SWR2 Wissen - Peter
Jaeggi : Kultur macht schlau - Die Orang-Utans von Tuanan
Autor: Peter Jaeggi
Redaktion: Detlef Clas
Sendung: Montag, 05. Februar 2007, 8.30 Uhr, SWR 2
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privaten Gebrauch bestimmt.
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ausdrücklichenGenehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
ÜBERBLICK
"Kultur macht schlau", sagt Carel van Schaik. Der Direktor des
Anthropologischen Instituts der Universität Zürich ist ein weltweit
führender Primatenforscher. In einem Orang-Utan-Forschungsprojekt im
Regenwald von Tuanan in der indonesischen Provinz Zentralkalimantan auf
Borneo versucht er, seine These zu belegen. Die These, wonach es letztlich
kulturell verbreitete Erfindungen sind, kulturelle Innovationen, die
Primaten weiterbringen.
Den Menschen inklusive. "Kultur ist der Motor der Evolution", sagt van
Schaik. Peter Jaeggi hat den gebürtigen Holländer in sein Forschungsgebiet
nach Zentralkalimantan auf Borneo begleitet. Dort hat er einen Eindruck
gewonnen von den außerordentlichen Fähigkeiten von Orang-Utans, den größten
Baumbewohnern des Regenwaldes.
INHALT
Carel van Schaik
Es ist jetzt fast 5 Uhr morgens, und wir sind beim Nest von Gina und Jerry,
da oben. Und wir warten, bis sie aufwachen.
Moderation
Unterwegs mit dem Anthropologen und Primatenforscher Carel van Schaik und
seinem Team im Torf-Sumpf-Regenwald von Tuanan in Zentralkalimantan, Borneo.
Es ist noch dunkel. Der Weg hierher vom Camp am Fluss quer durch dichtes
Untergehölz und über sumpfigen Boden war mühsam.
Carel van Schaik ist Professor für Biologische Anthropologie und Direktor
des Anthropologischen Institutes der Universität Zürich. Der gebürige
Holländer ist einer der weltweit führenden Primatenforscher. Sein Hauptthema
ist die kuturelle und soziale Evolution der Primaten und in welchem
Verhältnis zur Evolution des Menschen sie stehen. Van Schaiks Forschung
basiert auf Beobachtungen von wild lebenden Orang-Utans hier auf Borneo und
auf der Nachbarinsel Sumatra.
Ansage
«Kultur macht schlau – Die Orang-Utans von Tuanan». Eine Sendung von Peter
Jaeggi.
Moderation
Im Regenwald von Tuanan auf Borneo versucht der Primatenforscher Carel van
Schaik seine These zu belegen, wonach es letztlich kulturell verbreitete
Erfindungen sind, die Primaten weiterbringen – auch uns Menschen.
Im Nest, etwa 10 Meter über uns, ruhen die Orang-Utan-Mutter Gina und ihr
drei Jahre alter Sohn Jerry. Wie jeder Orang-Utan baute sich auch Gina
gestern Abend so gegen 17 Uhr ein Nachtlager, das von weitem ein bisschen
wie ein Storchennest ausschaut. Heute Abend wird sie sich anderswo ein neues
Nest bauen. Vor uns liegen 12 Stunden, in denen wir den beiden
Baumbewohnern, den größten des Regenwaldes, folgen werden.
Atmo
Knacken von Ästen, Schritte. Orang-Utan Urin fällt aus ca. 12 Metern
(Nesthöhe) auf Blätter Morningpiss. / Mit Malacopteron und Gibbon
Moderation
Dass oben auf dem Baum Aufstehen angesagt ist, macht sich am Urinregen
bemerkbar. Geschützt mit einem Regencape fängt Assistentin Noemi Arnold den
Morgenurin auf. In einer Plastikplane, die trichterförmig in ein Gefäß
mündet. Die junge Forscherin erklärt ihre Arbeit:
Noemi Arnold
Mein Projekt heißt Self medication in Orang-Utans. Es geht darum,
herauszufinden, ob Orang-Utans Medizinpflanzen benutzen, ob sie wissen, was
das ist, ob sie sich selber heilen, und dafür schaue ich zuerst, ob sie
gesund oder krank sind und dafür schaue ich ihre Urhinproben, ihre Kotproben
und ihr Verhalten an.
Interviewteil / Carel im Wald:
Autor: Wenn sie das machen, sich selber Pflanzen aussuchen, wenn sie eine
Krankheit haben, was würde das bedeuten?
Carel: Ein paar Sachen. Erstens würde es aussagen, dass sie, wie viele
andere Tiere, irgendwie wahrscheinlich instinktiv eine Neigung haben, wenn
sie bestimmte Krankheiten haben, dass sie bestimmte Geschmäcker suchen. Zum
Beispiel: Man hat Malaria und sucht etwas Bitteres. So etwas. Aber was für
uns vielleicht spannender wäre: Wenn es z.B. zehn bittere Arten gibt, aber
sie alle nur eine bestimmte Art zu sich nehmen, weil sie das voneinander
gelernt haben.
Noemi Arnold
Auch vom Kulturellen her ist es interessant, weil wir Menschen haben schon
oft Sachen von den Tieren abgeschaut. Somit könnten wir auch für uns
vielleicht neue Medizinalpflanzen entdecken. So wie zum Beispiel der Kaffee
entdeckt wurde. Der wurde entdeckt dadurch, dass man Ziegen beobachtet hat,
wie sie nach dem Verzehr dieser Kaffeebohnen ziemlich verrückt taten und
weit offene Augen bekamen und nicht mehr zur Ruhe kamen. So haben wir das
abgeschaut von den Tieren.
Atmo Moskitofalle
Summen Moskitofallen-Saugventilatur. Hintendran Zikaden.
Jose Florez
Ich untersuche die Baumspezies, die der Orang-Utan für den Nestbau benutzt
und ich schaue genau, ob diese mögliche antiparasitische Eigenschaften hat.
Moderation
Jede Nacht startet Assistent Jose Florez zu einer Baum-Klettertour. Er
montiert in Schwindel erregender Höhe im Regenwald von Tuanan zwei Akku
betriebene, mit Duftstoff versehene Moskitofallen.
Atmo Moskitofalle ganz kurz aufblenden
Moderation
Die eine Falle hängt er auf einen Tarantang-Baum, dessen Blätter einen
Insekten abwehrenden Stoff enthalten. Die andere auf einen Baum ohne
Mückenabwehrstoffe. Florez will herausfinden, wie effizient die
Tarantang-Blätter in der Moskitoabwehr sind.
Van Schaik und sein Forscherteam machten nämlich im Wald von Tuanan eine
spannende Entdeckung. Jose Florez:
Jose Florez
Wir wissen bereits, dass die Orang-Utans verschiedene Bäume bevorzugen für
den Nestbau. Und genau diese untersuche ich jetzt, um zu schauen, ob diese
gewählt werden, um Moskitos zu vermeiden.
Moderation
Dazu gehört zum Beispiel der Tarantang-Baum. Orang-Utans im Wald von Tuanan
nehmen zum Beispiel Blätter dieses Baumes mit ins Nest. Sie enthalten einen
Insekten abwehrenden Stoff. Die These des Van-Schaik-Teams: diese
Orang-Utans haben eine Moskitoabwehr entwickelt und sie von Generation zu
Generation weitergegeben.
Atmo Schmatzen
Moderation
Die Orang-Utan-Mutter Gina baut über unseren Köpfen für sich und ihren
kleinen Sohn ein Mittagsruhe-Nest. Dabei produziert die Nestbauerin
Schmatzgeräusche, die Carel van Schaik ganz besonders interessieren. Denn
die Art von Schmatzen ...
Atmo Schmatzen sehr kurz aufblenden
Moderation
Diese Schmatzgeräusche wie auch die vermutete Moskitoabwehrstrategie mit dem
Blättersammeln wurden bisher nur gerade in der Orang-Utan-Population von
Tuanan wahrgenommen. Diese Art von Schmatzer kommen in keiner der
Vergleichsgruppen vor. Eine davon wird auf der andern Seite des
Kapuas-Flusses beobachtet, dort, auf der gegenüberliegenden Seite, wo das
zweite Forschercamp steht. Diese Schmatzervariante wurde bisher aber auch in
keiner anderen Population auf Sumatra und Borneo gehört, der Heimat des
Pongo pygmäus, des Orang-Utans. – Solchen Einmaligkeiten von Verhalten ist
Carel van Schaik und sein Team auf der Spur. Sie sind es, die van Schaik zu
einem seiner wichtigsten Forschungsinhalte erklärt hat. Warum besitzt die
eine Gruppe ein- und derselben Spezies Fähigkeiten, die eine andere Gruppe
nicht kennt? Carel van Schaiks Antwort: Bei den Menschenaffen ist Kultur zu
einem Faktor der Evolution geworden. Bei einer dieser Primatengruppe ist
einst die Kultur derart bestimmend geworden, dass sie zu uns Menschen
geführt hat. So kann man behaupten, sagt Carel van Schaik: Kultur ist der
Motor der Evolution.
Carel van Schaik
Zum Beispiel sehen wir Orang-Utans, die eine Frucht essen können, die sie
vorher nicht essen konnten, weil jemand das erfunden hat. Und das wird dann
durch soziales Lernen weitergegeben. Denn die Orang-Utans vorher und nachher
sind genau die gleichen. Die haben sich genetisch nicht geändert. Was sich
geändert hat ist, dass jemand die IDEE hatte, das ausgearbeitet und
wahrscheinlich allmählich etwas geändert hatte. Aber der Punkt ist: das wird
jetzt weitergegeben. Nicht wie normalerweise genetisch - sondern weil Leute
– Orang-Utans in diesem Fall – das voneinander abschauen und es so
weitergegeben wird.
(...)
In vielen Gebieten macht das keiner – nur in einem bestimmten Gebiet machen
sie das. Das ist eine Erfindung. Und komischerweise ist das nicht in einem
Gebiet wo es am schwierigsten war, wo sie sowieso schon die größte Dichte
hatten und sehr glücklich waren.
Autor: Also, dort wo es ihnen am besten geht, dort ist der Erfindergeist am
größten?
Genau. Und das ist jetzt eine Art Paradox. Das versuche ich zu lösen. Ich
habe jetzt diese neue Theorie entwickelt, dass Kultur schlau macht. Also
dort, wo die Bedingungen für soziales Lernen sowieso schon sehr gut sind –
also die Reichen werden immer reicher, könte man sagen. Also wo die
Bedingungen gut sind, dass man dort bessere Erfindungen machen kann.
Wenn ich etwas lernen möchte, brauche ich einen Mentor, wo ich mehr Zeit
habe, um bei diesem Mentor in der Nähe zu sein und abzuschauen, was die
machen, dann lerne ich mehr. Diese Populationen in diesen Gebieten, diese
Tiere dort sind viel öfters zusammen. Die verbringen viel mehr Zeit
zusammen. Dann kann man abschauen.
Moderation
¨Kultur macht schlau", sagt Carel van Schaik, sie erzeuge sozusagen
Intelligenz. Natürlich kann man dies auch umdrehen und sagen: Intelligenz
erzeugt Kultur. Das ist logisch. Doch es erklärt noch nicht, woher
Intelligenz kommt. Die Antwortversuche haben sich laut van Schaik bisher auf
soziale und ökologische Herausforderungen fokussiert. Doch was ihn am
meisten interessiere, sei die soziale Übertragung von Fertigkeiten und
daraus entstehender Intelligenz.
Atmo / Durch den Wald pirschen
(Schritte) Sie haben jetzt hier ungefähr eine Stunde gegessen und jetzt geht
sie also. Da geht sie so. Zehn Meter. Sind runter gekommen. Jetzt fahren sie
weiter nach einem anderen Baum /
Autor: Und was machen wir jetzt?
(Atmo Schritt, länger) Er: hinterher. Aber leise. Schritte
Moderation
Was ist es, was Carel van Schaik, Direktor des Anthropologischen Institutes
der Universität Zürich und einer der weltweit führenden Primatenforscher,
mit der Arbeit auf Borneo herausfinden möchte?
Carel van Schaik
In der Biologie reden wir von der organischen Evolution, der "normalen"
Evolution. Wir denken immer: kulturelle Evolution gibt es nur bei Menschen.
Aber die muss ja mal angefangen haben. Und was ich versuche rauszukriegen
ist, ob wir die Wurzeln dieser kulturellen Evolution bereits bei den
Menschenaffen sehen. Und wir versuchen eine Theorie darüber zu entwickeln,
vielleicht eine Erklärung, wie nur EINE Menschenaffenart unter vielen –
nämlich unsere Art – sich so ungeheuer weit von der andern entfernt hat und
in so kurzer Zeit so anders geworden ist. Unsere eigene Art, wir sind ja
einfach nur Menschenaffen. Und diese Entwicklung hat fast in allem mit
Kultur zu tun.
Moderation
Der Mensch hat sich aus einer Primatengruppe heraus entwickelt, die mit
ihren Fähigkeiten, mit ihren kulturellen Errungenschaften sehr viel weiter
war als andere. Carel van Schaik fragt sich:
Carel van Schaik
Was sind die Bedingungen, die Innovation fördern? Was sind die Bedingungen,
die es möglich machen, soziales Lernen zu machen (....) wenn wir all diese
Grundlagen zusammen haben (...) könnten wir besser verstehen, wie wir
geworden sind, wie wir sind.
Atmo Fressen
Carel van Schaik
Diese Schmatzgeräusche, das sind Mutter und Kind, die sich an Feigen laben
und die da gerne noch eine halbe Stunde weiter essen möchten....
Schmatzgeräusche ...
Die Fähigkeit, sozial zu lernen, ist in der Evolution so entstanden, dass
sie von der Mutter lernen. Die Orang-Utans entwickeln sich sehr langsam und
die sind ein bisschen wie wir: Die kommen fast wie Tabula rasa auf die Welt.
Die wissen sehr, sehr wenig. Und wir können zeigen, die Kinder essen immer
einen Teil dessen, was die Mutter isst (...) Sie essen eigentlich nichts,
was die Mutter nicht isst. (...) Die Mutter muss zuerst mal alles gutheißen.
Dann essen sie es.
Moderation
Mit im Forscherteam im Regenwald von Tuanan sind auch indonesische Studenten
und Studentinnen, wie hier Yanuar von der Nationalen Universität Jakarta.
Heute folgt sie der Orang-Utan-Mutter Gina und ihrem Baby Jerry. Ihre
Aufgabe: Fütterungstechniken beobachten und sie mit jenen anderer
Artgenossen vergleichen. Auch hier geht es darum, Techniken herauszufinden,
die es vielleicht sonst nirgendwo gibt.
Yanuar
Utan technik makan Orang Utan ...
Atmo Long Calls
Moderation
Die Sprache der Orang Utans. Das hier sind so genannte Long Calls, Rufe von
erwachsenen männlichen Tieren. Man nimmt an, sie dienen zur Vertreibung
anderer Orang-Utan-Männer, vor allem aber sollen Long Calls paarungswillige
weibliche Tiere anlocken. Bis jetzt sind rund fünfzehn verschiedene
Orang-Utan-Laute bekannt. Vom Weinen und Schreien von Babies ...
Atmo weinendes, schreiendes Baby
Moderation
... bis hin zu sogenannten Kiss-Lauten, die bedeuten: komm mir nicht zu
nahe, sonst schmeiß ich einen Ast nach dir!
Atmo Kisslaute
Dialog Carel van Schaik mit Studentin Laura Damerius
Sie: Ich war mehrere Stunden da und er hat sich etwa alle halbe Stunde auf
die Seite gedreht. - Er: Aha, jetzt mal überinterpretieren. Was bedeutet
das? Der schläft manchmal so und manchmal so. Er richtet sich auf, dann hört
er das hier. Richtet sich auf, dann hört er dies hier. Der hat fast 360 Grad
Hörrichtung, wenn er sich ständig umdreht. Wie gesagt, ich interpretiere
jetzt. Wir hören ja nachts ständig Long Calls. Die werden nicht umsonst
gemacht. (....)
Sie: Wir müssen eine Nacht im Wald verbringen meiner Meinung nach. - Er: Hm?
- Sie: Wir müssen unbedingt eine Nacht im Wald verbringen meiner Meinung
nach. - Er: Ja, Du weißt, ich habe es versucht, die Leute so weit zu
kriegen. - Sie: Ja. - Er: und am Schönsten auf einem Nest. - Sie: Oh je! -
Er: Ja, man bindet sich einfach fest, warum nicht? - Sie: lacht. - Er: das
wäre doch am Schönsten- Sie: ach. Kann ich mir nicht so recht vorstellen. -
Er: Mückenspray. - Sie: Tarantang. - Er: Genau, man muss sich ein paar
Tarantangblätter anbinden. - Sie: ja. Nee.
Atmo Regenwald
Moderation
Abend im Forschercamp am Waldrand von Tuanan, das aus einigen einfachen
Holzhütten besteht. Ein Generator liefert Strom für den Betrieb der Computer
und Lampen. Es ist die Zeit für den Austausch von Beobachtungen, von
Erlebtem.
Und nicht selten taucht ein Hauch von echtem Abenteuer auf. Wie an jenem
Abend, als Assistent Joram Berlovitz seine Begegnung schildert, die ihm vor
einigen Stunden einen ziemlichen Schrecken bescherte.
Berlovitz
Also, ich hatte heute meine erste Begegnung mit Niko. Niko ist der König vom
Dschungel hier, ein sehr großes Orang-Utan-Männchen, das sehr gerne die
Beobachter angreift. Eigentlich folgte ich einer Gruppe singender Gibbons in
den Norden. Ich habe ihn dann in ihrer Mitte gefunden. Er war ganz
aufgebracht.
(...) und ist auf mich zugekommen. Ich versuchte dann zuerst, stehen zu
bleiben. Das ging nicht so gut. Er wurde sehr wütend, kam immer näher und
hat mir einen toten Baum entgegengeschickt und ich habe mich dann
entschieden, wegzulaufen, bin Richtung Osten gelaufen
(...) und habe dann plötzlich ein zweites Männchen vor mir stehen gesehen.
Und befand mich dann zwischen diesen zwei wütenden Herren, die sich
entschieden haben, dort einen Streit anzufangen, eine ziemlich missliche
Lage.
Autor: Und wie ging das aus?
Niko ist dann vom Westen herangestürmt gekommen, sehr aufgebracht, viel Lärm
(...) und hat dann das andere Männchen vertrieben, das ist weggerannt und
ich bin dann auch weggerannt.
Atmo
Sehr schöne Atmo mit dem auf- und absteigenden Gesang des Malacopteron und
Gibbons in der Ferne.
Carel van Schaik
Wir sind (...) auf der Suche nach den Wurzeln menschlicher Kultur. Bei
Menschen sind zwei Sachen sehr wichtig: Die eine Seite ist die Symbolik.
Viele Kulturunterschiede zwischen Menschengruppen, -gesellschaften haben mit
symbolischen Sachen zu tun. Fahnen , Religion, Riten, wie man tanzt, wie man
sich kleidet usw. Soweit wir wissen gibt es dafür entweder total keine oder
nur sehr wenige Hinweise bei Menschenaffen. Die andere Seite bei uns aber
ist die Technologie, dafür sehen wir sehr viele Hinweise bei den
Menschenaffen. Die spektakulärsten Beispiele sind Werkzeugverwendung. Die
sehen wir sehr oft in bestimmten Gebieten. Aber dann machen es alle Tiere
und außerhalb dieser Gebiete macht es keiner, auch wenn die Aufgaben genau
so gleich wären und auch die Lösung genau die gleiche wäre und wir erwarten
würden, dass die Tiere das auch so verwenden würden. Trotzdem machen sie es
nicht. Wir denken, das ist erfunden, hat sich verbreitet, bis es da eine
Barriere gab und sich nicht weiter verbreiten kann. Und so definieren wir
Kultur. Das ist der Kern der Kultur, es sind Erfindungen, die sich durch
soziales Lernen verbreiten.
Atmo Vögel
Carel van Schaik
Es ist ganz klar, dass es immer eine Interaktion ist zwischen dem, was die
Umwelt da so bietet und was die Tiere mitbringen. ABER: wenn wir die
Gesetzmäßigkeiten kennen, kann ich vorhersagen: wenn sich jetzt die Umwelt
SO ändert: was würde passieren? Zum Beispiel wird behauptet – und ich denke,
das stimmt – dass bis vor etwa zwei Millionen Jahren die Menschartigen, die
Hominiden, einfach aufrecht gehende Menschenaffen waren. Da war nicht so
viel Spezielles los. Aber dann sind die auf die Savannen gegangen. Das hatte
mit Klimaänderung zu tun und die sind spezialisierte Aufrechtgeher geworden.
Vorher konnten die auch auf die Bäume klettern, nun konnten sie es nicht
mehr. Die haben begonnen, mit Steinwerkzeugen Tiere zu töten und zu
zerlegen, das Fleisch irgendwie abzukratzen, die Knochen zu verarbeiten,
auch Knollen zu graben. Alles Sachen, die man kooperativ macht, wo es
Technologie braucht, wo man das lernen muss und wenn man auf engem Raum
zusammen lebt, Futter teilen muss. Das sind genau die Bedingungen, wo sich
Kultur entwickeln könnte.
Atmo Long Calls
Moderation
Eine Krönung kultureller Innovationen im Laufe der Evolutionsgeschichte ist
die Erfindung der Sprache, sagt Carel van Schaik. Entstanden erst in relativ
jüngerer Zeit, vermutlich irgendwann im Zeitraum vor 200 000 bis 500 000
Jahren.
Carel van Schaik
Woher kommt die Sprache? Es kann sehr gut sein, dass Sprache etwas damit zu
tun hat, dass wir unsere kulturellen Varianten, also diese Innovationen, die
wir weitergeben müssen, die wurden immer komplexer. Dass Sprache etwas damit
zu tun hat, dass wir diese Variationen, Innovationen besser und effizienter
weitergeben konnten. Dass unsere Kinder einfacher und schneller instruiert
werden. Die Kinder auch lernen und gelehrt werden, was es so in dieser
Gruppe an Fähigkeiten und moralischen Normen gibt. Das geht mit Sprache
tausendfach effizienter als ohne Sprache.
Atmo Nestbauen / Essen / Schmatzen / Nestbau
Carel van Schaik
Carel im Wald: Wieso glaube ich, dass Kultur schau macht? - Ich glaube, das
Schwierigste an Intelligenz ist zu verstehen, wie sie sich überhaupt in der
Evolution entwickeln kann. Denn es handelt sich um
Problemlösungsverhaltensweisen. Wenn man etwas erfunden hat, wird es nicht
weitergegeben. Denn es gibt keine Gene (dafür). Also das Problem ist: Wie
werden Erfindungen weitergegeben? Und wie wir hier bei den Orang Utans
sehen: das geht sehr gut von der Mutter nach dem Kind, 100% richtig. So kann
man verstehen, dass es angefangen hat. Und wenn man dann größere Gruppen
hat, die sich alle gegenseitig sozial lernen lassen, dann geht es natürlich.
Soziale Vererbung ersetzt die Gene oder ersetzen die Gene und dann kann man
verstehen, wieso Kultur, das heißt, soziales Lernen schlau macht. Also die
Intelligenz fördert während der Evolution.
Carel van Schaik
Man denkt immer: Intelligenz ist etwas, was man hat. Aber Intelligenz ist
etwas, das man nur halb hat. Und die andere Hälfte wird aufgebaut. Schulen
wurden erfunden, damit man effizienter Fähigkeiten und Erkenntnisse
übertragen kann. Also, es hängt alles davon ab, was man diesen Gehirnen
"eingießt".
Moderation
Was ist es, was Carel van Schaik in seiner Forschung antreibt? – Der Mensch
sei seit jeher auf der Suche nach seiner Herkunft. Alle Religionen versuchen
dieses Mysterium zu erklären. Dasselbe versuche er auf wissenschaftlicher
Ebene in seinen anthropologischen Forschungen. Dies mit der Hoffnung, eines
Tages besser verstehen zu können, was von der Menschheit in Zukunft zu
erwarten sei und was nicht.
Carel van Schaik
Beispiel: Jede Generation muss bestimmte Sachen wieder neu lernen. Zum
Beispiel: Wenn die Alten wissen, dass Krieg schlecht ist und die haben in
ihren Köpfen die genauen Erinnerungen, wie furchtbar alles war: Wenn das
nicht weitergegeben wird, sind die neuen wieder genau so naiv und die fangen
wieder einen neuen Krieg an/ also ich glaube schon, dass wir ... zum
Beispiel wenn wir Gesellschaftsformen anschauen - welche würden jetzt besser
wirksam sein als andere usw., da könnte allmählich die Biologie oder die
Anthropologie, die biologisch angehauchte Anthropologie da einen Beitrag
leisten zur Wirtschaftsforschung , zur Soziologie undsoweiter.
Moderation
So hätten Wirtschaftsforscher realisiert, dass Menschen nicht so rational
funktionieren, wie ursprünglich angenommen. Die Bereitschaft etwa, für etwas
mehr zu bezahlen, habe auch mit Emotionen zu tun, mit einer
freundschaftlichen Beziehung. – Beziehungen und moralische Überlegungen
spielen neben den rein ökonomischen ebenfalls eine wichtige Rolle, sagt van
Schaik.
Wie weit lässt sich, wie er vermutet, aus den anthropologischen Forschungen
der Gegenwart tatsächlich ablesen, wie es mit uns weitergehen könnte?
van Schaik
Wenn ich ein Experiment machen könnte – kann ich aber nicht – würde ich
Folgendes vorhersagen: Wenn wir ein Baby aus den Cro-Magnon-Höhlen holen
würden und in Zürich aufwachsen ließen, würde man keinen Unterschied sehen.
Fast nichts.Vielleicht sind ein paar Krankheitsgene anders geworden, aber
... also der Mensch ist der gleiche geblieben. Das Gehirn ist im Großen und
Ganzen das gleiche geblieben. Aber die Kultur hat sich schnell geändert. Und
das ist nämlich dieser Prozess der kulturellen Evolution, wovon wir jetzt
die Ursprünge bei den Menschenaffen finden.
Wenn wir in die Zukunft schauen ... wenn man heute im Zug sitzt, und sieht
all diese Kinder mit ihren Handys und mit ihren I-Pods und das geht alles
routiniert, als ob es hunderttausend Jahre da gewesen wäre – also die neue
Generation, die in einen bestimmten Zustand hineingeboren wird, die
übernimmt alles, was schon da ist ganz, ganz schnell. Und für die ist das
der Grundzustand. Wenn die Bedingungen richtig sind und stimmen, wird darauf
weiter fortgebaut, geändert, modifiziert usw. Also, solange die Bedingungen
stimmen, wird kulturelle Evolution einfach weitergehen.
Moderation
Eine spannende Frage ist da: Gibt es in dieser Evolution Korrektive? Gibt es
Lernprozesse, die zum Beispiel Fehler der Vergangenheit nicht noch einmal
geschehen lassen? Von den Orang-Utans gebe es hier nichts zu lernen, sagt
van Schaik. Menschenaffen können zwar kulturelle Fähigkeiten weitergeben,
sie aber mangels Sprache und Schrift nicht erklären Im Gegensatz eben zum
Menschen. Durch die Lehre, durch Sprache und Schrift seien wir zu
Korrektiven in der Lage. Zumindest innerhalb von kleinen, überschaubaren
Gruppen, in denen eine soziale Kontrolle funktioniert. Im Großen oder gar
Globalen, wenn es um die ganz großen Probleme gehe, sei der Mensch nur
beschränkt fähig, aus der Vergangenheit zu lernen. Ein Beispiel sei die
globale Klimaerwärmung. Niemand mehr bestreite sie, aber wenn es darum geht,
zu handeln, werde es schwierig.
van Schaik
Wie weit schauen Menschen voraus? Und wie breit schauen sie? Denken sie nur
an sich? Oder denken sie auch an andere? Und dann müssen wir doch gestehen:
wir sind ja evoluiert in kleinen Gruppen. So lange es klein und persönlich
ist, ist die soziale Kontrolle sehr effizient und effektiv. Aber sobald es
diese größeren anonymen Verbände gibt, dann wird es immer schwieriger. Dann
brauchen wir Polizisten usw. Und dann ist es sehr, sehr schwierig, eine
Gesellschaft zu steuern. Und auch wenn die Gesellschaft auf den Abgrund
zugeht, kann man oft nichts mehr daran ändern. Das wird dann sehr schwierig.
Wir sind evoluiert in einer Situation als mobile Jäger und Sammler, wo man
in kleinen Gruppen ein paar Familien, so 25, 30 Leute, das war so die
Gesellschaftsform, wo wir immer miteinander geredet haben und die haben
immer eine Art Konsens Sobald es dann Ansiedlungen gibt, gibt es
diktatoriale Sachen. (...) Also, wir sind einfach nicht in der Lage, das
Anständige und Vernünftige zu machen.
Atmo Tuanan, Vögel
Die gehen ja leider jetzt weiter, also müssen wir jetzt hier
abbrechen..Sonst verlieren wir sie.... |
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