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W+B Agentur-Presseaussendung Januar 2008
Buchbesprechung
<< Wolfgang Kersting, Hrsg: Klugheit >>
358 Seiten, broschiert, EUR (D) 32,- / sFr 54.-; ISBN 3-934730-89-2,
ISBN 978-3-934730-89-2
Velbrück Wissenschaft, D-53919 Weilerswist-Metternich,
2005;
www.velbrueck-wissenschaft.de
Weitere Diskurshinweise zum Thema:
http://www.kultur-punkt.ch/praesentation/architektur/wbg-darmstadt10-99.htm
>Kersting > PA4
http://www.kultur-punkt.ch/buchtipps-allgemein/beck2-7-02.htm
>Höffe > PA4
http://www.kultur-punkt.ch/akademie4/diskurs/gerechtigkeit2-t.htm
>Höffe > PA4
http://www.kultur-punkt.ch/akademie4/diskurs/tüchtigkeit-t.htm
>Arete > PA4
http://www.kultur-punkt.ch/buchtipps-allgemein/schoeningh4-01.htm
>Sturma > PA4
Inhalt
Rehabilitierung der Klugheit – das ist das Interesse dieses Bandes –
mit dem Ziel, die im Normativen wie im Deskriptiven zuhauf
anzutreffenden epistemologischen Mängel moderner praktischer
Philosophie zu beseitigen, um ein umfassenderes Verständnis von
praktischer Vernünftigkeit zu gewinnen und ein angemesseneres
Praxiskonzept zu entwickeln. Damit könnte die von moderner
Interessenethik und Gesetzesmoral in die weltfremden Randbezirke des
Naturalen und Supranaturalen geschickte Vernunft in die Lebensmitte
alltäglichen Handelns zurückkehren.
Einleitung und Übersicht
Rehabilitierung der Klugheit
»In einem wesentlichen Sinn kann man nicht gut sein ohne die
Klugheit, noch klug ohne die ethische Tugend«, heißt es bei
Aristoteles. Die Klugheit versieht die Sittlichkeit mit einem
situationsaufmerksamen Realitätssinn; sie befindet über ihre
Erfolgsaussichten, wählt die geeigneten Mittel und Wege und
verschafft ihr Wirklichkeit. Der Kluge sorgt sich nicht um äußere
Werke, der Kluge sorgt sich um sich selbst. Die Erfahrung ist seine
Verbündete. Mit ihrer Hilfe will die Klugheit in der veränderlichen
Handlungswelt zielsicher agieren und dauerhaft erfolgreich sein. Und
umgekehrt prägt die Sittlichkeit das praktische Weltverhältnis der
Klugheit. Ohne diese sittliche Imprägnierung wäre Klugheit nur
Geschicklichkeit und Verschlagenheit. Und beide, Klugheit und
Sittlichkeit, wachsen aneinander, bestärken und vertiefen sich
wechselseitig und lassen das Leben des Handelnden gelingen,
bescheren ihm Glück.
Die Philosophie des Mittelalters hat Aristoteles Lehre von der
sittlichen Klugheit aufgenommen und in einen christlichen Rahmen
gestellt. Thomas von Aquin erblickt in der Klugheit eine »genitrix
virtutum« und in den Tugenden die normative Ausrichtung der
prudentia.
Doch mit Beginn der Neuzeit enden die »Epochen der alten Klugheit«.
Die Klugheit wird aus der lebensethischen Mitte gerückt. Sie
verliert die ethische Imprägnierung. Sie besitzt nicht mehr den
Charakter der Lebensführungskompetenz. Das Leben verwandelt sich in
eine Abfolge von Handlungen, die in einer Welt der Kontingenz mit
dem Mißerfolgsschicksal bedroht sind. Klugheit nimmt vor diesem
Hintergrund die Gestalt einer providentiellen, interessendienlichen
Kontingenzbewältigungstechnik an. Zum ersten Mal taucht diese
ethisch neutrale, nicht mehr selbstbezüglich die Qualität des
eigenen Lebens beaufsichtigende, sondern auf die Lösung von
Handlungsproblemen spezialisierte Klugheit in den Schriften
Machiavellis auf.
Menschliches Handeln ist immer situativ eingebettet, findet in einem
Spielraum statt, der seine Möglichkeiten definiert. Diesen
Randbedingungen muß es sich anpassen. Dabei ist zu bedenken, daß
diese Voraussetzungen nicht nur durch die
gesellschaftlich-politische Makrostruktur und die vorgefundene
Handlungssituation gebildet werden, sondern auch durch Natur und
Charakter des Handelnden selbst, durch die Beschaffenheit seines
Handlungsvermögens und seines Handlungswissens. Das kluge Hinnehmen
des Vorgegebenen, das aufmerksame Beobachten der Umstände und ihrer
Veränderungen, die sorgfältige Analyse der in der Situation
schlummernden Erfolgsmöglichkeiten und Risiken – das alles sind
Ingredientien rationaler Handlungsvorbereitung und gute Waffen für
den Kampf mit der launischen Fortuna, der Göttin der Kontingenz.
In seinem Gedicht über das Glück (Capitolo della Fortuna) hat
Machiavelli diesen Zusammenhang zwischen Erfolg und zeitgemäßem,
situationsgerechten Handeln mit Hilfe einer interessanten Variation
des traditionellen Fortuna-Symbols zum Ausdruck gebracht. Die
Schicksalsgöttin wirbelt in dem Gedicht nicht mehr mit dem einen
Rad, sondern, unvorstellbar für das mittelalterliche Denken, mit
vielen Rädern. Das endlichkeitsschwere Lebensrad weicht den vielen
Handlungsrädern, und derjenige kann sich dauerhaften Handlungserfolg
verschaffen, der sich akrobatisch von Rad zu Rad zu schwingen vermag
und nie abstürzt.
»Das beste Los erhält von allen…, wer sich ein Rad nimmt nach
Fortunas Willen. Denn stimmt die Leidenschaft, die dich zum Handeln
treibt, mit ihrem Willen überein, so bist du glücklich, wo nicht, so
ist dein Unglück dir gewiß. Doch auch selbst dann kannst du nicht
auf sie bauen…Denn während du gestiegen zu des Rades Rücken, das
gerade glücklich war und gut, verändert sie mitten im Lauf die
Richtung. Doch du kannst nimmer ändern die Natur und die
Neigungen…Wenn man dies begriffe und bemerkte, so wäre der stets
glücklich, der von Rad zu Rade überspringen könnte«.
Klugheit gebiert hier keine Tugendhaftigkeit mehr; Klugheit zeigt
sich in einem sorgfältigen Beobachten der Handlungsumstände und in
der Sorge um ein möglichst großes Handlungsrepertoire, um
Handlungsmächtigkeit. Der aristotelische Unterschied zwischen
phronesis und deinotes ist eingeebnet. Klugheit ist nichts anders
als Geschicklichkeit, als Mittelkompetenz.
Der vollendete Kluge ist bei Machiavelli ein charakterloser und
vorurteilsfreier Reflexions- und Distanzierungsvirtuose, der zu
allen Handlungsoptionen in Äquidistanz steht und bei der Suche nach
der nutzenmaximalen Alternative durch keine tugendethischen
Festlegungen gehindert wird. Literarische Gestalt gewinnt er im
Principe. Der Fürst, so schreibt Machiavelli zum hellen Entsetzen
der ganzen tugendethischen Zunft, müsse die »Fähigkeit erlernen,
nicht gut zu sein, und diese anwenden oder nicht anwenden, je nach
dem Gebot der Notwendigkeit«; er müsse »eine Gesinnung haben,
aufgrund derer er bereit ist, sich nach dem Wind des Glücks und dem
Wechsel der Umstände zu drehen und...vom Guten so lange nicht
abzulassen, wie es möglich ist, aber sich zum Bösen zu wenden,
sobald es nötig ist«. Wenn das Neue noch keinen Namen hat, kann es
sich nur am Alten zeigen, als Spannung, Widerspruch, Paradoxie: Was
Machiavelli hier als Gesinnung der Gesinnungslosigkeit, als
Charakter der Charakterlosigkeit beschreibt, bezeichnen wir als
optimale Rationalität. Für den Machiavellischen Politiker ist
Tugendhaftigkeit schädlich, da sie seine Beweglichkeit einschnürt,
sein Handlungsrepertoire verkleinert und damit seine
Handlungsmächtigkeit mindert. Tugenden sind Voreingenommenheiten,
praktische Vorurteile. Dem Tugendhaften stehen Handlungsweisen nicht
mehr zur Verfügung, die seinen Charakter- und Handlungsgewohnheiten
widerstreiten; sie sind seiner Disposition entglitten. Es ist eine
begriffsgeschichtliche Ironie, daß ausgerechnet Machiavellis
Klugheitsversion den folgenden Jahrhunderten als Inbegriff
politischer Kunst gilt. Denn die machiavellistische Klugheit ist
eine dezidiert entzivilisierte und entpolitisierte phronesis. Sie
ist aus der Mitte des allgemeinen gesellschaftlichen Lebens an den
naturalen Rand gerückt. Ihre Wirksamkeit ist durch die Dramatik der
Grenzsituation geprägt; ihre interne Logik steht im Bann der
Selbsterhaltung.
In der politischen Philosophie Hobbes’ wird diese machiavellische
Klugheit dann anthropologisches Allgemeingut. Die im Leviathan
entwickelten Konzepte, Argumente und Lehrstücke stehen allesamt
unter der kategorialer Dominanz dieser nüchternen, neutralen,
nutzenmaximierenden Rationalität. Als rational begründet gilt etwas,
wenn es dem individuellen Interesse dient. Und die in
Begründungskontexten erforderliche Allgemeingültigkeit verschafft
dieser Rationalitätstyp den Grundregeln dadurch, daß ihre allgemeine
Vorteilhaftigkeit, ihre Vorteilhaftigkeit für jedermann nachgewiesen
wird. Das Allgemeinwohl kann nur über den Konvergenzbereich privater
Nützlichkeiten identifiziert werden, dessen Zentrum das geteilte
Überlebensinteresse bildet.
In der Konzeption des rationalen Selbstinteresses wird der
traditionelle phronesis-Begriff bis zur Unkenntlichkeit verändert.
Aber auch die moderne Moralphilosophie spielt der alten Klugheit
übel mit. In der konsequentialistischen Epistemologie des
Ulitarismus ist ohnehin der gleiche Rationalitätstyp am Werk wie in
der individualistischen Nützlichkeitsethik und im Kontraktualismus.
Und auch unter der Ägide der Kantischen gesetzgebenden reinen
praktischen Vernunft bestehen für die phronesis nicht die geringsten
Aussichten auf Rehabilitierung. Die autonomiestolze Vernunft des
Moralgesetzes inferiorisiert die Klugheit, erblickt in ihr nur die
verächtliche Interessenverwalterin eines heteronomen Lebens.
Eine Rehabilitierung der phronesis ist aber nötig. Damit plädiere
ich nicht für eine Renaissance der aristotelischen Tugendethik oder
gar für eine Wiederbelebung des Neothomismus. Die
Gegenwartsphilosophie kann an der Klugheit nur ein praxeologisches
Interesse nehmen. Das Praxis- und Vernünftigkeitsverständnis der
vorherrschenden Vernunftkonzepte der Moderne, der universalistischen
Rationalität und der individualistischen Rationalität, steht unter
dem Einfluß theoretizistischer Modelle, auf deren verzerrende,
schematisierende Auswirkungen wir auch stoßen, wenn wir den Bereich
des Normativen verlassen und zu den vornehmlich im analytischen
Milieu erschaffenen handlungsphilosophischen Konstruktionen
übergehen. An eine Rehabilitierung der Klugheit mag sich die
vernünftige Hoffnung knüpfen, die im Normativen wie im Deskriptiven
zuhauf anzutreffenden epistemologischen Mängel moderner praktischer
Philosophie zu beseitigen, ein umfassenderes Verständnis von
praktischer Vernünftigkeit zu gewinnen und ein angemesseneres
Praxiskonzept zu entwickeln. Mit ihr kann die von moderner
Interessenethik und Gesetzesmoral in die weltfremden Randbezirke des
Naturalen und Supranaturalen geschickte Vernunft in die Lebensmitte
alltäglichen Handelns zurückkehren.
Menschen hasten nicht von Handlung zu Handlung, von Situation zu
Situation. Sie sind nicht an den »Pflock des Augenblicks«
(Nietzsche) gefesselt und kein Spielball fremder Kräfte. Sie haben
Selbstbewußtsein und häufig freie Wahl; sie haben eine Vorstellung
von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und verfügen über eine
providentielle, in die Zukunft hineinlangende Vernunft. Sie
entscheiden und planen, entwickeln langfristige Strategien, Ideale
und Wertperspektiven. In unseren Vorstellungen von einem guten und
richtigen Leben beziehen wir uns auf unsere Interessen, Wünsche und
Ansichten, bilden wir Formen, Muster, Ordnungen für Interessen,
Wünsche und Ansichten aus und entwickeln qualitative
Wertperspektiven, um zu vergleichen und zu gewichten. Diese
Wertperspektiven gehen weit über eine präferenzlogische
Hierarchisierung hinaus; sie begnügen sich nicht mit einer
lexikographischen Ordnung. Sie dekontingentisieren in einem starken
Sinn, denn sie stiften Sinn und Bedeutung. Sie konstituieren unsere,
obzwar kulturell vermittelte, persönliche Grammatik der Wichtigkeit,
Vorzugswürdigkeit und Wünschbarkeit. In ihrem Licht beurteilen wir
unsere Präferenzen und Vorhaben. Sie definieren die Standards, denen
wir uns verpflichtet wissen. Sie enthalten die Kriterien unserer
Selbstbewertung und entscheiden über Selbstachtung und
Selbstrespekt. Sie konstituieren die praktische Ontologie unserer
Selbstsorge. Als evaluatives Gravitationsfeld personaler Identität
begründen sie gleichzeitig gelingende Lebensführung und Selbstwert.
Dieses sich zwischen universalistischer Moralität und rationaler
Interessenverfolgung aufspannende ethische Zwischenreich wird durch
die Vernunftkonzepte der Moralphilosophie und der
rational-choice-Theorie nicht erfaßt. Hier waltet eine praktische
Vernünftigkeit, die in der modernen praktischen Philosophie
sprachlos bleibt. Der ganze Bereich der ethischen Alltäglichkeit, wo
das Leben hauptsächlich stattfindet, das wir führen, ist für die
modernen Vernunft- und Handlungsbegriffe weitgehend eine terra
incognita. Für seine rationalitätstheoretische Vermessung muß daher
auf andere Begriffe zurückgegriffen werden, auf weltfähige Begriffe,
die von der neuzeittypischen szientistischen Zuspitzung, von der
Dramatik der Dekontextualisierung nicht gezeichnet sind.
Fazit
Lassen wir den Herausgeber Wolfgang Kersting von " Klugheit" selbst
danach sprechen, da er das Autorenteam dazu hervorragend thematisch
umfassend auswählte:
I. geschichtsphilosophisch - Wolfgang Kersting (bei Platon,
Aristoteles: Staatsmann und Bürger), Christoph Horn(bei Thomas von
Aquin), Christine Chwaszcza (bei Smith: selbsterhaltend,
gefühlsmoralisch). Reinhard Brandt (bei Kant), Nocholas White (praktisch-erkennend
bei Platon, Aristoteles, Wittgenstein);
II. gegenwartsbezogen - Rainer Marten (zum Guten gerichtet), Dieter
Sturma (person-bezogen), Rüdiger Bubner (argumentierend), Karl
Mertens (zeitstrukturell-handelnd), Andreas Luckner
(moralisch-technisch), Peter Koller (menschlich- handelnd), Ottfried
Höffe (projekt-politisch), Sven Schmuhl (bibliographisch: phronedis/prudentia/prudence).
"Der vorliegende Band ist diesem Unternehmen verpflichtet. Er ist an
der konzeptuellen Leistungsfähigkeit des Klugheitsbegriffs
interessiert, will wissen, ob er für eine genauere Erfassung unseres
praktischen Selbstverständnisses hilfreich ist, und erprobt den
phronetischen Zugang zu dieser von der universalistischen und der
individualistischen Rationalität gleichermaßen ausgesparten Welt der
Praxis, zu dieser – in einem völlig unemphatischen Sinne: ethischen
– Lebensmitte.
Seine Beiträge gliedern sich in zwei Gruppen. Die erste – mehr
historische – Gruppe berichtet von den wichtigsten Stationen in der
Geschichte des Klugheitsbegriffs von Platon bis zu Wittgenstein. Die
zweite – mehr systematische – Gruppe untersucht die Bedeutung des
Klugheitskonzepts in der praktischen Philosophie der Gegenwart, in
der Handlungs- und Argumentationstheorie, in der Philosophie der
Person, der Moralphilosophie und der politischen Philosophie. |