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SWR2 Aula - Prof. Stefan
Sell: Zukunftsfaktor Kind
Warum sich neue Betreuungskonzepte rechnen
Autor und Sprecher: Prof. Stefan Sell *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 5. November 2006, 8.30 Uhr, SWR 2
Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen,
privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung
bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
ÜBERBLICK
Das patriarchalische Modell mit den Ganztagsmüttern und den Halbtagsschulen
ist ein für allemal ein Pleiteunternehmen. Neue Studien zeigen, dass sich
Investitionen in Ganztagsbetreuung lohnen. Die Mütter, die ihre Kinder in
guten Einrichtungen versorgt wissen, können arbeiten, zahlen Steuern,
konsumieren mehr.
Die Firmen wiederum sind froh, dass sie neue qualifizierte Arbeitnehmerinnen
bekommen. Und die Kinder, die früh gefördert werden, haben später auf dem
Arbeitsmarkt bessere Chancen und langfristig gesehen höhere Lebenseinkünfte.
Also: Es rechnet sich! Stefan Sell, Professor für Volkswirtschaftslehre an
der FH Koblenz, erläutert, warum es billiger ist, früh zu investieren, als
spät zu reparieren.
INHALT
Ansage:
Heute mit dem Thema: „Zukunftsfaktor Kind – Warum sich neue
Betreuungskonzepte rechnen“.
Das neue bildungs- und sozialpolitische Motto lautet: Früh investieren,
statt spät reparieren, was meint: Wir müssen mehr investieren in die
vorschulische Erziehung und Betreuung, dann bekommen wir erstens das
PISA-Problem in den Griff, zweitens ermöglichen wir den Frauen, Beruf und
Familie zu vereinbaren.
Allerdings mündet die öffentliche Debatte über diese neuen Zielvorstellungen
immer wieder in eine Litanei, die wiederum geht so: Wir brauchen mehr Geld
für bessere Kitas, aber eigentlich haben wir das nicht, ergo können wir
nichts ändern.
Stefan Sell, Professor für Volkswirtschaftslehre an der FH Koblenz, Standort
Remagen, zeigt im Folgenden, was bei dieser Diskussion falsch läuft. Seiner
Meinung nach berücksichtigen wir viel zu wenig die langfristigen positiven
ökonomischen Effekte, die eine bessere vorschulische Bildung mit sich
bringt.
In der SWR2 AULA beschreibt Sell diese Effekte, zunächst aber zeigt er, was
sich in Bezug auf den Kindergarten in Deutschland in bildungspolitischer
Hinsicht verändert hat.
Stefan Sell:
Das kleine Saarland hat bereits vor einigen Jahren das letzte
Kindergartenjahr beitragsfrei gestellt. Seit 1. Januar ist Rheinland-Pfalz
nachgezogen und hat darüber hinaus per Gesetz beschlossen, dass bis zum Jahr
2010 die gesamte Kindergartenzeit kostenfrei sein wird. Darüber hinaus gilt
ab 2010 ein Rechtsanspruch für die 2-Jährigen. Das bedeutet, eine Familie in
Rheinland-Pfalz kann für sein Kind ab dem 2. Lebensjahr bis zu seinem
Eintritt in die Schule einen kostenlosen Kindergartenplatz beanspruchen. Von
Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit kommt der Vorschlag, in Berlin bereits
ab 2007 das letzte Kindergartenjahr beitragsfrei zu stellen, ebenfalls mit
der Aussicht, die gesamte Zeit kostenlos zu stellen. Politisch ist dieser
Vorschlag allerdings sehr umstritten und hat zu wütenden Protesten geführt.
Denn Berlin ist mit 60 Milliarden Euro verschuldet, es hat vor dem
Bundesverfassungsgericht geklagt, damit die anderen Bundesländer stärker zur
finanziellen Unterstützung herangezogen werden. Die wiederum sagen – allen
voran Bayern und Baden-Württemberg -, das könne doch wohl nicht wahr sein,
dass wir diese Pleite-Stadt finanzieren müssen, während die ihre
Kindergärten beitragsfrei stellt.
Man sieht, überall taucht das Thema Geld auf. Wir werden später noch einmal
einen kritischen Blick auf die Frage der Beitragsfreiheit aus ökonomischer
Sicht werfen, also die Frage stellen, ist das wirklich grundsätzlich
sinnvoll, die gesamte Zeit beitragsfrei zu stellen? Welche Folgen kann das
haben?
Auf der anderen Seite haben wir aber trotz der vielen „Sonntagsreden“ über
die Bedeutung unserer Kindergärten, auch der Beitragsfreiheit in vielen
Bundesländern, wie z. B. in Nordrhein-Westfalen dramatische Steigerungen der
Elternbeiträge. Auch das hat etwas mit dem Finanzierungssystem zu tun. Ein
weiterer aktueller Anknüpfungspunkt, der zeigt, dass es immer wieder um die
Fragen „Was kostet uns das und wer bezahlt das?“ geht, ist ein sehr
trauriger Fall, nämlich der Fall des kleinen Kevin aus Bremen, der
2-Jährige, der tot aufgefunden wurde bei seinem drogensüchtigen Vater. Es
wurde der Vorwurf laut, dass dieses Kind aus finanziellen Gründen wieder in
die Obhut seines völlig überforderten Vaters gegeben wurde, weil es
wesentlich billiger ist, die Kinder wieder in ihre Familien zurück zu
schicken, statt sie stationär in einem Heim unterzubringen. Denn ein
Heimplatz für Kevin hätte 7.000 Euro im Monat gekostet. Man kann sich
vorstellen, dass das natürlich eine äußerst problematische Situation wäre,
wenn man aus Haushaltsgründen, aus finanziellen Gründen ein kleines Kind
nicht schützen könnte.
Um das Thema abzurunden: Es gab im Gefolge einer Äußerung des
SPD-Bundesvorsitzenden Beck eine intensive Diskussion über das sogenannte
Unterschichten-Problem. Eine Studie meint, entdeckt zu haben, dass 8 Prozent
der Bevölkerung in Deutschland zu den Unterschichten gehört, im Westen 4
Prozent, im Osten sogar 20 Prozent. Ganz viele meldeten sich auf zu Wort und
meinten, dass wir jetzt ganz viel machen müssen in Sachen Bildung, um die
jungen Menschen aus dieser Unterschicht herauszuholen.
Es gibt also viele Gründe, sich mit dem Thema zu beschäftigen.
Aber wenn man sich die Frage stellt, warum sind Kindertageseinrichtungen und
Ganztagschulen so ein Topthema auf der politischen Agenda geworden, mal
losgelöst von diesen aktuellen Geschehnissen, dann glaube ich, sind es drei
Punkte, die dazu geführt haben.
Der erste Punkt ist die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt und hierbei vor
allem die Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die ja nun schon
seit vielen Jahren diskutiert wird, die aber jetzt aus Sicht der Wirtschaft
eine ganz neue Dimension bekommen hat, nämlich vor dem Hintergrund, dass in
Teilbereichen der Wirtschaft kontrastierend zur hohen Arbeitslosigkeit ein
zunehmender Fachkräftemangel zu beobachten ist. Dieser Fachkräftemangel wird
sich noch weiter verschärfen. Gleichzeitig wissen wir, dass die Frauen
anders als in der Vergangenheit, in der das Qualifikationsniveau der Männer
im Durchschnitt stets höher war als das der Frauen, nun an den Männer
vorbeizuziehen beginnen. Sie haben einen höheren Anteil in Bezug auf die
Schulabschlüsse, sie stellen eine Mehrheit der Studienanfänger, ihr
Qualifikationsniveau steigt. Und die Wirtschaft erkennt natürlich, dass sie
in Zukunft immer stärker angewiesen sein wird auf die Arbeitskraft der
Frauen, vor allem der qualifizierten Frauen. Insofern ist Vereinbarkeit von
Beruf und Familie nicht mehr nur ein soziales Randthema , sondern es ist
ganz in den Mittelpunkt des Interesses der Unternehmen gerückt.
Und damit hängt der zweite Punkt zusammen: die Demografie. Man kann die
Diskussion teilweise ja schon nicht mehr hören, wenn apokalyptische Visionen
vor uns ausgebreitet werden, dass die Deutschen aussterben, total
vergreisen, alles zusammenbricht. Hier spielt auch sehr viel
Interessenspolitik eine Rolle. Man benutzt die demografische Diskussion, um
z. B. Kürzungen im Sozialbereich zu legitimieren oder bestimmte politische
Maßnahmen zu befördern. Wir haben sicherlich ein demografisches Problem, auf
dem Bildungssektor stellt es sich so dar, dass aufgrund des Schrumpfens der
jüngeren Bevölkerung die Zahl der Schul- und Studienanfänger und die Zahl
der Auszubildenden von Generation zu Generation kleiner wird. Man kann sich
das an einem einfachen Rechenbeispiel klar machen: Die niedrige Geburtenrate
haben wir ja nicht erst seit drei, vier Jahren. Sie liegt seit Mitte der
70er Jahre bei etwa 1,4 Kindern pro Frau. Das bedeutet, dass jede Generation
um ein Drittel kleiner wird. Wenn aber jede Generation um ein Drittel
kleiner wird, dann ist das natürlich ein Prozess, der sich in die
zukünftige, potentielle Elterngeneration fortsetzt. Es kann sich also in den
nächsten 20 bis 40 Jahren gar nichts ändern, auch wenn wir jetzt massiv in
Familienpolitik und Kinderförderung investieren würden.
Das bedeutet außerdem, wir müssen unseren Nachwuchs viel besser als in der
Vergangenheit ausbilden und qualifizieren, um auch im globalen Wettbewerb
genügend Kräfte auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu haben. Das wird sehr
schwierig werden, wenn man weiß, dass über 10 Prozent eines Jahrgangs die
Schule ohne Abschluss verlassen, bei Kindern mit Migrantenhintergrund sind
es sogar teilweise über 25 Prozent, die noch nicht mal einen Schulabschluss,
geschweige denn einen Ausbildungsabschluss haben.
Und das verweist auf den dritten Punkt, der die Diskussion so wichtig macht,
der sogenannte Bildungsnotstand, der durch die PISA-Studie sicherlich bei
jedem mittlerweile angekommen ist. Die Diskussion, die durch die PISA-Studie
entstanden ist, ähnelt, und das meine ich sehr positiv, dem Sputnik-Schock
in den 60er-Jahren. Die Bildungsreform, die wir damals hatten, war ja eine
Folge des Sputnik-Schocks, als wir auf einmal Angst hatten, wir würden
technologisch dem Ostblock hinterherhinken. Vor einem solchen Einschnitt
stehen wir jetzt. Das Interessante an den PISA-Ergebnissen ist ja nicht, auf
welchem Platz man nun landet, das ist fast schon sekundär. Das Dramatische
ist die hohe soziale Selektivität unseres Bildungssystems, die
Sonderauswertungen der Studie, die viel zu wenig diskutiert werden, besagen,
dass Kinder mit Migrantenhintergrund der ersten Generationen, die also aus
dem Ausland zu uns gezogen sind, zu 25 Prozent Risikoschüler in Mathematik
sind. Das bedeutet, sie beherrschen noch nicht mal die elementaren
Grundlagen der Mathematik. Das heißt, sie werden auch keine Ausbildung
machen können. Die Kinder der zweiten und dritten Generation, die in
Deutschland geboren und aufgewachsen sind, von denen man nun erwarten
sollte, dass sie sich besser an- und einpassen in den Bildungssystem, bei
diesen Kindern sind die Anteile der Risikoschüler in Mathematik sogar auf 45
Prozent gestiegen. Es gibt keine deutlichere Zahl, die das absolute Versagen
der Integrationspolitik in Deutschland belegt. Denn diese Kinder sind bei
uns aufgewachsen und sie zeigen dennoch schlechtere Ergebnisse als die
zugezogenen Kinder. Es läuft also etwas falsch.
Und diese Diskussion führte nun dazu, dass das ganze Thema Betreuung und
Bildung bis hin zu Ganztagsschulen prominent wurde und man sagte, wir müssen
ganz weit vorne ansetzen, und dafür gibt es auch gute Gründe.
Warum wir gerade in den ersten Jahren der Kindheit viel stärker investieren
müssen, erklärt sich aus zwei Begründungssträngen.
Der erste leitet sich aus der Lernforschung und der Hirnforschung ab. Der
zweite Strang ist auf den ersten Blick ein ganz banaler, wirtschaftlicher.
Aus volkswirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Analysen kann man zeigen, dass es
eigentlich keine Investitionsgelegenheit gibt, die einen so hohen „Return on
Investment“, also eine so hohe Profitrate, um im Wirtschaftsdeutsch zu
sprechen, generiert wie die Investition in frühkindliche Bildung.
Aber zuerst möchte ich auf den ersten Begründungsstrang eingehen. Vor kurzem
wurden die Ergebnisse einer Langzeitstudie, der sogenannten Logik-Studie,
veröffentlicht. Über 20 Jahre lang hat man die Entwicklung von 200 Kindern
verfolgt, und zwar vom Kleinkind- bis ins frühe Erwachsenenalter. Das
eigentlich überraschende, erstaunliche und gewinnbringende Ergebnis dieser
Studie ist, dass sehr viele Entwicklungen, sei es im motorischen,
kognitiven, im sozialen, im emotionalen Bereich, bereits sehr früh
festgelegt sind. Die Studie konnte z. B. zeigen, dass die intellektuellen
Fähigkeiten der Kinder, aber auch ihr soziales Verhalten, ihre Feinmotorik
bis hin zum Moralverständnis bereits im Alter von drei bzw. vier Jahren so
stabil waren, dass man damit den weiteren Verlauf der Entwicklung dieser
Kinder bis ins frühe Erwachsenenalter mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit
vorhersagen konnte. Das heißt, die intellektuellen Fähigkeiten sind bereits
mit Eintritt in die Grundschule relativ stabil. Oder anders formuliert: All
das, was in den ersten sechs Lebensjahren versäumt oder auch erreicht wurde,
wird die Lebensverläufe der Kinder sehr stark beeinflussen.
Man kann sich das auch mithilfe der Ergebnisse der Hirnforschung klarmachen.
Säuglinge verfügen über etwa 100 Milliarden Gehirnzellen, jede Gehirnzelle
könnte 15 Milliarden Synapsen, das sind Verbindungen mit anderen
Gehirnzellen, ausbilden. Das ist eine unvorstellbare Zahl. Interessant dabei
ist nun, dass ab einem Alter von fünf bis sechs Jahren sich die Anzahl der
Verknüpfungen wieder zu halbieren beginnt. Das heißt, in den ersten
Lebensjahren wird ein Überschuss an Synapsen gebildet, der im weiteren
Verlauf der Kindheit wieder abgebaut wird, und zwar entweder in die eine
oder in die andere Richtung, je nach dem, welchen Reizen die Kinder
ausgesetzt sind oder eben nicht. Wenn Kindern also Chancen auf Entwicklung
vorenthalten werden, können sie diese Defizite nicht oder nur sehr schwer
unter Einsatz hoher Kosten aufgeholt werden.
Allein diese Befunde zeigen, dass wir all unsere pädagogischen Aktivitäten
auf die ersten Lebensjahre konzentrieren sollten, weil dort die
entsprechenden Weichen gestellt werden. Das ist der
pädagogisch-psychologische Begründungsstrang.
Daneben gibt es aber auch den schon erwähnten ganz banalen, wirtschaftlichen
Zusammenhang. Volkswirtschaftler erstellen sogenannte
Kosten-Nutzen-Analysen, auch Betriebswirte machen das jeden Tag, wenn sie
sich die Frage stellen, soll ich in eine neue Maschine investieren oder
nicht. Sie versuchen zu berechnen, welchen Gewinn sie in den Folgejahren aus
dieser Investition ziehen. Diesen Gedankengang hat man nun übertragen auf
die Frage, welche Erträge Kindertagesstätten abwerfen. Dazu hat es eine
interessante Studie der Stadt Zürich gegeben. Man hat untersucht, was würde
eigentlich passieren, wenn alle Kindertageseinrichtungen in Zürich ihren
Betrieb einstellen würden. So hat man herausgefunden, welchen
volkswirtschaftlichen Wert sie eigentlich produzieren. Das Ergebnis ist
beeindruckend: Jeder Franken, der in eine Kindertagesstätte investiert wird,
wirft volkswirtschaftlich gesehen vier Franken an Nutzen ab, ein
Kosten-Nutzen-Verhältnis von 1 zu 4.
Was beinhaltet dieser Gewinn? Aus welchen Positionen setzt er sich zusammen?
Wenn die Mutter eines Kindes durch die Tatsache, dass es eine Kita gibt, in
die Lage versetzt wird, einer teilzeitigen oder sogar einer vollzeitigen
Erwerbstätigkeit nachzugehen, dann schafft sie dort Werte. Sie kann Steuern
und Sozialversicherungsbeiträge zahlen. Durch das höhere Einkommen
konsumiert die Familie mehr, daraus wird Umsatzsteuer fällig. Aber auch die
Beschäftigten in der Kindertagesstätte zahlen Steuern, Sozialversicherung
usw. Es werden ja nicht nur Gehälter gezahlt, sondern es gehen auch Gelder
an den Staat zurück. All diese Werte hat man zusammengenommen und
ausgerechnet. So ergab sich das Kosten-Nutzen-Verhältnis von 1 zu 4. Ein
traumhaftes Ergebnis im Vergleich zu manch anderen Bereichen. Aber auch wenn
man nur den Steuerzahler betrachtet, also argumentiert, na ja, was nützt mir
das, wenn irgendwann mal in den nächsten drei, vier, fünf Jahren zusätzliche
Steuereinnahmen fließen oder sich das Wohlbefinden der Familie verbessert,
selbst dann kommen wir auf ein Kosten-Nutzen-Verhältnis von 1 zu 1,7. Ein
lohnendes Geschäft!
Warum explodiert dann nicht die Kinderbetreuung in der Schweiz? Weil auch
die Schweiz genau wie wir eine völlige Verzerrung der
Kosten-Nutzen-Verteilung hat. Ein Beispiel: In Deutschland werden die Kosten
für Kindertageseinrichtungen zu etwa 85 Prozent von den Kommunen getragen,
aber der Nutzen, der aus den Einrichtungen generiert wird, fällt ganz
überwiegend den Bundesländern, dem Bund und den Sozialversicherungsträgern
zu. Der Bund und die Sozialversicherungsträger sind aber überhaupt nicht an
der Finanzierung der Kitas beteiligt. D. h., würde eine Stadt seine
Kita-Kapazitäten verdoppeln, würde das tatsächlich zu dem beschriebenen
volkswirtschaftlichen Nutzen führen, der Gewinn würde aber vom Bund und den
Sozialversicherungsträgern eingestrichen, während die Stadt die gesamten
Kosten tragen müsste und womöglich in ein Defizit gerät.
Daraus folgt unmittelbar eine zentrale politische Forderung für das System
in Deutschland. Wenn wir die Kinderbetreuung wirklich ausbauen wollen,
sowohl quantitativ als auch qualitativ, dann müssen eben auch diejenigen,
die den Gewinn für sich verbuchen, an der Finanzierung beteiligt werden. Das
passiert nicht, und das ist zur Zeit das Dilemma, vor dem wir stehen, das
auch erklärt, warum trotz guter Absichten das Geld fehlt.
Was müssen wir in Zukunft ändern? Auch wenn es in Zeiten der
Föderalismus-Reform schwerfällt, das auszusprechen: Wir brauchen im Bereich
der Bildung, gerade auch der vorschulischen Bildung ganz klar eine stärkere
Rolle und Einbeziehung des Bundes, also es geht eben nicht um die Trennung
von Bund, Ländern und Kommunen. Das Beispiel der Kosten-Nutzen-Verteilung
hat ja gezeigt, dass die Dinge nun mal zusammenhängen. Man muss das Rad
nicht neu erfinden. Vor drei Jahren hat eine Gruppe Sachverständiger der
OECD sich unser Bildungssystem für Kinder unter sechs Jahren angeschaut. In
ihren Empfehlung mahnten die Experten sehr deutlich an, dass der Bund eine
stärkere Rolle im Bereich der frühkindlichen Bildung und Betreuung spielen
sollte und muss.
Wir brauchen eine Finanzierungsreform, die einen deutlichen Schub an mehr
Geldmitteln ermöglicht. Eine Zahl mag hier genügen: Wir geben zur Zeit an
öffentlichen Mitteln etwa 13 Milliarden Euro aus für alle
Kindertageseinrichtungen in ganz Deutschland. Das sind etwa 0,5 Prozent
unseres Bruttoinlandsproduktes. Die Zielvorstellung der OECD beläuft sich
auf 1 Prozent. Das wird z. B. von Dänemark erreicht. In Euro ausgedrückt
würde das bedeuten, wir müssten jedes Jahr zu den 13 Milliarden Euro
eigentlich noch einmal die gleiche Summe aufbringen, um die Soll-Vorgaben
der OECD zu erfüllen. Das klingt im ersten Moment sehr viel. Allerdings
relativiert sich das, wenn man den Nutzen gegenrechnet, z. B. Einsparungen
im Bereich Schule, Jugendhilfe, die Reparaturversuche in der
Arbeitsmarktpolitik.
Das Grundproblem, das wir hier und heute haben, ist der sogenannte „Time-Lack“
zwischen dem Entstehen der Kosten und des Nutzens, also eine
Zeitverschiebung. Denn ich muss heute investieren, den Gewinn werde ich aber
erst in ein paar Jahren verbuchen können. In Zeiten, in denen man nicht mal
mehr in Legislaturperioden, sondern nur noch in Haushaltsjahren denkt, ist
das gerade für Politiker natürlich eine ganz schwierige Situation, weil sie
wissen, dass frühestens ihre Nachfolger die Ernte einfahren werden. Aber so
ist das nun mal mit den Erträgen in diesem Bereich.
Weiterhin brauchen wir eine Höherqualifizierung des Personals, der Menschen,
die in den Bildungsbereichen arbeiten. Schauen Sie sich die Hierarchie in
unserem Bildungssystem an. Nehmen wir das Beispiel Besoldung: Je höher die
Stufe ist, auf der man im Schulsystem als Lehrer arbeitet, desto höher ist
die Besoldung. Das ist natürlich auch Ausdruck für die „Wertschätzung“. Die
Ausstattung an den Grundschulen ist am schlechtesten und die Gehälter und
die Ausstattung an Kindertagesstätten nochmal schlechter. An den Gymnasien
sieht es am besten aus. Eigentlich müssten wir diese Hierarchie umkehren. In
Schweden beispielsweise ist es tatsächlich so, dass die besten Pädagogen
eines Jahrgangs in der vorschulischen Bildung arbeiten, weil die sagen, die
Plastizität der Kinder, also die Möglichkeit, die Kinder durch didaktische
Methoden und die eigene Arbeit zu beeinflussen, ist nirgendwo höher als bei
den 0- bis 6-Jährigen.
Wir brauchen eine Reform der Ausbildung. Deutschland ist neben Österreich
das einzige europäische Land, in dem die Fachkräfte in diesem Bereich kein
Hochschulstudium haben. Nun ist ein Hochschulstudium per se kein Garant für
Qualität. Aber eines ist, glaube ich, klar: Wenn die Anforderungen an die
Pädagoginnen und Pädagogen steigen, dann muss sich das in der Ausbildung
niederschlagen, und es muss sich letztendlich auch in der Vergütung zeigen,
auch – und das ist ein ganz wichtiger Punkt - um mehr Männer in die
Einrichtungen zu bekommen. Der Männeranteil in den Kitas liegt zur Zeit bei
erschreckenden zwei bis drei Prozent, auch in den Grundschulen gibt es so
gut wie keine Männer mehr, so dass wir dort sehr problematische Effekte zu
beklagen haben, dass z. B. Jungen bis zur Sekundarstufe 1 überhaupt keine
männliche Bezugsperson mehr zu sehen bekommen.
Der letzte Punkt, den ich ansprechen möchte und der das Thema abrundet:
Versprechen wir uns nicht zuviel von den Investitionen in diesem Bereich.
Man muss warnen vor der Annahme, wenn man jetzt das Füllhorn über die Kinder
ausschüttet, Sprachprogramme auflegt und alles verbessert, dann würde später
sozusagen alles gut werden. Diesen einfachen Determinismus gibt es nicht.
Die derzeitige Fokussierung auf Sprachprogramme ist ehrenwert und sinnvoll.
Aber wir dürfen nicht den Denkfehler machen zu glauben, wenn Migrantenkinder,
die bisher Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben, alle deutsch
sprechen, dann haben wir später keine Probleme mehr. Ein Blick nach
Frankreich, auf die Unruhen in den französischen Vorstädten, mit vielen
Migrantenkindern, die alle sehr gut französisch sprechen, mag ein Fingerzeig
sein, dass es eben auch noch andere gesellschaftliche Probleme gibt,
außerhalb der Sprachproblematik.
Eine wirkliche Verbesserung wird es ohnehin nur geben, wenn sich das
Geschlechtersystem verändert, die Rollenaufteilung zwischen Männern und
Frauen, wenn frühkindliche Bildung auch zu einem Väter-Thema wird. Und da
sind wir im internationalen Vergleich sicherlich nicht auf den vorderen
Plätzen. Alle Indikatoren zeigen, dass wir hier noch erheblichen
Reformbedarf haben.
Es bleibt noch vieles zu tun, aber die Perspektiven sind klar. Wir haben,
das ist gewiss, kein Wissensproblem. Sondern wir haben ein eklatantes
Umsetzungsproblem.
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* Zum Autor:
Stefan Sell ist seit März 1999 Professor für Volkswirtschaftslehre,
Sozialpolitik und Sozialwissenschaften an der FH Koblenz, Standort Remagen,
seit 2006 ist er zugleich Vizepräsident der FH Koblenz.
Sell absolvierte zunächst eine Ausbildung zum Krankenpfleger, ab 1983
besuchte er dann die gymnasiale Oberstufe der Städtischen Gesamtschule in
Essen; nach dem Abitur und dem Zivildienst studierte er Sozialwissenschaft
in Bochum; Abschluss: Dipl.-Sozialwissenschaftler. 1994 war Sell Leiter des
Arbeitsamtes Tübingen, 1995 Promotion zum Dr. rer. soc., 1996 - 1999 war
Sell Professor für Wirtschaftswissenschaft und Arbeitsmarktpolitik an der FH
des Bundes für Öffentliche Verwaltung in Mannheim.
Sell beschäftigt sich u. a. mit der Zukunft der Gesundheitswirtschaft, mit
ökonomischen Aspekten der Bildungsreformen sowie mit Strategien der
Arbeitsvermittlung.
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