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pa4-09-1pfister-hamletheute
<< Prof., Dr. phil. Manfred Pfister - Vortrag : "Hamlet heute"
09-1 - Staatstheater Stuttgart, 10. Januar 2009 >>
manfred.pfister@fu-berlin.de;
Zum Autor und
Sprecher:
Manfred
Pfister, Univ.-Prof., Dr. phil., a.D. (geb. 1943)
• Institut für Englische Philologie, Berlin
• Friedrich Schlegel Graduiertenschule für
literaturwissenschaftliche Studien
Fach: Literaturwissenschaft
Hinweis: Univ.-Prof. Dr. phil. a.D. Manfred Pfister ist zur Zeit
nicht regulär am Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften
beschäftigt, aber unter der angegebenen Telefonnummer und
eMail-Adresse erreichbar. Dienstliche Adresse: Institut für
Englische Philologie, Raum JK 29/224; Habelschwerdter Allee 45 ,
14195 Berlin .
Fax: +49 30 838 72335 ;
Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum
persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere
Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers Prof., Dr. phil. Manfred Pfister.
***
Glossar, einleitend:
A
änigmatisch, änigmatischer am änigmatischsten
Silbentrennung: änig·ma·tisch, änig·ma·ti·scher, am änig·ma·tischs·t
Bedeutungen: rätselhaft : Änigma stammt von dem
griechisch-lateinischen Substantiv aenigma (= das Rätsel)
P
performativ
Aussage im Moment ihrer Artikulation, z.B.:“Ich danke Ihnen“…
performance
Inszenierung, Aufführung, Happening…auf das Subjekt-Ich anvisierend
Wirkliche…
M
medium is the message / massage > Medium ist Botschaft und Massage
zugleich ( Mc Luhan )
R
Rezeptions-Ästhetik erforscht die Wirkungsgeschichte von
Kunstwerken…
S
solipsistisch
Das subjektive Ich ist das allein Wirklich und alle anderen Ichs
sind nur dessen Vorstellungen ( solus ipse = allein selbst)
Fazit vorangestellt:
I
Vie transcendentale: Diesseits-Jenseits; no-future; Wahn; Schwamm;
Labyrinth; Mausefalle;
Ich : Mich. Der Horror wohnt in uns (E.A.Poe) oder das Opfer/Monster
sind wir – in der Masse verborgen
II
Vie tragique: das Sein ist rätselhaft und verwirrend (bodenlos,
Abgrund, immerwährender Zeitenbruch); das Gegenüber ist das Selbst,
das MICH, zugleich inmitten von Publikum (politea);
III
Vie triviale: Hamlet = Collage, Performance, Happening,
Inszenierung, Vor-/Auf-Führung…auf das Subjekt-Ich anvisierend
Wirkliche…
Das Rätsel des menschlichen Seins (am Paradigma:Hamlet) wird
dreibödig und in genialisch strukturierter Handlung vor- und in der
klassischen Tragödie mit humorvollen Geistesblitzen durchsetzt
aufgeführt. Das Ende ist dem tragischen Helden und uns gewiss: Der
Tod. Das Wie ist hier gefragt. Dieses Wie wird von Manfred Pfister
umfassend und in seiner überbordenden Vielfalt der dramaturgischen
Sichtweisen im Verlauf der 400 Jahre Rezeptions-Ästhetik überzeugend
dargelegt. w.p. 09-1
********
INHALT
Hamlet heute . Staatstheater Stuttgart, 10. Januar 2009
I.
„Hamlet heute“ – in der Tat, in zweieinhalb Stunden wird auch heute
wieder der student prince Hamlet aus Wittenberg an den heimischen
Hof Dänemarks zurückgerufen werden und sich mit einer ins
Unheimliche verkehrten Situation auseinandersetzen zu müssen: mit
einem mitternächtlich zwischen Diesseits und Jenseits wandelnden
Geist, mit zerrütteten Familien- und Liebesbeziehungen, einem
korrupten Staat, der ihm zum Gefängnis geworden ist, und einer Zeit
aus den Fugen. Wie „heutig“ der heutige Stuttgarter Hamlet sein wird
in jenem emphatischen Sinn, den Jan Kott im Titel seiner kritischen
Klassikers, Shakespeare heute, 1965 herausstellte, und worin seine
besondere Heutigkeit bestehen wird: wir wissen es noch nicht. Dass
er aber ein heutiger sein wird, lässt schon das Rahmenthema der
Stuttgarter Hamlet-Saison erwarten, Ulrich Becks soziologische
Formel für die Befindlichkeit heutiger Jugend in Europa: „Generation
Hamlet“.
Aber ganz offensichtlich gab es eine „Generation Hamlet“ immer schon
und nicht nur heute – waren das Shakespeares Zeitgenossen, deren
elisabethanisches England ja keineswegs die im Nachhinein verklärte
nationalmythische Idylle eines Merry Old England und seiner Good
Queen Bess, sondern eine Spitzelstaat, der seine inneren
Widersprüche nur mit machiavellistische Methoden in Zaum hielt –
waren das die Jungdeutschen des Vormärz, für die Hamlet, durch
seinen Auftrag überfordert und durch seine philosophische
Selbstreflexion in seinen Handlungsimpulsen gelähmt, zum Menetekel
eines Volks der Dichter und Denker wurde, das an seiner
realpolitischen Aufgabe scheitert, einen
liberalen Nationalstaat zu schaffen – oder waren das die Europäer
des zwanzigsten Jahrhunderts, die in Hamlets Frustration und Ekel
eine Sprache, ein Organ für ihre eigene Entmächtigung und
Erniedrigung unter faschistischem und stalinistischem Terror fanden
oder die Jugend im Deutschland der Nachkriegszeit, die mit Hamlet
die Frage nach der Schuld der Väter stellten. Oder sind es
schließlich, wie heute, Ulrich Becks no-future kids, die neue
„Generation Hamlet“, die dem Projekt der Modernisierung Europas
ebenso misstraut wie Europas traditionellen Werten, aufgerufen wie
Hamlet zur Tat, und wie dieser verloren in einem Labyrinth
explodierender Komplexität - verloren in dem, was im Stück
Mausefalle heißt.
Jan Kott hatte recht: „Hamlet ist wie ein Schwamm. Wenn man ihn
nicht stilisiert oder antiquiert spielt, saugt er sogleich die ganze
Gegenwart in sich auf.“ Es war zu seiner Zeit schon ein aktuelles
Stück, ein Problemstück, das alles aufsaugte, was die Zeitgenossen
beunruhigte: die unsichere Gemengelage von Altem Glauben,
Reformation und Neuer Wissenschaft, die einen Geist aus dem Fegfeuer
doppelt verstörend erscheinen ließ – das alte politische Ethos des
Feudalismus, der blutige Rachekodex und die neuen
machiavellistischen Methoden – die unsichere Thronfolge und Englands
neue Rolle in Europa als mächtigster der protestantischen Staaten –
die Krise des Humanismus und seines Vertrauens in die Würde des
menschlichen Subjekts – eine Geschlechter- und Familienordnung im
Umbruch – das Theater selbst und seine Möglichkeiten, psychische und
soziale Wirklichkeit darzustellen und zu verändern. Und wenn wir auf
die Hamlet-Bearbeitungen und Inszenierungen der letzten hundert
Jahre zurückblicken, dann wird uns schnell bewusst, dass diese in
ganz unterschiedlicher Weise aus diesem Problem-Repertoire auswählen
und das Ausgewählte ganz unterschiedlich akzentuieren und
aktualisieren. Lassen Sie mich versuchen, dies der Einfachheit
halber an ein paar Fingern abzuzählen und die vier Hauptlinien, auf
denen sich Hamlet heute bewegt, kurz – und damit naturgemäß
vergröbernd – zu skizzieren. Ausgangspunkt sei dabei jeweils die
Szene oder Szenenfolge im Stück, die im jeweiligen Inszenierungstyp
besonders herausgestellt und zum Zentrum der ganzen Aufführung wird.
Da sind erstens jene Inszenierungen, die in der heftigen
Auseinandersetzung zwischen Hamlet und seiner Mutter in deren
Privatgemächern und in den Auftritten der in Wahn befangenen Ophelia
des vierten Akts gipfeln. Hier tritt die „Haupt- und Staatsaktion“
um das politische Schicksal Dänemarks ganz in den Hintergrund und
das Geschehen verdichtet sich zu einem engen Netz intimer
Familienbeziehungen und sich durchkreuzender Linien erotischen
Begehrens: Hamlet zwischen seinen zwei Frauen, der Mutter Gertrude
und der Geliebten Ophelia; Hamlet zwischen Mutter- und Vaterbindung
und die Königin zwischen ihren beiden Gatten und dem Sohn; Ophelia
zwischen ihren drei Männern, dem Bruder, dem Vater und dem
Geliebten. Der Schauplatz der Schlüsselszene, bei Shakespeare noch
recht neutral als ihr closet ausgewiesen, gerät dabei zum
Schlafzimmer der Mutter und Königin, und dieses wird beherrscht von
einem überdimensionierten Ehebett, das ominös in die Bühne
hineinragt und auf dem Mutter und Sohn miteinander ringen. Denken
Sie etwa an die Lotterbetten, die Olivier, Zefirelli oder Branagh in
ihren Hamlet-Filmen hier auffahren lassen! Inspiriert wurde und wird
eine solche Lektüre des Stück als Familienszenario natürlich vor
allem von Sigmund Freuds eindringlichen Hinweisen auf das
Inzestmotiv und das ödipale Dreieck im Hamlet. Seine Schüler haben
dies psychoanalytisch weiter ausgearbeitet, und den Lesern,
Kritikern und Regisseuren, die ihnen und den aktuellen gender
studies folgen, gerät damit Shakespeares Rachetragödie zum
Spiegelkabinett von Hamlets sexueller Verstörung und Ophelias
Zerstörung durch ein übermächtiges Patriarchat.
Eine zweite Inszenierungslinie geht nicht von Freuds
Familien-szenario aus, sondern akzentuiert im Gegensatz dazu die
öffentlichen, die politischen Dimensionen des Stücks. Entsprechend
steht nicht die Schlafzimmerszene im Mittelpunkt, sondern gerade
jene Szene, die im freudianischen Inszenierungsmodus meist
gestrichen wird, die vierte Szene des vierten Akts, in der Hamlet
auf freiem Feld das militärische Spektakel von Fortinbras’ Truppen
auf ihrem Marsch gegen Polen beobachtet und kommentiert. In ihr wird
der Charaktergegensatz zwischen dem reflektiert-zögerlichen
Dänenprinzen und seinem norwegischen Widerpart, dem durch seinen
Namen bereits als Haudegen ausgewiesenen Fortinbras, auf einen
politischen Punkt gebracht – dem der historischen Krise des
Feudalismus. Letztendlich kommt eine solche Lektüre des Stücks von
Marx’ Geschichtsphilosophie her; ihre Fokussierung auf Fortinbras
wurde jedoch vor allem von Brecht betrieben. Fortinbras hat zwar
auch bei Shakespeare schon das allerletzte Wort des Stücks in seinem
Nachruf auf Hamlet, der sich, wäre er denn König geworden,
„unfehlbar noch höchst königlich bewährt“ hätte; Brecht jedoch
verkehrt das in seinem Hamlet-Sonett zum sarkastischen Kommentar
über den von der ‚bürgerlichen’ Kritik bewunderten Helden; für ihn
lässt sich Hamlet durch Fortinbras’ Vorbild zum Rückfall „in
(blutige) Taten“ hinreißen. Um diesen historischen
Transformationsprozess von einem politischen System zu einem anderen
zu verdeutlichen, schrieb Brecht in den späten dreißiger Jahren
sogar eine eigene Szene als Übungsstück für Schauspieler, die
Hamlets „schrecklichen Amoklauf“ als fatalen Atavismus brandmarkt.
Deutliche Spuren hat eine solche Konzeption noch in Heiner Müllers
Hamlet-Inszenierung zum Zusammenbruch der DDR hinterlassen: Das
lange letzte Wort, das Fortinbras hier sprach, war nicht mehr das
Shakespeares, sondern das des polnischen Dichters Zbigniew Herbert
und seines Gedichts „Fortinbras’ Klage“ – des Hamlet-Nachrufs eines
Fortinbras, der seinen realsozialistischen Ordnungs- und
Sauber-keitsvisionen entgegenträumt. Und entsprechend kam dann am
Anfang dieses siebenstündigen Wende-Hamlets der Geist des Vaters
auch nicht aus dem Fegfeuer; Müllers Geist war vielmehr das Gespenst
des Kommunismus, des nimmertoten Widergängers Stalin.
Shakespeares Hamlet ist nicht nur ein Theaterstück; es ist auch ein
Theaterstück über das Theater, das das Theater und das
Theaterspielen zur Schau und damit auch in Frage stellt. Sein Held
ist nicht nur der Prinz von Dänemark, sondern auch ein kundiger
Theaterenthusiast – ein Amateurkritiker, der den Schauspielern die
Leviten liest; ein Amateur-schauspieler, der aus dem Gedächtnis
lange Reden aus einem Troja-stück rezitiert; ein Amateurdramatiker,
der bei Bedarf schon einmal ein vorliegendes Stück für seine eigenen
Zwecke umschreiben kann. Diese merkwürdige Konstruktion, diese
Einbettung des Mediums im Medium selbst, hat vor allem Kritiker und
Theater- oder Filmemacher, fasziniert, die im Bannkreis einer
postmodernen Ästhetik solchen Effekten einer sich selbst
bespiegelnden Medialität nachspüren, wie sie für unsere Gegenwart
geradezu paradigmatisch erscheint. Daraus leitet sich meine dritte
Inszenierungslinie ab, in deren Zentrum Hamlets Gespräche mit den
Schauspielern und vor allem das Spiel im Spiel stehen. Was
Inszenierungen dieses Typs verdeutlichen, ist, dass die Scheinwelt
des Theaters über dieses hinausreicht und auch das, was Wirklichkeit
heißt, immer schon eine medial vermittelte, ja medial hergestellte
ist, und dass Dasein immer schon heißt, eine Rolle zu spielen –
seien dies die Rollen, die die Hofwelt vorschreibt und ihre
machiavellistischen Intrigen und Lauschangriffe erzwingen oder in
denen Hamlet sich immer neue Identitäten zu erspielen sucht, seien
es aber auch die Rollen, die uns die moderne Soziologie und
Medientheorie als letztlich unhintergehbar bewusst gemacht haben.
Tom Stoppards von Innen nach Außen gestülpter Hamlet, sein
Rosencrantz und Guildenstern sind tot von 1966, in der die
sprichwörtlichen Komparsen zu Protagonisten und der Held zur
Nebenfigur verkehrt werden, gehört dazu ebenso wie Hansgünther
Heymes Kölner Medien-Hamlet von 1979, der Shakespeares
Selbstbespiegelung des Theaters in die moderne Welt der Mikrophone
und Kameras, der Lautsprecher und Bildschirme übersetzte, oder auch
Michael Almeraydas gleichfalls medienversessener postmoderner
Hamlet-Film der Jahrtausendwende.
Ich bin Ihnen noch meinen vierten Inszenierungstyp schuldig. Da ich
dem aber den Hauptteil meines Vortrags widmen will, lassen Sie mich
kurz vorausschicken, dass sich in einzelnen Inszenierungen alle
diese Typen durchaus auch überschneiden können. Das Paradebeispiel
dafür ist die Hamletmaschine Heiner Müllers, dessen achtzigsten
Geburtstags wir dieser Tage dankbar gedenken – eine Dekonstruktion
der Renaissancetragödie und damit eine einschneidende Reflexion über
das Medium des Theaters und seine Gattungen (Typ 3), zugleich eine
Tragödie jenseits aller tragischen Versöhnung, die in der
Aktualisierung und Radikalisierung sowohl der Staatskrise als auch
der Krise der Geschlechterordnung die ersten beiden Typen in
zutiefst verstörender Weise aufeinander bezieht. Und schließlich
treibt die Hamletmaschine auch das auf die Spitze, was in
Shakespeares Hamlet schon angelegt ist, aber noch durch eine intakte
Dramenstruktur umfangen und aufgefangen wird: den Monolog als
zentrales Element einer in den Innenraum des Bewusstseins
verlagerten Ich-Konstitution und als Medium der Darstellung eines
sich selbst in seiner Identität problematisch gewordenen Ich. Womit
ich bei meiner vierten Inszenierungslinie bin, der Monologisierung
des Dramas um seinen monologisierend Helden, die von Hamlets großen
Monologen – und natürlich insbesondere vom großen „Sein oder
Nichtsein“-Monolog – ihren Ausgang nimmt und sie zur bestimmenden
Darstellungsform einer Krise des Subjekts macht.
II.
Shakespeares Hamlet ohne seine sieben großen Monologe wäre wie der
in England sprichwörtliche „Hamlet without the Prince of Denmark“.
Zusammen charakterisieren sie Hamlet als den einsamsten aller
Shakespeareschen Tragödienhelden, ständig von allen beobachtet und
bespitzelt und immer isolierter von einer ihm fortschreitend fremder
werdenden Umwelt. Hamlet ohne seine Monologe wäre kaum der Hamlet,
den wir kennen – zwischen widersprüchlichen Stimmungen, Haltungen
und unvereinbaren Rollen hin und her gerissen, kritisch sich selbst
und allen Sinnsystem gegenüber und angewidert von der eigenen
Entschlussschwäche – kurz, die Verkörperung einer neuen skeptischen,
spezifisch nach-reformatorischen und frühneuzeitlichen Subjektivität
und Innerlichkeit. Zusammen geben die sieben Monologe dem äußeren
Handlungsablauf eine innere Perspektive; sie interpunktieren die
rasante Folge der Ereignisse mit Haltepunkten der Reflexion und
bestimmen damit wesentlich den dramatisch-theatralischen Rhythmus
der Tragödie.
Im Zentrum dieser Serie von sieben Monologen und nahe dem Zentrum
des ganzen Stücks findet sich der vierte, der „Sein oder
Nichtsein“-Monolog. Schon Shakespeares Zeitgenossen zitierten in
häufiger als irgendeine andere Passage seiner Stücke, und im Prozess
der englischen und europäischen Kanonisierung Shakespeares wurde er
bald zum kanonischen Herzstück von Shakespeares kanonischster
Tragödie befördert. Die sechs Einsilbler seines Anfangs, „To be or
not to be“, aus dem schlichtesten, gängigsten Wortmaterial des
Englischen gefügt, wurden in ihrer Sprachmagie schnell europaweit
zum geflügeltsten aller geflügelten Wort Shakespeares, und den
ganzen Monolog konnte, wie Lichtenberg 1774 in London beobachtete,
ein großer Teil der Zuschauer „wie ein Vaterunser auswendig“
mitbeten.
Was machte denn gerade diesen Monolog so berühmt und populär, dass
er seit dem achtzehnten Jahrhundert, als die Mutter aller Monologe,
sozusagen, nicht nur in Shakespeares Gesamtwerk, sondern in der
ganzen dramatischen Weltliteratur gilt? Lassen Sie mich dazu
zunächst zwei Antworten versuchen.
Eine erste liegt wohl darin, dass gerade „To be or not to be“ sich
so leicht aus dem dramatischen Zusammenhand herauslösen und als
Anthologiestück Shakespearescher Dichtkunst ausstellen lässt. Im
Gegensatz zu allen anderen Monologen im Hamlet, bezieht er sich
überhaupt nicht auf die konkreten Gegebenheit der dramatischen
Situation, in die er gesprochen wird, weder auf den Sprecher selbst,
der sich nirgendwo in der ersten Person anredet, noch auf die
Ereignisse, die der Situation vorausgehen und folgen. Die Frage, die
Hamlet sich stellt, ist vielmehr der allerallgemeinsten Art: Was
wäre denn allgemeiner als die Frage nach dem Sein oder Nicht-Sein,
und wie könnte man die lapidarer stellen als in diesen sechs
einsilbigen Basiswörtern?
Schlicht wie die Phrasierung ist, so ist das, was hier gesagt wird,
jedoch keineswegs einfach und klar. Und auf diesem Paradox gründet
meine zweite Antwort: Je öfter wir den Monolog hören oder lesen,
desto mehr scheint er geradezu nach Kommentar und Interpretation zu
schreien, und produzieren alle Kommentare und Interpretationen immer
nur weitere und ziehen uns so in ein semantisches Labyrinth hinein.
Auch heute noch, nach vierhundert Jahren intensiver
Auslegungs-bemühungen, gibt es keinen allgemeinen Konsensus darüber,
worüber hier Hamlet eigentlich spricht – ob über Selbstmord oder
Tod, über das Leben nach dem Tod, über melancholische
Selbstreflexion, entschlossenes Handeln und Rache oder über all dies
gleichzeitig.
Erwarten Sie nun von mir nicht, dass ich hier endgültige Klärung
schaffe – bin ich doch davon überzeugt, dass es gerade die
Dunkelheit und Rätselhaftigkeit dieses Monologs ist, die zu seiner
unvergleichlichen kanonischen Erfolgsstory wesentlich mit
beigetragen hat. Dieses Paradox teilt der Monolog mit dem ganzen
Stück, das T.S. Eliot einmal „die ‚Mona Lisa’ der Literatur“
bezeichnet hat. Beider Faszinationskraft, die von Shakespeares
Tragödie wie die von da Vincis Portrait, entspringt ihrer
Rätselhaftigkeit; beide sind änigmatisch und verwirrend oder – wie
Hamlet in seinem Monolog sagt: „puzzling“. Wo andere
Renaissance-dramatiker die Konvention des Monologs einsetzten, dem
Zuschauer das Innenleben ihrer Protagonisten verständlich zu machen,
setzt Shakespeare im Hamlet sie ein, das Geheimnis seines Helden zu
vertiefen.
Der Monolog, der in der Renaissancedramatik als Darstellungsmedium
einer neuen, subjektiven Innerlichkeit eine überragende Bedeutung
gewinnt, wird damit sogleich zum Medium ihrer Krise, zum Medium der
Krise eines Subjekts, das seine Identität vor allem über den
Innenraum seiner Gefühle und Reflexionen bestimmt und sich dabei in
Skepsis und Melancholie verstrickt.
Dies zeigt sich schon darin, dass Hamlets Monolog ja gar nicht so
monologisch ist. Und damit sind wir einer dritten Antwort auf der
Spur, warum „Sein oder Nichtsein“ so berühmt und zum Modell für so
viele Monologe des europäischen Theaters geworden ist. Eine
Handbuch-Definition des Monologs sagt, dass „ein Monolog von einer
Person gesprochen wird, die allein auf der Bühne ist oder sich
allein wähnt.“ Dies scheint ja ganz auf Hamlets Monolog zu passen.
Und doch trifft das Kriterium, dass ein Monolog kein Gegenüber,
keinen Adressaten hat, hier nicht so recht zu. Hamlet hat ja ein
Gegenüber: sich selbst, sein eigenes Ich, das er mit immer neuen
Fragen bestürmt.
Sein Monolog erweist sich damit als internalisierter Dialog, und als
solche lotet er die Kluft zwischen dem Ich, das spricht, und dem
Ich, über das es spricht, aus, die Kluft zwischen den
widerstreitenden „zwei“ – oder drei, oder mehr – „Seelen, ach! in
meiner Brust.“ Hamlets Monologe sind damit frühe Beispiele jenes
selbstkritischen und skeptischen „Dialogs des Geistes mit sich
selbst“ zeigt, den schon der große viktorianische Dichter und
Kulturkritiker Matthew Arnold als die Signatur der Moderne
bezeichnet hat.
Und es ist gerade diese Qualität, die ihnen ihre besondere
performative Energie verleiht, die sie zu „Sprechakten“ macht, zu
Äußerungen, die nicht einfach bedeuten, sondern im Akt des Äußerns
Handlungen vollziehen und Wirklichkeiten schaffen. Sie artikulieren
nicht das Ergebnis eines vorgefassten und abgeschlossenen
Gedankengangs sondern zeigen Hamlet im Prozess des Ringens mit sich
selbst – seiner letztlich immer scheiternden Versuche, sich Klarheit
über sich selbst zu verschaffen. Was im ruhig überlegten Duktus
einer philosophischen Disputation beginnt, wie er dem Studenten aus
Wittenberg wohl ansteht, verliert sich so bald in einem Labyrinth
sich verzweigender Fragen, die zu keinem Schluss oder Entschluss
führen, sondern mit dem Auftritt Ophelias einfach abbrechen. Nicht
auf das Produkt, sondern auf den Prozess des Denkens kommt es hier
an. Und dieses Denken ist auch nicht das systematisch klare eines
cartesianischen, seinem Körper enthobenen Subjekts, sondern ein
Denken mit Haut und Haaren, ein Denken im ständigen
Selbstwiderspruch – wie auch das Denken Montaignes in seinen Essays.
Und wenn ich meinem Hamlet für sein „Sein oder nicht Sein“ ein Buch
in die Hand geben sollte, dann wären das in
der Tat die Essais Montaignes, die gerade in den Hamlet-Jahren
England erreichten. Es ist genau diese „performative Wende“, in der
die Rede nicht mehr eine vorgegebene und stabile Identität
ausdrückt, sondern Identität als eine nie fertige und abgeschlossene
im Reden und Handeln sich formt, die die Modernität von Hamlets
Monologen ausmacht und sie zum Modell für spätere Dramatiker in ganz
Europa machte.
Was sich dabei aus einer deutschen Perspektive aufdrängt – einer
Perspektive, die sich des Nutzens bewusst ist, den Schiller und
Goethe, Kleist und Büchner aus diesem Modell gezogen haben – ist,
dass Shakespeare hier ein kognitives und kommunikatives Prinzip
vorweggenommen hat, das erst zweihundert Jahre später der deutsche
Dichter und Dramatiker Heinrich von Kleist auf den Begriff gebracht
hat: den der „allmählichen Verfertigung der Gedanken – und damit
auch des Selbst! – beim Reden”.
III
Lassen Sie mich an diesen Punkt nun in die Gegenwart der letzten
dreißig, vierzig Jahre springen, und fragen, wie in unserer Zeit das
Theater mit Hamlets großem Monolog umgegangen sind. Vollständigkeit
ist hier nicht möglich; ich werde mich damit begnügen müssen, einige
charakteristische Tendenzen herauszustellen, die den
monologisierenden Hamlet zur Chiffre für das ganze Stück machen und
ihn in die Nähe modernen und post-moderner Dekonstruktionen von
Subjekt und Identität rücken.
Die Nullstufe eines solchen Umgangs besteht darin, „Sein oder nicht
Sein“ ganz zu streichen. Da Hamlet und sein großer Monolog so eng im
kulturellen Gedächtnis miteinander verknüpft sind, so eng, dass in
der Rezeptionsgeschichte Hamlet und sein Monolog das eigene Stück in
den Schatten gestellt haben, erzeugt das natürlich eine pointierte
Leerstelle. Just dies passiert in Tom Stoppards Rosencrantz und
Guildenstern sind tot, der erfolgreichsten aller Hamlet-Collagen.
Alles, was hier vom großen “Sein oder nicht Sein“ bleibt, ist eine
winzige Anspielung in einer Regieanweisung: Rosenkrantz und
Guildenstern beobachten verwundert, wie der große Einsame, ganz in
seinen eigenen Gedanken befangen, im Hintergrund auf und ab wandelt,
„weighing the pros and cons of making his quietus“.
Eine solche Enttäuschung der Zuschauererwartung ist komisch und
nimmt ikonoklastisch den Klassikerstatus des gefeierten Stücks und
seines noch gefeierteren Monologs auf die Schippe. Noch
einschneidender ikonoklastisch ist jedoch, was eine andere
Hamlet-Collage der sechziger Jahre, der Marowitz Hamlet mit dem
monologisierenden Hamlet anstellte. Im politisch überhitzten Klima
der Anti-Vietnamkriegsagitation und Studentenrevolten erscheint
Shakespeares monologisierender Held Charles Marowitz als „der
Inbegriff des von Gewissensqualen gelähmten Liberalen: eine der
tödlichsten und widerwärtigsten Charaktertypen der Gegenwart.“ Sein
Hamlet ist vor allem der monologisierende Hamlet, und seine
Hamlet-Performance wird damit zu einem Stück, das, wie er schreibt,
„ganz im Inneren Hamlets stattfindet.” In einem solchen Kontext, in
der alles äußere Geschehen zur bloßen Projektion von Hamlets innerem
Monolog und der „inneren Wirklichkeit“ seiner Sinnkrisen und
Konflikte wird, würde man nun erwarten, dass „Sein oder nicht Sein“
eine besonders akzentuierte Rolle spielen würde. Dem ist aber nicht
der Fall. Seine hochberühmten zweiunddreißig Verse, werden auf
sieben zusammengestrichen und sechs davon, darunter “So macht
Gewissen Feige aus uns allen“, werden Fortinbras als sarkastischer
Kommentar über diesen Waschlappen-Hamlet in den Mund gelegt Und wenn
dann, ein paar Minuten später, Hamlet tatsächlich zu seinem großen
Monolog ansetzt, kommt er nicht über den ersten Vers hinaus und geht
sein „To be or not to be“ in „allgemeinem sarkastischen Lachen“
unter.
Die Tendenz, die sich in Marowitz’ Collage abzeichnet, nämlich das
ganze Drama um Hamlet als Projektion seiner inneren Phantasien und
damit als eine einzige monologische Phantasmagorie zu inszenieren,
wird für eine ganze Reihe wichtiger Hamlet-Aufführungen bis heute
bestimmend. Ich selbst bin ihr zum ersten Mal 1979 in Köln begegnet,
wo Hansgünther Heyme zusammen mit Wolf Vostell Hamlet in die
Medienwelt des zwanzigsten Jahrhunderts versetzte. Elektronische
Apparaturen beherrschten hier die Bühne, Mikrophone, Walkietalkies,
Tonbandgeräte, Videokameras und achtzehn Fernsehmonitore, mit denen
die Figuren sich selbst bespiegelten und medial reproduzierten. Hier
galt McLuhans Devise, „The medium is the message“, und die Message,
die Botschaft, war die von der radikalen Selbstentfremdung des
Menschen von sich selbst unter den Bedingungen einer medial
konstruierten (und de-konstruierten) gesellschaftlichen
Wirklichkeit. Unter diesen Bedingungen bricht der eine Hamlet in
zwei auseinander: in einen Hamlet auf der Bühne, befangen in den
wüsten Sexualphantasien seines Unterbewusstsein, reduziert auf krude
Körpergesten und auf seinen Körper, in den er sich verstört
grimassierend vor einer
Videokamera versenkt; einen anderen im Zuschauerraum, der von seinem
Regisseurssitz aus die großen Monologe im nostalgisch
beschworenen Glanz von Schlegels romantischer Übersetzung über das
Lautsprechersystem intoniert. Hier „bricht“ nicht nur, wie am Ende
von Shakespeares Hamlet, „ein edles Herz“ (V,i,370); hier zerbricht
die bloße Vorstellung eines in sich geschlossenen, ganzheitlichen
Subjekts. Es fällt in der Performance der Monologe auseinander in
eine tierisch-monströse Körpersprache, in der Hamlet seine
unterbewußten Phantasien ausagiert, und in seine körperlose, nobel
selbstreflektierende Rezitation über Lautsprecher. Dieser Bruch
treibt den inneren Dialog auseinander tretender Aspekte des einen
Ich, der für Shakespeares Hamlet-Monologe so charakteristisch ist,
auf die Spitze. In diesem Sinn fungieren im Medien-Hamlet Heymes und
Vostells die Monologe nicht nur als Mittelpunkt, sondern als Modell
der ganzen Performance, die über ihren multimedialen Monolog auf die
Bühne und Bildschirme projiziert, was in Hamlet selbst vorgeht und
wie sich sein Ich zersetzt.
Eine vergleichbare Monologisierung des Hamlet betreibt zur selben
Zeit, wenn auch in ganz anderer Weise und mit ganz anderen
Intentionen, Heiner Müller in seiner inzwischen viel gespielten
Hamletmaschine von 1977. Robert Wilson hat sie 1986 in New York und
Hamburg auf die Bühne gebracht und Heiner Müller selbst sie 1989 in
seine siebenstündige Hamlet-Inszenierung eingebaut, mit der er den
Fall der Mauer und die Implosion der DDR bedachte. Sie besteht aus
fünf Teilen – man zögert, sie Akte zu nennen – und nur der zentrale
dritte Teil, das “Scherzo”, hat die Form eines Dialogs, wenn dieser
auch zu einem Nebeneinander-her-Reden von Hamlet, Ophelia und
Stimmen aus einem Sarg verkommen ist. Die restlichen vier Teile, die
diesen symmetrisch rahmen, sind reine Monologe, gesprochen von
Hamlet and und Ophelia.
Und obwohl keiner von Müllers Monologen irgendeinen von Shakespeares
Monologen zitiert, geschweige denn “Sein oder nicht Sein”, so spielt
doch die ganze Performance die Monolog-Lastigkeit der
shakespeareschen Tragödie aus, die sich in der monologischen
Introversion des Helden verdichtet, seinem inneren Dialog
widersprüchlicher Impulse. Hier, bei Müller, wird er allerdings zum
verzweifelten Widerstreit zwischen dem Traum von sozialistischen
Utopien und nihilistischem Weltekel aktualisiert.
Im Winter 1995/96 bot mir eine „Shakespeare Season“ in Berlin
weitere Gelegenheit zur Spurensuche nach solch monologisierten
Hamlet-Performances, nach solchen heutigen Hamlets, in denen das
Monologische überhand nimmt und letztendlich das ganze
Stück zur Projektion eines inneren Monologs gerät. Da waren
nicht weniger als acht Hamlets aus aller Welt zu besichtigen,
darunter nur eine einzige traditionelle Aufführung, während alle
anderen die elisabethanische Tragödie in heutige Performance Art
verwandelten. Da kam, zum Beispiel, Romeo Castellucci mit seiner
Truppe aus Ceséna. Ihr Amleto dampfte Shakespeares Stück zu einem
Mono-Drama ein, in dem Horatio, der einzige Überlebende des
Helsingör-Massakers, Hamlets Traumata obsessiv immer neu
durchspielt, umgeben von wüst aufgetürmten Haufen alter Batterien
und kaputten technischen Geräts, Automaten und Neon-Kruzifixen, in
denen sich sein gequälter Körper verfängt. Es war dies eine
Performance monologisch bis zum Autismus; ein Monolog, der nichts
mehr von Hamlets Beredtheit weiß sondern sich weitgehend in stummer
Körpersprache artikuliert. Der einzige Satz, den Horatio – „die
Stimme, die allen Worten entsagt“, wie es im Programmheft heißt -
noch äußert, steht nicht bei Shakespeare: „My name is Hamlet.“ Mit
diesem Satz definiert sich Horatio als Hamlets anderes Ich und seine
Performance als einen verkörperlichten inneren Dialog, den Monolog
ihrer ineinander verschmelzenden Identitäten, der jede eindeutige
Identitätsbehauptung unterläuft.
Aus Paris war Peter Brooks “recherche théâtrale” Qui est là gekommen
– ein szenisches Laboratorium, das die metatheatralische
Dimensionen von Shakespeares Hamlet erforscht und dabei Textpassagen
des Originals – darunter mit besonderem Nachdruck den “Sein oder
nicht Sein”-Monolog – mit Exzerpten aus den Schriften der Pioniere
des modernen Theaters - Meyerhold, Stanislavski, Brecht, Artaud –
and des No-Schauspielers the Zeami. – Inzwischen ist Peter Brook
noch einmal zum Hamlet zurückgekehrt und hat dabei die Früchte
seiner recherche théâtrale geerntet. Sein neuer Hamlet, der 2001 in
Paris seine Premiere hatte und dann weltweit gastierte, war so
multikulturell wie Qui est là, aber im Gegensatz zum früheren
metatheatralischen Exerzitium brachte er nun wieder die Geschichte
Hamlets auf die Bühne und nicht nur isolierte Passagen darauf. Er
erzählt die Geschichte mit solch zwingender Intensität, dass man ihr
folgte, als hätte man sie noch nie gehört oder gesehen. Ein
äußerstes karges Bühnenset konzentriert die Aufmerksamkeit ganz auf
die Schauspieler, und vor allem auf das, was sie, und wie sie es
sagen. Sie sprechen und bewegen sich mit einer Selbstversenkung, die
mehr mit zeitgenössischer Performance Art als mit traditioneller
Schauspielerei zu tun hat. Dies gilt in besonderer Weise für Adrian
Lesters Hamlet und seinen „Sein oder nicht Sein“ Monolog, der,
obwohl hier wieder eingebettet in seine dramatischen Zusammenhänge,
zum bewegenden Herzstück der ganzen Aufführung wird. Und schließlich
war zur Berliner Shakespeare-Saison aus New York Robert Wilsons
Hamlet-Performance gekommen. Ihr Untertitel war Programm: „A
Monologue“! Hamlet als Einmann-Show im vollsten Wortsinn, denn
Wilson hat nicht nur den Text eingerichtet und die Performance
inszeniert, er war sein eigener Bühnenbildner und spielte auch den
Hamlet selbst. Und wenn er dann auch noch in einem Interview betont,
er sähe sein eigenes Leben in dem Hamlet gespiegelt, wird die
monologische Selbstbespiegelung komplett. Wilsons Hamlet entfaltet
sich als eine Serie von Rückblenden – eine Folge von
Erinnerungsbildern, wie sie im Bewusstsein eines Sterbenden
aufblitzen. Auch hier sind wir also wieder im inneren
Bewusstseinsraum des monologisierenden Protagonisten, und die
phantasmagorischen Bühnenbilder erscheinen als Projektionen dieser
Innenwelt: Hamlets Silhouette, die uns an die Conrad Veidts im
Cabinett des Dr. Caligari oder an die Bela Lugosis im Dracula
erinnert, vor einem Caspar David Friedrich Hintergrund von
Felsformationen; ein schimmerndes Excalibur-Schwert und die
aufgehäuften Kleider und Schuhe der Toten. In einer großen
Endlosschleife aus fünfzehn Bildern blendet die Performance
rückwärts und vorwärts durch das Stück, beginnend mit “Had I but
time” aus dem letzten Akt und endend mit seinen Sterbeworten, “The
rest is silence”.
Hamlet als Monolog meint hier freilich nicht, dass Wilson-Hamlet
hier nur die Monologe spräche; Wilson montiert vielmehr Textsplitter
aus allen Reden Hamlets, den dialogischen wie den monologischen,
denn in seiner Konzeption gehören Hamlets Dialoge ebenso zu seinem
inneren Selbst wie die Monologe. Drei von diesen, und darunter
besonders häufig und eindringlich deren Herzstück, „Sein oder nicht
Sein“, ragen dabei jedoch heraus und unterstreichen, was Wilson in
einem Interview zu seiner Regiekonzeption sagte: Hamlet als „A
Monologue“ „findet gänzlich in Hamlets Bewusstsein statt“, „das
ganze Stück, das ganze Leben“.
Mit Wilsons Monolog-Hamlet habe ich das Ende meiner Flugbahn
erreicht – den Punkt, an dem die bei Shakespeare schon angelegte und
in der vierhundertjährigen Rezeptionsgeschichte immer wieder
herausgestellte poetische und dramatische Zentralität der Monologe
und ihrer Frage nach Identität ihr non plus ultra erreicht. Jenseits
dieses Punkts – jenseits eines solchen alles umgreifenden inneren
Monologs und einer solipsistischen Performance, die Hamlets innere
Welt ganz nach außen stülpt – ist nur noch das denkbar, was Hamlet
in seinem letzten Worten aufruft: „Der Rest ist Schweigen.“
Das Theater aber geht auch nach Wilson noch weiter, und lassen Sie
mich bitte mit meinen zwei jüngsten Hamlet-Erfahrungen schließen,
bevor wie uns dem Stuttgarter „Hamlet heute“ zuwenden. Die erste war
eine getanzte Fassung des Tanztheaters Basel, 2002 choreographiert
von Joachim Schlömer. Wie tanzt man einen Monolog? werden Sie sich
dabei vielleicht fragen, und diese Frage stellt sich vor allem auch,
weil hier der Titel schon Hamlets großen „Sein oder nicht sein“
Monolog anzitiert: „Hamlet-to sleep/no more“. Wie Schlömers
Dramaturg in einem Gespräche erläuterte, ging es dabei darum,
„Körper in einen sprechenden Zustand zu versetzen, über körperliche
Erfahrungen Zustände herzustellen und sichtbar zu machen.“ Hamlet
wurde dabei ins Zentrum einer Reihe einander überlagernder
konzentrischer Kreise gerückt – von der intimen Beziehung zur
erniedrigten Ophelia bis zum Geist, der wie ein Schmierenkomödiant
verzweifelt versucht, Hamlets ‚eigentliche’ Geschichte zu erzählen.
In Hamlets Monologszene „In der Kammer“ dominiert seine abweisende
Haltung die tänzerische Sprache: „immer wieder ist er auf sich
selbst, auf den Stuhl/Thron zurückgeworfen, sitzt darauf fest. Immer
wieder scheint er im geraden Gang nach vorne an den Bühnenrand
gefangen, nur langsam kann er in die Diagonale ausbrechen.
Verschiedene Bewegungen und Bewegungstypen deuten unterschiedliche
Affekte und Erinnerungen an.“ Und so brach auch dieser Hamlet, dem
für seine Traumata und Desorientiertheit keine „Worte, Worte, Worte“
mehr zur Verfügung stehen, in widersprüchliche Haltungen und Impulse
auseinander, die er in radikaler Skepsis dem eigenen Ich gegenüber
nur noch sich und dem Publikum vorspielen, aber sich und dem
Publikum nicht mehr verständlich machen kann.
Mein bislang letzter Hamlet war vor wenigen Wochen Thomas
Ostermeiers Schaubühnen-Hamlet. Hier interessierte sich niemand mehr
so recht für die alten Hamlet-Probleme, weder für seine
metaphysische Skepsis oder die Zukunft Dänemarks noch für den
Racheauftrag, weder für das ödipale Dreieck noch den Unterschied
zwischen wirklichem und gespielten Wahnsinn, zwischen Melancholie
als Krankheit oder Pose.
Hier agierte eine neue „Generation Hamlet“ von Anfang an auf einem
morastigen Friedhof abgetaner Hoffnungen und Werte und gefiel sich –
und dem überwiegend jungen Publikum! – darin, sich als no future
kids zu inszenieren. Und über all dies warf der „Sein oder nicht
Sein“- Monolog einen langen und grimmigen Schatten. Er wurde gleich
dreimal vorgetragen: ganz am Anfang mit seinem ganzen kanonischen
Gewicht als Prolog zitiert, später parodistisch veralbert und
schließlich – wie von ganz weit her – in jenem vollen existentiellen
Ernst, der für die „Generation Hamlet“ eigentlich nicht mehr zu
haben ist.
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