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SWR2 Aula - Hans A.
Wüthrich, Dirk Osmetz, Stefan Kaduk: Querdenker gesucht – Warum wir neue
Unternehmer brauchen
(aus der dreiteiligen Reihe „Reden über Deutschland“)
Buch: - Musterbrecher – Führung neu leben. Gabler-Verlag.
Internetlink:
www.musterbrecher.de
Autoren und Sprecher: Prof. Hans A. Wüthrich, Dr. Dirk Osmetz, Dr. Stefan
Kaduk *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 15. Oktober 2006, 8.30 Uhr, SWR 2
Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen,
privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
ÜBERBLICK
Deutschland steht vor großen Herausforderungen, das betrifft besonders den
Wirtschaftsbereich. Viele Unternehmen müssen sich umorientieren, neuartige
Strategien für die Globalisierung entwerfen, um im internationalen
Wettbewerb bestehen zu können. Gefragt sind im Zuge dieser Entwicklung auch
andere Formen der Unternehmensführung.
Die Technokraten und Hierarchien haben ausgedient, Deutschland braucht
flexible, kreative Manager, die unkonventionell führen und mit
ungewöhnlichen Ideen weiterbringen. Stefan Kaduk, Dirk Osmetz und Hans A.
Wüthrich porträtieren die neuen Musterbrecher.
INHALT
Ansage:
Heute mit dem Thema: „Querdenker gesucht – Deutschland braucht neue
Unternehmer“.
Im letzten und dritten Teil der AULA-Reihe „Reden über Deutschland“ geht es
heute um neue Formen der Unternehmensführung. Mittlerweile pfeifen es die
sprichwörtlichen Spatzen von den Dächern: Die Technokraten und knallharten
Hierarchen haben ausgedient, der flexible, kreative Manager erobert so nach
und nach die Chefetage. Dieser neue Typus hält sich nicht an vorgeprägte
Muster, an Traditionen, an Routinen, er ist vielmehr in jeder Hinsicht ein
Musterbrecher und vor allem: Seine Mitarbeiter werden von ihm nicht als
bloße Kosten-Nutzen-Faktoren gesehen, sondern als Ideen- und Impulsgeber.
Musterbrecher - so heißt auch ein neues Buch, das Ergebnisse eines
mehrjährigen Forschungsprojektes des Instituts für Internationales
Management an der Universität der Bundeswehr in München enthält.
In der SWR2 AULA porträtieren die drei Autoren und Wissenschaftler,
Professor Hans A. Wüthrich, Dr. Dirk Osmetz und Dr. Stefan Kaduk, anhand
vieler Beispiele aus der Praxis die neuen Musterbrecher.
Hans A. Wüthrich, Dirk Osmetz, Stefan Kaduk:
Stellen Sie sich bitte einmal vor:
- Ein Orchester von Weltrang ohne Dirigent.
- Eine brasilianische Großstadt, in der die Slums die Lösung der Probleme
sind.
- Eine Organisation mit 100.000 Mitgliedern an deren Spitze ein Machtloser
Chef steht.
- Ein Unternehmen mit 7.000 Mitarbeitern, von denen sich 50 Prozent als
Führungskräfte bezeichnen.
- Eine Bank, die bereits 1970 Budgets abgeschafft hat.
- Ein Pharmaunternehmen, in dem das soziale Engagement der Antrieb ist.
- Ein Wirtschaftsmagazin, das ganz bewusst irritiert und keine Lösungen
kennt.
Egal, ob Sie aus der Wirtschaft kommen oder nicht, würden Sie das von
professioneller Führung erwarten?
Mit faszinierenden Beispielen dieser Art haben wir uns während mehrerer
Jahre Managementforschung intensiv beschäftigt. Wenn wir zurückdenken: Was
hat uns dazu bewogen? Wir erleben Management, das versucht, die Dinge in den
Griff zu bekommen, rational zu entscheiden und mit aller Macht schneller zu
sein als die anderen. Schauen wir uns einmal einige dieser Muster an:
Erstes Muster: Führung muss steuern! Der Kapitän gehört auf die Brücke.
Muster zwei: Führung muss kontrollieren! Vertrauen hat seine Grenzen.
Drittes Muster: Führung muss standardisieren! Normierung bringt
Größenvorteile.
Viertes Muster: Führung muss rational entscheiden! Gefühle haben keinen
Platz.
Fünftes Muster: Führung muss beschleunigen! Zeit ist Geld.
Aber komischerweise scheinen diese Muster immer weniger zu greifen: Selbst
Management empfindet ungute Gefühle. So ergaben exemplarisch mehrere Studien
Folgendes:
- 82 Prozent der Manager glauben, dass ein radikaler Wechsel im
Managementdenken erforderlich sei.
- Nur 15 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland sind wirklich engagiert in
ihrem Job.
- Ca. 20 Prozent der Manager leiden unter berufsbedingten Krankheiten an
Herz oder Magen – weit häufiger als die restliche Bevölkerung.
Unzufriedenheit, fehlendes Engagement, mangelndes Vertrauen, Angst,
Raffgier, Ziellosigkeit, usw. Da läuft etwas schief. In unseren Forschungs-
und Beratungsprojekten hören wir immer wieder von Führungskräften:
- Unsere Mitarbeitenden übernehmen keine Verantwortung!
- Es fehlt die Leidenschaft!
- Wir ersticken in Bürokratie!
- Der Zeitdruck macht vernünftige Planung unmöglich!
. Es fehlt an Kreativität und Innovationskraft!
Eines ist uns offenkundig: Wir verspüren immer öfter das Gefühl der
Orientierungslosigkeit, wir haben das ungute Gefühl, nicht mehr
handlungsfähig zu sein. Unsicherheit prägt den Führungsalltag!
Was sollen wir also tun, wenn die klassischen Führungsmuster ins Leere
laufen? Lassen wir uns von einem besonderen Orchester dazu inspirieren:
In einem traditionellen Orchester nehmen die einzelnen Musiker eine eher
passive Rolle ein. Der Dirigent ist der eigentliche Star, nach dessen
Taktstock gespielt wird. Namen wie Bernstein und Karajan klingen in unseren
Köpfen. Und nicht die der Musiker. Der Einzelne muss das tun, was der große
Lenker von ihm erwartet. Der Musiker wird nicht zum Virtuosen seines
Instruments, sondern zur ausführenden „Maschine“. So belegt eine Studie,
dass die Arbeitszufriedenheit von Orchestermusikern einen Rang hinter
derjenigen von Strafvollzugsbeamten in amerikanischen Bundesgefängnissen
liegt.
Zufällig sind wir auf eines der besten Orchester der Welt gestoßen, das
Orpheus Chamber Orchestra. Erstaunlich ist, dass es seine einmaligen
Leistungen ohne Dirigent vollbringt. Seine Philosophie ist inzwischen in
einer Vielzahl von Publikationen beschrieben worden. Orpheus baut nicht auf
eine Ein-Personen-Führung, sondern auf die Talente, das musikalische Können
und das leidenschaftliche Engagement eines jedes Mitgliedes. Dabei ist das
Orchester alles andere als ein chaotischer, führungsloser „Haufen“. Seit
mehr als 30 Jahren floriert das Orpheus-Ensemble als Gruppe mit
Selbstverwaltung, basierend auf einem kooperativen Managementstil. Nach dem
Prinzip der Rotation übernimmt jeder Musiker einmal Führungsrollen. Für
jedes Musikstück wählt das Ensemble eine Kerngruppe, bestehend aus fünf bis
sieben Musikern. Diese setzen sich zusammen, entwickeln Interpretationen und
unterbreiten dem Orchester einen Vorschlag, wie ein bestimmtes Stück zu
spielen sei. Das Stück wird dann unter Einbeziehung weiterer
Verbesserungsvorschläge der übrigen Mitglieder einstudiert und optimiert.
Das Ergebnis ist eine Aufführung mit einmaligem Engagement, sowohl
musikalisch als auch emotional.
Sie sehen also, das klassische Muster „Steuerung“ wird hier in paradoxer
Weise umgesetzt. Der Musterbruch ist nicht die delegierte und wechselnde
Führungsverantwortung. Es geht nicht darum, einfach das Gegenteil zu tun und
nicht zu steuern. Führungsaufgaben werden nicht mechanistisch und zeitweise
auf eine Person zentriert; sondern es ist die Bereitschaft aller, Führung
kollektiv zu leben, Verantwortung zu übernehmen und gemeinsam um die beste
Lösung zu ringen. Der musikalische Erfolg ist nicht steuerbar, aber auch
nicht zufällig oder beliebig. Jeder Musiker kann sich in diese(r) Kultur
selbststeuernd einbringen, wodurch sehr wohl „gesteuert“ wird.
Im Rahmen unserer Musterbrecher-Initiative haben wir über 40 Beispiele
dieser Art analysiert. Diese Musterbrecher schaffen es, mit Paradoxien
produktiv umzugehen und aus einer anderen Haltung heraus zu führen. So zum
Beispiel die Initiatorin des Münchner Vereins „ghettokids“, der ehemalige
Bürgermeister der Zwei-Millionen-Stadt Curitiba in Brasilien, die
Chefredakteurin des Wirtschaftsmagazins „brand eins“ oder der Zoologe und
ehemalige Chef des Zürcher Zoos; und natürlich haben wir auch mit diversen
Unternehmern und Managern gesprochen.
Diese Persönlichkeiten kommen deshalb mit Unsicherheit besser klar, weil sie
mit Widersprüchlichkeiten umgehen können. Wir müssen uns von einem
„Entweder-oder“ verabschieden, es geht nicht um zentrale Steuerung oder
chaotische Anarchie, totale Kontrolle oder blindes Vertrauen. Die
Herausforderung besteht darin, neue Möglichkeiten im „Sowohl-als-auch“ zu
sehen. Wenn man so will, in der Paradoxie zu führen! Was heißt das nun für
uns konkret?
- Nicht Steuerbarkeit steuern.
- Vertrauter Kontrolle misstrauen.
- Vielfalt standardisieren.
- Rational Gefühle zulassen.
- Kurzsichtig weitblicken.
- Im Beschleunigen innehalten.
- Sachzwänge frei wählen.
Das klingt mächtig und wohl ein bisschen abstrakt. Wir werden das an Hand
weiterer Bespiele erläutern, die das Ganze ein bisschen greifbarer machen:
Zum Beispiel „der vertrauten Kontrolle misstrauen“: Sind wir doch mal
ehrlich, viele Unternehmen sind Misstrauensorganisationen, die eher den
Kontrollsystemen vertrauen und weniger den Menschen, die in diesen
Unternehmen arbeiten. Die wirkliche Herausforderung besteht darin zu
akzeptieren, dass das meiste schlicht und einfach unkontrolliert geschieht
und dass Kontrollinstrumente eine trügerische Gewissheit vermitteln. Was
heißt nun hier paradoxe Führung, was heißt vertrauter Kontrolle misstrauen?
Klaus Kobjoll ist Inhaber des mehrfach ausgezeichneten Tagungshotels
Schindlerhof. Er kontrolliert sein Unternehmen, indem er allen
Mitarbeitenden – vom Lehrling bis zum Küchenchef – absolute Transparenz und
Einblick gewährt, sogar in seine persönlichen Zahlen. So geht er sogar
einmal im Jahr mit all seinen Lehrlingen sämtliche Unternehmenszahlen durch.
Was war der Effekt? Dieses „Mitwissen“, nennen wir es mal so, förderte die
Selbstverantwortung der einzelnen Angestellten. Denn nur wer Einblick hat,
kann Verantwortung übernehmen. Es gilt also der misstrauensorientierten
Kontrolle zu misstrauen. Das ist paradox. Aber viel mehr und eine andere
Form von Kontrolle erreicht man durch vertrauensvolle Transparenz.
Ein weiteres paradoxes Beispiel:
Vielfalt standardisieren!
Standardisierung ist hochgradig sinnvoll. In Deutschland wird der
volkswirtschaftliche Nutzen von Normen auf 15 Milliarden Euro pro Jahr
geschätzt. So überrascht es nicht, dass Führung heute großenteils auf
Normierung und Standardisierung der Systeme und der Mitarbeiter abzielt.
Beherrschbarkeit ist das Ziel, Gleichheit das Mittel. Der paradoxe Ausweg:
ständiges Hinterfragen – sowohl der Vielfalt als auch des Standards selbst.
Bei W.L. Gore & Associates besteht der Standard darin, dass man auf
Standards verzichtet und vielmehr auf die Vielfalt und die Individualität
des Einzelnen setzt. So kennt man weder Assessment-Verfahren noch
Stellenbeschreibungen und vorgezeichnete Karrierepfade. Allein der Kreis der
Mitarbeitenden entscheidet darüber, ob mit einer Person zusammengearbeitet
werden kann.
Ulrich Loth, einer der Europaverantwortlichen, sagte uns in einem
persönlichen Gespräch: „Wir lehnen jegliche Art von Assessment-Verfahren ab!
Manchmal tun mir unsere Bewerberinnen und Bewerber fast schon leid, wenn ich
sehe, wie viele Gespräche sie führen müssen, bevor eine Entscheidung
getroffen wird. Die eigentliche Personalauswahl findet durch die
verantwortlichen Mitarbeitenden statt, die später auch mit den Kandidaten
zusammenarbeiten werden. So kann es durchaus vorkommen, dass jemand mehrere
Gespräche führt, bis das Team entscheidet, der dazu passt. Sicherlich haben
wir Stellenanzeigen, und wir benötigen auch gewisse Fachkompetenzen, die die
Person mitbringen sollte. Aber im Kern geht es darum, dass der Mensch auch
ins Team passen muss. In solchen Einstellungsverfahren werde ich auch häufig
gefragt: ’Wie kann ich denn hier bei Gore aufsteigen, welche
Karriereperspektiven können Sie mir geben?’ Dann bleibt mir nichts anderes
übrig, als zu antworten: ‚Das kann und will ich Ihnen nicht sagen! Wenn Sie
einen Karriereplan brauchen, dann kommen wir hier nie zusammen. Ihre
Beiträge, Ihre Fähigkeiten und das, was Sie wirklich wollen, entscheiden
darüber, wo Sie in zwei Jahren stehen werden. Mehr kann ich heute in diesem
Gespräch noch nicht sagen. Sie werden noch viele Möglichkeiten sehen, die
ich Ihnen ansonsten verbauen würde, würde ich Ihnen bereits heute einen
konkreten Weg aufzeigen.’ Unsere Mitarbeitenden sollen sich in alle
Richtungen entwickeln können. Es liegt an der Persönlichkeit!“
Was lernen wir? Der Traum vom Mitarbeiter nach Maß führt zu nichts anderem
als zu Mittelmaß. Vielfalt muss zum Standard werden in einer vielfältiger
werdenden Welt.
Im Jahr des Papstbesuchs darf auch ein Kirchenbeispiel nicht fehlen:
Im Beschleunigen innehalten!
Wir alle möchten die Zeit durch eine noch bessere Terminplanung in den Griff
bekommen. Aber in Wahrheit passiert doch genau das Umgekehrte: Die Zeit
drückt uns unerbittlich ihren Rhythmus auf. Der Abtprimas des
Benediktiner-Ordens, Dr. Notker Wolf, mit dem wir vor etwa einem Jahr in Rom
sprachen und der etwa
100 000 Menschen vorsteht, charakterisiert seine Führung dadurch, dass er
sich Zeit für die Menschen und deren Probleme nimmt. Das klingt einfach,
aber Notker Wolf akzeptiert tatsächlich die Wichtigkeit des jeweiligen für
den Betroffenen Problems und stellt seine eigenen Aufgaben nicht über die
der anderen. Er umschreibt sein Führungsverständnis wie folgt:
„Ich muss den Menschen, meinen Mitarbeitern, den mir Anvertrauten mit
Emotionen, mit viel Zeit und ohne Distanz begegnen. Dazu nehme ich meine
Gesprächspartner auf die gleiche Ebene, mit dem Ziel, ihm oder ihr die
Zuwendung zu geben, die mein Gegenüber erwartet, als hätte ich in diesem
Moment nichts anderes zu tun.“
Auf diese Weise gelingt es dem Abtprimas, was vielen von uns nicht mehr
glückt, obwohl seine Zeitfenster genauso eng getaktet sind: Er ist ganz bei
den Menschen, wenn er sie trifft und mit ihnen spricht.
Was lernen wir daraus? Wenn wir genau hinschauen, dann erkennen wir, dass
ein Bremsen zur richtigen Zeit beschleunigend wirkt. Paradox, oder? Wer sich
in einer Zeit ohne Zeit bewusst Zeit nimmt, ist nicht nur für sein Umfeld
angenehmer und präsenter, sondern der handelt vermutlich auch effizienter.
Notker Wolf liefert ein Beispiel neu gelebter Führung, von dem ein
mittelständischer Unternehmer ebenso profitieren kann wie ein
Vorstandsvorsitzender, eine Politikerin oder ein Lehrer.
Möglicherweise fragen Sie jetzt, wie man denn nun Musterbrecher werden kann?
Kann man das lernen? Oder hat „man“ es oder nicht – so denken ja viele über
Führungskompetenz. Es gibt, und das muss man sehr deutlich sagen, keine
Rezepte und kein 10-Punkte-Programm. Wir haben bewusst in unser Buch keine
Checklisten aufgenommen und unter jedes Beispiel den kleinen Vermerk gesetzt
„Erlebnis ohne Erfolgsgarantie“. Es hat nämlich überhaupt keinen Sinn,
andere Musterbrecher kopieren zu wollen. Aber natürlich kann man sich
inspirieren und Impulse geben lassen.
Letztendlich geht es ja um eine Veränderung der inneren Haltung. Und die
stellt keine einmalig zu erlernende Fähigkeit dar, sie verändert sich im
Prozess immer wieder neu. Gleichwohl kann man an der Haltung arbeiten. Wir
haben in unserem Projekt drei „Muster des Musterbruchs“ (bewusst in
Anführungszeichen, sonst hätten wir ja wieder das Rezepthafte)
ausgearbeitet, die den Weg weisen können:
- Erstes „Muster des Musterbruchs“: Verbindliche Reflexion – mehr sehen,
sensibler wahrnehmen, achtsam agieren!
- Zweites „Muster des Musterbruchs“: Mut zur Überwindung kollektiv
akzeptierter Wahrheiten und Mut zum Durchhalten der eigenen Identität.
- Drittes „Muster des Musterbruchs“: Echte Beziehungen – Bindungskraft zu
sich selbst und zu anderen.
Schauen wir uns diese drei „Muster des Musterbruchs“ etwas genauer an:
Erstens: Denkkraft durch verbindliche Reflexion – Wege im Sowohl-als-auch
finden!
In einer rasch getakteten Welt fällt es schwer, den Nutzen von Reflexion zu
sehen. Operative Hektik und panisches Agieren verzögern die Prozesse des
Nachdenkens, Besinnens und der Einsicht. Nur selten gönnen wir uns ohne
äußeren Zwang inspirierende Auszeiten. Reflexion macht uns bewusst, dass wir
die Konstrukteure unserer eigenen Wirklichkeit und Wahrheit sind. Es ist
wichtig, unsere impliziten Glaubenssätze zu erschließen.
Raimund Schöll, ein Führungskräftecoach, fordert eine besondere Art der
Reflexion. Er sagte uns Folgendes: „Was heute zu vielen teuren
Fehlentscheidungen im Geschäftsleben führt, ist zu schnelles, eruptives und
aktionistisches Handeln. Oft fehlt das Einnehmen der Beobachterperspektive.
Viele Entscheidungsträger sind getrieben wie kopflose Liebhaber: Sie stürzen
sich von Abenteuer zu Abenteuer, statt in der Ruhe Kraft zu suchen, um von
da aus die nächste überlegte ‚Partie’ zu spielen. Was zu kurz kommt, ist das
Innehalten, die ‚Reflexion zweiter Ordnung’. Dabei geht es um die Frage: Wie
beobachte ich, was ich beobachte? Die Reflexion erster Ordnung ist
ergebnisfokussiert und objektbezogen. Wir benötigen sie im operativen
Geschäft, um zu gestalten und handlungsfähig zu sein. Doch der Blick aus
einem gewissen Abstand auf sich selbst, die eigenen Muster und die der
anderen kann oft ebenso entscheidend sein und einen Mehrwert bringen.“
Zweites „Muster des Musterbruchs“: Sprungkraft durch leisen Mut – mit leisem
Mut normierte Muster brechen!
Reflexion als solche bringt ja noch nicht besonders viel, man muss auch
mutig die Dinge angehen, die man als veränderungswürdig erkannt hat.
„Musterbrecher“ verfügen über die „Sprungkraft“, Alternativen einfach einmal
auszuprobieren, die ganz und gar nicht den klassischen Erwartungen
entsprechen. Das hat nichts mit Tollkühnheit zu tun. Wir denken an Mut in
einer anderen Art: unspektakulär, zurückhaltend, unaufdringlich. Es geht um
Mut, der dazu befähigt, sich von fremden Bezugsgrößen zu lösen und die
eigene Identität „durchzuhalten“.
So wie Peter Walter, Gründer und bis 2005 Geschäftsführer der Nummer vier
der Generika-Hersteller in Deutschland. Er hat vor einigen Jahren gegen die
Überzeugung der Geldgeber den Mut aufgebracht, die strategische Logik der
Generika-Branche zu durchbrechen.
Diese Logik bei vollkommen austauschbaren Arzneimitteln lautet:
Kostenführerschaft, also an der Kostenschraube drehen und durch einen
geringen Produktpreis im Markt bestehen. Diese durchaus naheliegende
Strategie der Kostenführerschaft hat Peter Walter zu Beginn verfolgt, doch
irgendwann fühlte er sich damit nicht mehr wohl. Trotz vollkommener
Austauschbarkeit der Produkte gelang es ihm, eine Differenzierung der
besonderen Art zu realisieren. Und zwar nicht im Stil eines oberflächlichen
„Andersseins“, sondern durch glaubwürdiges Engagement. Peter Walter
etablierte kostenfreie psychosoziale Beratungsdienste. Es ist gelungen, sich
durch authentisches Engagement in einem Feld zu positionieren, das
gewöhnlich nur vom Denken in Größenvorteilen geprägt ist. Natürlich hat sich
der Erfolg auch ökonomisch ausgezahlt. Die paradoxe Einsicht liegt jedoch
darin, dass dieser Erfolg sich vermutlich niemals eingestellt hätte, wenn
das wirtschaftliche Kalkül die alleinige Triebfeder gewesen wäre.
Drittes „Muster des Musterbruchs“: Bindungskraft durch echte Beziehung –
Kraft zur Bindung entwickeln!
Urs Rickenbacher, ein erfolgreicher Unternehmer, sagte uns im persönlichen
Gespräch, wie vielschichtig das Thema „Beziehung“ ist:
„Es umfasst die Beziehung zu sich, zu den Menschen, die einen umgeben, und
zu dem, was wir tun. Es fasziniert mich, mit Menschen Dinge voranzubringen
und sich immer wieder zu fragen: Haben wir wirklich das Beste getan, haben
wir alle, die partizipieren können und wollen, in die Prozesse einbezogen?
Es geht darum, ein Unternehmen zu erleben und weiterzuentwickeln, in dem es
einfach Spaß macht, dabei zu sein, in dem die Lust im Vordergrund steht; ein
Unternehmen also, in dem man eine gemeinsame Zukunft verfolgt, in dem
verantwortungsvolles Arbeiten möglich ist und in dem ein offenes Klima,
Wertschätzung und Achtung herrschen. Das gelingt nur, wenn alle mit
einbezogen sind, wenn alle miteinander in Beziehung sind. Davon ist mein
Führungsverständnis geprägt. Die Voraussetzung ist einerseits ein ständiges
Hinterfragen meiner eigenen Maßstäbe, andererseits bemühe ich mich, offen zu
sein, zuzuhören, Ideen aufzusaugen und weiterzuentwickeln, Mitarbeitende zu
fördern, sie zu Vorschlägen und Kritik aufzufordern. Nur so weiß ich mich in
einem Boot mit ihnen. (…) Einmal pro Woche nehme ich mir Zeit, um durch den
Betrieb zu gehen. Ich brauche den Stallgeruch, dieses Erlebnis ist mir
heilig. Ich möchte die Probleme spüren, erleben, wie es den Mitarbeitern
geht. Ich möchte sie ‚begreifen’. Das heißt, ich versuche, für ihre
Schwierigkeiten, Fragen und Nöte da zu sein, denn die sind genauso wichtig
wie meine eigenen. Ich muss greifbar sein, denn nur so fassen die
Mitarbeitenden Vertrauen und bringen sich ein.“
Wie das Beispiel zeigt, kann man auch auf unspektakuläre Art Bindungskraft
entwickeln.
Beziehung muss im Kontext der beiden anderen Begriffe „Reflexion“ und „Mut“
gesehen werden.
Dies möchte ich veranschaulichen am Beispiel Jürgen Klinsmann, den man
unseres Erachtens, unabhängig davon, ob man ihn sympathisch findet oder
nicht, als Musterbrecher bezeichnen kann. Klinsmann wurde ja wegen seiner
unkonventionellen Trainingsmethoden (Stichwort: Gummiband und kalifornische
Fitnesstrainer) massiv in Frage gestellt. Doch er ging unbeirrt seinen Weg.
Er analysierte zunächst akribisch genau sein Umfeld. Er stellte viele
Logiken des Deutschen Fußballbundes in Frage. Hier haben wir die Reflexion.
Diese Beobachtungen führten zu einer Strategie, die er stur durchzog. Das
verlangte Mut zum Überwinden der kollektiv akzeptierten Wahrheit – zum
Beispiel, wie das Team zu trainieren hätte und ob der Mannschaft während des
Turniers ein kurzer Heimaturlaub zugestanden werden darf oder nicht.
Klinsmann war erfolgreich und schaffte den viel bejubelten dritten Platz bei
der WM im eigenen Land. Wohl auch wegen seiner Bindungskraft, mit der er ein
perfektes mannschaftliches Kollektiv – vom Zeugwart bis zum Torschützen –
formte. Nach der WM flehten alle Klinsmann an, dass er weitermachen solle.
Doch er zieht sich, allen Überredungsversuchen zum Trotz, wieder nach
Kalifornien zurück. Das beweist in irgendeiner Form auch wieder Mut.
Was sagen wir nun, wenn uns Unternehmer oder Manager fragen, was sie tun
sollen?
Zunächst einmal: Hinterfragen Sie die eigene Haltung. Experimentieren Sie
und erleben Sie die Mächtigkeit alternativer Führung. Das Erleben ist das A
und O. Musterbrüche intellektuell zu begreifen, reicht bei weitem nicht aus.
Man muss zum Beispiel erst auf Arbeitszeitregelung verzichten, um zu wissen,
ob die Mitarbeitenden dieser neuen Freiheit mit der nötigen Verantwortung
begegnen. Man muss erst einmal Budgets abschaffen, um zu erleben, ob im
eigenen System genügend unter-nehmerische Verantwortung steckt. Diese
Versuche müssen in überschaubarem Rahmen und unter Einbezug der Betroffenen
unternommen werden.
Man kann bewusst an seiner eigenen Haltung arbeiten; sie für andere erlebbar
machen. Wenn man in Führung und Management nicht pathologisch enden will,
muss man lernen, mit Paradoxien umzugehen. Man gewinnt damit eine neue Art
von Sicherheit in der Unsicherheit – man bleibt handlungsfähig. Und das ist
wohl eine der zentralen Herausforderungen für die Zukunft.
Manager müssen lernen:
1. Mit Unschärfen umzugehen.
2. Paradox zu führen.
3. Sich auf Experimente einzulassen und somit die eigene Exzellenz zu
erfinden.
Die Herausforderung liegt nicht in der Präzisierung der Instrumente und
Techniken. Davon haben wir genug. Im Kern geht es um eine Veränderung der
Haltung gegenüber Führung. Eine Haltung, die hilft, sich innerlich zu
festigen, um mit der äußeren Unsicherheit besser umgehen zu können.
*****
* Zu den Autoren:
Hans A. Wüthrich, Jahrgang 1956, Promotion und Habilitation an der
Universität St. Gallen auf dem Gebiet des Strategischen Managements, Inhaber
des Lehrstuhl für Internationales Management, Universität der Bundeswehr
München, Partner der B&RSW AG Management Consultants, Zürich, Coach für
Führungskräfte.
Dirk Ostmetz, Jahrgang 1967, Ingenieur und promovierter
Wirtschaftswissenschaftler, Lehr- und Forschungstätigkeit am Institut für
Internationales Management, Universität der Bundeswehr München,
Lehrbeauftragter an Fachhochschulen in Deutschland und der Schweiz, Partner
der PhilOs Managementberatung München.
Stefan Kaduk, Jahrgang 1970, promovierter Betriebswirt, sieben Jahre
Unternehmensberatung, Lehr- und Forschungstätigkeit am Institut für
Personal- und Organisationsforschung und Habilitand am Institut für
Internationales Management, Universität der Bundeswehr München, Dozent an
Fachhochschulen und im Rahmen von Weiterbildungsprogrammen. |