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SWR2 AULA - Gespräch - Ralf Caspary mit Dr.
Manfred Osten: Konfuzius macht’s möglich - China und seine
kulturellen Wurzeln (SWR2 extra: China)
Autor: Dr. Manfred Osten
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 23. Dezember 2007, 8.30 Uhr,
SWR 2
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Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten
Gebrauch bestimmt.
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ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
ÜBERBLICK
Kulturtheorien sehen einen direkten Zusammenhang zwischen
religiös-kulturellen Traditionen und der gesellschaftlichen
Verfasstheit. In diesem Sinne wird bei China immer wieder auf den
Konfuzianismus verwiesen, wobei es ganz verschiedene Lesarten gibt.
Die einen sagen, der Konfuzianismus verhindere eine Modernisierung
des Landes, die anderen meinen genau das Gegenteil: Der
Konfuzianismus und mit ihm seine Betonung der Disziplin und des
Lernens ermögliche den Chinesen, Elemente westlicher Kulturen nach
Belieben in die eigene Kultur zu integrieren.
AUTOR
Dr. Manfred Osten, ehemaliger Generalsekretär der Humboldt-Stiftung,
Publizist und Kulturwissenschaftler, zeigt die Bedeutung dieser
religiösen Tradition für das moderne China.
Manfred Osten ist Autor, Kulturhistoriker, geb. 1938, studierte
Rechtswissenschaften, Philosophie, Musikwissenschaften und Literatur
in Hamburg und München, sowie Internationales Recht in Luxemburg.
1969 promoviert er im Fach Philosophie, im selben Jahr tritt er in
den Auswärtigen Dienst ein, wo er in diplomatischen Missionen in
Paris, Budapest, Kamerun, Tschad und Japan tätig war.
Zwischenzeitlich stand er im Ministerium in Bonn unterschiedlichen
Referaten vor. Er war lange Jahre Generalsekretär der
Humboldt-Stiftung.
Auswahl der Bücher:
Die Kunst Fehler zu machen. Suhrkamp
Das geraubte Gedächtnis. Insel
Alles veloziferisch oder Goethes Entdeckung der Langsamkeit. Insel
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INHALT
Einleitung / Ansage:
In der Aula geht es im Rahmen des großen SWR2-Programmschwerpunkts
um die Frage, warum China in den letzten Jahren in technologischer
und wissenschaftlicher Hinsicht Riesenschritte machen konnte, warum
es auf dem Weg zu einer Lerngesellschaft zu sein scheint, die
Deutschland vielleicht schon in naher Zukunft weit hinter sich
lassen könnte.
Manfred Osten war lange Zeit für die Bundesregierung im auswärtigen
Dienst tätig, dann war er Generalsekretär der Humboldt-Stiftung in
Bonn, diese Stiftung hat sehr vielen Chinesen ermöglicht, in
Deutschland zu studieren, und nicht zu vergessen ist, dass Osten
regelmäßig Bücher schreibt und veröffentlicht etwa über Goethe oder
über die Hirnforschung und die Fehlerkultur.
Manfred Osten:
Weimar, 31. Januar 1827: Eckermann ist „bei Goethe zu Tisch“. Er ist
überrascht, als Goethe unvermittelt das Gespräch mit seinem Urteil
über China eröffnet: „Es ist bei ihnen (den Chinesen) alles
verständig.“ Um schließlich zu dem Ergebnis zu gelangen: „Durch
diese strenge Mäßigung in allem hat sich denn auch das chinesische
Reich seit Jahrtausenden erhalten und wird dadurch ferner bestehen.“
Und schon 1813 hatte Goethe seinem Jugendfreund Knebel offenbart:
„Ich habe mir dieses wichtige Land gleichsam aufgespart, um mich
dorthin im Falle der Not zu flüchten.“
Zugegeben, das ‚Chinesische Reich‘ der Goethe-Zeit besteht nicht
mehr, aber der Geist der ‚Mäßigung in allem‘ als einer zentralen
Tugend des Konfuzianismus erscheint als ein Prinzip der Klugheit und
des Überlebens auch weiterhin als durchaus vernünftig.
Allerdings war rund ein Jahrhundert vor Goethes Bewunderung der
konfuzianischen ‚Mäßigung‘ schon Leibniz zu ähnlichen Einsichten
über China gelangt. Die Rede ist von seiner 1697 erschienenen und
bei uns nach wie vor nahezu unbekannten lateinischen Schrift mit dem
Titel „Novissima Sinica“ (Das Neueste von China). Leibniz forderte
hierin die eurozentrische Belehrungsgesellschaft unverhohlen auf,
sich in eine Lerngesellschaft in Sachen China zu verwandeln. Er war
nämlich davon überzeugt, dass der Westen gegenüber China nicht
Lehrender und Gebender ist. Er sollte vielmehr Lernender und
Empfangender sein.
Seine Informationen über China stützte Leibniz hierbei auf Bücher,
Gespräche und Briefwechsel mit Jesuiten, die bei einem der
mächtigsten Kaiser der chinesischen Geschichte, K’ang-hsi, in hohem
Ansehen standen. Hatten sie doch den Abschluss des ersten
chinesisch-russischen Vertrags von Wertschinsk (1689) vermittelt und
figurierten nun auf den höchsten Stufen der chinesischen Bürokratie
unter anderem als Mandarine erster Klasse. Leibniz wollte es
allerdings nicht bei diesen hilfreichen Missionaren des Westens in
China belassen. Er forderte vielmehr – mit erstaunlicher Kühnheit –
in der „Novissima Sinica“ China ausdrücklich auf, auch seinerseits
nunmehr Missionare in den Westen zu entsenden: „... zur richtigen
Anwendung und Praxis des Verhaltens der Menschen untereinander“.
Leibniz verlangte vor allem eine gründliche Analyse des
Konfuzianismus, die dazu beitragen könnte, auch etwaige Konvergenzen
mit christlichem Gedankengut sichtbar werden zu lassen. Er krönte
diese Vision eines Transfers konfuzianischen Denkens nach Europa
schließlich mit einer noch kühneren Idee, deren Brisanz für das 21.
Jahrhundert auf der Hand liegen dürfte. Er plädierte nämlich in der
„Novissima Sinica“ für eine neue Weltsprache und war davon
überzeugt, dass die chinesische Schrift und Sprache hierfür optimal
geeignet sei. Er schlug daher kurzerhand vor, einen ‚Clavis Sinica‘
zu entwickeln. Das heißt, einen Schlüssel zum erleichterten Erlernen
und Beherrschen der chinesischen Sprache und Schrift in Europa.
Mit über dreihundertjähriger Verspätung haben nun zumindest einige
Leibnizsche Überlegungen überraschend Aussichten, realisiert zu
werden. Und auch Goethe hätte im Falle der Not nicht mehr nach China
flüchten müssen, denn China hat sich inzwischen auf den Weg nach
Deutschland begeben. Im November 2005 wurde in Berlin der Grundstein
für ein chinesisches Kulturzentrum gelegt – großdimensioniert, mit
vier Stockwerken und 2500 Quadratmetern. Nachdem China im 20.
Jahrhundert noch zweifelte, ob sich das Land überhaupt ausländischen
Einflüssen öffnen und seine Kultur offensiv im Ausland präsentieren
sollte, ist nun eine Wende vollzogen. Nach dem wirtschaftlichen
Aufschwung sind offensichtlich Energien und Ressourcen frei, sich
der ‚kulturellen Identität‘ und deren Export zu widmen.
Inzwischen haben die ersten Konfuzius-Institute in Deutschland ihre
Tore geöffnet, um eben jene Sprache zu vermitteln, die Leibniz
bereits für optimal geeignet hielt als neue Weltsprache. Leibniz
hatte es damals nicht bei diesem Gedanken belassen. Ihn hatte schon
vor 300 Jahren eine Sorge beschäftigt, deren Aktualität heute auf
der Hand liegt. Es ist dies eine Frage, die er 1692 in einem
Schreiben an seinen Korrespondenzpartner in Peking, den
Jesuitenpater Grimaldi, auf die Formel gebracht hatte: „Sie bringen
den Chinesen unsere Fähigkeiten. Ich brauche Sie jedoch nicht zu
ermahnen, dass die Unseren ihre Überlegenheit nicht völlig einbüßen
... damit die Chinesen ... nicht die Europäer eines Tages verlachen
und als ferner nicht mehr notwendige Leute vor die Türe setzen.“
Beherzigenswerte Worte, wenn man bedenkt, dass China seit Deng
Xiaoping (also seit 1978) erfolgreich Reformen in Richtung
Kapitalismus auf den Weg gebracht hat. Und dies in einer notorischen
Händlernation, die eindeutig zu den Globalisierungsprofiteuren
zählt. Denn China verfügt heute über jene drei großen Parameter, die
die Wirtschaft boomen lassen wie in keinem anderen Land der Welt:
erstens Kapital, zweitens Arbeitskraft, drittens Knowhow.
Eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte, bei der inzwischen freilich
erhebliche Kollateralschäden ökologischer, demografischer und
sozialer Natur sichtbar werden. Zu den soeben genannten drei großen
Parametern des chinesischen Wirtschaftserfolgs ist der Faktor
Knowhow im Westen erstaunlich wenig wahrgenommen werden. Über diesen
Faktor soll daher im Lichte des Konfuzianismus gesprochen werden.
Denn das moderne China besinnt sich jetzt – nach den intellektuellen
und wirtschaftlichen Verwüstungen der Kulturrevolution unter Mao
Zedong (1966 – 1977) – im Namen übrigens einer aus Deutschland
importierten Ideologie – auf seinen einzigartigen kulturellen
Vorteil. Nämlich die Tatsache, dass es die älteste und singuläre
Hochkultur der Welt ist, die nicht unterging oder zu einem kleinen
heutigen Staat erodierte wie zum Beispiel die Hochkulturen Ägyptens
oder Griechenlands.
Das heißt, China (zusammen übrigens mit Indien) ist auf dem Wege,
nicht nur die internationalen Wirtschaftsbeziehungen seit Jahren zu
verändern und den Westen immer stärker unter Reformdruck zu setzen.
China beginnt auch, jene Domäne zu seinen Gunsten zu verändern, in
der sich der Westen bisher als überlegen betrachtet hat: im
Knowhow-Bereich der Bildung, Wissenschaft, Forschung und
Hochtechnologie. Europa betrachtet diese Umwälzungen bislang
weitgehend aus der Zaungast-Perspektive. Und dies, obgleich sich
China inzwischen auch öffentlich zu einer Renaissance jener bis
heute ungebrochen wirkmächtigsten Staats- und Gesellschaftslehre
bekannt hat, die in Ostasien seit über 2.500 Jahren unter dem Namen
Konfuzianismus lebendig ist. Eine Staats- und Gesellschaftslehre,
die in China mit dem allgemein präsenten Bewusstsein der Erziehung
und Bildung als höchstes Gut der Konfuzianischen Werteskala
verbunden ist. Hinzu kommt das Bewusstsein, dass China noch bis zum
17. Jahrhundert die technologisch fortschrittlichste Nation der Welt
war. Diesen Status gilt es jetzt wieder zu erreichen durch Rückgriff
auf die 2.500 Jahre alte Hochschätzung der Bildung durch den
Philosophen Konfuzius in einem rohstoffarmen Land.
Konkret bedeutet dies, dass China zur Zeit eine intellektuelle
Renaissance erlebt, die durchaus vergleichbar ist mit der
Aufbruchstimmung der europäischen Renaissance im 16. Jahrhundert.
Denn in China – mit demnächst 1,4 Milliarden Menschen – haben in den
letzten 20 Jahren von 250 Millionen Grundschülern über 5 Millionen
die horrend schwierigen Aufnahmeprüfungen an den Universitäten
bestanden. Ein gnadenloses Aufnahmeverfahren rekrutiert auf diese
Weise ein ständig wachsendes Heer gut ausgebildeter Arbeitskräfte.
China hält hierbei weltweit auch den Rekord an Studenten, denen ein
Studium im Ausland ermöglicht wurde. Dies gilt vor allem für
Studierende in den USA und in Großbritannien, wo Chinesen schon seit
Jahren den größten Anteil an ausländischen Studierenden stellen.
China hat diese Entwicklung gefördert und genau verfolgt. Und es
beginnt jetzt, seit etwa 10 Jahren, diese Auslandsstudenten wieder
an China zurückzubinden durch massives Werben mit
Fördermöglichkeiten im Inland. China ist hierdurch erfolgreich bei
dem Versuch, den akademischen Braindrain, vor allem nach den USA,
umzukehren: Von den 600.000 chinesischen Auslandsstudenten der
letzten 20 Jahre sind inzwischen weit über 200.000 nach China
zurückgekehrt als sogenannte hai gui. Wobei hai das chinesische Wort
für das Meer ist. Und gui steht für Zurückkehren, aber auch für die
Schildkröte. Womit sich die Vorstellung verbindet, dass der an
chinesischen Ufern geborene Nachwuchs im amerikanischen Meer zwar
aufwächst, um dann ans Heimatufer zurückzukehren.
Mit dem Zusatz, dass zahlreiche chinesische hai gui inzwischen immer
wieder auch in die USA kurzfristig zurückkehren, um die neuesten
Forschungsergebnisse von dort dann nach China zu transferieren. Das
bekannteste staatliche Werbeprogramm für die Rückgewinnung dieser
akademischen Meeresschildkröten ist das sogenannte Hundred Talents
Program, das den im Ausland befindlichen chinesischen Eliten unter
anderem anbietet: höhere Gehälter, eine Wohnung und bis zu 200.000 €
für die Bildung von Forschungsteams. Wobei es das vorrangige Ziel
chinesischer Eliteuniversitäten ist, Ergebnisse der
Grundlagenforschung rasch umzusetzen und akademische Eliteforscher
in erfolgreiche Unternehmer zu verwandeln. Auch dies geschieht mit
großem Erfolg in Gestalt zahlreicher Spin-off-Unternehmen.
Das Ergebnis ist jedenfalls eine rapide wachsende
Wissensgesellschaft in einem Land, das noch einen weiteren
Weltrekord im Knowhow-Bereich aufweisen kann. In keinem anderen Land
steigen nämlich zur Zeit so sprunghaft die privaten Bildungsausgaben
und -rücklagen wie in China. Nach Expertenschätzungen investierten
auf diese Weise chinesische Eltern 2006 über 90 Milliarden Dollar
für die Ausbildung ihrer Kinder. Über 50 Prozent chinesischer
Teenager gaben im übrigen nach jüngsten Meinungsumfragen eine
erfolgreiche Karriere als höchstes Lebensziel an.
Die Leistungs- und Motivationsgrundlagen für diese ehrgeizige
Zielsetzung werden in China – anders als im Westen – bewusst im
frühestmöglichen Kindesalter, also in der Zeit größtmöglicher
Plastizität des menschlichen Gehirns, gelegt. Das heißt, es gilt
bereits bis zum dritten und vierten Lebensjahr mehrere hundert
chinesische Ideogramme zu beherrschen, um die Aufnahmeprüfung in
einen guten, nach Möglichkeit privaten Kindergarten zu bestehen.
Denn der Trend weg vom staatlichen zum privaten Kindergarten setzt
sich in China unvermindert fort. Entsprechend teure
Kindergartenplätze werden ohne Zögern bezahlt – nach Angaben
amerikanischer Unternehmen sogar in einigen Fällen bis zu 10.000
Dollar im Jahr. Diese sehr frühe Förderung ist in China inzwischen
routinemäßig verbunden mit gezieltem frühkindlichen Erwerb
englischer Sprachkenntnisse und einer starken Ausbildung musischer
Kompetenz vor allem durch Ballett- und Klavierunterricht.
Der hohe intellektuelle Wettbewerbsdruck setzt sich von der Kindheit
an fort und kulminiert in den dreitägigen rigorosen
Aufnahmeprüfungen der Universitäten. Eine Prüfungstradition, die zum
festen Kanon des Konfuzianismus spätestens seit der Han-Zeit (seit
200 Jahren vor Christus) zählt. Seit Jahrtausenden hatten in China
auf diese Weise junge Menschen auch aus der Provinz die Chance
aufzusteigen in die Sphären der kaiserlichen Macht und Verwaltung.
In China galt also anstelle des europäischen Erbadels das Prinzip
des Bildungsadels.
So wie bei den Herausforderungen Chinas als Wirtschaftsmacht der
Einwand naheliegt, dass diese Entwicklung konterkariert werden
könnte durch große ökologische, soziale und demografische Probleme,
so sehr liegt gegenüber dem chinesischen Lern- und Erziehungsdrill
auch der Einwand nahe, dass es sich hierbei um ein stark
hierarchisches System mit möglichen Stressfolgen und geringem
kreativen Reflexionsvermögen handelt.
Aber auch diesem Einwand, der letztlich für die gesamte
konfuzianisch geprägte Region Asiens gilt, begegnet China bereits
seit Ende der 90er Jahre mit einem umfassenden und gezielten
Bildungsreform-Programm. Es ist geplant, die erkannten Nachteile bis
spätestens 2010 zu korrigieren durch neue Curricula, neue
Schulbücher und stärker diskurs- und dialogorientierten
Englischunterricht unter der Mitwirkung angelsächsischer
Reformpädagogen.
Ähnlich ehrgeizige reformorientierte Lehrpläne unter Mitwirkung
ausländischer Professoren verfolgen bereits seit einiger Zeit die
beiden Eliteuniversitäten mit Vorbildfunktion für weitere 30
Spitzenuniversitäten des Landes: Die Beida- und die
Tsinghua-Universität in Peking. Beide Universitäten folgen dem
Prinzip amerikanischer Eliteuniversitäten und damit auch letztlich
der Denkschrift Wilhelm von Humboldts: dass nämlich ein für die
akademische Elitebildung optimales Zahlenverhältnis angestrebt
werden sollte von einem Professor mit wenig mehr als 10 Studenten.
Mit der Folge, dass jährlich unter riesengroßem Andrang nur 2000
Studenten in die Tsinghua-Universität und 3000 Studenten in die
Beida-Universität aufgenommen werden. Geplant ist außerdem durch das
sogenannte Projekt 211 des Bildungsministeriums von 1993, die Zahl
der bisherigen Eliteuniversitäten um weitere 100
Schwerpunktuniversitäten zu erweitern. Sie alle sind konzipiert nach
dem Vorbild der Harvard University in Boston und sollen im Laufe des
21. Jahrhunderts zu den besten Universitäten der Welt zählen.
Die effizienteste und nachhaltigste Ergänzung akademischer
Eliteförderung und Forschung repräsentiert die am Muster der
amerikanischen Akademie der Wissenschaften orientierte chinesische
Akademie der Wissenschaften. Sie wird geleitet von einem ehemaligen
Forschungsstipendiaten der Alexander von Humboldt-Stiftung in Bonn,
Professor Yongxiang Lu. Als Präsident gehört er mit einem 700
Mitglieder umfassenden Gremium zu den wissenschaftlichen Vordenkern
der scientific community Chinas. Ein in jedem Betracht elitärer
Zirkel mit insgesamt 120 Instituten, 20.000 Forschern und 60.000
Beschäftigten. Es gilt ausschließlich das Leistungsprinzip, die
Mehrheit der Beschäftigten ist unter 45 Jahre alt und statt der
üblichen Mittelkürzungen westlicher Forschungsinstitute haben sich
inzwischen die staatlichen Zuschüsse in den letzten Jahren
verdoppelt – ganz abgesehen von Gewinnen, die der Akademie aus
erfolgreichen Spinn-off-Unternehmen zufließen.
Deutlich wird hierbei, dass das Interesse des Staates vornehmlich
den angewandten Wissenschaften gilt. Entscheidend für die
Qualitätsverbesserung der angewandten Wissenschaften, aber auch für
die Grundlagenforschung ist nach wie vor das seit 1998 bestehende
staatliche „Programm für die Innovation des Wissens“, mit dem vor
allem die Forschung mit der Akademie der Wissenschaften als
Zentralinstitution gefördert wird. Immer noch stehen hierbei die
Geistes- und Sozialwissenschaften im Schatten dieses Programms. Sie
sind trotz wachsender Liberalisierung auch noch in vieler Hinsicht
ideologischen Beschränkungen unterworfen. Allerdings wächst seit
einigen Jahren die Beachtung dieser Disziplinen im öffentlichen
Diskurs. Dies gilt vor allem für die Bedeutung der
Sozialwissenschaften und deren Analyse der sozioökonomischen
Entwicklung. Und die Geisteswissenschaften – wie die offizielle
Renaissance des Konfuzianismus zeigt – gewinnen ihrerseits Gewicht
für die Formulierung und Ausformung des Begriffs chinesischer
Identität.
Blickt man zurück, so ist die hier skizzierte Entwicklung der
Bildung und Wissenschaft in China vor allem der 1978 eingeleiteten
bildungspolitischen Schwerpunktsetzung durch Deng Xiaping
geschuldet, der mit dem Wiederaufbau des Schulwesens vor allem auch
die Wiedereinführung von Eliteschulen, den sogenannten
„Schwerpunktschulen“, die Förderung von Begabten durchsetzte und
erste Privatschulen genehmigte. Ende der 80er und Anfang der 90er
Jahre erfolgte dann beim Übergang zu einem moderneren Bildungssystem
ein gradueller Rückzug des Staates aus der Bildungsfinanzierung und
die zunehmende Kommerzialisierung und Privatisierung von Bildung und
Ausbildung. Vor diesem Hintergrund entwickelten sich in den 90er
Jahren dann Programme mit folgenden Zielsetzungen:
- Einführung einer dreijährigen Vorschulerziehung in großen und
mittelgroßen Städten, auf dem Land zumindest ein Jahr
Vorschulerziehung;
- landesweite Einführung der neunjährigen Schulpflicht;
- Steigerung der beruflich-technischen Ausbildung auf der
Sekundarschulebene II, damit alle Mittelschulabgänger, die keine
Hochschule besuchen, eine Berufsbildung erhalten, bevor sie ins
Arbeitsleben treten;
- Ausweitung des Hochschulstudiums einschließlich des
Postgraduiertenstudiums, Verbesserung des Studiums, Einführung von
Rankings;
- Einführung von Studiengebühren und Abschaffung der staatlichen
Stellenzuweisung für Hochschulabsolventen;
- Absenkung der Analphabetenrate bei jüngeren Erwachsenen auf unter
5 Prozent;
- in der Erwachsenenbildung Einführung des Prinzips des lebenslangen
Lernens;
- generelle Schulgeldpflicht für Bildung außerhalb der
Pflichtschule.
Die Optimierung von Bildung und Wissenschaft kulminierte in den 90er
Jahren schließlich im Beschluss des 15. Parteitags der KPCh von
1997, Chinas Wirtschaft konsequent zu fördern durch die Entwicklung
einer modernen Wissensgesellschaft, die das Land in die Lage
versetzen soll, mit High-Tech-Produkten den Weltmarkt entscheidend
mitzubestimmen. Dieser Beschluss wurde ausdrücklich begleitet von
der Einsicht, dass die chinesische Wissensgesellschaft nur dann
langfristig Erfolg habe, wenn gezielt die sich inzwischen
verschärfenden ungleichen Bildungschancen sozialverträglich
harmonisiert werden. Als Problemfelder gelten hierbei u. a. die
regionalen Unterschiede, die Unterfinanzierung des Schulwesens und
die noch zu schwache Entwicklung der Elementar- und Berufsbildung.
Mit dem Parteibeschluss der sogenannten „Qualitätsbildung“ wurde
außerdem betont, dass es künftig darauf ankommen soll, neben
umfassender fachlicher Ausbildung auch die Persönlichkeitsbildung im
Sinne sozialer Kompetenz und innovativ selbstständigen Denkens zu
fördern.
Man muss die eben erwähnten, bei uns wenig bekannten
Hintergrundinformationen zur Knowhow-Entwicklung in China kennen, um
ermessen zu können, welche kultur- und bildungspolitischen
Dimensionen sich seit Anfang 2006 hinter jener bereits anfangs
erwähnten außenkulturpolitischen Initiative Chinas verbergen. Das
heißt, die Errichtung von über 150 Konfuzius-Instituten in Europa
bis 2010. Sie sind mit-konzipiert als Wegbereiter chinesischen
Denkens unter anderem im Sinne der von Konfuzius geforderten
höchsten Priorität des Lernens. Eine Priorität, die seit 2500 Jahren
das geistige Rückgrat der chinesischen Hochkultur bildet. Höchste
Zielsetzung der Konfuzius-Institute ist daher auch der
Sprachunterricht mit der mittelfristigen Zielvorgabe, dass bis 2010
über 100 Millionen Menschen außerhalb Chinas die chinesische Sprache
erlernen sollen. Im April 2006 hat das erste Konfuzius-Institut in
Deutschland seine Tore in Berlin geöffnet. Schon im Mai 2006 folgte
das Konfuzius-Institut in Erlangen. Weitere Einrichtungen folgten
bzw. sind geplant: in Frankfurt am Main, München, Heidelberg,
Düsseldorf, Hannover und Leipzig.
Und Konfuzius? Kann er als Namenspatron seiner Institute im Westen
auf eine Renaissance hoffen? Als besonders vorbildlich erweist sich
jedenfalls in China das hohe, auf Familienbasis praktizierte
Interesse in diesem Bereich mit den bereits erwähnten hohen
Privatinvestitionen. Gerade hier zeigen sich Besonderheiten, die
unser eigenes Bildungssystem in vielerlei Betracht als
Herausforderung verstehen könnte. Hierzu zählt das hohe
Verantwortungsbewusstsein der Eltern als primär allein zuständige
Referenzadresse für die Entwicklung hoher Lern- und
Leistungsbereitschaft der Kinder. Das heißt, anstelle der
notorischen westlichen Forderung nach der Zuständigkeit und
Verantwortung des Staates gilt in China die alte Einsicht der
Weimarer Klassik: „Man könnte erzogene Kinder gebären, wenn die
Eltern erzogner wären.“
Aus der höchsten Priorität des Lernens folgt außerdem in China und
im gesamten konfuzianisch geprägten Raum Ostasiens etwas, das im
westlichen Bildungssystem aus politischen und ideologischen Gründen
weitgehend verschwunden ist: das hohe soziale Ansehen des Lehrers.
Und damit der gesamte hieraus resultierende Kanon wichtiger
Bildungsparameter und Sekundärtugenden, die man durchaus auch
Primärtugenden nennen könnte. Es sind jene Tugenden, die jetzt auch
bei uns wieder diskutiert werden: Disziplin, Vorbildfunktion,
Respekt, Höflichkeit und Dankbarkeit.
Wichtig ist in China jedenfalls das Bewusstsein, dass in einem
rohstoff-, energie- und nahrungsmittelarmen Land allein die
Investition in die Köpfe zählt, das heißt, Bildung, Wissenschaft und
Grundlagenforschung entscheidend sind für die Schaffung
intelligenter neuer Berufe und Produkte. Ein für den westlichen
Betrachter hierbei besonders auffälliges Resultat dieser Einsicht
ist die Tatsache, dass in China allein die Durchschnittszahl der
Schulstunden pro Jahr und Kind doppelt so hoch ist wie z. B. in
Deutschland mit nur 625 Schulstunden.
Hinzu kommt der inzwischen durch neurowissenschaftliche
Untersuchungen bestätigte Vorteil, dass beim frühkindlichen Erlernen
der chinesischen Symbol- und Tonhöhensprache eine doppelte frühe
Kompetenz erworben wird: nämlich eine hohe Sprach- und
Lesefähigkeit. Und dies im Verbund mit dem gleichzeitigen Entstehen
einer hohen frühkindlichen Leistungs- und Motivationsbereitschaft.
Das heißt, man nutzt in China – anders als bei uns – die
neurowissenschaftlichen Erkenntnisse über die große frühkindliche
Lernfähigkeit des Gehirns in der sogenannten emotionalen Phase bis
zum 3. und 4. Lebensjahr. Neuronale Vernetzungen musischer und
rationaler Art werden in dieser frühen Prägephase gefördert durch
frühe Konzentrationsleistungen: erstens durch die Notwendigkeit
korrekten Schreibens und zweitens durch intensive Gehörschulung für
die fünf bis sechs Tonhöhen der chinesischen Sprache. Drittens durch
hohe Anforderungen an die Fähigkeit schneller Worterkennung als
Bedingung einer guten Lesefähigkeit. Und viertens durch die
Entwicklung besonders guter Memorierfähigkeit auf Grund der Bildung
neuronaler Langzeit-Engramme beim Schreiben der Ideogramme mit der
Hand.
Für die eingangs erwähnten Äußerungen von Goethe und Leibniz gilt
leider, dass sie bei uns in Vergessenheit geraten sind. Der im
Herbst des Jahres erschienene Bildungsbericht der OECD bescheinigt
Deutschland einen traurigen internationalen 21. Rangplatz für den
Bruttosozialprodukt-Anteil bei den Aufwendungen von Wirtschaft und
öffentlicher Hand für Bildungsausgaben. Womit sich die Frage stellt:
Was können wir tun?
Ein erster Schritt wäre sicherlich die Einsicht, dass auch wir der
Bildung wieder höchste Priorität zukommen lassen sollten. Hierbei
sollte Bildung nicht nur verstanden werden als Bologna-Prozess
beschleunigter Erwerb von Zukunftskompetenz ohne
Herkunftskenntnisse. Bildung sollte sich vielmehr zunehmend auch
wieder verstehen als gedächtnisgestützte Urteilskraft. Nur so haben
wir Chancen, dem ironischen Wort des Karl Kraus zu entkommen, der
bereits Anfang des 20. Jahrhunderts zum Thema Bildung in Deutschland
feststellte: „Das Niveau ist sehr hoch. Es steht bloß keiner drauf.“
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