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Ereignis-, Ausstellungs-, AV- und Buchbesprechung
<< Karl Eibl: Kultur als Zwischenwelt . Eine
evolutionsbiologische Perspektive>>
218 Seiten, Broschur (ISBN 978-3-518-26020-3) Euro 10,00 [D] / Euro
10,30 [A] / sFr 18.00
edition unseld 20. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006;
www.suhrkamp.de;
Inhalt
Kein ernstzunehmender Anhänger der biologischen Perspektive wird die
Bedeutung der Kultur für das menschliche Verhalten leugnen. Und kein
ernstzunehmender Anhänger der kulturwissenschaftlichen Perspektive
wird die Bedeutung der Evolution für das menschliche Verhalten
leugnen. Aber beide neigen dazu, die Bedeutung der jeweils anderen
Seite so schnell wie möglich zu bagatellisieren, um sich wieder ganz
der eigenen Perspektive zuwenden zu können.
Für Karl Eibl steht die menschliche Kulturfähigkeit nicht im
Gegensatz zur biologischen Ausstattung, sondern er versteht sie als
Produkt der biologischen Evolution. Erst die
Vergegenständlichungsfunktion der Menschensprache ermöglicht es, auf
Nichtanwesendes zu referieren: auf Vergangenes, Zukünftiges,
Abwesendes oder gar bloß Erfundenes. Sie erlaubt es überdies,
kohärente eigene Welten zu entwerfen: Zwischenwelten. Kulturen als
Zwischenwelten sind relativ autonome, riesige Relaisanlagen, in
denen die vielfältig sich wandelnde Umwelt des Menschen auf sein
altes, in Jahrmillionen evolviertes Nervensystem eingestellt wird.
Das Buch legt die wichtigsten biologischen Bedingungen und
kulturellen Binnenmechanismen solcher Konstruktionen dar und macht
dabei auch die biologischen Bedingungen hochkultureller Phänomene
wie der Religion, der Philosophie und der Künste sichtbar.
»In der Fähigkeit des Entkoppelns liegt das Spezifikum menschlicher
Problembehandlung. Indem wir eine zweite Ebene in unseren
Informationshaushalt einziehen, gewinnen wir die Möglichkeit,
riesige Mengen an Informationen zu verwalten, ohne daß diese direkt
auf unser Handeln Einfluß nehmen. Wir können vermerken, wo eine
Information gilt, wann sie gilt, von wem sie stammt (und wie
zuverlässig sie damit ist), wie häufig sie relevant ist, welche
Informationen eventuell konkurrieren und so weiter. Jede Information
kann sozusagen mit einem kleinen gelben Klebezettel versehen werden,
der über die Bedingungen ihrer Gültigkeit informiert.«
Fazit
Zwischenwelt bedeutet für Karl Eibl, in seiner Diskursschrift "
Kultur als Zwischenwelt . Eine evolutionsbiologische Perspektive"
nach Leo Weisgerber und Humboldt, dass Denken und Sprechen die
innere und äussere, subjektive und objektive Seite desselben
Vorganges seien: "Weltansicht" sozusagen (ergon / Sinn übermitteln +
energeia / Sinnbildung ermöglichen). Er sieht in seiner Untersuchung
in der Zwischenwelt ein naturwüchsiges Gemische aus Wahrheit und
Irrtum, Gut und Böse, das lebens-katastrophisch (klein bis gross)
nur zufällig und spontan korrigiert werden kann, so nicht Prüfung
und Aufklärung hinzutritt. Diesen Widerspruch zwischen Aufklärung
und Katastrophischen wirkt tragisch fort - ist empirisch bedrückend
weil unaufgelöst. Schade, da ist die Diskursschrift von Peter
Sloterdijk: "Du mußt dein Leben ändern" mehr sanguinischer Natur und
jener Eibl's vorzuziehen. w.p.09-4 |