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SWR2 Wissen (Aula), Konstantin Sakkas:
Fantasielos und verschult - Die verwaltete Bildung
Sendung am Sonntag, 29.04.2007, 08.30 bis 9.00 Uhr
Autor: Konstantin Sakkas
Sprecher: Ralf Caspary
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 29. April 2007, 8.30 Uhr,
SWR 2
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten
Gebrauch bestimmt.
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ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
ÜBERBLICK
2007 ist das Jahr der Geisteswissenschaften, und das
Bundesministerium für Bildung und Forschung versucht mit vielen
Events zu zeigen, dass Fächer wie Germanistik, Romanistik oder
Kulturgeschichte auch heute noch wichtig sind, dass sie eine
gesellschaftliche Relevanz haben. Dies ist gar nicht mehr
selbstverständlich in einer Zeit, in der die "harten"
Naturwissenschaften dominieren.
Andererseits führen die Hochschulreformen dazu, dass das Studium der
Geisteswissenschaften mehr und mehr verschult wird, dass es dabei
nicht mehr um geistige Bildung geht, sondern um Effizienz.
Konstantin Sakkas, Journalist und Philosophie-Student in Berlin,
schildert anhand eigener Erfahrungen, wie sich das Studium der
Geisteswissenschaften zum Negativen verändert hat.
Konstantin Sakkas, geboren 15.12.1982, studiert an der Freien
Universität Berlin Rechtswissenschaft und Philosophie. Im März 2004
hospitierte er in Hamburg bei der ZEIT. Er arbeitet zur Zeit an
einem größeren Essay über das Thema, das ihn im Moment am meisten
fasziniert: über Hitler und den deutschen Nihilismus. Konstantin
Sakkas ist Vorstandsmitglied der "Bürgerinitiative bedingungsloses
Grundeinkommen".
INHALT
Ansage:
Heute mit dem Thema: „Die verwaltete Bildung - Warum die Krise der
Universität nicht mehr aufzuhalten ist“.
Wir haben in der SWR2 AULA immer wieder Professoren zu Wort kommen
lassen, die sich auf kritische Weise mit den jüngsten
Hochschulreformen auseinandergesetzt haben. Es ging dabei
hauptsächlich um die neuen umstrittenen Bachelor– und
Masterstudiengänge.
Heute soll endlich einmal ein Student zu Wort kommen, der ist ja -
neben dem Lehrpersonal - der unmittelbar Betroffene. Der Student
heißt Konstantin Sakkas, Jahrgang 1982, er studiert in Berlin
Rechtswissenschaft und Philosophie, er arbeitet gleichzeitig als
freier Journalist; und aufgrund eigener Erfahrung weiß er sehr gut,
wie der Laden läuft, beziehungsweise nicht läuft! Sakkas hält die
Hochschulrefom nämlich für äußerst problematisch, was besonders für
die Geisteswissenschaften gilt.
Konstantin Sakkas:
Das krampfhafte Bemühen, die Zahl der Studienabbrecher in
Deutschland zu verringern, hat seine Parallele in dem ebenso
verbohrten Kampf der Wirtschaftspolitik gegen die Arbeitslosigkeit.
Um Missverständnissen vorzugreifen: Die Universitäten in Deutschland
sind in der Krise, ebenso wie der deutsche Arbeitsmarkt. Diese
Diagnose steht nicht infrage. Infrage stehen aber die Benennung
ihrer Ursachen ebenso wie die Maßnahmen zu ihrer Überwindung. Worum
es in beiden Fällen: der Arbeitslosigkeit sowohl wie der
Bildungskrise, geht, scheint dabei nicht recht klar geworden zu
sein, obwohl es doch auf der Hand liegt: die Freiheit des Einzelnen
– zur selbständigen Berufswahl hier, zur Selbstbildung dort.
Bleiben wir bei der Bildung. Der Humboldtsche Grundsatz, dass die
Bildung frei sein müsse, wurde wohl niemals weniger ernst genommen
als heute, wo die Universitäten, ob mit oder ohne Bachelor, sich
immer mehr dem Niveau der Schulbildung annähern. Das mag nicht in
allen Fakultäten problematisch sein; in den Geisteswissenschaften
ist es problematisch, und zwar in einem Maße, das vielen Studenten
ihre Studienzeit heutzutage zu einer einzigen Mühsal werden lässt.
Von der Immatrikulation bis zur Abschlussarbeit ist das Studium so
streng reglementiert wie sonst nur die Dienstpläne der Bundeswehr.
Während die Lehrveranstaltungen ihren Inhalt wechseln, bleibt ein
Thema über Jahre hinweg gleich beherrschend: der Zwang zum Erwerb
von Leistungsnachweisen. Der „Scheinzwang“, dem Wortlaut nach
tatsächlich der Zwang zur Unterwerfung unter den Schein von
Rechtmäßigkeit, in den die Bildung des Individuums administrativ
hineingezwungen wird, ist das Damoklesschwert, das unerbittlich über
den besten Jahren unseres Lebens schwebt, und man ist versucht,
einen berühmten Dichtervers in seiner beabsichtigten Vieldeutigkeit
auf dieses Phänomen anzuwenden:
„So sind wir scheinfrei denn nach manchen Jahren,
nur enger dran, als wir am Anfang waren.“
Das schreibt Goethe in seinen Urworten. Je nach Interpretation,
lässt sich das Wort „scheinfrei“ ohne Mühe auf unser Studiensystem
anwenden. Auch dort gilt, im Gegensatz zum ursprünglichen Ansatz
Wilhelm v. Humboldts, nicht mehr die Freiheit, sondern Goethes
Ananke, der Zwang, als Leitmotiv: Man schreibt sich mit Anfang
zwanzig an der Universität ein; man macht, noch halb rebellisch,
nach und nach die ersten, von der Studienordnung verlangten Scheine
und absolviert die Zwischenprüfung; man schreibt schlussendlich,
nach acht oder zehn oder auch zwölf Semestern, seine Abschlussarbeit
und darf sich dann, mit Brief und Siegel, „fertiger“ Historiker,
Germanist, Philosoph et cetera nennen. Zugleich aber fühlt man sich
eben von Jahr zu Jahr „enger dran“, und genau in dem Augenblick, in
dem man „scheinfrei“ ist, also nur noch die Abschlussprüfung vor
sich hat, ist diese emotionale und geistige Enge auf ein Maß
angewachsen, das keine individuelle Spontaneität mehr zulässt. Man
ist völlig aufgegangen im wissenschaftlichen Betrieb mit der
Aussicht auf eine sichere akademische Laufbahn – um den Preis
allerdings, den letzten Schein von Freiheit und Selbstgestaltung
endgültig aufgegeben zu haben. Die Worte, mit denen Walter Benjamin
im ersten Viertel des vergangenen Jahrhunderts die damalige Krise
der deutschen Universität umschrieb, passen auch auf die Gegenwart:
„Zu den unschuldig-verlogensten Reservaten vor [der Wissenschaft]
gehört die Erwartung, sie müsse X und Y zum Berufe verhelfen. Der
Beruf folgt so wenig aus der Wissenschaft, dass sie ihn sogar
ausschließen kann. [...] Es führt zu nichts Gutem, wenn Institute,
wo Titel, Berechtigungen, Lebens- und Berufsmöglichkeiten erworben
werden dürfen, sich Stätten der Wissenschaft nennen. Der Einwand,
wie der heutige Staat zu seinen Ärzten, Juristen und Lehrern kommen
soll, beweist hiergegen nichts. Er zeigt nur die umwälzende Größe
der Aufgabe: eine Gemeinschaft von Erkennenden zu gründen an Stelle
der Korporation von Beamteten und Studierten. Er zeigt nur, bis zu
welchem Grade die heutigen Wissenschaften in der Entwicklung ihres
Berufsapparates (durch Wissen und Fertigkeiten) von ihrem
einheitlichen Ursprung in der Idee des Wissens abgedrängt sind, der
ihnen ein Geheimnis, wenn nicht eine Fiktion geworden ist.“
Die Universität von heute nähert sich in Riesenschritten dem
intellektuellen Niveau und, was noch schlimmer ist, dem Bewusstsein
von bloßen Ausbildungsstätten zur Vorbereitung des Erwerbslebens an.
Entsprechend straff werden die Zügel der obrigkeitlichen
Reglementierung des Studiums angezogen, was sich in der Durchsetzung
der Bachelor/Master-Reform nur normativ kristallisiert. Entsprechend
groß ist allerdings auch der Widerwille von Studenten und
Professoren, sich dem neuen System zu fügen.
Dass diese Auffassung die minderheitliche Stellungnahme eines
Einzelnen wäre, wird niemand im Ernst behaupten wollen. Ich selber
bin während der Recherche nicht auf einen Gelehrten gestoßen, der
sich nicht vehement gegen die Bachelorreform erklärt hätte. Ulrich
Beck etwa, in München lehrender Soziologe, fasst seine Meinung zum
Thema in der ebenso drastischen wie treffenden Feststellung
zusammen:
„Die staatliche Reglementierungswut gegenüber den Universitäten hat
zu einem regelrechten McKinsey-Stalinismus geführt. Die Hochschulen
werden auf das Niveau von Fachhochschulen gedrückt. Ich halte diese
Reform für den Tod unserer Universität.“
Ähnlich äußert sich auch Professor Jürgen Mittelstraß, unter anderem
Präsident des Österreichischen Wissenschaftsrates, gelegentlich
eines Interviews im Berliner Tagesspiegel. Zur Bachelorreform heißt
es dort:
„Ich halte von dieser Konstruktion nichts, vor allem was die
Geisteswissenschaften angeht. Sie bedeutet Verschulung und führt zu
noch mehr Zeitverschwendung. Ich bin im Gegenteil für eine klare
Deregulierung des Studiums. Natürlich geht es nicht ohne
Zeitmanagement, gerade bei den heutigen Massenuniversitäten. Aber
die Tendenz zur Verschulung ist kontraproduktiv.“
„Kontraproduktiv“ ist es in der Tat, die heutigen Studienanfänger
bereits im Augenblick ihrer Immatrikulation auf eine Entscheidung
festlegen zu wollen, die doch nur Endergebnis eines längeren
Entschließungsprozesses sein, niemals aber an dessen Anfang stehen
kann. Dem einschlägigen Einwand, dass an eine Verfreiheitlichung des
Studiums allein schon aus Gründen der wirtschaftlichen und
soziologischen Rationalität nicht zu denken sei, begegnet
Mittelstraß mit der allfälligen Richtigstellung des
Kausalverhältnisses zwischen Ordnung und Freiheit:
„Es geht nicht um Rationalisierung statt Freiheit, sondern um
Rationalisierung durch Freiheit! Natürlich wäre es blauäugig, wenn
wir das Konzept Wilhelm von Humboldts eins-zu-eins wiederbeleben
wollten, natürlich brauchen wir ein bestimmtes Reglement; aber so,
wie es heute versucht wird, greift es zu weit und zu tief. Ich
meine, dass die frühere Form des selbständigen Studiums immer noch
möglich sein muss. Wir verhalten uns eher kontraproduktiv, wenn wir
gerade diejenigen, die ihr Studium auf ‚genialischem‘ Weg hinter
sich bringen können, daran hindern. Selbständige Formen des Lernens
müssen auch heute möglich sein.“
Wobei anzumerken bleibt: Es ist eine bloße Beschwichtigung zu
glauben, lediglich die „genialischen“ Studenten – es fragt sich, wer
dies genau sein mag – würden durch die Reform bedroht. Schließlich
richtet sie sich gegen die Bildungsfreiheit aller. Natürlich hat
eine gewisse Anzahl von Studenten und Professoren mit der Reform
durchaus ihren Frieden gemacht. Problematisch ist ja auch nicht,
dass hier das fremdorganisierte Studium als eine Möglichkeit von
Bildung in unsere Universitäten introduziert wird; das geben auch
scharfe Kritiker der Reform zu, etwa der Philosoph Wilhelm
Schmidt-Biggemann von der Freien Universität Berlin. Er hält die
Reform in all ihrer Mangelhaftigkeit für unabwendbar angesichts der
heutigen Flut von Abiturienten und Studienanfängern. Problematisch
ist doch, dass künftig gar keine Wahlmöglichkeit mehr bestehen soll,
ob ich mein Studium selbst organisieren oder aber von anderen
organisieren lassen will!
Die Reform, so Schmidt-Biggemann, sei ja hauptsächlich deshalb
unternommen worden, weil die „wahnsinnig hohe Quote von
Studienabbrechern“ bildungspolitisch und volkswirtschaftlich nicht
mehr tragbar sei; eine Abbrecherquote von über 90 Prozent etwa im
Fach Philosophie könne sich die heutige Gesellschaft nicht leisten.
Das alte Magisterstudienkonzept stamme aus einer Zeit, in der etwa 5
Prozent der Bevölkerung Abitur machten und ein Studium begannen;
heute hingegen, da dieser Anteil auf bis zu 50 Prozent der
Bevölkerung angeschwollen ist, könne man auf eine
effizienzorientierte Ordnung kaum mehr verzichten. Das „elitäre
Ideal der freien Bildung“, so der Professor, lasse sich unter diesen
demografischen Bedingungen nicht mehr aufrechterhalten.
Gleichwohl: Die Tendenz zur Verschulung, die die Reform heraufführt,
gefährdet den wesentlichen ideellen Grundbestand der Universität und
das so gebetsmühlenartig beschworene Postulat der Effizienz in
einem. Über den Sinn und Nutzen von obligatorischen
Lehrveranstaltungen in einem Bereich, der seinem Wesen nach frei
sein muss, fand schon Golo Mann in seinen Erinnerungen erhellende
Worte:
„Im allgemeinen sind mir geisteswissenschaftliche [Vorlesungen]
immer sinnlos erschienen – seit Erfindung der Buchdruckerkunst. Man
konnte ja doch lesen, mit besserer Ruhe und Konzentration; die
Bücher, welche die Herren selber aus ihren Kollegs zu machen
pflegten, oder Anderes, Besseres. Als Student habe ich kaum je ein
Kolleg zu Ende gehört, außer wenn ich es aus rein opportunistischen
Gründen musste; als akademischer Lehrer litt ich unter der
Sinnlosigkeit dieses Wortbetriebes, weswegen ich denn auch meine
deutsche Professur bald wieder aufgab.“
Dass die Priorität der Universitätsbildung nicht mehr auf
Erkenntnis, sondern auf Nutzen liegt, führt Schmidt-Biggemann auf
die epochale „Verschiebung des universitären Ausbildungsziels von
der Wissenschaftsfähigkeit zur Praxistauglichkeit“ zurück. Diese
Verschiebung der Qualitäten ist ihrerseits Ausdruck einer
grundlegenden sozialen Neubewertung, die das akademische Leben seit
dem Zweiten Weltkrieg erfahren hat. Seither gilt das
Universitätsstudium als Entrebillet in die gute Gesellschaft (sofern
es eine solche noch gibt), und ein entsprechender Nimbus hat sich
darum gelegt. Vorbei sind die Zeiten, da man studierte um der bloßen
Erkenntnis willen und dafür auch ein gewisses soziales
Außenseitertum in Kauf nahm; vorbei die Zeiten, da Studieren nach
dem Muster verlief, das Stefan Zweig in seinen Erinnerungen an die
Welt von gestern so schön beschrieb:
„Alles, was Not tat, war, am Ende des achten Semesters eine
Dissertation einzureichen und einige Prüfungen zu machen. Ich konnte
lesen und arbeiten, was ich wollte, ohne irgend jemandem
Rechenschaft schuldig zu sein.“
Das war im Jahre 1900. Einhundert Jahre später hat sich das
Verhältnis umgekehrt, dergestalt, dass das Studium selbst der
Geisteswissenschaften Opfer des etatistischen Konzepts von
wirtschaftlichem Nutzen und sozialer Achtbarkeit geworden ist. Die
soziale Bedeutung des Akademikertums von heute entspricht etwa jener
des Offiziersstands vor einhundert Jahren. Nirgends tritt dies
deutlicher hervor als in der kürzlich debattierten Überlegung, das
Doktorprädikat aus dem Personalausweis künftig zu streichen; einer
Überlegung, die von der Bundesregierung bezeichnenderweise schnell
wieder fallen gelassen wurde. Tatsächlich trägt man heutzutage
seinen Doktortitel mit dem gleichen distinktiven Selbstbewusstsein
zur Schau wie den „Leutnant der Reserve“ zur Kaiserzeit. Ich selber
habe als Journalist Leserbriefe erhalten, auf deren Kopf der stolze
Namenszusatz M.A. (Magister Artium) prangte – ganz so, als verlöre
die in ihnen geäußerte Kritik ohne den akademischen Rang ihres
Autors ihren Wert, ja ihre Realität! Studium ist, in der objektiven
Wahrnehmung, von einer Herzensangelegenheit degradiert worden zur
reinen Karrierestation, und dergestalt wird es auch regelmäßig
betrieben. Das soziale Klima an den Universitäten trägt durchweg
Züge quasi-militärischer Konditionierung, mitsamt allen Elementen
von Einschüchterung – „Der Student weiß grundsätzlich nichts, der
Dozent alles“ –, Gängelung und Nötigung. Die bravouröse Studie des
französischen Soziologen Pierre Bourdieu über den Homo academicus
ist heute so aktuell wie vor zwanzig Jahren. Über die Praxis der
systematischen Ertötung von Spontaneität, wie sie für die
universitäre Didaktik stilbildend ist, lässt der Autor dort einen
von ihm befragten Professor zu Wort kommen:
„Die Assistenten [...] müssen häufig erst mal ein bisschen auf der
Stelle treten, bevor ein Artikel von ihnen in einer Zeitschrift
untergebracht wird. [...] Besonders in Paris kann man sie ein oder
zwei Jahre lang auf der Stelle treten lassen.“
Diese, mit Bourdieus eigenem Begriff, „Fertigkeit, die Zeit der
anderen zu manipulieren“ scheint auch an deutschen Hochschulen zur
notwendigen Voraussetzung für die Erteilung einer Lehrerlaubnis zu
gehören. Die Zeit der Studenten wie auch der Dozenten auf der
mittleren Rangebene unterliegt einem differenzierten Mechanismus
unnatürlicher Streckung und Stauchung: Man hetzt von einer
Hausarbeit zur nächsten und wartet doch zugleich jahrelang darauf,
endlich einmal in einer Abschlussarbeit zu beweisen, was man
wirklich kann, und zwar auf einem Feld, das einen wirklich
interessiert. Die „Kunst des Wartenlassens“, nach Bourdieu „die
Fertigkeit, immer wieder Hoffnungen zu wecken, aufrechtzuerhalten
oder zu nähren“ gehört zu den grausamsten Folterinstrumenten, die
gegen die geistige Regsamkeit gerade junger Menschen konsequent zur
Anwendung gebracht werden. So lautet die wirklich traurige Diagnose
nicht, dass es immer mehr Studienabbrecher gibt; sondern dass die
wertvollste, die schönste Zeit des Lebens heute in einem weitgehend
fremdbestimmten Studium systematisch „verwartet“ wird. Warum dieses
System dennoch funktioniert? Weil das Studium in seiner heutigen
Gestalt, umgeben mit der Gloriole sozialer Achtbarkeit, für die
meisten Studenten zu einer ungeliebten Notwendigkeit geworden ist
auf dem Weg zu Rang und Namen und einem sicheren Brotberuf. Mit
Bourdieus Worten: „Die Autorität [der Studienordnung] gründet auf
den Karriereerwartungen: nur wer an etwas festhält, wird auch
gehalten.“
Diese soziologische Disposition, die Erkenntnis und Bildung zum
bloßen gesellschaftlichen Tauschwert erniedrigt, hat das heutige
Leben der Studenten maßgeblich geprägt. Der Student von heute wird
am laufenden Band geprüft – ein bodenloser Unsinn, weil Prüfung nur
dem abverlangt werden kann, der sich eindeutig und unweigerlich für
eine bestimmte Sache entschieden hat. Der langwierige Prozess aber,
der diese Entscheidung erst heraufführt, wird durch die anfängliche
Subordination unter die Studienordnung in allen Fällen unnötig
erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht. Für die grundlegende
Orientierung eines Neuimmatrikulierten ist es eine natürliche
Notwendigkeit, in verschiedene Fachbereiche „hineinschnuppern“ zu
können, um herauszufinden, was wirklich zu ihm passt; aber genau
dies wird ihm konsequent verwehrt. Viele quälen sich heute, unter
dem kategorischen Imperativ der sozialökonomischen
Zweckdienlichkeit, lustlos und mühevoll zum Abschluss – am Ende oft
nur aus dem rein formalen Grund, dass sie ihr Studium nicht
abgebrochen haben wollen, selbst wenn es ihnen gar nichts mehr
bedeutet.
Schon die Magisterstudienordnung verlangt vom Studenten die
unmögliche Selbstverpflichtung, mit neunzehn oder zwanzig Jahren
hundertprozentig zu wissen, was für ihn intellektuell das Richtige
ist. Wenn aber der Wechsel von Anschauungen und Interessen gerade
bei jungen Menschen eine quasi ontologische Normalität ist – warum
wird er gerade in dem Bereich kriminalisiert, in dem er nicht nur
normal, sondern sogar notwendig ist? Aufgabe der Universität sollte
es sein, der geistigen Selbstfindung des Studenten einen fruchtbaren
Nährboden zu bieten, und genau dieser Aufgabe verweigert sie sich
hartnäckig. Von der Studienordnung dazu verurteilt, muss der Student
über Jahre hinweg Dutzende von Grund- und Hauptscheinen „erwerben“,
anstatt mit einer frei gewählten und wohldurchdachten Arbeit die oft
zehn- und mehrsemestrige Ochsentour an deutschen Unis zu
durchbrechen und ohne das Usus gewordene Vorexerzieren auf den
Kasernenhöfen unseres Geisteslebens – Prüfungsbüros und
Studiendekanate – seinen Abschluss zu machen. Das deutsche
Studiensystem mit seiner minutiösen Normierung dessen, „was man
drauf haben muss“, hindert den Studenten systematisch an der
Ideenfindung und zieht den Prozess des intellektuellen
Zu-sich-selbst-Kommens übermäßig in die Länge. „Man sollte“, so
Jürgen Mittelstraß, „immer das studieren, woran man ein echtes
Erkenntnisinteresse hat.“ Nur kann Interesse niemals befohlen
werden; es muss sich – ja: bilden, ebenso wie eine Pflanze eben doch
von sich aus wachsen muss oder aber eben nicht wächst.
Heute wird immer gefragt, wozu etwas getan wird: Wozu bilde ich
mich? Wozu arbeite ich? In Wahrheit müsste die Frage lauten: Weshalb
bilde ich mich? Weshalb arbeite ich? Die Antwort hierauf ist
einfach, weil sie nicht auf irgendeinen konkreten Grund – Gründe
gibt es unzählige –, sondern auf eine einzige, klare Ursache
verweist: Weil ich es will. Das individuelle Wollen muss in der
Bildung wieder maßgebend werden, nicht die zwanghafte Orientierung
an irgendeinem sozial oder ökonomisch motivierten Ideal, dem sich
der Einzelne dann regelmäßig widerwillig anbequemt.
Die zeitgemäße Forderung an unser Bildungssystem lautet: Jeder
findet in den Universitäten ein Grundreservoir an Bildung, gleichsam
eine geistige Vorratskammer, aus der er sich zur Verwirklichung
seiner individuellen Lebensziele bedienen kann oder auch nicht. Tut
er es, so wird er den Weg, den er einmal vollbewusst und wohlerwogen
einschlägt, auch zu Ende führen und einen Abschluss machen –
schneller übrigens, so steht zu vermuten, als es je unter Zwang
geschehen könnte. Seine Parallele hat diese Forderung in jenem im
Wirtschaftsleben zur Zeit verstärkt erhobenen Postulat für ein
bedingungsloses Grundeinkommen, das dem Individuum im Zeitalter der
Überflussgesellschaft die aus industriellen Zeiten überkommene Sorge
um die bloße Daseinssicherung abnimmt. Was in der Wirtschaft das
Grundeinkommen ist, muss im Geistesleben die
geisteswissenschaftliche Bildung sein: eine freie Bildung, nicht
eingezwängt in den administrativen Apparat der
Laufbahnschematisierung und -überwachung.
Historisch gesehen hat die gegenwärtige Krise von Universität und
Geisteswissenschaften ihre Wurzel in der universellen Tendenz zur
Rationalisierung, der unsere europäische Kultur seit dem Anbruch der
Neuzeit unterworfen ist. Die Gründung der Universität als
Bildungsinstitution war ja selbst ein Symptom dieses
geistesgeschichtlichen Umschlags, der bereits im zwölften
Jahrhundert einsetzte, zeitgleich mit dem Aufkommen der
Geldwirtschaft und des Rechtspositivismus. Schon damals kündigt sich
der epochale Paradigmenwechsel an, in dessen Verfolg die Aufgabe der
Bildungsanstalten von der reinen Kontemplation auf das rationelle
Erwirtschaften von Wissen umdeterminiert wird. Ob in kirchlichem
oder staatlichem Dienst: Die Universitäten sollten Ausbildungs-,
nicht Bildungsstätten sein, weshalb in ihrem organisatorischen
Zentrum die drei typischen praktischen Fakultäten standen: Medizin,
Jura und Theologie, welche letztere ebenfalls überwiegend praktische
Bedeutung hatte, nämlich in der normativen und instruktiven
Vorbereitung des Gläubigen auf sein Seelenheil und nicht in der
freien Auseinandersetzung mit Gott.
Mit der Neuzeit schließlich tritt dieser Impuls in volle Wirksamkeit
und ergreift auch jene Fakultät, die als einzige sich ihrem Wesen
nach dem Diktat der kirchen- oder staatspolitischen Rationalität
nicht hatte beugen wollen: die Philosophie. Hannah Arendt schreibt
hierzu in Vita activa:
„Entscheidend ist, dass es [seit der Renaissance] nicht mehr das in
die Philosophie führende Staunen war, das schließlich Begriff,
Praxis und Lebensführung der Kontemplation bestimmte, sondern
gleichsam Homo faber in der Maske des Philosophen. Die Vita
contemplativa, sofern sie sich als Gegensatz zu der Vita activa
versteht, besteht wesentlich in der Negation gerade des werktätigen
Lebens, dessen Aufgabe es ist, zu fabrizieren und herzustellen, der
Natur Gewalt anzutun, um sterblichen Menschen eine Stätte auf Erden
zu errichten, und das nun gleichsam umgedreht wird in ein Leben der
Gewaltlosigkeit und Un-Tätigkeit, das alles, was ist, so lässt, wie
es sich der Betrachtung darbietet, um sich selber in der
Nachbarschaft des Unvergänglichen und Ewigen anzusiedeln.“
Genau dies aber: das Fabrizieren nicht zwar von Gegenständen, wohl
aber von für die Praxis nützlichen Prinzipien und Theoremen wird mit
der Neuzeit zum bestimmenden Merkmal gerade der
Geisteswissenschaften. Das Denken um des Denkens willen konnte sich,
mit Ausnahme der kurzen Episode des deutschen Idealismus um 1800, an
europäischen Universitäten nie wirklich etablieren. Statt dessen
vollzog die Universität als Institution den Weg nach, den schon die
Akademie gegangen war. Deren Ursprungszelle und damit zugleich jene
unserer Universität war die platonische Akademie. Das war, modern
ausgedrückt, ein Erkenntniszentrum, ein Raum, den der reiche Mäzen
Akademos dem Platon und seinen Schülern bereitstellte, damit diese
dort ihren metaphysischen Überlegungen nachgehen konnten. Jegliche
Zwecküberlegung war von diesem Konzept ausgeschlossen; es ging um
den Sinn des Daseins und die Suche nach ihm, nicht um nützliche
Folgerungen für die alltägliche Lebenspraxis. Gemeinsam mit der
griechisch-römischen Lebenswelt ging, um 500 nach Christus, auch die
Idee der Akademie unter.
Eine Renaissance erlebte allein ihr Begriff, und zwar seit dem
sechzehnten Jahrhundert, allerdings mit einem völlig veränderten
Gehalt: So wurde „Akademie“ zur geläufigen Bezeichnung für
intellektuelle Kaderschmieden, die sich der Präparation der Elite
eines Landes verschrieben hatten – der geistigen zunächst, später
auch, wie die Wortbildung „Militärakademie“ beweist, der
militärischen und damit politischen Elite. Von Denken um des Denkens
willen, von einer reinen Vita contemplativa mit dem einzigen Zweck
der Selbst- und Sinnfindung, wie sie Hannah Arendt als Ideal
vorschwebt, keine Spur mehr. Die Physik, nach Arendt die
Leitwissenschaft der Neuzeit, hatte längst auch ihr ursprüngliches
Gegenüber, die Geisteswissenschaften, ergriffen; von dieser
weltanschaulichen Usurpation führt ein direkter Weg zur
gegenwärtigen Krise der Universität, die ihren eigentlichen
Gegenstand – das Denken – kaum mehr pflegt und sich Aufgaben widmet,
die nach dem Willen Platons und der alten Griechen eigentlich gar
nicht auf sie gehören, sondern auf Fachhochschulen und betriebliche
Ausbildungszentren.
Die eigentliche Aufgabe der Geisteswissenschaft – denn letztlich ist
es eine einzige Wissenschaft, jene nämlich vom Geist, die alle
anderen, die unter diesem Titel firmieren, umfasst und bedingt –
umreißt Schmidt-Biggemann sehr schön in den Worten:
„Das Wesentliche an den Geisteswissenschaften im Allgemeinen und der
Philosophie im Besonderen ist die Phantasie. Mit Phantasie meine ich
nicht nur, dass man über Dinge redet, die man noch nicht genau weiß,
aber durch Berechnung ermitteln kann, sondern vielmehr, dass man
sich traut, nach den Horizonten unseres Wissens und Daseins
überhaupt zu fragen und über sie nachzudenken. Das bloße Analysieren
von Dingen, die man ohnehin schon weiß und die sich empirisch
beweisen lassen, ist nur langweilig – und es ist gefährlich, weil es
eine Art geistiger Sklerose auslösen kann. Wir
Geisteswissenschaftler sind aber dazu da, Dinge einfach
durchzudenken, und dabei geht es primär nicht darum, ob diese Dinge
richtig oder falsch sind, sondern allein darum, dass sie erst einmal
da sind. Vor der Analyse dürfen wir nicht die Phantasie vergessen.“
Eine Pflanzstätte für die menschliche Phantasie – nichts anderes
sollte die Universität sein, die ihr eigenes Wesen wieder
ursprünglich ernst nimmt. Deshalb ist es an der Zeit, dass in
Deutschland ein Universitätssystem eingerichtet wird, das dem jungen
Menschen und seinen geistigen Bedürfnissen gerecht wird und nicht
mehr darauf abzielt, die wertvollste Zeit, die ein Menschenleben
hat, sinnlos zu verwalten und dadurch wertlos zu machen. Eine
Reform, die laut Jürgen Mittelstraß „selbständiges Lernen nicht mehr
zulässt“ , entspricht dem ganz gewiss nicht; sie erstickt diese
notwendige Bemühung im Keim und schmiedet die Ketten, an denen der
Geist schmachtet, noch stärker, anstatt sie zu brechen. Was not tut
ist eine Studienordnung für die Geisteswissenschaften, die zwar nach
wie vor alle Arten von Lehrveranstaltungen, von der Vorlesung bis
zum Hauptseminar, kennt; in der aber nur eine Reihe von Prüfungen
obligatorisch ist, zu denen sich der Studierende nach selbständiger
Überlegung frei entschließt und die er mit dem Stoff bestreiten
kann, der ihn wirklich anspricht und von dem er weiß, dass er ihn im
Leben weiterbringen wird. Eine Zwischenprüfungsarbeit, eine
Magistervorprüfung und eine Magisterarbeit, verbunden mit
persönlichen Gesprächen mit den betreffenden Professoren, reichen
als normatives Gerüst für ein freies Studium vollkommen aus. Das,
was für den heranwachsenden Wissenschaftler wesentlich ist, erfährt
er in der Regel sowieso aus der Lektüre, die ihm übrigens heute
durch überfrachtete Stundenpläne so gut wie unmöglich gemacht wird,
und dann natürlich aus Seminaren und Kolloquien; diese dürfen
indessen kein Zwang sein, sondern müssen sich allein auf den
freiwilligen Zulauf jener gründen, die zur Erkenntnisfindung des
gegenseitigen Austausches bedürfen.
So fände die Universität zu ihrem eigentlichen Charakter zurück, der
in der Entkoppelung von Arbeit und Denken liegt. Denken, und das ist
im Grunde immer Nach-Denken, hat eben nichts zu tun mit zweck- und
zielgerichteter Planung und Berechnung; diese gehört in den Bereich
der Wirtschaft und hat dort ihr Recht. Die Universität aber sollte
ihr eigentliches Ideal nicht in ihrer Vorläuferin im
Spätmittelalter, in jenen intellektualisierten Kadettenanstalten
erblicken, wie sie in der frühen Neuzeit einmal Mode waren und heute
mehr und mehr wieder Mode werden (man denke an Law-Schools und
dergleichen); vielmehr ist es die Akademie des Platon mit der ihr
eigentümlichen salonhaften, im besten Sinne liberalen Atmosphäre,
vor allem aber mit ihrem ehrlichen Willen zur Transzendenz, nach der
sie sich wieder ausrichten sollte. Das dezidiert auf Arbeit und
Disziplin ausgerichtete Klima an deutschen Universitäten ist freiem
Denken nichts weniger als zuträglich; an seine Stelle muss ein Klima
der individuellen Bereitschaft zum Nachdenken treten, die nicht von
Dozenten oder von den Zwängen des Arbeitslebens diktiert wird,
sondern allein von der Wissenschaft, mit der ein junger Mensch sich
auseinandersetzen will. Wenn heute immerzu von Liberalisierung
gesprochen wird, so sollte man damit im Geistesleben den Anfang
machen, aus dem heraus die moderne Idee von Freiheit schließlich
geboren wurde. Nicht das Abhaken von Scheinen, sondern Gespräch und
Lektüre müssen wieder den wesentlichen Inhalt des Studiums bilden.
Ein solches Studiensystem für die Geisteswissenschaften würde auch
nicht, wie irrigerweise immer wieder behauptet wird, allein den
Begabten, der sogenannten „Elite“ Vorschub leisten; es dient
vielmehr dazu, dass jeder Student sein eigenes Elitebewusstsein im
Geistigen entdeckt und entwickelt und dabei die Ruhe hat, sein
Studium selbst zu gestalten, frei von Scheinzwang und
Prüfungsfristen. Denn die sogenannten Unbegabten, um derentwillen
man diese Reform angeblich initiiert hat, mag es in den Statistiken
der Wissenssoziologie vielleicht geben – in der Wirklichkeit gibt es
sie nicht.
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