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SWR2 AULA - Prof. Wilhelm Schmid: Hilfe bei der Sinnfrage - Philosophie
als Lebenskunst
Autor und Sprecher: Prof. Wilhelm Schmid *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Montag, 1. Januar 2007, 8.30 Uhr,
SWR 2
Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen,
privaten Gebrauch bestimmt.Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung
bedarf der ausdrücklichen. Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
ÜBERBLICK
Was hat Philosophie mit Lebenskunst zu tun? Es ist so
weit gekommen, dass man diese Frage stellen muss. Wer
Philosophie studiert, um mit ihrer Hilfe Lebensfragen
fuer sich zu klaeren, dem wird meistens von Spoettern
eine Psychotherapie empfohlen. Dabei stammt der Begriff
Lebenskunst aus der antiken Philosophie, ist also von
vorneherein philosophisch. Allerdings hat die Philosophie
diesen Bereich in den letzten Jahrzehnten aus den Augen
verloren, was mit der Dominanz von Wissenschaft und
Technik in der Moderne zu tun hat. Wilhelm Schmid,
Professor fuer Philosophie und Lebensphilosoph, zeigt,
warum es wichtig ist, zu den Wurzeln einer Lebenskunst
zurueckzukehren.
INHALT
Ansage:
Heute mit dem Thema: „Hilfe bei der Sinnsuche- Philosophie als Lebenskunst“.
Wer Philosophie studiert, um mit ihrer Hilfe wichtige Lebensfragen für sich
und andere klären zu können, dem wird meistens von Spöttern eine
Psychotherapie empfohlen, mit dem Hinweis: Moderne Philosophie habe sich
schon längst aus der Lebenspraxis verabschiedet, sie sei blind geworden für
die konkreten Bedürfnisse des Menschen. Infolgedessen kümmern sich die
Exponenten der Universitätsphilosophie eher um Erkenntnistheorie, weniger um
die Frage, was ist ein gelungenes Leben.
Genau für diesen Aspekt, diesen Bezug zum Leben, interessiert sich Wilhelm
Schmid, Professor für Philosophie und Lebensphilosoph aus Berlin. Seine
zahlreichen Bücher, seine Vorträge, sein Engagement in einem Hospiz – das
alles dient einem Ziel: Schmid will zurückkehren zu den Wurzeln einer
Lebenskunst, er will zeigen, dass die Philosophie dabei helfen kann, sein
Leben auf sinnvolle Weise selbst in die Hand zu nehmen, selbst zu gestalten.
In der SWR2 AULA beschreibt Schmid die wichtigsten Aspekte seiner
Lebenskunst.
Wilhelm Schmid:
Es ist das Anliegen meiner Arbeit seit vielen Jahren, Philosophie und
Lebenskunst wieder aufeinander zu beziehen und eine „Philosophie der
Lebenskunst“ neu zu begründen. Philosophie meint dabei zunächst nichts
anderes als ein Innehalten und Nachdenken – das ist eine bescheidene
Definition, aber Philosophie beginnt seit jeher mit diesem Moment. Sie ist
die Eröffnung eines geistigen Raums, innerhalb dessen Lebensfragen gestellt
und erörtert werden können, ohne dass es hierfür eines pathologischen
Hintergrunds bedürfte. Wer Fragen an das Leben hat, ist nicht
notwendigerweise krank, auch nicht „gestört“, und nicht unbedingt
therapiebedürftig. Es gibt offenkundig heute eine wachsende Zahl von
Menschen, die von Lebensfragen umgetrieben wird; das hängt mit der Situation
und dem Zustand der Moderne zusammen. An wen können diese Menschen sich
eigentlich wenden? Sie adressieren sich vermehrt an die Philosophie,
jedenfalls solange bei manchen Therapien noch die Unterstellung eines
pathologischen Hintergrunds vermutet wird, und solange Theologen noch
fälschlicherweise mit überkommenen Methoden der „Seelsorge“ in Verbindung
gebracht werden. Aber was für eine Art von Lebenshilfe bietet die
Philosophie?
Ich übe mich selbst ein wenig darin, mit der regelmäßigen Arbeit in einem
Krankenhaus nicht nur Theorien über die Lebenskunst aufzustellen, sondern
auch in der Praxis damit zu arbeiten. Dass der Philosoph im Krankenhaus ein
säkularer Seelsorger ist, mag fragwürdig erscheinen, aber der christlichen
Seelsorge ging nun mal schon bei Sokrates und Platon die „Sorge um die
Seele” (epiméleia tes psyches) voraus, die unter modernen Bedingungen wieder
zu entdecken ist. Mit der vielleicht einzigen Differenz zur theologischen
Seelsorge, dass die Philosophie lediglich mit Ideen arbeitet, während die
Theologie auch in Bildern und Geschichten sprechen kann. Entscheidend sind
die Gespräche, dieses gemeinsame Innehalten und Nachdenken, wie es abstrakt
in Büchern geschieht. Am Spital sind es konkrete Gespräche, von Person zu
Person, im Grunde mit jedem: Im Unterschied zum therapeutischen Gespräch
also nicht nur mit Patienten und nicht nur aus Anlass eines sich stellenden
Problems, auch nicht zielführend im Hinblick auf eine zu findende Lösung,
sondern als Versuch, das je eigene Denken zu formulieren, alte Ideen zu
überprüfen und neue Anregungen aufzunehmen. Was viele suchen, ist das
Gespräch über das Leben, um sich über sich klarer zu werden. Das Gespräch
wird zum Lebensgespräch und betrifft alles, was eine Rolle fürs Leben
spielt. Beide Seiten kommen zu Einsichten und auf neue Gedanken, beide
können gleichermaßen lernen in diesem Lebensgespräch. Wichtig ist, dem
Gegenüber die Möglichkeit zu bieten, sich in Bezug auf das, was ist und was
möglich ist, neu zu orientieren und eine tragfähige Lebenswahrheit für sich
zu gewinnen. Dazu dient die philosophische Frage: „Was ist das eigentlich?“
Dazu dient es, Ideen zu klären, etwa die, die ein Mensch vom „Leben“, vom
„Glück“, vom „Sinn“ hat, um klarer zu sehen, was sie beinhalten, sie sodann
beizubehalten oder zu verändern und nach ihrer Umsetzung in die Praxis zu
fragen. Wie die Erfahrung zeigt, kann das bloße Gespräch schon hilfreich
sein. Das Selbst erfährt im Gespräch die Aufmerksamkeit, die ihm fehlte, die
Zuwendung, die es entbehrte. Die bloße Aufmerksamkeit eines Anderen kann die
Kräfte eines Menschen in außerordentlichem Maße aktivieren. Beflügelt
hierdurch, wird das Gespräch zum Anlass für eine neue Selbstaufmerksamkeit.
So wird es zum Ereignis, in dem ein Selbst sich von selbst wieder findet.
Das philosophische Gespräch ist seit der Zeit des Sokrates ein maieutisches
Verfahren, eine Verfahrensweise der Geburtshilfe: Dem Anderen dazu zu
verhelfen, seine Gedanken zu gebären. Denn nur diese Gedanken wird er als
seine eigenen anerkennen, und das ist wesentlich für die Lebenskunst, denn
nur den eigenen Einsichten wird ein Mensch letztlich, wenn überhaupt, auch
folgen. Philosophie der Lebenskunst meint das Innehalten und Nachdenken über
die Grundlagen und möglichen Formen eines bewusst geführten Lebens, und
dieses „bewusst geführte Leben“, das ist Lebenskunst. Was darunter zu
verstehen ist, war in der Tradition oft sehr genau, geradezu normativ,
festgelegt, vor allem in der stoischen Philosophie: Man hatte
leidenschaftslos und unantastbar zu sein, eben „stoisch“. Unter Bedingungen
moderner Freiheit wird aber vieles im Leben zu einer Frage der Wahl, daher
verfährt die erneuerte Philosophie der Lebenskunst optativ: Optionen,
Möglichkeiten eröffnend, sie vor den Augen des Individuums ausbreitend, auch
für und gegen die unterschiedlichen Optionen im Gespräch argumentierend,
ohne jeden Anspruch auf alleinige Wahrheit oder gar Vollständigkeit, um
letztlich eine überlegte eigene Wahl zu ermöglichen; nicht jedoch Normen
vorschreibend, neue Verbindlichkeiten schaffend. Zu den Bedingungen moderner
Freiheit gehört die Notwendigkeit der Selbstsorge und Selbstverantwortung
des jeweiligen Individuums. Die Philosophie kann gleichwohl eine Reihe von
konkreten Vorschlägen machen, die zur Gestaltung des Lebens und zum Gewinn
von Selbstmächtigkeit dienen können, immer ausgehend von der Frage: Was ist
grundlegend für das Leben, welche Möglichkeiten des Umgangs gibt es damit?
Offenkundig hat menschliches Leben immer mit Gewohnheiten, Lüsten, Schmerzen
und Tod zu tun und mit Fragen des Umgangs damit. Und vorweg mit dem Selbst
selbst.
Auffällig häufig ist in der philosophischen Lebenskunst vom Einzelnen, vom
Selbst, vom „Ich“ die Rede. Ein Schlüsselproblem unserer Zeit scheint
allerdings darin zu liegen, dass dieses „Ich“, das von der Zeit der Moderne
freigesetzt worden ist, gar keine Selbstbeziehung gewinnt oder sie stets
aufs Neue verfehlt, und dies nach zwei Seiten hin: Als Selbstverlust, der
keine gewählte, souveräne Selbstlosigkeit ist. Und als Selbstsucht, die
keine gewählte, souveräne Selbstbeziehung ist. Daher geht es in der
Lebenskunst zuallererst um die Beziehung des Einzelnen zu sich selbst. Deren
Verfehlung würde zur Folge haben, dass auch die Beziehungen zu anderen nicht
mehr zustande kommen. Lebenskunst ist die Sorge um ein maßvolles
Selbstverhältnis, das in der Lage ist, das Selbst zu festigen und zu anderen
hin zu öffnen.
Die grundlegende Aufgabe der Selbstbeziehung ist die Begründung eines „Wir“
– zunächst jedoch nicht in der Beziehung zu anderen, sondern innerhalb des
Individuums selbst. Denn ein „Ungeteiltes“, wie das Wort glauben macht, ist
das Individuum schon lange nicht mehr, daher die Arbeit am Wir im Selbst.
Insofern das Ich selbst bereits eine Vielheit ist, finden sich in ihm alle
Fragen und Probleme einer Gemeinschaft und Gesellschaft, die der Integration
in einer Art von Wir bedürfen, einer Selbstbefreundung, um das Leben und
Zusammenleben mit sich zu ermöglichen. Kunstvolle Gestaltung des Selbst und
seiner Existenz setzt mit der Gestaltung der inneren Bindungen und
Beziehungen ein, und das ist die eigentliche Herausforderung. Damit gibt das
Selbst sich selbst Struktur und Form und macht sich und sein Leben zum
Kunstwerk. Mit dem Zustandekommen des inneren wird die Arbeit an einem
äußeren Wir neu begründet. Erst auf der Grundlage einer Einsicht in dessen
Bedeutung wächst die Bereitschaft zu seiner Herstellung und Pflege. Zwar
lässt sich weiterhin behaupten, der Mensch sei nun mal „von Natur aus“ ein
soziales Wesen, aber dies kann in moderner Zeit negiert, ignoriert und
destruiert werden, alle Beschwörungen ändern daran nichts. Das Zerbrechen
von Gemeinschaft geschieht überall dort, wo Individuen Gründe dafür sehen,
sich aktiv von Bindungen und Beziehungen zu befreien oder sie passiv durch
mangelnde Pflege schwinden zu lassen.
Der Anfang für ein neues, inneres und äußeres Wir ist die Selbstbeziehung.
Denn nicht über andere, nur über sich kann das Individuum im Zweifelsfall
selbst verfügen. Aus guten Gründen galt in der antiken Philosophie das
Erlernen des Umgangs mit sich selbst als Grundlage für den Umgang mit
anderen: Denn nur der, der den Umgang mit sich selbst zu gestalten weiß,
wird ein umgänglicher Mensch auch für andere. Im selben Maße, in dem ein
Selbst die Beziehung zu sich gestaltet, wird es fähig zur freien Gestaltung
der Beziehung zu anderen, und darum geht es bei der Arbeit an sich selbst,
soll sie nicht bloßer Selbstzweck bleiben.
Was das Selbst eigentlich ist: Diese Frage muss offen bleiben. Es geht hier
zuerst um eine provisorische Selbstkenntnis, die den Kriterien von
Plausibilität und Evidenz genügt, als Resultat einer reichhaltigen Erfahrung
und kritischen Betrachtung seiner selbst, um sich über sich selbst klarer zu
werden. Die Kenntnis des gegebenen Selbst ist die Voraussetzung für die
Selbstgestaltung, eine Arbeit an sich, die dem Selbst einen definierten Kern
gibt, eine innere Festigkeit, eine „Integrität“. Es sind, aus Gründen der
Überschaubarkeit, kaum mehr als sieben Eckpunkte, die diesen Kern bestimmen,
und nur das Selbst kann sie für sich definieren:
1. Die wichtigsten Beziehungen der Liebe und der Freundschaft.
2. Die wenigen Erfahrungen, die fester Bestandteil des Selbst bleiben
sollen.
3. Die Idee, der Traum, der Glaube, der besondere Weg und vielleicht das
bestimmte Ziel des Lebens; die Sehnsucht, aus der das Selbst fast allein
bestehen kann.
4. Die bestimmten Werte, die besonders geschätzt werden sollen.
5. Die bestimmten Charakterzüge und Gewohnheiten, die sorgsam zu pflegen
sind.
6. Auch die spezifische Angst, die Verletzung, das Trauma, wodurch das
Selbst sich im Kern definiert.
7. Vor allem aber „das Schöne“, an dem das Selbst sich orientieren kann: Wie
immer es individuell und inhaltlich definiert wird, allgemein und formal
kann es als Bejahenswertes gelten, als das, wozu das Selbst „Ja“ sagen kann,
auch bezogen auf sich und die eigene Gestalt. Schön ist etwas, das Sinn
macht, eine Arbeit, eine Lust, ein Schmerz, ein Gedanke – all das, was
besonders bejaht wird und somit zur Quelle des Lebens wird, die mühelos auch
größte Schwierigkeiten zu bewältigen ermöglicht.
Von Bedeutung sind die Gewohnheiten: Sie sind nicht etwa nebensächlich, denn
ein großer Teil unseres Lebens spielt sich in Gewohnheiten ab. Die
regelmäßige Wiederholung und die Dauerhaftigkeit des immer gleichen Vollzugs
(eine Geste zu machen, eine Handlung auszuführen, eine Perspektive
einzunehmen, einen bestimmten Gedanken zu denken etc.) dienen dazu, etwas
zur Gewohnheit werden zu lassen, so dass es sich von selbst versteht und
ohne Mühe, ohne weiteres Nachdenken abläuft und in der Zeit verankert wird.
Aufgrund von Repetition und Regelmäßigkeit der Ausübung bringt die
Gewohnheit eine Entlastung von der Wahl mit sich. Aus dem Prozess der
Gewöhnung geht zudem jene Vertrautheit mit einer Umgebung hervor, die man im
engeren, unmittelbaren und im weiteren, übertragenen Sinne Wohnung nennen
kann. Das Leben kann sich einrichten, wenn Gewohnheiten die Fremdheit
durchbrechen und für Vertrautheit sorgen. Die innige Verflochtenheit von
Gewohnheit und Wohnung charakterisiert den Raum, der bewohnt wird. Mit jedem
Wechsel einer Wohnung, bei jedem Verlust eines persönlichen Umgangs, bei
jeder Auflösung einer Beziehung ist das eigentliche Problem die Entwöhnung
von Gewohnheiten. Mit verschiedenen Arten von Gewohnheiten hat das Subjekt
der Lebenskunst grundsätzlich zu tun: Zunächst unreflektiert aus der
Erziehung und der umgebenden Kultur übernommenen, die man heteronome
Gewohnheiten nennen kann. Eine Bewegung, eine Geste wird übernommen und
angeeignet, ohne es recht zu bemerken, nur weil sie gefällt oder weil
zufälligerweise keine andere Form zur Hand ist. Das alltägliche Leben wird
gewöhnlich aus diesem Fundus bestritten. Die andere, für die Lebenskunst
besonders relevante Form sind autonome Gewohnheiten, die der
Selbstgesetzgebung unterliegen. Es kann sich hierbei erneut um heteronome
Gewohnheiten handeln, die jedoch nicht mehr unreflektiert bleiben, sondern
nun bewusst angeeignet werden. Es käme darauf an, sich die eigenen
Gewohnheiten bewusst zu machen, um diejenigen beizubehalten, die sinnvoll
erscheinen, und sei es nur dafür, in einem Netz von Gewohnheiten leben zu
können; andere aber womöglich sich abzugewöhnen.
Grundlegend und eine Herausforderung für das Leben und somit für die
Lebenskunst ist der Umgang mit Lüsten: Wenn Lebenskunst auch der Sorge
bedarf, so doch ebenso der Sorglosigkeit, wie sie der Genuss der Lüste
verspricht, die genießerische Form der Existenz, die ohnehin im Begriff der
Lebenskunst immer vermutet, hier aber optionalisiert wird. Gegenüber der
Anspannung der Sorge, der ängstlichen wie auch der klugen Sorge, bürgt der
Genuss für die erforderliche Entspannung, nicht um die Sorge völlig
aufzuheben, sondern um sie erneut zu ermöglichen, ein Wechselspiel von Lust
und Sorge. Das Kalkül beim bewussten Gebrauch der Lüste zielt darauf, sie im
Maß zu halten und nicht auf einmal aufzuzehren. Die vorsätzliche Begrenzung
der Lüste hält die Sehnsucht nach ihrem Genuss wach, denn Sehnsucht gilt nur
einem Gut, das nicht beliebig verfügbar ist. Das richtige Maß ist dabei
nicht von vornherein festgelegt, es kann gelegentlich auch der Exzess damit
gemeint sein, etwa um sich allzu starr gewordener Gewohnheiten wieder zu
entledigen; der Genuss gibt dem Leben neuen Auftrieb. Vieles liegt an der
wählerischen Haltung im Umgang mit den Lüsten, um selbst darüber zu
befinden, welche Lust wann, wie lange, mit wem, in welcher Situation, in
welchem Maße und bis zu welchem Punkt zu gebrauchen ist. Die Lebenskunst
kann auch in einer Vervielfältigung der Lüste bestehen, um ihr Potenzial
voll auszuschöpfen: Lüste der Sinne, also des Sehens, Hörens, Riechens,
Schmeckens, Tastens und Spürens, die ein inniges, intimes Genießen
gestatten; Lüste des Denkens und der Reflexion, die sich in der Distanz der
Abstraktion vollziehen; Lüste des Träumens und der Phantasie, in denen das
Selbst fern ist von jedem Kalkül; Lüste der Erinnerung, die das gelebte
Leben zu wiederholen erlauben; Lüste der Lektüre und des Gesprächs, die die
Weite des Lebens zwischen Einsamkeit und Geselligkeit erfahrbar machen;
Lüste des Lachens in allen Variationen, die Körper, Seele und Geist zugleich
in Vibrationen versetzen; Lüste des bloßen Seins, die sich der Muße und
Gelassenheit verdanken; Lüste des nomadischen Seins, die aus der
vielfältigen Begegnung mit Anderen und Anderem resultieren. Die Fülle der
Lüste und der gekonnte Umgang mit ihnen ermöglicht ein Wohlfühlglück, ein
Wohlgefühl in einzelnen Momenten. Es wäre allerdings überfordert, wenn ihm
Dauerhaftigkeit abverlangt würde.
Neben den Lüsten sind es die Schmerzen, die von Bedeutung fürs Leben und die
Lebenskunst sind. Der Umgang mit Schmerzen zeigt vielleicht am deutlichsten,
was die Rede vom „Optativen“ meint. Keine Frage, dass es eine Schwelle der
Erträglichkeit von Schmerz für jedes Individuum gibt, aber nicht jeder
Schmerz muss geflohen, nicht jeder noch so kleine somatische Schmerz
betäubt, nicht jedes psychische Leid schon im Ansatz erstickt werden.
Medizin und Schmerztherapie verfügen zwar über ein ganzes Spektrum an
Möglichkeiten, auf Schmerzen zu antworten, die aber nicht alle dem Konzept
der Intervention folgen müssen, wonach Schmerzen zu bekämpfen und nach
Möglichkeit aufzuheben sind; sie können vielmehr, wo immer dies möglich ist,
dem alternativen Konzept der Integration folgen, wonach Schmerzen ebenso wie
Lüste ins Leben aufzunehmen und der Integrität des Selbst einzugliedern
sind. Der Schmerz scheint das Eigenste zu sein, dessen das Selbst fähig ist,
denn es ist sein Schmerz, sein Eigentum – ein Eigentum, das niemand sonst
haben will, das einzige Eigentum, das keinen Neid auf sich zieht. Wie die
Lust ist der Schmerz zu einer unerhörten Intensität in der Lage, aber im
Unterschied zu ihr trifft er die Existenz tatsächlich in ihrem eigensten
Kern, dort nämlich, wo sie von Auslöschung bedroht ist. Diejenigen, die
durch den Schmerz gegangen sind, wollen gerade diese Erfahrung nicht missen,
die ihnen das Leben auf neue Weise erschlossen hat. Der Schmerz zwingt die
Sorge herbei, die das Selbst wieder auf den Weg zu bringen vermag. Er lässt
nicht nach und lässt keine Gewöhnung zu, die das Selbst darüber
hinwegtäuschen könnte, dass seine Sorge nun existenziell vonnöten ist. Der
Schmerz erinnert uns auch frühzeitig an den Tod, den wir vielleicht aus
unserem Leben, wenngleich vergebens, auszuklammern versuchen. Findet der
Schmerz, das „Negative“ überhaupt, noch in der eigenen Idee des Lebens
Platz, dann ist ein dauerhaftes, umfassendes Glück möglich: Das Glück der
Fülle.
Aber soll das nun die neue Norm sein: Sich und das Leben gestalten zu
müssen? Keineswegs, auch dies obliegt grundsätzlich einer Wahl. Es gibt
lediglich ein gutes Argument dafür: Die Begrenztheit des Lebens ist das
finale Argument dafür, das eigene Leben nicht im bloßen Möglichkeitsfeld zu
belassen, sondern als Element seiner Gestaltung die Auswahl einiger
Möglichkeiten zu verstehen, deren Realisierung alle Energie gewidmet wird,
mit Bezug auf jene Möglichkeit des Lebens, die der Tod ist, dem offenkundig
nicht zu entkommen ist, so dass der Umgang mit ihm grundlegend für das Leben
ist. Tod bedeutet nicht zwangsläufig, dass das Leben überhaupt, sondern dass
es in dieser Form zu Ende ist. Der Tod ist eine Grenze, und die
philosophische Lebenskunst gründet im Bewusstsein von der Begrenztheit des
Lebens. Man kann sogar sagen, dass dem Tod die Begrenzung des Lebens zu
verdanken ist, denn wenn es diese Grenze nicht gäbe, könnte das Leben in der
Tat als gleichgültig erscheinen. Gäbe es den Tod nicht, müsste man ihn wohl
erfinden, um nicht ein unsterblich langweiliges Leben zu führen, das darin
bestünde, das Leben endlos aufzuschieben. Welchen Ehrgeiz sollte es geben,
die schwierige Arbeit des Lebens, ja schon die Mühe des Aufstehens an jedem
Morgen auf sich zu nehmen, wenn all dies auf ewig verschoben werden könnte?
Der Tod als Grenze des Lebens fordert dazu auf zu leben und auf erfüllte
Weise zu leben.
Daher die Affirmation der Begrenzung: Um das Leben nicht einfach nur
dahingehen zu lassen, sondern es wirklich zu leben, solange es währt.
Daraus, dass diese Grenze in jedem Fall gezogen wird, in welcher Form und
wann auch immer, bezieht das Subjekt der Lebenskunst die entscheidende
Motivation zur Gestaltung des Lebens. Natürlich muss man kritisch fragen:
Kann das Leben, das wir leben, wirklich unser „eigenes“ sein? Es wird
bestimmt von Faktoren, auf die wir anscheinend keinen Einfluss haben, von
Mächten, die nach Belieben mit uns umzuspringen scheinen. Gleichwohl wird
dieses Leben zu unserem eigenen – spätestens am letzten Tag. Nur wir selbst
werden es zu Ende bringen, niemand sonst, wer oder was auch immer es
bestimmt haben mag. Wir allein sind – vor uns selbst – für dieses Leben
verantwortlich, niemand sonst wird – jedenfalls am ultimativen Punkt – diese
Verantwortung übernehmen. Das ist der äußerste existenzielle Ernst, der
allein dazu führen kann, das eigene Leben selbst in die Hand zu nehmen.
Grundlegend für die Lebenskunst ist zuletzt jedoch, dem Leben ein Ziel und
auch auf diese Weise Sinn zu geben. Erneut hat das Selbst für sich selbst
eine Wahl zu treffen. Ein Vorschlag hierfür: In der antiken Philosophie
wurde das Ziel der Lebenskunst gerne als das Schöne bezeichnet, ein ebenso
faszinierender wie zerfließender Begriff. Sagte jemand, er tauge nicht zur
Philosophie, erhielt er von Diogenes (der in der Tonne lebte) umgehend zur
Antwort: „Wozu also lebst du, wenn du dich nicht darum sorgst, schön zu
leben?“ In der Tat ist es fraglich, ob ein Leben ohne Orientierung am
Schönen überhaupt möglich ist. Daher erscheint es sinnvoll, „das Schöne“ zu
rehabilitieren und zugleich neu zu definieren, um dem Begriff einen
fassbaren Inhalt zu geben: Schön ist das, was als bejahenswert erscheint.
Als bejahenswert erscheint es in einer individuellen Perspektive, die keine
Allgemeingültigkeit beanspruchen kann. Das Schöne sollte aber nicht zu einem
ästhetizistischen Missverständnis führen: Bejahenswert kann keineswegs nur
das Angenehme, Lustvolle, „Positive“ sein, sondern ebenso das Unangenehme,
Schmerzliche, „Negative“ – weil es die tiefere Erfahrung sein kann, die
weiter bringt. Das Schöne umfasst auch das Misslingen, entscheidend ist, ob
das Leben insgesamt als bejahenswert erscheint.
Wenn das Motiv dafür, das Leben überhaupt zu gestalten, von der Kürze des
Lebens herrührt, dann der Anstoß dazu, es schön zu gestalten, von der
Sehnsucht nach der Möglichkeit, es voll bejahen zu können. Schön ist das,
wozu das Individuum Ja sagen kann. Vor diesem Hintergrund kann der
grundlegende Imperativ der Lebenskunst formuliert werden, der jeden
einzelnen Schritt des Individuums in den Horizont der Gesamtheit der
Existenz stellt und nur vom Individuum selbst in Kraft gesetzt werden kann,
ein einfach erscheinender existenzieller Imperativ: Gestalte dein Leben so,
dass es bejahenswert ist. Das stellt den Prüfstein dar, an dem das eigene
Leben immer wieder gemessen und beurteilt werden kann. Sollte das Leben so,
wie es gelebt wird, nicht bejahenswert sein, dann wäre es zu ändern. Das
schöne Leben ist auch politisch zum Argument zu wenden, um an
gesellschaftlichen Verhältnissen zu arbeiten, die bejahenswerter sein
könnten als die gegenwärtigen, und die im Gegenzug wiederum eine
bejahenswertere Existenz ermöglichen würden. In keiner Weise ist mit der
Rede von Bejahenswertem schon eine Aussage darüber gemacht, ob das
Bestehende auch das Bejahenswerte sei.
So kann Lebenskunst tatsächlich heißen, sich ein schönes Leben zu machen, im
Sinne von: Das Leben bejahenswerter zu machen, und hierzu eine Arbeit an
sich selbst, am eigenen Leben, am Leben mit Anderen und an den
Verhältnissen, die dieses Leben bedingen, zu leisten. Jedenfalls meint das
schöne Leben nicht das Wohlfühlglück allein, meist als angenehmer
Dauerzustand vorgestellt, voller Lust, ohne Schmerz – ein Zustand, den die
meisten nicht erreichen und darob unglücklich sind, während die, die ihn
erreichen, auch nicht zu beneiden sind: Ihnen wird langweilig. Es war der
Utilitarismus, der das „Glück“ für die Moderne als Maximierung von Lust und
Eliminierung von Schmerz definierte. Wenn für das schöne Leben der Begriff
des Glücks eine Rolle spielt, dann eher der wiedergewonnene eines Glücks der
Fülle, zurückzubeziehen auf die aristotelische und epikureische Eudaimonia
sowie die stoische Beatitudo: Es beruht auf der Selbstaneignung und
Selbstmächtigkeit des Individuums, das sein Leben bewusst führt. Es handelt
sich nicht unbedingt um das, was man ein leichtes Leben nennt, eher um
eines, das voller Schwierigkeiten ist, die zu bewältigen sind, voller
Widerstände, Komplikationen, Entbehrungen, Konflikte, die ausgefochten oder
ausgehalten werden – all das, was gemeinhin nicht zum Glücklichsein zählt.
Ein Leben auch, das möglicherweise über seine Endlichkeit hinaus zu einer
Transzendenz hin geöffnet ist. Dazu zu befähigen, das Leben unter Abwägung
all der grundlegenden Aspekte richtig zu führen, ist das Anliegen einer
philosophischen Lebenskunst.
*****
* Zum Autor:
Wilhelm Schmid, freier Philosoph, geb. 1953, lebt in Berlin und lehrt
Philosophie als außerplanmäßiger Professor an der Universität Erfurt.
Regelmäßige Tätigkeit als „philosophischer Seelsorger“ am Spital Affoltern
am Albis bei Zürich.
Homepage: www.lebenskunstphilosophie.de
Jüngste Buchpublikationen:
- Mit sich selbst befreundet sein. Von der Lebenskunst im Umgang mit sich
selbst, Suhrkamp Verlag, Reihe Bibliothek der Lebenskunst, Frankfurt a. M.
2004, 3. Auflage 2004. Übersetzungen: Niederländisch (2004).
- Die Kunst der Balance. 100 Facetten der Lebenskunst, Insel Taschenbuch,
Frankfurt a. M. 2005, 3. Auflage 2006. Übersetzungen: Niederländisch (2005),
Lettisch (2006).
- Die Fülle des Lebens. 100 Fragmente des Glücks, Insel Taschenbuch,
Frankfurt a. M. 2006. |