Alexandrina Slavescu:
Liebe und Tod. Essay zu Heeres Collagen
Heeres Collagen könnten Traumbilder sein, die aus unseren Tiefen
unerwartet und ungeordnet im Raum des Bewusstseins auftauchen und mit
denen wir in den ersten Augenblicken des Wachseins nichts anfangen können.
Nur eines, dass sie uns mit ihrer kraftvollen inneren Spannung nicht mehr
aus dem Kopf gehen. Wir möchten sie unbedingt entschlüsseln, denn wir
ahnen es: wir würden dann mehr über uns selbst erfahren. Und so
beginnen wir das Bildinnere zu ordnen.
Wenden wir uns der Bildwelt
Heeres im Einzelnen zu, so finden wir dort die großen Themen aus der
Geschichte des Denkens verarbeitet. Es geht um
Themen wie Liebe,
Schönheit, Tod, Erotik, Ewigkeit, die insgesamt gleichsam das Material
bieten, das Heere auseinanderlegt und wieder neu
collagiert.

In der Reihe mit dem Titel „Tod in Venedig" – die Assoziation zu
Thomas
Manns Erzählung kann nicht ausbleiben – collagiert Heere schöne Models
aus der Werbung, junge kraftvolle Männer- und Frauengesichter voller
Leben, die als moderne Prototypen der Schönheit gelten, mit den Kulissen
Venedigs, die Stadt der Träume und der Liebe.
Wo könnte die Schönheit eher zu
Hause sein als in Venedig! Venedig, das ist die Stadt des Theaters;
Venedig, die Stadt der Eleganz; Venedig, die Stadt der Paläste und der
beflügelten Löwen als Symbole der Macht; Venedig, die Stadt der Kunst;
Venedig, der Karneval eines Lebens mit vielen Gesichtern. Doch hinter den
Kulissen lauert der Tod, rot wie die imperialen Vorhänge der Theaterbühnen
oder tiefblau wie das Wasser, in das Venedig der Vergänglichkeit geweiht
ist. Also, auch Venedig, die Stadt der Morbidität und der stinkenden
Kanäle, die Stätte des Todes.
In Heeres Gemälden und Collagen verblassen die junge Frau, der schöne
Mann, selbst Botticellis Venus, die Göttin der ewigen Schönheit. Dazu die
venezianischen Paläste, die prunkvoll vergoldeten Kirchen, die Gemälde,
die von der Sinneslust der Götter erzählen, alle irdischen Zeichen von
Herrlichkeit und Macht. Die Schönheit versinkt in den Fluten der Zeit.
Denn die Schönheit, die uns verführt, ist die Maske des Todes. All
das, was in Erscheinung tritt, was aus der Dunkelheit farbenprächtig
aufleuchtet, wird verblassen und vergehen. Denn wenn das Leben uns hat, so
hat uns auch der Tod. Verführt von der Schönheit beginnen wir zu lieben
und in der Hingabe der Liebe beginnen wir zu vergehen.

Einige Worte zu den Christus–Bildern:
Die vielfach vergrößerte Textur einer Buchseite scheint aus lauter
Hieroglyphen zu bestehen. Es ist etwas Orakelartiges an ihr; sie erscheint
wie eine Prophezeiung. Auf unserem Weg der Entschlüsselung des Bildes
beginnen wir dort, wo die Farbe die Schrift nicht zu überwältigen vermag,
mit forschendem Blick einige Wörter aus den überschriebenen Bildern zu
lesen. Ausdrücke wie: Rundung der Brüste, Scham, Schenkel, Nymphe, Furcht,
Daphne,...Hände des Typhon die Wolken berühren...,...ich zu böser
Vermählung würd ich mich wandeln...All diese Wörter transportieren uns in
die Mythologie, dorthin, wo unser Ursprung ist, dort wo die Prophezeiung
unseres Werdens verschlüsselt liegt.

Unter der Schrift erscheint das Bild des dornengekrönten Christus,
den wir in der
verfremdenden Vielschichtigkeit der Farbenexplosion kaum erkennen
können. In seinem Gesicht verbergen sich, genauer, hausen die Formen
schöner Frauenkörper. Lust und Leid finden sich ineinander verflochten.
Die Lust erscheint durch die Leiden des Todes hindurch. Sie flackert auf,
sie schimmert, sie schillert in vielen ephemeren Farben. Wie ein
Kaleidoskop von der vergehenden Zeit gedreht, verändern sich die Formen
und Farben und gehen ineinander über, bis plötzlich die Umrisse einer
anderen Gestalt klar werden und Lust und Leid in ihrer Metamorphose
sichtbar werden. Bilder, die zu Leben geworden sind. Lebendige Bilder. Die
Lust schimmert durch das Leid und das Leid durch die Lust. In dieser
Vermählung von Lust
und Leid entsteht das Erhabene.

Heribert Heeres Christus am Kreuz ist nicht mehr der gequälte, von
den
Wunden der Folter gezeichnete Körper Jesus’, er ist eine umrissartige, von
Licht durchflutete Öffnung, durch die wir die Welt erblicken können. Er
erscheint noch leuchtender durch die Nacht des Hintergrunds. Er stirbt und
sein Körper verwandelt sich in Licht, um das wir durch ihn Sehende werden
und... Liebende. Der Tod verwandelt sich in die Helligkeit der Liebe.

Die sonst trauernd, vom Schmerz gezeichnet dargestellte Madonna, sieht auf
Heeres Pieta-Bild wie der Tod aus.
Der verwundete, menschliche Leichnam Jesu hat hier sein Gesicht verloren.
Sein
kreideweißer Körper ist im Begriff zu zerbröckeln, und er erscheint wie
eine Beute in
den Krallen des Todes.
Die Liebe zu ihrem toten Sohn lässt sie
nicht nur leiden, sondern sterben. Liebe und Tod sind im Gesicht der
Mutter Maria eins geworden. Die Liebe hat sich in den Tod verwandelt.
Heere verfremdet das uns so vertraute Bild von Maria, die ihren
toten Sohn in den
Armen hält, sosehr, dass er uns schockiert und wir sehnen uns danach, das
vertraute
Symbol wieder herzustellen.
Heeres Bilder zeigen, wie die wesenhafte Liebe den Tod nicht nur bloß
zulässt, sondern zum Tod wird. Jesus ist aus Liebe zu den Menschen
gestorben und
Maria ist aus Liebe zu ihrem Sohn gestorben. Doch der Tod bedeutet nicht
das Ende. Er ist der Anfang eines ewigen Lebens.

In der Reihe der
Computergrafiken mit dem Titel „Schädel“
collagiert Heere nicht
verschiedene Bilder miteinander, sondern farbiges Licht mit Formen. Der
Tod, der das Verfremdende an sich ist – die Quelle alles
Fremdartigen – wird hier
seinerseits verfremdet und zurückverfremdet ins Vertraute.
Es handelt sich um so
etwas wie die Aufhebung der Fremdheit durch die Doppelung
der Verfremdung (der
wohnliche Tod).
Die Liebe hilft uns sterben und ewig sein zugleich. Die Liebe überfordert
und überschreitet uns, sagt Heribert Heere. Sie überfordert uns, denn in
der
schicksalhaften Verbundenheit, die durch die Liebe entsteht, müssen wir
durch den Tod gehen. Und sie überschreitet uns, weil sie uns überdauert
und weil sie als einzige Zeugin über unsere Existenz zu erzählen vermag,
wenn wir nicht mehr sind. In der Hingabe der Liebe sterben wir, zugleich
gelangen wir durch sie in die Ewigkeit.
© Alexandrina Slavescu 2003 |