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SWR2 Wissen-Aula - Eike Gebhardt: Auf der Suche
nach der Utopie - Aussteiger damals und heute
SWR
Sendung am Sonntag, 05.08.2007, 08.30 bis 9.00 Uhr
ÜBERBLICK
Sie können es nicht lassen: Immer wieder brechen Menschen aus ihrer
gewohnten Welt, in der es ihnen scheinbar gut geht, aus, um ihr
persönliches Paradies zu finden. Früher waren das die Hippies, heute
macht das Jedermann, früher hatten die Aussteiger eine dezidiert
gesellschaftskritische utopische Position, heute scheinen dieselben
sich überlebt zu haben: Wer aussteigt, tut das aus rein egoistischen
Motiven. Dr. Eike Gebhardt, Kultursoziologe und Unternehmensberater,
beschreibt die Kulturgeschichte des Aussteigertums.
* Zum Autor:
Eike Gebhardt, geb. 1942 in Berlin, begann sein Studium an der
Freien Universität, wechselte aber bald an die Yale University/USA
und promovierte dort 1972 in Amerikanistik, Philosophie und
Sozialwissenschaften. 13 Jahre Hochschullehrer in den USA, u. a. an
der Yale University, University of Chicago und City University of
New York. Seit 1984 wieder hauptsächlich in Deutschland. Häufige
Gastprofessuren in beiden Ländern.
Spezialität: Interdisziplinäre Brückenschläge zwischen scheinbar
autarken Bereichen. (Arbeits- und Forschungsschwerpunkte, z. B.:
Wissenschaft und Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft, Politik und
Lebensstile). In regelmäßigen Talkshows vermittelt er z. B. zwischen
den Fronten von Technologie, Wissenschaft und Wirtschaft und der
öffentlichen Diskussion.
Eike Gebhardt ist überdies Consultant und Coach für Firmen und
Projekte im Bereich Personal-Training (besonders
Motivations-Training und Kreativitäts-Coaching) sowie Unternehmens-
und Politik-Berater für den Bereich Wirtschaft und Kultur. Er
organisierte u. a. die EU-Konferenz "A Working Culture II" (Kultur,
Wirtschaft und Arbeitswelt).
Literatur:
- Kreativität und Mündigkeit. Gesellschaftspolitische Implikationen
kreativen Verhaltens. (Neuwied: Beltz/Deutscher Studien Verlag,
1992);
- Abschied von der Autorität (Wiesbaden: Gabler Verlag, 1991);
The Essential Frankfurt School; Ed., with A. Arato. (Oxford: Basil
Blackwell und New York, Urizen Books, 1978);
- Max Horkheimer: Dawn and Decline Ed. (N.Y: Seabury Pr., 1974).
In Vorbereitung:
- Mythos Kreativität (Voraussichtlich Campus Verlag).
SÜDWESTRUNDFUNK
SWR2 AULA
Auf der Suche nach der Utopie
Aussteiger damals und heute
Autor und Sprecher: Dr. Eike Gebhardt *
Redaktion: Ralf Caspary
Sendung: Sonntag, 5. August 2007, 8.30 Uhr, SWR 2
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten
Gebrauch bestimmt.
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ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
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INHALT
Ansage:
Heute mit dem Thema: „Auf der Suche nach der Utopie – Aussteiger
damals und heute“.
Wir können es einfach nicht lassen: Immer wieder brechen wir aus,
verlassen unsere gewohnte Welt, die heimischen vier Wände und
brechen auf, um das persönliche Paradies zu finden. Manche von uns
tun das mit der Sozialversicherungsmentalität: Man fährt für eine
überschaubare Zeit in den Urlaub und fühlt sich für einige Tage als
Abenteurer; andere wiederum reisen mit viel ideologischem Gepäck ins
Nirgendwo, sie sprechen von der Flucht vor den Zwängen der
Gesellschaft, der Arbeit, der Familie, sie zelebrieren ihre
gesellschaftskritische Haltung. Mit anderen Worten: Es gibt
Aussteiger und Aussteiger, es gibt viele Motive und viele
Verhaltensweisen.
Eike Gebhardt, Kultursoziologe und Unternehmensberater aus Berlin,
skizziert in der SWR2 AULA eine soziologisch-psychologische
Typologie des Aussteigertums, er berücksichtigt dabei vor allem das
utopische Element, das mit jeder Flucht aus der Normalität und
Alltäglichkeit verbunden ist.
Eike Gebhardt:
Es gab zum Beispiel die viel geschmähten Hippies, Aussteiger und
Erfinder des Ideals einer Gegenkultur. Sie entstammten zumeist den
oberen Schichten der Gesellschaft und schockten mehr als jede andere
Protestkultur in der Geschichte just deshalb die Verständnislosen,
weil doch wohlmeinenden Altvorderen. Was sich vor deren Augen
abspielte, ließ sich nicht mehr auf den klassischen Konflikt der
Reichen und der Habenichtse reduzieren. Sie hatten ja und
rebellierten trotzdem. Warum?
Der alte linke Guru Herbert Marcuse - er wollte mündige, kritische
und trotzig lebensfrohe Menschen, nicht anlehnungsbedürftige
schlappe Sinnsucher - bot eine verblüffende Erklärung: Die
Wohlstandskinder seien zwar nicht materiell, wohl aber psychisch
ausgebeutet, d. h. an Erfahrungsmöglichkeiten. Ironie des
Fortschritts: Just als zum ersten Mal in der Geschichte Menschen
über alle materiellen, technischen und kulturellen Ressourcen zu
verfügen schienen, der Harvard-Ökonom John Kenneth Galbraith hatte
in den 60er Jahren gerade das Schlagwort von der
„Überfluss-Gesellschaft“ geprägt, die nur die Verteilung ihres
Reichtums noch regeln müsste, gerade in diesem Augenblick, da es
möglich schien, den alten Menschheitstraum zu verwirklichen, das
ganze Potenzial in uns zu entfalten, genau in diesem historischen
Moment schlug das Pendel zurück. Die Menschen stutzten sich die
Flügel, die ihnen eben gewachsen waren, und mit ihnen den Traum vom
Höhenflug ins selbstentworfene Paradies.
Dichter am Morgen, Kaufmann zur Mittagszeit, Politiker am
Nachmittag, Künstler und Liebhaber am Abend, so ähnlich hatte Marx
den Traum skizziert. Menschen seien nicht mehr auf eine Identität
festgeschrieben, sie könnten wählen, immerfort neu. Frei von
Existenzsorgen würden die Menschen miteinander statt gegeneinander
leben, würden einander fordern aus Freude an der Vielfalt, die sie
einander böten, von der wir alle wiederum profitieren würden; statt
zu konkurrieren, würden sie einander Spielräume zur Entfaltung
bieten. Denn nur, wo der Mensch spiele, sei er ganz Mensch, wusste
Schiller. Jede Investition in eine bessere, in eine solidarische
Gesellschaft wäre eine Investition in uns selber.
Doch genau gegen dieses Ideal machte die Gesellschaft mobil. Wo
kämen wir da hin, wenn die Menschen nicht mehr ihre Träume täglich
an den Fließbändern ins neue Automodell einbrächten, sondern in
alternative Umgangsformen, ja Gesellschaftsformen? Wenn sie immer
nur an Traumstränden kopulieren anstatt sozial nützlich sublimieren
wollten? Nein, der sogenannte „eindimensionale Mensch“, der Titel
von Marcuses Werk, ist längst zum geflügelten Wort geworden, fixiert
auf Job und Familie und sonst gar nichts, war gesellschaftlich
unverzichtbar. Nur in der Freizeit, wo es keine Folgen hatte, sollte
er ruhig seine Ideale austoben.
Das war vielen zu wenig. Und so radikalisierten sich einige bis hin
zum Terror der R.A.F.. Andere suchten ihr Heil in revolutionären
Parteien, und manche gingen konkret daran, die Ideale im kleineren
Kreis durchzuspielen. Naivlinge zogen aufs Land, lebten in lila
Latzhosen in Lüchow-Dannenberg und wähnten sich im Einklang mit der
Natur, nur weil sie Birkenstock-Sandalen trugen und noch dazu die
Tee-Kampagne unterstützten. Seriösere Denker gründeten
experimentelle Kommunen und einige, man sollte es kaum glauben,
überleben bis heute. Ein Beispiel nur, radikaler zwar als viele
andere, aber dafür eben auch repräsentativ für den Trend, während
die meisten Kommunen eher unter schützenden Etikettierungen wie
Öko-Dorf oder Bruderschaft sowieso unauffällig unter uns leben:
Schon in den 70er Jahren, beflügelt noch von jenen Utopien, die
damals greifbar nahe schienen, zog eine Gruppe zusammen, um, wie sie
verkündete, das Lieben zu lernen, das Lieben für eine bessere Welt.
Es könne in der Welt keinen Frieden geben, wenn zwischen den
Geschlechtern Krieg herrsche, so ihr Credo. Ihr Spiritus Rector:
Dieter Duhm, ein Alt-68er, bekannt geworden vor Jahrzehnten durch
einen Bestseller über die „Angst im Kapitalismus“, scharfsinnige
Analysen über das allgegenwärtige Gefühl der Bedrohung durch die
Konkurrenzgesellschaft.
Anfang der 90er Jahre zog die Gruppe aus ihrer Schwarzwald-Idylle
um, zum Teil ins Umland von Berlin, zum Teil nach Portugal. Zu sehr
hatte man der kleinen Gemeinschaft mit einer Hass- und Hetz-Presse
in Deutschland zugesetzt, vor allem im Schwarzwald, wo sie ein
verwegenes utopisches Experiment durchspielten. Neben ökologischer
Lebensweise gehörten die natürliche Gleichheit der Geschlechter und
ein Kinderdorf dazu, in dem ältere Kinder die Erziehung der jüngeren
übernahmen, so wie es ohnehin gang und gäbe ist in den Kohorten der
heutigen Jugend und in manch anderen Kulturen. Und nicht zuletzt
wollte man weg von den sexuellen Zwangsgemeinschaften hin zu einer
von der Solidargemeinschaft getragenen sogenannten „freien Liebe“.
Vor allem diese beiden Aspekte lösten wilde und gehässige
Spekulationen aus über Kinder-Sex und Orgien; da hatten einige
karrieregeile Schreiberlinge investigativen Journalismus mit Lust am
Skandal verwechselt. Einer schrieb vom anderen ab, und alle wurden
vermutlich befördert wegen ihrer unterhaltsamen Fantasien, die
freilich wohl mehr mit ihren eigenen feuchten Träumen zu tun hatten
als mit der Lage in der Kommune, die leider kaum Belege für
derartige obszöne Sehnsüchte hergab.
Doch die Schmäh hatte womöglich ganz andere Gründe: Die fremden
Lebensformen sind an sich bedrohlich, ganz unabhängig von deren
Inhalt und Eigenart. Es ist die Anmutung, wie man heute sagt, dass
es vernünftige Alternativen zu den eigenen Selbstverständlichkeiten
geben soll, zumal wenn sie genauso gut wie unsere funktionieren und
die Menschen dort auch noch glücklich scheinen. Soweit der
Gemeinplatz. Die Drohung wurzelt gar nicht in dem Fremden. In
William Goldings Kultroman „Herr der Fliegen“ schickt die kleine
Gemeinschaft einen Späher aus. Der kommt zurück mit der
ernüchternden Einsicht: „Ja, ich habe den Feind gesehen. Wir selbst
sind es.“ Der Grund ist alles andere als schmeichelhaft für uns ach
so mündige Menschen: Alles Neue und Fremde setzt uns unter
Legitimationsdruck. Warum haben wir diese, unsere Lebensform gewählt
und nicht eine andere, für die es genauso gute und womöglich sogar
bessere Gründe gibt? Das Fremde beraubt uns des Gefühls der
Natürlichkeit, dass unsere Ordnung etwas Natürliches sei, ja die
Beste aller möglichen Welten. So die These des bekanntesten
Kommune-Forschers Jakov Oved.
Gegen solches gesamtgesellschaftliches Mobbing kommt keiner an.
Manche zogen sich in Spiritualität und Esoterik zurück, also in eine
Art moralischer Masturbation, die genau wie die Gesellschaft, aus
der sie aussteigen wollten, nur noch den eigenen Besitzstand wahrt.
Und – schließlich muss es ja einen gemeinsamen Nenner geben, der all
diese Menschen zusammenschweißt, böse Zungen sagen „gleichschaltet“
- dieser Nenner muss unverhandelbar sein, sonst gäbe es ja keine
solide Grundlage, gleichsam die Leitkultur für die Gemeinschaft, oft
ein geradezu surreales Potpourri aus den Lehren
pseudointellektueller Hohepriester. Es ist fast immer derselbe Kanon
für kranke Seelen, die sich der alltäglichen Hirnwäsche der
Gesellschaft entziehen wollen und sich prompt einer alternativen
Hirnwäsche anheim geben nach dem Prinzip: Der Feind meines Feindes
ist mein Freund. Spirituell wollen sie alle sein, obwohl, wenn man
genauer fragt, kaum jemand definieren kann und mag, was das denn
heißen soll.
Doch wo Begriffe fehlen, da stellt ein Modewort sich ein: Angeblich
umfasst es all das, was unsere materialistische Gesellschaft in uns
amputiert, und genau das sei ein existentielles Bedürfnis. – Wohl
eher eine Immunisierungsstrategie. Es soll etwas nicht
Hinterfragbares geben, etwas Essentielles eben, etwas
Unkorrumpierbares. Und weil es von der bösen Gesellschaft und ihrer
Hirnwäsche nicht verfälscht und erreicht werden könne, ist es
irgendwie authentisch – was immer das nun wieder heißen mag. Dort,
jenseits oder tief innen, wo immer das sein mag, dort jedenfalls, wo
die soziale Konditionierung angeblich nicht hinreicht, dort
schlummert dornröschengleich das wahre, wesentliche, eigentliche
Selbst und harrt der Erlösung, sprich der Entdeckung und
Verwirklichung. Rousseau lässt grüßen. Kaum eine Kommune, die sich
verkneift, mit solchem „Mode-Schwachsinn“ in den Selbstdarstellungen
zu werben.
Die norditalienische Kommune „Damanhur“, die allerorten in Europa
Ableger kultiviert, ist so ein freundliches Auffanglager für
spiritistische Goldgräber. Es lohnt, die Websites anzuklicken, um
diesem Zeitgeist auf die Spur zu kommen, dabei, so wissen kluge
Köpfe wie besagter Dieter Duhm, ist all das spiritistische
Brimborium unnötig für die oft ehrenwerten Solidargemeinschaften mit
ihren praktischen Utopien, wie sie schon Charles Fourier im 19.
Jahrhundert detailliert entworfen hatte. An ihn lehnen sich die
meisten mehr oder weniger bewusst an. Duhm seufzte auf die Frage, ob
seine Bücher nicht auch ohne jenen Esoterik-Sumpf auskämen, er wäre
dankbar, wenn ein anderer das aussortieren könnte, er selber sei
inzwischen so verstrickt, dass er die Ebenen nicht mehr
auseinanderhalten könnte. Immerhin – die praktischen Aspekte sind
nicht selten ehrenwerte Ideale, mitunter mit bewundernswerter
Konsequenz ins Werk gesetzt. Duhm nennt die neue portugiesische
Mission ein „Heilungsbiotop“, also eine Art Wellness-Farm für
Gutmenschen. Während sein Nachbar, der berüchtigte Otto Mühl, noch
immer auf kollektive Sex-Therapie setzt, will Duhm wie viele andere
im sogenannten „Netzwerk der Kommunen“ – ihr Magazin heißt nicht
umsonst „Connections“ – ein weites Spektrum utopischer Themen
bedienen.
Heilen wovon, möchte man fragen. Von der allerorten tobenden Gewalt,
sagen die Chef-Ideologen. Die Konkurrenz-Gesellschaft sei
schließlich der Krieg aller gegen alle, nur eben ein gesetzlich
geregelter Krieg. Sogenannte „Friedensarbeit“ ist denn auch ein
erklärtes Ziel der Gruppe, die sich als „clearing house“
internationaler Friedensbewegungen versteht. Sie bringt
amerikanische, russische, indische, pakistanische und sogar
israelische Nuklear-Politiker an einen Tisch; sie sollen im
persönlichen Umgang erleben, dass die Gegenseite nicht unbedingt aus
Charakterschweinen besteht, unberechenbaren Derwischen oder Dämonen
auf der Achse des Bösen, die es grundsätzlich zu liquidieren gelte.
Gerade solche Funktionsträger will man klugerweise nicht zum
Aussteigen bewegen, sondern dazu, dass sie ihre Positionen zu
gewaltfreien Konfliktlösungen nutzen.
Ein anderes Beispiel ist das des Sohnes des legendären Gründers der
Künstlergruppe Cobra Karen Appel. Er unterläuft die politischen
Nicht-Lösungen im Kosovo und wird dabei noch von Brüssel
unterstützt. In seinen eigenen Worten: „Die Waffenstillstandslinie
geht mitten durch den Ort, in dem wir arbeiten, mit seinen je 4.000
Menschen auf der kroatischen und 4.000 auf der serbischen Seite.
Über zwei, drei Jahre haben wir versucht, mit Kontakten über die
Jugendlichen und über diese Linie hinweg Vertrauen aufzubauen.
Konkret bedeutete das, wir hatten Freiwillige, die halfen, zerstörte
Häuser abzutragen wie damals die Berliner Trümmerfrauen, und wir
haben durch diese Arbeit Kontakt zur einheimischen Bevölkerung
aufgebaut. Wir haben Kinder-Events veranstaltet, zum Beispiel mit
Hilfe einer amerikanischen Band, wir haben Musikkassetten
hergestellt mit jeweils einer Auswahl beider Seiten, wir haben uns
stolz ‚Friedens-Guerilla’ genannt, das, was die UNO und andere
Organisationen offiziell nicht machen dürfen, zum Beispiel
Liebesbriefe von einer Seite auf die andere bringen oder persönliche
Geschenke. So was machen wir. Und womöglich genau deshalb sind in
unseren Ortschaften die Leute nicht geflohen. Sie sind noch immer
da. Das ist ein Unikum, denn überall sonst, wo eine Seite die andere
besetzt hatte, sind Menschen geflohen.“
Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen- das Ideal teilen
sie alle. Außer vielleicht rechtsextreme Gesellungen, der
Solidaritätsbegriff auf den eigenen Clan begrenzt bleibt. Nicht
zufällig steht ein Ziel nie auf der rechten Agenda: Liebe. Rechte
wissen sehr wohl, dass Liebe erstens alle Schranken überschreitet,
also nichts für Xenophobe ist, zweitens dass sie besonders als
Erotik ein sozialer Sprengsatz ist. Woodstock und andere Events
haben da Geschichte geschrieben. Die utopischen Kommunen wissen es
und nutzen die Verführungs- und Integrationskraft: „All you need is
love“? Auf den ersten Blick ein durchaus christliches Ideal, dem
auch noch all die Gutmenschen in den Kerzenketten zustimmen würden.
Doch in den offenen Kommunen, eine heißt ganz programmatisch „ZEGG“
(Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung), meint man hier
ganz nachdrücklich mit Liebe auch Sexualität. Schon Wilhelm Reich
hatte Aggressionen, ja Faschismus auf ein unbefriedigtes Sexualleben
zurückgeführt. „Der unerlöste Eros“ hieß logischerweise eins von
Duhms Werken.
In einer Gesellschaft, wo die Kleinfamilie unter besonderem Schutz
steht, ist diese Einsicht schwer zu verkraften. Mehr noch: Wenn man
weiß, dass in der Kleinfamilie die ersten Liebesobjekte der Kinder
zugleich jene Menschen sind, von denen sie abhängen, werden diese
ihr Leben lang Liebe mit Abhängigkeit in Verbindung bringen. So
kommt es, dass wir eine Abhängigkeitserklärung wie „ich brauche
dich“ glatt als Liebeserklärung verstehen. So freilich schaffen wir
keine mündigen Individuen, schon gar nicht in der Liebe. Das Ideal
der sogenannten „freien Liebe“ versteht sich als konkreter Vorgriff
auf die Utopie, in der Sexualität weder an Fortpflanzung noch an
Besitzverhältnisse gekoppelt ist.
Ein Kommunarde zitierte in diesem Kontext überraschend die
Kreativitätsforschung mit der Einsicht, dass nicht gequälte, sondern
gelassene, glückliche Menschen eher zu spielerischen schöpferischen
Tätigkeiten neigen, was wiederum dem Impuls-Reichtum des
Lebensumfelds zugute komme. Es klang wie jenes Argument der
frühbürgerlichen Philosophie: „Wenn ich zur besseren Gesellschaft
beitrage, tue ich etwas für mich, denn auch ich profitiere von
besseren gesellschaftlichen Zuständen.“
Kommune, Clan und Commonwealth, das Gemeinwohl – überall schwirren
die Begriffe wieder in den Feuilletons, heißen Großfamilie,
Wohnprojekte und dergleichen, auf höherer Ebene Bürgergesellschaft
mit ihren unzähligen Bürgerinitiativen, Nachbarschaftsprojekten,
Clan-Bildungen um Projekte und Lebensformen. Lange Zeit hatten wir
geglaubt, der Zeitgeist sei über sie hinweggeweht, niemand wolle
mehr in WGs oder Kommunen leben, Individualismus sei angesagt. Ist
er auch, nur dass viele darunter etwas anderes verstehen.
Individualismus gleich Ellenbogengesellschaft? Ganz falsch! Mehr
denn je suchen Menschen aller Altersgruppen – auch das ist neu –
Gesellungsformen und Wohnarrangements, die ein Nachbarschaftsgefühl,
eine Art Kiez-Geborgenheit verbinden mit unbegrenzten, individuellen
Spielräumen, eine Familien-Atmosphäre ohne den Muff und die Despotie
eines Familienclans, einen Erlebnispark ohne die Einsamkeit des
Abenteurers. Die Trendsetter sind offenkundig nicht nur junge
blauäugige Sensibelchen und Sinnsucher oder verängstigte Alte auf
der Suche nach Unterschlupf, sondern neuerdings soziale Abenteurer,
denen die Gesellungsangebote unserer postmodernen Gesellschaften
nicht ausreichen. Im theatralischen akademischen Jargon könnte man
sagen, sie betreiben eine Art experimenteller Anthropologie. Keine
verbohrten Ideologen also, die immer schon wissen, was wichtig ist;
auch keine Szene-Geier, die genau spüren, was gerade angesagt ist;
und schon gar keine zivilisationsgeschädigten Fatalisten auf der
Suche nach einer heilen Welt.
Ein Rückzug ist die Gemeinschaftssuche jedenfalls für diese
Abenteurer nicht. Es sei denn, man wollte einen Rückzug aus einer
Sackgasse als Eskapismus schmähen. Der US-amerikanische
Psychoanalytiker Erik Erikson hat für diese Mentalität den Begriff
der „aktiven Flucht“ geprägt. Wer vor einer unlebbaren Situation
fliehe, ist wohl kaum ein Eskapist. Er sucht vielmehr aktiv nach
Alternativen. Die Juden, die in den Hitler-Jahren Deutschland
verließen, wird man kaum als „Aussteiger“ benennen, schon gar nicht
als „Eskapisten“. Und genau solche Lebenslangen hatte Erikson im
Auge, als er den Begriff prägte.
Es ist also nicht die Weigerung, Verantwortung zu übernehmen, wenn
jemand keine Kleinfamilie gründen oder ernähren will. Wer all die
Nervenkriege, die Neurosenträchtigkeit der Kleinfamilie sieht und
Alternativen dazu sucht, sollte womöglich als Pionier gelobt statt
als Egoist geschmäht werden. Ob das anthropologische Experiment dann
funktioniert, lässt sich kaum im voraus bestimmen - sonst wäre es ja
kein Experiment -, aber eben auch nicht aus den Niederlagen
vergangener Versuche ablesen, die unter ganz anderen Bedingungen
experimentierten. Es ist immer wieder eine Art sozialer
Grundlagenforschung. „Aktionsforschung“ nennen Soziologen das, wenn
man als Handelnder sich selbst und die Reaktionen der anderen
untersucht. Wir werfen ja auch keinem Grundlagenforscher vor, dass
er oder sie auf der falschen Spur war.
Auf ähnliche Weise sind ganz neue Gemeinschaftstypen entstanden,
Gesellungsformen, die sich mit dem modischen Begriff der Vernetzung
nur unvollständig beschreiben lassen. Denn aus all den
Ad-hoc-Verbindungen und –Vernetzungen entstehen durchaus menschliche
Verbindungen. Schließlich sortiert man bei der Zusammenarbeit selten
nur die funktionalen Aspekte aus, man muss ja mit dem ganzen
Menschen umgehen. Nur eben das geschieht, wenigstens tendenziell,
ganz ohne Zwang zum regelmäßigen Freundschaftsritual oder überhaupt
Beziehungsritual. In diesen gewachsenen, aber eben nur latenten
Beziehungen, die nicht den dauerhaften Umgang brauchen, obgleich sie
ihn sehr wohl pflegen können, bildet sich ein neues Umgangsideal
heraus. Man könnte es das Ideal der Bereitschaftsbeziehung nennen,
Wahlverwandte, wie sie Goethe vorschwebten. Denn wenn man nicht
miteinander könnte, würde man nach dem Ende des gemeinsamen Projekts
den anderen womöglich schnell vergessen. So aber hat man einen
Fundus an latenten Gemeinsamkeiten gebildet, der sich immer wieder
aktivieren lässt, der nicht verfällt, nur weil die Beziehung nicht
regelmäßig gepflegt wird. Jeder kennt das in Einzelfällen. Freunde,
die man nach Jahren wiedertrifft, als hätte man sich gestern erst
getrennt.
Der Kulturkritiker Luc Boltanski hat diese Form der
Gemeinschaftsbildung, wie sie eigentlich nur unter kapitalistischen
Bedingungen keimen und gedeihen kann, entsprechend schlicht den
„neuen Geist des Kapitalismus“ getauft und einen dicken Wälzer
darüber geschrieben. Zitat: „In einer vernetzten Welt besteht das
Sozialleben aus unzähligen Begegnungen und temporären, aber
reaktivierbaren Kontakten mit den unterschiedlichsten Gruppen.
Anlass für solche Verbindungen bietet das ‚Projekt’. Man sollte zur
Qualitätsbewertung eines Kontakts davon absehen, zwischen
uneigennützigen Freundschaftsbeziehungen und nützlichen
Berufskontakten zu unterscheiden. Ein Netz gründet immer auf
starken, zwischenmenschlichen Beziehungen, die über die eigentliche
Arbeit hinausreichen.“
Verblüfft registrieren selbst Szene-Magazine den neuen Trend. Zwar
geht es ihnen oft noch um virtuelle Gemeinschaften – Geduld zum
praktischen Experiment hat heute kaum noch jemand, nicht jedenfalls
im ersten Anlauf bei der Kontaktaufnahme. Aber die Ziele,
Sehnsüchte, Verhaltensmuster ähneln sich frappierend. Das junge
Hochglanz- und Hochkultur-Journal „Berliner“, eine Melange aus
„Max“, „Querschnitt“ und „Art Forum“, versucht sich an einer
Erklärung. Zitat: „Gemeinsame Werte werden dort gebildet, Mitglieder
virtueller Gemeinschaften teilen im Laufe ihres Lebens eine
gemeinsame Geschichte. Gemeinschaften stellen somit ein Gegenmodell
zum System der Massenmedien dar. Besonders Plattformen, die
alternative Öffentlichkeiten darstellen, stehen durchaus in der
Nachfolge der Café-Häuser, Debattier-Clubs, städtischen Salons und
Teehäuser, aus denen sich das Bürgertum des 19. Jahrhunderts
entwickelte.“
Vorbei also die Zeiten klassischer Kommunen bzw. Gemeinschaften, wie
sie sich heute nennen: Communities? – Mitnichten. Aber sie sind
realistisch geworden. Der Traum vom besseren Leben wird nicht mehr
an Visionen oder Utopien festgemacht, sondern an praktischen
Projekten, das heißt an konkreten Gemeinsamkeiten. Kaum noch jemand
bildet sich ein, eine Beziehung zu einem „ganzen Menschen“ zu haben.
Die modische Ganzheitlichkeit hat sich als der idealistische Traum
entlarvt, der er immer war, im Sinn des philosophischen Idealismus,
der an den praktischen Anwendungen scheitert. Man kann Menschen auch
überfordern mit dem Traum einer Schicksalsgemeinschaft, sei sie nun
eine Dyade wie die Ehe oder ein Clan, eine Kommune, ein Volkskörper
oder gleich das ganze Menschheitspathos. Entsprechend wird nicht
mehr das ganze Leben durchorganisiert. Es gibt nicht mehr für jeden
Lebensaspekt Direktiven wie bei der HJ, der FDJ, den Pfadfindern und
dergleichen. Nicht zufällig haben die alle etwas Militärisches.
Utopien waren meistens wie geschlossene Anstalten. Das unterschied
Morris nicht von Campanella, die Fiktion einer völkischen
Gemeinschaft bei den Nazis nicht von „1984“.
Der Soziologe Goffman hatte dafür den Begriff der „totalen
Institution“ geprägt. Das sind Einrichtungen, die uns rund um die
Uhr und in fast jedem Lebensaspekt auf eine Rolle, ein Programm,
eine Identität festlegen: Krankenhaus, Militär, Ehe usw. Mit jeder
Eigenmächtigkeit fallen wir aus der Rolle. Und genau damit kämpfen
alle Gemeinschaften. Wie viel Hirnwäsche, sprich wie viel
Fremdprogramme, verträgt der Mensch? Wie viele aber braucht er auch?
Wie viele sind nötig, um den Zusammenhalt, die Basis einer
Gemeinschaft zu sichern, in der Menschen sich geborgen, aber nicht
vergewaltigt fühlen? So die Frage des schon zitierten Jakov Oved.
Die Hohepriesterin der Internet-Gemeinschaften Sherry Turkle, sie
lehrt am berühmten Massachusetts Institute of Technology, hatte
schon vor einem Jahrzehnt die gemeinschaftsfördernden Potentiale der
partiellen menschlichen Beziehungen betont: Niemand wisse, wer du
wirklich seiest, wenn du im Netz mit jemandem kommunizierst. Das ist
nicht nur besser so, weil Menschen nicht nur unbefangener, ohne
Angst und Bewährungsdruck sich auch in Rollen präsentieren können,
in denen sie sich wohlfühlen, statt fremden Erwartungen entsprechend
zu müssen, denen sie sich womöglich nicht gewachsen fühlen. Vor
allem aber lernen wir zu akzeptieren, wie dieser Mensch sein will,
wie er behandelt werden will, statt dass wir besessen seinen „wahren
Charakter“ in Erfahrung bringen wollen.
Warum wollen wir das? Zur Würde des Menschen gehört sein Recht, sich
immer wieder neu zu entwerfen. Warum sollten wir ihn oder sie auf
eine Identität festlegen? Doch nur, wenn wir ihn einzig in dieser
Identität gebrauchen können. Und so instrumentalisieren wir ein
jedes Gegenüber, die Grundsünde jedes menschlichen Umgangs, wie
schon Kant anmahnte. Das Internet bot eine erste Chance der
Zwangsidentität, die uns aufs ganze Leben bindet, zu entkommen. Und
genau das wollten die ganzen Gruppenidentitäten verhindern, die dann
auch prompt und bieder die Oberflächlichkeit solcher variablen
Verbindungen rügten. Angeblich könnten sich da keine tiefen
menschlichen Beziehungen entwickeln.
Doch wie tief sind die Bindungen in jenen Zwangsgemeinschaften
Familie, Religion, Nation zum Beispiel, die wir gar nicht freiwillig
gewählt haben? Ist Unentrinnbarkeit unser Begriff von menschlich
tiefer Bindung, fragte der Medienphilosoph Flusser, der früh
entwurzelt wurde und ins Exil ging und seinem Schöpfer dankte, dass
er damit dem Terror der Geburtsgemeinschaft entkommen war.
Sollte es wirklich zwischen dem geschmähten Muff der Kleinfamilie,
der Despotie der Sekten und der Einsamkeit der Individuen keine
Gestaltungsräume für ein soziales Leben geben? Freiwillige
Gemeinschaften, die gleichzeitig Geborgenheit und Freiheit
garantieren? In solchen Nischen gedeiht mitunter der einsame Mut,
den kaum noch jemand unter unseren postmodernen Analytikern und
Apokalyptikern mehr aufbringt, Alternativen zum Status Quo, zum
angeblichen Ende der Geschichte durchzuspielen.
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