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SWR2 Wissen Aula - Gerhard Lauer : Lesen mit Spiegelneuronen. Was
ist Neurogermanistik?
Autor und Sprecher: Professor Gerhard Lauer *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 4. Mai 2008, 8.30 Uhr,
SWR 2
Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum
persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der
ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
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ÜBERBLICK
Viele Disziplinen lassen sich in letzter Zeit mit einem "Neuro"
versehen: Es gibt die Neurodidaktik, die Neuroökonomie und dasselbe
gilt für die Literaturwissenschaft. Auch in diesem Bereich lassen
sich Erkenntnisse der Hirnforschung fruchtbar anwenden. Von großer
Bedeutung sind dabei die sogenannten Spiegelneuronen, die beim
Menschen verantwortlich sind für Empathie, Mitgefühl und
Nachahmungstrieb. Diese Elemente spielen bei der Rezeption von
Literatur eine wichtige Rolle, Literatur weckt den zu Empathie
führenden Nachahmungstrieb, lesen heißt handeln als ob. Professor
Gerhard Lauer, Germanist an der Universität Göttingen, beschreibt
die Grundlagen der noch jungen Neurogermanistik.
AUTOR*
Prof. Gerhard Lauer, geb. 1962, studierte Germanistik und
Philosophie, 1992 Promotion zum Dr. phil., 2000 Habilitation an der
Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaft der Universität
München. Seit 2004 ist Lauer Direktor des Seminars für Deutsche
Philologie an der Universität Göttingen. Lauer beschäftigt sich
schwerpunktmäßig mit rezeptionsästhetischen Aspekten der
Neurogermanistik, mit der Rolle des Autors, der Kulturgeschichte des
Romans und der Funktion der Literatur in der Wissensgesellschaft.
Buchauswahl:
Texte zur Theorie der Autorschaft (zus. mit Martinez u. anderen).
Reclam-Verlag.
Wissenschaft und Universität (zus. mit M. Huber). Verlag DuMont.
Rückkehr des Autors (zus. mit Martinez u.a.). Verlag Niemeyer.
(Thema "Bewusstseinstheorie" Die Spiegelneuronen und Nachahmung)
Autor und Sprecher: Professor Gerhard Lauer *
Redaktion: Ralf Caspary, Susanne Paluch
Sendung: Sonntag, 4. Mai 2008, 8.30 Uhr, SWR 2
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Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten
Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der
ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
INHALT
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Ansage:
Heute mit dem Thema: „Lesen mit Spiegelneuronen – Was ist
Neurogermanistik.“
Alle möglichen Disziplinen lassen sich ja in letzter Zeit mit einem
„Neuro“ versehen: Es gibt die Neurodidaktik, die Neuroökonomie und
neuerdings auch die Neurogermanistik. Auch in diesem Bereich lassen
sich einige neue Erkenntnisse der Hirnforschung anwenden, auch in
diesem Bereich bestätigt die Hirnforschung eine alte These: Es
handelt sich um die Nachahmungstheorie des guten alten Aristoteles.
Der sagte: Literatur beruhe auf Nachahmung menschlicher Handlungen,
gerade das mache die bezaubernde Wirkung von Erzählungen aus.
Professor Gerhard Lauer ist Germanist an der Universität in
Göttingen und ein Vertreter der Neurogermanistik. Er hält im Sinne
von Aristoteles die Nachahmungstheorie für sehr wichtig, und er
zeigt in der SWR2 AULA, wie die Hirnforschung diese Theorie
unterstützt. Es geht dabei konkret um die Entdeckung der
Spiegelneuronen.
Gerhard Lauer:
Mit dem Ausdruck „Spiegelneuronen“ hat eine Forschergruppe um den
italienischen Neurowissenschaftler Giacomo Rizzolatti eine
Beobachtung belegt, die nicht ohne Grund einiges Aufsehen erregt
hat. Rizzolatti und seine Gruppe wollten und wollen seit den 90er
Jahren eine einfache Frage klären: Wie gelingt es uns oder genauer:
wie gelingt es unserem Gehirn, Handlungen zu planen und
zielgerichtet zu steuern? Bei einem ihrer Experimente hatten sie an
den vorderen Schläfenlappen des Gehirns eines Makaken-Affen
Elektroden angebracht, um dessen neuronale Steuerung seiner Hände
untersuchen können, etwa beim Aufnehmen von Futter. Wie sie zunächst
beobachten konnten, feuerten bei jedem Greifen nach Futter eine ganz
bestimmte Neuronengruppe, so dass gemessen werden konnte, welche
Neuronen mit welcher Intensität bei welcher Handlung aktiviert
wurden. Während eines ihrer Experimente war einer der
Experimentatoren aus der Gruppe gerade dabei, neues Futter für das
nächste Experiment zu greifen. Dabei hat ihm ein Affe zufällig
zugesehen, während die Elektroden immer noch an seinem Gehirn
angeschlossen waren. Das Verblüffende war, dass dieselben Areale mit
praktisch der gleichen Intensität gefeuert haben (das Gehirnareal
F5), die sonst feuern, wenn der Affe selbst nach dem Futter greift.
Nach Überprüfung der experimentellen Anordnungen auf mögliche Fehler
und mehrfachen Wiederholungen der ungeplanten Beobachtungssituation
stellt sich der immer gleiche Effekt ein. Dieselben Neuronen
entladen sich, gleich ob die Handlung durch den Makaken selbst
ausgeführt oder die gleiche Handlung durch den Affen nur beobachtet
wird, wie sie durch einen der Experimentatoren ausgeführt wird. Wie
kann das erklärt werden?
Ein weiteres kam hinzu: Verwandte Experimente zeigen, dass
offensichtlich nicht alle Handlungen diese „Resonanz“ oder
Spiegelung im Gehirn auslösen. Die Spiegelung oder Resonanz ist
offenbar sehr ausgewählt, sehr selektiv, objektabhängig und abhängig
vom Agenten, von Bewegungsrichtungen, abhängig davon, ob es um
Handlungen etwa der Hand oder des Mundes geht und anderen Faktoren,
so dass genauer hingesehen werden musste, was eigentlich im Gehirn
nachgeahmt wird, wenn es zuschaut, wie jemand anderes etwas macht.
Es zeigte sich dann sehr schnell, wie schwierig es ist, genau
anzugeben, was wir eigentlich beobachtet, wenn wir einem anderen bei
einer Handlung zuschauen. Was sieht ein Kind, wenn es die Bewegungen
etwa eines Erwachsenen nachahmt, der einen Ball wirft? Das scheint
ein einfaches Beispiel zu sein, aber aus Sicht der
Neurowissenschaften ist es ein unglaublich komplizierter Vorgang.
Schauen wir also etwas genauer hin: Neurologisch ist den
Spiegelneuronen gemeint, dass es im Gehirn Neuronen gibt, die für
motorische Handlungen zuständig sind, also etwa wie eine Hand oder
ein Mund abhängig vom Objekt bewegt werden müssen. Diese „planenden“
Neuronen sitzen in der prämotorischen Cortex bei Primaten und
Menschen, und damit in enger Nachbarschaft zu Nervenzellen, die die
Muskelbewegungen im Detail steuern, also wiederum metaphorisch
gesagt, das Programm der anderen Neuronengruppe motorisch umsetzen.
Sie sagen, welcher Muskel muss wie weit angespannt, gebeugt oder
gedehnt werden, um eine bestimmte Handlung auszuführen.
Man kann etwa durch magnetenzephalographische Verfahren nachweisen,
dass zunächst die in der prämotorischen Cortex sitzende „planende“
Neuronengruppe feuert, und Millisekunden später die
bewegungssteuernden motorischen Neuronen aktiv werden. Anders
ausgedrückt: Handlungsplanung und Handlungsausführung sind zwar
verbunden, arbeiten aber getrennt voneinander. Dieser modulare
Aufbau des Gehirns erklärt auch einen ganz einfachen Umstand: Wir
können nämlich eine Handlung planen, ohne sie gleich ausführen zu
müssen; und auch warum man Handlungen wahrnehmen kann, ohne sie
selbst auszuführen. Spiegelneuronen können dank dieses Mechanismus
eine Art innere Simulation der wahrgenommen Handlung abbilden. Und
das ist ein verblüffendes neues Ergebnis.
Warum diese innere Simulation so gut gelingt, hängt noch mit einem
weiteren physiologischen Befund zusammen: der Nähe der
Spiegelneuronen zu somatosensiblen Teilen der Hirnrinde, den Teilen
des Gehirns, die für die Selbstwahrnehmung des Körpers
verantwortlich sind. Wir wissen immer ungefähr, wo sich unsere
Gliedmaßen befinden, wie entspannt oder angespannt sie sind. Eine
Handlung wahrzunehmen heißt auch zu wissen, wie sich die Handlung
anfühlt, wie sie ausgeführt werden müsste, welchen Muskel daran
beteiligt wären usw. Die Nähe dieser verschiedenen Neuronengruppen
ist deshalb wichtig, weil sie zu erklären verspricht, warum bei
Affen auch dann die Spiegelneuronen feuern, wenn nur der Anfang
einer Handlungssequenz, also zum Beispiel das Greifen nach Futter
durch einen Experimentator gezeigt wird, die eigentliche Handlung
aber gar nicht vorgemacht wird. Das neuronale Erregungsmuster ist
das gleiche wie im Fall der vollständig vorgeführten Handlung.
Besonders deutlich wird dieser Resonanzvorgang bei
Schmerzempfindungen, zum Beispiel bei Schmerzempfindungen an
Fingerkuppen – da sind wir ja sehr sensibel. Dann feuern nämlich
dieselben Zellgruppen, die spezifisch auf Schmerzimpulse auf der
Fingerkuppe reagieren, auch dann. Sie können das selber
ausprobieren: Bitten Sie einen anderen, sich mit seiner Fingerkuppe
einem Reißnagel zu nähern, während Sie zuschauen. Sie werden es
förmlich spüren, diesen Schmerz.
Spiegelneuronen scheinen also zwischen den eigenen Empfindungen und
den Empfindungen von anderen zu vermitteln und damit eine wichtige
Erklärung zu liefern dafür, was die Wissenschaft eine „Theory of
Mind“ nennt, eine „Bewusstseinstheorie“.
Wir haben alle eine Theorie, dass die uns umgebenden Menschen auch
ein Bewusstsein haben und dass ihre Gefühle und ihre Gedanken in
etwa ähnlich sind wie unsere. Nur in pathologischen Fällen haben wir
diese Ansicht nicht und das ist dann ziemlich dramatisch. Wir wissen
also, wie es sich anfühlt, wie sich zum Beispiel die Muskeln
bewegen, wenn jemand diese oder jene Handlung ausführt.
Alle diese Befunde laufen daher auf die Auffassung zu, dass das
nachahmende Verhalten der Primaten und Menschen mindestens zu einem
erheblichen Teil in den Spiegelneuronen seine neuronale Entsprechung
hat. Spiegelneuronen in ihrem Zusammenspiel mit anderen
Gehirnarealen versprechen eine Antwort auf die Fragen zu geben, wie
Primaten und Menschen in der Lage sind, so etwas wie eine
Bewußtseinstheorie auszubilden, also eine Vorstellung davon, wie der
andere denkt und fühlt, warum sich höhere Primaten und Menschen so
verhalten, wie sie es tun, wie sie die Grenze zwischen Selbst und
anderem regulieren, warum sie ihr Verhalten zugleich in einem
evolutionsgeschichtlich gesehen einzigartigen Weise ändern können.
Die Spiegelneuronen könnten so etwas wie die Brücke zwischen dem
biologischen und dem sozialen, vielleicht auch kulturellen Verhalten
darstellen. Wie haben sich Kulturen gebildet? Wahrscheinlich über
Nachahmungen. Wir gehen alle davon aus, dass es wohl keine Kultur
geben würde, wenn der Mensch nicht über Sprache verfügen würde. Man
kann lange darüber diskutieren, ob Affen in Ansätzen nicht auch eine
Kultur haben, jedenfalls bedienen sie sich in Ansätzen auch einer
Sprache. Sprache ist wohl eine der wichtigsten Kulturtechniken des
Menschen, ohne Sprache wäre Kultur wohl nicht möglich, weder die
Kultur noch die Literatur.
Wie aber entsteht das Sprechen? Einer der Ansatzpunkte zur Klärung
dieser Frage ist, dass dieses Sprechen selbst wiederum aus einer
sehr motorischen Nachahmung erwächst. Die vorsprachliche Nachahmung
beginnt schon längst, bevor wir eigentlich sprechen, vielleicht
schon im Mutterleib.
Säuglinge, das hat etwa der amerikanische Säuglingsforscher Andrew
Meltzoff vielfach nachweisen können, ahmen von Geburt– wirklich
schon in den ersten Tagen (Meltzoff hat neben dem Kreissaal gewartet
und kaum war das Baby geboren, hat er seine Experimente begonnen) -
Gesichtsausdrücke und Gesten vor allem ihrer Mutter nach. Und das
nicht nur, wenn sie diese Gesichter oder Gesten unmittelbar vor sich
sehen, sondern auch schon in den ersten sechs Monaten aus dem
Gedächtnis. Sie reagieren also nicht nur, sondern sie memorieren
auch wahrgenommene Gesten und Gesichtsausdrücke. Was sie den einen
Tag gelernt haben, können sie verzögert am nächsten Tag nachahmen
und, das ist besonders verblüffend, sie machen nicht eins zu eins
nach, sondern sie variieren die Wiederholung ihrer Nachahmung. Das
setzt voraus, dass die Säuglinge wissen, worauf sie achten müssen:
auf die Augen, auf den Mund der Mutter? Das ist nicht
selbstverständlich und wohl angeboren. Das setzt so etwas wie eine
Selektion aus den Wahrnehmungen und es setzt voraus, dass schon in
den ersten Tagen so etwas wie eine Interpretation beginnt, obwohl
die ganz Kleinen überhaupt kein Selbstbewusstsein in unserem
erwachsenen Sinn haben.
Dieses Erkennen ist also eine soziale Kognition, eine soziale
Wahrnehmung, betrachtete man es aus einer
entwicklungspsychologischen Perspektive. Kinder wissen von Geburt
an, was der Nachahmung lohnt, zunächst und zuallererst die Intention
der sozialen Verbindung, also sprich: Was will mir diese Mutter da
sagen? Und das ist natürlich kein bewusster Vorgang. Es sind
besonders die Partien des Gesichtes, hier vor allem die Augen- und
Mundpartie, auf die Säuglinge fokussiert sind und aus denen sie
erste Annahmen über die Welt gewinnen.
Vor allem Selbstbewusstsein fragen Kinder, wer bist du, und
beantworten diese Frage mit dem Hinweis, wer bin ich. Sie gewinnen
ein Gefühl ihrer selbst, ein sehr motorisches Gefühl ihrer selbst
aus dieser Begegnung , der nachahmenden Begegnung vor allem mit der
Mutter. Man kann das Kind auch irritieren: Wenn man zum Beispiel
einen Säugling ganz neutral anschaut, ohne das Gesicht zu bewegen,
so fängt das Kind sehr sehr schnell an zu versuchen, das Gesicht
seines Gegenübers zum „Sprechen“ zu bringen, es verzieht selbst das
Gesicht, weil es unter Menschen eigentlich nicht üblich ist, mit
starrem Gesicht einander anzublicken. Es sei denn im Falle einer
Bedrohung etwa, und das ist ein Zustand, den ein Säugling natürlich
vermeiden will. Wir versuchen also schon motorisch, einander
nachahmend zum Sprechen zu bringen.
Dieser Resonanz-Mechanismus geht letztendlich auf die
Spiegelneuronen zurück, damit die Kinder das Gegenüber überhaupt in
sich spiegeln können und damit eine – noch ganz unbewusste –
Vorstellung von dem Gegenüber in sich herausbilden.
Kleinkinder können schon im völlig vorsprachlichen
Entwicklungsstadium sehr passgenau motorische Wahrnehmungen von
Mundbewegungen und Lautbildung miteinander koordinieren. Das lässt
sich experimentell sehr gut zeigen: Zeigt man etwa vier Monate alten
Babys zwei Gesichter nebeneinander, die einmal den Vokal „a“ und
einmal den „i“ aussprechen und spielt dann ein damit genau
synchronisiertes Tonband mit jeweils dem einen oder anderen Vokal
ab, so blicken sie länger auf das Gesicht, das den jeweils dazu
passenden Vokal ausspricht.
Nachahmung gibt der Welt also Bedeutung, und zwar ganz weit, bevor
der Säugling überhaupt spricht, bevor er in dem uns vertrauten Sinne
kommuniziert. Zwischen dem 18 und 30 Monaten explodiert diese
Fähigkeit zur sozialen Nachahmung förmlich, so dass solche Techniken
gelernt werden: Nicht nur ich ahme nach, sondern ich bin selbst
Vorbild für die Nachahmung. Das Kind übernimmt also abwechselnd
verschiedene Rollen, die des Vorbilds und die des Nachahmenden. Es
lernt, Aufmerksamkeit zu erregen, zum Beispiel irgendwohin zu
blicken, um zu erreichen, dass die Muter auch dorthin schaut.
Das alles passiert vor der Fähigkeit zu sprechen. Allerdings hat das
Ganze sehr wenig mit Sprache zu tun, wenn man den Begriff sehr eng
fasst. Aber in dem hier vorgeschlagenen Sinn, im Sinne des
Aristoteles, gehört das alles zusammen. Es entsteht also in diesen
ersten Lebensjahren eine Welt des Spiels, in der Nachahmungen wie
Zeichen gebraucht werden und die spielenden Kindern auch unabhängig
von Bezugspersonen zu agieren beginnen. Sie spielen selbstvergessen,
nehmen Rollen anderer an, sind Ritter oder Prinzessin. Es braucht
lange, etwa bis zum siebten Lebensjahr, bis Kinder beim Nachahmen
auch still sitzen und ihren motorischen Nachahmungstrieb so hemmen
können, dass sie zu Zuschauern der Handlungen anderer werden, ohne
selbst zu spielen – außer im Kopf. In jedem Fußballstadion können
wir uns davon überzeugen, wie schwierig es ist, zuzuschauen und
sitzen zu bleiben.
Was eine Nachahmung jeweils meint, ist etwa ab einem halben Jahr
nicht mehr nur eine motorische Frage, sondern hat eine aus dem
Kontext erschließbare Bedeutung. Ein- und dieselbe Handlung kann ja
ganz unterschiedliche Bedeutungen haben. Das Kind greift
beispielsweise nach einem Spielzeug, um das Interesse darauf zu
lenken oder die Mutter darauf aufmerksam zu machen oder ein anderes
Kind nachahmen. Dieselbe Handlung bedeutet also Unterschiedliches,
und Kinder haben überhaupt keine Schwierigkeiten, dazwischen zu
unterscheiden.
Dennoch löst die Sprache der Laute im Laufe der Entwicklung die der
körperlichen Nachahmung zu einem erheblichen Teil ab. Es liegt auf
der Hand, dass die lautliche Sprache sehr viel leichter, schneller,
flexibler und ökonomischer kann, was wir mit dem Körper „reden“
können.
Man kann inzwischen experimentell sehr genau zeigen, wie Sprache
ähnliche Resonanzphänomene in den Handlungsvorstellungen codierten
Spiegelneuronen auslöst, wie es auch die vorgemachten Handlungen
tun. Auch das bloße Reden über eine Handlung führt zu einer Resonanz
derjenigen Handlungsnervenzellen, die auch feuern würden, wenn die
gleiche Handlung selbst vollzogen würde. Gesprochene Handlungen
werden so in einer Art spontanen Simulation in uns selbst vollzogen
und damit auf ihre innere Plausibilität geprüft.
Wenn aber Sprache so eng mit der angeborenen Fähigkeit zur
Nachahmung gekoppelt ist, wie es die neuere Forschung nachlegt, dann
geht es bei ihr auch um kulturelle Relativität. Es spielt eine
Rolle, wo man auswächst, wer die Eltern sind, welcher sozialen
Gruppe man angehört, in welcher Kultur man lebt. Universell ist nur
die Fähigkeit zur Nachahmung, aber relativ der Erwerb der einzelnen
Sprachen.
Was hat das alles nun mit der Literatur zu tun? Meine These lautet
sehr einfach gesagt: Literatur besteht aus Nachahmungsgeschichten.
Der Grund des Vergnügens an ihnen liegt in den Spiegelneuronen und
dem mit ihnen verbundenen Mechanismus der inneren Nachahmung.
Metaphorischer formuliert: Literatur ist Nahrung für unseren
Nachahmungsinstinkt. Literatur ist dabei so wenig wie andere Künste
angeboren. Es gibt menschliche Populationen, die entweder keine
Literatur haben oder ihre keine größere Bedeutung beimessen. Man
muss Literatur nicht als Universalie setzen, sowenig wie Sprache
eine Universalie unter den Primaten ist. Es gibt aber evolutionäre
Gründe dafür, warum Sprachen verbreitet sind und vielleicht auch
Gründe, warum Literatur ausgesprochen häufig unter den Menschen
anzutreffen ist.
Literatur ahmt Handlungen von Menschen nach, sagt die Tradition mit
Aristoteles, und das mit Freude. Sie ahmt zum einen Menschen nach,
weil wir als Menschen den Handlungen unserer Artgenossen deutlich
größere und verstehendere Aufmerksamkeit zukommen lassen als anderen
Wesen wie zum Beispiel Tieren, selbst wenn sie uns vertraut sind wie
Affen. Bei Haustieren kann sich diese Grenze übrigens auch
verwischen, und dadurch entwickeln sich Haustiere auch anders als in
der Natur.
Auch Fabeln handeln ja von Menschen in Tiergestalt und nicht von
Tieren. Zum anderen thematisiert Literatur Menschen nicht abstrakt,
sondern als handelnde Wesen, genauer noch als sozial und kulturell
handelnde Wesen. Nur das Handeln von Menschen können wir mit
Bedeutung und Empathie versehen. Vom ersten Tag unseres Lebens an
sind wir damit beschäftigt, den eigenen und mehr noch den anderen
Handlungen (immer auch soziale und kulturelle) Bedeutung
zuzuschreiben, indem wir sie nachahmen, über das Nachahmen
kommunizieren und das Nachgeahmte mit unserer eigenen Körpermotorik
mehr oder minder abgleichen.
Schon der Satz „Sie nahm einen Apfel in die Hand“ lässt uns nach der
Absicht dieser Handlung fragen, und das, in dem wir die Bedeutung
über den Mechanismus der Spiegelneuronen zu erschließen trachten.
Viele dieser Bedeutungserschließungen laufen unbewusst und
kleinschrittig ab. Wir können kaum anders, als wissen zu wollen, was
ein Akteur tut und vor allem, warum er es tut und auch wie es sich
anfühlt, wenn jemand etwas Bestimmtes tut. Wir sind darüber hinaus
in Alltagserzählungen wie erst recht dann in komplexeren
literarischen Erzählungen auch in der Lage, komplizierte
Schlussfolgerungen aus Ereignissen, Beschreibungen und Schilderungen
zu ziehen, eben weil Nachahmung beim Menschen nicht Mimikry ist,
sondern immer die Nachahmung des Ziels, was ist das Ziel, die
Absicht, die dahintersteht.
Literatur nimmt sich die Zeit, auch das Gefühl zu vermitteln, wie es
sich anfühlt, eine bestimmte Handlung zu vollziehen, bestimmte
Gefühle zu haben. Wie fühlt es sich an, traurig und verlassen zu
sein? Die Literatur kann das sagen. Oder zugespitzt mit Wittgenstein
formuliert: Wir wissen alle und können präzise sagen, wie hoch ist
der Eiffelturm. Aber wir wissen und können nicht sagen, wie klingt
der Ton einer Klarinette. Eben das ist die Aufgabe der Literatur zu
sagen, wie der Ton einer Klarinette klingt. Dass Literatur das kann,
liegt letztendlich auch an den Spiegelneuronen.
Eine Alltagserzählung oder ein literarischer Text ohne Handlungen
gibt es nur als Grenzfall. Im Regelfall dagegen brauchen Texte, die
unsere Aufmerksamkeit haben wollen, viel Handlung, Handlung, die uns
anregen, zu fragen, welche Figur eigentlich wer ist, welche
Absichten verfolgt werden, wie die Figuren demnächst so oder so
vermutlich handeln werden, wie sich das „anfühlt“, wenn sie so oder
so handelt, eben Figuren zum Nachahmen im Kopf. Das ist der Grund,
warum wir uns in Büchern verlieren können. Wir versinken in der
anderen Figur.
Spannung in Geschichten ist daher keine unwesentliche Qualität. Ein
Text muss so etwas wie Spannung erzeugen und sei es, dass die
Spannung in der Erschließung von komplizierten Symbolen besteht.
Aber in der Regel geht es gar nicht um verzwickte Fragen wie, was
mag dieser Schwan in den Gedichten Hölderlins meinen. Wir fragen in
der Regel viel einfachere Dinge, insbesondere Kinder: Wer gehört zu
den Guten, wer gehört zu den Bösen? Das erzeugt Spannung.
Die meisten Geschichten, die wir uns erzählen, die wir lesen oder
anschauen, sind daher Beziehungsgeschichten, besonders solche, ob
Hans nun seine Grete bekommt, sind Geschichten von rätselhaftem
Verhalten wie etwa Kriminalfälle, fantastische Wandlungen, wie aus
einem unscheinbaren Jungen der berühmteste Zauberer wird, tragische
Geschichten von einander widerstreitenden Gefühlen, Geschichten
also, die unsere Fähigkeit zur Nachahmung anregen. Im Alltag
begegnen uns solche Erzählungen nicht, in der Literatur erfahren wir
sie verdichtet. Gerade darum ist Literatur Nahrung für unseren
Nachahmungsinstinkt.Nichts können wir besser und nichts interessiert
uns mehr, denn durch ihn sind wir geworden, was wir sind.
Kinder haben im Umgang mit solchen fiktionalen Welten der Literatur
ein erstaunlich sicheres Unterscheidungsvermögen, reale Welten von
erfundenen zu unterscheiden. Drei- bis fünfjährige Kinder
verwechseln nicht ihr Holzpferd mit einem richtigen Pferd, wissen
dass es Superman in der realen Welt nicht gibt und dass sie nicht
fliegen können, nur weil sie es lesen. Sie verwechseln auch nicht
ihr Verhalten, wenn sie zum einen Zeitpunkt ein Löwe waren mit dem
Verhalten zu einem anderen Zeitpunkt, wenn sie eine Prinzessin sind.
Das können sie sehr genau unterscheiden. Fast – muss man hinzufügen.
Denn diese eigentlich robuste Unterscheidung verläuft doch etwas
anders als bei Erwachsenen. Verabredet man mit Kindern zwischen vier
bis sechs Jahren, sich vorzustellen, in einem Kasten sei ein Hase
oder ein Monster und verlässt dann den Raum, so geht eine nicht
geringe Zahl der Kinder zu dem Kasten und schaut nach, ob nicht doch
ein Hase oder Monster im Kasten ist, und zwar die selben Kinder, die
ansonsten sicher den Unterschied zwischen realen und imaginierten
Objekten benennen können. Die Überwältigung durch die Vorstellung,
die die bloße sprachliche Benennung eines möglichen Hasen oder
Monsters in einer Kiste ausgelöst hat, ist ebenso eindrücklich
experimentell nachweisbar wie die Möglichkeit, durch das Vorlesen
eines Märchen, kleine Kinder dazu zu bewegen, Dinge für möglich zu
halten, die sie zuvor für unmöglich gehalten haben, etwa durch das
Aussprechen bestimmter Worte auf die andere Seite einer Glasschreibe
durchgreifen zu können.
Wir brauchen nicht lange zu überlegen, warum Kinder sehr viel besser
nachahmen können als wir. Sie müssen nämlich diese Nachahmung
ständig im Alltag anwenden, um so viel neue Dinge zu lernen. Deshalb
lernen Kinder auch viel viel schneller als wir. Diese wunderbare
Fähigkeit geht uns also ein wenig verloren, zumindest dann, wenn wir
sie nicht kultivieren, zum Beispiel mit Hilfe von Literatur. Eine
Funktion von Literatur ist auch, ein bisschen in der Kindheit
bleiben zu können.
Gerade je mehr kleine Kinder ihre Umwelt beobachten und spielend
nachahmen, desto mehr wächst ihr Interesse an magischen Charakteren
und Fähigkeiten, kurz: die Freude an der Nachahmung. Rollenspiele
gehören hier her, Spiele, bei denen man nicht zusieht, sondern ganz
in seiner Rolle aufgeht. Erst größere Kinder über sieben Jahre etwa,
können dann auch einfach nur zuschauen, können lesen, ohne handeln
zu müssen, weil sie gelernt haben, die Spiegelung der Handlungen
anderer zwar zu empfinden, aber nicht ausführen zu müssen. Ab etwa
sieben Jahren können Kinder dann auch mehrere, einander
widerstreitende Gefühlszustände in sich selbst simulieren, der
sogenannte Odysseus-Konflikt (nämlich den zwischen dem Wunsch, die
Sirenen hören zu wollen und sich zugleich vor ihnen hüten zu
müssen).. Einander widerstreitende oder zumindest nicht
deckungsgleiche Wünsche, Absichten und Ziele anderen zuzuschreiben
zu können, diese Fähigkeit geht zusammen mit der, beim Spiel nur
einfach zusehen zu können. Das ist der Grund, warum uns tragische
Geschichten interessieren.
Diese Muster im Umgang mit fiktionalen Welten, die sich also in der
Kindheit herausbilden, verwenden wir auch weit über die Kindheit
hinaus. Kleinkinder akzeptieren auch Ordnungen und mögliche Welten
und halten sie auseinander, die wir dann zu Gattungen, zu Genres
verfestigen. Wir wissen ungefähr, wie eine Handlung in einer
Kriminalgeschichte abläuft, wie sich ein Abenteuerroman oder eine
fantastische Geschichte entwickelt. Das hilft uns, Muster zu bilden,
und aus diesen Mustern besteht die Literatur. Literatur hat deswegen
immer zumindest grobe Regeln. Wir wissen, eine Tragödie hat einen
Helden, und der Held kann untergehen, er muss sogar am Ende
untergehen.
Man also muss nicht lange suchen, um zu erklären, warum der Mensch
über alle diese Fähigkeiten verfügt, warum er Literatur hat. Es ist
der schlichte Vorteil in der Evolution, so gut nachahmen zu können,
so gut den anderen verstehen zu können wie der Mensch. Darin ist er
allen Tieren überlegen – so nah uns die Primaten manchmal auch sind.
Der Mensch vermag über Nachahmung sich eine soziale Welt zu
erschaffen, die ihm das Überleben sichert. Und das fängt vom ersten
Tag an.
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