SWR2 Wissen (Aula) Christian Pfeiffer: Viel fernsehen, wenig lernen - Wie
sich Medienkonsum auf die Schulleistungen auswirkt
Sendung am Sonntag, 11.02.2007, 08.30 bis 9.00 Uhr
Ein Gespräch von Ralf Caspary mit Professor Christian Pfeiffer
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
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ÜBERBLICK
Es ist ein bekannter Mechanismus: Wenn Schüler gewalttätig werden, wenn sie
wie im Falle Erfurt und Emsdetten Amok laufen, wenn sie gleichzeitig mit dem
Computer Killerspiele konsumiert haben, wird kontrovers über die Frage
diskutiert: Wie wirkt sich mediale Gewalt aus, macht sie den Rezipienten
tatsächlich aggressiver, gewaltbereiter?
Die Fragen beschäftigen auch seit langem den Kriminologen Christian
Pfeiffer, der zusammen mit Neurobiologen eine große Studie durchgeführt hat,
die zeigt, wie sich starker Medienkonsum auf die kognitiven Leistungen von
Schülern und Schülerinnen auswirkt. Dabei geht es auch um aggressive,
gewalthaltige Computerspiele. Professor Christian Pfeiffer erklärt, warum
Kinder, die oft mit dem Computer spielen, schlecht in der Schule sind und
warum gerade Jungen gefährdet sind.
INHALT
Ansage:
Heute mit dem Thema: „Viel fernsehen, wenig lernen – Wie sich Medienkonsum
auf die Schulleistungen auswirkt“.
Immer dann, wenn Jugendliche zu Gewalttätern geworden sind, und immer dann ,
wenn im Zuge der Ermittlungen herausgekommen ist, dass sie aggressive
Computerspiele gespielt haben, dann wird für kurze Zeit in der
Öffentlichkeit heftig über das Für und Wider des Medienkonsums gestritten.
Wie wirkt intensiver Medienkonsum auf Kinder und Jugendliche, macht er sie
gewaltbereiter, wie wirken sich brutale Spiele auf die Nutzer aus, werden
sie aggressiver?
Die gute alte Medienpädagogik hat auf diese Fragen niemals eindeutig
geantwortet, zu viele Faktoren schienen eine Rolle gespielt zu haben, wenn
es um die Psychologie von gewalttätigen Jugendlichen ging. Mittlerweile hat
sich das geändert, denn die Medienforscher, die Psychologen können nun auf
Ergebnisse einer harten naturwissenschaftlichen Disziplin zurückgreifen, auf
Ergebnisse der Hirnforschung. Und die zeigt: Der Konsum aggressiver Filme
wirkt sich ganz eindeutig negativ auf bestimmte Gedächtnisleistungen aus.
Genau dieser Aspekt steht auch im Mittelpunkt einer Studie, die Professor
Christian Pfeiffer mit 23.000 Schulkindern durchgeführt hat. Pfeiffer ist
Chef des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen und er wollte
mit der Studie herausfinden, wie sich intensiver Medienkonsum auf die
Schulleistungen auswirkt, wie er sich auf das Gehirn auswirkt.
Interview:
Herr Pfeiffer, wie hoch ist der Medienkonsum eines 14jährigen Hauptschülers
pro Tag?
Wir müssen zwischen Jungen und Mädchen unterscheiden. Männliche Hauptschüler
kommen auf 5 Stunden Medienkonsum, das beinhaltet sowohl Computerspiele als
auch das Fernsehen. Bei Mädchen sind es zwei Stunden weniger.
Das ist ja ein ganz wichtiges Ergebnis im Rahmen Ihrer Studie, dass es bei
Jungen quantitativ mehr Medienkonsum gibt als bei Mädchen.
Ja, eindeutig. Das fängt schon bei den 10-Jährigen an: Da beträgt der
Unterschied eine Stunde, er wird allmählich größer bis zu den erwähnten zwei
Stunden bei den 14-Jährigen, an den Wochenenden sind es gar drei Stunden.
Kann man dieses Ergebnis spezifizieren im Hinblick auf die Schulformen? Kann
man sagen, dass der Medienkonsum z. B. bei Gymnasiasten geringer ist als bei
gleichaltrigen Hauptschülern?
Das ist tatsächlich so. Am ausgeprägtesten ist extensiver Medienkonsum bei
den Haupt- und Sonderschülern. Bei den Realschülern geht es einigermaßen,
bei den Gymnasiasten verzeichnen wir halb so viel Medienkonsum wie bei den
Hauptschülern.
Woran liegt das? Und warum gucken Jungen mehr fern als Mädchen?
Zunächst möchte ich einen ganz banalen Punkt erwähnen: Es haben deutlich
mehr Jungen als Mädchen ein Fernsehgerät bzw. einen Computer im Zimmer. Das
verführt natürlich zu mehr Konsum. Generell stellen wir fest, wer über eine
eigene Spielkonsole verfügt, spielt doppelt bis drei Mal so viel wie jemand,
der dazu erst ins Wohnzimmer gehen muss. Gleiches gilt für den
Fernsehkonsum. Das heißt also, die Verfügbarkeit der Geräte ist ein
entscheidender Grund. Die Mädchen sind in dieser Hinsicht generell weniger
versorgt, vermutlich auch, weil sie die Eltern weniger bedrängen. Außerdem
fällt uns auf, dass diese Unterschiede in den ausländischen Familien noch
ausgeprägter sind. Da scheint eine gewisse Verwöhnung der Jungen eine Rolle
zu spielen, sie werden großzügiger behandelt. Im Ergebnis wirkt sich das zu
Gunsten der Mädchen aus.
Kommen wir zum springenden Punkt Ihrer Studie: Dieser Medienkonsum
korreliert mit den Schulleistungen.
Zuerst einmal ist es spannend, dass wir riesige regionale Unterschiede
haben, ähnlich wie in der PISA-Studie. Das deckt sich durchaus mit dem
Thema, das Sie gerade ansprechen. Ich will das an einem Beispiel mit den
Städten Dortmund und München verdeutlichen. 56 Prozent der 10-jährigen
Dortmunder Schüler haben ein Fernsehgerät im Zimmer, in München sind es
dagegen nur 22 Prozent. 42 Prozent der 10-Jährigen in Dortmund verfügen über
eine Playstation in ihren Zimmern, in München 19 Prozent. Generell stellen
wir ein Nord-Süd-Gefälle fest. Im Norden der Bundesrepublik besitzen viel
häufiger schon Kinder in sehr jungen Jahren Fernsehgeräte bzw. Computer, in
Ostdeutschland im übrigen auch. Zweiter Punkt: Ausländische Kinder haben
wesentlich häufiger die Geräte in ihren Zimmer als deutsche Kinder
(Fernsehen: 53 zu 31 bei den 10-Jährigen; Playstation: 44 zu 22).
Interessanterweise finden sich diese Schnittlinien in der PISA-Studie
wieder. Da zeigte sich doch, im Vergleich schneiden die Mädchen deutlich
besser ab als die Jungen, die Süddeutschen besser als die Norddeutschen, die
Deutschen besser als die Ausländer. Wir glauben, die bisherige Überlegung,
woran das liegen mag, muss ergänzt werden. Vielleicht ist es ja gar nicht so
sehr die Schulpolitik, die hier benannt wurde als die Quelle der
süddeutschen Überlegenheit, sondern vielmehr die schlichte Tatsache, dass im
Süden die Familien intakter sind, dass dort das Vereinsleben mehr blüht,
dass die Kinder mehr Freizeitalternativen haben, dass es mehr beispielsweise
Musikschulen gibt, die die Kinder wunderbar an sinnvolle Aktivitäten
heranführen. Es gibt weniger Scheidungen in den Familien, weniger Stress
durch Arbeitslosigkeit oder durch Armut, Sozialhilfe- bzw. Hartz IV-Empfang.
Das alles könnten Ursachen sein, warum im Süden die Kinder soviel weniger
Geräte in den Zimmern haben und deswegen nicht so leicht verführt werden.
Sie würden also prinzipiell sagen, dieses Gefälle: norddeutsche Schüler sind
schlechter als Schüler aus Süddeutschland, hat mit dem Medienkonsum zu tun?
Eindeutig.
Mit dem unterschiedlichen Medienkonsum sind die Unterschiede zwischen
Mädchen und Jungen bei der PISA-Studie auch erklärbar.
Ganz klar. Bei den 10-jährigen Schülern findet ja ein ganz spannender
Leistungsnachweis statt, dann geht es nämlich um die Empfehlung, welche
Schule ein Kind in der Zukunft besuchen soll. Unsere Untersuchungen belegen,
dass die 10-jährigen Kinder, die einen eigenen Fernseher und eine
Playstation auf dem Zimmer haben, nur halb so oft eine Empfehlung für das
Gymnasium bekommen. Umgekehrt sind Gymnasiasten die Schüler, die ohne Gerät
aufwachsen, von Ausnahmen abgesehen. Insgesamt decken sich diese
Untersuchungsergebnisse mit dem, was Professor Robert Hancox aus Neuseeland
in seiner faszinierenden, 23 Jahre dauernden Studie gezeigt hat. In seiner
Studie ging es um die Frage, wie sich Fernsehkonsum auf die berufliche
Karriere auswirkt.
Ich glaube, dass ist die einzige Studie, die über einen so langen Zeitraum
lief?
Ja, in Amerika hat es auch eine gegeben, aber die von Robert Hancox ist
besser gemacht. Jedenfalls hat er herausgefunden, dass erstens bei
Hochbegabten - und das ist nicht weiter überraschend - Medienkonsum keine
Auswirkungen hat. Sie besuchen ohnehin eine Universität, spezialisieren sich
auf ein Fach und werden darin Spitzenkönner.
Egal, wie viel sie fernsehen in der Woche?
Ja. Die sind so schnell im Begreifen, dass ihnen das nichts ausmacht.
Vielleicht mögen sie sozial ein bisschen verkümmern, wenn sie zuviel
fernsehen und zu wenig mit anderen Kindern spielen. Darauf sollten Eltern
sicherlich achten. Aber die schulischen Leistungen sind sicherlich nicht das
Problem bei den Hochbegabten. Die zweite Gruppe, deren berufliches
Fortkommen vom Medienkonsum wenig oder gar nicht beeinflusst wird, sind die
Minderbegabten, also Menschen mit einem geringen IQ. Durch ihre
Benachteiligung würden sie auch ohne Fernsehen nicht zur Universität kommen.
Aber für die große Gruppe in der Mitte, sagt Hancox, für diese zwei Drittel
der normal Begabten ist ganz entscheidend, dass sie wenig Zeit mit Fernsehen
und Computerspielen verbringen. Hancox zeigt auf, dass diejenigen, die im
Alter von 26 Jahren in ihrem Beruf attraktive aussichtsreiche Positionen
bekleiden, in ihrer Kindheit wenig vor dem Fernseher gesessen sind.
Umgekehrt, die Personen, die viel fern gesehen haben, müssen meist Vorlieb
nehmen mit mittleren bis schlechteren Positionen.
Aber, Herr Pfeiffer, man könnte sagen, die Korrelation zwischen hohem
Fernsehkonsum und schlechteren Schulleistungen ist völlig klar, denn je mehr
man Fernsehen schaut, desto weniger setzt man sich hin und lernt.
Natürlich, erst mal haben Sie recht. Wenn die 14-jährigen Jungen zwei
Stunden mehr mit ihren „Kisten“ verbringen als die Mädchen, dann haben die
Mädchen einen Startvorteil, weil sie mehr Zeit zum Lernen haben. Natürlich
nutzen sie sie auch zum Telefonieren mit der Freundin, zum Email-Verschicken
usw. Trotzdem, es bleibt mehr Zeit für die Schule und dadurch lernen die
Mädchen auch. Ich möchte noch eine kleine Randbemerkung anfügen: In München
sind die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen in Bezug auf die
Geräteausstattung am wenigsten ausgeprägt. Und tatsächlich ist München auch
die einzige Stadt, in der sich keine signifikanten Leistungsunterschiede von
Jungen und Mädchen in der Schule erkennen lassen. Die Schulempfehlungen für
Hauptschule und Gymnasium waren fast identisch. Ganz im Gegensatz zu
Dortmund: Da waren große Divergenzen: Mädchen hatten sehr viel weniger
Fernsehapparate im Zimmer als die Jungen, und sie waren deutlich besser in
der Schule. Aber ich komme wieder zurück auf den Zeitfaktor. Der alleine ist
nicht nur entscheidend. In unserem Team arbeiten auch Neurobiologen, und sie
sagen, die Qualität, also das, was man guckt, spielt auch eine Rolle.
Mädchen bevorzugen Soaps. Die sind im Prinzip harmlos, sie kosten nur Zeit.
Jungen mögen, je älter sie werden umso mehr, Bilder des Schreckens in ihren
Computerspielen, Actionfilme, die extreme Brutalität beinhalten. Zwei
Drittel der 12- bis 15-jährigen Jungen spielten am Tag unserer Befragung ein
Computerspiel, das erst ab 18 Jahren freigegeben ist. Bei Mädchen waren es
14 Prozent. Die Jungen sahen im vergangenen halben Jahr sechs Filme, die ab
18 erlaubt waren, die Mädchen nur 2,8. Das sind große Unterschiede in der
Qualität. Und das scheint der zweite Benachteiligungsfaktor zu sein.
Die Neurowissenschaften mausern sich so langsam zu einer Leitwissenschaft.
Und in der Tat, gerade in Bezug auf den Medienkonsum oder auf psychologische
Entwicklungen bei Kindern liefert diese Wissenschaftsrichtig ja viele neue
Ergebnisse. Was ist für Sie das Interessante bei der Arbeit mit
Neurobiologen?
Sie stoßen neue Fragen an, z. B. wie entsteht das Gedächtnis. Und sie sagen
uns, durch Gefühle. Die Emotionen bestimmen, was wir uns bestens merken und
was wir schnellstens vergessen. Entsetzliche Dinge behalten wir in
Erinnerung. Zum Beispiel die Flugzeuge, die in die Twin Towers in New York
geflogen sind am 11. September 2001. Das werden wir nie vergessen. Alle
anderen Nachrichten an diesem Tag wissen wir nicht mehr, weil die Wucht der
Bilder aus New York alles andere gewissermaßen verdrängt haben. Ich will
gerne einen Test schildern, wie man das erforscht: Man setzt Menschen in ein
Kino. Eine Gruppe schaut sich einen brutalen Actionfilm an, eine andere,
identisch zusammengesetzte Gruppe einen netten Unterhaltungsfilm. Vor Beginn
und während des Films werden Werbeeinblendungen gezeigt. Am Ende der
Vorführung bekommt jede Testperson einen Fragebogen, in dem sie ankreuzen
soll, welche Werbeeinblendung sie noch im Kopf hat. Es zeigt sich ganz klar:
Die Menschen, die den Unterhaltungsfilm gesehen haben, konnten die
Werbeausschnitte wesentlich besser erinnern. Woher kommt das? Die Kraft des
Schreckens in einem Actionfilm, Brutalität, die unter die Haut geht,
atemberaubende Kampfszenen packen den Zuschauer dermaßen, dass auch das, was
vorher flüchtig im Kurzzeitgedächtnis gespeichert war, also z. B. die
Werbung, schneller verdrängt wird. Ein Unterhaltungsfilm kann natürlich auch
mal spannend sein und berühren, aber er erzeugt nicht so starke Gefühle. Das
kann man messen am Körper. Und das machen die Neurobiologen. Was passiert im
Hirn, wenn ein Gewaltfilm auf einen einströmt und man das aushalten muss?
Frauen und Männer reagieren unterschiedlich. Bei Frauen wird ein Fluchtreiz
ausgelöst, Männer zeigen geweitete Pupillen, sie sind gierig nach noch mehr
Gewalt. Natürlich trifft das nicht auf alle zu, aber doch auf viele.
Offenbar sind die unterschiedlichen Prägungen in der Reaktion auf Gewalt
zwischen Frauen und Männern auch stark genetisch bedingt. Das Ergebnis der
Neurobiologen ist, die Jungen sind viel gefährdeter, das im
Kurzzeitgedächtnis vorläufig noch flüchtig gespeicherte Wissen wieder
einzubüßen – es dauert ja etwa 12 bis 14 Stunden, bis sich Wissen in unserem
Langzeitgedächtnis festgesetzt hat. In dieser Zeit kann viel passieren. Man
hat vielleicht brav gelernt am Nachmittag, und dann geht die Mutter zum
Einkaufen, der große Bruder ist nicht da, man holt sich heimlich dessen
Videofilm und guckt ihn mit einem Freund an. Das, sagen die Neurobiologen,
ist keine so gute Idee, besser hätte man Fußball gespielt, das ist nicht so
gefährlich für das im Kurzzeitgedächtnis gespeicherte Wissen.
Spielen auch kognitive Elemente ein Rolle? Wir sprechen ja darüber, wie
Wissen aufgenommen wird, wie es im Gedächtnis gespeichert wird, vor allen
Dingen auch, wie es verknüpft wird mit anderen Wissensbestandteilen. Ist die
Neurowissenschaft auch schon so weit, dass sie sagt, dass durch Rezeption
von Gewaltfilmen auch dieses Andocken des neuen Wissens an alte
Wissensstrukturen verhindert wird?
Das untersuchen unsere Kollegen um Herrn Professor Heinze und Herrn
Professor Scheich (Universität Magdeburg) im Rahmen des von der
Volkswagenstiftung geförderten Projektes. Ich bin selber gespannt, was sie
uns erzählen. Aber das, was wir bisher hören von Herrn Heinze und Herrn
Scheich, geht in die Richtung. Wir werden gemeinsam klüger werden im Laufe
des Projekts und dann besser die Gründe dafür begreifen, was sich bei uns
jetzt schon zeigt bei unserer Querschnittsanalyse, zu der wir mit
Unterstützung der Lehrer 23.000 Schüler in Deutschland befragt haben,
nämlich je mehr die Kinder fernsehen, umso höher das Risiko, dass sie
schlechtere Noten bekommen. Analog gilt das auch für extensives
Computerspielen.
Nehmen wir z. B. einen 10-Jährigen, der schon zwei Stunden am Tag
Gewaltfilme anguckt. Aber er hat ein intaktes Elternhaus, und er hat, um ein
viel diskutiertes Wort zu verwenden, Medienkompetenz. Also er weiß, dass die
Filmszenen nicht real sind und dass das Blut aus Ketchup besteht. Was macht
denn so eine stabile Persönlichkeit mit dem Medienkonsum?
Die kann das besser verkraften, gar keine Frage. Wir stellen ja fest, dass
Kinder, die in einem Elternhaus aufwachsen, in dem es drunter und drüber
geht, in dem die Eltern viel streiten und keine Sicherheit und Geborgenheit
entsteht, viel eher Gefahr laufen, den Fernsehapparat als Tröster zu
verwenden. Gleiches gilt übrigens für Kinder, die isoliert in ihrer Gruppe
sind, die unglücklich sind, weil sie sich nicht integriert fühlen, auch sie
flüchten sich gerne in die Fernsehwelt. Nur leider verstärken sich dadurch
Isolationseffekte und das Kind wird noch unglücklicher. Man könnte also
sagen: Vielseher neigen eher zum Unglücklichsein. Außerdem zeigt sich,
Kinder, die mit ihren Eltern kommunizieren über das im Fernsehen Gesehene,
verkraften die Bilder besser als die Kinder, die in ihrem Zimmer sitzen und
da die Bilder allein aushalten müssen. Die Idee einer seelischen Hornhaut
bewahrheitet sich nicht, man bleibt empfindlich, und es bleibt ein Vorgang,
der die Kinder psychisch überlastet.
Sind Sie dennoch der Meinung, das alte Konzept der Medienkompetenz, also z.
B. Reflektieren über die Bildsprache des Fernsehens, hat noch seine
Gültigkeit?
Es hat seine Gültigkeit, das ist schon richtig. Aber es darf uns nicht dazu
verführen zu glauben, dass der normale Jugendliche, wenn er so richtig
„kompetent“ ist, wenn er einschätzen kann, wie Filme entstehen und was ihre
Botschaften sind, dann ruhig drei Stunden gucken kann. Das ist nicht so. Der
Zeitfaktor wird trotzdem zu Buche schlagen.
Haben Sie ihm Rahmen Ihrer Studie auch untersucht, wie Gewaltfilme auf das
Verhalten von Jugendlichen wirken? Werden sie gewaltbereiter?
Wir haben den Jugendlichen „Macho“-Statements vorgelegt, z. B.: „Ein
richtiger Kerl setzt sich bei Ungehorsam in der Familie auch mit Gewalt
durch.“ Oder: „Ein richtiger Kerl kann seine Frau verprügeln, wenn sie
fremdgeht.“ Oder: „Ein richtiger Kerl nimmt keine Beleidigung hin, sondern
schlägt sofort zu.“ Usw. Die Jugendlichen konnten nachdrücklich zustimmen
oder gar nicht. Danach haben wir untersucht, was bedingt eine Zustimmung zu
solchen gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen. Wir haben herausgefunden,
dass Actionfilme und Kampfspiele eine ganz große Rolle spielen. Jugendliche,
die sich sehr stark auf diese Art von Medienkonsum einlassen und die
gleichzeitig in ihrer Familie Probleme erlebt haben – das muss noch dazu
kommen, also die Kopplung von innerfamiliärer Gewalt bzw. innerfamiliärem
Stress -, die sind gefährdet. Zusammenfassend kann man also sagen: Am
ehesten zu gewalttätigem Verhalten neigen männliche Jugendliche, die in
hohem Maße gewalttätige Verhaltensnormen verinnerlicht haben, die darin auch
nochmal durch gleichaltrige Freunde bestärkt werden, die ähnlich denken -
die sogenannte Peer-Group, die Gruppe der Gleichaltrigen, spielt also eine
Verstärkerrolle. Wenn diese Faktoren zusammenkommen, dann ist die
Wahrscheinlichkeit von Gewalt erheblich höher. Jugendliche, die nie solche
gewaltlegitimierenden Normen akzeptieren, sind nur zu 2,3 Prozent im Jahr
vor der Befragung Mehrfachtäter der Gewalt gewesen. Jugendliche, die auf
solche „Macho“-Aussagen stehen, haben zu 27 Prozent mindestens fünf
Gewaltdelikte begangen. Das ist das 20-Fache! Gewalttätiges Verhalten
resultiert aus einem anderen Wertesystem, das man aus entsprechenden Filmen
übernimmt. Aber das gilt nur für die ohnehin bereits Gefährdeten.
Interessant ist auch, was die Neurowissenschaftler dazu sagen: Es gibt im
Gehirn sogenannte Spiegelneuronen, die werden immer dann aktiv, wenn es um
Handlung und Imitation von Handlungen geht. Bei der Rezeption von
Gewaltfilmen bilden sich bestimmte neuronale Muster, die diese Gewalttaten
beinhalten und die diese im Gehirn abbilden. Und in Konfliktsituationen
besteht bei labilen Jugendlichen immer die Gefahr, dass diese Muster
abgerufen werden. Das ist ja genau das, was Sie herausgefunden haben.
Richtig, und wenn man das alles so hört, muss man natürlich nach
Gegenstrategien fragen. Aus meiner Sicht gibt es eine Antwort an den Staat
und eine an die Familie. Ich beginne mit dem Staat: Unsere Kinder
unterstehen größtenteils, zu 95 Prozent, einem Halbtagsschulsystem, d. h. um
zwei Uhr nachmittags sitzen manche schon vor dem Fernseher oder der
Spielkonsole. Die Gesamtzeit pro Jahr, die sie vor den Kisten verbringen,
ist deutlich höher als die Gesamtzeit des Schulunterrichts. Wie absurd!
Fernsehen und Computerspiele als Haupterzieher unserer Kinder? Das können
wir nicht so stehen lassen. Besonders betroffen sind die sozial
Benachteiligten, weil sie außerdem noch weniger mit guten Freizeitangeboten
versorgt ist. Die Antwort muss deshalb lauten: Flächendeckend Ganztagsschule
für alle, aber bitte nicht als Kinderverwahranstalt mit Suppenküche
zwischendrin, sondern vormittags Unterricht und nachmittags nach einem guten
Mittagessen, einer Pause und Erledigung der Schularbeiten, dann Lust auf
Leben wecken. Sport, Musik in Partnerschaft mit Musikschulen, Kultur,
Theater spielen usw.
Das gehört aber zum Teil noch in das Gebiet des Visionären.
Nein. Das gibt es überall in Europa, nur bei uns nicht.
In Baden-Württemberg findet, zumindest im Rahmen von G8, auch nachmittags
Unterricht statt, aber es wird nicht das Leben gelehrt, sondern gepaukt.
Ja, und das ist schlecht. Nachmittags muss die Überschrift „Lust auf Leben“
lauten. Sicher kann man ausnahmsweise mal den Unterricht in den Nachmittag
verschieben, aber die Regel darf das nicht sein. Die Kinder müssen
nachmittags lustvoll in die Schule gehen. Und dann überträgt sich das auch
auf ihr Wochenende. Sie sind dann so in eine Sportart reingewachsen, dass
sie am Wochenende über den Verein, der in der Schule für sich Werbung machen
darf, an Wettkampfspielen teilnehmen. Dieses Kind leidet nicht unter der
Medienverwahrlosung. Darüber können wir uns dann einfach freuen. Eine
Kooperation von Schulen und Vereinen ist für den Nachmittag angesagt, die
muss sein. Zukunftsinvestition Jugend muss die zentrale Botschaft für die
staatlichen Instanzen werden. Meine Antwort an die Eltern lautet: Ich kann
Eltern nur davor warnen, ihrem Kind einen Fernsehapparat oder einen Computer
ins Zimmer zu stellen. Es gibt zu wenige, die gut damit klar kommen.
Ausnahmen finden wir natürlich auch. Das sind z. B. die Hochbegabten. Oder
auch die Kinder, die schon wunderbar von ihren Eltern in das Leben
integriert wurden, die z. B. leidenschaftlich ein Musikinstrument spielen
oder Fußball spielen, die gute Freunde haben. Für sie ist die Versuchung
nicht so groß, ihre Freizeit vor den Kisten zu verbringen. Aber die Mehrheit
der Kinder ist gefährdet. Und deshalb lautet mein Ratschlag: Vor 12 keinen
Fernsehapparat oder Computer ins Zimmer. Und den Konsum begrenzen. Bei den
unter 12-Jährigen maximal eine Stunde pro Tag, maximal eine halbe Stunde
Computerspielen. Und das ist schon großzügig. Bei den Älteren wird es ein
bisschen mehr werden, aber die sind in der Regel dann auch schon souveräner
und selbstbestimmter und kommen damit einigermaßen klar. Also: Verhindern,
dass die Kinder stundenlang vor den Kisten hängen bleiben.
Ich höre jetzt schon die offenen liberalen Medienwissenschaftler in meinem
Ohr, die sagen, also, Herr Pfeiffer, das ist doch viel zu rigoros. Kinder
müssen doch lernen, mit Medien umzugehen. Warum sollen sie dann nicht einen
eigenen Fernseher im Zimmer haben, wenn sie dazu angeleitet werden,
kontrolliert damit umzugehen?
Das ist ein Märchen. Wir fragen ja die Kinder, ob ihre Eltern kontrollieren,
was sie tun. 80 Prozent der Eltern kümmern sich nicht darum. Der sichere
Weg, den Eltern ja begehen können, ist, dass sie Fernsehen und Computer in
einem allgemein zugänglichen Raum des Hauses haben, wo sie selbst auch
ständig rein- und rausgehen, ohne anzuklopfen, und wo das Kind immer damit
rechnen muss, dass die Eltern mitbekommen, was es gerade am Computer macht.
Das ist der Vorteil des Wohnzimmers. Natürlich sollen Kinder Medienkompetenz
erwerben. Sie sollen ja nicht als Studenten zum ersten Mal einen eigenen
Fernseher besitzen. Das ist richtig. Aber Kinder unter 10 oder 12 sind
einfach noch überfordert, und es ist für mich völlig absurd, dass jedes
vierte 6-jährige Kind in Deutschland einen eigenen Fernseher hat. In meinen
Augen ist das Körperverletzung, wenn man die Auswirkungen betrachtet:
Bewegungsarmut. Unsere Studien in Berlin, die wir nun seit 4 Jahren mit
denselben Kindern betreiben und die noch weitere 4 Jahre andauern soll,
belegen folgenden Zusammenhang: „Zuviel Fernsehen und Computerspielen macht
dick, krank, dumm und traurig“. Für jeden dieser vier Punkte führen wir
Messungen durch. Jedes Jahr messen wir das Körpergewicht, die Körpergröße,
den psychischen Gesamtzustand, die Begabung, die Schulnoten usw. Wir werden
sehen, wo wir landen.
Kann man sagen, dass wir im Rahmen der neurowissenschaftlichen Erkenntnisse
auch über das kindliche Gehirn und die Entwicklung des kindlichen Gehirns
schon eine neue Radikalität und Rigorosität in die Debatte gekommen ist. Ich
denke an Manfred Spitzer, Hirnforscher aus Ulm, der ähnliche Dinge wie Sie
sagt. Gegenüber der Medienpädagogik der 70er- und 80er-Jahre, die immer so
ein bisschen lieb und nett und unentschieden war, ist die Diskussion heute
doch entschieden oder?
Es gibt Befunde, die uns, wenn wir unserer Verantwortung als Wissenschaftler
gerecht werden wollen, schon veranlassen, klare Aussagen zu machen. Und die
heißen ja durchaus, Ihr Eltern habt weiterhin die Verantwortung. Man muss
nicht rigide nein sagen, es gibt ja Kinder, die kommen damit klar. Wenn man
so eines hat, wunderbar. Das Hineinwachsen in den selbstständigen Umgang mit
Fernseher und Computer kommt aber nicht von alleine, auch wenn beides im
Wohnzimmer steht.
Kann man soweit gehen zu sagen, intensiver Fernsehkonsum von aggressiven
Filmen, darüber sprechen wir ja, ist sogar gehirnschädigend?
Da warte ich ab, was unsere Neurobiologen am Ende des Forschungsprozesses
sagen. Aber es ist zumindest schulleistungsmindernd. Das können wir jetzt
schon belegen, wenn wir uns diese krassen Unterschiede anschauen zwischen
den Kindern, die keinen eigenen Fernseher haben, und denen, die ein eigenes
Gerät besitzen und dann zum Teil in einen extensiven Medienkonsum
reinrutschen.
Die Fragen stellte Ralf Caspary.
*****
* Zum Autor:
Professor Christian Pfeiffer, geboren 1944, studierte Rechtswissenschaften
und Sozialpsychologie in München und London. Er war nach dem Studium kurze
Zeit als Rechtsreferendar an einem OLG und gleichzeitlich ehrenamtlich als
Bewährungshelfer tätig. 1984 Promotion, 1985 Berufung auf eine C3-Professur
und gleichzeitig Berufung zum stellvertretenden Direktor des
Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen; seit 1988 alleiniger
Direktor. 2002 – 2003 war Pfeiffer Justizminister des Landes Niedersachsen.
Er zählt zu den engagiertesten Kriminologen Deutschlands.
Forschungsschwerpunkte: Einfluss von Medienkonsum auf Kinder,
Jugendkriminalität, Gewalt in Familien, Umgang der Medien mit
Gewaltverbrechern. |
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