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SWR2 AULA - Prof. Thomas Metzinger: Das letzte
Rätsel der Philosophie . Was ist das Bewusstsein (2)
Autor und Sprecher: Prof. Thomas Metzinger *
http://www.philosophie.uni-mainz.de/metzinger/metzinger_dt.html
http://www.mentis.de/index.php?id=00000034&article_id=00000028&category=&book_id=00000413&key=metzinger
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 28. Oktober 2007, 8.30 Uhr,
SWR 2
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten
Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der
ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
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ÜBERBLICK
Nichts scheint uns so nah zu sein wie das eigene Bewusstsein, unsere
Sinnesempfindungen, Gefühle und Gedanken sind uns auf sehr direkte
Art gegeben, sie gehören auf untrennbare Weise zu unserer Identität.
Dennoch gibt es Gefühle, die wir uns nicht erklären können, es gibt
Gedanken über Menschen und die Welt, die wir im Rückblick revidieren
müssen, die auf Irrtümern basierten, und es bleibt immer die Frage,
ob unser Bewusstein auch die äußere Welt adäquat widerspiegelt. Was
ist die Farbe Grün, die ich gerade beim Anblick eines Blatts
empfinde, ist das nur ein subjektives Phänomen? Thomas Metzinger,
Professor für Philosophie an der Gutenberg-Universität in Mainz,
beschreibt im zweiten Teil das phänomenale Bewusstsein mit seinen
Inhalten.
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ZUM AUTOR *
Thomas Metzinger, geboren 1958, Studium der Philosophie, Ethnologie
und Religionswissenschaften in Frankfurt am Main, Magisterarbeit
über Rationalismus und Mystik, danach Promotion mit einer Arbeit
über das Leib-Seele-Problem. 1992 Habilitation im Fach Philosophie,
1997 - 98 Fellow am Hanse-Wissenschaftskolleg in Bremen-Delmenhorst,
danach an der University of California in San Diego, 1999 Professor
für Philosophie der Kognition in Osnabrück, ab 2000 Professor für
Theoretische Philosophie an der Universität Mainz, seit 2005 Adjunct
Fellow am Frankfurt Institute for Advanced Study, 2005 - 2007
Präsident der Gesellschaft für Kognitionswissenschaft.
Forschungsschwerpunkte: Philosophie des Geistes, Künstliche
Intelligenz und verwandte Bereiche, Ethik.
BÜCHER
Grundkurs Philosophie des Geistes (Hrsg)., 3 Bände (Band 3 noch
nicht erschienen), Mentis Verlag.
Band 1: Phänomenales Bewusstsein.
Band 2: Das Leib-Seele-Problem.
Being No One. The Self-Model Theory of Subjectivity. Cambridge Mit
Press.
Neural Correlates of Consciousness: Empriical and Conceptual Issues.
Mit Press.
Neuere Beiträge zur Diskussion des Leib-Seele-Problems. Lang.
Bewußtsein. Beiträge aus der Gegenwartsphilosophie (Hrsg.). Mentis.
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INHALT
Ansage:
Heute mit dem Thema: „Das letzte Rätsel der Philosophie - Was ist
das Bewusstein“, Teil 2.
Der Mainzer Bewusstseinsphilosoph Professor Thomas Metzinger hat im
ersten Teil seiner Reihe gezeigt, aus welchen elementaren Bausteinen
das menschliche Bewusstsein besteht.
Heute geht es um die höheren und komplexeren Ebenen des
Bewusstseins. Und denen nähert sich Metzinger, indem er fragt, wie
man ein künstliches Maschinenbewusstein herstellen könnte, welche
Elemente und Bausteine man dazu benötigen würde, damit diese
Maschine, also etwa der Roboter, ein echtes Bewusstein haben könnte:
Thomas Metzinger:
Echtes Bewusstsein entsteht dann, wenn sich die repräsentationalen
Zustände eines informationsverarbeitenden Systems für dieses selbst
irgendwie anfühlen, also wenn sie - wie bei der Fledermaus aus der
ersten Vorlesung - einen introspektiv zugänglichen qualitativen
Charakter besitzen. Dass ein beliebiges System sich so verhält, als
ob es echte Farben sehen oder wirklichen Schmerz empfinden könnte,
ist bei näherem Hinsehen ein genauso unbefriedigendes Kriterium wie
die Tatsache, dass es vielleicht auf sprachlicher Ebene behauptet,
es hätte tatsächlich bewusste Erlebnisse.
Eine schöne Idee hatte der amerikanische Philosoph Daniel Dennett in
seinem Aufsatz „COG – Schritte in Richtung auf Bewusstsein in
Robotern“, der auf Deutsch in dem Sammelband „Bewusstseins –
Beiträge aus der Gegenwartsphilosophie“ abgedruckt ist: Ein Roboter
ist genau dann bewusst, so Dennett, wenn er zur zuverlässigsten
Informationsquelle darüber wird, was gerade in ihm vorgeht und was
er als nächstes tun wird. Dennett sagt: Es besteht eine hohe
Wahrscheinlichkeit, dass die Konstrukteure schlichtweg die
Vormachtstellung derer verlieren werden, die ein Kunstprodukt
entworfen haben („Ich habe ihn gemacht, deshalb weiß ich auch, was
er tun sollte und was er jetzt gerade tut!“). Wenn wir die Maschine
selbst fragen müssen, um herauszufinden, was sie als nächstes tun
wird, dann ist sie auch bewusst.
Der klassische Turing-Test ist sicher zu schwach. Am anderen Ende
des Spektrums liegt ein wesentlich stärkerer und deshalb vielleicht
manchmal besserer Test für phänomenales Bewusstsein, der
Metzinger-Test: Wir sollten ein System spätestens dann als bewusstes
Objekt behandeln, wenn es uns gegenüber auf überzeugende Weise
demonstriert, dass die philosophische Frage nach dem Bewusstsein für
es selbst ein Problem geworden ist, zum Beispiel wenn es eine eigene
Theorie des Bewusstseins vertritt, das heißt wenn es mit eigenen
Argumenten in die Diskussion um künstliches Bewusstsein einzugreifen
beginnt, wenn es ernsthaft versucht, sich selbst zu verstehen.
Was aber ist in der Mitte des Spektrums mit menschlichen
Kleinkindern oder mit den vielen empfindungsfähigen Tieren auf
unserem Planeten? Sicherlich kann man bewusst sein – z. B. Freude
und Schmerz empfinden –, ohne denken zu können, sicher sind auch
Systeme mit einer sehr niedrigen Intelligenz leidensfähig und auf
jeden Fall muss uns eine gute Theorie des Bewusstseins erklären
können, was genau der Punkt ist, an dem im Laufe der biologischen
Evolution Empfindungsfähigkeit und phänomenales Erleben entstanden
sind. Das ist übrigens von enormer Bedeutung für die Ethik: Welche
Tiere darf man überhaupt essen oder als Versuchstiere in der
Bewusstseinsforschung benutzen? Bewusstsein und Leidensfähigkeit
machen ein Wesen automatisch zu einem Gegenstand ethischer
Überlegungen. Das ist ein wichtiger Punkt.
Im zweiten Teil der Vorlesung werde ich kurz dafür argumentieren,
dass wir die Erschaffung künstlichen Bewusstseins aus ethischen
Gründen auf keinen Fall zu einer Zielsetzung seriöser akademischer
Forschung machen sollten. Es gibt nämlich auch die Frage, was hier
überhaupt moralisch vertretbares Handeln ist. Es geht beim
Bewusstsein nicht nur um Erkenntnis, sondern auch um Ethik. Doch
zurück zum Maschinenbewusstsein.
Drei Kriterien dafür, wie es gehen könnte:
Das erste Kriterium: In-der-Welt-sein.
Bewusstsein zu haben bedeutet, dass einem eine ganz bestimmte Menge
von Tatsachen verfügbar sind: alle Tatsachen, die damit
zusammenhängen, dass man in einer Welt lebt. Aus diesem Grund
benötigt jede Maschine, die Bewusstsein haben soll, ein integriertes
und dynamisches Weltmodell. Sie muss eine einheitliche innere
Darstellung der Welt als ganzer besitzen und die in dieser
Darstellung integrierte Information muss global verfügbar sein.
Bewusste Information ist nämlich genau die Information im System,
die gerade global, das heißt für alle Verarbeitungsmechanismen
gleichzeitig, verfügbar ist. Diesen Punkt kann man auf vielen
Beschreibungsebenen gleichzeitig erläutern.
Auf der phänomenologischen Beschreibungsebene zeigt sich, dass mein
bewusstes Erleben durch die Fähigkeit charakterisiert wird,
scheinbar direkt auf die Inhalte meines Bewusstseins zu reagieren,
und zwar mit einer Vielzahl meiner geistigen und körperlichen
Fähigkeiten: Ich kann meine Aufmerksamkeit auf eine Farbwahrnehmung
oder auf ein Körpergefühl richten, um sie genauer zu inspizieren („attentionale
Verfügbarkeit“). In manchen Fällen gelingt es mir, Begriffe für
bestimmte Erlebnisinhalte zu bilden („kognitive Verfügbarkeit“), die
sie vielleicht mit früheren Erlebnissen desselben Typs verbinden
(„Verfügbarkeit für das autobiografische Gedächtnis“), ich kann über
meine Bewusstseinsinhalte sprechen („Verfügbarkeit für die
Sprachkontrolle“) und deshalb auch mit anderen Menschen darüber
kommunizieren („kommunikative Verfügbarkeit“). Ich kann jetzt aber
auch zum Beispiel nach farbigen Gegenständen greifen und sie anhand
ihrer phänomenalen Eigenschaften sortieren („Verfügbarkeit für die
Handlungskontrolle“). Die Globalität des bewussten Erlebens besteht
also darin, dass alle Bewusstseinsinhalte immer in ein einheitliches
Realitätsmodell integriert sind, in einen Kontext höchster Stufe. Es
gibt ein einziges, ganzheitliches Bild der Wirklichkeit. Aus der
Innenperspektive ist diese höchststufige phänomenale Ganzheit
einfach die Welt, in der ich mein Leben lebe – und die Grenzen
dieser Welt sind die Grenzen meiner Wirklichkeit. Diese
phänomenologische Tatsache ist so einfach und grundlegend, dass sie
häufig übersehen wird: Bewusste Systeme sind alle Systeme, die mit
global verfügbarer Information operieren und die sich selbst deshalb
als in einer einzigen Welt lebend erfahren. Jedes bewusste System
benötigt deshalb ein integriertes, globales Weltmodell, welches eine
Teilmenge der in ihm gerade aktiven Information gleichzeitig
verfügbar macht für spezialisierte Prozesse wie introspektive
Aufmerksamkeit, Gedächtnis, symbolisches Denken usw.
Eine prominente Hypothese war die von Bernard Baars, die sogenannte
„Global workspace theory (GWT)“. Vereinfacht ausgedrückt sagt diese
Theorie des Bewusstseins, dass die Inhalte des bewussten Erlebens
einfach die Inhalte eines globalen Arbeitsspeichers sind, der uns
den schnellen und flexiblen Zugriff auf sehr verschiedene Inhalte
und vor allem die schnelle und flexible Kontrolle sowohl unseres
Äußeren wie auch unseres inneren Verhaltens ermöglicht. Es ist jetzt
auch prinzipiell möglich, das gesamte Realitätsmodell in einem
Schritt „upzudaten“ und Lernvorgänge zu implementieren, die in einem
einzigen Schritt stattfinden.
Doch wenden wir uns dem zweiten Kriterium zu:
Das Entstehen einer erlebten Gegenwart.
Beginnen wir wieder auf der phänomenologischen Beschreibungsebene.
Ausnahmslos alle unsere Bewusstseinszustände sind dadurch
gekennzeichnet, dass alles, was wir erleben – unabhängig von dem
konkreten Inhalt, den wir erleben – immer als „Jetzt“ erlebt wird.
Auch eine bewusste Erinnerung wird als eine Erinnerung, die jetzt
auftritt, erlebt. Dass eine Maschine oder ein Mensch Bewusstsein
haben, wird immer bedeuten, dass es für sie eine Gegenwart gibt:
Gegenwärtigkeit bedeutet, dass einem System ein bestimmter geistiger
Inhalt als aktuell gegeben erscheint. Präsenz, Gegenwärtigkeit ist
sozusagen die zeitliche Unmittelbarkeit der Existenz als solcher.
Ohne diese zeitliche Unmittelbarkeit gäbe es kein Bewusstsein, denn
die Realität und wir selbst würden uns nicht mehr „erscheinen“:
Phänomenales Erleben ist immer das Erscheinen innerhalb einer
Gegenwart. Wenn man nicht über einzelne Zustände, sondern über
Personen oder informationsverarbeitende Systeme als Ganze spricht,
dann erkennt man jetzt auch, wieso der Unterschied zwischen
Bewusstheit und Unbewusstheit Wesen wie uns selbst als von so großer
Bedeutung erscheint: Nur Personen mit phänomenalen Zuständen
existieren überhaupt als psychologische Subjekte. Nur Personen, die
ein subjektives Jetzt besitzen, sind gegenwärtige Wesen – für sich
selbst und für andere. Die Inhalte des phänomenalen Erlebens
erzeugen also nicht nur eine Welt, sondern auch eine Gegenwart.
Bewusste Erlebnisse zu haben bedeutet, nicht nur im Fluss der
physikalischen Welt zu sein, sondern sozusagen in einer
Gegenwartsinsel, in einer operational erzeugten Eigenzeit zu leben;
und das bedeutet wiederum, Information auf eine sehr spezielle Weise
zu verarbeiten. Jede Maschine, der wir Bewusstsein zusprechen
wollen, muss so etwas wie einen psychologischen Moment besitzen,
einen zeitlich ausgedehnten phänomenalen Augenblick.
Auf der repräsentationalistischen Beschreibungsebene muss dazu sehr
viel geleistet werden: wir müssen temporale Identität intern
dargestellten (erlebte Gleichzeitigkeit), außerdem temporale
Unterschiedlichkeit (erlebte Nichtgleichzeitigkeit), Geordnetheit
und Unidirektionalität (die erlebte Folge von Einzelereignissen),
temporale Ganzheit (die Erzeugung einer integrierten Gegenwart,
eines ausgedehnten phänomenalen Jetzt, also einer zeitlichen
Gestalt) und die interne Darstellung von temporaler Permanenz
(entsprechend dem bewussten Erleben von Dauer). Der entscheidende
Übergang zum Bewusstsein, als zur phänomenalen Repräsentation von
Zeit, findet erst im vorletzten Schritt statt: genau dann, wenn
Ereignisrepräsentationen kontinuierlich zu übergreifenden
psychologischen Momenten integriert werden. Man kann sich diesen
Schritt so vorstellen wie die Verschmelzung einzelner musikalischer
Noten zu einem Motiv. Das bedeutet, dass ein bewusstes künstliches
System die repräsentationalen Ressourcen besitzen muss, um zeitliche
Internalität zu simulieren. Die Jetztheit ist nämlich eine besondere
Art von Innerlichkeit. Und genau genommen ist das, was wir als
unsere aktuelle Gegenwart erleben, eine spezielle Form der
Erinnerung.
Diese spezielle Form eines globalisierten Kurzzeitgedächtnisses –
eine „Jetzt-Erinnerung“ – ist das, was jede auch bewusste Maschine
bräuchte: Sie bräuchte eine repräsentationale Ressource, in der
verschiedene Inhalte zusammengeführt und zusammen in der scheinbar
direkten Gegebenheit als gleichzeitig dargestellt werden. Ich nenne
dieses zweite Kriterium den Besitz eines „virtuellen
Gegenwartsfensters“.
Kriterium 1 und 2 kann man verbinden. Wenn das globale Weltmodell –
oder ein Teil davon – in das virtuelle Gegenwartsfenster des Systems
eingebettet wird, dann ist der so erzeugte Inhalt die Gegenwart
einer Welt. Für das betreffende System gibt es dann eine einzige
zusammenhängende Realität, und diese Realität wird als eine
dargestellt, die aktual gegeben und mit der das System in scheinbar
direktem Kontakt ist. Bewusstes Erleben ist die Gegenwart einer
Wirklichkeit. Jetzt kann man sich auch gut vorstellen, wie ein
System zusätzlich ein umfassendes unbewusstes Modell der Realität
haben könnte, nämlich den Teil, der gerade nicht global verfügbar
und nicht in sein bewusstes Gegenwartsfenster eingebettet ist. Es
ist klar, dass auch ein solches unbewusstes Modell der Wirklichkeit
das Verhalten des Systems kausal beeinflussen könnte. Das unbewusste
Weltmodell wäre dann genau jener Teil, der gerade nicht als
gegenwärtig dargestellt wird. Um Bewusstsein zu erzeugen, reicht es
jedoch nicht aus, einfach nur ein dynamisches, globales Weltmodell
in ein virtuelles Gegenwartsfenster einzubetten. Was notwendig ist,
ist die Erzeugung einer genuinen inneren Realität. Denn Bewusstsein
ist im Kern genau das: Das Erscheinen einer Wirklichkeit.
Deshalb kommt jetzt das dritte Kriterium für Maschinenbewusstsein:
Transparenz: Die funktionale Implementierung des naiven Realismus.
Wie kommt man von einer komplexen 4D-Repräsentation zu einer echt
erlebten Wirklichkeit? Die Lösung liegt in dem, was Philosophen
manchmal „phänomenale Transparenz“ nennen. Was heißt das? Die vom
System eingesetzten Mittel der Darstellung müssten phänomenal
transparent sein, das heißt, die Tatsache, dass sie Modelle sind,
nicht mehr auf der Ebene ihres Inhalts darstellen. Was genau heißt
das?
Transparenz ist eine Eigenschaft bewusster Repräsentationen. Das
erste, was man verstehen muss, ist also, dass nur bewusste
Repräsentationen in diesem Sinne durchsichtig oder undurchsichtig
sein können, transparent oder opak. Eine unbewusste Repräsentation
im Gehirn oder in einem Roboter ist weder transparent noch opak.
Zweitens hat Transparenz nichts mit Wissen zu tun, es ist kein
Begriff der philosophischen Erkenntnistheorie, sondern mit der
Struktur des Erlebens, mit dem „Wirklichkeitsgefühl“ und dem naiven
Realismus – es ist also ein Begriff der philosophischen
Phänomenologie.
Eine vollständig transparente Repräsentation zeichnet sich dadurch
aus, dass die internen Mechanismen, die zu ihrer Aktivierung geführt
haben, und die Tatsache, dass es einen konkreten inneren Zustand
gibt, der ihren Gehalt trägt, introspektiv nicht mehr erkannt werden
können. Im normalen Wachbewusstsein gilt das für unser phänomenales
Modell der Welt als ganzer: Das Mittel der Darstellung kann selbst
nicht noch einmal als solches dargestellt werden und darum wird das
erlebende System notwendigerweise in einen naiven Realismus
verstrickt, weil es sich selbst als in direktem Kontakt mit dem
Inhalt seines Bewusstseins erleben muss. Das, was es nicht erleben
kann, ist die Tatsache, dass sein Erleben immer in einem Medium
stattfindet.
Nehmen wir an, Sie blicken auf einen Apfel in Ihrer Hand. Der
repräsentationale Träger Ihres Erlebnisses ist ein bestimmter
Vorgang im Gehirn. Diesen Vorgang erleben Sie nicht bewusst, er ist
transparent in dem Sinne, dass Sie, wenn es funktioniert, durch ihn
hindurchschauen. Worauf Sie schauen, ist sein repräsentationaler
Inhalt, eben die sensorisch gegebene Existenz eines Apfels, hier und
jetzt. Der Inhalt ist also eine abstrakte Eigenschaft des konkreten
Zustands in Ihrem Kopf. Wenn der repräsentationale Träger ein gut
und zuverlässig funktionierendes Instrument zur Wissensgewinnung
ist, dann erlaubt er Ihnen dank seiner Transparenz, sozusagen „durch
ihn hindurch“ direkt auf die Welt, auf den Apfel zu schauen. Er
macht die von ihm getragene Information global verfügbar, ohne dass
Sie sich darum kümmern müssen, wie das geschieht. Das Besondere an
der phänomenalen Variante der Repräsentation ist nun, dass Sie
diesen Inhalt auch dann, wenn Sie etwa halluzinieren und es den
Apfel gar nicht gibt, immer noch als maximal konkret, als absolut
eindeutig, als direkt und unmittelbar gegeben erleben. Phänomenale
Repräsentationen sind fast immer solche, für die wir die
Unterscheidung zwischen Medium und Inhalt im subjektiven Erleben
nicht machen können.
Ich behaupte, dass wir Menschen Systeme sind, die nicht in der Lage
sind, ihr eigenes subsymbolisches Selbstmodell als Selbstmodell zu
erkennen. Und dadurch erst entsteht ein echtes, phänomenal erlebtes
Selbst. Diesen Punkt werden wir in der dritten und letzten Vorlesung
weiter vertiefen. Es ist klar, dass auch ein künstliches System –
etwa ein Roboter oder vielleicht sogar das Internet – ein
Selbstmodell haben könnte, vielleicht sogar ein wesentlich
umfangreicheres, flexibleres und schnelleres als wir Menschen.
Nun wird auch klar, was wir tun müssten, um eine Maschine in einen
für sie erlebnismäßig unhintergehbaren naiven Realismus zu
verstricken: Wir müssten ihr zumindest für einen großen Teil ihres
internen Weltmodells (inklusive seiner zeitlichen Eigenschaften und
der Tatsache, dass der Inhalt des virtuellen Gegenwartsfensters nur
die Simulation einer Gegenwart ist) die Möglichkeit nehmen, diese
Tatsache zu repräsentieren, dass all dies nur der Inhalt einer von
ihr selbst erzeugten inneren Darstellung ist.
Es ist interessant zu sehen, was seit vielen Jahren immer die
populärste Antwort der meisten Menschen ist, wenn sie mit Fragen
nach der Möglichkeit von Maschinenbewusstsein oder künstlicher
Subjektivität konfrontiert werden: „Aber“, so lautet die
traditionelle Antwort, „keines dieser Systeme wird jemals so etwas
wie echte Gefühle haben!“ Dieser intellektuelle Reflex entspringt
zwar meistens einer primitiven Art von political correctness oder
einem philosophisch unreflektierten Vorurteil, könnte aber
tatsächlich eine für uns wichtige Einsicht enthalten: Künstliche
Systeme, so wie wir sie heute kennen, besitzen keine leiblich
verankerten Zielrepräsentationen, weil sie in ihrer kausalen
Entstehungsgeschichte nicht evolutionär verankert sind. Das
bedeutet, dass weder ihre Hardware noch ihre Software sich aus einem
evolutionären Optimierungsprozess heraus entwickelt haben. Sie mögen
vom Programmierer eingegebene Zielrepräsentationen haben, aber diese
spiegeln sich nicht direkt in physischen Zuständen und in
körperlichen Formen des Selbstbewusstseins wider. Es sind nicht ihre
eigenen Ziele, die solche Maschinen verfolgen. Der philosophische
Teleofunktionalismus ist die These, dass mentale Zustände nicht nur
eine kausale Rolle im System spielen müssen, sondern dass sie diese
Rolle für das System spielen müssen: Mentale Zustände sind erst dann
wirklich geistige Zustände, sie haben erst dann wirklich einen
Inhalt, wenn sie von dem System als Ganzem dazu benutzt werden,
seine Ziele zu verfolgen.
Für bewusste Zustände heißt dies, dass sie in einen evolutionären
Kontext eingebettet sein müssen. Sie müssen dem System dabei helfen,
seine Bedürfnisse zu befriedigen oder langfristige Ziele zu
verfolgen und auch zu erreichen. Das ist es, was fast allen heutigen
Systemen fehlt: Sie besitzen zwar die Ziele ihrer menschlichen
Konstrukteure, aber keine eigenen Ziele. Bei den meisten heutigen
Systemen muss man, um die teleologische Funktion zu verstehen, immer
das Gesamtsystem aus Programmierer und Roboter verstehen: Es sind
letztlich immer die Ziele des Menschen, welche von der Maschine
realisiert werden, egal wie autonom und flexibel diese auch immer
bereits geworden sein mag.
Meine eigene Position zur Möglichkeit von Maschinenbewusstsein ist,
dass es auf jeden Fall möglich ist; phänomenale Eigenschaften auch
höherer Stufe lassen sich funktional analysieren und deswegen auch
in einer Maschine implementieren. Trotzdem werden wir bewusste
Systeme noch lange nicht sehen, ganz einfach deswegen, weil der
Teufel nicht in großen theoretischen Entwürfen steckt, sondern in
technischen Details.
Ich finde, wir sollten dennoch rechtzeitig auch über die ethischen
Gesichtspunkte nachdenken. Es hat sich in der Vergangenheit gezeigt,
dass man rationale Diskussionen besser führen kann, wenn man noch
nicht unter Zeitdruck steht, und wer weiß – vielleicht geht die
technische Entwicklung in Richtung künstliches Bewusstsein ja doch
schneller als wir alle ahnen.
Ich möchte dafür argumentieren, dass die Erzeugung postbiotischen
Bewusstseins kein Ziel der akademischen Forschung sein sollte und
dass wir vorerst auf alle Versuche verzichten sollten, phänomenales
Bewusstsein auf nicht-biologischen Trägermedien zu erzeugen. Den
entscheidenden Punkt, auf den es ankommt, habe ich schon erwähnt:
Sie würden eine zentrale Fähigkeit mit uns teilen, nämlich die
Fähigkeit zu leiden.
Künstliches Bewusstsein, synthetische Selbste sind für viele der
ultimative technologische Traum. Sie könnte aber jederzeit zu einem
Alptraum werden und deshalb bin ich als Philosoph strikt gegen jeden
Versuch, den technologischen Traum zu realisieren – und zwar aus
ethischen Gründen. Warum?
Was würden Sie sagen, wenn jemand die folgende Forderung stellen
würde: „Wir müssen unbedingt mit Hilfe der Gentechnologie geistig
behinderte menschliche Säuglinge züchten! Aus wissenschaftlichen
Gründen müssen wir so schnell wie möglich menschliche Kleinkinder
mit ganz bestimmten kognitiven und emotionalen Defiziten erzeugen,
damit wir ihre postnatale psychologische Entwicklung genauer
untersuchen können – wir brauchen dringend zusätzliche Steuergelder
für diese wichtige und innovative Forschungsstrategie!“ Sicher
würden Sie denken, dies sei nicht nur eine absurde und
geschmackslose, sondern auch eine wirklich gefährliche Idee.
Wahrscheinlich würde solch ein Vorschlag von keinem Ethikkomitee in
der demokratischen Welt genehmigt werden. Was heutige Ethikkomitees
jedoch nicht sehen, ist die Tatsache, dass die ersten Maschinen,
welche den minimal notwendigen Set von Bedingungen für bewusstes
Erleben erfüllen, sich in einer hochgradig analogen Situation
befinden würden wie solche geistig behinderten Säuglinge: Auch sie
würden nicht gut funktionieren; auch sie würden unter allen
möglichen Arten von funktionalen und repräsentationalen Defiziten
leiden. Aber sie würden diese Defizite dann auch subjektiv erleben.
Außerdem besäßen sie keine politische Lobby – keinen Vertreter in
irgendeinem Ethikkomitee.
Wenn sie ein emotionales Selbstmodell besäßen, dann könnten sie
leiden unter Umständen sogar in Intensitätsgraden oder Formen des
qualitativen Reichtums, die selbst wir als ihre Erzeuger uns noch
nicht einmal vorstellen könnten, weil sie uns vollständig fremd
wären. Wenn sie sogar ein kognitives Selbstmodell besäßen, dann
könnten sie ihre bizarre Situation nicht nur begrifflich erfassen,
sondern auch intellektuell unter der Tatsache leiden, dass sie
selbst niemals so etwas besessen haben wie die „Würde“, die ihren
Erzeugern so wichtig ist. Sie könnten in der Lage sein, bewusst die
offensichtliche Tatsache zu erleben, dass sie nur Subjekte zweiter
Klasse sind, postbiotische Selbste, die als austauschbare
experimentelle Werkzeuge von einer anderen Art von
selbstmodellierendem System verwendet werden, das offensichtlich die
Kontrolle über seine eigenen Handlungen längst verloren hat.
Können Sie sich vorstellen, wie es wäre, solch ein geistig
behinderter phänomenaler Klon der ersten Generation zu sein? Können
Sie sich vorstellen, wie es wäre, als ein etwas fortgeschritteneres
künstliches Subjekt „zu sich selbst zu kommen“ – nur um zu
entdecken, dass Sie, obwohl Sie ein Ichgefühl besitzen, einfach eine
Ware sind, ein Objekt, ein wissenschaftliches Werkzeug, das nicht
als ein Zweck in sich selbst erzeugt wurde und ganz bestimmt nicht
als ein solcher behandelt werden wird?
Ein bewusstes Selbstmodell ist das entscheidende neurokomputationale
Instrument – nicht nur beim Erwerb vieler neuer kognitiver und
sozialer Fähigkeiten, sondern auch dabei, ein stark bewusstes System
zu zwingen, sich seinen eigenen Zerfall, seine eigenen Niederlagen
und seine inneren Konflikte funktional und repräsentational
anzueignen und sie dann auch subjektiv unhintergehbar als die
eigenen zu erleben. Sensorischer Schmerz, aber auch alle anderen
Arten des nichtkörperlichen Leidens, jeder Zustand, der durch eine
negative Valenz charakterisiert ist und in das Selbstmodell
eingebettet worden ist, werden jetzt phänomenal besessen. Leiden ist
nun unweigerlich und erlebnismäßig unhintergehbar, auf transparente
Weise, mein eigenes Leiden. Das Melodrama, aber auch die potenzielle
Tragödie des Ego beginnt genau auf der Ebene bewusster,
transparenter Selbstmodellierung. Darum sollten wir alle Versuche,
künstliche Selbstmodelle zu erzeugen, aus der seriösen akademischen
Forschung verbannen. Wir sollten die Erzeugung bewusster
Selbstmodelle noch nicht einmal riskieren.
Wir alle stimmen darin überein, dass man kein unnötiges Leid in die
Welt bringen sollte. Camus hat einmal von der Solidarität aller
endlichen Wesen gegen den Tod gesprochen, in demselben Sinne sollte
es auch so etwas wie eine Solidarität aller bewussten,
leidensfähigen Wesen gegen das Leiden geben. Aus dieser Solidarität
heraus sollten wir nichts tun, was dazu führen kann, dass die
Gesamtmenge des Leidens im Universum sich erhöht, und insbesondere
nichts, was schon am Anfang mit großer Sicherheit dazu führen würde,
dass sich die Gesamtmenge des körperlichen Leidens und der geistigen
Verwirrung in der Welt erhöht. Bei der theoretischen und
technologischen Modellierung so faszinierender Phänomene wie
Bewusstsein und Ichgefühl oder der Erste-Person-Perspektive
überhaupt haben wir als phänomenologische Grundlage und moralischen
Ausgangspunkt nicht viel mehr als unsere eigene Form des subjektiven
Erlebens, so wie sie sich zufällig in der biologischen Evolution auf
diesem Planeten entwickelt hat. Es ist schwer für uns, der Tatsache
ins Auge zu sehen, dass im Verlauf der Bewusstseinsevolution ein
Ozean des Leidens in der physikalischen Welt entstanden ist, der
vorher einfach nicht existierte.
Das mag deshalb so sein, weil Mutter Natur einfach nicht wollte,
dass wir solchen Tatsachen zu genau ins Angesicht schauen. Jetzt ist
diese Form des Bewusstseins die einzige, die wir wissenschaftlich
untersuchen können und die wir auf technischen Trägersystemen
modellieren können. Wir sind deshalb in großer Gefahr, all die
negativen Aspekte des biologischen Bewusstseins auf künstlichen oder
postbiotischen Trägersystemen zu multiplizieren, bevor wir überhaupt
verstanden haben, woher all diese negativen Aspekte kommen, in genau
welchen Eigenschaften unserer biologischen Geschichte, unserer
Körper und unserer Gehirne sie verwurzelt sind und wie sie
vielleicht sogar neutralisiert werden könnten.
Darum sollten wir zuerst alle Anstrengungen – in der Philosophie
genauso wie in den Neuro- und Kognitionswissenschaften – darauf
richten, unser eigenes Bewusstsein und die Struktur unseres eigenen
Leidens besser zu verstehen. Wir sollten uns an dem klassischen
philosophischen Ideal der Selbsterkenntnis und an dem ethischen
Minimalgebot der Leidensverminderung orientieren und nicht
fahrlässig eine Evolution zweiter Stufe auslösen, die dann unserer
Kontrolle entgleiten und die Gesamtmenge des bewussten Leidens im
Universum weiter vermehren könnte. Wir sollten das nicht tun.
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