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SWR2 Wissen Aula - Tim Engartner: Mit Volldampf in den
Neoliberalismus - Die Privatisierung der Bahn
Autor und Sprecher: Dr. Tim Engartner *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 13. Juli 2008, 8.30 Uhr,
SWR 2
Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum
persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
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ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
ÜBERBLICK
Teilprivatisierung der Deutschen Bahn (DB)
Das Bundeskabinett hat Ende April die Teilprivatisierung der Bahn
beschlossen, wobei Schienennetz und Bahnhöfe weiterhin im Besitz des
Bundes bleiben. Die Entscheidung ist nach wie vor umstritten, für
die einen ist das nur ein halbherziges Reförmchen, die anderen
prophezeien den Niedergang der guten alten Bahn. Letztere verweisen
auf negative Erfahrungen, die man mit der Privatisierung der Bahn in
England gemacht hat, und sie warnen davor, dass sich der Staat immer
weiter und immer leichter aus seiner Verantwortung für den
öffentlichen Sektor zieht. Tim Engartner, Wirtschafts- und
Sozialwissenschaftler, hat seine Dissertation über das Thema
geschrieben, er zeigt, warum die Privatisierung der falsche Weg ist.
Autor*
Dr. phil. Tim Engartner
Tim Engartner, Dr. phil., Jg. 1976, studierte Wirtschafts- und
Sozialwissenschaften in Bonn, Oxford und Köln. Derzeit lehrt er an
der Universität zu Köln im Bereich der politischen und ökonomischen
Bildung, um parallel dazu an einem Forschungsprojekt für die
Hans-Böckler-Stiftung zu arbeiten. Unlängst ist seine Dissertation
mit dem Titel „Die Privatisierung der Deutschen Bahn. Über die
Implementierung marktorientierter Verkehrspolitik“ im VS Verlag (342
Seiten; 24,90 Euro) erschienen.
INHALT_______________________________________
Ansage:
Heute mit dem Thema: „Mit Volldampf in den Neoliberalismus – Die
Privatisierung der Bahn“.
Das Bundeskabinett hat Ende April die Teilprivatisierung der Bahn
beschlossen. Der für Anfang November erwartete Börsengang dürfte
Schätzungen zufolge fünf bis sechs Milliarden Euro erlösen und wäre
damit die größte Privatisierung seit dem Post-Börsengang Ende 2000.
Natürlich: Der Börsengang der Bahn ist umstritten, für die einen ist
das der Beginn einer neuen Ära, in der die Bahn endlich zu einem
modernen Unternehmen heranreift, das sich jeder Konkurrenz zu
stellen vermag, für die anderen wird damit eine Phase eingeleitet,
in der die Bahn nur noch neoliberalen Prinzipien gehorcht, die
nichts mehr mit ihrem eigentlichen Auftrag zu tun haben: den Bürgern
Mobilität zu ermöglichen.
Zu den Kritikern der Privatisierung gehört Tim Engartner. Der
32-Jährige ist Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler an der
Universität in Köln und er hat seine Dissertation über die
Privatisierung der deutschen und britischen Bahn geschrieben.
In der SWR2 Aula zeigt er, warum er sich Sorgen macht um die Zukunft
der Bahn.
Tim Engartner:
Hartmut Mehdorn, dessen Schreibtisch Bulle und Bär als Symbol für
die Börse zieren, scheint am Ziel: Ende Mai dieses Jahres hat der
Deutsche Bundestag die Teilprivatisierung der Deutschen Bahn AG
beschlossen. Im Herbst dieses Jahres werden mit Ausnahme der
Infrastruktur 24,9 Prozent der Anteile an private Investoren
verkauft werden. Der Erlös wird bei etwa 5 bis 8 Milliarden Euro
liegen. Gleichwohl wird mit dem nun gefundenen Kompromiss, der
vermeintlich allen wesentlichen Einwänden der
Privatisierungskritiker Rechnung trägt, gegen den Mehrheitswillen
der Bevölkerung verstoßen. Drei von vier Bundesbürgerinnen und
Bundesbürger sprechen sich gegen den Ausverkauf des ehemals größten
Arbeitgebers der Bundesrepublik Deutschland aus.
Wer glaubt, dass es dauerhaft bei der nun beschlossenen
Minderheitsbeteiligung privater Investoren bleiben wird, blendet zum
einen die Äußerungen von Verkehrspolitikern aus den Reihen von Union
und FDP aus; dort heißt es, es sei ein Einstieg, ein erster Schritt
in die richtige Richtung. Zum anderen lässt ein Blick in die
Privatisierungshistorie erkennen, dass es sich um einen Ausverkauf
auf Raten handelt, denn auch Volkswagen, Preussag, Veba, Viag,
Deutsche Lufthansa und Deutsche Bundespost wurden Schritt für
Schritt, nicht auf einen Schlag privatisiert. Bei der Deutschen Post
AG, dem „gelben Riesen“, wie man landläufig sagt, hält der Staat nur
noch eine Minderheitsbeteiligung seit Juni 2005. Die Wochezeitung
ZEIT titelte damals: „Vater Staat nimmt Abschied“. Und an der
Deutschen Telekom AG hält mittlerweile sogar der US-amerikanische
Investor Blackstone Anteile, obwohl von Seiten der Politik immer
wieder geäußert wird, dass es sich dabei um eine Heuschrecke
handele.
Ich will im Folgenden einige Sachverhalte benennen, die allesamt
Ausdruck für das Verlangen von Politik und Bahnvorstand sind, den
letzten großen deutschen Staatskonzern dorthin zu führen, wo die
Marktmechanismen am wirkungs- und bisweilen verhängnisvollsten
greifen, nämlich auf das Börsenparkett.
Da ist zum einen zu nennen der Rückzug aus der Fläche und die
Konzentration auf den Hochgeschwindigkeitsverkehr. Die Deutsche Bahn
AG, die innerhalb von acht Tagen so viele Kunden befördert wie die
Lufthansa innerhalb eines Jahres, konzentriert sich einseitig auf
den Hochgeschwindigkeitsverkehr. Das ist daran zu sehen, dass der
Anteil der ICE-Züge an der Gesamtzugflotte künftig bei zwei Dritteln
liegen soll, obwohl 90 Prozent des Fahrgastaufkommens auf Strecken
von unter 50 km Reichweite entfallen. Das Trassennetz wurde seit
1994 um ein Viertel auf 33.900 km gekürzt. Nun weist das
gesamtdeutsche Netz nur noch die Länge des westdeutschen
Trassennetzes von 1952 auf. Ein von der Deutschen Bahn AG in Auftrag
gegebenes Gutachten der Investment-Bank Morgan Stanley und der
Unternehmensberatung Booz, Allen & Hamilton prognostiziert, dass das
Trassennetz um weitere 5.000 km auf die, wie es wörtlich heißt,
„betriebswirtschaftlich optimale Größe“ und damit auf die Länge des
Jahres 1875 im Deutschen Reich reduziert werden wird.
Ein Beispiel für die Konzentration auf den
Hochgeschwindigkeitsverkehr ist auch die Einstellung des Interregios
im Dezember 2002. Mit 424 Zügen wurde in der Vergangenheit ein
nahezu flächendeckendes Netz von Bahnleistungen zwischen mehr als
1.000 deutschen Groß-, Mittel- und Kleinstädten bereitgehalten. 68
Millionen Fahrgäste nutzten den Interregio pro Jahr. Das war die
profitabelste Zuggattung, die die Deutsche Bahn je hatte. Dennoch
wurde sie eingestellt, weil es dem erklärten Ziel des Bahnvorstandes
entsprach, die Fahrgäste zur Nutzung der teureren IC- und ICE-Züge
zu bewegen. Das ist daran zu sehen, dass zahlreiche der nun
verkehrenden IC-Züge dasselbe Interieur, dieselbe Innenausstattung
aufweisen wie seinerzeit die Interregios.
Die Orientierung auf das Hochpreissegment war auch in der
Vergangenheit schon nicht von Erfolg gekrönt. Das zeigt sich am Zug
„Metropolitan“, der bis Ende 2004 auf der Strecke Köln – Hamburg
verkehrte. Der mit dem Slogan „Willkommen auf der Erfolgsschiene“
beworbene Zug zielte auf solvente Geschäftsreisende ab, war
ausgestattet mit cremefarbenen Ledersitzen, einer Cocktailbar,
Handläufen aus gebürstetem Edelstahl, einer aus Schweizer
Birnbaumholz gefertigten Vertäfelung im Barbereich. Er musste
mangels Profitabilität durch die starke Konkurrenz zum
Binnenflugverkehr eingestellt werden.
Die Konzentration auf ausgewählte Mittel- und Oberzentren ist auch
deshalb fatal, weil die polyzentrische Raumstruktur der
Bundesrepublik geradezu prädestiniert ist für eine Netz- und
Bahnstruktur, die von einer Flächen- statt von einer
Korridor-Orientierung gekennzeichnet wird. Ziel muss es eigentlich
sein, wie es Heiner Monheim, der Trierer Geograf, einmal formuliert
hat, mit einem Maschennetz aus vielen Strecken und Knoten möglichst
„viele Fische“ am Verkehrsmarkt zu fangen. Als Parallele kann man
das Straßennetz betrachten, auch das ist durch eine hierarchische
Struktur gekennzeichnet. Es gibt Landstraßen, Bundesstraßen, aber
eben auch Bundesautobahnen, und daran sollte man sich orientieren,
wenn man das Schienennetz plant und koordiniert. Dennoch
konzentriert sich die DB AG nach dem aus der Luftfahrt entlehnten
Netzentwicklungskonzept Hub and Spokes weiterhin auf einige
ausgewählte Mittel- und Oberzentren.
Eine weitere Ausdünnung des Schienenverkehrs steht bevor, wie ein
Gutachten der Verkehrsberatungsgesellschaft KCW unlängst in Aussicht
stellte. Vom Fernverkehr abgehängt zu werden drohen Städte wie
Flensburg, Potsdam, Trier, Konstanz, Gießen, Paderborn, Cottbus,
Halle (Saale), Marburg, Kempten, Ravensburg und Mülheim an der Ruhr.
Regelmäßig wird darauf abgestellt, dass der intramodale Wettbewerb
zwischen den mehr als 300 (überwiegende privaten)
Betreibergesellschaften für ein ausreichendes Maß an Schienenverkehr
sorgen werde. Aber die einem Glaubensbekenntnis gleichkommende
Behauptung, konkurrierende Betreibergesellschaften übernähmen
defizitäre Streckenabschnitte in ländlichen Regionen, verklärt den
Umstand, dass auch diese nach betriebswirtschaftlichem Kalkül
operieren (müssen). Mit anderen Worten: Auch im intramodalen
Wettbewerb entlädt sich der Rentabilitätsdruck unweigerlich in einem
Verzicht auf die Bedienung unprofitabler Streckenabschnitte. Unter
kaufmännischen Gesichtspunkten müssen nämlich solche Zugleistungen
und -verbindungen aufgegeben werden, deren Ertragswerte negativ sind
oder jedenfalls unterhalb der durchschnittlichen Rendite im
Bahnsektor liegen.
Dies steht im offenen Widerspruch zu Art. 87e Abs. 4 GG, der die
flächendeckende Versorgung mit Schienenverkehrleistungen vorsieht.
Gleichzeitig werden regionale und soziale Disparitäten missachtet,
so dass ein Verstoß gegen die in Art. 72 Abs. 2 GG zum Ausdruck
gebrachte Wertung, wonach das Grundgesetz prinzipiell die
Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse verlangt, angenommen werden
kann. Hinzu kommt, dass die Bahn schon jetzt in einem intensiven
Wettbewerb steht: mit dem Straßen- und Flugverkehr.
Mit dem Automobil erwuchs der Bahn massive Konkurrenz, als das
einstige Luxusgut Auto in den 60er Jahren für eine wachsende Zahl
von Menschen zu einer erschwinglichen Selbstverständlichkeit wurde.
Die Konkurrenz durch das Flugzeug verschärfte sich, als dessen
Tarife durch Dumping-Offerten der low cost carriers bis zum
Nulltarif sanken und dessen Verfügbarkeit durch die vermehrte
Nutzung von Regionalflughäfen stetig stieg. Während die DB durch das
Streichen von Nebenstrecken den Rückzug aus Fläche antritt, „diffundiert“
der Verkehrsträger Flugzeug bis in entlegene Regionen. Mittlerweile
gibt es bundesweit 34 Verkehrsflughäfen, darunter in Hahn, Weeze,
Münster/Osnabrück und Lippstadt/Paderborn. Ryan Air, German Wings,
TUIfly und Air Berlin profitieren maßgeblich davon, dass der
grenzüberschreitende Flugverkehr von der Mehrwertsteuer ausgenommen
ist, der Kerosinverbrauch weltweit nicht besteuert wird – und somit
in der Bundesrepublik auch die Ökosteuer als Annexsteuer nicht
erhoben wird. Allein auf der Strecke Berlin – Köln sparen
Fluggesellschaften im Schnitt pro Fluggast 23 Euro an Steuern.
Ein Blick nach Großbritannien empfiehlt sich, um zu zeigen, weshalb
das Vertrauen in den Wettbewerb verfehlt ist. British Rail wurde zum
1. April 1994 mit der Vergabe von 25 Betriebslizenzen nicht nur
horizontal, sondern durch die Trennung von Infrastruktur- und
Verkehrsbetrieb auch vertikal desintegriert, d. h. zerschlagen. Die
Aufspaltung in 106 Unternehmen, die im weiteren Verlauf mehr als
2.000 Subunternehmen entstehen ließ, wurde nicht von Margaret
Thatcher, sondern von ihrem Amtsnachfolger John Major umgesetzt, der
damit einen weiteren Meilenstein in der Geschichte neoliberaler
„Entstaatlichungspolitik“ setzte – ganz im Einklang mit der später
auch von „New Labour“ ausgegebenen Losung „The business of
government is not the government of business“.
Mit dem Vergabeverfahren wurden zahlreiche Gebietsmonopole
geschaffen, so dass inzwischen vier Betreibergesellschaften für mehr
als zwei Drittel der Reisendenkilometer verantwortlich sind. Einem
Betreiber erwächst somit nur dann Konkurrenz, wenn sich Franchises
geografisch überschneiden, wie dies z. B. bei der Verbindung London
City – Flughafen Gatwick der Fall ist. Eine derartige
Wettbewerbsstruktur stellt indes eine Ausnahme dar. Sonst verfügen
die Betreibergesellschaften jeweils nur über einen Streckenabschnitt
zum alleinigen Betrieb zu einem bestimmten Zeitpunkt. Wählt man
irgendeine Stadt in Großbritannien, um von dort eine Bahnfahrt
anzutreten, so wird man feststellen, dass es in der Regel nur eine
Verbindung gibt – es sei denn, Zeit und Geld spielen keine Rolle.
Zusteigende Fahrgäste finden ohnehin eine faktisch monopolartige
Struktur vor, weil ihnen die alternativen Streckenverläufe der
Betreibergesellschaften in der Regel keine Wahlmöglichkeiten lassen.
Strategic Rail Authority lässt mittlerweile nach Möglichkeit nur
noch eine Betreibergesellschaft für den Zugverkehr eines Bahnhofs
zu, um ein Wirrwarr für die Fahrgäste auszuschließen.
Die Privatisierung der Bahn war aber nur eine Fehlentwicklung in
Großbritannien, eine weitere war die Zerschlagung des Systems. Die
bei British Rails vormals gebündelte Gesamtverantwortung für die
Wartung der Züge, das Erstellen der Fahrpläne und die Instandhaltung
der Infrastruktur entfiel. An ihre Stelle trat ein byzantinisches
Geflecht von (Sub-)Unternehmen, und aus den fehlenden
Zuständigkeiten erwuchs eine allgemeine Verantwortungslosigkeit mit
einem zusätzlichen Bedarf an bürokratischen Abläufen.
Eine regelrechte Zäsur in der britischen Bahngeschichte stellt das
Bahnunglück von Hatfield am 17. Oktober 2000 dar, das sich auf der
Ostküstenstrecke zwischen London Leeds ereignete. Vier Menschen
wurden getötet und 70 weitere teils schwer verletzt. Dieses Unglück
war ein einschneidendes Ereignis für die britische Bahn, denn es
wurde erstmals sichtbar – anders als bei den Bahnunglücken in
Southall und Paddington - wer denn eigentlich für die unzureichende
Koordinationsleistung verantwortlich war bzw. was zu den
Fehlentwicklungen bei der Bahn geführt hatte. Der Grund des Unfalls
war nämlich die fehlende Absprache zwischen den verantwortlichen
Trägern. Der für den Unfall ursächliche Riss am Schienenkopf war
seit zwei Jahren in Hatfield bekannt gewesen, eine erforderliche
Instandsetzung blieb aber wegen Kompetenzstreitigkeiten zwischen
Railtrack, dem mit der Wartung beauftragten Subunternehmen Balfour
Beatty und der verantwortlichen Baugesellschaft Jarvis Fastline aus.
Noch 2 Monate nach dem Unglück waren 55 Prozent der Züge verspätet,
das Fahrgastaufkommen sank um ein Viertel, so dass staatliche
Zuschüsse erforderlich wurden, um Insolvenzen von
Transportgesellschaften abzuwenden. Die Fluggesellschaft British
Airways setzte auf der Kurzstrecke London – Manchester sogar
Maschinen des Typs Boeing 747 ein, um der aus dem Bahnverkehr
abgezogenen Nachfrage Rechnung zu tragen.
Wie fatal die Fragmentierung und Zerschlagung des Bahnsystems für
den Betriebsablauf war, lässt ein Untersuchungsbericht erkennen, der
über den Unfall bei London/Paddington im Oktober 1999 veröffentlich
wurde. Dort heißt es wörtlich: „Die Privatisierung hat einen
unvorstellbaren Kulturwandel hervorgerufen. Zwischen den einzelnen
Institutionen und Unternehmen gibt es kaum noch Verständigung, was
sich in einem fehlenden Absprachemodus und einem unterentwickelten
Gemeinschaftsgefühl von Lokführern, Signalwärtern, Reinigungskräften
etc. niederschlägt. Negativ geprägt wird das Arbeitsklima außerdem
von der Diskussion über die Ursachen und Zuständigkeiten für
verspätete oder ausgefallene Züge. Ein gravierender
Vertrauensverlust in die Kompetenzen anderer resultiert daraus
ebenso wie eine mangelnde Verständigung über Möglichkeiten, die
existierenden Probleme zu beheben.“
Was sind nun die Lehren aus der Privatisierung von British Rail, die
wir für den Schienenverkehr zwischen Flensburg und Füssen ziehen
können? Der Bahnsektor ist durch hohe Fixkosten und einen immensen
Bedarf an sehr langfristigen Investitionen gekennzeichnet. Dieser
generationenübergreifende Zeithorizont steht in einem unauflösbaren
Spannungsverhältnis zum kurzfristigen Rentabilitätsinteresse
börsennotierter Unternehmen, deren Erfolg sich nach dem Willen der
Anteilseigner bereits in den nächsten Quartalszahlen, eben nicht
erst in einem Jahrzehnt oder noch später niederschlagen soll.
Die Gewinnabsichten der privaten Bahnbetreiber lassen Fahrpreise in
die Höhe schnellen. Allein zwischen 1987 und 2000 wurden die
Fahrpreise verdoppelt. Dazu kam es zu Lohndumping. Die
Bahngesellschaft Great Eastern Railway wollte sogar dazu übergehen,
Berufspendler als Kontrolleure einzusetzen.
Aber zurück zum Schienenverkehr zwischen Flensburg und Passau,
genauer dorthin, wo jede Fahrt beginnt, nämlich ein Blick in
Richtung Bahnhöfe. Kurt Tucholsky hat einmal gesagt, alle besseren
Geschichten beginnen am Bahnhof. Dem kann man nicht mehr so ohne
weiteres zustimmen. Während einige Hauptbahnhöfe wie in Leipzig,
Köln, Berlin und Dresden zu vermeintlich prestigeträchtigen
„Geschäftswelten mit Gleisanschluss“ umfunktioniert wurden, müssen
Fahrgäste in ländlichen Regionen oftmals mit bröckelnden Fassaden,
von Schlaglöchern durchsiebten Bahnsteigen, zugigen Unterständen,
überquellenden Mülleimern und schlecht ausgeleuchteten Durchgängen
vorlieb nehmen.
Hinzu kommt das „Bahnhofssterben“: In Sachsen, Sachsen-Anhalt und
Thüringen sollen künftig nur noch insgesamt 39 Stationen mitsamt
Empfangsgebäude im Eigentum des Konzerns stehen, an den übrigen
Haltepunkten sollen Bahnsteige, Fahrkartenautomaten und
Wartehäuschen ausreichend sein. Das ist deshalb so fatal, weil die
einzigen Visitenkarten der Deutschen Bahn damit veräußert werden.
Bahnhöfe sind Kulturdenkmäler, Eingangstore zu den Städten, und all
die sollen dem Profit geopfert werden. Künftig ist nur noch an 83
Bahnhöfen einen „personenbedienter Service“ vorgesehen, sprich
Fahrkartenschalter. An allen anderen Stationen müssen Fahrgäste auf
die unliebsamen Fahrkartenautomaten ausweichen, auf komplexe
Internet-Buchungsplattformen oder auf kostspielige Telefon-Hotlines.
Deutlich sichtbar wird die Entwicklung auch bei der Privatisierung
des öffentlichen Raums: Die zu Bundesbahnzeiten eingerichteten
Bahnhofsmissionen werden aufgegeben, der private Betreiber McClean
hat einen Exklusivvertrag für die Bereitstellung von Toiletten mit
der Deutschen Bahn AG abgeschlossen. Private Sicherheitsdienste
sorgen dafür, dass Obdachlose von den Fahrgästen nicht mehr
wahrgenommen werden (müssen), womit ein schmerzhafter Teil sozialer
Realität ausgeblendet wird.
Ein letztes Argument, weshalb die Veräußerung von Bahnhofsgebäuden
nicht rechtens ist oder zumindest kritisch bewertet wird: Der größte
Teil des Bahngeländes wurde den Bahngesellschaften im 18. und frühen
19. Jahrhundert von der öffentlichen Hand mit der Auflage geschenkt,
darauf Schienenverkehr zu betreiben. Wenn dieses Gelände nun an
private Investoren verkauft wird und darauf kein Schienenverkehr
mehr veranstaltet wird, entfällt die Geschäftsgrundlage für diese
Übereignung.
Weitere Ausgeburt der Kapitalmarktorientierung ist die
Fahrpreisentwicklung und die Entwicklung der Tarifstruktur: Zum 9.
Dezember 2007 wurden die Fahrpreise zum fünften Mal innerhalb von
vier Jahren erhöht. Dabei werden die unteren und mittleren
Einkommensgruppen überproportional belastet, während eine deutliche
Verteuerung des Individualverkehrs nicht nur durch steigende
Benzinpreise, sondern auch durch die zum 1. April 1999 eingeführte
Öko-Steuer und die zum 1. Januar 2007 wirksam gewordene Kürzung der
Pendlerpauschale verursacht wird.
Hinzu kommt die überproportional ausladende Vielfalt des
Tarifsystems: Wir haben 22 Millionen Fahrpreise. Auf jeder Relation
zwischen A und B können Sie bis zu einem Dutzend verschiedener
Fahrpreise erwischen. Das ist natürlich nicht dazu angetan, einen
Mehrverkehr auf der Schiene anzuregen. Nach dem Zeitpunkt der
Buchung gestaffelte Tarife („Sparpreis 25” und „Sparpreis 50”)
unterbinden die Möglichkeit der flexiblen Nutzung, einen
systematischen Vorteil der Bahn, und das variable Zu-, Um- und
Aussteigen wird mit höheren Tarifen „geahndet“. Paul Blumenthal,
Leiter des Bereichs Personenverkehr bei der Schweizerischen
Bundesbahn SBB hat dazu einmal gesagt, es sei eine Pervertierung des
Systems, Fahrgäste auf die Nutzung bestimmter Züge festzulegen.
Ein weiterer Punkt, der erkennen lässt, dass die Deutsche Bahn schon
seit 1994 in Richtung Kapitalmarkt orientiert, ist der Wandel zu
einem international agierenden Mobilitäts- und Logistikkonzern, ein
Punkt, der in der öffentlichen Debatte weitgehend unterbelichtet
ist. Die Deutsche Bahn sieht ihre Zukunft nicht mehr im
Schienenverkehr zwischen Delmenhorst, Dinslaken und Düren, sondern
auf dem weltweit boomenden Logistikmarkt zwischen Dallas, Delhi und
Den Haag. Das lässt sich an dem DB-Label erkennen, das um den
Anglizismus „Mobility Networks Logistics“ ergänzt wurde. Er gibt
Auskunft darüber, dass die Deutsche Bahn mittlerweile über 1.500
Standorte in 152 Staaten verfügt, unter dem Konzerndach sind 525
Gesellschaften vereint, und mehr als 60 Prozent ihres Gewinns
erzielte die DB AG im letzten Jahr mit bahnfremden Dienstleistungen.
Mit dem Kauf der in Mülheim an der Ruhr ansässigen Stinnes AG im
Juli 2002 stieg die Deutsche Bahn zum größten Straßenspediteur
Europas auf. Mit dem Zukauf der Blax Global Corporation, einem
US-amerikanischen Spediteur, für 1,1 Milliarden US-Dollar wurde die
Deutsche Bahn zum zweitgrößten Luftfrachttransporteur der Welt.
Hartmut Mehdorn berichtete in einem Interview am Heiligen Abend im
Jahr 2006 mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: „In 30
Jahren kann man vielleicht mit uns fliegen.“ Schon jetzt verkauft
die DB AG Flugtickets und ist als Airline vom internationalen
Luftfahrtverband IATA zugelassen.
Hinzu kommt, dass die Deutsche Bahn zum Weltmarktführer im
Seeverkehr aufsteigen will. Das ist im übrigen der Hintergrund des
seinerzeit von Hartmut Mehdorn in Aussicht gestellten Umzugs der
Konzernzentrale nach Hamburg. Es gab zahlreiche Übernahmen in den
letzten drei, vier Jahren: die französische Joyau-Gruppe, der
schweizerische Spedition Hangartner, die in Hongkong ansässige
Spedition Startrans, weiterhin wurden übernommen der größte
britische Güterverkehrsbetreiber EWS und die ebenfalls auf der Insel
tätigen Personenverkehrsgesellschaft Chiltern Railways.
In Indien bemüht sich die Bahn um die Umgestaltung der Bahnhöfe in
Agra und Jaipur. Dorthin reiste Hartmut Mehdorn mit der
Wirtschaftsdelegation unter der Führung von Bundeskanzlerin Angela
Merkel Anfang des letzten Jahres. Auch in Saudi-Arabien, wo sich
potentielle Investoren für die Deutsche Bahn tummeln, ist das
Unternehmen aktiv, das Projekt „Landbridge“ ist hier das Stichwort,
das meint den Ausbau der Schiene vom Roten Meer bis zum Persischen
Golf.
Auch in China, wo im Sommer die Olympischen Spiele stattfinden,
eröffnet die Deutsche Bahn AG pro Jahr zwei bis drei neue Standorte,
schon jetzt sind 70 Repräsentanzen im Reich der Mitte entstanden.
Positiv zu werten ist dieser globale Expansionskurs, der Wandel vom
heimischen Schienenverkehrsunternehmen zu einem global agierenden
Mobilitäts- und Logistikkonzern insofern, als dass wir einen
jährlichen Anstieg des Güterverkehrsaufkommens verzeichnen und die
Bahn eine verkehrsträgerübergreifende Transportkette anbieten kann.
Negativ ist allerdings zu beurteilen, dass die strategische
Neuausrichtung die negative Bilanz des schienengebundenen Transports
innerhalb des DB-Konzerns verschleiert, das heißt, die DB-Führung
ist nicht mehr an einer Steigerung des Schienenverkehrsaufkommens in
Deutschland interessiert, wie ihn alle Politiker von FDP bis zur
Linken fordern (Slogan: Mehr Verkehr auf die Schiene), sondern ihr
Interesse liegt lediglich an einer verkehrsträgerneutralen
Steigerung ihrer Marktanteile insgesamt. Das bringt die
Vernachlässigung des heimischen Schienenverkehrs mit sich, zu
beobachten an den brachliegenden Gleissträngen und maroden
Bahnhofsgebäuden. Zusammengefasst ließe sich sagen, die DB AG ist
aktiv zu Lande, zu Wasser und in der Luft, aber immer seltener auf
der Schiene.
Die Entwicklung der Bahn AG zum Global Player mit
Tochtergesellschaften in aller Welt wurde nicht aus eigener Kraft
finanziert, sondern mit der Bonität der Bundesrepublik Deutschland
im Rücken. Sämtliche Risiken, die aus diesem Expansionskurs
erwachsen, sind deshalb letztlich vom Steuerzahler zu schultern. Ein
weiteres kommt hinzu: Die wirtschaftliche und finanzielle Sanierung
der Deutschen Bahn AG verläuft schleppend – trotz „AG-Effekt“, d. h.
der größeren Flexibilität im Personal-, Angebots- und
Vermarktungsbereich: Statt nach betriebswirtschaftlicher
Rechnungslegung erfolgreich zu konsolidieren, häufte die Deutsche
Bahn innerhalb der letzten Jahre 38,6 Milliarden Euro Netto-Schulden
an. Das sind mehr Schulden, als Deutsche Bahn und Deutsche
Reichsbahn von 1949 bis 1994 gemeinsam anhäuften. Zudem muss man
bedenken, dass die DB AG zum 5. Januar 1994 mit der Eintragung im
Handelsregister der Stadt Berlin komplett schuldenfrei gestellt
worden war!
Ich will zuletzt einige Gründe ausführen für die ausbleibende
Renaissance des Schienenverkehrs. Da ist zum einen zu nennen das
negative Stimmungsbild. Legendär der Ausspruch von Helmut Schmid,
der sich 1974 in seiner Funktion als Bundesfinanzminister zu der
Aussage verstieg: „Wir können uns nur noch eines leisten – die
Bundeswehr oder die Bundesbahn“. Nun wird in den Gazetten allzu
häufig berichtet vom „Subventionsfresser Bundesbahn“, „vom
kränkelnden Dinosaurier im Schuldenmeer“, vom „Sprengsatz des
Bundeshaushalts“. Und so kam es Anfang der 1990er Jahre zu der
Forderung, die Deutsche Bahn müsse von den „Fesseln des öffentlichen
Dienst- und Haushaltsrechts“ befreit werden und solle nunmehr
„verdienen statt dienen“.
Hinzu kommt, dass die Bahnreform keine neue Gesamtverkehrskonzeption
brachte. Dass sich der viel zitierte „politische Hoffnungsträger
Schiene“ unter den gegenwärtigen Rahmendingungen als überzeugende
Alternative zu dem von Kapazitätsengpässen gekennzeichneten Straßen-
und dem noch umweltschädlicheren Flugverkehr etablieren kann, ist
nicht zu erwarten. Das ist zum einen geschuldet der bahnfeindlichen
Steuer- und Abgabenarchitektur: Die Bahn zahlt als
umweltfreundlichster Verkehrsträger Öko- und Mehrwertsteuer, im
Fernverkehr den vollen Satz der Umsatzsteuer, im Nahverkehr den
ermäßigten Satz, und – wie vorhin ausgeführt – wird der
Verkehrsträger Flugzeug im grenzüberschreitenden Verkehr von der
Mehrwertsteuer ausgenommen.
In der öffentlichen Debatte muss die Vorhaltung der
Bahninfrastruktur meist nach unternehmerischen Kriterien
gerechtfertig werden. Dort ist dann sehr oft bei den Gelder, die für
den Trassenneu- und –ausbau fließen, von Subventionen die Rede, wo
hingegen beim Bau und Betrieb des Straßennetzes immer das
öffentliche Interesse in den Mittelpunkt gerückt wird und meist
unabhängig von betriebswirtschaftlichen Vorgaben ausgerichtet ist.
Es lässt sich auch sagen, dass der Wandel von einer „Behördenbahn“,
der „Beförderungsfälle“ anvertraut wurden, zu einem
kundenorientierten Dienstleister, der sich seiner Fahrgäste annimmt,
verfehlt wurde. Das „Unternehmen Zukunft“, wie es in der
Eigenwerbung heißt, genießt nach einer Umfrage der Financial Times
Deutschland das schlechteste Image unter den 100 größten deutschen
Unternehmen. Dieses „Bahn-Bashing“ hat sich regelrecht zu einem
Volkssport entwickelt, muss aber gleichzeitig als verfehlt angesehen
werden, denn der systematische Vorteil der Bahn besteht zum Beispiel
darin, dass man einen jederzeit pünktlichen Transport gewährleisten
kann, wenn denn nur das Trassennetz in Ordnung gehalten wird und die
Oberleitungen entsprechend instandgehalten werden. Das geschieht
derzeit jedoch nicht. Seit 1990 baute die Bahn, der ehemals größte
Arbeitgeber der Bundesrepublik, mehr als die Hälfte seiner Stellen
ab. Das beamtenrechtliche Lebenszeit-, Laufbahn- und
Versorgungsprinzip galt als überholt. Und somit werden oftmals
Inspektionsintervalle nicht mehr eingehalten. Oft, wenn Sie im Zug
sitzen und davon Kenntnis nehmen, dass ein Oberleitungsschaden oder
ein Betriebsschaden festzustellen sei, so dass der Zug nicht
pünktlich einlaufen kann, ist das darauf zurückzuführen, dass
Sträuche und Büsche nicht mehr ordnungsgemäß zurückgeschnitten
worden sind. Sichtbehinderungen, Kurzschlüsse und
Oberleitungsschäden sind somit eindeutig Folge der
Personalkürzungspolitik der vergangenen Jahre. Allein in
Nordrhein-Westfalen gibt es 2.450 Streckenabschnitte, die als
Langsamfahrstellen ausgewiesen sind. Wahrscheinlich kennen Sie auch
auf zahlreichen Strecken, die Sie häufiger befahren,
Streckenabschnitte, wo der Zug die Geschwindigkeit auf 30 oder 40
Stundenkilometer drosseln muss.
Abschließendes Fazit: Mit der Weichenstellung in Richtung
Kapitalmarkt und dem Rückzug aus der Fläche wird verkannt, dass
Verkehrsadern die Lebensadern einer Gesellschaft sind, die für
niemanden verschlossen sein dürfen. In einer Zeit, in der Mobilität
wichtiger ist als je zuvor, muss ein reicher Staat wie die
Bundesrepublik dafür sorgen, dass auch in der Lüneburger Heide, im
Bayerischen Wald und in der Sächsischen Schweiz noch Züge halten.
Auf den Markt ist dort nämlich kein Verlass.
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