien
Natur herumgeistert.
Aber der Verzicht auf Wissen gilt natürlich auch im sozialen Sinne.
Ich habe eben vom Neugeborenen-Screening ganz positiv gesprochen.
Die Grenzen des Wissens müssen aber auch eingehalten werden, wenn es
um die Frage geht, wo finde ich Arbeit. Schon heute beinhalten
bestimmte Versicherungen die Klausel, dass der potentielle
Versicherungsnehmer einen Verdacht auf genetische Schäden mitteilen
muss, und die Versicherung besitzt dann die Freiheit, den
Interessenten abzulehnen oder ihn mit einem praktisch unbezahlbaren
Beitrag zu belegen. In diesem Punkt hat die Politik eine klare
Aussage getroffen, nämlich dass genetische Informationen nicht
notwendigerweise bekannt gegeben werden müssen beim Abschluss einer
Versicherung. Das gleiche gilt für Firmen, bei denen man sich
bewirbt. Natürlich gibt es Unternehmen zum Beispiel im
Chemie-Bereich, wo es auch im Interesse des Arbeitsnehmers liegen
kann zu wissen, wie gefährlich die Arbeit dort für die eigene
genetische Anlage, für die eigene Gesundheit ist. Wir können hier
wohl von einer Grauzone sprechen, in der die Grenzen des Wissens
zwar Gültigkeit besitzen, aber Ausnahmen trotzdem zulässig sind. Das
Problem, das ich damit indirekt angesprochen habe, ist nicht nur das
eines Verbots durch die Politik und die Gesetzgebung für die
Weitergabe von Wissen, sondern auch der Datenschutz. Datenschutz,
das kennen wir, ist immer ein schwieriges Gebiet, aber wir wissen
noch nicht so recht, wie Daten genetischer Art geschützt werden
können, wenn sie einmal erhoben wurden.
Also auch hier ist ein kollektiver Lernprozess, sich selbst Grenzen
zu setzen, unbedingt erforderlich. Wir müssen kollektiv auf Wissen
verzichten. Aber was uns viel näher liegt, ist ein Lernprozess, wo
die Grenzen der Freiheit dadurch konkretisiert werden, wo wir unser
Leben selbst gestalten lernen, indem wir lernen, die
Unzulänglichkeiten, mit denen wir nun mal alle auf die Welt kommen,
nicht nur schätzen zu lernen, sondern uns mit ihnen auch zufrieden
zu geben. Nicht jeder ist gleich hübsch, intelligent, sportlich usw.
Jeder mäkelt an sich selbst irgendwie herum. Es ist doch wirklich
merkwürdig, wenn heute Abiturientinnen sich zum Abschluss des
Abiturs eine Schönheitsoperation wünschen. Mir geht das nicht so
richtig in den Kopf. Wie ist das denn möglich? Es gibt
wahrscheinlich gute Gründe für eine Schönheitsoperation, wenn
bestimmte körperliche „Gebrechen“ vorliegen, und das beginnt schon
bei abstehenden Ohren. Welche Frau würde da nicht sagen, das muss
irgendwie beseitigt werden. Aber ich nehme nun mal nicht an, dass
diese zwei, drei jungen Damen, von denen ich in meinem
Bekanntenkreis gehört habe, so ein Problem hatten. Ich denke, man
muss lernen, mit Unzulänglichkeiten umzugehen und damit bei sich
selbst anzufangen. Wenn man das nicht tut, kann man das bei anderen
auch nicht. Es ist doch wichtig, andere zu akzeptieren und nicht
jeden, der einem begegnet, abschätzig zu betrachten und zu sagen:
„Der sieht aber komisch aus.“
Vielleicht klingt das in Bezug auf die Grenzen der Freiheit banal.
Aber ich glaube, das ist es nicht. Das ist unser Leben. Wir sind ja
ständig mit diesen Fragen konfrontiert. Wir sollen doch auch diese
Selbsteinschätzung pflegen, und wenn wir das sollen, dann müssen wir
wissen, zwischen welchen Grenzen das sinnvoll ist. Wir müssen mit
unseren Unzulänglichkeiten umgehen lernen, und wir müssen mit denen
der anderen irgendwie zurecht kommen. Wir dürfen nicht davon
ausgehen, dass Unzulänglichkeiten vermeidbar wären. Also keine
pauschale Verurteilung von Schönheitsoperationen, aber auch keine
prinzipielle Würdigung ihres Sinns. Ich glaube, dass die meisten
nicht wirklich sinnvoll sind, ein gutes Geschäft jedoch für
diejenigen, die sie machen, oder auch sinnvoll für diejenigen, die
sich dann freuen, dass die Wangen nicht mehr so hängen oder die
Augen nicht mehr so trüb aussehen usw. Allerdings werden sie das in
ein paar Jahren wieder, und dann muss das Ganze eben wiederholt
werden. Aber besser ist es doch, man lebt mit seinen Falten und mit
seinen Unzulänglichkeiten, und ein kleiner Bauch im
fortgeschrittenen Alter ist ja nun auch keine Hässlichkeit.
Wir gehen weg von diesen alltäglichen Dingen. Denn das Umgehen mit
Unzulänglichkeiten beinhaltet meines Erachtens noch einen sehr viel
tieferen Sinn. Wir könnten auf dem Weg zur allgemeinen Akzeptanz von
Schönheitsoperationen und dergleichen der Gefahr verfallen zu
glauben, dass vermeidbare Leiden, vermeidbare Unzulänglichkeiten
sinnlos sind. Daraus folgte sofort, dass jeder, der ein vermeidbares
Leiden hat oder unter etwas Vermeidbarem leidet, selber Schuld hat
und kein Mitgefühl verdient, weil vermeidbare Leiden ignorierbar
sind. Denken Sie doch einmal kurz darüber nach, was das bedeuten
würde für Menschen, die mit echten Behinderungen auf die Welt
gekommen sind oder die aufgrund ihrer Lebensführung solche
Behinderungen plötzlich erleiden müssen. Viele Behinderungen sind ja
schon allein dadurch zu verhindern, dass behinderte Babys
abgetrieben werden können. Sie werden es nicht glauben, aber es gibt
heute ganz wenige Geburten von behinderten Kindern. Das gibt doch
eigentlich zu denken. Hier sind wir wieder beim Ende des Themas der
letzten Sendung angelangt, nämlich den Zielen der Menschlichkeit.
Die Grenzen des Menschlichen sind zu hundert Prozent überschritten,
wenn wir glauben, dass vermeidbares Leiden ignorierbar ist oder dass
wir kein Mitleid haben müssen mit Menschen, die unter etwas
Vermeidbarem leiden. Selbst jemand, der aus Angst vor dem Zahnarzt
sein Zahnweh nicht beseitigt, verdient doch unser Mitgefühl, denn
immerhin hat er doch Angst vor dem Zahnarzt. Auch wenn Zahnschmerzen
ein vermeidbares Leiden sind.
Sie sehen, es gibt ganz banale Beispiele, an denen wir erkennen, wir
sollten die Grenzen des Menschlichen respektieren. Wir sollten
lernen, mit dem Leiden der anderen und auch der eigenen
Unzulänglichkeit und dem eigenen Leiden zurecht zu kommen. Da ist es
nun gerade umgekehrt: Wenn wir gelernt haben, mit dem Leiden der
anderen klar zu kommen, wenn wir dieses Leiden respektieren und
darauf eingehen, dann können wir doch auch erwarten, dass die
anderen mit dem eigenen Leiden umgehen können.
Die Frage nach den Grenzen der Freiheit führt letztendlich zu der
Überlegung, wer wollen wir eigentlich sein und wer sind die anderen.
Beides zusammen lässt sich nur als ein Gedanke denken, nämlich dass
wir die Grenzen des Menschlichen gemeinsam ziehen müssten. Und wir
sollten auch hier immer mit den negativen Fragen anfangen: Wer
wollen oder sollen wir auf gar keinen Fall sein? Nämlich die Art
Mensch, die den anderen nicht respektiert.
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