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SWR2 Wissen - Aula - Thomas Metzinger: Das letzte
Rätsel der Philosophie. Was ist das Bewusstsein (1)
Autor und Sprecher: Prof. Thomas Metzinger *
http://www.philosophie.uni-mainz.de/metzinger/metzinger_dt.html
http://www.mentis.de/index.php?id=00000034&article_id=00000028&category=&book_id=00000413&key=metzinger
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 21. Oktober 2007, 8.30 Uhr,
SWR 2
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten
Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der
ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
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ÜBERBLICK
Keine andere Teildisziplin der Philosophie hat in den letzten
Jahrzehnten eine so stürmische Entwicklung durchlaufen wie die
Philosophie des Geistes. Die aktuelle Diskussion beschränkt sich
dabei auf die Frage, was ist das phänomenale Bewusstsein, wie kann
man es aus philosophischer Sicht beschreiben, aus welchen Elementen
setzt es sich zusammen, warum finden es viele Menschen so aufregend
und mysteriös zugleich? Thomas Metzinger, Professor für Philosophie
an der Gutenberg-Universität in Mainz, fragt im ersten Teil, warum
das Bewusstsein für Philosophen ein Rätsel ist.
ZUM AUTOR
Thomas Metzinger
geboren 1958, Studium der Philosophie, Ethnologie und Theologie in
Mainz, Magisterarbeit über Rationalismus und Mystik, danach
Promotion mit einer Arbeit über das Leib-Seele-Problem. 1992
Habilitation im Fach Philosophie, 1997 - 98 Fellow am
Hanse-Wissenschaftskolleg in Bremen-Delmenhorst, ab 2000 Professor
für Theoretische Philosophie an der Universität Mainz.
Forschungsschwerpunkte: Philosophie des Geistes, Künstliche
Intelligenz und verwandte Bereiche, Ethik.
BÜCHER
Grundkurs Philosophie des Geistes (Hrsg)., 3 Bände, Mentis Verlag.
Band 1: Phänomenales Bewusstsein.
Band 2: Das Leib-Seele-Problem.
Band 3 : Intentionalität und mentale Repräsentation.
Being No One. The Self-Model Theory of Subjectivity. Cambridge mit
press.
Neuere Beiträge zur Diskussion des Leib-Seele-Problems. Lang.
Subjekt und Selbstmodell. Mentis.
Bewußtsein. Beiträge aus der Gegenwartsphilosophie (Hrsg.). Mentis.
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INHALT
Ansage:
Mit dem Thema: „Das letzte große Rätsel der Philosophie – was ist
das Bewusstein“.
Der Mainzer Philosoph Professor Thomas Metzinger startet heute mit
dem ersten Teil seiner insgesamt dreiteiligen Reihe über das
Bewusstein. Zwar gibt es dazu gerade im Rahmen der Philosophie des
Geistes viele neue Aspekte, Gedanken, Interpretationen, Sichtweisen,
es gibt auch gerade seitens der Neurowissenschaften interessante
neue Forschungsergebnisse, doch summa summarum bleibt das Bewusstein
rätselhaft, und es ist äußerst schwer, es auf phänomenologischer
Ebene zu beschreiben. Natürlich: Jeder Mensch hat ein Bewusstein, er
empfindet Schmerz, Freude, Leid, er ist sich selbst gewiss, er ist
sich selbst bewusst. Dennoch kann man diese Eigenschaften immer nur
subjektiv beschreiben, sie scheinen sich dem objektiven Blick zu
verweigern. Darum geht es um ersten Teil, in dem Thomas Metzinger
seine Thesen erläutert.
Thomas Metzinger:
Meine These ist, dass es sich beim Bewusstseinsproblem nicht um ein
einziges Problem handelt, sondern – sowohl auf philosophischer als
auch auf empirischer Ebene – um ein ganzes Bündel von Fragen, die
man sorgfältig auseinanderhalten muss. Beginnen wir deshalb gleich
mit dem ersten einer kleinen Reihe von Gedankenexperimenten, die ich
benutzen möchte, um Ihnen zu verdeutlichen, was es heißt, dass
Bewusstsein sowohl ein begriffliches, als auch ein
phänomenologisches und ein erkenntnistheoretisches Problem ist. Eine
seriöse philosophische Untersuchung muss nämlich ein wohldefiniertes
epistemisches Ziel besitzen. Das bedeutet, dass wir bereits am
Anfang in der Lage sein sollten, deutlich zu sagen, was wir
eigentlich wissen wollen, was genau das Erkenntnisziel der
Überlegungen sein soll. Das philosophische Problem des Bewusstseins
besteht zum Teil darin, dass bereits dieser erste Schritt besonders
schwer ist: Was genau ist es eigentlich, das wir wissen wollen?
Worin genau besteht das Problem des Bewusstseins? Und wann hätten
wir das Gefühl, dass das Problem endgültig gelöst ist?
Nehmen wir einmal an, auf unserem Planeten würden außerirdische
Wesen landen, die uns freundlich gesinnt sind und sogar ein
Interesse an der Kommunikation mit uns Menschen hätten. Natürlich
müssten wir, da diese Wesen das Problem des überlichtschnellen
Reisens gelöst hätten, davon ausgehen, dass sie uns in
wissenschaftlicher und möglicherweise auch in philosophischer
Hinsicht extrem überlegen sind. Der Sprecher der Außerirdischen aber
berichtet uns von einem Problem: „Es gibt etwas, das wir nicht
verstehen. Wir können Eure Körper und Eure Gehirne auf jeder
beliebigen Beschreibungsebene erschöpfend erfassen,“ sagt der
extraterrestrische Besucher. „Wir wissen, wie Eure Gehirne aus der
Evolution auf diesem Planeten entstanden sind, wir können Eure
funktionalen Eigenschaften und den Informationsfluss in Eurem
Nervensystem mit einer fast beliebigen Genauigkeit beschreiben und
vorhersagen. Auch Eure repräsentationalen Zustände, die Inhalte
Eurer kognitiven Prozesse und Eures Selbstmodells geben uns
keinerlei Rätsel mehr auf – und sogar das aus diesen Zuständen
resultierende Verhalten können wir mit großer Zuverlässigkeit
vorhersagen. Ihr jedoch habt Ausdrücke in Eurer Sprache, die wir
nicht besitzen: Worte wie „Bewusstsein“, „Erleben“ oder „subjektives
Empfinden“. Wir selbst haben all das nicht, und wir können auch
nicht verstehen, worauf ihr Euch damit bezieht. Wir haben komplexe
repräsentationale Zustände in unserem Geist, genau wie Ihr, aber
keine bewussten Erlebnisse; wir sind intelligent und besitzen
wesentlich mehr Wissen über die Welt und uns selbst als Ihr, aber so
etwas wie „subjektive Empfindungen“ – oder das, was Euch anscheinend
so wichtig ist, und was Ihr „Erlebnisse“ oder „die Innenperspektive“
nennt – haben wir nicht. Für uns ist es deshalb vollkommen
unverständlich, was Ihr mit dem Ausdruck „Bewusstsein“ eigentlich
meint, denn wir benötigen diesen Begriff weder um unser eigenes,
noch um Euer Verhalten vorherzusagen. Wir wären Euch deshalb sehr
dankbar, wenn Ihr eine Delegation Eurer besten Philosophen zu
unserem Raumschiff schicken könntet, damit sie mit unseren
Philosophen das Problem genauer erörtern können.“
Eine solche Einladung würde die irdischen Philosophen aus einer
ganzen Reihe von Gründen in Schwierigkeiten bringen. Wenn man
nämlich über das Problem des phänomenalen Bewusstseins spricht, dann
interpretiert man den Ausdruck „bewusst“ immer als ein einstelliges
Prädikat, das sich auf eine primitive und nicht weiter analysierbare
Eigenschaft von einzelnen geistigen Zuständen oder ganzen Personen
bezieht. Was heißt jetzt das? Worum es geht, ist nicht Bewusstsein
von etwas, sondern die Bewusstheit als solche. Es existiert aber
keine nicht-zirkuläre Definition für diesen Begriff des phänomenalen
Bewusstseins. In diesem Sinne scheint die Bewusstheit eine primitive
Eigenschaft geistiger Zustände zu sein, die begrifflich irreduzibel
ist, weil sie sich nicht einfach in ein Netz von Beziehungen
zwischen Entitäten auf einer tiefer liegenden Beschreibungsebene
auflösen lässt, einer Ebene zum Beispiel, die sich auf das Gehirn
oder die in ihm ablaufende Informationsverarbeitung bezieht. In
anderen Worten: Wir können das epistemische Ziel nicht genau
benennen, weil wir den Begriff des phänomenalen Bewusstseins (das „Analysandum“)
nicht definieren können. Dann aber wird es uns auch schwer fallen,
genauer zu sagen, was überhaupt als eine erfolgreiche empirische
Erklärung des Phänomens Bewusstsein (also des „Explanandums“) gelten
würde. Wir hätten deshalb Schwierigkeiten, den außerirdischen
Philosophen zu erklären, wovon wir eigentlich sprechen, wenn wir
über unsere bewussten Erlebnisse und die für uns so offensichtliche
Tatsache sprechen, dass wir so etwas wie eine subjektive
Innenperspektive besitzen.
Bevor wir zum zweiten Gedankenexperiment kommen, lassen Sie mich
eine Geschichte aus meinem eigenen Leben erzählen. In meiner Zeit an
der University of California in San Diego bin ich manchmal mit
Francis Crick, dem Entdecker der DNA, der von 1916 bis 2004 lebte,
zum Mittagessen gegangen. Francis Crick war ein herrlicher alter
Mann, so wie ich sie liebe, rüde und blitzgescheit, und er hat immer
zu mir gesagt: „Wir haben das Problem des Lebens geknackt, und wir
werden jetzt das Problem des Bewusstseins erledigen in den nächsten
20 Jahren. Ihr Philosophen habt 2500 Jahre Zeit gehabt. Wenn Ihr
einfach einen Beitrag leisten wollt, dann wäre es das Beste, Ihr
haltet einfach die Klappe!“
Das zeigt sehr viel über die Beziehung von Hirnforschung und
Philosophie des Geistes, es ist aber für uns Philosophen auch immer
ganz einfach, solchen Leuten zu begegnen. Ich musste Francis immer
nur fragen: „Was genau ist es denn, was Du erklären möchtest? Was
ist Dein Explanandum? Kannst Du sagen, wann Du eine genaue Theorie
des Bewusstseins hättest, was gilt?“ Durch solche Fragen kann man
Neurowissenschaftler dann wieder sehr böse machen und sehr
verunsichern, weil das genau das Problem ihrer Disziplin ist: Sie
können nicht genau sagen, was es eigentlich ist, das sie erklären
wollen.
Die Suche nach einer adäquaten und umfassenden Theorie des
Bewusstseins hat seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts eine
echte Renaissance erlebt. Die empirischen Wissenschaften vom
menschlichen Geist haben sich der Frage nach den physischen
Korrelaten und den funktionalen Mechanismen, die dem bewussten
Erleben zugrunde liegen, nachhaltig und mit großer Energie zugewandt
und diese Entwicklung ist ihrerseits in der Philosophie auf große
Aufmerksamkeit gestoßen. „Bewusstsein“ bedeutet dabei heute
phänomenales Bewusstsein, also Bewusstsein im Sinne von Erleben und
Subjektivität. Es geht damit also um genau jene Aspekte des
menschlichen Geistes, die im Grunde nur aus der Innenperspektive
heraus zugänglich sind – um das, was in der modernen Philosophie des
Geistes auch „phänomenales Erleben“ (phenomenal experience) genannt
wird. Viele glauben, dass das menschliche Bewusstsein derzeit die
äußerste Grenze unseres Strebens nach Erkenntnis darstellt, weil es
Eigenschaften besitzt, die sich dem naturwissenschaftlichen Zugriff
auf seine neuronalen Grundlagen aus prinzipiellen Gründen entziehen,
und dass es deshalb immer ein weißer Fleck auf der Landkarte der
Wirklichkeit bleiben wird, die uns durch das wissenschaftliche
Weltbild geliefert wird. Andere halten eine reduktive Erklärung für
bewusstes Erleben durchaus für denkbar, da es sich letztlich um ein
physikalisches Phänomen mit einer langen biologischen Geschichte
handelt. Die Philosophie dagegen fragt, was es eigentlich bedeuten
würde, phänomenales Bewusstsein einer Erklärung zuzuführen, was
genau es überhaupt ist, das wir wissen wollen, und was die
unausgesprochenen Hintergrundannahmen und Probleme der empirischen
Theorien sind, die – zum Beispiel aus der Perspektive der Neuro- und
Kognitionswissenschaften – tiefer in diesen speziellen Teil der
Problemlandschaft vorstoßen wollen. Die Philosophie bietet also eine
logische Analyse von Grundbegriffen an, sie fragt nach dem genauen
Erkenntnisziel, und sie untersucht in wissenschaftstheoretischer
Hinsicht, was es in diesem Sonderfall eigentlich bedeuten würde, das
Zielphänomen „Bewusstsein“ mit den Methoden der Naturwissenschaften
zu erklären. Außerdem versucht sie, immer genauere und feinkörnigere
Beschreibungen dieses Phänomens zu entwickeln. Das Problem des
Bewusstseins ist das phänomenologische Grundproblem für
philosophische Theorien des Geistes.
Das bringt mich zur zweiten Geschichte – zu Thomas Nagels
Gedankenexperiment von der Feldermaus. Der Philosoph Thomas Nagel
ist berühmt geworden mit einem Aufsatz, der heißt: „Wie ist es, eine
Fledermaus zu sein“, in dem er dafür argumentiert, dass, um das
Problem des Bewusstseins zu lösen, wir sagen müssten, wie es sich
anfühlt, zum Beispiel eine Fledermaus zu sein. Fledermäuse haben
ganz andere Sinnesorgane als wir, sie haben einen Echolot-Sinn, das
heißt, sie stoßen Ultraschall-Schreie aus, und aus dem gehörten Echo
dieser hochfrequenten Schreie errechnet das Fledermaus-Gehirn ein
Modell der Realität, das der Fledermaus erlaubt zu fliegen, eine
kollisionsfreie Flugbahn zu generieren, Insekten zu fangen. Thomas
Nagel sagt nun: „Wir können alles wissen über das Fledermaus-Gehirn,
was wir wissen wollen: die Algorithmen, nach denen
neurokomputational in ihrem kleinen Gehirn die Information
verarbeitet wird. Eines werden wir nie wissen: Wie es ist, eine
Fledermaus zu sein, weil – technisch gesprochen – die Fledermaus
andere sensorische Primitive hat. Sie hat ein Sinnesorgan mit
Qualitäten, die wir Menschen nicht kennen. Wenn wir das aber am Ende
nicht wissen, wie es ist, eine Fledermaus zu sein, dann scheitert
unsere Theorie schon an den einfachsten Inhalten des bewussten
Erlebens.“
Was sind die einfachsten Inhalte des bewussten Erlebens? Wenn man
sich einem so komplexen und umfassenden Gegenstandsbereich wie dem
phänomenalen Bewusstsein nähern will, dann ist es sinnvoll zu
fragen, ob es so etwas wie primitive Bestandteile oder elementare
Bausteine innerhalb dieses Gegenstandsbereichs gibt. Existieren
solche „phänomenalen Primitive“, grundlegende Bausteine des
Bewusstseins, welche sich jeder weiteren Analyse entziehen? Die
traditionelle philosophische Antwort auf diese Art von Frage lautet:
Ja, primitive Elemente des phänomenalen Raums existieren. Die
Bezeichnung für diese Elemente lautet „Qualia“ und ihren
paradigmatischen Ausdruck findet man in den einfachen Qualitäten des
sensorischen Bewusstseins, zum Beispiel im visuellen Erleben von
Röte, in körperlichen Empfindungen wie Schmerzen oder in dem
subjektiven Erleben eines Geruchs, wie er zum Beispiel durch die
Mischung von Sandelholz und Amber ausgelöst werden kann. Es geht
also um die Qualität der Röte in dem Seherlebnis oder um die
Schmerzhaftigkeit selbst in der Körperempfindung. Qualia (im
Singular das oder ein Quale) sind phänomenale Eigenschaften erster
Ordnung. Das bedeutet, dass sie Objekteigenschaften sind und nicht
höherstufige Eigenschaften von anderen phänomenalen Eigenschaften.
Die Röte ist eine Eigenschaft des gesehenen Apfels in meiner Hand
und der empfundene Schmerz ist – dem subjektiven Erleben nach – die
Eigenschaft eines bestimmten Körperteils.
Ein großer Teil der philosophischen Fachdebatte der letzten
Jahrzehnte hat sich auf Qualia konzentriert. Denn wenn sich schon
bei den einfachsten Erscheinungsformen des phänomenalen Erlebens
zeigen sollte, dass sie sich begrifflich nicht präzise erfassen oder
durch die empirische Forschung einer reduktiven Erklärung (zum
Beispiel im Gehirn) zugänglich machen lassen, dann braucht man
umfassendere Bewusstseinsinhalte wie ganze Wahrnehmungsgegenstände,
das bewusst erlebte Selbst, die Beziehungen zwischen diesem Selbst
und Wahrnehmungsgegenständen oder anderen Subjekten in seiner
Umgebung oder gar zur Welt als Ganzer überhaupt nicht erst ins Auge
zu fassen. In der Tat zeigen sich bereits auf dieser fundamentalsten
Ebene des Bewusstseins eine Reihe von hartnäckigen theoretischen
Problemen. Erstens sind Qualia private Eigenschaften, denn sie
treten als solche immer nur im individuellen Erlebnisraum eines
einzelnen Subjekts auf. Möglicherweise sind manche Inhalte des
bewussten Erlebens sogar so subtil und flüchtig, dass sie
prinzipiell unaussprechlich sind. Auf jeden Fall gilt jedoch, dass
der Inhalt von Qualia nur sehr schwer mitteilbar ist: Wir können
einem blind Geborenen nicht erklären, was Röte ist. Wissenschaft
aber kann immer nur aus der Außenperspektive auf öffentlich
zugängliche Eigenschaften zugreifen. Die Wissenschaft erzeugt eine
objektive, intersubjektiv verifizierbare Taxonomie physischer
Zustände. Das innere Erleben aus der Erste-Person-Perspektive
erzeugt eine ganz eigene Taxonomie, eine Aufteilung der Welt im
bewussten Erleben. Es ist unklar, wie die subjektive Taxonomie
dieser Zustände auf eine objektive, neuro- oder
kognitionswissenschaftliche Kategorisierung abgebildet werden
könnte. Wir wissen nicht, ob man sich überhaupt mit sprachlichen
Mitteln und aus dem öffentlichen Raum heraus erfolgreich auf die
privaten Qualitäten des inneren Erlebens beziehen kann.
Zweitens denken viele Philosophen, dass Qualia „intrinsische“
Eigenschaften sind. Das bedeutet, dass die bewusst erlebte Röte zum
Beispiel so etwas wie die Essenz oder der wesentliche Kern des
jeweiligen Erlebnisses ist. Ein Roterlebnis ohne diesen essentiellen
Kern der phänomenal erlebten Röte ist kein Roterlebnis mehr und es
ist auch genau diese intrinsische Qualität der phänomenalen Röte,
die letztlich unabhängig von dem jeweiligen Kontext ist, in dem das
Erlebnis stattfindet. Intrinsische Eigenschaften lassen sich
begrifflich nicht in ein Netzwerk aus relationalen Eigenschaften
auflösen. Um die Röte, den phänomenalen Kern des Erlebens
erfolgreich auf eine tiefer liegende Beschreibungsebene reduzieren
zu können, müsste er in Relationen zwischen den Entitäten dieser
Beschreibungsebene aufgelöst werden können. Röte müsste sich dann
als eine Eigenschaft analysieren lassen, etwa als eine Beziehung
zwischen den Elementen einer neurowissenschaftlichen oder
informationstheoretischen Beschreibung der Aktivität des
wahrnehmenden Gehirns oder als eine bestimmte kausale Eigenschaft
des Nervensystems. Für viele Philosophen ist dies extrem
unplausibel. Auf der anderen Seite gibt es immer auch den Einwand,
dass die Rede von „Atomen“ des Bewusstseins die phänomenologische
Tatsache ignoriert, dass insbesondere das sinnliche Erleben durchaus
einen „flüssigen“ Charakter besitzt, dass es aus feinsten,
kontextsensitiven und ineinander übergehenden Nuancen besteht und
dass die größeren Einheiten der bewussten Wahrnehmung – zum Beispiel
der rote Apfel in meiner Hand – viel eher ganzheitliche Komplexe
sind als einfach nur auf die richtige Weise arrangierte Mengen von
Elementarbausteinen.
Wenn es darum geht, die innere Struktur unseres eigenen Bewusstseins
wirklich ernst zu nehmen, dann zeigt sich schnell, dass bereits
Qualia eine ganze Reihe von phänomenologischen Merkmalen besitzen,
die begrifflich nur sehr schwer genau zu erfassen sind. Erstens sind
Qualia homogen. Das bedeutet, dass phänomenale Eigenschaften erster
Ordnung durch eine Art „Feldqualität“ charakterisiert sind, die in
einem Teil unseres Bewusstseinsraums ein subjektives Kontinuum
entstehen lassen. Man könnte die Homogenität der phänomenal erlebten
Röte auch als ihre subjektiv erlebte „Dichte“ bezeichnen: Es
scheint, als gebe es für zwei beliebig nah beieinander liegende
Punkte innerhalb der entsprechenden Region meines Erlebnisraums
immer noch einen dritten Punkt, der zwischen ihnen liegt. Qualia
scheinen keine innere Struktur zu besitzen. Diese Homogenität, das
heißt die dem Erleben nach ungekörnte oder „glatte“ Natur von Qualia
ist in der philosophischen Diskussion manchmal auch als
ultra-smoothness oder als das grain-Problem bezeichnet worden.
Ein zweites phänomenologisches Merkmal von Qualia ist ihre Präsenz:
Dem Erleben nach sind sie uns direkt und unmittelbar gegeben. Dieser
Aspekt der zeitlichen Unmittelbarkeit gibt uns das Gefühl, durch die
sinnliche Wahrnehmung direkt mit der Wirklichkeit als solcher in
Kontakt zu stehen, in Echtzeit sozusagen. Das dritte Merkmal – die
Transparenz sensorischer Bewusstseinszustände – hängt eng mit dem
zweiten zusammen: Dem Erleben nach sind Qualia maximal konkret, denn
wir haben immer das Gefühl, nicht mit dem Inhalt einer
Repräsentation in unserem Gehirn in Kontakt zu stehen, sondern ganz
direkt mit den Eigenschaften von bewusstseinsexternen
Wahrnehmungsobjekten. Eine vierte und begrifflich nur sehr schwer zu
analysierende Eigenschaft von Qualia ist ihre Perspektivität: Es
fühlt sich nicht nur irgendwie an, Qualia zu erleben, sondern sie
sind auch an die individuelle Perspektive eines ganz bestimmten
Erlebnissubjekts gebunden. Diesem Problem begegnen wir in der
dritten Vorlesung wieder.
Thomas Nagel hat gesagt, es geht nicht darum zu wissen, wie es für
mich wäre, eine Feldermaus zu sein. Das philosophische Problem
besteht darin, wie können wir wissen, wie es für eine Fledermaus
ist, eine Fledermaus zu sein. Die Begriffe, mit denen solche
subjektiven Tatsachen erfasst werden könnten, kann man nur aus einer
bestimmten Erlebnisperspektive heraus erwerben. Darum ist unklar,
wie sich subjektive Tatsachen begrifflich auf objektive Tatsachen
reduzieren lassen könnten. Wenn man also die Begriffe, mit denen man
phänomenologische Tatsachen erfasst, immer nur unter einer
bestimmten Perspektive erwerben kann, dann ist bewusstes Erleben in
diesem Sinne begrifflich irreduzibel und Wie-es-ist-Tatsachen sind
subjektive Tatsachen, die vielleicht aus prinzipiellen Gründen nicht
auf objektive Tatsachen zurückgeführt werden können.
Mir war Thomas Nagel als Philosoph schon immer besonders
sympathisch. Schon 1965 sagte er in seinem Aufsatz „Physicalism“ das
Folgende:
„Mir erschien der Physikalismus immer überaus abstoßend. Trotz
meiner gegenwärtigen Überzeugung, dass die These wahr ist, besteht
die Reaktion weiter, nachdem sie die Widerlegung jener verbreiteten
Einwände gegen den Physikalismus, von denen ich früher glaubte, sie
käme darin zum Ausdruck, überlebt hat. Ihr Ursprung muss deshalb
woanders liegen, (...) (Nagel, T. (1965). Physicalism. Philosophical
Review 74: 339-56. [Deutsch in Bieri 1981: 57])
Was ist es, was uns einfach nicht glauben lässt, dass der
Materialismus wahr sein könnte. Jetzt schnell zur Geschichte von
Mary! Sie stammt von dem australischen Philosophen Frank Jackson, er
hat sie 1982 publiziert. (Deutsch im vierten Kapitel des Grundkurses
Philosophie des Geistes, Band 1):
Mary ist die beste Visual-Neuro-Scientist, die beste Forscherin, die
das Farbensehen des Menschen erforscht hat. Sie weiß alles über die
neuronalen Grundlagen, sie weiß alles über die physikalischen
Eigenschaften des Universums, die relevant sind dafür, dass Menschen
bewusste Farberlebnisse haben können. Das ist die erste Prämisse des
Gedankenexperiments. Die Hirnforschung ist an ihr historisches Ende
gekommen. Man weiß alles, was es über die Grundlagen des
Farbbewusstseins von Menschen zu wissen gibt. Die zweite Prämisse
dieses Gedankenexperiments ist, Mary hat selbst noch nie ein
Farberlebnis gehabt. Wegen einer schweren Allergie musste sie ihr
ganzes Leben in einem Bunker unter der Erde verbringen, der war
leider nur schwarz und weiß, es gab keine Farben, sie musste ihr
ganzes Studium über einen schwarz-weißen Monitor absolvieren, über
Internet, und auch ihre Versuchspersonen kannte sie nur über diesen
schwarz-weißen Monitor. Jetzt kommt die philosophische Frage: Wenn
Mary ihr achromatisches Gefängnis zum ersten Mal verlässt und sie
sieht einen roten Apfel oder die Bläue des Himmels, erfährt sie dann
etwas Neues über die Welt? Für viele von uns scheint es eindeutig,
dass sie etwas weiß, was man nur so wissen kann, nämlich zum
Beispiel worauf sich andere Menschen mit ihren phänomenologischen
Farbprädikaten bezogen haben, wenn sie per Email über ihre
Blau-Erlebnisse oder ihre Rot-Erlebnisse gesprochen haben. Die
sprachlichen Ausdrücke bekommen eine neue Bedeutung für sie und sie
selbst hat neue Bewusstseinszustände durchlaufen. Wenn das aber so
ist, dann weiß sie etwas, was man nur aus der subjektiven
Innenperspektive wissen kann, denn ex hypothesi hatte sie ja schon
alles objektive Wissen, was man über das menschliche Farbensehen
besitzen kann. Wenn das richtig ist, dann ist der Materialismus
falsch und das naturwissenschaftliche Weltbild besitzt aus
erkenntnistheoretischen Gründen ein grundsätzliches Loch, weil es
nämlich phänomenale Informationen gibt, subjektives Wissen.
Hier noch einmal das Argument: Mary weiß vor dem Verlassen ihres
achromatischen Gefängnisses alles, was es physikalisch und
neurowissenschaftlich über das bewusste Farberleben von Menschen zu
wissen gibt. Beim ersten Anblick eines farbigen Gegenstandes erwirbt
Mary neues Wissen. Dieses Wissen ist Tatsachenwissen. Ergo kannte
Mary vor ihrem ersten bewussten Farberlebnis nicht alle Tatsachen,
die man diesbezüglich kennen kann. Es gibt deshalb
nicht-physikalische Tatsachen - zum Beispiel über das bewusste
Farbsehen von Menschen - die man nur durch phänomenales Wissen
erfassen kann. Also ist der Physikalismus falsch.
Es gibt also einen Konflikt zwischen der Erste-Person-Perspektive (Introspektion)
und der Dritte-Person-Perspektive (objektive
Zuschreibungskriterien). Wie können wir überhaupt Wissen erlangen?
Wenn man jetzt von der Phänomenologie zur Erkenntnistheorie des
Bewusstseins wechselt, dann begegnet man dem Problem der „epistemischen
Asymmetrie“. Das bedeutet, dass Bewusstsein sich von allen anderen
wissenschaftlichen Untersuchungsgegenständen dadurch unterscheidet,
dass wir auf zwei grundverschiedene Weisen Wissen von diesem
Zielphänomen besitzen, nämlich von innen und von außen, aus der
Erste-Person-Perspektive des erlebenden Subjekts selbst und aus der
Außenperspektive der Wissenschaft. Die Wissenschaft nimmt die
Dritte-Person-Perspektive auf erlebende Subjekte ein und sucht nach
objektiven Kriterien dafür, dass in ihnen jetzt gerade ein
bestimmter Erlebnisinhalt aktiv ist, etwa eine spezifische
Schmerzempfindung, das Erleben von Röte oder Süße oder auch
komplexere Zustände wie Emotionen und bewusste Denkvorgänge. Meine
körperlichen Zustände kann ich im Prinzip mit rein
naturwissenschaftlichen Mitteln aus der Außenperspektive erschöpfend
beschreiben. Wir können meine Gehirnzustände physiologisch
erforschen, den Informationsfluss in meinem Gehirn analysieren, oder
die neurokomputationalen Eigenschaften von Hirnregionen, die mit
ganz bestimmten Erlebnisqualitäten korreliert sind. Wir können
vielleicht auch die repräsentationalen Inhalte solcher Prozesse –
also das, was sie für mich darstellen – objektiv beschreiben und mit
den Instrumenten der Naturwissenschaft untersuchen. Geht es aber
wirklich um das Bewusstsein selbst, das offensichtlich mit diesen
objektiven Vorgängen im Gehirn in einem sehr engen Zusammenhang
steht, dann verfügen wir plötzlich über eine zweite
Erkenntnismethode: die Introspektion, der scheinbar direkte und
subjektive Blick ins eigene Bewusstsein. Aber was heißt hier
eigentlich „innen“? Was genau bedeutet „direkt“? Und was würden wir
tun, wenn die Erste-Person-Perspektive und die
Dritte-Person-Perspektive einmal miteinander in Konflikt gerieten,
zum Beispiel, wenn ich sage, dass ich gerade ein Blau-Erlebnis habe,
und der Wissenschaftler, der gerade in mein Gehirn schaut, dies
anzweifelt, indem er sagt: „Sind Sie wirklich sicher? Das müsste
eigentlich eher ein dunkles Türkis sein!“ Oder wenn ich sage: „Ich
merke gerade, wie sehr ich meine Frau liebe, weil ich eifersüchtig
bin!“ Und der neurowissenschaftliche Experte der Zukunft sagt: „Tut
mir leid, aber mit Liebe hat das nun wirklich nichts zu tun. Nach
der neurophänomenologischen Taxonomie der
Weltgesundheitsorganisation ist das einfach eine
bürgerlich-neurotische Verlustangst.“
Als Übergang zur zweiten Vorlesung erzähle ich Ihnen noch eine
Geschichte aus meinem Leben: Der Deutsche Christof Koch war einer
der engsten Mitarbeiter von Francis Crick. Mit Christof habe ich
mehrfach das folgende Gespräch gehabt: „Christof, glaubst Du, dass
Nervenzellen, Neuronen, notwendig für Bewusstsein sind?“ Dann sagt
Christof: „Ja, ja, es gibt ein neuronales Korrelat von Bewusstsein,
und wir werden’s hier in Kalifornien am Caltech finden.“ Ich frage:
„Glaubst Du eigentlich, es wird einmal künstliches Bewusstsein
geben, Maschinenbewusstsein?“ Christof meint: „Ja, ja, es wird
künstliche Roboter geben, und wir werden sie hier bauen in
Kalifornien am Caltech.“ Dann sage ich: „Wenn das stimmt, Christof,
dann sind Neuronen nicht notwendig für Bewusstsein.“
Die Frage ist, was ist eigentlich notwendig und was ist hinreichend
dafür, dass ein beliebiges System bewusste Erlebnisse hat? Ist es
notwendig, dass wir aus Fleisch und Blut sind, um bewusste Subjekte
zu sein, dass wir Neuronen und Gehirne haben? Oder ist es nur
hinreichend? Was genau sind die hinreichenden und notwendigen
Bedingungen für Bewusstsein? Und genau darum wird es in den beiden
nächsten Vorlesungen gehen.
(Teil 2, am 28.10., Teil 3 am 01.11., jeweils um 8.30 Uhr)
*****
* Zum Autor:
Thomas Metzinger, geboren 1958, Studium der Philosophie, Ethnologie
und Religionswissenschaften in Frankfurt am Main, Magisterarbeit
über Rationalismus und Mystik, danach Promotion mit einer Arbeit
über das Leib-Seele-Problem. 1992 Habilitation im Fach Philosophie,
1997 - 98 Fellow am Hanse-Wissenschaftskolleg in Bremen-Delmenhorst,
danach an der University of California in San Diego, 1999 Professor
für Philosophie der Kognition in Osnabrück, ab 2000 Professor für
Theoretische Philosophie an der Universität Mainz, seit 2005 Adjunct
Fellow am Frankfurt Institute for Advanced Study, 2005 - 2007
Präsident der Gesellschaft für Kognitionswissenschaft.
Forschungsschwerpunkte: Philosophie des Geistes, Künstliche
Intelligenz und verwandte Bereiche, Ethik.
Bücher:
- Grundkurs Philosophie des Geistes (Hrsg)., 3 Bände (Band 3 noch
nicht erschienen), Mentis Verlag.
Band 1: Phänomenales Bewusstsein.
Band 2: Das Leib-Seele-Problem.
- Being No One. The Self-Model Theory of Subjectivity. Cambridge Mit
Press.
- Neural Correlates of Consciousness: Empriical and Conceptual
Issues. Mit Press.
- Neuere Beiträge zur Diskussion des Leib-Seele-Problems. Lang.
- Bewußtsein. Beiträge aus der Gegenwartsphilosophie (Hrsg.). Mentis.
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