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pa4-10-2gelassenheit-schweigen-swr2

<< Platon Akademie4 & swr2-10-2 Thema: Gelassenheit und Schweigen >>
http://www.kultur-punkt.ch/akademie4/diskurs/pa4-10-2gelassenheit-platon.htm;
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http://www.kultur-punkt.ch/akademie4/diskurs/pa4-10-2gelassenheit-meinz.htm;
Quelle:
SWR2 Wissen-Rolf Beyer: Das mystische Schweigen
Autor: Rolf Beyer
Redaktion: Anja Brockert
Regie: Stefan Hilsbecher
Sendung: Donnerstag, 25. Februar 2010, 8.30 Uhr, SWR2

mit Fazit von Walter Prankl, PA4

ÜBERBLICK

Geschwiegen wird aus vielen Gründen: aus Klugheit oder Dummheit, aus Höflichkeit oder Hochmut. Es gibt das Verschweigen von individuellen und kollektiven Schandtaten, über die man eigentlich sprechen müsste. Aber auch das schamhafte, verstummende Schweigen, wo einem die Worte fehlen. Worum aber geht es beim "heiligen Schweigen", das in allen Religionen auftritt und besonders in mystischen Strömungen zu einem Hauptthema werden kann? Ist dies ein vorbereitendes Schweigen, aus dem Höheres erwächst - oder sogar Zielpunkt tiefster Erfahrungen, die um Unsagbares kreisen? In heutigen Zeiten, in denen alles beredet und zerredet wird, bieten verschiedene Einrichtungen "Schweigekurse" an. Können sie mehr bieten als jene Schweigeerfahrungen, die in geglückten Momenten des "normalen" Lebens auftreten und in denen das "mystische Schweigen" auf scheinbar nichtreligiöse Weise bewahrt wird?

Besetzung: Sprecherin; Zitator/in; O-Ton; Dr. Rainer Jehl, Direktor Schwabenakademie Irsee; Reinhard Manner, Theologe und Meditationslehrer, Tübingen; Dr. Frank Eigenfeld, Begründer Neues Form, Halle

INHALTs Auszug mit Fazit

 

Sprecherin :

Man braucht zwei Jahre, um sprechen zu lernen, und fünfzig, um schweigen zu lernen. Ernest Hemingway. ...

Konfuzius sprach:

 "Ich begehre zu schweigen." Da sagte einer: "Wenn du nicht redest, was soll man von dir überliefern?" Konfuzius antwortete: "Sagt denn der Himmel etwas? Und trotzdem nehmen die vier Jahreszeiten ihren Lauf und hunderttausende Lebewesen entstehen. Sagt denn der Himmel etwas?"

Sprecherin:

 Zu allen Zeiten haben Menschen versucht, in dieses mystische Schweigen hinein zu gelangen, um das Gefühl von Allverbundenheit und Harmonie zu erlangen.

Meister Eckhart:

der große Mystiker aus dem dreizehnten Jahrhundert, empfiehlt dafür das, was er "Gelassenheit" nennt, ein Stillwerden aller Leidenschaften, ein sich Leermachen von flüchtigen Vorstellungen und Bildern. Nur im Schweigen ist - und hier taucht wieder die Paradoxie auf - nur im Schweigen ist das erlösende Wort zu vernehmen.

Zitator:

Aber was soll (der Mensch) denn tun? Er soll zuerst sich selber lassen, dann hat er alles gelassen. Denn wer seinen Willen und sich selber lässt, der hat alle Dinge wirklich gelassen. Daran ist alles gelegen. Nimm dich selber wahr, richte dein Augenmerk auf dich selbst, und wo du dich findest, da lass ab von dir; das ist das Allerbeste... Es muss in einer Stille geschehen und in einem Schweigen, da das Wort gehört werden kann. Man vermag diesem Wort nur in Stille und Schweigen nahekommen…

Für manche Menschen ist es ein Weg, der Vereinzelung und Einsamkeit zu entkommen, der über alles beschleunigten Lebenswelt, dem unablässigen Medienbombardement etwas entgegenzusetzen. Einer, der dabei behilflich ist, ist Reinhard Manner, katholischer Theologe und Meditationslehrer in Tübingen. Er selbst sieht sich als Schüler von Meister Eckhart, bietet Meditationskurse an, die auch zenbuddhistische Körper- und Atemübungen einschließen.

Eine Meditationsübung lautet "Gelassenheit üben". Dabei rezitiert er Worte, die von Meister Eckhart herrühren könnten, die aber aus einem japanischen Zen-Kloster stammen.

Reinhard Manner

Alles loslassen, ruhig werden und klar. In die Stille hineinwachsen. Mit jedem Ausatmen mehr in die Gegenwart hineinkommen. Sich hineinlassen in das, was gerade jetzt ist. Sich einlassen auf das, was gerade hier und jetzt ist.
“Sitzen wie ein Berg, ganz gleich, was kommt... Offen werden und weit...“


Sprecherin:

...mit Meditationsübungen hinab ins Innere des Selbst, in jenes, was Meister Eckhart den "Seelengrund" nannte. Einen wieder anderen Akzent setzt Mechthild von Magdeburg , um 1210 in Magdeburg geboren  in höfischer Umgebung aufgewachsen, verlässt mit etwa zwanzig Jahren ihr Elternhaus….  schließt sich einer Laiengemeinschaft frommer Frauen an, die man "Beginen" nennt. Von der kirchlichen Obrigkeit der Irrlehre verdächtigt. Werk: "Fließende Licht der Gottheit".

Zitatorin:

Nun fürchte ich Gott, wenn ich schweige und fürchte ... (die) unbekannten Leute, wenn ich schreibe.

Sprecherin:

Mechthild erfährt  eine Hochzeitsvision, die "unio mystica", sie die Braut, der Bräutigam Gott. In nie gehörter, leidenschaftlicher und auch riskanter, weil erotischer Weise fasst sie diese Erfahrung in die Sprache des Minnesangs. Sie entkleidet sich, legt die Kleider der Tugenden ab, wie sie sie symbolisch nennt, wird reines Geschöpf, vereinigt sich mit dem göttlichen Gegenüber - das letzte Wort aber heißt Stille.

"Wie könnte ich meiner Natur widerstéhn?

Ich muss von allen Dingen in Gott eingéhn.

Der mein Vater ist von Natur,

der mein Bruder ist nach seiner Menschlichkeit,

der mein Bräutigam ist nach meiner Liebe...

So geht die allerliebste (Seele) in die geheime Kammer...,

da findet sie der Minne Bett,

da legt sie ab alle Furcht und Scham...

Nun bin ich eine nackte Seele,

Gemeinschaft zu zweit...

Ist das ewige Liebe ohne den Tod?

So geschieht da eine selige Stílle,

Nach ihrer beider Wílle.

Er gibt sich ihr und sie sich ihm."

 

walter prankl: FAZIT  1  / Deutung

MINNE                    BETT  / Seelengrund (Mechthild, Eckart..)

hohe                         liegen

geistig-seelische       ruhen

pure                          stillen: bewegte Gabe / innigste Zuwendung

reine                         flow / harmonisches Fliessen (optimale Synchronisation von Herzschlag, Atmung und Blutdruck)
niedere

profane

körperliche

erniedrigende


Haiku :
An Mechthild von Magdeburg " unio mystica"

"eros im schweigen

 hoch in MINNE BETT stille

 bewegte gabe"

w.p10-2
 

Josef Guggenmos, Kinderbuchautor

Er hat sein Schweigen auch in zahlreichen Gedichten /Haikus niedergeschrieben ( japanische Gedichtform, in der es nur drei Zeilen gibt, die aus fünf, sieben und fünf Silben bestehen). Dieses extrem verknappte Sagen schafft einen gleichsam schweigenden Freiraum, den jeder Hörer selbst entdecken und sich erschließen muss. Hier ein Schweige-Haiku von Josef Guggenmos:

„Frag nicht die Felsen,

die Schweiger. Frag: "Was ist Glück?"

Falter und Fohlen.“


Bertolt Brecht

jedenfalls stellte eine kritische Anfrage an alle naturmystischen Geister in seinem bekannten "Gedicht an die Nachgeborenen", aus dem auch eine gewisse Trauer spricht.

„Ein Blatt, baumlos,

für Bertolt Brecht:

Was sind das für Zeiten,

wo ein Gespräch

beinah ein Verbrechen ist,

weil es soviel Gesagtes

mit einschließt?“

Zitator:

Schweigen ist aber keine besinnungslose Leere, sondern wird mystische Quelle eines poetischen Sagens, in dem ganz neue und unerhörte Bilder, Metaphern, Sprachfiguren erfunden werden.

Paul Celan

"Der Herzog der Stille...

Umsonst malst du Herzen ans Fenster: ein Gott ist unter den Scharen...

`O Halm', vermeint er zu hören, `o Blume' der Zeit."

Zitator

Sein Sprechen aus dem Schweigen heraus gilt vielen Zeitgenossen als schwierig und einigen sogar als unverständlich. Und so stellt sich die Frage, ob es mystische Schweigeerfahrungen gibt, die weder dem Verdikt Bertolt Brechts anheimfallen, dass Leiden und Unrecht verschwiegen werden, noch die verrätselte Sprache der Poesie bemühen, wie es Paul Celan tat. Gibt es also - zugespitzt gefragt - Schweigeerfahrungen, in denen Unrecht nicht verschwiegen, sondern unmittelbar zum Ausdruck gebracht wird?


Das Beispiel Neunter Oktober 1989 in Leipzig:

dazu FAZIT 2

HAIKU 1989 D

"aus kollektivem

schweigen wächst veränderung

wirkt bewegte gabe"

w.p.10-2

* * * * *


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   Stand: FEBRUAR 2012

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